Dienstag, 29. Mai 2012

þagall oc hugall

Hier ist endlich mal ein wirklich sehr guter Artikel über ein Thema der germanischen Mythologie. Dass ich das noch erlebe!

http://de.wikipedia.org/wiki/Hönir

Mir fällt dazu ein, dass die Lückenhaftigkeit dessen, was wir über die alten Mythen wissen, wie eine Verstümmelung auf mich wirkt, zumal es sich hier um einen der Hauptgötter handeln muss. In der Tat wurden die Franken von Chlodwig durch Zwangstaufe christianisiert und die Sachsen von Karl dem Großen erst recht. Wenn sie sich nicht fügten, schlug man ihnen den Kopf ab. Was bei den alten Römern die Christenverfolgung war - die blutige Bekämpfung eines Neuen, das nach Umwertung aller Werte roch - war nach dieser Umwertung bei den neuen Germanen die Heidenverfolgung im Namen der neuen Deutungshoheit - blutiger Bruch mit dem eigenen Erbe für eine Vision monarchischer Ordnung und römischer Kontinuität. Ferner fällt mir auf, dass Hönir mit etwas Urdeutschem in Zusammenhang steht: der schweigsamen Aufmerksamkeit. Das Thema beschäftigt mich schon seit langem. Mir ist nicht bekannt, dass in anderen Ländern/Kulturen das Schweigen einen so hohen Stellenwert hat wie bei uns. Nur Sardinien wird manchmal als "Insel des Schweigens" bezeichnet, und bei den Assoziationen, die dabei geweckt werden, überwiegen die positiven, wenngleich auch die zwischen den Kontinentalitalienern und den Sarden herrschende Kluft dabei mitschwingt.

"Reden ist Silber, Schweigen ist Gold" ist das deutscheste aller Sprichwörter. Wir mögen keine Schwätzer. Und nirgendwo auf der Welt ist das Radioprogramm so gut wie bei uns, nirgendwo gibt es eine so ausgeprägte Hörspieltradition (der Verein der Kriegsblinden hat hier große Verdienste, weil er einen Autorenpreis schuf, der in meinen Augen auch heute noch das beste Bindeglied zwischen Literatur und neuen Medien darstellt). Die deutsche Aversion gegen Geschwätz wird immer zu Konflikten mit den Italienern führen, macht aber andererseits auch den Reiz und die Anziehungskraft aus, die die italienische Freimütigkeit auf uns ausüben kann. Umgekehrt ist es den Italienern ein Rätsel, dass wir Deutschen das Denken nicht als Mühe empfinden, sondern es sogar als entspannenden Genuss erleben können. In den slawischen Sprachen ist die Bezeichnung für "deutsch" sogar etymologisch vom Wort "stumm" abgeleitet. Nemac ist auf serbisch der Deutsche, Nemak der Stumme. Um diese Bedeutungen und ihre Zusammenhänge zu erspüren und zu fassen, ist "Rationalität" nicht sehr hilfreich (nur um das, was man spürt und fasst, später zu ordnen, ist sie wieder nützlich). Man muss sich der Gestaltwahrnehmung bedienen. Gott sei Dank hat es einen Konrad Lorenz gegeben, der unsere heutzutage als "irrational" abqualifizierten intuitiven, seherischen Fähigkeiten erkenntnistheoretisch sanktioniert hat und die Grenzen der sogenannten "rationalen" Fähigkeiten beschrieben hat. Er nannte die intuitiven Gaben nicht "irrational", sondern "ratiomorph". Eigentlich müssten sich gerade die Frauen für diese Lorenzsche Klarstellung interessieren, aber sie sind wie Getriebene damit beschäftigt, männlicher als jeder Mann zu sein. "Das ewig Männliche treibt sie hinan". Dafür verherrlichen sie dann umso entschlossener die Vollkommenheit der Natur. Ausgerechnet die Frauen, die besser wissen sollten als wir Männer, was eine Geburtswehe ist und wie man sich fühlt, wenn einen das Prämenstruale Syndrom in den Fängen hält, verherrlichen die Natur und schwören auf Kräutertees.

Der Hönir könnte als eine Art Schutzgeist der ratiomorphen Talente angesehen werden. Zu diesem Themenkreis gehört auch die Tatsache, dass das Wort "Vernunft" von "vernehmen" kommt und nicht von reor, ratus, reri. Kants Freund Hamann würde mir sicher zustimmen.

