Dienstag, 29. November 2011

Montag, 28. November 2011

Ein Habsburger aus Florenz in Würzburg


Ferdinand III.

Ferdinando III di Toscana

In der deutschen Wikipedia wird Ferdinandos Entschlusslosigkeit und Passivität unterstrichen, in der italienischen dagegen seine Diplomatie und Fortschrittlichkeit. Wie so oft ist auch hier die Deutung der Fakten sehr unterschiedlich, je nachdem, ob man sie vom deutschen Sprachraum aus betrachtet oder vom italienischen.

Napoleon machte Ferdinando für acht Jahre zum Großherzog von Würzburg. Der Toscanasaal in der Residenz erinnert daran.


Ferdinandos Vater, Kaiser Leopold II., schaffte als toskanischer Großherzog (Pietro Leopoldo I. di Toscana) die Todesstrafe ab. Durch ihn wurde die Toskana zum ersten Staat der Welt, der die Todesstrafe abgeschafft hat. Die Staffette der "Entschlusslosigkeit" im Zeitalter der Aufklärung ging also vom Vater auf den Sohn über und von diesem auf den Enkel, der ebenfalls Leopold II. hieß

de.wikipedia.org - Leopold II. (Toskana)

it.wikipedia.org - Leopoldo II di Toscana

Einer von Ferdinandos Brüdern war Erzherzog Johann, der die bürgerliche Anna Plochl heiratete und dafür den harten Widerstand seines Bruders Kaiser Franz II. in zähem Kampf überwinden musste. Darüber wurde ein schöner Film gedreht.

Eine neue Zeit war damals angebrochen. Wir tun in Europa immer so, als habe diese neue Zeit mit der französischen Revolution begonnen. Aber in Wirklichkeit begann alles mit der Amerikanische Revolution. Die französische war nur ein Echo, das einen brillanten Korsen vom Rande Europas zum Herrscher Europas machte.

Hier noch ein wenig florentiner Lokalklatsch zu Ferdinando III.

Freitag, 25. November 2011

Mittwoch, 16. November 2011

Katholische Juden




Peter Scholl-Latour im Gespräch mit Rainer Burchardt


Der deutsch-französische Journalist Peter Scholl-Latour arbeitete für Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen. Seine Fernsehdokumentationen und -reportagen erfreuten sich großer Beliebtheit - heute ist Scholl-Latour Präsident der deutsch-arabischen Gesellschaft.
Doktor Peter Scholl-Latour, geboren am 9. März 1924 in Bochum, deutsch-französischer Journalist und Publizist. Schulzeit in einem streng katholischen Jesuitenkolleg. Abitur 1943 in Kassel. Im Januar 1945 geriet er auf der Flucht zu Alliierten bei Graz in Gestapo-Haft und überlebte trotz Flecktyphus. Wieder genesen, zog er nach dem Zweiten Weltkrieg nach Frankreich, meldete sich dort freiwillig zu den Fallschirmjägern und diente bis 1947 im Indochinakrieg. Ab 1948 Studium an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, der Sorbonne Paris und der Beiruter Universität Saint Joséf der Fächer Philologie, Politikwissenschaft und Arabistik. Promotion an der Sorbonne 1954. Schon während des Studiums arbeitete Scholl-Latour als Reisejournalist für deutsche und französische Zeitungen und Rundfunkanstalten. Volontariat bei der "Saarbrücker Zeitung". Für seine Berichte bereiste er Amerika, Afrika, den vorderen Orient und große Teile Südost- und Ostasiens. 1954 und 1955 war er Sprecher der Regierung des Saarlandes. Von 1960 bis 1963 arbeitete Scholl-Latour als ständiger Afrika-Korrespondent der ARD. 1963 gründete er das ARD-Studio in Paris, das er bis 1969 leitete. Danach wirkte er als Direktor des WDR-Fernsehens für das erste Programm der ARD. 1971 Wechsel zum ZDF und als Chefkorrespondent nach Paris, wo er von 1975 bis 1983 das ZDF-Studio leitete. In den Jahren 1983 bis 1987 wirkte Scholl-Latour im Verlagshaus Gruner und Jahr als der für TV-Aktivitäten zuständige Vorstand und gründete den Privatsender RTL plus mit. Gleichzeitig war er 1983, 1984 kurzfristig Chefredakteur und Herausgeber der Publikumszeitschrift Stern. Seit 1988 verlegte sich dann Scholl-Latour ganz auf die Publizistik und ist als Autor von Dokumentarfilmen tätig. Eines seiner bekanntesten Bücher mit Millionenauflage wurde "Der Tod im Reisfeld", in dem er die Grundzüge des 30-jährigen Krieges in Indochina beschrieb. Der Islam und der Nahe Osten sind häufig behandelte Themen von Scholl-Latour. Er setzte sich aber auch mit dem Phänomen des Terrorismus kritisch auseinander, ermunterte die deutsche Außenpolitik zu mehr Selbstbewusstsein und beleuchtete fast alle wesentlichen Konfliktfelder der Welt. Dabei bedient er sich journalistisch der historischen Methode, das heißt, Scholl-Latour zeichnet die jeweiligen Entwicklungsgeschichten der von ihm analysierten Konflikte anschaulich nach und trägt dadurch zum besseren Verständnis ihrer Ursachen bei. Der Spiegel nannte ihn 2006 einmal den letzten Welterklärer. Seit 2007 fungiert Scholl-Latour als Präsident der deutsch-arabischen Gesellschaft. Er wurde durch viele Journalistenpreise ausgezeichnet und ist unter anderem auch Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse. Peter Scholl-Latour ist in zweiter Ehe verheiratet und hat einen Sohn.

Peter Scholl-Latour: Ich sehe im Moment überhaupt keine deutsche Außenpolitik.

Aktuelle Konfliktherde, Lageeinschätzungen und der deutsche Standort.

Rainer Burchardt: Ja, Herr Scholl-Latour, ich sage es ja ungern, aber wenn man als Kollegen jemanden sucht, der die Inkarnation eines Kosmopoliten ist, dann sind Sie das. Sie haben im Grunde genommen im Laufe ihres Berufslebens die ganze Welt bereist und erklärt, Sie tun das auch bis auf den heutigen Tag, und deshalb möchte ich ganz gern unser heutiges Gespräch damit beginnen, Sie zu einer Beurteilung der aktuellen Lage in Nordafrika zu verleiten. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sehen, wie da plötzlich die Leute auf die Straße gehen - nehmen wir jetzt Ägypten, Tunesien -, dann erfolgreich auch die Regimes ablösen, auf der anderen Seite - im Augenblick jedenfalls - Libyen sehr unübersichtlich?

Peter Scholl-Latour: Es betrifft nicht nur Libyen, diese Unsicherheit der Gegenüberstehenden, in Tunesien ist ja auch noch nichts geklärt, und auch in Kairo nicht. Es gibt ja inzwischen schon wieder Friktionen, die Studenten protestieren gegen die noch viel zu starke Stellung der Militärs, und wer bei den Wahlen - falls die Wahlen ehrlich sein sollen - wer dann die stärkste Partei sein wird, das ist noch äußerst ungewiss, sowohl in Tunesien als auch in Ägypten, sodass also der Jubel, der im Westen hochkommt, durchaus verständlich ist, ich teile ihn auch - es wurde auch Zeit, dass mal irgendwas geschah, nämlich wir befanden uns ja in einem schrecklichen Zustand der Heuchelei, wir predigten der ganzen Welt Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit und paktierten dann mit Diktatoren, die mehr oder weniger übel waren, im Falle Gaddafi, war schon ein extrem übler Fall, nämlich, der hat ja internationalen Terrorismus betrieben von Nordirland bis zu den Südphilippinen, hat Lockerbie auf dem Gewissen, und da hätte man nun wirklich nicht einlenken dürfen.

