Samstag, 28. Januar 2012

Non timeamus Danaos etiam dona non ferentes



Jetzt hat Monti als Nachfolger Prodis - jedoch mehr oder weniger im Fahrwasser Berlusconis, der Montis Regierung de facto stützt - die Aufstockung des Rettungsschirms gefordert. Nachdem ein weltfremder, einfältiger Trottel wie Dirk Schümer, der in Italien eine Art Garten sieht, der eigentlich von deutschen Gärtnern gepflegt werden müsste, jetzt in der FAZ ausposaunt hat, Monti repräsentiere die wahre Elite Italiens, müssen wir Deutschen uns wohl damit abfinden, dass die Transferunion nicht ein Projekt von Halunken wie Berlusconi und Papandreu ist, sondern eine Selbstverständlichkeit, mit der im wahrsten Sinne des Wortes gerechnet werden muss. Was Sizilien für Italien ist, ist Südeuropa für Deutschland (bzw. für Europa). Falls es in Deutschland immer noch jemanden gibt, der wagt, dies zu bezweifeln, wird er sicher kniefällig, wenn der mutige Leoluca Orlando die Forderung in gebrochenem Deutsch wiederholt. Oder Draghi auf englisch! Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.

Meridionalisierung Europas

Machen wir uns nichts vor. Bereits als Prodi Italiens Bilanzen frisierte, um die Maastrichtkriterien zu erfüllen, war es in Italien ein offenes Geheimnis, dass man deshalb auf den EU-Zug aufsprang, weil man sicher war, früher oder später komme dabei eine Politik heraus, die man bestens kannte: der Norden als Geisel des Südens. Die italienische Lega Nord, die es satt hat, einen gehandicappten italienischen Süden mit den Steuern Norditaliens zu ernähren, ist das exakte Äquivalent derer, die in Deutschland nicht wollen, dass die EU eine Transferunion ist oder immer mehr wird. Es geht aber nicht anders, denn es kann nicht anders gehen. Damit müssen wir uns abfinden. Im Übrigen ist das Problem sehr alt: schon 1993 flossen 20000 DM/Minute über den EU-Fond nach Spanien. Peinlich ist nur, dass der deutsche Michel davon überrascht ist und auch noch glaubt, er habe nichts davon. Stabilitätsunion, Transferunion, Fiskalunion, politische Union – daran führt kein Weg mehr vorbei. Leider kann erst dann ein solides Wir-Gefühl entstehen, wenn die politische Union verwirklicht ist, und leider ist die Transferunion sehr, sehr gefährlich, solange diese politische Union nicht verwirklicht ist, unter anderm, weil auch bei ständiger Überprüfung der griechischen (und italienischen) Politik keineswegs gewährleistet ist, dass eine Sanierung gelingen wird. Um es nochmal zu sagen: was der Mezzogiorno für Italien ist, ist Südeuropa für Europa. Kein Land profitiert vom Euro so sehr wie Deutschland, obwohl Südeuropa ein Fass ohne Boden ist; unter anderem, weil Griechenland den Wert des Euro niedrig hält und dies dem deutschen Export förderlich ist.

Dass die Überwachung des griechischen Haushalts einer europäischen Behörde übertragen wird, wäre allerdings das mindeste, was geschehen müsste. Dass die Griechen dies nicht akzeptieren wollen, spricht Bände über deren schamlose Unverfrorenheit, und dass diese Forderung Deutschlands selbst von der EU-Kommission abgelehnt wird, ist nur insofern erträglich, als es mit der Troika de facto schon eine Überwachung durch Europa gibt. Diese Überwachung muss jedoch auf europäischer Ebene institutionalisiert werden, und zwar nicht nur für Griechenland, sondern für alle Länder Europas; der erste Schritt zur Schaffung der Fiskalunion besteht genau hierin. Irgendwo muss man ja anfangen: am besten in Griechenland, der Wiege Europas, denn dort liegt Europa gerade in den Windeln. Die einzige Alternative hierzu wäre die Rückkehr zur Mark. Aber dadurch würde Deutschland nicht zur superneutralen Superschweiz, sondern zu einem Teil Asiens.

