Samstag, 31. März 2012

Andreas Staier

Freitag, 30. März 2012

Dienstag, 27. März 2012

Vita activa, vita contemplativa


Gérard Blitz war auf seine Weise einer der größten Philosophen dieses Jahrhunderts. In seinem Leben zeigte er beispielhaft, wie stoischer, lebensbejahender Epikureismus, guter Geschmack, genießerische Neugier und kluger, maßvoller Verzicht sich ergänzen können. Kunst der Angemessenheit. Er war mit Krishnamurti befreundet und Schüler von Deshimaru und Erfinder des Club Med




Montag, 26. März 2012

Wundervoll

Zum ersten Mal in meinem Leben gefällt mir das ständig Wiederkehrende. Was ich an Philipp Glas und Richard Clayderman unerträglich finde, ist bei Graupner unerwartet schön, weil die Perioden, die das Motiv durch die Ebenen tragen länger sind. Mehr Rondo als Ostinato. Erstaunlich ist auch, dass Graupner sich im Gegensatz zu Bach und Telemann oft vollkommen zeitgenössisch anhört.

http://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Graupner



Samstag, 24. März 2012

Einigkeit und Recht und Freiheit

18. März




Lammert hat eine schöne Rede gehalten.

Seine Rede im Wortlaut (wenn auch ohne seine netten, humorvollen Einlagen, die hier nachgelesen werden können)

http://de.wikipedia.org/wiki/9._November_(Deutschland)

Vielleicht wird in Deutschland irgendwann ja doch noch das Hambacher Fest als Nationalfeiertag gefeiert.

Auspicio

Gauck

Jetzt haben wir wieder einen Präsidenten, wie Heuss einer war. Nur haben wir ein flapsigeres Volk heutzutage. Die sind ja alle übergeschnappt. Ich meine die Journalisten, Berufskommentatoren, und überzeugten Kritiküsse. Erst verherrlichen sie Gaucks Ecken und Kanten, jetzt verherrlichen sie seine Fähigkeit, nicht anzuecken. Dass man jetzt seine Verbundenheit und die Verbundenheit, die er im Land zu wecken weiß, an ihm schätzt, ist natürlich ein Fortschritt und sogar genau der, den ich mir gewünscht habe. Aber im Moment hat man den Eindruck, Gauck ist nicht nur ein Menschenfischer, er kann auch auf dem Wasser gehen. Ich habe bloß Angst, dass die verwöhnte Meute, die er gerade hätschelt, die Zähne fletschen wird, sobald er mal was sagt, was tatsächlich kantig ist. Oder auch nur, weil sie merkt, er kann gar nicht auf dem Wasser gehen, und dann beleidigt ist.


Gauck ist endlich mal jemand, der die Dinge weiterdenkt, und er argumentiert vorbildlich. Mit seinen Argumenten müsste man NPD-Abgeordneten in Talkshows antworten! Aber die werden ja nicht mal in Sachsen und Mecklenburg im Regionalfernsehen in die Talkshows eingeladen. Das ist eben doch undemokratisch. Wer in einem Länderparlament sitzt, hat eigentlich nicht nur ein Recht, im Fernsehen seine Meinung zu sagen, sondern auch die Pflicht! Das Fernsehen ist der beste Pranger, den es geben kann!! Ich bin in Italien gewohnt, dass extrem Links und extrem Rechts im Fernsehen ihre Meinung sagen und Entgegnungen anhören müssen. Aber in Deutschland, wo man so gerne die Nase über Berlusconi rümpft, ist das nicht möglich, solange man noch nicht im Bundestag sitzt. Man glaubt in Deutschland immer noch, man könne Revolutionen und andere Katastrophen dadurch verhindern, dass man das Betreten des Rasens verbietet. Das sitzt so tief, dass selbst Gauck sich meine Gedanken nicht zu eigen machen könnte, fürchte ich. Und wenn er es könnte, würde ihm niemand verzeihen sie öffentlich zu äussern. "Deutschland kann Freiheit", aber es ist immer noch Anfänger und trägt ein Korsett. Man versucht immer noch technische Lösungen (NPD-Verbot) statt politischer (Debatten und gute Argumente) zu finden.

