Mittwoch, 26. Juni 2013

Schmidt und Kappler


Helmut Schmidt erinnert zu Recht daran, er habe, als er Italien 1976 Geld lieh, von Italien als Garantie Italiens Goldreserven gefordert. Griechenlands Goldreserve dagegen ist schlicht und einfach der deutsche Steuerzahler.

Was Schmidt unerwähnt lässt, ist, dass er das Darlehen nicht nur an diese Garantieforderung knüpfte, sondern auch an die Freilassung von Herbert Kappler. In Italien wurde dieses Staatsgeheimnis mittlerweile gelüftet (einige der vom italienischen Geheimdienst damals beauftragen Agenten sagten im Fernsehen aus), weil Deutschland seit einiger Zeit angefangen hat, so zu tun, als könne es kein Wässerchen trüben. Die Freilassung Kapplers wurde auf Weisung von Forlani, Moro oder Andreotti (wer genau dahinter stand, ist nicht bekannt) als Flucht inszeniert, die Kapplers Frau Anneliese vorgab, am 15. August 1977 alleine organisiert zu haben.

Weshalb wurde sie als Flucht inszeniert? Weil eine offizielle Anerkennung des Gnadengesuchs zu große Proteste bei der italienischen Bevölkerung ausgelöst hätte.


Ich kann mich noch sehr gut an die Nachricht im Sommer 1977 erinnern, die ich damals in Konkret las. Das Darlehen wurde mit keinem Wort erwähnt, und dafür eine unglaubhafte Geschichte erzählt: Kappler sei von seiner Frau in einem Koffer aus dem Krankenhaus getragen worden. Nicht "gebracht" stand dort - Koffer mit Rollrädern gab es ja bereits - sondern wortwörtlich stand dort "getragen". Es klang sehr unglaubwürdig, aber die Version im Stern und im Hohenloher Tagblatt und der FAZ war auch nicht viel einleuchtender. Es klang irgendwie alles undurchsichtig und unplausibel. Ich verstand damals auch nicht, weshalb die Italiener so entsetzt waren über die Flucht eines alten, anscheinend kranken Mannes. Was genau er verbrochen hatte, wurde in keinem der Beiträge mitgeteilt. Ich verstand es auch drei Jahre später nicht, als ich in Italien lebte und der Fassungslosigkeit italienischer Juden zuhörte. Mit der Zeit gab es dann Fernsehproduktionen, die die Geschehnisse damals in Rom veranschaulichten. Heute verstehe ich nicht, dass sich ausgerechnet Heinemann an die italienische Regierung gewandt hatte, um Kapplers Freilassung zu erwirken und, als dies erfolglos blieb, Schmidt drei mal intervenierte, bevor er schließlich seinen Willen bekam, als er das Darlehen an die Forderung band, Kappler freizulassen. Dass dieses Detail in Deutschland völlig unbekannt ist, spricht Bände über die deutsche Mediensituation und unsere Mentalität. Manchmal sind wir heuchlerischer und doppelbödiger als die Katholiken, und unsere Omertà undurchdringlicher als die der Sizilianer. Hitler, Himmler, Heß und Heydrich werden täglich durch den Dreck gezogen, und diese Geschichte der 70er Jahre wird weggeschwiegen. Warum? Wenn es eine rühmliche Geschichte ist, weshalb wird sie dann nie erzählt? Wenn sie unrühmlich ist, weshalb geschah sie dann überhaupt? Selbst die katholische Kirche und die evangelische Kirche hatten unabhängig voneinander zuvor schon Gnadengesuche eingereicht. Damals wartete Rudolf Heß noch in Spandau auf den Tod. Hat man sich um ihn auch so besorgt gemüht? Kappler war außergewöhnlich intelligent und gebildet. Der einst von ihm verfolgte Monsignore Hugh O’Flaherty besuchte ihn monatlich im Kerker und bekehrte ihn zum Katholizismus. Er begann pädagogische Lehrmittel für Behinderte im Gefängnis zu entwickeln. In den 70er Jahren entstand in der BRD ein Freundschaftsverein Herbert Kappler mit 6500 Mitgliedern, und die 18 Jahre jüngere Tochter eines ehemaligen Kameraden verliebte sich in ihn. Er hatte Charisma. Vielleicht ist das schon die ganze Erklärung?