Übrigens arbeiteten Prodi, Monti und Draghi alle mal für Goldman Sachs, deren Berater ja auch bei der Fälschung der griechischen Bilanzen ihre Hände im Spiel hatten. Globalisierte Welt, kleine Welt.

Deutschland muss die Angst vor Vorwürfen aus dem Ausland, es wolle Europa seine eigene Politik aufzwingen, loswerden und in Europa endlich unbefangen die Führung übernehmen, um auf die Fiskalunion und die politische Union hinarbeiten zu können. Die europäischen Gipfeltreffen der Regierungschefs und Ministerkollegien müssen mindestens einmal pro Monat stattfinden und sich mit der Zeit in eine zweite europäische Kammer verwandeln, die mehr Gewicht hat als das europäische Parlament. Die Costa Concordia darf nicht zum Symbol des Euro werden. Deren risikofreudiger Kapitän wuchs in nächster Nähe eines aktiven Vulkans auf.

Die Expertenschmiede

Montis und Draghis Pressing

Vesuv

Europäische Anthropologie

"In England ist alles erlaubt, außer dem, was verboten ist. In Deutschland ist alles verboten, außer dem, was erlaubt ist. In Italien ist alles erlaubt, auch das, was verboten ist." Piero Angela


Piero Angela ist ein Wissenschaftsjournalist aus Turin, also ein Piemonteser, wie Umberto Eco. Er lebt in Frankreich und arbeitet für das italienische staatliche Fernsehen. Er gehört zu den wenigen, die nie fürs Privatfernsehen gearbeitet haben und hat mittlerweile 20 Ehrendoktortitel.

Zu Piero Angelas humorvoller, kluger Beobachtung gibt es eine bemerkenswerte, paradox anmutende Entsprechung in der "Antipsychiatrie", die sich wie ein Negativ von Angelas Bild unter die Lupe nehmen lässt:

In Großbritannien experimentierte der Psychiater Ronald D. Laing sehr gescheit und konsequent, aber viel zu abstrakt, mit dem Relativismus und mit Sartres "dialektischer Vernunft". Ohne dabei größeren Schaden anzurichten und ohne wirklich große Fortschritte zu erzielen.

In Italien verwirklichte der pragmatische Franco Basaglia hingegen eine wichtige Reform.

In Deutschland, wo in den Medien generell sehr wenig, und kaum mal seriös, über Psychiatrie informiert wird, das Thema insgesamt eher gemieden wird (vor allem von Angelas Kollegen Lesch, Steffens und Yogeshwar) und der große Karl Jaspers immer noch nicht die ihm gebührende Beachtung findet, kam es zu den grauenhaft verbohrten Ideologisierungen des Sozialistischen Patientenkollektivs in Heidelberg, aus dem dann prompt auch Terroristen hervorgingen, die auch noch besonders engstirnig gewesen zu sein scheinen. Jedenfalls sahen die Suchbilder, die nach dem Überfall auf die Stockholmer Botschaft in den Postämtern hingen, danach aus; das weiß ich sogar heute noch.

What makes us ill

Zu diesen Unterschieden in der Psychiatrie gehören bemerkenswerte Unterschiede in der Normalität, die ein Witz veranschaulichen kann, der mir in Sizilien erzählt wurde.

