Mittwoch, 31. März 2010

Bürgermeister

Dienstag, 30. März 2010

Mitwisser und Komplize - IN VINO VERITAS

Der Komplize wird mitschuldig und ist etwas ganz anderes als der Mitwisser.

Der ideale Mitwisser ist unparteiisch. Man vertraut sich ihm an, denn er hat für alle Verständnis und er versteht auch alle. Sie sind alle wie offene Bücher für ihn. Manchmal löst er ihnen die Zunge mit einem Stück Schokolade, wie es meine Mutter manchmal mit einem verschmitzten Lächeln tat, oder er hilft durch etwas Verstellung nach, gemäß Shakespeares Wort von Polonius in Hamlet, der einen Kundschafter nach Frankreich schickte, um  etwas über den Sohn zu erfahren: "Your bait of falsehood take this carp of truth". Denn in den Köpfen der Menschen herrscht meist Unordnung, und es ist nicht überall hell. Die besten Dinge werden wie die schlechtesten schamhaft versteckt, weil man befürchtet, über die guten könne jemand lachen und die schlechten könne jemand nicht verzeihen. Der ideale Mitwisser ist also wie eine gute Mutter oder wie ein kluger Priester, Schamane, Rabbiner, Psychotherapeut usw. Die semantische Unterscheidung zwischen Mitwisser und Komplize gibt es nicht in allen Sprachen, denn infolge des 2. thermodynamischen Gesetzes sind Mitwisser meistens Komplizen. 

Montag, 29. März 2010

Luther und Galilei - Geschichtsaporien oder Puzzle?

Die Geschichts"wissenschaft" ist ein Tier-, Pflanzen-, Königs- und Himmelreich, das Reich der Revisionisten. Man kann zwar nicht alles und das Gegenteil von allem behaupten, aber etwas Willkür ist immer dabei, mal mehr, mal weniger, und der Interpretation sind im Prinzip nur die Grenzen gesetzt, die die Kultur des Moments vorgibt und hoch genug sind, um nicht von einem genialen Geist überflügelt zu werden. Es sind immer politische Rahmenbedingungen zu beachten. Man sagt, die Gewinner schrieben die Geschichte. Carl Schmitt sagte trotzig provozierend: "Am Ende schreiben die Verlierer die Geschichte.", womit er prophezeien wollte, dass der Nürnberger Prozess einst zum Bumerang würde und zugleich ironisch, nolens, sarkastisch vor den Juden salutierte, die dieser Mann bewunderte und hasste. So weit können die Meinungen auseinandergehen.

"Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
sind uns ein Buch mit 7 Siegeln.
Was Ihr den Geist der Zeiten heißt,
das ist im Grund der Herren eigner Geist,
in dem die Zeiten sich bespiegeln."

(so belehrt Faust den intellektuellen Wagner; übrigens lohnt es sich, jedes Jahr zu Ostern den Faust zu lesen! wenn man wenig Zeit hat wenigstens bis Vers 1177!)

Das Mittelalter war nicht so finster wie oft angenommen. Aristoteles war in Vergessenheit geraten, und kam erst durch die Araber wieder nach Spanien, wo er von den Juden übersetzt wurde, um dann von der Christenheit - das Mittelalter ist eigentich die Ära des Christentums; architektonisch, storyarchitektonisch und metaphorisch - wiederentdeckt zu werden, als sie begann mit der heidnisch-philosophischen Antike zu verschmelzen. Aber wie gesagt, hat die Kirche nie die Vorstellung einer platten Erde vertreten, obwohl die Bibel ausgerechnet mit der Beschreibung einer platten Erde beginnt, über die das Firmament wie eine Käseglocke errichtet sein soll, die das obere Wasser (den Regen) vom unteren trennt.

Besonders für die germanischen Völker bedeutete das Mittelalter eine zivilisatorische Bereicherung und Aufhellung. Während in Italien über weite Landstriche das einstige Kulturland verwaldete und verwilderte, wurde in Nordeuropa gerodet, lesen und schreiben gelernt (sogar die Runen, die schon vor dem Mittelalter existierten, gehen aufs etruskische Alphabeth zurück) und endlich angefangen auch Geschichte ein bisschen aufzuschreiben. Merkwürdig, dass gerade die Deutschen so eine geringe Meinung vom Mittelalter haben. Das Mittelalter begann mit der Zwangstaufe der Franken und endete mit der Krone, die Dante Alighieri ihm aufsetzte. Es war auch das Zeitalter, in dem Italien seine Vorherrschaft verlor und Deutschland Bedeutung erlangte und schließlich den Kaiser stellte im "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation".

Mit anderen Worten: Herrmann der Cherusker, der eine Offizierslaufbahn bei den Römern hinter sich gebracht hatte (so ähnlich wie Bin Ladens Brüder in England studierten) und Chlodwig, der seinen Franken den Kopf abschlagen ließ, wenn sie sich nicht taufen lassen wollten, wussten höchstwahrscheinlich genauso wie Karl der Große, dass die Erde eine Kugel ist, genauso wie Cicero und Augustus oder später Dante, ohne dass dies von Columbus erst noch hätte bewiesen werden müssen.

Gut, es gab immer wieder mal ein paar Vögel, die nicht glauben konnten, dass die Erde nicht platt sei. Zum Beispiel gibt uns Tacitus im 45. Abschnitt seiner "Germania" eine Beschreibung des Nordmeeres, die ihn zu dem Schluss kommen lässt, die Natur reiche tatsächlich nur bis dorthin:

(45,1) Trans Suionas aliud mare, pigrum ac prope immotum, quo cingi claudique terrarum orbem hinc fides, quod extremus cadentis iam solis fulgor in ortus edurat adeo clarus, ut sidera hebetet; sonum insuper emergentis audiri formasque equorum et radios capitis aspici persuasio adicit. (45,2) illuc usque et fama vera tantum natura.

Aber all diesen hochgebildeten Leuten war bekannt, was Cicero in einer Schrift beschrieb, die - im Gegegensatz zum verschollenen Werk des Aristoteles, das erst durch die Araber wieder nach Spanien kam - problemlos bis in unsere Zeit gerettet wurde: eine Beschreibung der Erde, wie man sie in Space Night im Bayrischen Fernsehen betrachten kann. Siehe Abschnitt 21 in Liber VI von Ciceros De re publica.

"Du siehst ferner, dass dieselbe Erde gewissermaßen von Gürteln ‑ Zonen nennt man sie ‑ umwunden und rings umgeben ist. Zwei von ihnen sind besonders weit von einander getrennt, sie lehnen sich auf beiden Seiten an die Pole des Himmels an und sind er­sichtlich von Frost erstarrt, der in der Mitte aber, der größte, wird von der Glut der Sonne gänzlich ausgedörrt. Nur zwei sind bewohnbar: jener südliche dort, dessen Bewohner eure Antipoden sind, steht mit euch in keinerlei Verbindung, dieser hier aber, der nördliche, den ihr bewohnt, sieh nur einmal her, ein wie schmaler Streifen von ihm wirklich euer ist. Das ganze Land nämlich, das von euch bewohnt wird, eingeengt nach den Polen zu, breiter nach den Seiten hin, ist gleichsam nur ein kleines Eiland, rings um­strömt von jenem Meer, das ihr das Atlantische, das Große oder auch einfach Ozean nennt, so groß sein Name, so klein sein Trä­ger, wie du siehst."

Sogar eine Mystikerin mit Visionen wie Hildegard von Bingen wusste Bescheid. Sie machte sogar eine Zeichnung, wohl von Ciceros Beschreibung ausgehend, auf der man die Erde aus der Sicht eines ETs sieht, bzw. wie bei Night Space, bzw. aus der Sicht eines Engels, bzw. aus der Sicht Gottes. 

Schön, dass die Legende, Columbus habe nichts von der Riesengroßen Insel Amerika geahnt, angefangen hat zu bröckeln. Verwunderlich bleibt für mich, wie sehr der begnadete Navigator Columbus sich bei seinen Distanzberechnungen geirrt hat. Kannte er Aristarchs exakte Berechnung des Erdumfangs nicht???
Dass Columbus auf die Idee kam, über die Westroute nach Asien zu fahren, ist auch eine Legende. Er hat sie nur wiederaufgegriffen; sie geht angeblich auf Aristoteles zurück und wurde im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder mal in Betracht gezogen. Und Aristoteles Werk war ja gerade in Spanien besonders bekannt, weil die Araber Aristoteles nach Spanien gebracht hatten und er dort von der jüdischen Übersetzerschule ins Latein übersetzt wurde. Vielleicht war sogar Columbus selbst Jude!! Der Detektiv Simon Wiesenthal, der die vielen NS-Verbrecher aufgespürt hat, hat ein interessantes Buch über Columbus geschrieben, in dem er diese These vertritt.

Sails of Hope; The Secret Mission of Christopher Columbus

Plan der Atlantikfahrt

Nicht einmal Luther behauptete, die Erde sei flach, obwohl er die Schrift so gern zum Vorwand nahm. Nach meiner Konfirmation war ich so stur wie Luther und sprach beim Glaubensbekenntnis nie die Worte "niedergefahren zur Hölle" mit, weil mir kein Mensch sagen konnte, wo das geschrieben stand und sich alle Pastoren zu gut dazu waren, zuzugeben, dass es sich hier um einen Rest "katholischer" Überlieferung handele, auf den auch Luther nicht verzichten wollte. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie ich jubelte, als ich die Göttliche Kommödie las und Dante plötzlich Vergil fragt, ob Jesus tatsächlich "zur Hölle niedergefahren" sei!

Ich frage mich, ob  beim Theologiestudium eine Liste dessen gelehrt wird, was Luther von der Tradition übernahm, weil in der Bibel nichts darüber steht, oder obwohl in der Bibel sogar etwas anderes steht. Wenigstens die Katholiken müssten - trotz Ökumene, oder gerade deswegen - sich doch dafür interessieren.

Luther war auch - bzw. vor allem - ein Stück ergriffener mittelalterlicher Frömmigkeit, die sich gegen das moderne Italien des Papstes wandte, wo gerade die heidnische Antike - vor allem am Hof der Familie Medici, und Leo X war ein Sohn von Lorenzo dem Prächtigen! - mit dem christlichen Mittelalter verschmolz und dabei das Hybrid entstand, das wir mit Neuzeit oder Renaissance bezeichnen, und wo der Papst als herausragender Vertreter dieser neuen rationalistischen und unsentimentalen Kulturkonzeption durch machiavellistische Eroberungsfeldzüge und Ablassindustrie herrliche Bauwerke finanzierte, die wir noch heute bewundern. Ich habe persönlich sogar noch Nachfahren des Sekretärs von Leo X kennengelernt in Florenz. Denn Italien ist eine Feudaldemokratie und unter den G8 Ländern das einzige mit einem Familienkapitalismus.


In Dürer und Riemenschneider sieht man sehr schön das fromme Mittelalterliche, dass mit dem Auge der Renaissance beleuchtet wird.