Aber dass die Wirtschaftsmacht die Rechtsprechung bei dieser Geschichte mit Füßen trat, steht auf einem anderen Blatt, und es wurde von beiden Regierungen in Kauf genommen. Rühmlich ist das nicht und demokratisch erst recht nicht. Abstoßend an der ganzen Geschichte ist das völlige Fehlen freimütiger Offenheit, dass ich gerade dem sonst so unverblümt daherredenden Schmidt Schnauze nicht zugetraut hätte.

Neun Jahre nach Kapplers Befreiung war Schmidt einmal privat in Italien und gab im TV ein langes Interview in englischer Sprache. Er sagte bei dieser Gelegenheit, er habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass es für Italien erst recht eine Verschlimmerung bedeutete, wenn der italienische Staat gestärkt würde. Das war de facto eine seufzende Befürwortung des in Italien üblichen augenzwinkernden Umgangs mit der Gesetzlichkeit. In der Tat, wenn die italienischen Gesetze wirklich angewendet werden, hat man jedes Mal das deutliche Gefühl, tatsächlich in der Hölle zu sitzen.

Proteste gab es natürlich trotzdem wegen dieses Fluchtcoups hinter dem damals auch sofort jemand Machenschaften des Geheimdienstes vermutete, was mir einfältigem Deutschen als eine völlig abwegige Verschwörungstheorie vorkam, da ich darin keinen plausiblen machiavellistischen Sinn erkennen konnte. Aber eine offizielle Freilassung hätte sehr viel größere Proteste ausgelöst und zu politischer Instabilität in einem sehr heiklen Moment geführt. Genau darin lag der "plausible Sinn", den ich übersah. All dies ist völlig undemokratisch.




Tu quoque?

Grün und Grau

Vater und Tochter



Marina Berlusconi

Dienstag, 25. Juni 2013

Hot Spot



L'amore per il mondo


Das sind die Patrioten, die man bei uns immer noch vergeblich sucht.

Walter Bonatti

"Wer international sein möchte, muss erst mal national sein." Bela Bartok

Elias Tsolakidis



Endlich ein kluger Kopf. Ähnlich wie Italien ist auch Griechenland ein Familienkapitalismus und eine Feudaldemokratie. Aber welche Unterschiede bestehen?



Auch in Italien gibt es seit Jahren Initiativen des Direktverkaufs über die sogenannten Filiera cittadina oder filiera solidale oder filiera regionale. Es gibt auch eine filiera nazionale. Und daran kann man schon erkennen, dass es nicht einfach ist, zu unterscheiden zwischen Initiativen, die wieder Preistransparenz herstellen möchten - wie Tsolakidis - oder die sich territorialprotektionistisch verhalten und dementsprechend unter dem Einfluss der italienischen Vertriebskorporationen stehen, die sich wie mittelalterliche Zünfte verhalten und Reformen und Konkurrenz möglichst verhindern wollen: man möchte gegenüber Bauern und Konsumenten ein uneinnehmbarer Block bleiben, bzw. eine Allianz von Blöcken.



Die filiera sarda ist mehr eine Gemüseboutique für biologischen Anbau und besteht seit langem. also das genaue Gegenteil von Tslakidis Initiative, durch die ja vor allem Grundbedürfnisse gestillt werden sollen. Wobei allerdings die Boutiqueperspektive auch bei Tsolakidis als Perspektive für bessere Zeiten schon anklingt und mitschwingt. Denn Griechenland wird nie eine Massenproduktion wie die USA, die BRD oder Holland haben, sondern wird versuchen, was Italien ganz sicher tun wird: Luxusgemüse produzieren. Für die, die es sich im Süden leisten können und für nordeuropäische Ernährungssnobs und Ernährungsneurotiker und für ein paar echte Feinschmecker mit kulturhistorischem Feingefühl. Denn außer den Franzosen ist in Nordeuropa eigentlich niemand mehr dazu in der Lage, diese Qualität noch angemessen zu würdigen. Daran können selbst Schubeck und Klink nichts ändern.