Ein Verstorbener gelangt in die runde Vorhalle der Hölle, wo ringsum die Wand von Türen unterbrochen wird, die in die diversen Höllenabteilungen führen. Er klopft an die Tür der Englischen Hölle. Man öffnet ihm und fragt, was er wünsche.
Er erkundigt sich, was ihn in der englischen Hölle denn erwarte. "Peitschen, Steinigungen, siedendes Öl, Waterboarding..." ist die trockenen Antwort.
Erschreckt wendet er sich ab, nein danke, die Tür schließt sich wieder. Nun klopft er an die Deutsche Hölle, man öffnet ihm, er erkundigt sich. Von ferne hört er gequältes Geschrei.
Die Antwort auf seine Frage ist jedoch genau dieselbe, wenngleich die Auskunft diesmal mit ostentativer Höflichkeit erfolgt. "Peitschen, Steinigungen, siedendes Öl, Waterboarding...".
Er zuckt zurück und beeilt sich wegzukommen.
Jetzt gelangt er vor den Eingang zur Italienischen Hölle und klopft an deren Tür.

Man öffnet ihm und fragt, was er denn wolle. Er wolle wissen, was ihn hier erwarte, sagt er. "Peitschen, Steinigungen, siedendes Öl, Waterboarding...".
In der Ferne hört er Gelächter und Musik. "Peitschen, Steinigungen, siedendes Öl, Waterboarding...???
Und warum grinsen Sie so, und was soll das blöde Gelächter???" "Ja wissen Sie, manchmal fehlen die Peitschen, manchmal sind nicht genug Steine da, mal ist das Öl knapp, mal das Wasser...".

Gemeinsam ist diesen drei Betrachtungen eine Relativierung des subjektiven Normalitätsbegriffs.

ERROR COMVNIS FACIT IVS

Man hilft sich angesichts der Willkür, die dem Normalitätsbegriff in gewissem Grade zugrunde zu liegen scheint, am besten aus der Patsche, indem man feststellt, dass:

1. - im Universum das Leben eine Ausnahme darstellt und das Wahrscheinlichste - und somit das Normale - eigentlich der Tod ist
2. - im Bereich des Lebens das die Umgebung wahrnehmende, erfahrende, erinnernde und entscheidungsmächtige Leben gegenüber rein reaktivem Leben wiederum eine Ausnahme darstellt
3. - im Bereich des entscheidungsmächtigen Lebens das sich selbst bewusste Leben eine Ausnahme darstellt
4. - in der bewussten Lebensform Mensch das gesunde Leben eine weitere Ausnahmesituation darstellt
5. - in einem gesunden Menschenleben, der gesunde Menschenverstand (von dem Ralph Waldo Emerson sagte, er sei so selten wie Genie), die Klugheit und die Weisheit wiederum eine Ausnahme sind
6. - Klugheit und Weisheit ausnahmsweise auch mal einen Heiligen als unwahrscheinlichste aller Lebensformen hervorbringen können (ein guter Mensch ist nicht jemand, der nie anderen schadet, sondern jemand, der sich des Schadens, den er verursacht, bewusst ist oder wird und daraufhin versucht, wieder gut zu machen, zu heilen)

Heil an Leib und Seele zu sein ist also nicht normal, sondern die ganz große Ausnahme.



Im Judentum ist „קדוש“ (hebräisch kaddosch, „heilig“) ein Wort, das vor allem die einfache Bedeutung von „besonders, außergewöhnlich“ oder „das Besondere, Außergewöhnliche“ hat und damit im Gegensatz zu profan (im Sinne von „weltlich, normal, alltäglich“) steht.
„Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin Ich, der Ewige, euer Gott.“
– (3 Mos 19,2 EU)


Holyness ist im Grunde nichts anderes als Wholeness, Heiligkeit ist eigentlich nur Ganzheit. Die "Vervollkommnung" ist also nur das Ergebnis eines ständigen Reparaturprozesses im Reich der Entropie. Und selbst dieses Ergebnis wird nie erreicht, so sehr wir auch danach streben. Es existiert im besten Fall als Idee und Leitmotiv, solange wir uns in der Vergänglichkeit aufhalten und noch nicht vergangen sind. Das eigentlich Menschliche ist die Unzulänglichkeit, und das Menschlichste ist vielleicht, sie anzuerkennen, anzunehmen und zu verzeihen und dennoch zu versuchen, ihrer Herr zu werden, wenigstens der eigenen.