 Aber es hat alles seine zwei Seiten. Außer dem Barock der Gegenreformation haben wir in Deutschland nicht viel, was sich sehen lassen kann, so schön die Wartburg auch sein mag. Grammatik und Wüstenweisheit ist die Stärke der Deutschen; und Werkmaschinen (und einst mal Musik): Mechanik und Innerlichkeit. Inzwischen ist vielleicht ein bisschen Slow Food dazugekommen.

Erasmus saß damals zwischen den Stühlen, weil er meinte durch Mäßigung wäre eine innerkirchliche Reform durch Einigung möglich gewesen und wurde durch seinen Versuch, super partes zu bleiben, am Ende von beiden Seiten gehässig angegriffen und des Verrats bezichtigt.

Auch Galileis Fall war keinesfalls so eindeutig wie er heute meist kolportiert wird.

Religion und Heliozentrismus

Galileo und die Kirche

Tyho Brahe hatte kurz zuvor ein pfiffiges Kompromissmodell vorgeschlagen! Die Erde im Mittelpunkt, aber alle anderen Planeten als um die Sonne kreisend...

Ganz so neu, wie es durch Einsteins Entdeckungen scheint, war die Relativierung von Standpunkt und Blickwinkel nämlich nicht! Tyho Brahes Idee war genial, finde ich.

Hätte Galilei sie ebenfalls vertreten und sein eigenes Modell als zusätzliche Hypothese angeboten, hätte die Kirche bestimmt angebissen!! Und dann hätte Kardinal Robert Bellarmin die undankbare Aufgabe gehabt, ständig die Eleganz von Galileis einfachen, schlüssigen Berechnungen preisen zu müssen (und als Einwand hätte man ihm Bequemlichkeit vorwerfen können). So muss man es machen! Wie eine Schlupfwespe, die ihre Eier in Raupen hineinlegt, die dann von Innen gefressen werden.

Kunstwerk der Kon-Fusion

Ich habe erst sehr spät die katholische Fähigkeit "konvergierende Parallelen" zu denken begriffen, wobei das Faktische mit der Ebene des Mythischen in einem Raum gezielter kognitiver Schizophrenie, in Entsprechung gesetzt wird, Doppelbödigkeit sich nicht statisch als Bigotterie äußert, sondern dynamisch als vorsichtiger Toleranzspielraum menschlicher Zwiespältigkeit wirksam wird und die Ebene des Mythos und des Mystischen zum auffangenden Sicherheitsnetz werden kann. Wer diesen Sachverhalt nicht begreift, wird Italien niemals begreifen und immer vergebens darauf warten, dass in diesem Land Wort und Fakt zur Deckung kommen.


In Südamerika ist eine enorme Zunahme des Protestantismus zu beobachten, die mich überrascht. In den südlichen Ländern Europas wird der Protestantismus nach wie vor gemeinhin als hart und ungnädig empfunden, weil man nicht begreift, dass in den protestantischen Gebieten Nordeuropas die verzeihenden, mütterlichen Funktionen der Madonna Gott selbst, dem annehmenden, verzeihenden, zärtlich fürsorglichen, väterlichen Luthergott zugeschrieben werden und die Menschen, die an diesen alleinerziehenden, allesersetzenden Vatergott glauben, ihr Dasein nicht als Halbwaisendasein empfinden .

Zu dem, was in Wikipedia zu finden ist, möchte ich hinzufügen, was ich in den 80-er Jahren einmal in der Zeitschrift "Espresso" gelesen habe. Leider weiß ich nicht mehr den Namen des schlauen französichen Historikers, der in seinem Artikel eine spekulative "italienische" Deutung der Sachlage vorschlug: Galilei sei eigentlich sogar mit dem Papst befreundet gewesen, was eine Verurteilung ziemlich unwahrscheinlich machte. Er habe aber - aus Übermut auf Grund dieser Freundschaft - großspurig die Transsubstantiationslehre verleugnet, was damals sehr viel ungeheuerlicher gewesen sei als sein Beharren auf dem Heliozentrismus, weil es eine konsensgefährdende Bedrohung über eine Kernaussage des Glaubens darstellte, deren Infragestellung eine enorme Schwächung bedeutet hätte und daher nicht gebilligt werden durfte. Giordano Bruno war ein paar Jahrzehnte zuvor unter anderem deshalb auf dem Scheiterhaufen geendet, weil er diese Lehre auch nicht anerkennen wollte. Die Anfechtung der Transsubstantiationslehre von Seiten eines Freundes des Papstes war so ungeheuerlich, dass man sie nicht an die große Glocke hängen wollte, andererseits jedoch ein Zeichen setzen musste, um innerkirchlich vor der Inquisition nicht als Galileis Kaschperle dazustehen. Papst Urban VIII sah Galileis Entdeckungen als irrelevant an und glaubte, dass die vielfältigen Erscheinungen der Natur sich dem beschränkten menschlichen Verstand ohnehin entzogen. Da gab es keinen Grund, menschliche Anmaßung zu ermutigen, bloß weil ein kluger Kopf mit einem Fernrohr ein paar Detailles geklärt hatte. Aber das Urteil der Inquisition unterzeichnete er nie, und außer Hausarrest musste Galilei nichts erleiden!

Bei aller Freundschaft, sei Galileis Hartnäckigkeit des Guten zuviel gewesen, man habe ihn deshalb für irgendetwas verurteilen müssen, um im damaligen Mächteverhältnis glaubwürdig zu bleiben, Galilei in die Schranken zu weisen, seine Haltung zur Transsubstantiation nicht an die große Glocke hängen zu müssen, um Legitimitätskrisen vermeiden zu können usw. Und die harmlose Planetenstory eignete sich dazu, von der anderen abzulenken. Mit anderen Worten: so ähnlich wie Kesselring von den Alliierten, denen "Smiling Albert" sympathisch war, verurteilt wurde, und dann doch freigelassen wurde, wurde auch mit Galileo verfahren.

Ich liebe solche Spekulationen eigentlich nicht besonders, vor allem wenn sie sich um einen Einzelfall ranken. Sie werden aber interessant, wenn man Parallelen in anderen Kontexten mit ihnen vergleicht, weil sie uns dann etwas allgemein Gültiges über menschliche Orienntierungsversuche und das skeptische, behutsame Bewahren bisher gültiger Überzeugungen lehren können. Zum Beispiel Semmelweis! Semmelweis erging es viel schlimmer als Galilei, obwohl seine Geschichte sich im 19. Jahrhundert ereignete und im Umfeld wissenschaftlicher Gutachten. Auch Semmelweis hatte recht, wie ein Kutscher, der mit der Peitsche knallt. Er war ein jüdischer Arzt, dem ausgerechnet Fernand Celine ein Denkmal gesetzt hat durch die medizinische Doktorarbeit, die er über ihn schrieb. Die Autorität, an der Semmelweis scheiterte, war nicht die katholische Kirche, sondern es waren die medizinischen Koryphäen seiner Zeit! Auch der große Virchow war darunter. Semmelweis wären die Unannehmlichkeiten, die er erleiden musste, vielleicht erspart geblieben, wäre er nicht so unbeherrscht gewesen, ist Celines Fazit. Und Thomas Schirrmachers Urteil über Galilei lautet ähnlich, obwohl Schirrmacher Protestant ist.

Übrigens ist Celines Buch über Semmelweis eins der schönsten, die ich kenne.

                            Semmelweis

Mein Religionslehrer sagte einmal, im Gegensatz zu Galilei hatte Jesus nicht die Möglichkeit zu widerrufen. Ich widersprach ihm damals, weil ich dachte, die Wahrheit komme am Ende immer von alleine ans Licht, und das Allgemeinmenschliche komme immer auf jeden Fall zum Vorschein und setze sich früher oder später als Wahrheit durch.

Aber auch die Lüge kommt eben immer wieder von alleine raus, und es gibt kein Allgemeinmenschliches, das gegen Lügen immun ist und sich als Absolutum durchsetzt wie ein schwerer Hintern auf einem brüchigen Sessel. Mein Lehrer hatte damals recht. Nur dadurch, dass er nicht widerrief, wurde Christus zu Christus, und seine Worte entfalteten domestizierende Wirkung durch die Inokulation einer fixen Idee.

Schönborn zur Rede von Benedikt XVI

Israels Lobby

Sonntag, 28. März 2010

Indien




Samstag, 27. März 2010

Lügen haben manchmal lange Beine - Somnium Scipionis

Dass die Erde im Mittelalter für eine Scheibe gehalten wurde, ist eine der beständigsten Falschmeldungen. Hartnäckig wird an ihr festgehalten und es ist etwas mehr als ein Irrtum. Denn im Brustton der Überzeugung wird diese Falschmeldung aus freien Stücken wie eine Selbstverständlichkeit weitererzählt, womöglich um zu illustrieren, wie dumm die Boshaftigkeit der katholischen Kirche schon immer war. Sozusagen eine Verschwörungstheorie mit zwei Ebenen: es wird nicht nur eine falsche Begründung für eine Tatsache hinzuassoziiert, es wird erst mal die "Tatsache" herbeihalluziniert.

Dass Galileo seine Behauptung, die Erde drehe sich um sich selbst und laufe dabei um die Sonne, widerrufen musste, stimmt allerdings. Auch nicht einfach ein Irrtum, sondern eine Lüge mit ziemlich langen Beinen, und diesmal ist es wirklich die katholische Kirche, die als herrschende Kultur darauf bestand.

Aber Vorsicht. In Wirklichkeit dauerte es selbst bei den Astronomen 100 Jahre bis sich das heliozentrische Weltbild gegenüber dem geozentrischen durchsetzte, weil bestimmte auf dem geozentrischen fußende Berechnungen exaktere Ergebnisse lieferten als die entsprechenden dem heliozentrischen gemäßen (denn man hatte vor Kepler statt elipsenförmigen Bahnen bei den Berechnungen kreisförmige zugrunde gelegt).

Daran, dass die Erde eine Kugel ist, hat die Kirche jedoch nie ernsthaft gezweifelt, zumindest scherte es sie nicht, was von Experten darüber gelehrt wurde, obwohl schon zu Aristarchs Zeit der Heliozentrismus als "antireligiös" bezeichnet wurde. Es gibt zwar einiges an Erkenntnissen der Antike, was während des Mittelalters vergessen wurde - vor allem die wissenschaftliche Methode der ständigen Überprüfung und Infragestellung auch der eigenen Denkschule, Methode, die auf Thales zurückgeht, erst Galileo wieder einführte und für das Abendland typisch ist - aber die Kugelgestalt der Erde wurde nie vergessen, obwohl uns manchmal jemand erklärt, die herrschende Kultur habe verhindert, dass Küstenbewohner aus dem allmähligen Auftauchen von Mastspitze, Mast, Aufbauten und Schiffskörper die richtigen Schlüsse zogen.

Der erste, der die Kugelgestalt erkannt und gelehrt hat, war Aristarch von Samos im 3. Jahrhundert v.Chr. Fast gleichzeitig berechnete Eratosthenes den Erdumfang mit äußerster Genauigkeit! Aber mindestens 200 Jahre vorher gingen schon die Pythagoräer davon aus, die Erde sei eine Kugel und dachten sich ein Sphärenmodell aus.