Sonntag, 27. Mai 2012

Moralapostel

"L'homme n'est ni ange ni bête et le malheur veut que qui veut faire l'ange fait la bête."

"Alle Ideale sind gefährlich: weil sie das Tatsächliche erniedrigen und brandmarken; alle sind Gifte, aber als zeitweilige Heilmittel unentbehrlich."



Leider gibt es kaum noch engagierte Moralapostel. In diese Bresche springt nun Günter Grass. Er ist sozusagen eine unfreiwillige Parodie von Engagement und moralischem Bewusstsein. Wie ramdösig wir in Deutschland mittlerweile sind, ist daran zu erkennen, dass im ganzen Land darüber debattiert wurde, ob Grass sagen durfte, was er sagte, oder nicht, statt ihn einfach zu widerlegen oder ihn dazu aufzufordern gefälligst zu erläutern, auf welche Weise es denn wohl zu seinem Schreckensszenario kommen sollte? Es ist nicht zu fassen, mir fällt wieder Leonardo Sciascia ein. Doch dazu später.

Dürrenmatt, Popper und Anna Politkovskaya sind nicht mehr unter uns. Die brillanten Juden sind seit dem Mauerfall stiller geworden, und seit 9/11 erst recht (Stéphane Hessel ist eine Ausnahme, die viel Anklang fand). So als sei auf einmal nur das, was nicht glänzt, echtes Gold. Claude Lévi-Strauss, der sein Leben lang die außerokzidentalen Kulturen in Schutz genommen hatte, machte schon 1986 eine radikale Kehrtwendung zum Schutz genau jenes Westens, den er zuvor immer so gerne kritisiert hatte. Aber 2 Jahre zuvor war Salmon Rushdie von Khomeini zum Tode verurteilt worden, und das führte bei Claude Levy-Strauss zu einem Umdenken. Ivan Illich ist gestorben, Peter L. Berger pensioniert. Der einst maoistische Scharlatan des Denkens, der Ende der 70-er durch Ideen berühmt wurde, die für Golo Mann lange vorher eine Selbstverständlichkeit waren, wurde mittlerweile Wahlhelfer Sarkozys. Die Orientierungslosigkeit und Ratlosigkeit hat zugenommen. Die Unwägbarkeit legt sich wie ein Schatten über die Häuser, die Vorhersagen hören sich kurzfristig an, es schmeckt alles so nach Aporie. Lohnt sich das? Lohnt es sich nicht? Für wen lohnt es sich?Für alle? Für niemand? Die Beantwortbarkeit dieser Fragen ist so vage geworden. Wer klug ist, schweigt meistens. Wer schweigt, ist nicht unbedingt klug. Aber so sehr die Menschen sich auch nach Orientierung und Vergewisserung sehnen, sie wollen auch ihre Ruhe haben und sind froh, dass die Klugen schweigen. Denn sie spüren, dass die auch mit ihrem Latein am Ende sind.

Richard David Precht macht seine Sache trotzdem gut. Ob mit ihm als Moderator wohl eine ergiebige und aufschlussreiche Diskussion zwischen Joschka Fischer und Wilhelm Hankel zu Stande kommen könnte? Ich würde es mir wünschen. Oder zwischen Joschka Fischer und Sarrazin. Oder zwischen Joschka Fischer und Friedrich Merz. Oder zwischen Joschka Fischer und Wolfgang Reitzle. Warum eigentlich immer Joschka Fischer? Weil er inzwischen der konsequenteste Propagandist von Angela Merkels Politik ist.