Freitag, 20. Januar 2012

Dantes Commedia



Die einzige deutsche Übersetzung von Dantes Göttlicher Komödie, die wirklich Lesegenuss gewährleistet, ist immer noch die von Philalethes. Man ist immer wieder überrascht, wenn man sie aufschlägt, weil es geradezu etwas Rätselhaftes hat, wie es Philalethes gelingen konnte, bei all den vergeblichen Versuchen anderer Romanisten, eine so schöne Übersetzung herzustellen. Dabei war Philalethes nicht in erster Linie Romanist, sondern König von Sachsen! Woran liegt es, dass er diesen gelungen Wurf machte? Alle anderen Übersetzungen sind im Vergleich zu der dieses sächsischen Königs aus der Zeit Karl Mays und Richard Wagners mehr oder weniger anstrengend zu lesende Verrenkungen.

Es gibt eine merkwürdige Inkompatibilität zwischen der deutschen und der italienischen Sprache, die bei großen Autoren nur ausnahmsweise (zum Beispiel bei Nietzsche und Thomas Mann) nicht spürbar wird. Aber König Johann gelang es, sie zu umschiffen.

Die einzige Übersetzung, die man wirklich mit genuss liest, ist also die von Philalethes. Dennoch sollte man auch die Übersetzung von Rudolf Borchardt im Bücherregal haben. Und als Vademecum ist wegen der kurz gefassten Erläuterungen auch die von Karl Vossler aus dem Reclam-Verlag nicht ungeeignet.
Den größten Fehler, den man machen kann, ist sowieso - ähnlich wie bei der Bibel - nur eine Übersetzung von Dantes Meisterwerk zu besitzen. Das beste ist natürlich, italienisch zu lernen und das Original zu lesen. Aber selbst dann sollte man mehrere Kommentare dazu lesen. Ich bevorzuge Anna Maria Chiavacci Leonardi und Vittorio Sermonti.




Es gibt nun in Deutschland eine Ausgabe von Dantes Commedia, die sich ganz gut als zeitgemäßer Interpretationsschlüssel für die geistesgeschichtliche Einordnung Dantes eignet. Allerdings mehr wegen Kurt Flaschs Kriterien und die dem deutschen Empfinden vertrauten Fragestellungen, als wegen der Antworten, die Flasch gibt! Und als Übersetzung ist diese Ausgabe auch nicht viel wert. Dennoch sei sie hier erwähnt.

Flaschs Stärke besteht darin, mittelalterliche Philosophie lebendig darzustellen und ihre Aktualität spürbar zu machen. Das kann ein guter Einstieg sein, es sollte aber besser ein zweiter Schritt sein, nachdem man die schöne Philalethesübersetzung gelesen hat (und vielleicht auch seinen Kommentar) und Lust verspürt, weitere Entdeckungen zu machen und die schillernden Aspekte von Dantes Meisterwerk zu erforschen. 

Flaschs Stimme ist eine neue, zusätzliche Stimme, die auch trotz der manchmal zu kühnen Vereinfachungen und mitunter unsäglich eitlen, abwegigen Abschweifungen auf jeden Fall anregend ist, wenn man dabei nie den Fehler macht, Flaschs Worte - sei es bei der Übersetzung, sei es im Kommentar - für gediegen Gold zu halten und vor allem von vorn herein begreift, dass es bei diesem fantastischen Werk ohnehin nie ein letztes Wort geben wird und kein ultimatives Verständnis geben kann.

Dieses Buch ist, wie die Bibel, eines der realistischsten Bücher, die je geschrieben wurden, insofern über diese beiden Bücher - wie über die Realität selbst - immer wieder alles und das Gegenteil von allem gesagt werden wird.