Gutes Buch


Schön billig

Bravissima Vicky

Donnerstag, 22. März 2012

Mittwoch, 21. März 2012

Silvestre Revueltas



http://de.wikipedia.org/wiki/Silvestre_Revueltas

Teatro alla Scala

21. März



Paulwitz

http://www.deutscheopfer.de/

Kauliflorien



http://de.wikipedia.org/wiki/Kauliflorie

Interessant, dass ausgerechnet der Seidelbast als Überbleibsel einer wärmeren Zeit anzusehen ist! Denn der Seidelbast ist ein Frühjahrsblüher, der manchmal schon blüht, wenn es noch unangenehm kalt ist. Er wurde wohl durch ein Gen gerettet - bzw. an die Scholle gebunden - das ihn mit einem ganz besonderen Kälteschutz ausstattete, so dass er übermütig wurde und auch noch anfängt zu blühen, wenn der Frühling eigentlich noch gar nicht da ist.

Seidelbast, auch Zeiland - der Name bezieht sich auf Ziu, Tiuz, Tivar, Tyr, den einstigen germanischen Hauptgott, Schützer des Rechts, Schutzherr des Things und - dem römischen Mars entsprechenden - Kriegsgott, der später durch den dynamischeren, "wütenden" Wotan in die zweite Reihe gedrängt wurde.

Es ist nicht so sehr die mächtig hervorbrechende Lebenskraft, mit der der Frühling nach dem starren Winter den "März" zum Monat des "Mars" macht. Vielmehr wurde in der Antike - auf Grund logistischer Notwendigkeiten -  ausschließlich im Sommer Krieg geführt! Und im Frühling begann man mit den Vorbereitungen dafür. Erst hierdurch ergab sich die assoziative analoge Begrifflichkeit, die Krieg und Frühling miteinander in Beziehung setzte und auf uns heute wie eine pathetisch romantisierende Beschönigung des Krieges wirken könnte, jedoch ganz banale, nüchterne Gründe hat. Noch Macchiavelli empfahl, sich bei militärischen Unternehmungen strikt an den jahreszeitlichen Plan zu halten. Der Winter war bis vor wenigen Jahrhunderten - und natürlich erst recht bevor Weihnachten zum Kernsymbol von Friede und Licht in kalter, dunkler Saison wurde - immer eine sehr friedliche Zeit gewesen. Genauer gesagt: man kämpfte im Winter mit dem Frost, und das war schlimm genug.

Der Seidelbast kann blühen, bevor die ersten Blätter sprießen. Der Verzehr weniger Beeren kann für den Menschen tödlich sein (Kreislaufkollaps und Schock), nicht aber für Drosseln und Bachstelzen, die sie gerne fressen (und die Kerne dabei wieder ausspeien).

Samstag, 17. März 2012

Luigi Miraglia & Giancarlo Rossi

Die Prinzen



http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Prinzen

Die Thomaner gibt es seit 1212. Dies Jahr sind es 800 Jahre!

http://de.wikipedia.org/wiki/Thomanerchor

Mittwoch, 14. März 2012

ZDF & ARD



http://de.wikipedia.org/wiki/BeTipul



Salta, corri, canta

Giuntina

Gegenstrebige Fügung






Du bist, wer du bist

(Warum ich keine Antworten auf die Fragen nach meinem Grossvater geben kann - von Ferdinand von Schirach)

Als ich ein kleiner Junge war, kam mein Großvater aus dem Gefängnis. Ich war damals zwei Jahre alt. Meine Familie wohnte in München-Schwabing, in einem hübschen Haus aus dem 18. Jahrhundert, bewachsen mit Efeu und wildem Wein. Die Korridore waren ein wenig schief, ein paar Steinplatten zerbrochen, die Eingangstür klemmte. Ein dunkelgrünes Tor führte zur Kopfsteinpflasterstraße draußen, hinter dem Haus waren ein Labyrinth aus Rosenbüschen und ein Brunnen mit einem nackten Amor - er hatte nur noch den Bogen, der Pfeil war verlorengegangen.