Aber Tsolakidis hat diese Luxusgüter nur im Hinterkopf, er will jetzt erst mal viel gravierendere Probleme lösen. Er organisiert den Handel von Kartoffeln und Waschmittel, von sehr elementare Dingen also, die aber zum Luxus geworden sind. Ein Unterschied zu Italien ist, dass die Griechen nicht so ideologisiert sind wie die Italiener. Griechenland ist in viel höherem Maße eine Oligarchie. Aber das Land hat weder Industrie noch Mafia. Andererseits ist Griechenland nicht so auf den eigenen Bauchnabel fixiert. Wie die Türken haben sich die Griechen viel besser in Deutschland integriert als die Italiener, die, wenn es ihnen gelang sich zu integrieren, den Kontakt zu Italien vollkommen abbrechen (außer für die Ferien), weshalb Markus Lanz und Giovanni Di Lorenzo, die beide eigentlich auch Sendungen in Italien moderieren könnten (was für Berlusconi, D´Alema und Grillo tatsächlich unangenehm werden könnte, weil es eine echte Horizont- und Bewusstseinserweiterung wäre), dies wohl nie tun werden und nicht einmal in italienische Shows eingeladen werden. Dasselbe gilt für alle Italiener, die in Deutschland aufgewachsen sind oder dort Karriere gemacht haben. Es besteht eine echte Berührungsangst zwischen deutschen Italienern und italienischen Italienern, die auf viel Heuchelei beruht und viel Heuchelei bewirkt (in Deutschland geben die Italiener es nicht offen zu, wenn sie Berlusconi wählen). Und diese Berührungsangst gibt es so in der Türkei und in Griechenland nicht, wenngleich auch dort die griechischen und türkischen Deutschen sich kaum sehen lassen. Aber das ist ein wichtiger Unterschied, der Tsolakidis jetzt zugute kommt. Die Griechen sind nicht so undurchlässig für Ideen, sind nicht so ideologisch verwahrlost und besitzen nicht den zynischen Fatalismus der Italiener.





In Italien ist die Wahrnehmung für die wahren Kosten völlig kaputt. Jede Kaufkraftminderung wird als Inflation angesehen, obwohl es sich um künstliche Überteuerung seitens der Zwischenhändler handelt. Das geht bereits seit August 2001 so. Die Krise 2008 kam nur hinzu.



Die Zwischenhändler in Italien brauchen nicht einmal ein Kartell zu bilden. Sie sind ein stillschweigendes Kartell, dass die Preise mit dem Bauch spürt: sie brauchten nur der Versuchung nachzugeben, aus 1 euro 1000 Lire zu machen (obwohl er 2000 wert ist) weil es alte Rechengewohnheiten bedient. Und schon waren im August 2001 viele Produkte doppelt so teuer. Die gezielten Absprachen kamen hinzu. Viele Endverkäufer setzten dann ihre Preise ein Jahr später noch mal rauf, weil weniger Leute kauften. Die alte Regel, dass Angebot und Nachfrage den Preis regeln, funktioniert in Italien in sehr vielen Bereichen seit Langem nicht mehr (seit unter dem Einfluss der KPI oft sogenannte "politische Preise" festgelegt werden; der alte Fehler von Diokletian, dessen Wirkung auch in "Die Brautleute" hervorragend beschrieben ist, ist in Italien geradezu ein Laster des Marktes). In der Hotelbranche funktioniert sie noch sehr gut, weil die meisten Hotels in Italien tatsächlich immer noch Familienbetriebe sind und sich sofort in die Hose machen, wenn für Ostern schlechtes Wetter angekündigt wird. Aber in anderen Bereichen, vom Klempner, Elektriker oder Maurer bis zum Metzger und Gemüsehändler oder der Pizzeria hat man den Eindruck, nichts kann deren Preise senken. Und so treibt manchmal das Nachlassen der Nachfrage die Preise in die Höhe. Nicht selten nehmen solche Unternehmer Kredite auf, statt ihre Preise zu senken. Man sollte es nicht glauben, aber wenn es genug Idioten unter den Unternehmern gibt, die sich so verhalten, kann daraus im italienischen Korporationskapitalismus eine politische Interessengruppe werden. Das hat alles verzerrt und die Wahrnehmung von Angebot und Nachfrage endgültig zerstört. Wenn man heute jemandem sagt, dass 1 Euro immer noch 2000 Lire sind, schaut er dich völlig verstört an.



Die Kaufkraft nahm in Italien immer mehr ab, weil die Konsumenten lange nicht mit einem Konsumrückgang reagierten. Erst als buchstäblich keiner mehr etwas zum Ausgeben hatte, als sich ganze Familien den Tod gaben, gingen die Preise, über 10 Jahre zu spät, endlich runter.