Dienstag, 17. Januar 2012

Friedrich der Große





Erschien leicht gekürzt in der Süddeutschen Zeitung vom 31. Dezember 2011

Gehören die Hohenzollern zur Deutschen Geschichte? Friedrich II („der Große“?) offenbar ja, denn im kommenden Jahr wird seines dreihundertsten Geburtstages groß gedacht. Wir werden einen großen Friedrich-Rummel erleben. Anders als dieser Friedrich scheinen die Hohenzollern als Dynastie offenbar nicht mehr zur Deutschen Geschichte zu gehören, denn selbst 2011, im 950. Jubiläumsjahr, wurde dieses Fürstengeschlecht von Volk und Volkes Medien weitgehend ignoriert. Der übliche Expertenzirkus fiel aus, und sogar in der bunten Presse war die Hochzeit des jungen, sympathischen Hohenzollern-Chefs kein deutsches Mini-Pendant zur königlich britischen William-und-Kate-Maxi-Hochzeit. Für die Hohenzollern interessiert sich fast keiner, für den Einen, den zweiten Friedrich, offenbar fast alle, denn schon vor dem Jubiläumsjahr begann der Friedrich-Jubel. Der 24. Januar, der große Geburtstag, naht. Mehr, viel mehr, wird auf uns einprasseln.

Wie ist die Friedrich-Manie  einerseits und andererseits das Desinteresse an (s)einer Dynastie zu erklären, die immerhin knapp tausend Jahre deutscher Geschichte mitprägte? Ich sehe zwei Gründe: Viele halten die Hohenzollern für „zu militaristisch“, und manche sehen sie als antisemitischen Dämon oder gar „Vorläufer Hitlers“: „…Will­helm II. nun Kaiser ist, Der uns unsre Juden frisst…

Dieser Reim Theodor Fontanes aus dem „Dreikaiserjahr“ 1888 führt uns zur Hohenzollern-Dämonologie. Antisemitische Anfälligkeiten Wilhelms II. sind offenkundig, doch Hohenzollern-Dämonologie ist auch bei ihm unangebracht. Anders als Fontane, wissen wir, wer, wann und wie Juden sechsmilllionenfach „gefressen“ hat. Auch Wilhelm II. gab unbestreitbar dem Ungeist des Antisemitismus nach, und am „Berliner Antisemitismusstreit“ von 1878/79 war der Kaiserhof Wilhelms I. nicht unbeteiligt. Als aber am 9. November 1938 der nationalsozialistische Pöbel Synagogen in Brand setzte, Juden auf offener Straße drangsalierte und liquidierte, sagte Wilhelm II. in seinem niederländischen Exil: Zum ersten Mal in seinem Leben schäme er sich, Deutscher zu sein. Der „Weg nach Auschwitz“ führte gerade nicht vom bald tausendjährigen Geschlecht der Hohenzollern zu Hitlers “Tausendjährigem Reich“.

Wenn  bekennender Antisemitismus die Hohenzollern-Distanz „der“ Deutschen rechtfertigt, dürfte es 2012 keinen großen Friedrich-Rummel geben, denn seine Schriften strotzen vor Judenfeindlichkeit. In seinem Brief vom 10. Oktober 1739 nennt er als Kronprinz die Juden eine „abergläubische, schwache und grausame Nation.“ Im „General-Privilegium“ des Königs von 1750 wurde sie folgerichtig ge-, be- und unterdrückt. Die Aufnahme des hochberühmten jüdischen Philosophen, Lessing-Freund und „Nathan-der-Weise“-Vorbild Moses Mendelssohn, in die Berliner Akademie der Wissenschaften verhinderte der große Tolerante höchstpersönlich. Das „Politische Testament von 1752“ ist diesbezüglich besonders unappetitlich: „Die Juden sind von allen diesen Sekten die gefährlichsten, denn sie schädigen den Handel der Christen und sind für den Staat nicht zu brauchen…Wir haben die Juden zwar wegen des Kleinhandels mit Polen nötig, aber wir müssen verhindern, dass sie sich vermehren.“ Seine Kriege finanzierte der Monarch nicht zuletzt durch Inflation, deren Durchführung er vor allem den Münzpächtern Moses Isaac, Daniel Itzig und Veitel Ephraim übertrug. Der König, wusch seine Hände in Unschuld. Todkrank bekundete er am 16. April 1786, vier Monate vor seinem Ableben, dem Grafen Mirabeau gegenüber einmal mehr seine Judenabneigung. Ebenfalls bis zuletzt schmetterte er alle Bemühungen seiner Beamtenschaft ab, das Los der Juden zu verbessern.