Burchardt: Wie sehen Sie denn vor diesem Hintergrund das Abstimmungsverhalten Deutschlands im Weltsicherheitsrat? Man hat sich ja enthalten, als es um den Militäreinsatz ging. War das schlau?

Scholl-Latour: Nein, das war ein unsäglicher diplomatischer Fehler, ich weiß auch gar nicht, was die Regierung dazu verleitet hat. Es ist grotesk gewesen. Die Behauptung, man hätte dort Soldaten hinschicken müssen, war völlig falsch! Es ging ja nur darum, dass man diesen - wie soll ich sagen - Freiraum in der Luft schafft, damit die Flugzeuge und Hubschrauber von Gaddafi nicht aufsteigen können, und an die Bundesrepublik war überhaupt keine Forderung gestellt worden, daran irgendwie teilzunehmen. Und dann auf einmal findet die Bundesrepublik als einziges Land der Europäischen Union, als einziges Land der Atlantischen Allianz, auf einmal sich der Stimme zu enthalten. Bei Schröder damals im Irak war das eine ganz andere Situation, nämlich in diesem Falle hat ja die UNO zugestimmt, und - was ja alle überrascht hat - die Arabische Liga hat sogar zugestimmt.

Burchardt: Deutschland war da Seite an Seite mit den Chinesen und mit Russland, das ist ja eine neue Allianz, die einen beunruhigen könnte!

Scholl-Latour: Das hat Westerwelle sogar betont. Wir sind ja nicht allein, es gibt ja auch Russland und China, und wir haben keinen Konflikt mit Russland mehr, im Gegenteil. Wir werden in Zukunft sehr eng auf eine Zusammenarbeit mit Russland angewiesen sein, wir haben von Russland überhaupt nichts mehr zu befürchten. Die Dampfwalze, von der man in meiner Kindheit sprach, die existiert ja nicht mehr. Russland ist ja ein unterbevölkertes Land. Und was China betrifft, das ist eben ein Land mit seinen eigenen Gesetzen, und in mancher Beziehung ist China - man wirft ihnen immer vor, dass sie Wirtschaftsbeziehungen unterhalten zu Diktatoren, zu Militärherrschern und zu Tyrannen, dass sie also überhaupt nicht nach dem Regime fragen - aber im Grunde sind in der Beziehung die Chinesen ehrlicher. Die sagen: Wir kümmern uns nicht darum, das ist deren eigene Angelegenheit, wenn sie ihr Regime ändern wollen, sollen sie es machen. Aber bei uns predigen wir Demokratie und paktieren dann mit den Leuten, die alles andere sind als demokratisch oder menschenfreundlich.

Burchardt: Wie schätzen Sie denn überhaupt das politische Fingerspitzengefühl deutscher Außenpolitiker, wesentlicher Außenpolitiker ein, die eigentlich erst dann wach werden, wenn es tatsächlich im Karton in solchen Staaten rappelt?

Scholl-Latour: Ja, das Schlimme ist, ich sehe im Moment überhaupt keine deutsche Außenpolitik. Ich meine, wir haben zwei Partner, die unentbehrlich sind, das hatten alle Kanzler bisher auch verstanden gehabt. In Europa ist es nun mal Frankreich, ob uns Herr Sarkozy sympathisch ist oder nicht, das spielt keine Rolle, und dann - sagen wir, zu unserer Sicherheit, die Bundeswehr ist, sagen wir, für einen wirklichen Kriegseinsatz ja nicht gerüstet, wie wir sehen - sind die Amerikaner weiterhin unentbehrlich. Und diese Verweigerung, das sieht man, wie gesagt, bei Schröder war es aber - der hatte natürlich auch Wahlabsichten dabei gehabt, und er hat ja die Wahl auch damals knapp gewonnen. Aber wenn das wirklich gemacht worden ist mit dem Hintergedanken, dass möglicherweise die Menge der deutschen Bevölkerung gegen eine Beteiligung in Libyen wäre - erstens mal wurde das ja gar nicht gefordert, und zweitens war es außerordentlich töricht, wir sind unsichere Kandidaten gewesen, und auf militärischen Gebiet, wo die deutsch-französische Zusammenarbeit schon sehr weit gediehen war, ist jetzt eine Annäherung Frankreich und England im Gange - also die Entente cordiale ersteht so ein bisschen wieder - und auch für die Amerikaner sind wir unsichere Kandidaten geworden, auch infolge unserer Haltung in Afghanistan.

Burchardt: Ist damit auch der Wunsch nach einem ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat endgültig ad Acta?

Scholl-Latour: Ja, den können wir uns abschminken, ja.

Peter Scholl-Latour im "Zeitzeugen"-Gespräch des Deutschlandfunks. 

Scholl-Latour: Ich habe immer - schon als Kind im Grunde - davon geträumt, die Welt - mehr oder weniger, zu entdecken, zu bereisen.

Der Grenzgänger aus dem Saarland - halb deutsch, halb französisch.

Burchardt: Herr Scholl-Latour, wir sprechen über ihr Leben. Ihre Familie kommt aus dem Saarland. Sie selbst sind als Halbjude durchaus unter Pression gesetzt worden, gerade während Ihrer Schulzeit. Sie mussten teilweise auch in die Schweiz umsiedeln und dort zur Schule gehen. Wie war denn das eigentlich als Junge in dieser etwas unsicheren Zeit nach Weimar aufzuwachsen?

Scholl-Latour: Ich habe im Grunde wahnsinniges Glück gehabt.

Burchardt: Das haben Sie ja sehr bewusst erlebt.

Scholl-Latour: Ich war dann in der Schweiz in einem sehr streng katholischen Internat, aber all diese schrecklichen Dinge, die man von den Internaten hört, habe ich nie erlebt, also quasi nie eine Spur davon überhaupt gespürt, insofern, ich habe eine gute Erinnerung an dieses Collège Saint-Michel in Fribourg in der Schweiz. Und als dann nachher mein Vater kein Geld mehr schicken konnte in die Schweiz, bin ich dann nach Deutschland. Und dann hatte ich das Glück - dann kam ich nach Kassel ans Willhelmsgymnasium und bin dort auf eine extrem freundschaftliche Atmosphäre gestoßen. Was mit mir los war, wusste keiner, außer denen in der Lehrerschaft, die aber nichts davon redete, und mit den Schülern hatte ich die besten Beziehungen, und es ist mir sogar passiert, ich war auch dort in einem - das gab es damals auch - so ein kleines katholisches Internat, was von Marianistenbrüdern geführt wurde. Und ich habe, sagen wir, dieses Grauen in der Form natürlich zur Kenntnis genommen. Aber ich persönlich habe relativ wenig davon miterlebt, außer am Ende, wo ich dann nachher - die letzten Monate des Krieges - in den verschiedenen Gestapo- und SD-Gefängnissen verbracht habe. Aber auch das ist im Grunde, wie soll ich sagen, das ist überstanden halt. Ich habe es gut überstanden.

Burchardt: Ihr Name verrät es ja, und wenn Sie gerade vom Kriegsende sprechen, so sollte nicht unerwähnt bleiben, dass sie dann ja zu den Parachutisten, also in Frankreich dann zu den Fallschirmjägern gegangen sind. Sie sind also halb deutsch, halb französisch, könnte man sagen.

Scholl-Latour: Ich habe die doppelte Staatsangehörigkeit, ja.

Burchardt: Zumindest in dieser Hinsicht vielleicht auch, was jetzt die Staatsbürgerschaft angeht, auch hier jemand, der tatsächlich über die Grenzen hinwegblickt. Was hat Sie damals dazu bewogen, zur Armee in Frankreich zu gehen? War das auch noch so ein Stück heimliche Rache an Deutschland?