Globus

Reichsapfel

Spätestens seit etwa 200 vor Christus - also  kurz nach dem 2. Punischen Krieg, um einen Anhaltspunkt auf der Zeitskala zu nennen - gab es keine gebildete Familie (zumindest im Mittelmeerraum) mehr, die nicht wusste, dass die Erde eine Kugel ist. Ironischer Weise ging Aristarch sogar davon aus, dass die Erde um die Sonne kreise und nicht umgekehrt, wie Ptolemäus erst Jahrhunderte später behauptete und als Weltanschauung durchsetzte, die eineinhalb Jahrtausende galt (bei allem Respekt für die Leistungen unserer Wissenschaft sollte uns diese Tatsache eine Lehre darüber sein, wie leicht sich optische Täuschungen durch Fokalisierung der Aufmerksamkeit durchsetzen können - auch im Hinblick auf Leute wie Kary Mullis).

Es gibt von Cicero eine Beschreibung einer Raumfahrt. Wirklich! Es handelt sich um den abschließenden Teil seiner Abhandlung "De re publica", dort wird ein Traum von Scipio Africanus dem Jüngeren beschrieben. Die Beschreibung ist geozentrisch (ich weiß nicht weshalb), aber sie erinnert an Bilder von Space Night. Im Ernst! Sogar die Polkappen und der Hitzegürtel, der sie trennt, wird beschrieben. Das Vorspiel im Himmel im Faust knüpft direkt daran an mit seinem pythagoreischen Drönen, das auch Cicero beschreibt. Auch Dante knüpfte vorher schon an Ciceros Bilder an. Und Dante malt noch ein mittelalterliches Bild.

Auch Michael Kunzes gestrige Eintragung steht in einer Reihe mit diesen Vorgeschichten. Es handelt sich aber nicht um ein Anknüpfen an die Worte von Scipio Africanus dem Älteren, auch wenn es so aussehen könnte, sondern es kommt etwas allgemein Menschliches zum Ausdruck, dem die einstige Bildhaftigkeit sozusagen durch die Night Space Bilder unserer Zeit wie durch einen Lichtfilter weggefiltert wurden. Das Existentielle Wirken tritt hierdurch nicht als Form hervor, sondern nur noch als Formel. Das ist der Stil einer Epoche, der es noch nicht wieder gelingt, allegorisch zu denken und darzustellen. So halb und halb: immerhin enthält das von Michael Kunze angebotene Zitat assoziative Entsprechungen zwischen Bild und Sternenbild, ohne sich dabei der Astrologie zu überantworten. Aber wo ist die Unbefangenheit, mit der Goethe über Widersprüche hinwegging und vom ptolemäischen Weltbild einer ruhenden Erde ins Keplersche hineinspringt: "Und schnell und unbegreiflich schnelle, dreht sich umher der Erde Pracht.", so ganz ohne Anthropozentrismus und unangemessenen Ahnenkult?

http://storyarchitekt.blogspot.com/2010/03/lebende-tote.html

Auch Kant sagte etwas zu diesem Allgemeinmenschlichen, und zum Pendeln zwischen Ferne und Nähe, zwischen Himmel und Theater des Lebens.
"Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt oder im Überschwänglichen außer meinem Gesichtskreis suchen und bloß vermuten. Ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein meiner Existenz."

Oedipus Rex


PROLOGUE

NARRATEUR
Vous allez entendre une version latine
d'Oedipe-Roi. Afin de vous épargner
tout effort d'oreille et de mémoire et
comme lópéra-oratorio ne conserve des
scènes qu'un certain aspect monumental,
je vous rappellerai, au fur et à mesure,
le drame de Sophocle. Sans le savoir,
Oedipe est aux prises avec les forces
qui nous surveillent de l'autre côté de
la mort. Elles lui tendent, depuis sa
naissance, un piège que vous allez
voir se fermer là. Voici le drame:
Thèbes se démoralise. Après le Sphinx,
la peste. Le choeur supplie Oedipe
de sauver sa ville. Oedipe a vaincu
le Sphinx; il promet.


CHOEUR
Caedit nos pestis,
Theba peste moritur.
E peste serva nos, serva,
E peste qua Theba moritur.
Oedipus, Oedipus, adest pestis,
Caedit nos pestis.
Oedipus, e peste serva nos,
Serva, Oedipus,
E peste libera urbem, Oedipus,
E peste qua Theba moritur,
Urbem serva morientem,
Serva, urbem, serva...

OEDIPE
Liberi, vos liberabo,
Liberabo vos, Vos, vos a peste.
Ego, clarissimus Oedipus,
Eg'Oedipus vos diligo.
Eg'Oedipus vos servabo.

CHOEUR
Serva, nos adhuc, serva urbem,
Oedipus, serva nos adhuc, Oedipus,
clarissime Oedipus,
Quid faciendum Oedipus,
Ut liberemur?

OEDIPE
Uxoris frater mittitur,
Oraculum consulit,
Deo mittitur Creo
Oraculum consulit,
Quid faciendum consulit.
Creo ne commoretur.

(Créon arrive)
CHOEUR
Vale, Creo! Audimus.
Vale, Creo! Cito, cito!
Audituri te salutant

NARRATEUR
Voici, Créon, beau-frère d'Oedipe.
Il revient de consulter l'oracle.
L'oracle exige qu'on punisse le
meurtre de Laius. L'assassin se
cache dans Thèbes, il faut le
découvrir coûte que coûte. Oedipe
se vante de son adresse à deviner
les énigmes. Il découvrira et chassera
l'assassin.

CRÉON
Respondit deus:
"Laium ulcisci, scelus ulcisci;
Reperire peremptorem.
Thebis peremptor latet.
Latet peremptor regis,
Reperire opus istum.
Luere Thebas a labe.
Caedem regis ulcisci,
Regis Laii perempti.
Thebis peremptor latet.
Opus istum reperire,
Quem depelli deus jubet.
Jubet deus peremptorem depelli,
Peste inficit Thebas."
Apollo dixit deus.

OEDIPE
Non reperias vetus scelus.
Thebas, Thebas eruam.
Thebis incolit scelestus.

CHOEUR
Deus dixit, tibi dixit.

OEDIPE
Tibi dixit. Mihi debet se dedere.
Opus vos istum deferre.
Thebas eruam.
Thebis pellere istum,
Vetus scelus non reperias.

CHOEUR
Thebis scelestus incolit.

OEDIPE
Deus dixit, dixit, dixit...
Sphyngae solvi carmen, ego divinabo.
Iterum divinabo, clarissimus Oedipus.
Thebas iterum servabo,
Ego, eg'Oedipus carmen divinabo.
Polliceor divinabo.
CHOEUR
Solve, solve, solve!
Solve, Oedipus, solve!

OEDIPE
Clarissimus Oedipus,
Polliceor divinabo.
NARRATEUR
Oedipe interroge la fontaine de vérité:
Tirésias, le devin. Tirésias évite de
répondre. Il n'ignore plus qu'Oedipe
est joué par les dieux sans coeur.. Ce
silence irrite Oedipe. Il accuse Créon
de vouloir le trône et Tirésias d'être
son complice. Révolté par cette attitude
injuste, Tirésias se décide. La fontaine
parle. Voici l'oracle. L'assassin du roi
est un roi.

CHOEUR
Delie, expectamus,
Minerva, filia Iovis,
Diana in trono insidens,
Et tu, Phaebe insignis iaculator,
Succurite nobis!
Ut praeceps ales ruit malum
et premitur funere funus
et corpuribus corpora inhumata.
Expelle, expelle everte in mare
atrocem istum Martem
Qui nos urit inermis dementer ululans.
Et tu, Bacches,
cum taeda advola nobis
urens infamen inter deos deum.
(Tirésias arrive)Salve, Tiresias, Homo clare, vates!
Dic nobis quod monet deus,
dic cito, sacrorum docte, dic, dic!
TIRÉSIAS
Dicere non possum, dicere non licet,
dicere nefastum,
Oedipus, non possum.
Dicere ne cogas!
Cave ne dicam.!
Clarissime Oedipus,
tacere fas.

OEDIPE
Taciturnitas t'accusat:
Tu peremptor, tu peremptor!

TIRÉSIAS
Miserande, dico,
quod me accusas, dico.
Dicam quod dixit deus;
nullum dictum celabo.
Inter vos peremptor est,
apud vos peremptor est,
Cum vobis est!
Regis est rex peremptor.
Rex cecidit Laium, rex cecidit regem.
Deus regem accusat;
peremptor, peremptor rex!
Opus Thebis pelli, Thebis pelli regem.
Rex scelestus urbem foedat,
Rex peremptor regis est.

OEDIPE
Invidia fortunam odit.
Creavistis me regem!
Servavit vos carminibus
et creavistis me regem.
Solvendum carmen cui erat?
Tibi, tibi, homo clare, vates;
a me solutum est
et creavistis me regem.
Invidia fortunatam odit.
Nunc vult quidam munus meum.
Creo vult munus regis.
Stipendiarius es, Tiresia!
Hoc facinus ego solvo!
Creo vult rex fieri.
Quis liberavit vos carminibus?
Amici, amici! eg'Oedipus clarus, ego.
Invidia fortunam odit.
Volunt regem perire,
vestrum regem perire,
clarum Oedipodem, vestrum regem.

(Jocaste arrive)CHOEUR
Gloria, gloria, gloria!
Laudibus, regina Iocasta
in pestilentibus Thebis.
Gloria, gloria, gloria!
In pestilentibus Thebis,
laudibus, regina nostra!
Gloria, gloria, gloria!
Laudibus Oedipus uxor.





NARRATEUR
La dispute des princes attire Jocaste.
Vous allez l'entendre les calmer, leur
faire honte de vociférer dans une ville
malade. Elle ne croit pas aux oracles.
Elle prouve que les oracles mentent.
Par exemple on avait prédit que Laius
mourrait par un fils d'elle; or Laius
a été assassiné par des voleurs au
carrefour des trois routes de Daulie
et de Delphes. Trivium! Carrefour!
Retenez bien ce mot. Il épouvante
Oedipe. Il se souvient qu'arrivant
de Corinthe, avant sa rencontre
avec le sphinx, il a tué un vieillard
au carrefour des trois routes. Si c'est
Laius, que devenir? Car il ne peut
retourner à Corinthe, l'oracle l'ayant
menacé de tuer son père et d'épouser
sa mère. Il a peur.

JOCASTE
Nonn' erubescite, reges,
clamare, ululare in aegra urbe
domesticis altercationibus?
Reges, nonn' erubescite?
Clamare, vestros domesticos clamores?
Nonn' erubescite altercationibus, reges,
coram omnibus clamare?
Ne probentur oracula.
quae semper mentiantur.
Cui rex, cui rex interficiendus est?
Nato meo.
Age, rex peremptus est.
Laius in trivio mortuus,
Ne probentur oracula,
quae semper mentiantur.

CHOEUR
Trivium. Trivium, trivium etc.

OEDIPE
Pavesco subito, Iocasta.
Pavesco, maxime pavesco.
Iocasta, Iocasta audi:
locuta es de trivio?
Ego senem cecidi.
Cum Corintho excederem,
cecidi in trivio,
cecidi, Iocasta, senem.