Was ist zum Militarismus der dominanten, brandenburgischen Hohenzollernlinie zu sagen? Beginnen wir mit dem Jubilar. Dem Militärerzieher des Kronprinzen hämmerte er dies ein: „Es ist von größter Wichtigkeit, ihm Geschmack für das Militärwesen beizubringen. Deshalb müssen Sie ihm bei jeder Gelegenheit sagen…, dass jeder Mann von Geburt, der nicht Soldat ist, nur ein Elender ist.“[1]

Alle Nachbarn Preußens hielt er im Politischen Testament von 1752 für „Neider oder geheime Feinde unserer Macht“. Diesem Weltbild gemäß entriss er Österreich bereits 1740, im ersten Jahr seiner Herrschaft, Schlesien. Für seinen Ruhm, „gloire“, liebe er den Krieg, „guerre“, gestand er 1741 einem Freund. Diese Liebe kostete allein am 25. August 1758 in der Schlacht bei Zorndorf 12.800 preußischen und 18.000 russischen Soldaten das Leben. Friedrichs Wirtschaft und Gesellschaft drohte auszubluten. Wenigstens danach verabscheute er „dieses Handwerk“, zu dem „der blinde Zufall mich von Geburt an verdammt hat.“ Zufall? Was für eine Verharmlosung. Nicht harmlos, sondern gedankenreich blieben seine Reflexionen über Kriege im Allgemeinen und seine im Besonderen. Er dachte, durchdachte und machte Krieg, doch trotz seines Denkens ließ er sich lange vom Gefühl leiten. Diese Spaltung zwischen hochkulturellem und –intellektuellem Überguss einerseits und siegreichem Ich- und Zerstörungstrieb andererseits versinnbildlicht die Zerstörung der Dresdener Innenstadt im Jahre 1760. Ein Vorläufer Hitlers war dieser König gewiss nicht, doch personifiziert dieser hochgeistige und zugleich –militante Doppel-Friedrich nicht irgendwie doch „die“ Deutschen bis 1945. Dokumentiert nicht gerade er, dass höchste Kultur und Barbarei einander keineswegs zwangsweise ausschließen, dass aus einem „Volk der Dichter und Denker“ sehr wohl Mörder und Henker wachsen können? Nicht einmal Aufklärung und Hochkultur schützen die Menschen vor dem Menschen und den einen Menschen vor sich selbst.

Vom großen Friedrich zu den kleineren Fürsten seines Hauses. Der folgende Grundgedanke erklärt ihre Strategie: Aufgrund der Mittellage ihres Staates mussten sie abwehrfähig sein, um, nicht wie im 30jährigen Krieg, wehrloses Opfer zu werden. In seinem politischen Testament von 1667 mahnte der Große Kurfürst, es sei zu verhindern, dass im Kriege „Ewere Lande Das theatrum sein wurden, Darauff man die tragedi Spillen werde.“  Die Mark Brandenburg hatte in jenem Krieg etwa die Hälfte ihrer Bevölkerung verloren. Nach diesem Urtrauma war der größte Hohenzollern-Staat  bis zuletzt (wie heute der Jüdische Staat, Israel, nach dem Holocaust) von einem bleibenden „Gefühl der Verwundbarkeit“ (Christopher Clark) geprägt. Wer sich weigert, jene Hohenzollern-Urangst zu sehen, kann die Deutsche Geschichte nicht verstehen.