Scholl-Latour: Ach, wissen Sie, ich habe immer - schon als Kind im Grunde - davon geträumt, die Welt - mehr oder weniger, zu entdecken, zu bereisen, und mein Vater hatte mir - das war schon, bevor ich noch ins Internat kam - Bücher gegeben von Sven Hedin, Stanley und so weiter, das war also meine Lektüre. Und ich habe im Grunde dann das realisiert, was ich wollte, und ich hatte mich ja erstmal im Krieg noch gegen Japan gemeldet gehabt, und dann kapitulierte Japan, und dann wurde umgeschaltet auf Indochina, und durch persönliche Entscheidung des General Leclerc, der damals der Oberbefehlshaber war, wurde ich dann also der besten französischen Einheit zugeordnet, die es damals gab, das war die einzige französische Special-Air-Service-Einheit, das Commando Parachutiste Ponchardier, und das war für mich insofern eine sehr gute Erfahrung. Ich habe den asymmetrischen Krieg, von dem man heute redet, praktisch vorweggenommen. Also, man hat mir später nichts vormachen können bei Partisanenkriegen und so weiter, weil ich es selbst erlebt habe und selbst meine Erfahrungen dort gesammelt habe.

Burchardt: Ja, Sie gelten ja auch als einer der großen Kriegsberichterstatter der Nachkriegszeit, insbesondere Indochina ist zu nennen, dann natürlich Afrika, der Nahe Osten - eigentlich haben Sie all diese Bereiche ja sehr intensiv verfolgt.

Scholl-Latour: Ja, und oft auf beiden Seiten. Ich war im Krieg zwischen Irak und Iran, da bin ich auf beiden Seiten der Front gewesen, mehr natürlich auf iranischer Seite, weil ich da auch die engeren Beziehungen hatte.

Burchardt: Das war der Krieg von 1988, von dem Sie sprechen.

Scholl-Latour: Genau, ja.

Burchardt: Aber wir sind jetzt noch am Anfang der 50er-Jahre. Sie haben dort dann studiert, sie haben auch an der Sorbonne ihre Dissertation gemacht als Politologe, und auch ein bisschen als Reisejournalist damals schon gearbeitet.

Scholl-Latour: Ja, ich habe zwei Studien gemacht praktisch.

Burchardt: Was hat Sie dazu bewogen?

Scholl-Latour: Ich hab Science Politique gemacht, mein Diplom gemacht, das ist ja eine der Grandes Écoles im Grunde in Frankreich, und dann an der Faculté des lettres habe ich dann ein Doctorat ès lettres. Aber ich habe ein Thema genommen, was politisch war, ich habe, sagen wir mal, den Übergang der deutschen bürgerlichen Literatur zur nationalsozialistischen genommen.

Burchardt: Um den Charakter Ihrer deutsch-französischen Herkunft noch zu unterstreichen, waren Sie on top 1954 und 1955 Pressesprecher der ersten Regierung im Saarland, der Regierung Hoffmann, 1955 gab es dann ja die Volksabstimmung über die Zugehörigkeit des Saarlandes nach Deutschland. Hätten Sie das Saarland eigentlich lieber auf der französischen Seite gesehen, und wie ging es ihnen persönlich eigentlich, ist das nicht auch ein wenig eine staatsbürgerschaftliche Schizophrenie, mit der Sie zurechtkommen mussten?

Scholl-Latour: Das war gar nicht mehr die Frage damals. In dem Moment, als ich bei Hoffmann angefangen habe als Pressesprecher - und ich war nur zuständig für die ausländische Presse, Gott sei Dank nicht für die innere Presse, die deutschen Zeitungen waren ja verboten, damit hatte ich Gott sei Dank nichts zu tun, ich hatte keine Zensurauflagen gehabt, ich hatte den Kontakt zur ausländischen Presse. Dazu gehörte aber die deutsche Presse, und im Grunde alle Freunde, die ich im deutschen Journalismus hatte, inzwischen - angesichts des Alters - viele sind tot, aber Klaus Bölling oder Kimski von der "Süddeutschen Zeitung" und Schwerin bei der "Frankfurter Allgemeinen" sind bis zum Ende - Weihenstein auch von der "Frankfurter Allgemeinen - sind bis zum Ende meine besten Freunde, sind es heute noch.

Burchardt: Ja, das ist ja ein Namenskatalog der großen Leute der 50er-, 60er- und 70er-Jahre, das kann man ja wirklich so sagen.

Scholl-Latour: Das hatte keine Schwierigkeiten. Selbst innerhalb der - die Saar ist ein verträgliches Land, das war nicht die Stimmung der DDR. Ich habe mich auch mit den Kollegen, die auch zum Heimatbund gegangen sind, zu deutsch, mich dann da abends getroffen, wir haben Wein zusammen getrunken und sind im Grunde gute Freunde gewesen.

Scholl-Latour: Mein großer Durchbruch war in Afrika gewesen: Das war also die Kongokrise.

Das Journalistenleben des Peter Scholl-Latour - von Gastspielen im Inland zum Primat der Auslandsberichterstattung.

Burchardt: Herr Scholl-Latour, trotzdem die Frage: Die 50er-Jahre waren ja im Grunde genommen europapolitisch hochbrisant und hochinteressant. 1952 die Stalin-Note. 1953 Aufstand in Ostberlin. 1956 der Aufstand in Budapest oder 1958 das Chruschtschow-Ultimatum. Sie haben sich abgesetzt nach Indochina, und Sie haben im fernen Osten sozusagen ihre Aufgabe gesehen. War das für Sie eine Fehlentscheidung oder war das für Sie genau das richtige?

Scholl-Latour: Das war ja vorher, nicht?

Burchardt: Anfang der 50er.

Scholl-Latour: Ich bin ja mit den ersten französischen Truppen dort an Land gegangen, ungefähr zwei Jahre hat das gedauert, und all die anderen Sachen sind ja später passiert, wesentlich später, und - sagen wir mal so - bei Ungarn, da war ich - ich weiß nicht wo, wahrscheinlich in Afrika oder so etwas.

Burchardt: Hat Sie die Innenpolitik nicht so interessiert?

Scholl-Latour: In die Innenpolitik habe ich mich nie eingemischt, und ich bin ja mal kurze Zeit Chefredakteur des "Stern" geblieben, und das war im Grunde für mich der größte berufliche Stress gewesen, denn ich war zum Beispiel Anhänger der Nachrüstung. Ich hatte 300 Kollegen und Freie Mitarbeiter im "Stern", die dagegen waren. Das konnte nicht gut gehen.

Burchardt: Also in der Höhle des Löwen. Aber die konnten nicht viel sagen, weil das nach der Pleite des "Sterns" mit der Veröffentlichung der Hitler-Tagebücher zusammenhing.

Scholl-Latour: Aber die waren auch zutiefst traumatisiert und Sie werden sich wundern, aber ich habe immer daran geglaubt übrigens, dass irgendeine Form von deutscher Wiedervereinigung stattfinden würde, wie die meisten Franzosen übrigens auch. Nur dachte ich, es würde eine Form einer Konföderation, ich habe das sogar schriftlich von mir gegeben, und das Wort Wiedervereinigung war damals in der Redaktion des "Stern" tabu. Das war irgendwie ...

Burchardt: Ja, ja, sofern das die Grenzen von 1937 im Hintergrund betraf. So gesehen war Wiedervereinigung natürlich auch nicht genau ein treffendes Wort, das muss man ja schon so sehen.

Scholl-Latour: Ja, und was Dieter Göütz, der mein Stellvertreter war, und dessen Vater nun bei den Nationalsozialisten sehr stark mitgewirkt hatte, und das Regime nachträglich hasste geradezu, der hat dann Selbstmord begangen, als die deutsche Wiedervereinigung begann. Er hat es ja betrachtet als gewissermaßen, religiös war er nicht, aber als eine Strafe des Schicksals, die über Deutschland gekommen war.