JOCASTE
Oracula mentiuntur,
semper oracula mentiuntur.
Oedipus, cave oracula quae mentiantur...
Oracula mentiantur...
Domum cito redeamus,
Cave oracula!

OEDIPE
Pavesco, maxime pavesco,
pavesco subito, Iocasta.
Pavor magnus, Iocasta, in me inest.
Subito pavesco, uxor Iocasta, pavesco...
...Iocasta!

JOCASTE
Oraculo mentiantur...
Oedipus, cave oracula.
Domum cito redeamus.

OEDIPE
Pavesco maxime,...
Iocasta!
Nam in trivio cecidi...

JOCASTE
Domum, domun...
Cito redeamus.
Cave oracula Oedipus.
Cave oracula
quae semper mentiantur.

OEDIPE
...senem cecidi.
Pavor magnus...
Volo consulere...

JOCASTE
Non est consulendum...

OEDIPE
... consulendum est, Iocasta.
Volo videre pastorem.
Sceleris superest spectator.
Iocasta, consulendum, volo consulere.

NARRATEUR
Le témoin du meurtre sort de l'ombre.
Un messager annonce à Oedipe la
mort de Polybe et lui révèle qu'il
n'était que son fils adoptif. Jocaste
comprend. Elle tente de tirer Oedipe
en arrière. Elle se sauve. Oedipe
la croit honteuse d'être une femme
de parvenu. Cet Oedipe, si fier de
deviner tout! Il est dans le piège.
Il est le seul à ne pas s'en apercevoir.
La vérité le frappe sur la tête. Il tombe.
Il tombe de haut.

CHOEUR
Adest omniscius pastor,
Omniscius pastor et nuntius horribilis.

MESSAGER
Mortuus est Polybus.
Senex mortuus Polybus.
Polybus non genitur...
...non genitor Oedipodis;
a me ceperat Polybus,
eg'attuleram regi.

CHOEUR
Mortuus est Polybus.
Mortuus senex Polybus.
Verus non fuerat pater Oedipodis.
Falsus pater per te!

MESSAGER
Falsus pater per me!
Reppereram in monte
puerum Oedipoda derelictum,
in monte parvulum Oedipoda,
foratum pedes, vulneratum pedes,
parvulum Oedipoda.
Reppereram in monte.
Attuleram pastori puerum Oedipoda.

CHOEUR
Resciturus sum monstrum,
monstrum resciscam.
Deo claro, Oedipus natus est.
Deo et nympha
montium in quibus repertus est.
Resciturus sum monstrum.

BERGER
Oportebat tacere,
nunquam loqui.
Sane repperit parvulum Oedipoda.
A patre, a matre in monte derelictum,
pedes laqueis foratum.
Utinam ne diceres;
hoc semper celandum inventum,
esse in monte derelictum parvulum.
Parvum Oedipoda.
Oportebat tacere nunquam loqui.

OEDIPE
Nonne monstrum rescituri,
quis Oedipus?
Genus Oedipodis sciam.
Pudet Iocastam, fugit,
pudet, pudet Oedipi exulis,
Pudet Oedipodis generis.
Sciam Oedipodis genus, genus meum.
Nonne monstrum rescituri,
Genus exulis mei.
Ego exul exsulto.

BERGER, MESSAGER
In monte reppertus est,
a matre derelictus,
in montibus repperimus.
Laio Iocastaque natus!

CHOEUR
Natus Laio et Iocasta!

BERGER, MESSAGER
Peremptor Laii parentis!

BERGER, MESSAGER, CHOEUR
Coniux Iocastae parentis!

BERGER, MESSAGER
Utinam ne diceres,
Oportebat tacere,
Nunquam dicere istud:

BERGER, MESSAGER, CHOEUR
A Iocasta derelictum in monte
reppertus est.
(Berger et Messager sortent)
OEDIPE
Natus sum quo nefastum est,
concubui qui nefastum est,
cecidi quem nefastum est.
Lux facta est!
NARRATEUR
Et maintenant, vous allez entendre le
monologue illustre "La tête divine de
Jocaste est morte", monologue où le
messager raconte la fin de Jocaste.
Il peut à peine ouvrir la bouche. Le
choeur emprunte son rôle et l'aide à
dire comment la reine s'est pendue et
comment Oedipe c'est crevé les yeux
avec son agrafe d'or.
Ensuite c'est l'épilogue.
Le roi est pris. Il veut se montrer
à tous, montrer la bête immonde,
l'inceste, le parricide, le fou. On
le chasse avec une extrême douceur.
Adieu, adieu, pauvre Oedipe! Adieu
Oedipe; on t'aimait.

MESSAGER
Divum Iocastae caput mortuum!

CHOEUR
Mulier in vestibulo comas lacerare.
Claustris occludere fores, exclamare.
Et Oedipus irrumpere et pulsare,
pulsare, ululare.

MESSAGER
Divum Iocastae caput mortuum!

CHOEUR
Et ubi evellit claustra.
Suspensam mulierem
omnes conspexerunt.
Et Oedipus praeceps ruens
illam exsolvebat, illam collacabat
et aurea fibula et avulsa fibula.
Oculos effodire. Ater sanguis rigare.

MESSAGER
Divum Iocastae caput mortuum!

CHOEUR
Sanguis ater rigabat, prosiliebat;
et Oedipus exclamare et sese detestare,
Omnibus se ostendere.
Aspicite fores, fores aspicite pandere,
aspicite spectaculum
omnium atrocissimum.

MESSAGER
Divum Iocastae caput mortuum!

CHOEUR
Ecce! Regem Oedipoda,
foedissimum monstrum monstrat.
Foedissimam beluam.
Ellum, regem occaecatum!
Rex parricida, miser Oedipus.
Miser rex Oedipus carminum coniector.
Adest, adest! Ellum! Regum Oedipoda!
Vale, Oedipus! Te amabam, te miseror.
Miser Oedipus, oculos tuos deploro.
Vale, miser Oedipus noster.
Te amabam, Oedipus.
Tibi valedico.

Donnerstag, 25. März 2010

Unzertrennlich

Juden und Deutsche sind unzertrennlich wie Romulus und Remus.

Dr. Mengele hat sie zusammengenäht. Jetzt sind es Siamesische Zwillinge, weil sie nichts miteinander zu tun haben wollen..


"Im Hause des Henkers und im Hause des Gehängten spricht man nicht vom Strang."


Esau grollt.

Mittwoch, 24. März 2010

Esther und Purim

Auf den Titel klicken!

Quod licet - Sprichwörter, Zitate und Redensarten

Die interessantesten sind diejenigen, die sich gegenseitig widersprechen, denn sie beleuchten zwei Seiten derselben Situation oder zwei alternative Situationen, zwei immer wiederkehrende Erscheinungsformen eines mit dem menschlichen Leben untrennbar verbundenen Motivs und Bedingungshintergrundes. Am bekanntesten: Der frühe Vogel fängt den Wurm, aber erst die zweite Maus kriegt den Käse.

in cauda venenum - dulcis in fundo
Diese beiden Ausdrücke entsprechen unterschiedlichen Temperamenten. Es gibt Menschen, die, wenn sie Unannehmlickeiten meinen, ansprechen zu müssen, mit der Tür ins Haus fallen und erst zum Schluss wieder auf die angenehmen Dinge des Lebens zu sprechen kommen. Zu diesen Menschen gehöre zweifellos ich: dulcis in fundo. Auch Boccaccio hielt es so. Im Vorwort zum Dekameron schrieb er: " Dieser schreckensreiche Anfang soll euch nicht anders sein wie den Wanderern ein steiler und rauher Berg, jenseits dessen eine schöne und anmutige Ebene liegt, die ihnen um so wohlgefälliger scheint, je größer die Anstrengung des Hinauf- und Hinabgehens war." Es kann allerdings manchmal eine Weile dauern, bis die anmutige Ebene kommt.

Andere Menschen fangen ihre Jeremiaden mit süßen Worten an und schließen dann cum cauda venosa, zum Beispiel meine Schwester. Es ist, wie gesagt, eine Frage des Temperaments.

Interessant sind auch Sprichwörter, die sich ergänzen:
Qui tacet consentire videtur. Wer schweigt, scheint zu zustimmen, wobei das "scheint" nicht vergessen werden darf, denn Stille Wasser, die sind tief. Hunde die bellen, beißen nicht, oder weniger als die schweigsamen, die nicht zustimmen.

Schweigen ist bekanntlich Gold. Nicht immer!! Im Hause des Henkers und im Hause des Gehängten spricht man nicht über den Strang.

Silentium omnia bona continent, mala omnia loquacitas. Wer sich das wohl ausgedacht hat?


 Wir Deutschen heißen in den slawischen Sprachen so ähnlich wie die Stummen. Nemac ist z.B. im Serbischen der Deutsche und nemak der Stumme. Ich habe in Italien noch nie ein Sprichwort gehört, dass das Schweigen über das Reden stellt. Daran wirds wohl liegen, dass hier so viel geschwafelt wird. Es gibt aber auch ein italienisches Sprichwort, das unserem "Schweigen zur rechten Zeit übertrifft Beredsamkeit" in etwa entspricht: "Chi sa tacer all'occasione guadagna più che col parlare". Aber nur in etwa! Es reimt sich nicht, der Rhythmus fließt nicht mal richtig. Es hört sich holprig an, steht nur in den Sammlungen und man hört es nie. Und es passt zur Omertà und zum Duckmäusertum gegenüber der Mafia.

Plenus venter non studet libenter. Ein typisches Sprichwort aus dem Mittelalter. Merkwürdigerweise ist gereimtes Latein nie antikes Latein. Diesmal ist die Lage wirklich eindeutig. Man könnte nur dazu bemerken, dass man, wenn man erst mal Rentner oder Pensionär ist, einerseits mehr Zeit zum Studieren hat und andererseits manchmal auch anfängt, zuzunehmen

Interessant ist, dass es in allen Sprachen das Sprichwort "Gegensätze ziehen sich an" gibt. Es ist aber immer ein kalter, nüchterner Satz! Das entsprechende Sprichwort, das das Gegenteil behauptet, ist dagegen in allen Sprachen wohlklingend und reimt sich manchmal sogar: Birds of a feather flock together. Gleich und gleich gesellt sich gern. Chi si assomiglia, si piglia. Qui se ressemble, s'assemble. Similia similibus curentur, nein, Verzeihung, das gehört nicht hier her.

Ein besonders schönes Gegensatzpaar gibt es im Italienischen
Paese che vai usanza che trovi. Das haben wir im Deutschen auch: andere Länder, andere Sitten. Aber bei uns fehlt glaube ich das Sprichwort, das in der ganzen Welt dasselbe Dorf sieht und alle Unterschiede nur als Variationen ansieht: Tutto il mondo è paese. Oder kann es mir einer nennen?