Es ist am Ende Schuld der einfältigen Konsumenten, die den damaligen Preisaufschung von 100% nicht sofort und auch nicht nach drei Jahren und auch nicht nach sieben Jahren abgestraft haben. So ähnlich wie die Palästinenser es sich gefallen ließen, dass die Juden ihr Land für billig Geld kauften. Ist Schlauheit eine Schuld? Ist Einfalt eine Tugend?



Wohl eher nicht, würde ich sagen. Es hat keinen Sinn auf Zwischenhändler und Juden böse zu sein. Man muss die loben, die den Schlauen durch Schlauheit beikommen und die Wahrnehmung der wahren Kosten durch Preistransparenz wiederherstellen. Es lebe hoch Elias Tsolakidis! Denn Profit, der auf Transparenz beruht zahlt sich auf die Dauer besser aus als Profit, der auf Täuschung und Verzerrung beruht.


Tagesschau

WDR

Dienstag, 18. Juni 2013

Angelika Balabanoff


Angelika Balabanoff war Mussolinis Geliebte, als Mussolini noch Chefredakteur der Zeitung "Avanti" war. Es gibt sogar die begründete Vermutung, sie sei die Mutter von Mussolinis Lieblingstochter Edda Ciano. Sicher ist, dass Edda Ciano die Tochter einer von Mussolinis Geliebten war. Goebbels schrieb am 23. 9. 1943 in sein Tagebuch, Hitler habe erfahren, sie sei die Tochter einer jüdisch-russischen Revolutionärin.

Später, als Mussolini sich vom Sozialismus abwandte und den Faschismus gründete, wurde Angelika Balabanoff Lenins Geliebte. Sie war wirklich ganz nah dran. Man kann es fast nicht glauben, dass die Welt so klein sein kann. Die Realität übertrifft immer wieder die Fantasie.

Max Bloch über Balabanoffs Bemerkungen zu Lenin

Man kann es sich als Deutscher auch deshalb so schwer vorstellen, weil diese Geschichte so ganz anders ist als die von Hitler und Eva Braun und Winifred Wagner. Hitler war genauso bieder wie Merkel, wenngleich auch fast so unkonventionell wie Gauck. Mussolini hatte Geschlechtsverkehr mit unzähligen Frauen und war auch in dieser Hinsicht durch intellektuelle Unvoreingenommenheit begünstigt, wie seine Beziehungen zu Balabanoff und Sarfatti deutlich machen. Hansdampf in allen Gassen. Ogni fica fu per lui trincea.

Sonntag, 16. Juni 2013

Tag der deutschen Einheit


13000 Verhaftungen gab es in den Tagen und Wochen nach dem 17. Juni 1953

Socrate


Viva l'Italia



Frescobaldi

Wein

Corriere


Samstag, 15. Juni 2013

Mendelssohn



Die Größe von Mendelssohn wird weltweit immer noch sehr unterschätzt. Ausnahmsweise einmal vielleicht sogar ganz besonders in Deutschland. Es liegt unter anderem daran, dass er von den Interpreten falsch aufgeführt wird. Und er wird wiederum falsch aufgeführt, weil er verkannt wird. Er war in der Zeit der Romantik immer noch ein rigoroser Klassiker, der - im Gegensatz zum nur 4 Jahre jüngeren Autodidakten Wagner - schon von klein auf eine hervorragende Ausbildung bekam und ab dem 11. Lebensjahr bereits so viel und gut komponierte, dass Goethes Freund Zelter ihn mit 12 nach Weimar mitnahm, und in ihm vereinigte sich das Beste am deutschen Pietismus mit dem Besten am jüdischen Idealismus. Er ist von allen Musikexistenzen des 19. Jahrhunderts der ausgereifteste und erwachsenste und der einzige, den alle beneideten. Weil er reich war, weil er hochgebildet und hochbegabt war, weil er sich so vorbildlich verhielt und alles tat, um sein Wissen weiterzugeben, weil er gute Manieren hatte, immer vorbildlich das unwägbare kulturelle Gleichgewicht anstrebte und nicht nur musikalisch begabt war. Weil er die vielleicht schönste Frau Deutschlands oder gar Europas geheiratet hatte. So jemand, der eigentlich zu vollkommen für diese Welt ist, wird irgendwann gekreuzigt. Er war unermüdlich mit dem musikalischen Gemeinwohl und der Förderung, Verbesserung und Bekanntmachung der bereits vorhandenen Musikkultur beschäftigt; sein eigenes Werk fand dadurch en passent Verbreitung, stand aber nie - ganz anders als bei Wagner - im Mittelpunkt seiner Tätigkeit. Man könnte nicht zurückhaltender Wirkung entfalten. Ich vermute, dass seine Größe nicht nur verkannt wird, sondern dass Mendelssohn sogar als die eigentliche Säule unseres musikalischen 19. Jahrhunderts angesehen werden muss.