Ich erinnere mich nicht an die Entlassung meines Großvaters. Alles, was ich weiß, stammt aus Erzählungen, von Fotos und aus Filmen. Mein Vater und seine Brüder holen ihn in einem schwarzen Wagen vor dem Gefängnistor ab. Davor steht die Pressetribüne, nur für diesen einen Tag gezimmert. Mein Vater trägt einen engen dunklen Anzug, er ist sehr jung und sehr unsicher. Mein Großvater ist dünn. Dann die Bilder aus dem Garten in München: Henri Nannen sitzt neben ihm auf einem alten Gartenstuhl aus Eisen, er führt die ersten großen Interviews. Meine Familie steht weiter hinten unter einer Kastanie. Mein Großvater spricht langsam, ein seltsamer Akzent: weimarisch. Wenn man die Interviews hört, ist man irritiert, dass diese Leute auch einen Dialekt hatten - Speer sprach badisch. Damals sagten alle, mein Großvater rede "druckreif", aber das ist Unsinn: Die Fragen der Journalisten waren abgesprochen, die Antworten hatte er eingeübt. Mein Großvater sagte nichts, womit ich hätte etwas anfangen können.

Als ich vier Jahre alt war, zogen wir in die Nähe von Stuttgart zu der Familie meiner Mutter. Mein Großvater kam kurze Zeit später nach. Wir wohnten in einem Park, den mein Urgroßvater noch vor dem Ersten Weltkrieg angelegt hatte: hohe alte Bäume, ein Haus mit Säulen und Freitreppe, Teiche, eine Gärtnerei. Mein Vater ging mit mir fischen und nahm mich mit auf die Jagd. Es war eine Welt für sich. Meistens war ich alleine. Ich wusste immer noch nicht, wer dieser Großvater war. Er hatte eine Sammlung Gehstöcke, in manchen waren Schnapsflaschen oder Uhren eingebaut, einer enthielt ein Florett, ein anderer sah aus wie der Stock des kleinen Muck.

Wir machten jeden Tag einen Spaziergang zu einem Kiosk außerhalb des Parks. Er musste langsam gehen, im Gefängnis war er auf einem Auge fast blind geworden, Netzhautablösung. Manchmal sprachen ihn Leute auf der Straße an, aber das mochte ich nicht. Und wir spielten jeden Tag Mühle, er gewann immer mit dem gleichen Trick. Irgendwann dachte ich so lange darüber nach, bis ich verstand, wie er das machte. Danach spielte er nicht mehr mit mir. Ich war damals fünf, sechs Jahre alt. Man sprach bei uns nicht viel mit den Kindern. Es hatte auch etwas Gutes: Wir wurden in Ruhe gelassen, wir lebten in unserer eigenen Welt. Aber irgendetwas umgab mich, das ich nicht erklären konnte. Ich wuchs anders auf als die Kinder im Ort, ich hatte kaum Kontakt zu ihnen. Mir blieben die Dinge fremd, und ich fühlte mich nie ganz zu Hause. Ich konnte das niemandem sagen, vielleicht können Kinder so etwas nie.

Zu Hause sagte niemand "Gefängnis", es hieß einfach nur "Spandau". Aber irgendwann hörte ich von einem Besucher, mein Großvater sei lange eingesperrt gewesen. Ich fand das aufregend, weil ich ein Buch über den Piraten Sir Francis Drake gelesen hatte. Ich bewunderte Drake sehr, und der wurde dauernd eingesperrt. Ich fragte meine Mutter, was mein Großvater gemacht habe. Ich weiß nicht mehr, was sie sagte, es war eine sehr lange Erklärung mit lauter Wörtern, die ich nicht kannte. Aber ich erinnere mich noch an ihre Stimme, die jetzt anders als sonst klang. Es muss etwas Schlimmes sein, dachte ich, vielleicht ein Fluch wie in den Märchen.

Plötzlich war er weg. Er hatte sich nicht bei mir verabschiedet. Viel später erfuhr ich, dass er alleine sein wollte. Er zog an die Mosel in eine kleine Pension. Es war wohl alles zu viel nach 20 Jahren in der Zelle. Kurz vor seinem Tod habe ich ihn noch einmal dort gesehen. An diesem Tag interessierte ich mich für den Fluss und die Weinberge und einen Esel, der dort lebte und dauernd die Zähne bleckte. Mein Großvater war ein alter Mann mit einer Augenklappe, den ich nicht kannte. Ich erinnere mich nicht, ob er an diesem Tag überhaupt mit mir gesprochen hatte. Auf seinen Grabstein ließ er schreiben: "Ich war einer von euch". Ein entsetzlicher Satz.