Götz Kubitschek zieht still und geduldig seine Furche und wird dank der Salafisten langsam auch hörbar. Lebt Naipaul noch? Ich hab schon lang nicht mehr von ihm gehört. In Italien fehlt jemand wie Leonardo Sciascia. Ein distanzierter Betrachter, der zu abgeklärt ist, um durch den Ballast gesinnungsbedingter Gruppenzugehörigkeit behindert zu sein. Umberto Eco, der früher so gut die Ambivalenz kommentierte (seine hervorragenden Beiträge zu Italien kennt man in Deutschland nicht; sie sind das Kostbarste, was es zum Verständnis der politischen Situation Italiens in den 80-ern gibt), wurde mit Berlusconis Auftauchen über Nacht selber zu einem Teil der Ambivalenz. Furio Colombo wurde zum brillanten, militanten, zielgerichteten Polemiker, der alles tat, was in seiner Macht stand, um Berlusconi zu delegitimieren, und ich muss sagen, Chapeau! Claudio Magris macht sich die Sache immer zu einfach und fuhr schon immer auf dem Schlitten der Zeit. Bachisio Bandinu lebt auf dem sardischen Kontinent. Gaspare Barbiellini-Amidei ist gestorben. Paolo Mieli, Massimo Cacciari und Leoluca Orlando sind noch da (die beiden letzten sind Philosoph und Architekt der eine, Jurist der andere, aber beide sind eigentlich viel bessere und begeistertere Germanisten als der flatterige, pedantische Magris mit seinem Querdenkernimbus). Last not least ist da das prächtige Enfant Terrible Piero Buscaroli (Cousin Cacciaris), der mehr ein unerbitterlicher Jeremias ist als ein Moralapostel und sogar gerichtlich dagegen vorgehen musste, als Nazi beschimpft zu werden. Seine politischen Kommentare sind ein fürchterliches, schneidendes Dokument maximaler Aufrichtigkeit, das nicht mal vor einem Zeitungsheiligen wie Montanelli halt macht (so als zöge Scholl-Latour auf einmal Joachim Fest mit Enthüllungen durch den Dreck). Wenn man nicht zum Zyniker werden will, liest man es besser nicht. Aber Buscarolis Bücher über Mozart, Bach und Beethoven sind im Moment vielleicht das Beste, was über die drei geschrieben wurde. Angeekelt von der italienischen Politik hat er seine ganze Liebe diesen Komponisten gewidmet. Diese Bücher wurden nicht ins Deutsche übersetzt. Wahrscheinlich möchte man mit jemandem, der so deutschfreundlich ist wie Buscaroli, nichts zu tun haben. Wenn Ratzinger der Rottweiler Gottes ist, ist Buscaroli wahrscheinlich der Gott der Rottweiler. Merkwürdigerweise war dieser kompromisslose Charakter dennoch Chefredakteur mehrerer Veröffentlichungen.

Ein Moralapostel, der seine Sache gut macht und sich nicht beirren lässt, ist Mario Vargas Llosa. In seinem neuesten Buch beanstandet er die Inflationierung des Begriffs "Kultur". Hier in Deutschland kann man den Eindruck haben, er übertreibe da wohl ein bisschen. Aber in Italien und den lateinamerikanischen Ländern - weniger in Spanien - ist diese Inflationierung wirklich schlimm. Und man muss eine bewundernswert unabhängige Urteilskraft besitzen, wenn man als gebürtiger Südamerikaner diesen Tatbestand so mühelos diagnostiziert, statt diesen Intellektuellenjargon mitzumachen. Für mich als außenstehenden, in Deutschland verwurzelten, ist es keine Kunst das zu sehen. Das Schwierige ist, es von innen heraus zu erkennen wie er. Ralph Waldo Emerson sagte, "Gesunder Menschenverstand ist so selten wie Genie."

Vor 34 Jahren sagte mir dieser kompetente Mann, der damals schon eine wahrhaft ciceroartige Karriere hinter sich hatte und zu den ersten westlichen Professoren gehörte, die in China Vorlesungen hielten, dass es nie ein vereinigtes Europa geben werde, weil die Unterschiede innerhalb Europas viel zu groß seien. Das leuchtete mir damals ein. Aber in den 90-ern sah es in meinen Augen tatsächlich so aus, als habe der gute Signor Morello sich geirrt, weil tatsächlich eine gemeinsame Entschlossenheit Gestalt anzunehmen schien. Die erste Enttäuschung, die mich wieder sehr skeptisch werden ließ, war eigentlich die Europäische Verfassung. Ein derartig undurchschaubares Machwerk kann nicht als Verfassung dienen.