Ein fauler Apfel kann einen ganzen Korb voll guter Äpfel verderben. Es gibt meines Wissens hierzu kein anonymes Sprichwort, dass durch ein Bild die Umkehrung dieses Verfallsprozesses darstellt. Aber es gibt ein Jesuswort, das interessanterweise auch einen mikrobiologischen Prozess zum Inhalt hat, sein Gleichnis vom Sauerteig, den er mit dem Himmelreich vergleicht. Merkwürdigerweise galt Sauerteig damals jedoch als Sinnbild des Bösen! War es kühne Ironie, die Jesus da zeigte? Ich weiß es nicht.


Quod licet Jovi, non licet bovi. 
Man könnte in diesem Wort nur die progressive Häufung von willkürlichen oder meritokratischen Privilegien sehen, die dann durch noblesse oblige ergänzt werden sollte, es ist aber vor allem der Schlüssel zur Doppelbödigkeit und erschließt auch das römische Verhältnis zu Ambiguität, Ambivalenz und Elastizität, denn es kennzeichnet vor allem die Haltung dessen, der zwar die Allgemeingültigkeit einer Regel befürwortet, für sich selbst und andere Auserwählte jedoch die Ausnahme von der Regel in Anspruch nehmen möchte. Die dieser mittelalterlichen Form zu Grunde liegende Sentenz wurde von Publius Terentius Afer überliefert: "Aliis si licet, tibi non licet". Man sollte bei diesem Sprichwort an den Gott Janus denken und daran, dass nicht immer eindeutig feststeht, wer Jupiter ist und wer der Ochse! Rom fängt mit einem von Ambiguität und Unwägbarkeit durchdrungenen Gründungsmythos an: sex vultures erscheinen zuerst! aber dann erscheinen duodecim! Ernst Jünger spricht in seinem Kriegstagebuch einmal mitfühlend den Schmerz gegenüber all dem an, wogegen man sich entscheidet, wenn man sich für etwas entscheidet und bemerkt dazu, dass gerade dann ein Gefühl der Identifikation angebracht ist, wie es die hinduistische Formel Ta twam asi ausdrückt. Das christliche Liebet eure Feinde ist auch ein Aspekt dieser Haltung, würde ich sagen. Im Moment der Entscheidung reduzieren sich die pluralen Alternativen meist zur Dualität, im Fall von Rom war das die Dichotomie Romolus oder Remus, die später als Urzelle der Gewaltenteilung wieder in den Kollegialconsuln auftauchte. Die Brutalität, die sich zwischen Romulus und Remus aufludt, entspricht der Uneindeutigkeit! Gerade das Fehlen von Eindeutigkeit führt zu Entladungen, die durch übermäßige Gewalttätigkeit erschrecken. Die Aufladung erfolgt, weil es sich nicht um einen Zusammenstoß zwischen Gut und Böse handelt, sondern sich zwei gleichermaßen gute Gestaltungsabsichten gegenüberstehen, die nicht miteinander vereinbar sind und einander auch nicht völlig verstehen können. Wer beide versteht und für keinen von beiden Partei ergreifen möchte und statt dessen lieber Distanz bewahrt, wird schnell von beiden angefeindet werden, denn dass beide in ihm einen Vermittler sehen ist unwahrscheinlich, weil beide davon überzeugt sind, dass es nichts zu vermitteln gibt. Die fatale unversöhnliche Feindschaft zwischen zwei Parteinungen, die beide das Gute wollen, scheint die Bibel zu übersehen. In der Baghavatgita - die wie die römische Mythologie indoeuropäischen Ursprungs ist - ist sie sogar eins der zentralen Themen. Ob in dieser Schrift wohl auch Zwillinge vorkommen?

Castor und Pollux genaßen große Verehrung und repräsentierten - wie sollte es anders sein - Sterblichkeit und Unsterblichkeit. Der Sage nach hatten die beiden Dioskuren (=Zeussöhne), ganz am Anfang dieser damals schon die Gewaltenteilung liebenden Republik den Römern bei ihrer Entscheidungsschlacht am Regillus lacus gegen die Latiner durch persönliches Eingreifen beigestanden. Das glaubte man damals, so wie wir heute immer noch glauben, das Jesus es gut mit uns meinte. Besonders interessant dabei ist, dass die Dioskuren (Schutzgötter der Reiterei und der Pferde) von den Latinern sehr verehrt wurden! Sie wurden sozusagen durch ein Versprechen des römischen Diktators (der in dieser Notlage ins Amt gekommen war) abgeworben! Exoratio hieß die Abwerbung feindlicher Götter. Der ihnen geweihte Tempel in Rom war die Einlösung eines Versprechens dieser Abwerbung wegen. Es sind noch drei Säulen davon übrig (aus der Zeit von Augustus, als er ein halbes Jahrtausend später einen Marmortempel daraus machte). Die außerordentliche Aufmerksamkeit, die das Zwillingswesen in Rom damals genaß, kommt auch durch das Wort "vopiscus" zum Ausdruck, mit dem der überlebende bezeichnet wurde, wenn einer der beiden Zwillinge bei der Geburt starb. Auf das Bild klicken!


Diese drei Säulen sind also Säulen eines Tempels, deren Gottheit ein Zwillingspaar war, dass sich mit Pferden befasste! Also mit einem Zweig der Zivilisation, der eine besondere Eigenheit der Indoeuropäer darstellt, die die Pferdezucht wahrscheinlich etwa 3000 Jahre bevor in Rom Ställe standen und Tempel gebaut wurden, im Gebiet der Ukraine entwickelten.

Links im Hintergrund ist ein Fragment eines runden Tempels zu sehen. Aedes Vestae, der Vestatempel, wo das heilige Herdfeuer brannte, das Aenaeas aus Troja mitgebracht hatte und das die hochangesehenen keuschen Vestalinnen nie ausgehen lassen durften. Dort im Vestatempel wurden auch wichtige Dokumente verwahrt, denn die Vestalinnen waren Vertrauenspersonen, die als Notarinnen tätig waren. Zum Beispiel Caesars Testament wurde dort aufbewahrt und er konnte dadurch nach seiner Ermordung sozusagen immer noch Befehle geben. Zumindest wenn ein genialer Erbe wie Augustus vorhanden war.

Die Vestalinnen wurden lebendig begraben, wenn sie nicht keusch blieben. Auch in dieser Hinsicht beginnt Roms Geschichte der Sage nach mit einem Frevel, denn die Mutter von R&R war eine Vestalin. Der Kriegsgott persönlich soll sie geschwängert haben.

Noch weiter hinten links ist der Titusbogen zu sehen, auf dessen einer innerer Wand der Sieg über die Juden dargestellt ist, bei dem der Tempel von Jerusalem zerstört wurde. Ein Pyrrhussieg. Vom damaligen Rom sind fast nur noch Ruinen vorhanden, und die Sprache wird nur noch auf einem einzigen der Hügel Roms fließend gesprochen und als offizielle Verkehrssprache benutzt, während in Jerusalem sogar im Kindergarten hebräisch lesen und schreiben gelernt wird.
Allerdings hatte die jüdische Ausdauer einen hohen Preis, denn es gibt auch heute noch 5 mal mehr Italiener als Juden.
Immerhin ist Rom eine der ältesten jüdischen Gemeinden. Man sagt, nur wer seit 7 Generationen in Rom lebt, ist ein authentischer Römer, und ein Drittel der Inhaber dieses Autochtonitätszertifikats soll jüdischer Herkunft sein. Und das Gebiet des ehemaligen Ghettos ist eins der schönsten in Rom. Bitte auf das Bild klicken.



CONTRARIA SVNT COMPLEMENTA!

Hier ist eine INTERNATIONALE SPRICHWORTSAMMLUNG

Und hier Sprichwörter in statu nascendi

Dienstag, 23. März 2010

Petra Berger

Montag, 22. März 2010

Les noces rouges

Victor Borge

http://en.wikipedia.org/wiki/Victor_Borge

Cultivar

Auch der Mensch ist vielleicht eine Naturhybride: Genetische Untersuchungen des Broad Institute, eines gemeinsamen Instituts des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Harvard University zur Hominisation aus dem Sommer 2006 ergaben deutliche Hinweise auf wiederholte Kreuzungen zwischen Mensch- und Schimpansen-Vorfahren über einen Zeitraum von etwa 4 Millionen Jahre hinweg (im Zeitraum vor etwa 10 - 6 Millionen Jahren).

Black Friars

Sonntag, 21. März 2010

Der Mann mit dem sanften Lächeln

Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand sein Kind mehr lieben könnte, als meine Eltern mich liebten, und die Liebe, die ich für sie empfand war genauso übermäßig. Mein Patenonkel war ein Wissenschaftler, der in der Erdölindustrie tätig war, der Patenonkel meines Bruders ein kameradschaftlicher Offizier ohne ekzessive Berührungsangst gegenüber dem Kreis des Widerstands und erinnert mich etwas an die Auswahlkriterien der Wehrmacht, die einen Offizier manchmal gerade deshalb fördernd im Auge behielt, weil er eine Prise Ungehorsam besaß. Meine Schwester erblickte das Licht der Welt, weil mein Vater auf dem Russlandfeldzug Lungenentzündung bekommen hatte, es die Sulfonamide schon gab und er sich als Rekonvaleszent 1942 für längere Zeit in Berlin aufhielt.
Wir nehmen uns alle drei gegenseitig nicht ganz für voll. Das Geschwisterpaar unter sich nicht, und die beiden mich unzeitgemäßes Einzelkind erst recht nicht, und ich die beiden schon gar nicht. Mein Bruder wurde 1939 geboren und meine Schwester 1943. Wir haben dieselben biologischen Eltern, und doch haben wir nicht dieselben Eltern. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, aber er fällt manchmal sehr weit vom Ross der Zeit, wenn es mit ständig wachsender Geschwindigkeit den Horizont entlanggaloppiert. Die jeweilige Zeitzugehörigkeit schuf zwei versetzte Familienzugehörigkeiten, die sich in derselben Familie überlappen und entpuppen sollten und mir das Familienleben bald zum Alptraum werden ließ. Was mich von meinen Geschwistern trennt, ist nicht so sehr der an sich schon sehr große Altersunterschied - auch Konrad Lorenz hatte einen Bruder, der 18 Jahre älter war, genau wie ich -, sondern  nichts geringeres als der Zweite Weltkrieg.
Meine Geschwister wurden vor und während des Krieges geboren und sind Flüchtlingskinder, ich dagegen wurde zum Nestflüchter.

Der Taufpate meiner Schwester war Offizier beim Wachbataillon in Berlin und in enger Verbindung zum Führerhauptquartier tätig, wie meine Mutter mir mitteilte, als mein Vater bereits seit über zehn Jahren verstorben war, und sie selbst über 80.