Mit zehn Jahren kam ich auf ein Jesuiteninternat. Natürlich war ich viel zu jung, aber irgendwie ging es schon, weil wir alle zu jung waren. Wir bekamen Postsparbücher mit unserem Taschengeld, vier Mark pro Monat. Am ersten Montag im Monat gaben uns die Patres die Bücher, und wir gingen zur Post, um das Geld abzuheben. Es war jedes Mal eine lange Schlange, der Beamte trug die Zahlen noch von Hand ein. Beim dritten oder vierten Mal winkte er mich nach vorne. Er sagte, er habe meinen Großvater gekannt, seine Augen glänzten. Ich könne nun immer an der Schlange vorbei direkt zu ihm kommen. Ich lief weg. Ein Pater versuchte mir an diesem Nachmittag zu erklären, was der Nationalsozialismus sei, was mein Großvater gemacht habe und warum er ins Gefängnis gekommen sei. Es war noch immer verwirrend und klang nach einer Geschichte aus einem J. R. R.-Tolkien-Buch mit fremden Wesen.

Mit zwölf Jahren begriff ich das erste Mal, wer er war. In unserem Geschichtsbuch war ein Foto von ihm: "Reichsjugendführer Baldur von Schirach". Ich sehe es noch vor mir: Mein Name stand tatsächlich in unserem Schulbuch. Auf der anderen Seite war ein Foto von Claus von Stauffenberg, darunter: "Widerstandskämpfer". Kämpfer klang viel besser. Neben mir saß ein Stauffenberg, ein Enkel wie ich, wir sind heute noch befreundet. Er wusste auch nicht mehr als ich.

Es dauerte noch eine Zeit, bevor der Nationalsozialismus durchgenommen wurde. Damals gab es in meiner Klassenstufe auch einen Speer, einen Ribbentrop und einen Lüninck. Nachfahren der Täter und des Widerstands - alle im selben Klassenzimmer. Meine erste große Liebe war eine Witzleben. Geschichte schien eine Sache zu sein, mein Leben eine ganz andere.

Zu Hause konnte ich später mit allen über diese Zeit reden. Es gab keine Geheimnisse - der einzige Vorteil mit so einem Namen ist vielleicht, dass nichts verborgen bleiben kann. Wir führten endlose Diskussionen, einer meiner Onkel schrieb ein Buch über ihn. Ich habe nie begriffen, warum mein Großvater der wurde, der er war. Sein älterer Bruder Karl beging in seinem Internat, in Roßleben, Selbstmord. Er wurde 18 Jahre alt. Es heißt, er habe es nicht verkraftet, dass der Kaiser abgedankt hatte, aber ein Buch mit Buddhas Reden lag aufgeschlagen auf seinem Tisch, als er starb. Seine Schwester Rosalind wurde Opernsängerin. Sein Vater war Intendant am Weimarer Theater, seine Mutter war Amerikanerin. Ich habe ein Bild von ihr, eine schöne Frau mit einem schmalen Hals. Sie stammte von den "Mayflower"-Einwanderern ab, ein Vorfahre hatte die amerikanische Unabhängigkeitserklärung mit unterzeichnet, ein anderer war Gouverneur von Pennsylvania. Die Schirachs waren Richter, Historiker, Wissenschaftler und Verleger gewesen, die meisten dienten dem Staat, seit 400 Jahren hatten sie Bü-cher geschrieben. Mein Großvater wuchs in dieser großbür-gerlichen Welt auf, ein behütetes, weiches Kind. Auf frühen Bildern sieht er wie ein Mädchen aus, bis zu seinem fünften Lebensjahr sprach er nur Englisch. Er war 17, als er Hitler kennenlernte, mit 18 trat er in die NSDAP ein. Warum begeistert sich jemand, der während des Studiums morgens im Engli-schen Garten ausreitet, für das Dumpfe und das Laute? Warum ziehen ihn Schläger, rasierte Stiernacken und Bierkeller an? Wieso begreift er, der gerne über Goethe schrieb und Richard Strauss zum Patenonkel eines Sohnes machte, nicht schon bei der Bücherverbrennung, dass er jetzt auf der Seite der Barba-ren steht? War er zu ehrgeizig, zu ungefestigt, zu jung? Und für was wäre das überhaupt wichtig? "Was war mit mir?", sol-len seine letzten Worte gewesen sein - eine gute Frage, aber keine Antwort.