Ich war monatelang hin- und hergerissen, glaube aber inwischen, dass Wilhelm Hankel in doppelter Hinsicht recht hat. In wirtschaftlicher Hinsicht und in gesetzlicher. Die legale Spitzfindigkeit, mit der vor einem Jahr Griechenland gerettet wurde, ist nach allem, was ich darüber erfahren konnte, haarsträubend. Leider ist es in der Politik oft unumgänglich, Gesetze überzustrapatzieren. Solange es mit dem Konsens aller und zum Wohle aller geschieht, muss der Politik dieses Primat wohl eingeräumt werden. Aber es muss dann auch zügig Bewegung auf dem Weg zur Besserung gesehen werden. Es wurde aber immer schlimmer. Ich bin deshalb zu meiner skeptischen Haltung zurückgekehrt. Am liebsten wäre mir eine Lösung, die auf halbem Weg zwischen Senator Hankels und Joschka Fischers Position liegt. Joschka Fischers Ansicht, "wenn wir zur Mark zurückkehren, können wir gleich zum bayrischen Taler zurückkehren" ist zwar falsch, aber sie ist nicht ganz falsch. Bayern könnte wahrscheinlich tatsächlich auch ohne den Rest Deutschlands bestehen, und der Taler hat dank der Fugger glaube ich auch einen guten Ruf, ähnlich wie der Florentinische Florin. Aber man soll die Portionen ja nicht kleiner machen als nötig, jetzt, wo Deutschland endlich wieder vereinigt ist, und das gilt auch für Europa: nicht zu groß, aber auch nicht zu klein. Fischers Osterweiterung war zu groß und auf jeden Fall verfrüht, und es war auch ein Fehler, Griechenland und Italien aufzunehmen. Es muss ein Europa mit zwei Geschwindigkeiten her: ein pangermanisches Kerneuropa, an dem auch Frankreich und Polen und alle anderen, die dazu in der Lage sind, teilnehmen können, und der Rest muss erst mal seine Hausaufgaben machen. Und international muss der Kapitalismus vor den Kapitalisten gerettet werden, sei es, indem man Senator Hankels Mahnung, Geld nicht durch Geld, sondern durch Arbeit zu generieren, ernst nimmt, sei es indem man die Empfehlungen von Rajan und Zingales befolgt.

Italien hat nichts gegen die Mafia ausrichten können und den Süden nicht integrieren können. Und wir glauben Italien und Griechenland mit Eurorettungsschirmen integrieren zu können? Und gleichzeitig auch noch die nötigen Mittel zu haben, um Polizeieinsätze gegen die Salafisten bezahlen zu können?

Leonardo Sciascia sagte einmal, man sollte es nicht glauben, aber es gebe tatsächlich hochintelligente Idioten in unserer Zeit, und er sehnte sich zurück nach den unverfälschten Idioten von einst. Dass Günter Grass hochintelligent ist, wage ich zu bezweifeln (er ist zweifellos literarisch hochbegabt, zumindest seine Novelle "Katz und Maus" ist ein Meisterwerk und die "Blechtrommel" auch, und irgendwann möchte ich unbedingt noch "Das Treffen in Telgte" lesen), aber ich musste an Leonardo Sciascias Wort denken, als ich Michael Naumann sagen hörte, die italienische Linke seien keine Kommunisten, sondern Sozialdemokraten. Ich hätte mich übergeben können. Italiens Problem war niemals Berlusconi, sondern besteht darin, dass es in Italien weder eine ausgereifte Kultur des Liberalismus gibt (Berlusconis Partei kommt der deutschen FDP noch am nächsten) noch eine gesunde Sozialdemokratie, die Berlusconi mit programmatischen Inhalten hätte in Schach halten können. Statt ihn zu dämonisieren und ihm gleichzeitig in Schein und Sein nachzueifern!! Wie es 12 Jahre lang geschah, bis alle ein paar marktwirtschaftliche Grundprinzipien herbeten konnten und auch der letzte Genosse endlich maßgeschneiderte Anzüge oder Pullover von Ermenegildo Zegna trug. Es gibt in dieser Linken, die nicht zerstrittener sein könnte, nur ein paar linke Ex-Christdemokraten und linke Ex-Sozialisten (die weniger linken Ex-Sozialisten traten in Berlusconis Partei ein, was Naumann auch einfach übergeht), viele Ex-, Post-, und Nochkommunisten, die aus der einstigen KPI hervorgingen und sage und schreibe zwei kommunistische Nachfolgeparteien (die beide das Wort "Kommunistisch" auch in ihrem Namen tragen), sowie noch weiter links außen die Disubbidienti, die den zivilen Ungehorsam ins Statut schrieben. Prodi war der Sklave der letzten drei Formationen. Wenn die den Stecker rauszogen, war er fertig. Das ist so, als könne Angela Merkel nur das machen, was Sarah Wagenknecht erlaubt. Prodi, der ehemalige Christdemokrat, war einer der ganz wenigen, die man in Italien als authentisch sozialdemokratische Politiker bezeichnen könnte. Dass der Journalist, der Naumann interviewte, nicht einmal auf die Idee kam, ihn - der ständig von Berlusconis Medienmacht und Interessenkonflikt faselte - zu fragen, weshalb diese italienischen "Sozialdemokraten", die mehrmals seit Berlusconis politischem Debüt regiert haben (zweimal Prodi, einmal D´Alema, einmal Amato) während ihrer Regierungen nie Gesetze schufen, die Berlusconis Medienmacht und Interessenkonflikt hätten verhindern können, sei nicht nur am Rande vermerkt.