Burchardt: Wir haben jetzt einen Riesensprung gemacht in die 80er-Jahre, ich würde doch ganz gern die auch für Sie ja sehr spannenden und auch - ich will mal sagen - für Ihr Renommee sehr wichtigen 50er-Jahre zurückkommen, wo Sie dann tatsächlich aus dem Dschungel, aus dem Vietnamkrieg berichten konnten in den 60er, in den 70er-Jahren. Sie waren unterwegs mit Berichten fürs ZDF beispielsweise.

Burchardt: In den 70er-Jahren waren Sie beim ZDF.

Scholl-Latour: In den 70er-Jahren, ja, das stimmt, aber davor war ich ja beim WDR. Meine Karriere hat begonnen in der "Saarbrücker Zeitung", wo ich als Volontär begonnen hatte, und dann hatte ich das große Glück, dass der Justitiar von der "Saarbrücker Zeitung" noch seine Verbindung zu den deutschen Zeitungen hatte, und wir haben dann so einen Pool gebildet, der mir erlaubt hat, schon von 1950 an die ganze Welt - ich habe angefangen mit Amerika und Mexico, dann bin ich nach Indochina gegangen, in diesem Falle nicht als Soldat, aber als Beobachter, und dann habe ich auch 1951 meine erste große, ausführliche Reise durch den Orient gemacht, also bis nach Shiraz und quer durch die Türkei, durch Syrien und Irak, alles das im Eingeborenenbus, ich hatte wenig Geld, und bin dann Wagen des französischen Generalkonsuls in Jerusalem über die Grenze nach Israel rein und bin dann von Israel aus zurückgeflogen, habe Israel also sehr, sehr früh, drei Jahre nach der Gründung, 1951, zum ersten Mal gesehen.

Burchardt: Aber auf den Sesseln in den Büros - sie haben den "Stern" schon mal genannt, den WDR, da waren Sie ja auch in leitender Funktion tätig - hat es Sie nie lange gehalten. Warum eigentlich?

Scholl-Latour: Ich war ja dann nachher - also mein großer Durchbruch war in Afrika gewesen, sagen wir mal so. Weil die Kongo-Krise - ich war damals der einzige deutsche Journalist am Platz, die anderen waren alle abgereist - und damals war die Öffentlichkeit so interessiert an den Kongo-Ereignissen, dass ich jeden Abend, jeden Nachmittag - von Léopoldville, also Kinshasa heute, konnte man aus nicht senden, das war sehr chaotisch - bin ich über den Kongo nach Brazzaville, wo die Franzosen die Krise noch im Griff hatten, da habe ich jeden Abend meinen Kommentar gesprochen und bin dadurch bekannt, über den Hörfunk bekannt geworden.

Burchardt: Na, nicht nur Radio, sondern dann ja auch Fernsehen, was ja noch in den Anfangsschuhen, in den Kinderschuhen steckte. Haben Sie damals schon geahnt: Fernsehen, das ist mein Medium, diese Reportagen, diese Bilder, die ja teilweise grausam, aber auch faszinierend waren, aber uns natürlich die Welt auch in die Stuben gebracht haben.

Scholl-Latour: Nein, ich habe es überhaupt nicht gemerkt.

Burchardt: Das ist die Zukunft der Medien?

Scholl-Latour: Ich habe natürlich gemerkt, dass das Fernsehen, sagen wir mal, ein beherrschendes Medium sein würde, aber entschieden hat sich die Sache durch einen ersten Auftritt im Frühschoppen bei Höfer, da ist man im WDR auf mich aufmerksam geworden, und dann wusste man, dass ich perfekt französisch konnte, und der WDR bekam die Zuständigkeit für Frankreich, nicht wahr, innerhalb der ARD. Es gab kein Büro in Paris, es gab meinen Freund George Troller, aber der machte damals das Pariser Journal, aber ich habe dann das Büro der ARD dort gegründet, Klaus von Bismarck, der Intendant, ist dann rübergekommen, es war eine sehr gelungene Veranstaltung, und das war für mich die große Überraschung, ich habe ja nie Fernsehen vorher gemacht, bin ins kalte Wasser gesprungen. Ich wusste nicht, ob meine Stimme ankommen würde, vom Typus her bin ich eher mediterran, aber ich habe binnen weniger Wochen - vor allem dank dem "Weltspiegel" - eine ungeheure Popularität in Deutschland gewonnen. Das hat sich dann fortgesetzt und ging dann so weiter, ich hatte ein sehr gutes Verhältnis auch zu Klaus von Bismarck, der Eichenlaubträger war während des Krieges, also auch von militärischen Dingen was verstand, und dann hat ...

Burchardt: ... ein sehr liberaler Intendant ...

Scholl-Latour: ... sehr liberaler Intendant, und dann eines Tages hatte er Schwierigkeiten, einen Fernsehdirektor zu finden, und hat gesagt, wollen Sie nicht Fernsehdirektor werden? Und da habe ich gesagt, ich führe das Leben, von dem ich immer geträumt habe, ich reise in der Welt herum. Und dann hat er gesagt, ich packe sie jetzt beim Portepee - es ging da sehr preußisch zu -, und dann habe ich eben das akzeptiert. Und nach zwei Jahren kam dann eine Umstrukturierung des WDR, dann hätte ich gegen Höfer antreten müssen, mit dem ich mich übrigens gut verstand. Aber da habe ich gesagt: Jetzt bist du 47 Jahre alt, und wenn du jetzt da bleibst, dann bleibst du die ganze Zeit in der Verwaltung stecken, und habe dann den Sprung gemacht zum ZDF rüber und habe dort ein Angebot bekommen, das wohl nie wieder ein Journalist bekommen wird: Ich durfte meine Thesen - weil ich war Korrespondent in Paris, und gleichzeitig konnte ich mir in der Welt die Länder aussuchen, die Themen, Konflikte aussuchen, die mir interessant erschienen.

Burchardt: Wie beurteilen Sie eigentlich jetzt die aktuelle Auslandsberichterstattung, die auch mit relativ kurzen Takes eigentlich in den Hauptnachrichtensendungen und nicht nur im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bestückt wird - sind wir da auch auf einem Weg, dass eine gewisse Oberflächlichkeit und wenig Hintergrund und wenig Information über Land und Leute geschieht.

Scholl-Latour: Ja, ich will da den Kollegen gar keinen Vorwurf machen, es wird ihnen ja gar nicht die Zeit dazu gelassen auch. Und die Korrespondenten müssen zutiefst frustriert sein, auch an Ort und Stelle, weil sie immer nur so ein paar Sätze daherreden können, und dann übernimmt schon der Moderator. Vor allem es gab ja etwas zu meiner Zeit, was ich gelegentlich ja auch noch realisieren kann, aber es wird immer schwieriger und es wird in die späte Nacht verbannt, die großen Dokumentationen. Das war meine Stärke gewesen, und das war auch dasjenige, was Spaß gemacht hatte. Da konnte man natürlich die historischen und auch die kulturellen Aspekte mit einbeziehen, die, sagen wir, der Armbruster, der in Tripolis steht, gar nicht erwähnen kann aufgrund der paar Sätze, die ihm zur Verfügung stehen.

Burchardt: Da Sie es gerade ansprechen: Die Dokumentationen werden ja tatsächlich laut offizieller Erklärung der ARD zugunsten von noch mehr Talkshows in den Hintergrund und auch zu späteren Zeiten gesendet in Zukunft. Lässt sich da ein Trend ablesen, dass man tatsächlich mehr auf Quote als auf Qualität achtet.