Später, während des Studiums, habe ich alles über die Nürnberger Prozesse gelesen. Ich habe versucht, die Mechanismen dieser Zeit zu verstehen. Aber die Erklärungsversuche der Historiker taugen nichts, wenn es der eigene Großvater ist. Er ging in seine Loge in der Wiener Oper, ganz der sogenannte Kulturmensch, und ließ gleichzeitig den Hauptbahnhof zum Abtransport der Juden sperren. Er hörte 1943 in Posen Himmlers Geheimrede über die Ermordung der Juden - er wusste ohne jeden Zweifel, dass sie umgebracht wurden.

Unzählige Male wurde ich auf ihn angesprochen. In jeder nur denkbaren Form: offen, unverschämt, wütend, bewundernd, mitleidig, aufgeregt. Es gab Morddrohungen und Schlimmeres, manchmal ist es zu viel. Aber das alles wird gleichgültig, wenn ich an Wien denke, belanglos. Jetzt werde ich in den Interviews zu meinem neuen Buch wieder nach ihm gefragt. Man will wissen, ob mein Leben ohne diesen Namen anders verlaufen wäre, ob ich einen anderen Beruf gewählt hätte, ob ich mich seinetwegen mit Schuld beschäftige. Solche Fragen müssen wohl sein. Die Journalisten bleiben höflich, aber sie finden es auch ein wenig seltsam, wie ich mich verhalte: Ich sage Termine ab, wenn ich glaube, es gehe zu sehr um ihn. Sie denken, ich wiche aus - und sie haben damit recht. Ich kann keine Antworten geben: Ich kannte ihn nicht, ich konnte ihn nichts fragen, und ich verstehe ihn nicht. Deshalb dieser Text. Es ist das erste Mal, dass ich über ihn schreibe, und es wird das letzte Mal sein.

Vor Gericht werden Verbrechen untersucht. Der Richter prüft, ob der Angeklagte der Täter war, danach wiegt er seine Schuld. Die meisten Verurteilten unterscheiden sich nicht sehr von uns. Sie strauchelten, fielen aus der normalen Gesellschaft, sie glaubten, ihr Leben sei ausweglos. Oft ist es nur Zufall, ob ein Mensch Täter oder Opfer wird. Geliebtentötung und Selbstmord liegen nah beieinander.

Das, was mein Großvater tat, ist etwas völlig anderes. Seine Verbrechen waren organisiert, sie waren systematisch, kalt und präzise. Sie wurden am Schreibtisch geplant, es gab Memoranden dazu, Besprechungen, und immer wieder traf er seine Entscheidung. Der Abtransport der Juden aus Wien sei sein Beitrag zur europäischen Kultur, sagte er damals. Nach solchen Sätzen ist jede weitere Frage, jede Psychologie überflüssig. Manchmal wird die Schuld eines Menschen so groß, dass alles andere keine Rolle mehr spielt. Natürlich, der Staat selbst war verbrecherisch, aber das entschuldigt Männer wie ihn nicht, weil sie diesen Staat erst erschufen. Mein Großvater brach nicht durch eine dünne Decke der Zivilisation, seine Entscheidungen waren kein Missgeschick, kein Zufall, keine Unachtsamkeit. Heute fragen wir in einem Strafverfahren, ob dem Angeklagten bewusst war, was er tat, ob er es noch verstehen, ob er noch Recht von Unrecht unterscheiden konnte. Das alles ist für meinen Großvater schnell beantwortet. Gerade seine Schuld wiegt schwer: Er stammte aus einer Familie, die seit Jahrhunderten Verantwortung trug. Seine Kindheit war glücklich, er war gebildet, die Welt stand ihm offen, und er hätte sich leicht für ein anderes Leben entscheiden können. Er wurde nicht unschuldig schuldig. Es sind immer auch die Voraussetzungen eines Menschen, die am Ende das Maß seiner Schuld bestimmen.