Ivan Illich habe ich 1979 bei einem Abend im Istituto Stensen erlebt. Ein unvergesslicher Abend. Nach seinem Vortrag über "Die Entschulung der Gesellschaft" diskutierte er mit dem Publikum. Er ging dabei auf folgende Weise vor. Zuerst sammelte er Fragen aus dem Publikum, die jeder mündlich äußerte, immer etwa 8 Fragen. Dann antwortete er, indem er die 8 Antworten spontan zu einer druckreifen Rede verflocht, wobei er die jeweiligen Punkte, die sich auf die zuvor gestellten Fragen bezogen, dadurch unterstrich, dass er mit der Hand jeweils auf die Fragesteller wies, auf deren Frage sich das bezog, was er gerade äußerte. Wenn er auf diese Weise alle Fragen beantwortet hatte, begann ein neuer Zyklus. Ich habe seit damals nie wieder ein derartig beeindruckendes Beispiel genialer Klarheit, Aufmerksamkeit und Sachbezogenheit erlebt.

Moralpredigt

Glaubwürdigkeit

Der geschickteste Moralapostel ist im Moment unser Bundespräsident. Er besitzt etwas äußerst Seltenes: Sinn für Maß, großes Einfühlungsvermögen, feinste Wahrnehmung der richtigen Proportionen und die Fähigkeit, seine Einsichten angemessen zu artikulieren.

Gegenstrebige Fügung

Frohe Pfingsten!




Donnerstag, 24. Mai 2012

Verachtet mir die Meister nicht



Schön, dass Broder Sarrazin verteidigt. Nur ist das alles nicht so deutsch, wie es ihm vorkommt. Dass man von einem Extrem ins andere kippt, geschieht überall. Die Toskana und besonders Florenz war einmal fascistissima und ist jetzt mit Umbrien die letzte Hochburg der Kommunisten in den Quartiersverwaltungen, dem Gesundheitswesen und dem Bermudadreieck zwischen Gemeindeverwaltungen, Versicherungswesen und Kooperativen. Typisch deutsch ist an Deutschland etwas ganz anderes: schon Shakespeare sagte, wir seien nicht so sehr ein Volk des Entweder-Oder wie andere Völker, sondern neigten immer zum Sowohl-als-auch, weshalb wir noch heute halb evangelisch und halb katholisch sind seit dem 30-jährigen Krieg und nach dem 2.WK zwei Länder waren, ein kapitalistisches und ein kommunistisches. Es liegt wahrscheinlich an der zentralen Lage mit 9 angrenzenden Ländern auf dieser europäischen Großhalbinsel, dass wir es am liebsten immer allen recht machen würden und die Quadratur des Kreises unser eigentliches Ideal ist. Da haben es die Engländer mit ihrem Balancing of Powers und Occam´s Razor einfacher.

Dass Sarrazin einen immer noch offen liegenden, nicht verheilten Nerv ins Zentrum der Aufmerksamkeit geholt hat, ist richtig, und es ist gut, dass er es getan hat. Aber dass es sich da um einen "sehr deutschen Nerv" handelt, ist ein Blickwinkel, den ich ablehne, weil durch ihn eine verständliche, auf einem enormen, tragischen Schuldgefühl fußende optische Täuschung quasi in ein neurologisches, dem deutschen Wesen innewohnendes Syndrom umgedeutet wird, was der Klarheit nicht dienlich ist.