Scholl-Latour: Ja, das sowieso, also die Quote ist - ich bin ja Fernsehdirektor gewesen, aber zu einer Zeit, als es noch keine privaten Sender gab. Das ZDF war gerade im Entstehen, und ich hatte ja als Fernsehdirektor für den WDR 25 Prozent des Programms der ARD. Ich habe gesagt, in Köln muss ich auf zwei Sachen Rücksicht nehmen: Das ist der Karneval und der Millowitsch mit seinem Theater. Alles andere mache ich so, wie es mir gefällt, und habe das nach meinem Gusto gemacht. Ich hatte Rohrbach damals zuständig für die Filme, und wir haben die jungen deutschen Filmer, Schlöndorff und Herzog und auch Fassbinder und so weiter, haben wir im WDR gefördert im Grunde genommen. Und das war hochinteressant. Ich war nicht mit allem einverstanden, aber ich habe machen lassen. Und Rohrbach war ein hervorragender Mitarbeiter.

Heute im Deutschlandfunk Zeitzeugengespräch: Peter Scholl-Latour.

Scholl-Latour: Das, was Sarrazin erwähnt, ist im Wesentlichen - entspricht ja den Tatsachen.

Persönliche Nähe zu den Großen der Welt - Ethnische Konflikte und die Rolle der Religion.

Burchardt: Eines Ihrer Highlights sind ja Ihre Kontakte, die Sie in den 70er-Jahren, in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre, in Paris zu Ayatollah Khomeini geknüpft haben. Schon 1978 - er ging ja 1979 dann in den Iran, und das Ergebnis ist bekannt - schon 1978 haben Sie sein Vertrauen gehabt. Haben Sie absehen können, dass er vorhat, einen Mullahstaat im Iran zu errichten?

Scholl-Latour: Ja. Ich war davon überzeugt, im Gegensatz zu allen westlichen Nachrichtendiensten, die eher dachten, dass der Schah kippen würde und dann eventuell doch eine, sagen wir, linksgerichtete Entwicklung käme, die Tudeh-Partei, die kommunistische Partei, die ja in Ostberlin sehr verankert war, war relativ stark, da gab es die Volksfedajin, die Mudschaheddin, die es heute noch gibt, und so weiter, also man dachte nicht daran, dass dort ein schiitischer Gottesstaat entstehen würde. Aber da ich nun die Umgebung von Khomeini ganz gut kenne - das war Sadegh Tabatabei, der Dozent in der Universität in Bochum war -, und die hatten ja alle meine Berichterstattung beobachtet.

Burchardt: Ist man von der Seite auf Sie zugekommen, oder sind Sie auf die Leute zugekommen.

Scholl-Latour: Er ist auf mich zugekommen. Ich bin natürlich raus gefahren, aber die kannten mich ja alle, nicht? Die lebten in Deutschland, auch die heutigen Iraner, heute Araber in Deutschland, die kennen mich, ich bin der Vorsitzende der deutsch-arabischen Gesellschaft. Ich habe jetzt vor ein paar Tagen noch in Mühlheim vor 1000 Muslimen der deutschen islamischen Vereinigung gesprochen, die an und für sich ein bisschen unter dem Schatten des Verfassungsschutzes auch steht, aber ich genieße ein großes Ansehen, und wie gesagt, darüber hinaus, ich habe die Möglichkeit nach Teheran zu fahren und zu filmen - noch zurzeit des Schah - und die Filme haben sich natürlich - es waren keine Geheimfilme, es waren Filme, die im Fernsehen gelaufen sind! - die hat sich Khomeini dann persönlich auch angesehen, und sein Sohn Ahmed saß öfters in meinem Büro und hat sich das angeschaut. Ich war also mitten in dieser Menge eingekeilt - zwei Millionen Menschen, ich war natürlich geschützt durch meine Freunde, aber ich habe dann doch, um die Stimmung etwas zu meinen Gunsten auch anzuheizen, habe ich dann ein Zitat aus dem Koran erwähnt. Khomeini hat sich das angesehen und gesagt: Sie haben etwas Richtiges gesagt.

Burchardt: Wie war das denn damals eigentlich? Sie haben sicherlich davon profitiert, dass der Mann zu Ihnen Vertrauen hatte. Hatte er auch Vertrauen zu Ihnen insoweit als er Sie vielleicht auch mal bei ausgeschaltetem Mikrofon, bei ausgeschalteter Kamera darum bat, eine Einschätzung über die Entwicklung, und wie die Entwicklung gerade jetzt im Iran in Europa oder auch überhaupt im Westen ankommt?

Scholl-Latour: Nein, aber ...

Burchardt: Denn das war ja nun eine Brisanz, und wenn man dann auch an die Befreiung der Geiseln in Teheran, der amerikanischen Geiseln in der dortigen Botschaft denkt ...

Scholl-Latour: ... für die Khomeini übrigens nicht verantwortlich war!

Burchardt: ... das war natürlich schon brisant, das war schon brisant.

Scholl-Latour: Das habe ich aus der unmittelbaren Nähe miterlebt. Im Gegenteil, Khomeini hat versucht sogar, durch die Religionsschüler [...] zu verhindern, aber hatte nicht damit gerechnet, dass sie gemeinsame Sache mit den Botschaftsbesetzern machen würden, die übrigens heute - die, die damals die Sache durchgeführt haben - an der Spitze der Reformer stehen, die auf die Straße gehen. Und er ist keiner meiner Fragen ausgewichen. Ich habe ja dann nachher ein langes Gespräch mit ihm - zwei Tage nach der Besetzung der amerikanischen Botschaft in Grom gehabt, und er hat dann sehr offen gesprochen, auch sehr - wie soll ich sagen - sicher. Es gibt ja, sagen wir, diese theologischen Fragen, die natürlich heute niemanden mehr interessieren würde, aber die Statthalterschaft des Rechtsgelehrten, des Gerechten [...] darüber konnte man schon mit ihm reden.

Burchardt: Sie gelten als überzeugter Katholik. Von Haus aus sind Sie Halbjude. Wie kommt man mit so einem Status, mit so einem Menschen dann klar? Interessierte den das nicht? War das überhaupt ein Thema, auch ein Gesprächsthema mal nebenher?

Scholl-Latour: Schauen Sie, meine sehr strenge katholische Erziehung - ich bin auch ganz im integristischen Katholizismus erzogen worden, und im Grunde im fundamentalistischen Katholizismus. Das hat mir aber die Möglichkeit gegeben, den fundamentalistischen Islam besser zu verstehen als andere Leute, die mit der Religion nie was zu tun hatten.

Burchardt: Verstehen Sie ihn heute noch so, wie er sich auch auswirkt, wie er teilweise in Spielarten hin zum Terrorismus sich äußert? Oder auf der anderen Seite die Islamophobie, die das auch hervorruft möglicherweise - Stichwort Sarrazin?

Scholl-Latour: Ja, das, was Sarrazin erwähnt, ist im Wesentlichen ja - entspricht ja den Tatsachen. Aber ich habe - wie gesagt - jetzt in Mühlheim vor 1000 Muslimen gesprochen und habe denen gesagt - und das waren also Leute, die wie gesagt hier nicht in Gnade stehen, die bei dieser Runde des Innenministeriums gar nicht zugelassen sind, was übrigens ein großer Fehler ist, man muss mit denen reden, die wirklich repräsentativ sind und nicht nur einfach mit zum Beispiel den Aleviten, die liebe Leute sind, aber die im Grunde keine richtigen Moslems sind, oder diejenigen, die sowieso schon voll integriert sind - ich habe denen gesagt: Bei Gott, wenn ihr hier was werden wollt in Deutschland, dann sagt euren Kindern, dass sie lernen und dass sie vor allem die technischen Berufe erlernen, dass sie nach oben kommen. Und ihr wisst ja genauso gut wie ich, dass sagen wir Gewaltakte wie Anzünden von Autos oder Belästigung von Frauen oder sogar Drogenhandel im Islam noch viel schärfer bestraft werden als in den europäischen Ländern. Also, im Grunde müsste die islamische Religion sich da als Wächter davor stellen, nicht wahr? Dass man nun diese Vereinigung mit den Muslimen als Mittel benutzen will, den sogenannten islamistischen Terrorismus zu bekämpfen - von dem wir in Deutschland noch nicht viel gespürt haben - ist völliger Blödsinn. Abgesehen davon, diese Sauerland-Gruppe, das waren deutsche Konvertiten, nicht wahr? Einer aus dem Saarland übrigens.