Wir blicken auf die Hoch- und Endphase des Hohenzollern-„Militarismus“ vom 18. Jahrhundert bis 1918: Friedrich Wilhelm I. (gestorben 1740) bekam den Beinamen „Soldatenkönig“. Er war so „militaristisch“ dass er seinen Nachfolgern dies empfahl: „… bitte ich umb Gottes willen kein ungerecht krikg anzufangen und nicht ein agressör sein, den(n) Gott (hat) die ungerechten Krige verbohten.“

Friedrich Wilhelm II., Nachfolger ds großenn Friedrich, lockte eher der Krieg der Geschlechter als Kriege zwischen Staaten. Gegen das revolutionäre Frankreich kämpfte er lustlos, und in Polen profitierte er von Russlands Angriffslust.

Sein Sohn Friedrich Wilhelm III. sagte 1806, nach seinem lange hinausgezögerten Entschluss, gegen Napoleon einen Defensivkrieg zu führen: „Mehr als ein König ist untergegangen, weil er den Krieg liebte; ich, ich werde untergehen, weil ich den Frieden liebte.“  1813, vor dem Freiheitskrieg gegen Napoleon, „fürchtete“ er „viel Widerwärtiges“, nämlich den Volkskrieg.

Nicht anders seine Untertanen, besonders die gebildeten: Wer konnte, drückte sich. Es traf die Söhne ärmerer Bauern.

Friedrich Wilhelm IV. war ein „unmilitärischer Mann“, er empfand „Abscheu… gegen alles Militärische.“ Man muss einwenden, dass er 1848/49 die Bürgerliche Revolution mit militärischen Mitteln niedergeschlagen ließ. Dem wiederum sei entgegengehalten: Die Mehrheit der Bürger-Soldaten hielt dem König die Treue. Was also war wirklich Volkes Stimme und Volksstimmung?

Ein europäischer Großbrand drohte 1853-56 im Krimkrieg. Preußen verweigerte die Kriegsteilnahme., und Westeuropa tobte über die schlappen Hohenzollern.

König, später Kaiser Wilhelm I., der „Kartätschenprinz“ der Revolution von 1848, war 1860 sogar der Londoner „Times“ zu zahm: Preußen sei „anwesend auf Kongressen, aber abwesend in Schlachten… bereit, jede beliebige Menge an Idealen oder Gefühlen beizusteuern, aber scheu gegenüber allem, was nach Realität schmeckt.“ Nicht vom heutigen Deutschland ist die Rede, sondern vom Hohenzollernstaat, der damals nur ein Drittel der Wehrpflichtigen einziehen konnte, weil nach 1820 die Armee stark reduziert worden war.

Genau hier setzte die umstrittene Militärreform Wilhelms I. an. Also doch Zackigkeit? Eher Notwendigkeit - und Vorsicht: Unter Wilhelm I. und bis 1890 unter Wilhelm II. war Bismarck der politische Steuermann, und es galt das Primat der Politik.

Anders als 1806 oder 1813 bis 1815 gegen Napoleon schienen gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) Krieg und Tod für Hohenzollern-Untertanen einander weitgehend auszuschließen. In der Illusion eines quasi sterbefreien Krieges strebten nun die Massen der Bürger zur Uniform. Sie bekamen, was sie damals wollten: „Eisen und Blut“.

Eisen und Blut als Mittel der Politik – das war ursprünglich keine Bismarck´sche oder Wilhelm-Eins-Parole; das hatten die liberalen Bürger im antinapoleonischen Befreiungskrieg gesungen und danach die Burschenschaftler: „Denn nur Eisen kann uns retten / und erlösen kann nur Blut.“ Trickreich hatte Bismarck für seinen Hohenzollern-König die Liberalen mit ihren eigenen Mitteln geschlagen.