Sarrazin hat recht mit seiner Ansicht, dass die Bereitwilligkeit des deutschen Volkes, auf die DM zu verzichten und nicht einmal ein Dankeschön von den anderen Europäern dafür zu erwarten, nur mit einem deutschen Bedürfnis nach Buße zu erklären ist. Die deutschen Politiker jedoch, die den Euro anstrebten und ermöglicht haben, waren nicht von diesem Bedürfnis angetrieben; zumindest nicht ausschließlich und nicht primär. Es gab und gibt sehr gute Argumente gegen den Euro. Es gab und gibt aber auch sehr gute dafür. Und letztere hatten für die entscheidenden Experten und Politiker der letzten Generation mehr Gewicht.

Wenn man an einem sogearteten Scheideweg angekommen ist, dann kann man es nicht allen recht machen, und egal wie man sich entscheidet, bringt jede Entscheidung auch Nebenwirkungen hervor, die man zwar selber lieber vermiede, jedoch für das kleinere der zu wählenden Übel hält.

Broder hat nicht unrecht, aber ich würde nicht so weit gehen, denjenigen, die Sarrazins Thesen nicht einmal anhören wollen, eine totalitäre Haltung vorzuwerfen. Das ist übertrieben, und es führt uns nicht weiter, denjenigen, die Sarrazin unberechtigterweise zum Totalitaristen machen wollen, ihrerseits Totalitarismus vorzuwerfen. Sie sind nur genervt. Und mit dem Gedanken konfrontiert, sich in einer Grundüberzeugung eventuell geirrt zu haben, ist jeder Mensch erst mal entsetzt; das ist ganz normal. Es ist allerdings bestürzend, dass ein intelligenter Mann, der der im Intellektuellenmilieu vorherrschenden Meinung mit klugen Argumenten widerspricht, auf soviel irrationale Verschlossenheit stößt. Bestürzend ist auch der von moralischer Eitelkeit durchdrungene Linkskonformismus, der dabei besonders deutlich sichtbar wird. Ich begegnete diesem moralistischen Linkskonformismus vor über 30 Jahren in der Toskana, und dachte damals nach wenigen Jahren, er könne mit der Zeit nur zu einem deutlichen Rechtsruck in Italien führen, was dann auch geschah. Dass auch in Deutschland einmal ein ähnlicher Linkskonformismus vorherrschen könnte - bei weitem nicht so extrem wie in Italien, aber ängstlicher, sehnsüchtiger und hysterischer - hätte ich damals nicht für möglich gehalten. An diesem deutschen Linkskonformismus ist eigentlich sonst nichts deutsch. Er ist verständlicherweise emphatischer und empfindlicher als andernorts, weil seine raison d´etre die Verwindung einer besonderen Tragödie ist und selbst die Verwindung noch traumatische Aspekte hat. Ihn nährt wie überall auf der Welt ein Gefühl moralischer Überlegenheit (leider nicht selten auch moralischer Eitelkeit). Nicht aus Bosheit, sondern weil man in unserer Epoche aus Liebe zu Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vergessen hat, dass es auch für das Gegenteil davon - Ordnung, Unterschied und Distanz - gute, auch moralisch gute, Gründe geben kann.



Genauere Erörterung

Montag, 21. Mai 2012

Der meistgelesene Artikel in PS

" ...Remember, the large core economies (France and Germany) were among the first members to breach the budgetary rules that were established when the euro was launched. And European institutions proved toothless when it came to enforcing compliance. All of this served to sustain the fantasy world that both Greece and its creditors happily inhabited for far too long.... "

Da war die Glaubwürdigkeit dahin, als Hans Eichel auf einmal mit Berlusconi mauschelte und ausgerechnet ihn um das anbettelte, was Deutschland zuvor Italien immer verwehrt hatte. Gleichzeitig wollte Eichel, dass Nachbarschaftshilfe wie Rasenmähen als Schwarzarbeit geächtet wurde und in Zukunft nicht mehr kostenlos geleistet würde, damit sie versteuert werden könne; ganz Südeuropa verspottete uns damals und hat es noch in Erinnerung.

 http://www.project-syndicate.org/commentary/who-is-responsible-for-the-greek-tragedy-

" ...Europe also failed to react properly when it became obvious that Greece was starting to teeter. European government counterparts failed to converge on a common assessment of the country’s problems, let alone cooperate on a proper response. While they grudgingly loosened their purse strings to support Greece, the underlying motives were too shortsighted, and the resulting approach was strategically flawed and abysmally coordinated... "

Vollkommen richtig, I could not agree more. Dass Schlimmste am Stand der Dinge ist, dass man sehenden Auges tatenlos darauf wartete, wie das unübersehbar Vorhersehbare zustandekam, wobei man nicht einmal den Eindruck hatte, dass diejenigen, die nicht eingriffen, wenigstens ein Interesse mit ihrer Untätigkeit verfolgten, sondern einzig und allein Trägheit, Einfalt und Lähmung die Felle davonschwimmen ließen.