Mozart wurde noch mit Fußtritten weggejagt. Beethoven war bereits ein Angehöriger des nach der Französischen Revolution sehr viel angeseheneren Bürgertums. Als Mendelssohn starb, war das Judentum noch nicht emanzipiert. Dennoch war er im Vergleich zu Beethoven, was seine soziale Position und seinen kulturgeschichtlichen Rang anging, geradezu ein Gigant des Großbürgertums, quasi ein Benjamin D'Israeli der Musik. Sein Blick auf das Geschehen in Deutschland ist souverän distanziert. Er entspricht D'Israelis Motto, das Christentum sei ein Judentum für die gentilen Völker. Am jüdischen Wesen möge also die Welt genesen. Er hat außer Deutschland noch ein Vaterland, das ihm mehr bedeutet: das geistige, geistliche, das auch für Erasmus das eigentliche Vaterland war. Mendelssohn fehlt daher ganz der tragische oder gequälte Zug all der anderen deutschen Komponisten, die sich nach Napoleons Zeit danach sehnten, dass Deutschland zu einer geeinten Nation werden möge. Er hat als Jude die Möglichkeit, über diesem Geschehen zu stehen und im Mittelpunkt des Rades zu ruhen. Die Anerkennung, die er bei Kollegen international als Musiker genoss, war derartig überragend, dass Friedrich Wilhelm IV. gar nicht anders konnte, als ihn zum Kapellmeister zu machen.

Mendelssohn sorgte dafür, dass Musiker endlich eine gute Ausbildung bekamen. Bildung hat bei den Juden seit Jahrhunderten einen hohen Stellenwert. Anfang des 19. Jahrhunderts konnten selbst unter den armen Juden schon 80% lesen und schreiben. Mendelssohn gründete das erste Konservatorium auf deutschem Boden. In Leipzig! Dort, wo man ihm ein Denkmal setzte, das die von plumpem Dünkel getriebenen Nazis entfernten und die ebenso plumpen DDR-Führer nicht wiederaufstellten.

Zu Lebzeiten war Mendelssohn unantastbar. Erst als Wagner nach seinem Tod (zunächst unter Pseudonym) begann, sein Andenken zu schmähen und der Nationalismus zum Motor der deutschen Einheit wurde, geriet Mendelssohn in Verruf. Man machte einen zweitklassigen, pedantischen Salonmusiker aus dem, der die eigentliche Säule des 19. jahrhunderts war). Die Langweiligkeit und Albernheit, die auch heute noch viele Darbietungen seiner Werke kennzeichnet, zeigt, dass wir uns noch nicht von den Jahrzehnte andauernden Herabsetzungen seiner Musik erholt haben. Viele Interpretationen seiner Werke haben heutzutage in Deutschland (aber auch andernorts... unsere Befangenheit ist ansteckend) etwas gequält Prüdes und Dröges, so als müsse man Mitleid mit ihm haben. Da aber inzwischen sogar die deutschen Volkslieder wieder auf geschmackvolle und lebendige Weise dargeboten werden, kann auch gehofft werden, dass Mendelssohn ebenfalls bald wieder angemessen interpretiert wird. Ein paar ermutigende Beispiele gibt es ja jetzt schon. Ich kann mich gut erinnern, wie schlecht Bach noch in den 70-ern interpretiert wurde. Karl Richters depressive Darbietungen waren dabei noch das höchste der Gefühle. Aber dank Gustav Leonhardt, Frans Brüggen und Glen Gould und anderen, die in ihr Fahrwasser einschwenkten, wird heute die gesamte Barockmusik unendlich besser gespielt. Selbst die Aufführung von Zelenkas Werk ist inzwischen exzellent (zumindest wenn das Collegium 1704 auf der Bühne sitzt).