Ein sanft lächelndes, schwarz-weißes Portraitfoto dieses Mannes, in eleganter, gut sitzender NS-Uniform, hing Jahrzehnte lang über dem Schreibtisch meines Vaters, und später, als er pensioniert war, weitere Jahrzehnte über dem Sofa im Wohnzimmer, wo man das Ticken der Wanduhr deutlicher hörte.
Er war bei Kriegsende in Berlin ums Leben gekommen, als meine Schwester 2 Jahre alt war. Erwähnt wurde er nie. Es sei denn, ich stellte eine kleine Frage. Mir war der Mann mit dem liebenswerten Lächeln sympathisch. Sein offenkundiges Zartgefühl weckte meine Zuneigung, und schon als ich noch ein Kind war, spürte ich, dass dieser Mann meinem Vater auf angenehme Weise ähnelte. Ich werde nie vergessen, mit welcher Verehrung mein Vater von ihm sprach, als er mir zum ersten Mal auf meine Fragen antwortete, aus denen ich betrübt und nostalgisch sehnsüchtig schließen musste, dass ich den Mann mit dem netten Lächeln nie kennenlernen würde, weil er schon gestorben war.

Es waren Vatis erste Erzählungen. Ich war vier Jahre alt, als Kennedy Präsident wurde, die Russen den ersten bemannten Raumflug absolvierten und die Berliner Mauer gebaut wurde. Schon als dreijähriges Kind hatte ich angefangen, in den Fotoalben von Alt Küstrinchen zu blättern und mir vorzustellen, dort auf dem Bauernhof an der Oder zu spielen. Als ich 16 Jahre später dann mit den Eltern dorthin fuhr, kannte ich mich fast so gut aus, als wenn ich tatsächlich als Kind dort gespielt hätte!

Alles war so sehr heruntergekommen dort 1977, dass es aussah, als sei der Krieg gerade erst gestern zu Ende gewesen. Der polnische Bauer zeigte uns die Medaillen, die er für seine Arbeitsleistungen erhalten hatte. Es war erschütternd und sprach Bände über sein erbärmliches Leben und die Erbärmlichkeit eines Wirtschafts- und Organisationssysthems. Am Vorabend im Hotel hatte ich im DDR-Rundfunk gehört, Pinochet habe gesagt, die BRD stehe seiner Regierung am nächsten. Während ich mich auf dem einstigen Hof meines Großvaters umschaute und den Verfall las, fragte ich mich, wie Allende sich die Entwicklung Chiles wohl vorgestellt hatte. Verstaatlichung ist Verstaatlichung, egal, ob sie ein demokratisch gewählter Allende durchführt oder jemand, der die Regierungsmacht mit Gewalt ergreift, wie Castro. Und der Sozialismus wird durch demokratische Wahlen noch lange nicht zu einem vernünftigen Projekt. Die Zerstörung der Arbeitskultur durch Verflüchtigung der Verantwortlichkeit ist das wirklich Schlimme, die Brutalität ist nur eine logische Konsequenz dieses Schwundes, und ihr Fehlen - wie im Fall Allendes - eine Anomalie, die keineswegs vertraueneinflößend zu sein braucht. Im Gegenteil. Anscheinend wirkte sie aber bei Allende vertraueneinflößend. Dieser Mann hatte offensichtlich etwas Besonderes. Etwas, das mehr war als seine wehmütigen Augen, sein zärtlicher, fürsorglicher Blick und sein sanftes, bitteres Lächeln.

"Und dann war der Friede da.", schloss Vati mit wundervollem Lächeln seine kurze Geschichte. Ich werde nie vergessen, wie er das Wort "Friede" bei diesen Gelegenheiten aussprach. Auch er liebte es, seinem kleinen vierjährigen Sohn diese Geschichte zu erzählen und kam daher gerne auf sie zurück, wenn ich ihm mein Interesse dafür zeigte. Er saß in seiner hellgrauen Latzhose, die er bei der Arbeit als Landtierarzt tagsüber immer trug, vor dem Schreibtisch und unterbrach seine Schreibarbeit einen Augenblick lang, um sich mit dem Kugelschreiber in der Hand mir zu zu wenden. Links oben schaute das Portrait seines Freundes vom Wachbataillon uns lächelnd zu. Ich versuchte, mir vorzustellen, was er mir erzählte und sah bei seinen Worten die Dinge immer wie auf einem imaginären Bildschirm an der Wand rechts hinter ihm vor dem Rollschrank auftauchen.

Unten im Tal, kurz vor der Brücke, entlang des Baches, sah man, wenn man sich nach links wendete, eine Wiese, deren Gras so hoch war, dass es mir in meinem damaligen Alter über den Kopf reichte. In der Sommerhitze hörte man die Bienen summen und spürte die Trockenheit der Jahreszeit, und die Wiese wirkte unermesslich weit, sonnig und undurchdringlich auf mich. Links dahinter lag dunkel der Wald in ein paar hundert Metern und schien mir in weiter Ferne zu liegen, so weit wie Alt Küstrinchen und der Krieg. Denn ich kannte diesen Teil meines Heimatstädtchens noch nicht. Waldspaziergänge machten wir manchmal woanders. Rechts der Wiese floss, wie gesagt, der Bach an ihr entlang, der damals wegen der ungeklärten Abwässer noch stank und nicht zum Verweilen einlud. Merkwürdig ist, dass diese Wiese im Sommer in meinem damaligen Alter auch etwas langweilig auf mich wirkte. So ähnlich, wie die feierliche Friedlichkeit von Sonntagen in der Provinz - also etwas, was man mit vier Jahren noch nicht kennt - auf uns erwachsene Menschen manchmal langweilig wirken kann. Es wäre anders gewesen, wenn der Bach nicht schmutzig und stinkend gewesen wäre, sondern sauber und voller Fische wie die Oder in Alt Küstrinchen. So aber war es nur eine Wiese, die ich mit Weite, Stille, Bienensummen, Sonne und mit der Beendigung des Kriegsgeschehens in Verbindung brachte.

Ich empfand eine bemerkenswerte Ehrfurcht für diese Wiese, und jedes Mal, wenn mein Vater das Wort "Friede" aussprach, tauchte vor meinem geistigen Auge das Bild dieser Wiese an der Wand im Arbeitszimmer meines Vaters auf und wurde dadurch für mich zum Symbol des Friedens. Auch später weckte der Begriff "Friede" über 30 Jahre lang, jedes Mal, wenn ich auf ihn stieß, die Erinnerung an die Stimme meines Vaters und an diese Wiese, die ich damals wie an die Wand seines Arbeitszimmers projiziert vor meinem geistigen Kinderauge sah.


Damals, als ich vier Jahre alt war und Vati die ersten Male auf den Krieg zu sprechen kam, fragte ich ihn einmal, ob er auch eine Waffe gehabt hätte... Ja, Und ob er damit auch geschossen hätte... Nein. Er erklärte mir, dass er nie dort war, wo man mit dem Feind in Berührung kommt, sondern immer nur "weiter hinten". Ich war etwas enttäuscht. Teils, weil ich mir mehr Klarheit und Anschaulichkeit wünschte, teils weil weil man schon als Kind Langweile gegenüber Domestizierung empfinden kann. Damals wusste ich noch nicht, wie schön es ist, einen unschuldigen Vater zu haben.

In unserer Familie wurde die Shoah als sowjetische Propagandalüge oder als taktische Lüge der Siegermächte oder als Cui-prodest-Lüge der Juden angesehen und das Thema in Jahrzehnten kaum jemals gestreift, geschweige denn ausdrücklich erwähnt oder besprochen.

Es ist völlig unmöglich, das Thema Wahrheit, Ehrlichkeit, Unlauterkeit, Redlichkeit, Verdrehung und Verlogenheit in unserer Familie zu erörtern, ohne auf Hitler und die Shoah Bezug zu nehmen und auch Israel wenigstens am Rande immer wieder zu streifen.

Prioritätsstufen

Hitler wurde immer nur in einem verkorksten Zusammenhang thematisiert und gedacht, in dem mein treuer, gesetzestreuer, gewissenhafter Vater sein Leben lang per Treueeid an Hitler gekettet war, meine Geschwister dem Gehorsam und der Achtung gegenüber den Eltern immer Vorrang vor der Wahrhaftigkeit einräumten, das 4. Gebot gegenüber der Forderung von Jesus „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert“ (Matth.10.37) seinerseits Vorrang hatte und jede Abweichung von diesem Moralisierungsgefälle als Undankbarkeit gebranntmarkt wurde.

Der sich da im Matthäusevangelium so peremptorisch ausdrückte, war aber angeblich die “Wahrheit und das Licht”, deshalb klammerte ich mich in meiner Jugend an diesen Satz. Ohne dieses Anzapfen des heiligsten Bereichs unserer kulturellen Wurzeln hätte ich meine Jugend vielleicht nicht überlebt.

Adenauer und Ben Gurion

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kalenderblatt/1141511/

Freitag, 19. März 2010

Anarchisten

Anarchisten bemängeln immer genau das, was nicht zu ändern ist und behaupten mit Vorliebe Dinge, die genauso wenig wie ihr Gegenteil bewiesen werden können.
Selbst Noam Chomskys gescheite linguistische Theorien leben zum Teil leider noch davon, dass es sich um Hypothesen handelt, die prinzipiell nur intersubjektiv "widerlegt" werden können, und in der Praxis nur irgendwann oder nie, insofern es in den meisten Sprachen der Welt keine diese Sprachen als Muttersprache sprechenden Linguisten gibt und alle anderen Linguisten daher immer wieder vor Chomskys Behauptungen wie Ochsen vor dem Scheunentor stehen.

Hinzu kommt bei Chomsky noch, dass er Pol Pot solange verharmloste und rechtfertigte, bis er nicht mehr leugnen konnte, sich verrannt zu haben. Auf Grund der deshalb erforderlichen Stille flüsterte er... und wurde in den 80-ern durch sein Geflüster der meistzitierte Mensch der Welt. Seit 9/11 sucht er Revanche für den Imageverlust, den er sich durch seine Parteinahme für Pol Pot geholt hatte.

Seine Haltung zu Faurisson dagegen scheint er mir nur konsequent im Sinne von Voltaires Bekenntnis zur freien Meinungsäußerung eingenommen zu haben. Dass ihn auch persönliche Eitelkeit dabei antrieb, glaube ich eigentlich nicht.


"Ich missbillige, was sie sagen, aber ich werde bis zum Tode ihr Recht verteidigen, es zu sagen" (Voltaire - Praktische Ethik).



Für Voltaires Bekenntnis gibt es natürlich gute Gründe, aber seit Auschwitz leider auch schlechte. Die Frage bleibt bedauerlicherweise unwägbar, auch die Vertreter der Einschränkung haben sehr gute Argumente. Es gibt für alles Grenzen und Ausnahmen, und pädophile Propaganda kann man ja auch nicht erlauben.


Nur ist es für Menschen, die selber nicht Überlebende der Shoah sind - oder Nachkommen von Überlebenden - nicht so leicht verständlich, dass für diese Menschen die Leugnung eines solchen Unheils eine ähnliche Zumutung darstellt, wie Kinderpornografie für normale Sterbliche. Die These von der Einzigartigkeit der Shoah ist durchaus stichhaltig. Nur bei Boccaccio gibt es eine Beschreibung ähnlichen Grauens, wo Eltern ihre eigenen Kinder während der Pest im Stich ließen! Aber selbst dieser geschichtliche "Präzedenzfall" ist der Empathie nicht dienlich, gerade weil er alle betraf, als Naturereignis durchgehen kann und nicht nur eine begrenzte Opfergruppe angeht, deren eigentümliches Mix aus Erdulden, Erleiden und Standhalten wie ein wandelndes Geschichtsrätsel auf die wirkt, die nicht davon betroffen sind und der dadurch die Identifikation erschwert, während "die armen Palästinenser" anscheinend nicht zu außergewöhnlich sind, um als Normalfall für die Rolle eines sympathischen Loosers dienen zu können.