Die Schuld meines Großvaters ist die Schuld meines Großvaters. Der Bundesgerichtshof sagt, Schuld sei das, was einem Menschen persönlich vorgeworfen werden könne. Es gibt keine Sippenhaft, keine Erbschuld, und jeder Mensch hat das Recht auf eine eigene Biografie. In meinem Buch schreibe ich nicht über ihn und nicht über seine Generation. Ich weiß nichts von diesen Männern, was nicht schon tausendfach gesagt und erforscht wurde. Unsere Welt heute interessiert mich mehr. Ich schreibe über die Nachkriegsjustiz, über die Gerichte in der Bundesrepublik, die grausam urteilten, über die Richter, die für jeden Mord eines NS-Täters nur fünf Minuten Freiheitsstrafe verhängten. Es ist ein Buch über die Verbrechen in unserem Staat, über Rache, Schuld und die Dinge, an denen wir heute noch scheitern. Wir glauben, wir seien sicher, aber das Gegenteil ist der Fall: Wir können unsere Freiheit wieder verlieren. Und damit verlören wir alles. Es ist jetzt unser Leben, und es ist unsere Verantwortung.

Ganz am Ende des Buches fragt die Enkelin des Nazis den jungen Strafverteidiger: "Bin ich das alles auch?" Er sagt: "Du bist, wer du bist." Das ist meine einzige Antwort auf die Fragen nach meinem Großvater. Ich habe lange für sie gebraucht.


Ferdinand von Schirach

(Schirach, 47, ist Strafverteidiger in Berlin und hat bislang zwei Erzählbände ("Verbrechen" und "Schuld") veröffentlicht, die international zu Bestsellern wurden. Jetzt ist sein erster Roman "Der Fall Collini" (Piper Verlag) erschienen. Darin erzählt er den Mord eines italienischen Werkzeugmachers an einem deutschen Großindustriellen; ein junger Rechtsanwalt übernimmt die Verteidigung, obwohl der Ermordete der Großvater seines besten Freundes war, und er findet heraus, dass dieser großväterliche Freund die Erschießung italienischer Partisanen zu verantworten hatte. Aber das eigentliche Thema des Romans ist die zweite Schuld der Deutschen, sind die Skandale der Nachkriegsjustiz bei der Aufarbeitung der NS-Taten, und am Ende stellt er auch die Frage, wie die Generation der Enkel mit der Schuld der Großväter umgehen kann. Schirachs eigener Großvater Baldur war ab 1931 Reichsjugendführer der NSDAP und ab 1941 Reichsstatthalter in Wien, wo er verantwortlich war für die Deportation der Wiener Juden. Er wurde 1946 in Nürnberg zu 20 Jahren Haft wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Baldur von Schirach starb 1974.)

http://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_von_Schirach

Das Merkwürdigste an Ferdinand von Schirachs Essay ist diese Stelle:

"Mit zwölf Jahren begriff ich das erste Mal, wer er war. In unserem Geschichtsbuch war ein Foto von ihm: "Reichsjugendführer Baldur von Schirach". Ich sehe es noch vor mir: Mein Name stand tatsächlich in unserem Schulbuch. Auf der anderen Seite war ein Foto von Claus von Stauffenberg, darunter: "Widerstandskämpfer". Kämpfer klang viel besser. Neben mir saß ein Stauffenberg, ein Enkel wie ich, wir sind heute noch befreundet. Er wusste auch nicht mehr als ich.
Es dauerte noch eine Zeit, bevor der Nationalsozialismus durchgenommen wurde. Damals gab es in meiner Klassenstufe auch einen Speer, einen Ribbentrop und einen Lüninck. Nachfahren der Täter und des Widerstands - alle im selben Klassenzimmer. Meine erste große Liebe war eine Witzleben. Geschichte schien eine Sache zu sein, mein Leben eine ganz andere."