Unter dem scheinbar so strammen Wilhelm II überschritt das Militär immer dreister seine Kompetenzen, etwa 1904 beim Hereroaufstand in Deutsch-Südwestafrika. Auch die Bürokratie schob den nur großmäuligen Kaiser allmählich beiseite. Beim Kriegseintritt 1914 war er nur noch eine lautstarke Randfigur, und ab 1916 lenkte das Tandem Hindenburg / Ludendorff.

Auch die außen- und sicherheitspolitischen Kardinalfehler seiner Ära hatte nicht der Kaiser erdacht. Ohne Not und von seiner Bürokratie auf den Holzweg gebracht, beendete Wilhelm II. 1890 die enge Bindung an Russland, die Friedrich II. 1762, nach dem Tod von Zarin Elisabeth eingeleitet hatte, um einen Zweifrontenkrieg zu verhindern.

Die Entzündbarkeit der zweiten, westlichen Front hatte Bismarck durch die Annexion Elsass-Lothringens verursacht. Wilhelm I. ließ ihn gewähren, weil er ihn seit 1862 gewähren lassen musste. Er war auf ihn angewiesen. Der Hohenzoller war in seinem Staat längst nicht mehr Herr im Haus.

Wilhelm II. befreite sich 1890 in einem Kraftakt von Bismarck, aber die Reichsverfassung von 1871 sah keinen wirklich starken Kaiser vor. Regierungsapparat und Militär verselbständigten sich zunehmend. Auch deshalb agierte und reagierte Wilhelm Zwei so wortstark und tatenschwach auf die gegen England gerichteten Provokationen seines Militärs, also seit 1898 die Tirpitz´sche Flottenaufrüstung und den Schlieffenplan. Dieser überrollte im Ersten Weltkrieg den deutsch-englischen Pufferstaat Belgien. Die deutsche Marinemacht und das Belgien niederwalzende deutsche Heer mussten 1914 in London als existentielle Bedrohung der Britischen Inseln wahrgenommen werden. Folgerichtig kämpfte auch Großbritannien gegen Deutschland.

Für das selbstmörderische Kunststück, ausgerechnet die interventionsunwilligen Amerikaner in den Ersten Weltkrieg hineinzuziehen, zeichnete wiederum weniger Wilhelm II. als die Bürokratie und das Militär verantwortlich. Auf den U-Bootkrieg mussten die USA ebenso reagieren wie auf das Versprechen des deutschen Außenamtes, den Mexikanern im Kampf gegen die USA zu helfen. Noch tölpelhafter konnte deutsche Geopolitik nicht sein. Sie ist jedoch nicht in erster Linie den Hohenzollern anzulasten, sondern der Verfassung ihres Staates sowie dem Dünkel und der Dummheit ihres Regierungs- und Militärapparates. Der beging noch einen klassisch krassen deutschen Fehler, indem er die USA unterschätzte. Hitler beging (gottlob) den gleichen Fehler und – vive la différence – auch Bundeskanzler Gerhard Schröder sowie - vor, mit und nach ihm - viele Deutsche, die lieber die USA hochnäsig moralisierend belehren als von ihnen lernen wollen. Wie „die“ Hohenzollern sitzen heute „die“ Deutschen den USA gegenüber auf dem Hohen Ross. Auf einem solchen saß auch Wilhelm II. bildlich-wörtlich, als er 1898 den „Vater Israels“, Theodor Herzl traf. Selbst dieses Hohenzollern-Erbe lebt noch heute in „den“ Deutschen, wenn sie an Israel denken. Und wer bei den Hohenzollern nur an Friedrich den Großen denkt, betreibt Personenkult. Die Hohenzollern sind mehr als nur Friedrich der Große.

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[1] David E. Barclay: Friedrich Wilhelm II. (1786-1797), in Frank-Lothar Kroll (Hg.): Preußens Herrscher.
Von den ersten Hohenzollern bis Wilhelm II., München 2000, S. 183.

Samstag, 7. Januar 2012