Paradox ist, dass diejenigen, die diese Einzigartigkeit unterstreichen, dieselben sind, die Angst haben, es könnte wieder geschehen: sie haben somit Angst die Einzigartigkeit höre auf, einzigartig zu sein. Genau hier ist aber Hoffnung eine realistische Option, insofern gerade die Einzigartigkeit eine Wiederholung unwahrscheinlich macht. Zuviele Faktoren müssen zusammentreffen, um einen solchen Zusammenbruch guter Sitten zu ermöglichen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Noam_Chomsky

Aber seit wann gibt es eigentlich Typen wie Chomsky?
Seit wann gibt es diese Art provozierender Intellektuellen als Typus??
Gibt es überhaupt Vorgänger???
Kann jemand wie Chomsky "etwas neues unter der Sonne" sein????


http://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Genet

http://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Abélard

http://de.wikipedia.org/wiki/Titus_Petronius

Germany



Josemaria Escrivà de Balaguer y Albas

http://de.wikipedia.org/wiki/Josemaría_Escrivá

Dieser merkwürdig umstrittene, sehr von Woytila bewunderte Mann hat 5 Universitäten gegründet. In Videos, die man in YouTube finden kann, beeindruckt sein gewinnendes Lächeln. Weshalb ist er so umstritten? Vielleicht ist es die Verbindung erzkonservativen, unerschütterlich reaktionären Denkens mit überragender Intelligenz und poetischem Talent. Seine Aphorismensammlung "Der Weg" ist eine durchaus lesenswerte und angenehme Lektüre.

Mittwoch, 17. März 2010

Lesenswert - besonders für Lutheraner

http://de.wikipedia.org/wiki/Konkordat

http://de.wikipedia.org/wiki/Reichskonkordat

Das Reichskonkordat war Hitlers erster außenpolitischer Erfolg: eine Art Vorhut des "appeasement" von Seiten eines unbewaffneten Verhandlungspartners, der in eigener Sache versuchte zu retten, was zu retten Hitler ihm erlaubte.

Die Lutheraner der Bekennenden Kirche in ihrer Geradlinigkeit exponierten sich verbal und taten dann nicht sehr viel, und wer etwas tat, wie Bonhoeffer, verschwand meistens in einem Konzentrationslager. Die katholische Kirche, deren Oberhaupt über viel größere spirituelle Macht verfügte, enttäuschte durch kleinlaute Zurückhaltung, rettete aber durch heimliche Tätigkeit dann sehr viel mehr Menschenleben. Vorteil der Doppelbödigkeit!
Hätten klare Worte des Papstes nur die Grausamkeit gegenüber dem Klerus und generell die Gewalt noch mehr eskalieren lassen, wie die Kirche sich heute rechtfertigt? Oder hätte der Papst, geschehe was da wolle, diese klaren Worte aussprechen müssen?


Vati kam einst von sich aus auf das Konkordat zu sprechen. Die Kirche von Rom war für ihn eine sehr ehrwürdige Einrichtung. Bemerkenswert ist, dass Vati ausnahmsweise mal das Bedürfnis einer Rechtfertigung verspürte und das Reichskonkordat expressis verbis als bestätigende Investitur Hitlers, sozusagen von höherer Stelle, bezeichnete!

Hitler war wirklich ein genialer Menschenkenner. Gerade das lässt mich weiterhin an dem Gedanken festhalten, dass Pius XII eben doch Hitler hätte exkommunizieren müssen. Aber das sind Gedanken eines Lutheraners, und Päpste sind auch nur Menschen. Je mehr sich die katholische Kirche ebenfalls exponiert hätte, desto mehr Anhaltspunkte hätte sie denen gegeben, von denen sie observiert wurde, und desto weniger hätte sie durch heimliches Wirken ausrichten können. In den Klöstern wurden viele Juden versteckt.

Im Urlaub in Westerland 1981 erlebte ich es das einzige Mal, dass Vati von sich aus so etwas wie Anfechtungen thematisierte. Bei einem Stück Torte in einem Cafe begann er davon zu sprechen, dass es bei der NSDAP zu Aufnahmestops gekommen sei, das müsse einem doch zu denken geben. Da hatte er allerdings recht. Ich dachte damals, wahrscheinlich stimmt, was er sagt, und wahrscheinlich stimmt sogar, was er damit meint, aber ich behielt mir insgeheim vor, es irgendwann nachzuprüfen, denn ich hatte mittlerweile begriffen, dass die Nazis clever genug waren, um Konsens gerade dadurch zu fördern, dass sie Gerüchte dieser Art in die Welt streuten; außerdem war es natürlich zu gewissen Zeiten opportun den Parteiausweis zu besitzen, gerade weil der Zwang ihn zu besitzen nicht bestand, abgesehen von ganz bestimmten Situationen. Die Beweggründe der Menschen sind meist banaler und schäbiger, als Plutarch es gerne hätte.

Aber es stimmte, was Vati da sagte, es gab diese Aufnahmestops. Der Konsens war enorm. Daran habe ich allerdings mein Leben lang nicht eine Sekunde gezweifelt! So etwas, wie das Deutschland Hitlers, kann man nicht erzwingen. Es ist nur möglich, wenn ein verbindender Wille wie ein Blitz einschlägt und sämtliche Abteilungen erfasst. Das eigentlich Bemerkenswerte ist, dass das damalige Spannungsverhältnis einen Hitler hervorbrachte und danach sofort zur weisen Mäßigung eines Adenauers fand und auch beide Figuren zur Verfügung standen! Das Einzige, was Hitler und Adenauer gemeinsam haben, könnte man als "katholische Unbefangenheit" bezeichnen.

Ebenfalls damals in Westerland überraschte Vati, der Lautsprecher hasste wie die Pest, mich bei einer Veranstaltung im Freien mit den irritierten, ein rührendes widerwilliges Unbehagen artikulierenden Worten "Ohne Lautsprecher wäre das alles damals nicht möglich gewesen". Er war damals 78 Jahre alt und glücklich.

Mutti beobachtete, dass es nach dem Krieg Hitlers Gegnern nicht gut erging, während seine Anhänger Ansehen genaßen und schloss daraus allen Ernstes auf göttliche Fügung und bestätigenden göttlichen Ratschluss. Den rasenden Hass gegenüber Juden, der das Thema Juden in ihr entfesseln konnte, habe wahrscheinlich nur ich erlebt.

Sie lebte in Berlin, am 9. November 1938. Merkwürdigerweise habe ich nie erfahren, wo sie zur Kirche ging damals in Berlin. Der Bekennenden Kirche stand sie natürlich ablehnend gegenüber.

Meine Konfirmation ist eine Erinnerung fast ungetrübter Heiterkeit, obwohl mich mein Bruder bereits im Jahr zuvor verstoßen hatte (Kindermund tat Wahrheit kund) und sich recht kühl bei diesem Anlass gab. Sogar Mutti viel auf, dass etwas nicht stimmte (und suchte die Ursache bei meiner Schwägerin). Erst ein Jahr später gelangte wirklich Unseliges in mein Leben, als Vati das, was wir in der Schule lernten, zur Propagandalüge erklärte.

San Remo

Dies Jahr war San Remo auch wieder sehr gut. Nicht so gut wie vor einem Jahr, aber trotzdem sehr, sehr gut. Es war auch ein Jubileum! 60 Jahre.
Die Clerici ist bestimmt eine der angenehmsten Moderatorinnen der Welt. Leider war diesmal oft auch der letzte Spross der Savoia beim Festival mit auf der Bühne. Leider, leider hat das italienische Parlament dieser Familie ja erlaubt, wieder nach Italien zurück zu kommen, und jetzt muss man dauernd diesen schlüpfrigen, gut aussehenden jungen Mann sehen, weil er telegen ist. Santa pazienza. Hoffentlich darf er nicht eines Tages noch auf den Thron zurückkehren. Sein Vater ist ein Mörder - und auch noch ein besonders charakterloser -, dem es gelang, die Justiz reinzulegen, wie aus einer Telefonüberwachung hervorging, die wegen Steuerbetrugs angeordnet worden war.

Malika Ayane wurde zwar kurz vor dem Finale vom Fernsehpublikum ausgeschlossen (was zu Empörung beim Orchester führte), aber sie hat den Preis der Kritik gewonnen, der parallel zum Volksentscheid des Festivals verliehen wird.. Mehr noch als für Malika freut mich das fürs Festival und für Italien. Wenn Qualität bei einem Festival Erfolg haben kann, spricht das für das Festival, und wenn es in einem Land ein solches Festival gibt, spricht es für das Land. Valerio Scanu hat den Volksentscheid gewonnen, und auch sein Lied ist sehr schön.
Beim Eurovisonsfestival hat mittlerweile nur noch das Bühnenbild eine vergleichbar große künstlerische Qualität. Trotzdem ist es sehenswert, weil es interessant ist, wie die einzelnen Länder übereinander abstimmen. An diesem Riesenfestival, bei dem man wie sonst nie - nicht mal bei der EM - das Gefühl hat, der ganze Kontinent (mit Ukraine und Israel) sitzt zusammen im Wohnzimmer, nimmt Italien seit langem nicht mehr teil.

Udo Jürgens ist der einzige deutschsprachige Sänger, der es bisher schaffte, mal am Festival von San Remo zugelassen zu werden. Vor langer Zeit, zusammen mit Iva Zanicchi.






Gut ist auch, dass das Orchester gegen die Entscheidung des Fernsehpublikums über Malika Ayane protestiert hat und auf diese Weise kompetentes Feedback zur Show wird!

Kesselring und The Fog of War und der Kulturdarwinismus

In Marktsteft gibt es eine kleine Brauerei, die Kesselring Brauerei.


Manchmal fuhren wir in der Spargelzeit nach Marktsteft, um dort Spargel bei einem Bauern zu kaufen. Jedes Mal erzählte Vati bei dieser Gelegenheit eine Geschichte, die zum Glaubensbekenntnis unserer Familie gehört. Kesselring habe damals in Italien verboten, dass die deutschen Verwundeten Milch bekämen, weil alle Milch auf Kesselrings Befehl hin den "Kindern von Rom" vorbehalten worden sei. Verbittert fügte er hinzu: "Und dafür hat man ihn dann als Kriegsverbrecher verurteilt".

Ich selbst habe diese Geschichte in Italien immer wieder mal erzählt. Sie stößt in einem Land wie Italien, Spanien oder Jugoslawien nur auf ratloseVerständnislosigkeit und lässt den Zuhörern die Haare zu Berge stehen. So unterschiedlich kann Subjektivität sein!