Wie kommt es, dass diese beiden Sachen, die Ferdinand von Schirach als voneinander getrennt erlebte, de facto eigentlich in sehr, sehr ungewöhnlichem Maße miteinander verschränkt sind: wie kommt es, dass an derselben Schule, ja in derselben Klasse, er und Nachkommen von Stauffenberg, Speer, Ribbentrop, Lüninck, Witzleben sitzen? Wirklich erstaunlich. Die einstigen Eliten bleiben konstant, lautet die Antwort. Aber so dicht beieinander? Wie kommt es, dass die Enkel der Widerstandskämpfer nicht mit Schilys oder Kohls oder Seehofers Kindern oder den Kindern von Michael Kunze oder Udo di Fabrio zur Schule gingen, sondern mit den Enkeln der Nazis? Wie  kommt es zu diesem gemeinsamen Element der übermächtigen "gegenstrebigen Fügung", wie Jakob Taubes es nannte?


Und woher nahm Gottfried Wagner die Kraft, sich dieser Fügung zu entziehen?

http://www.gottfriedwagner.com/



Dienstag, 13. März 2012

Noch lebt er


Marco Pannella ist sicherlich eine der größten politischen Persönlichkeiten Italiens. Seine Partei (einst Partito Radicale, jetzt Lista Bonino-Pannella) ist eine rigorose liberale, libertäre und liberalistische Bürgerrechtspartei.

http://it.wikipedia.org/wiki/Marco_Pannella

http://it.wikipedia.org/wiki/Lista_Bonino_Pannella

http://it.wikipedia.org/wiki/Partito_Radicale_(Italia)

Montag, 12. März 2012

Verblödung

Das Wissen heutiger Schüler über die DDR ist katastrophal. Es muss an den Eltern liegen. Wenn man halbwegs intelligente Eltern hat, erschließt sich einem die Vergangenheit auch nur durch Andeutungen sehr deutlich. Vielleicht liegts auch am Thema: die DDR scheint keine signifikanten Kommentare zu wecken.

Broder hat auch recht. Er kann einem leid tun. S ist schwer zu sein a Jid. Gott sei dank hat er Humor. Gerhard Löwenthal, Melitta von Stauffenberg, Henryk Broder... es sind bittere Schicksale.

Nicht den Schülern, sondern denen, die es miterlebt haben, sollte man in Erinnerung rufen, wie blöd Italiens führende Gelehrte vor 40 Jahren waren. Wie kann man eine solche Erklärung nur unterschreiben: Autodenuncia di solidarietà a Lotta_Continua

Samstag, 10. März 2012

Donnerstag, 8. März 2012

Griechenland rettet die Banken

http://de.wikipedia.org/wiki/Schattenwirtschaft

Eins der Hauptmotive, weshalb man sich viel vom Euro versprach, war die Kostentransparenz innerhalb Europas.

Aber wenn dem Euro jetzt etwas geopfert wurde, dann gerade die Kostentransparenz. Wer genau dafür zahlen muss, dass Griechenland seine Schulden nicht bezahlt, weiß kein Mensch. Deutlich sichtbar ist im Moment als Motor der Ereignisse nur das Elend der Griechen.

Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank sieht Deutschland als größten Profiteur der Griechischen Finanzkrise in der Pflicht, einen Marshallplan für Griechenland zu initiieren.

In dem Bericht "Griechenlandkrise: Das Märchen vom deutschen Zahlmeister" des ARD-Fernsehmagazins Monitor wird behauptet, dass alleine der deutsche Staat bei konservativer Rechnung 45 Milliarden € verdient habe. Direkt gezahlt hat die staatliche KfW-Bank bisher 15,2 Milliarden Euro an Griechenland, der Rest sind Bürgschaften.

Laut Gustav Horn sind durch eine auf die Griechische Finanzkrise zurückzuführende Unterbewertung des Euro die Exporte Deutschlands um 50 Milliarden Euro gestiegen, was 2 % des BIP entspricht, diese Mehreinnahmen haben auch zu höheren Steuereinnahmen geführt.

Nach Angaben der Londoner Denkfabrik "Open Europe" werden sich nach Auslaufen des zweiten Rettungspakets 85% der griechischen Staatsschuld in den Händen öffentlicher Institutionen, allen voran EZB, ESFS und IWF befinden. Im Falle eines griechischen Zahlungsausfalls oder weiteren Schuldenschnitts müssten somit die europäischen Steuerzahler haften.