Burchardt: Wird nicht aber dennoch durch solche Veröffentlichungen - Sie haben gesagt, was Sarrazin schreibt, ist ja richtig -, wird aber nicht auch durch die PR, die damit verbunden ist, dann vielleicht ein Bild vermittelt, was sehr auf Angst und was sehr auf Separation von einer Volksgruppe, die nun mal ja bei uns lebt und deren Mehrheit sicherlich auch integrationswillig ist, wird das nicht dadurch geschürt?

Scholl-Latour: Ja, Moment, das ist natürlich die Schwierigkeit, dass die erste Generation - es sind ja im Wesentlichen Türken gewesen - sich im Grunde ganz brav eingefügt hat, die wollten ja für ihre Familien Geld verdienen. Es war ja auch so, dass sie angeworben wurden. Sie sind ja nicht hier eingedrungen, sondern die deutschen Industriellen sind ja nach Istanbul und Ankara gegangen und haben sich die ausgesucht im Grunde, die am wenigsten gebildet waren, oder die am billigsten sein würden und wahrscheinlich am wenigsten Probleme machen würden. Und dann, die zweite Generation ist dann schon - sagen wir mal - in einem Zwiespalt, die dritte Generation hat jetzt Schwierigkeiten. Und es wäre jetzt wirklich Sache, mit den repräsentativen islamischen Verbänden, die natürlich fromme Moslems sind, zusammenzuarbeiten und - mein Gott, es ist eine andere Kultur, aber man muss sie als solche anerkennen. Es ist ja nicht nur bei uns, was jetzt stattfindet. England hat das Problem, Frankreich hat das Problem, auch im stärkeren Maße, und Russland hat ein enormes Problem mit den 20 bis 25 Millionen Muslimen, die in der Russischen Föderation leben. Ich meine jetzt nicht die [...]. Und die USA, wenn die heute 300 Millionen Menschen zählen, dann ist das nicht wegen der ungeheuren Natalität, sie haben höhere Natalität als wir, aber es sind auch im wesentlichen die Latinos, die reingewandert sind, und die auch übrigens höchste Stellen inzwischen einnehmen. Man braucht sich nur die Namen anschauen, in den hohen Militärrängen und so weiter, oder auch in der Politik. Die haben sich ihren Platz geschaffen - es sind übrigens durchaus überzeugte amerikanische Patrioten, aber durch ihren halb indianischen und vor allem auch katholischen Background haben sie natürlich eine ganz andere Mentalität als die vorherrschende - jetzt sage ich beinahe Ideologie Amerikas, die White Anglosaxon Protestant mal gewesen waren. Amerika verändert sich auch.

Burchardt: Wir senden aus Köln von Deutschlandfunk auch dieses Gespräch. Und in Köln gab es und gibt es ja schon einen lange währenden Streit um eine fast vor der Fertigstellung stehende Moschee - eine Riesenmoschee in Ehrenfeld, die ja wirklich so etwas wie einen, ja ich will fast sagen, Glaubenskrieg entfacht hat. Wie stehen Sie als Vorsitzender der deutsch-arabischen Gesellschaft zu diesen Streitereien, die ja auch zum Beispiel von Ralph Giordano nun intensiv angeheizt werden?

Scholl-Latour: Ich glaube, dass die - wie soll ich sagen? - die koranischen Gebete, der koranische Gottesdienst, im Wesentlichen die Freitagspredigt und die Freitagsgebete, dass die nicht mehr in Garagen und Schuppen stattfinden, finde ich normal, dass sie ihre Moscheen bauen, auch. Da wo es bedenklich wird, ist, wenn die Finanzierung von außen kommt, und da ist nicht die Türkei diejenige, die mir Sorge macht, sondern es ist Saudi-Arabien. Die haben das Geld. Und in Saudi-Arabien herrscht eine Richtung des Islam, die extrem repressiv ist, ja, auch von den frommen muslimischen Türken, die bei uns sind, abgelehnt wird. Aber die verfügen über so viel Geld und genießen die Gunst natürlich des Westens. Unsere Verbündeten sind die Leute, die im Grunde genau so wie die Taliban die Scharia in ihrer extremen Form durchführen!

Burchardt: Kann denn die Islamkonferenz - die ja im Augenblick in einem etwas merkwürdigen Licht dasteht - kann die Islamkonferenz versuchen, diese Fronten aufzubrechen, die da immer wieder zwischen einzelnen Gruppierungen entstehen?

Scholl-Latour: Die Islamkonferenz ist - meiner Ansicht nach - unter völlig falschen Vorzeichen gestartet, mit der falschen Besetzung sowohl von der deutschen Seite als auch von der islamischen Seite. Das kann nicht viel geben. Ich nehme an, das war das eben, das bezeichnet die Redner, die dort aufgetreten sind. Da waren die Leute von der Milis Görüs dabei und vom Islamrat zum Beispiel, die ja auch alle hier im Ruf stehen, extremistisch zu sein. Und die trugen alle Schlipse, was ein Zeichen ist, und die werden auch beschimpft von den Moabiten als Schlipsträger.

Burchardt: Ist das Camouflage, oder ist das Anpassung?

Scholl-Latour: Nein, das ist eine - und sie sprachen alle Deutsch! Es wurde nicht türkisch gesprochen oder arabisch, es wurde alles - und zwar vorzüglich - Deutsch gesprochen.

Burchardt: Wie sind die Kontakte, die Sie jetzt als Funktionär und mit Ihrer Organisation zu den einzelnen islamischen Gruppierungen in Deutschland haben?

Scholl-Latour: Ja, hervorragend, nicht? Ich habe wie gesagt dort als einziger Nichtmoslem eine Rede gehalten und habe auch schon bei den Niederlassungen des Islamrates in Bonn damals - also das Hauptbüro - habe ich ebenfalls eine Eröffnungsrede gehalten. Und ich rede da ganz offen. Auch so - ich bin zum Beispiel nicht für den Beitritt der Türkei zur Europäischen Union, sage ich auch ganz offen! Aber nicht aus den Gründen, die angeführt werden, sondern ich sage: Ihr seid die Erben eines großen Reiches, und die Türkei ist eine Macht heute im Orient, und euer Einfluss geht - die türkische Bevölkerung - bis tief nach Zentralasien, bis nach China mit den Uiguren, und ihr seid ein Ordnungsfaktor auch in diesem sehr chaotischen Nahen Osten. Ihr habt dort eine ganz andere Aufgabe und wenn ihr das innerhalb der Europäischen Union macht, dann verliert ihr auch euer Ansehen, sagen wir, innerhalb der islamischen Welt und dann käme natürlich auch hinzu, dass, wenn die Türken in der Europäischen Union sind, wird man verlangen, dass die Kurden in der Türkei ihre eigene Kultur pflegen können und auch eine politische Autonomie genießen, das käme dann zum Bürgerkrieg. Es ist also auch gar nicht im Interesse der Türkei - ich glaube auch inzwischen, dass Herr Erdogan das begriffen hat.

Scholl-Latour: Die weiße Menschheit, wie man sagen muss, ist sich gar nicht mehr bewusst, dass sie ihre führende Stellung in der Welt verloren hat.

Demografie als die größte Herausforderung für den Westen.