BBC - Wo arbeitet man am meisten in Europa?

http://persciun.blogspot.de/2012/04/wilhelm-hank.html

Selva Hercyna und Römerbrief



Wo Augustus scheiterte, war Augustinus erfolgreich. Seine Durchdringung des Hercynischen Walds begann mit der Beschreibung der Plünderung Roms durch die Gothen in seinem Buch De civitate Dei und Luther machte dann noch einen drauf mit Ein feste Burg ist unser Gott. Die Christianisierung der Selva Hercyna führte auch zu einer Selbstvergewisserung der Germanen, wodurch diese ihre Ritteridentität klarer strukturierten und in der Folge wiederum das Christentum kulturanthropologisch erfasst wurde. Das "Mittel"alter ist dem Namen nach nur ein Zwischenalter, aber es ist das eigentlich christliche Alter und gleichzeitig das eigentlich deutsche Alter, bevor es zu unserer pietistischen deutschen Waldrenaissance im 19. Jahrhundert kam. Diese christlich-germanische Ära begann mit der Zwangstaufe der Franken und endete als Dante seine Commedia schrieb und der Ball wieder im Süden war.



Neotenie




Abel Der Idiot   Simplicius Simplicissimus   Parsifal    Amerika  
Der kleine Prinz  Oskar Matzerath  Forrest Gump     Sofies Welt    Stéphane Hessel Balder      Jesus von Nazaret   Witold Gombrowicz   Neotenie

Samstag, 12. Mai 2012

Stammmutter der Ghibellinen


Durch Agnes von Waiblingen, der Tochter Heinrichs IV und Großmutter Friedrich Barbarossas wurden die Salier zu Vorfahren der Staufer. Die Fehde zwischen Staufern und Welfen wird deshalb in Italien zu einem Gegensatz zwischen Waiblingern und Welfen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Ghibellinen_und_Guelfen

"Hie Waiblingen!" war der Schlachtruf der Staufer, als Agnes Sohn Konrad III. Weinsberg im Kampf gegen Welf VI. belagerte, denn damals war noch nicht Hohenstaufen der Hauptsitz des Geschlechts, sondern eine nicht mehr existierende Burg in Waiblingen. Bei der Belagerung Welfs kam es zur Weinsberger Weibertreue.

Richard Wagner dagegen machte mit mythopojetischer Entschlossenheit kurzerhand aus den Waiblingern Wibelungen, will heißen Nibelungen und Nachkommen der Trojaner.

http://de.wikipedia.org/wiki/Niederrheinischer_Trojamythos

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Wibelungen

Matthias Matussek


Man bekommt sofort gute Laune

Wem die katholische Kirche nicht mehr gefällt, soll gefälligst zu den Lutheranern übertreten. Es ist wirklich nicht zu fassen. Sie sind gerade mal 2% der Katholiken weltweit, leben im Lande Luthers und glauben, der Papst müsse ausgerechnet für sie ein besonders offenes Ohr haben. "Geht doch rüber!"

Kontemplation der Entropie

Freitag, 4. Mai 2012

The Cost of Freedom



"In Brahms sind Trauer und Freude, Sieg und Niederlage eins. Kein Platz für Wunsch oder Reue. Keine Geheimnisse. Gott nicht nötig. Es ist alles da." sagte Maria Kuncewiczowa. Sie meinte es gut. Aber Brahms wäre dieser anthropozentrische Blickwinkel unangenehm gewesen. Er selbst war davon überzeugt, dass nicht er sich ausdachte, was er da niederschrieb, sondern dass es ihm von höherer Stelle eingegeben wurde, und er selber nur ein Werkzeug war wie die Feder in seiner Hand.

Bisher wurde eben nur dann so geschrieben, wie Brahms hier schrieb, wenn man wie er jemanden hinter und über sich wähnte. Weshalb Cioran auf seine schalkhafte Weise feststellte, "Wenn jemand Johann Sebastian Bach alles verdankt, dann Gott".

Find the Cost of Freedom

Mittwoch, 2. Mai 2012