Da dieser wie ein Damoklesschwert über uns schwebende Zahlungsausfall wahrscheinlich ist, hat Deutschland seine Zukunft mit einer Hypothek belastet. Der  Vorteil, den die Krise im Moment für Deutschland darstellt, ist also ein Vorteil auf Pump. Dass so etwas Jahrzehnte lang weitergehen kann, hat man in Italien seit den 80-er Jahren gesehen, als die staatlichen Gehälter durch Staatsanleihen bezahlt wurden und die den italienischen Sparern ausgezahlten Zinsen für die Staatsanleihen durch Gelddrucken (also durch Inflation). Anfang der 90-er war dann die Staatsverschuldung so hoch wie das BIP.

Eigentlich leihen wir den Griechen gerade Geld. In Wirklichkeit geben wir ihnen aber nur Kredit (= Glaubwürdigkeit) in Form von Bürgschaften, während das Geld im Moment in unsere Kassen fliesst. Wenn aber der Zahlungsausfall eintritt, müssen wir zurückzahlen, was gerade in unsere Kasse fällt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Griechische_Finanzkrise






http://www.frank-schaeffler.de/

Montag, 5. März 2012

Sonntag, 4. März 2012

Antiwunder

Joachim Gauck und Götz Aly treffen den Nagel auf den Kopf. Seite 2 von Alys Artikel

Dem habe ich eigentlich nichts hinzuzufügen, außer einer paradoxen Variation über dasselbe Thema, insofern:

1. Auschwitz bisher getrost als Singularität angesehen werden darf, solange wir uns unter vernünftigen Menschen mit gesundem Menschenverstand befinden. Denn nichts könnte unsere Furcht ja mehr beschwichtigen: je außergewöhnlicher Auschwitz ist, desto unwahrscheinlicher ist es. Wenn Auschwitz unwahrscheinlich ist, brauchen wir uns aber auch keine Sorgen zu machen, dass es sich wiederholen könnte. Man kann nicht gleichzeitig dieselbe Sache als einzigartig und als wahrscheinlich ansehen.

Meine persönliche Befürchtung ist jedoch, dass Heidegger recht behalten wird: die industrielle Ausrottung ist gar keine Singularität, genauso wie die Industrialisierung der Landwirtschaft keine ist. Pol Pot hat ja bereits in dieselbe Kerbe gehauen. Der nächste Hieb wird weder in Deutschland noch in Kambodscha fallen. Dass jemand 40% der eigenen Bevölkerung zu Oppositionellen abstempelt und liquidiert, wird wohl eher die Ausnahme bleiben, aber die Juden werden weiterhin exponiert bleiben, weil a) der Antisemitismus eine der konstantesten anthropologischen Konstanten ist und b) die Juden einer Tradition der Nichtzugehörigkeit angehören und c) durch die Globalisierung einerseits die Entwurzelung zum Schicksal auch der Nichtjuden wurde (was die Juden wiederum in die exponierte Position des Vorreiters hebt) und andererseits im globalen Dorf nicht mehr ins Exil ausgewandert werden kann, weil Shanghai und New York so gehupft wie gesprungen sind.

http://persciun.blogspot.com/2010/01/rivarol.html

2. Auschwitz mittlerweile so ähnlich wie Lourdes ist. In Lourdes wird immerhin tatsächlich der eine oder andere gesund. Die Pilgerfahrt nach Auschwitz jedoch ist gut gemeint, aber nach allem, was ich beobachtet habe, führt sie nicht zu Gesundung, sondern zu einer Art Trance, wie man sie sonst nur aus Märchen kennt, wo sie "Verwünschung" genannt wird. Auschwitz ist ein Antiwunder, von dem man erkranken kann. Man schaut sich unwillkürlich nach Zauberformeln um, nach dem ironischen Urgrund, der die Merseburger Zaubersprüche auf den Plan rief... Per disastra ad disaspera


Seite 1

Donnerstag, 1. März 2012

Wohin Israel?

http://persciun.blogspot.com/2010/12/israel.html

http://courriermedias.courrierinternational.com/webdocs/voi/home.html


Acies


Einer der ganz wenigen wirklich exzellenten Artikel in der italienischen Wikipedia ist der Artikel über das Römische Heer.