Der Gedanke, dass ausgewachsene Mannsbilder Milch trinken, ist in südlichen Ländern an sich schon lächerlich. Um dies in nördlichen Ländern zu begreifen, muss man sich anscheinend erst mal vor Augen halten, dass die in Nordeuropa seltene Laktoseintolleranz in Südeuropa immerhin 50% der erwachsenen Bevölkerung betrifft und gerade mal einen morgendlichen Cappuccino zulässt.

Abgesehen davon macht Kesselrings rührender Milchbefehl seinen "Bandenbefehl" nicht ungeschehen. Die SS unterstand ihm damals direkt. Kesselring meinte, Italien müsse ihm eigentlich ein Denkmal setzen für all das Gute, das es ihm zu verdanken habe...
Piero Calamandrei kommentierte sarkastisch: "Du wirst es bekommen, Kamerad Kesselring". Das von Calamandrei verfasste Epitaph steht heute in all den Dörfern, in denen damals im Partisanengebiet die Dorfbewohner ohne Ansehen von Alter und Geschlecht zusammengetrieben und niedergemetzelt wurden, um die Bevölkerung der umliegenden Dörfer davon abzuhalten, die Partisanen zu unterstützen.


Selbst 2007 hielt es mein Bruder, der sich sein ganzes Leben lang nie mit diesen Dingen befasst hat, als ich ihn darauf aufmerksam machte, mit welch grausamen Maßnahmen gegen die Zivilbevölkerung die Bekämpfung der Partisanen von statten ging, noch für nötig, mich darüber zu belehren, dass Kesselring ein vorbildlicher Soldat gewesen sei, und ich musste mir als Begründung tatsächlich zum x-ten Mal die Geschichte vom Milchbefehl anhören. Es wäre mir lieber gewesen, der Bruder hätte realistisch konstatiert, dass ein Oberbefehlshaber in einer verzweifelten Lage dazu gezwungen sein kann, aufzuhören, ein "vorbildlicher Soldat" zu sein. Auf dem Ohr bin ich nicht ganz so taub.



McNamara hatte wenigstens den Anstand einzugestehen, dass auch Amerikas Vorgehensweise - zum Beispiel bei der Bombardierung Tokios - die Grenze des Vertretbaren auf eine Weise überschritt, die eigentlich ein Kriegsverbrechen darstellt. Und einzuräumen, dass dem Vietnamkrieg eine Fehleinschätzung zugrunde lag.



Das eigentliche Problem scheint mir jedoch zu sein, dass der damalige und derzeitige Stand der Technik Sachzwänge schafft, die den Handelnden im Ernstfall ein Handeln vorgibt, das den Kaltblütigeren durch seine Entschlossenheit unausweichlich zum Verbrecher macht, so gut seine Absicht auch sein mag. Ernst Jünger stellte verbittert fest, es sei ein Charakteristikum der Epoche, dass die Figur des Soldaten - die er persönlich sehr liebte - der Figur des Verbrechers ähnlich geworden sei. Auch Obama hat gebundene Hände. Wir leben in einer Zeit, in der ein außerordentliches Zerstörungspotential eng mit militärischer Ohnmacht verquickt zu sein scheint.

Die Zeiten, als militärische Übermacht eindeutige Verhältnisse schuf und echte politische Macht bedeutete, sind seit dem Ersten Weltkrieg - bisher immer noch - vorbei. Seit damals ist Sicherheit nicht etwas, was der Sieger im Überfluss besitzt und allen, auch dem Besiegten, gewähren kann, sondern die Obsession gerade der Siegermächte. Als Cato sagte "Cetero censeo Karthaginem delendam esse" konnte er sicher sein, dass eine solche Maßnahme Erfolg hatte, wenn sie nur gelang. Eine Zerstörung ist nur dann nachhaltig erfolgreich, wenn sie so groß ist, wie das Zerstörungspotenzial. Letzteres ist heutzutage aber so groß, dass bisher niemand wagte es nicht nur auszureizen, sondern wirklich ernst zu machen. Unter anderem, weil die Nebenwirkungen und Langzeitwirkungen eines Nuklearkrieges auch für den potentiellen Sieger ein größeres Übel sein könnten, als der Sieg. Aber in den Laboratorien wird daran gearbeitet, diese Nebenwirkungen zu begrenzen. Der Wunsch flächendeckendes Zerstörungspotential anzuwenden könnte irgendwann einen kulturdarwinistischen Cato hervorbringen.

Martin van Crefeld kann nur zwei Beispiele für erfolgreiche Strategie im Kampf gegen entschlossenen Terrorismus nennen. Die eine ist Assads skrupellose Bereitschaft zum Massaker, die dieser nachträglich nicht nur nicht kleinredete, sondern auf seine Fahne schrieb, und die andere Englands Bereitschaft, mehr als drei mal soviel Polizisten zu opfern, als Terroristen der IRA getötet wurden. So hoch ist momentan der Preis der Demokratie: man möchte den Unterschied zwischen Soldat und Verbrecher - dessen Verschwinden Ernst Jünger betrübte - so groß wie möglich halten. 

Montag, 15. März 2010

Rare Ehrlichkeit

kindlich contra kindisch

Warning

Bless the child!

Some career

Infantilisierung

Zynismus als Grundhaltung

Neotenie






Life isn't fair


Witold Gombrowicz


Empathie und Geschlecht

"Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andern zu."

Um geschlechtsspezifischen Anfechtungen vorzubeugen, sollte man diese Maxime mit einer unserer Zeit gemäßen Anleitung zur Anwendung versehen.

Eine Frau sollte nie etwas tun, was sie ihrer Schwiegertochter nicht nachsehen könnte (wenn sie gar keinen verheirateten Sohn hat, muss sie eben versuchen, sich vorzustellen, wie es wäre einen zu haben).

Ein Mann sollte nie etwas tun, was er seinem Schwiegersohn nicht nachsehen könnte (wenn... usw.)

So wird ein Schuh draus.

Sonntag, 14. März 2010

Goethe und die Rassenökologie

"Und daher kommt es denn auch, dass man der Pflanzenwelt eines Landes einen Einfluss auf die Gemütsart seiner Bewohner zugestanden hat. Und gewiss, wer sein Leben lang von hohen ernsten Eichen umgeben wäre, müsste ein anderer Mensch werden, als wer täglich unter luftigen Birken sich erginge. Nur muss man bedenken, dass die Menschen im allgemeinen nicht so sensibler Natur sind als wir andern, und dass sie im Ganzen kräftig vor sich hin leben, ohne den äußeren Eindrücken so viele Gewalt einzuräumen. Aber so viel ist gewiss, dass außer dem Angeborenen der Rasse sowohl Boden und Klima als Nahrung und Beschäftigung einwirkt, um den Charakter eines Volkes zu vollenden. Auch ist zu bedenken, dass die früheren Stämme meistenteils von einem Boden Besitz nahmen, wo es ihnen gefiel und wo also die Gegend mit dem angeborenen Charakter der Menschen bereits in Harmonie stand."

                         Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens.[1823-1832]

Goethes Worte klingen durchaus vernünftig, gerade auch im Sinn von vernehmend-vernünftig.

Ich gebe jedoch zu bedenken, dass auch Goethe nur sah, was für unsere Augen sichtbar ist, selber keine Kenntnis, ja nicht einmal umfangreiche Anschauung dessen besaß, worüber er hier, durchaus klug, eine Betrachtung anstellte und - um nur ein sehr banales Beispiel zu nennen - nie je einem afrikanischen Mathematiker oder Opernsänger begegnet ist.

Kannte er Amo?

Selbst wenn wir unsere Aufmerksamkeit physiologischen Aspekten zuwenden, die präziser objektivierbar sind, stoßen wir auf biologische Hypothesen, die bisher kaum mehr als vage Vermutungen sind.

Man hat angefangen, zu untersuchen, ob bei der Wirksamkeit von Arzneimitteln, je nach ethnischer Zugehörigkeit - oder auch je nach Geschlecht - unterschiedliche Ergebnisse auftreten könnten. Bisher scheint es noch keine nennenswerten Neuigkeiten zu geben. Einst glaubte man, Juden seien resistenter gegen Tuberkulose als Nichtjuden! Und im DTV-Lexikon Biologie steht diese Behauptung immer noch, obwohl sie bereits durch eine Untersuchung als Wissenschaftslegende entlarvt wurde. Im Biologieunterricht lernen wir, dass helle Haut einen Selektionsvorteil in nördlichen Regionen besaß, weil sie für die Herstellung von körpereigenem Vitamin D bei geringerer UV-Einstrahlung geeigneter ist. Ist eine solche Erklärung wirklich zwingend schlüssig, oder handelt es sich nur um ein mehr oder weniger willkürliches, halbwegs plausibles Zusammenreimen weniger Fakten?

Mir persönlich scheint es z.B. sehr viel plausibler zu sein, dass ein für südlichere Breiten typischer Selektionsfaktor eben wegfiel: die starke UV-Strahlung, die bei hellhäutigen Menschen zu Verbrennungen führt. Und dass die erleichterte Vitamin D-Bildung sozusagen ein willkommener Nebeneffekt der nun "erlaubten" helleren Haut war, der aber erst durch das Tragen von Kleidung innerhalb bereits hellhäutiger Populationen eventuell zusätzlich zum Tragen kam. Im Übrigen besteht in der Scientific Community keine Einigkeit, was die für den Menschen ideale Menge Vitamin D betrifft. Es gibt inzwischen angesehene Leute, die diesem Vitamin genauso verfallen sind, wie einst Pauling dem Vitamin C. Schön und gut, dass Pauling gleich zwei Nobelpreise bekam, und einen davon für Chemie, aber angesichts der Tatsache, dass er eines Tages dazu riet, jeden Tag 18 Gramm Vitamin C zu schlucken, ist für mich nur eine einzige Schlussfolgerung möglich: der Mann hat den Verstand verloren. Tut mir leid.

Vitamin D - Einfluss der Hautbeschaffenheit

Im Wikipediaartikel wird eine statistische Untersuchung genannt, von der ein Recht auf ausreichende Vitamin D-Versorgung abgeleitet werden kann. Forschungsbereiche wie diese sind immer auch ein Politikum. In der Vergangenheit erwiesen sich auch sehr akkurate, in gutem Glauben durchgeführte Untersuchungen im Nachhinein oft als falsch und durch politische Rahmenbedingungen verzerrt, wie Steven J. Gould bewies (Mortons biometrische Schädelmessungen) und Cyril Burt fälschte wahrscheinlich sogar seine Daten bei der Zwillingsforschung, um - ähnlich wie kürzlich in der Klimaforschung geschehen - Ergebnisse vorweisen zu können, die seiner Weltanschauung entsprachen. Wachsame Vorsicht wird bei diesem Thema immer angemessen sein.

                                        The Mismeasure of Man               Cyril Burt: Fraud or Framed?

The Mismeasure of Man

Cyril Burt

Siehe auch http://persciun.blogspot.com/2010/02/albert-jacquard-hatte-also-recht.html

und  Svante Pääbo

"Quaecunque aliquid commune habent, ad id, quod eiusdem generis est, tendunt." Marcus Aurelius COMMENTARIORVM QVOS IPSE SIBI SCRIPSIT - IX, 9