Burchardt: Herr Scholl-Latour, wie stehen Sie vor dem Hintergrund Ihres persönlichen Engagements für diese Sache zu einem Ausspruch eines Ihrer großen Kollegen, der leider schon früh verstorben ist, Hans Joachim Friedrichs, der gesagt hat: Als Journalist soll man sich mit keiner Sache, auch keiner guten, gemein machen?

Scholl-Latour: Das tue ich auch nicht, nicht wahr? Es war ja so, bei meiner ersten Berichterstattung über den Islam sind ja die deutschen Orientalisten über mich hergefallen. Ich habe ja immerhin auch zwei Jahre lang arabisch und Islam studiert und habe ein Diplom in Bayreuth gemacht. Aber sie sind über mich hergefallen, und haben mich als Islamfeind bezeichnet, weil ich gesagt habe: Dies ist eine kämpferische Religion. Der Prophet Mohammed - im Gegensatz zu Jesus - war eben nicht nur Künder des göttlichen Wortes, sondern er war auch Staatsgründer, er war Gesetzgeber - der Koran ist im Wesentlichen ein gesetzgeberisches Buch - und er war Feldherr. Wenn ich sage, das ist eine kämpferische Religion, das heißt jetzt nicht, dass sie Europa erobern wollen, sondern die Bewegungen, die wir jetzt erleben, richten sich gegen Regime, die aus - auch aus islamischer Sicht - als sündig, als unislamisch empfunden werden und vor allem als Vasallen des Westens empfunden werden. Die Komplotte, die im Westen stattgefunden haben, richten sich viel mehr gegen diese Unterstützung, diese tyrannischen und teilweise unislamischen Regime im eigenen Land, die ja von diesen Ländern unterstützt werden.

Burchardt: Darf man denn nach Ihrer Meinung überspitzt formulieren: Der Westen ist schuld an diesen Unruhen, die gerade in diesen religiös bedingten Regimes stattfinden?

Scholl-Latour: Nein, aber der Westen ist heuchlerisch. Wenn man die Menschenrechte - auf die wir nicht verzichten wollen - und die Demokratie und die Meinungsfreiheit, die wir Gott sei Dank haben - aber das wird verkündet für eine Religion, weit weg, eine ausschließliche Religion. Und George W. Bush, was man immer von ihm hält, der hat auch wirklich da dran geglaubt. Der wollte ja in Bagdad einen Leuchtturm der Demokratie errichten, der ausstrahlen würde mit einem Dominoeffekt - der hat ja wirklich dran geglaubt! Und das ist eben nicht weiter der Fall. Die Europäer und Amerikaner, also die weiße Menschheit, wie man sagen muss, ist sich gar nicht mehr bewusst, dass sie ihre führende Stellung in der Welt verloren hat.

Burchardt: Herr Scholl-Latour, zum Abschluss unseres Gesprächs an Sie persönlich die 100.000-Dollar-Frage: Kaum jemand hat so viel außenpolitische Erfahrung, gerade aus Krisenherden, wie Sie in Ihrem Leben gesammelt. Wenn ich Sie jetzt frage, was prognostizieren Sie für die Entwicklung jetzt in Nordafrika - es zieht sich ja im Grunde genommen ein Gürtel praktisch entlang des Mittelmeeres, man muss abwarten, wie sich alles weiterentwickelt, vielleicht auch noch in Marokko -, was kommt dort? Können wir überhaupt per UNO-Dekret in irgendeiner Form Einfluss nehmen, oder sollten wir uns da völlig heraushalten?

Scholl-Latour: Ja, wir sollten uns endlich mal angewöhnen, uns aus diesen Sachen rauszuhalten. Auch sogar zum Beispiel der Herr Töpfer, den ich sehr schätze, aber wenn er sagt, wir müssen Afrika aus der Misere raushelfen ... der afrikanische Kontinent ist ein extrem reicher Kontinent, mit Ausnahme von ein paar Sahelländern, die könnte man ohne Weiteres humanitär versorgen, aber sonst sind dort Rohstoffe vorhanden und auch anbaubare Flächen, wie wir sie gar nicht haben! Wir sollten uns da raushalten und diese müssen sich selber entscheiden - das kann sehr blutig werden und es ist nicht gesagt, dass Libyen, wenn Gaddafi gestürzt ist oder geflohen ist oder umgebracht worden ist, dass Libyen in eine Art somalische Situation gerät. Es sind ja keine strukturierten Parteien da dabei. Und eines ist wohl vorauszusehen - vor allem in Ägypten -, dass die stärkste Partei am Ende neben der Mubarak-Partei, die ja immerhin doch existiert, mit einer gewissen Vertretung, werden wahrscheinlich die Moslembrüder sein, aber die Moslembrüder sind keine Mörder und Halsabschneider, das ist eine völlig falsche Sicht! Diejenigen, die Attentate begangen haben, sind extremistische Gruppen wie die Takfir wa'l-Higra, die mit den Moslembrüdern wenig zu tun haben. Wir müssen diese Länder sich entwickeln lassen, aber uns auch bewusst sein, dass die Bedrohung für uns nicht der Terrorismus ist - damit kann man auch leben -, sondern die Demografie, und das ist natürlich eine Wucht! Paul Valery hat mal gesagt: Wir sind ein Kap Asiens.

Burchardt: Aber wenn man jetzt Ihre These mal abklopft und sagt, na ja, wir sollten uns heraushalten, dann war ja vielleicht die Enthaltung in der UNO so dumm gar nicht, oder hätte man vielleicht sogar gegen die Resolution stimmen sollen?

Scholl-Latour: Nein, das war nun wirklich ein totaler Fehler, weil wir sind eingebunden immerhin in Allianzen. Dann können wir ja sagen, gut, dann hören wir auf mit Europa. Das war aber im Grunde so ein bisschen gegen Frankreich gerichtet. Und eins muss man sagen - es ist nun nicht, weil ich französischer Staatsangehörigkeit bin, Soldat gewesen bin -: Wenn die französische Luftwaffe nicht die Panzerkolonne von Gaddafi an den Toren von Bengasi zusammengeschossen hätte, wäre Bengasi gefallen und Gaddafi wäre heute weiterhin der Herr von Libyen gewesen. Aber das hört man hier nicht gern, und wir haben ja eine Verbindung zu Frankreich gehabt, und Adenauer und de Gaulle, und Helmut Schmidt vor allem, was ganz wichtig ist. Das es kein reiner Katholik war, sondern Protestant, also sehr anglophil, aber aus seiner Intelligenz heraus - Helmut Schmidt ist zweifellos unser intelligentester Politiker - hat er eben erkannt, dass es mit England im Grunde nicht geht. England ist eben so nach Amerika ausgerichtet, dass eben Frankreich unentbehrlich ist, und das hat bei Kohl - Mitterand bei der Unterschiedlichkeit der Charaktere erstaunlich funktioniert. Es war Mitterand, der die Hand von Kohl ergriffen hat - das hat Kohl mir selber gesagt - in Verdun, und dieser Kontakt ist im Grunde ... hat sich sehr abgeschwächt. Das liegt übrigens nicht alleine an der Kanzlerin allein, auch der Präsident Sarkozy ist natürlich kein Partner, den man sich eigentlich wünscht.





http://de.wikipedia.org/wiki/Eugen_Kogon




http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Broch




Auch Alfred Döblin trat zum Katholizismus über http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Döblin




1899 auch Karl Kraus, aber 1922 trat er wieder aus.

http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Kraus



Hans Blumenberg war katholisch getauft.






Lorenzo Milani war der zweitälteste Sohn einer bürgerlichen, wohlhabenden, jüdischen Familie in Florenz. Er trat zum Katholizismus über und wurde Priester. Berühmt wurde er als Iniziator der Scuola di Barbiana.

Finanzkrise






www.castell-bank.de

Castellbank

Freitag, 11. November 2011

Donnerstag, 10. November 2011

Mario Monti

http://de.wikipedia.org/wiki/Mario_Monti

Er ist einer der seriösesten Männer Italiens und einer der ganz, ganz wenigen Vollbluteuropäer Italiens. Man kann ihn sich eigentlich nur als Chef einer Übergangsregierung vorstellen. Aber wer weiß. Die Linke wird bei Wahlen kaum gewinnen können, denn sie hat außer Antiberlusconismus nichts zu bieten (mal abgesehen von dem cleveren Matteo Renzi). Mario Monti dagegen repräsentiert haargenau den politischen Bereich, den man sich gerne stark wünschen würde für Italien. Es ist der Bereich, in dem auch Fini, Segni, Pisanu, Montezemolo, Orlando agieren würden. Aber Monti scheint mir zu wenig Machtmensch zu sein, um diesen Bereich strukturieren zu können, und er hat kein Gefolge, nicht mal ein potentielles. Das gilt auch für die anderen Einzelgänger, die aber trotzdem allesamt zu Protagonismus neigen. Keiner von ihnen will die zweite Geige spielen, und Fini, der einzige, der immer ein kleines Gefolge hatte, hat mittlerweile ein kleineres als je zuvor. Trotzdem hat Napolitano seine Sache sehr gut gemacht, wenn Monti Regierungschef werden sollte, Hut ab. Wenn er ein Regierungsmandat annimmt, dann aber nur aus Pflichtbewusstsein. Er würde liebend gern darauf verzichten, glaube ich. Napolitano ist jedenfalls ein kluger und sympathischer Präsident. Er war schon damals, als Berlinguer noch lebte und der Eurokommunismus noch boomte, der einzige Kommunist Italiens, der mir gefiel.

Die deutschen Medien werden wahrscheinlich die nächsten zehn Jahre lang weiterhin Berlusconi die Schuld für alles und das Gegenteil von allem geben und womöglich "das schwer lastende Erbe, das er hinterließ" (wenn nicht den langen Arm diabolisch persistierender Machtentfaltung) dafür verantwortlich machen, dass seine Nachfolger auch nicht zu Rande kommen. Viel klüger als die linke Opposition Italiens sind die deutschen Medien leider nicht.

http://persciun.blogspot.com/2010/05/ende-der-vorstellung.html

Freitag, 4. November 2011

Zensuren


http://de.wikipedia.org/wiki/Zensur_in_der_Bundesrepublik_Deutschland

Dieser Artikel gewann diesmal den Publikumspreis. Wir wissen in Deutschland gar nicht, was wir an Wikipedia haben, insofern wir uns nicht bewusst sind, dass Wikipedia nur in sehr wenigen Sprachen eine wirklich hohe Qualität besitzt! Es gibt z.B. nur sehr wenige wirklich erstklassige Artikel auf italienisch (ich persönlich kenne bisher nur zwei: http://it.wikipedia.org/wiki/Esercito_romano und http://www.ptable.com/?lang=it)

Gesamtsieger ist der Artikel http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Katyn

Mittwoch, 2. November 2011

Lothar Bossle



http://de.wikipedia.org/wiki/Lothar_Bossle

1977 wurde die Universität in Würzburg besetzt, weil Straussfreund Bossle in seinen Soziologievorlesungen Pinochets Zusammenpferchen von Oppositionellen im Fußballstadion mit den Worten rechtfertigte, in Chile sei es schön warm, und das sei nicht so schlimm. Strauss selber gefiel sich damals mit Bemerkungen, wie der, dass Südafrika kein Beispiel für Rassismus sei, denn es handele sich da mehr um eine Art religiösen Sendungsbewusstseins. Strauss mag in vielerlei Hinsicht ein tüchtiger Politiker gewesen sein, aber was zu viel ist, ist wirklich zu viel. Und ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie die Würzburger Universität von Berchem, dem damals jüngsten Rektor Deutschlands, zusammen mit der Polizei und ihren, für Situationen wie dieser geschulten, Schäferhunden geräumt wurde, indem man die gerade eben noch aufgebracht diskutierenden Studenten von zähnefletschenden Hunden in Angst und Schrecken versetzen ließ und rausjagte. Berchem hatte nicht den Anstand, mit den friedlich diskutierenden Studenten die Sachlage zu erörtern und irgendeine Plattform zu schaffen, auf der Bossle im Beisein der Medien und unabhängiger Experten seine Thesen hätte rechtfertigen können und müssen. Berchem war offensichtlich auch zu feige, um sich den Weisungen aus München zu widersetzen.

Ärgerlich war, dass die Gegner von Bossle, Strauss und Berchem, die Studenten, zwar friedlicher, aber nicht zivilisierter und demokratischer waren als diejenigen, über die sie sich zu recht ereiferten. Denn sie forderten ja gerade nicht, Bossle zur Rede zu stellen, seine Vorlesungen wissenschaftlicher Kritik auszusetzen und eventuell Disziplinarverfahren gegen ihn einzuleiten oder das Verfahren, durch das er zu seiner Professur gekommen war, unter die Lupe zu nehmen, sondern schlicht Lehrverbot. Ein geradezu spiegelbildlicher Demokratiedefizit. Es sind diese spiegelbildlichen Defizite, die einen - trotz vieler vorbildlicher Errungenschaften der politischen Kultur in Deutschland - immer wieder mal an Deutschland verzweifeln lassen können. Das Ende dieses Liedes ist noch lange nicht abzusehen. Immerhin lagen die Studenten in Würzburg damals zumindest "mit dem Herzen" richtig, wie aus dem Wikipediaartikel hervorgeht.

10 Jahre später erlebte ich eine Universitätsbesetzung in Siena, die nur ein vergleichsweise banales Unbehagen gegenüber gewissen Verwaltungsmaßnahmen zum Anlass hatte. Niemand kam auch nur auf die Idee, die Universität gewaltsam räumen zu lassen. Eine gewisse Anzahl Studenten übernachtete in der Universität, um den Status der Besetzung aufrecht zu erhalten, und der Rektor Luigi Berlinguer (damals noch KPI, später Kultusminister unter Prodi) kam, obwohl es im Vergleich zu Berchems Pflichtvernachlässigung um eine Lappalie ging, in die besetzte Aula Magna, um die Anliegen der Studenten anzuhören. "Mi è stato riferito che tra gli sudenti c'è un disagio" waren sein ersten Worte.

http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Schäfer_(Colonia_Dignidad)

In den Ländern nördlich von Mexico und Italien hat eine Ansicht weite Verbreitung, derzufolge Militärregime typisch für irrationale südamerikanische Hitzköpfe sind, die ihre Gefühle nicht im Zaum halten können und deren impulsives Tun rational planende Verwaltung, Rechtsstaat und Demokratie von vornherein zum Scheitern verurteilt. Dieses südländische psycholabile Gezappel sei auch die Ursache für putschistische Versuchungen und die Neigung aller romanischen Länder zwischen sozialistisch-kommunistischen Hoffnungen und christlich-liberalistischem Raubtierkapitalismus zu pendeln. In Wirklichkeit agierten im Hintergrund der südamerikanischen faschistischen Militärregime fast immer Deutsche (nur die kommunistischen sind autochton), und in Deutschland gelang es Stresemann vor nicht allzu langer Zeit, einen Putsch vom alten Seeckt niederschlagen zu lassen. Das Wort "Putsch" stammt aus der Schweiz und nicht etwa aus Südamerika.

Die Colonia Dignidad ist nur das peinlichste Symbol all der zahlreichen deutschen Aktivitäten in Südamerika während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie ist einzigartig in ihrer Abscheulichkeit, ein Einzelfall ist sie nicht.

Deutschlandfunk über Colonia Dignidad