Mein Vater liebte Mendelssohn sehr und hasste von Herzen Carl Orff. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass er glaubte, Orff sei ein typischer Jude und Mendelssohn der Inbegriff deutscher Innigkeit und Harmonie. Diese Umkehrung der Wirklichkeit könnte komisch sein, wenn sie in meinem Leben nicht so tragisch gewesen wäre. Wahrscheinlich hielt er Orff deshalb für einen Juden, weil die ihm seelenverwandte, "innige", geradezu anthropologisch-nationalsozialistische Elly Ney Orff ebenfalls hasste wie die Pest. Es sind sehr niedrige, sehr persönliche Idiosynkrasien, die hier zum Ausdruck kommen. Mein Vater hielt es sein ganzes Leben lang nie für nötig, diese Dinge zu reflektieren und ein Minimum von Ordnung und Würde in diese Empfindungswelt zu bringen. Die unerschütterliche Selbstgefälligkeit und unerschütterliche Selbstgerechtigkeit dieser Generation sind bestürzend. Noch bestürzender ist, dass selbst mein Bruder (geboren 4 Monate, bevor Gleiwitz überfallen wurde) noch diese Unerschütterlichkeit ungebrochen teilt und sich eine Menge darauf zu Gute hält. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn die eigenen nächsten Verwandten so tun, als sei die Niedertracht eine Not, aus der eine Tugend gemacht werden kann und muss.

Aber es gibt auch das andere Extrem: die Jünger der grauen Muse, die seit 1945 hinter Stipendien und Preisen hinterherrennen, die eine ganze Förderbürokratie erschaffen haben und wie hypnotisiert auf Schönberg und Hitler starren. Es hat immer noch kathastrophale Folgen, da gerade die talentiertesten Talente wie verrückte Chirurgen Metastasen ausbreiten, denn sie sind vom Zyklon B getriebene Stattmusikanten. Ausgerechnet eine Musikkultur, die sich selbst gerne als Errungenschaft der Rationalität ansieht, ist Ausdruck eines Entsetzens, das nicht irrationaler (und tumber) sein könnte. Die Herren dieser Musikerkaste, die an Schubert so gerne rumnörgeln, es fehle ihm die stringente Form und Struktur, sollten sich mehr mit Mendelssohn befassen. Sie könnten viel dabei lernen.

Die Familie Mendelssohn


Mittwoch, 12. Juni 2013

Bosporus - Ochsenfurt



Es muss schrecklich sein, wenn so eine Frau die verkennende Beschränktheit ihres eigenen Sohnes auch noch ertragen muss. Die umgekehrte Zumutung, dass Nachkommen die kaltschnäuzige Niedertracht der Älteren hinnehmen müssen und selber verkannt und angeschwärzt werden, kommt allerdings ebenfalls im Reigen der Unzulänglichkeiten vor, wenn so einschneidende Dinge auf dem Spiel stehen. Ohne Solidarność und Wojtyła wäre Deutschland jetzt noch nicht wiedervereinigt.

Montag, 10. Juni 2013

OPEN THING




Edward Snowden


Deutschlandfunk über Bundestrojaner


Sendezeichen



Nothing is immune against abuse.


Glasnost has become dangerous and will diffuse more and more. This cannot be prevented, we only can mitigate the deleterious effects.


No law on privacy can protect us against the determination of experts of snoopery and information tecnology, if we havn't very strong tribuni plebis.


Remember always that the tribunus plebis was a venerable ancient figure which Cicero considered to be around 400 years old.


German scholars of the 19. century - especially of the Bismarck time - have transformed the Ilias into an unwordly fairy tale, Caesar and Augustus into the savers of the republic, Spartacus into a criminal rioter to spit on and the dignified institution of the tribunus plebis into a dubious semicriminal union leader.


But what the future needs is exactly this: 1. strong user unions which are able to controll information tecnocrats and 2. an open source based organism which controlls the unions.


RES PUBLICA = OPEN THING


And if you love germanic history of the origins, reflect on the fact that "thing" once was the name of a meeting place where discussions and judgements took place. Completely different, but nevertheless the northern variant of what in Greece was called agora.

Donnerstag, 6. Juni 2013

La Manif Pour Tous







Vive la France, vive Ludovine de la Rochere!

In Frankreich findet eine bedeutende Protestdemonstration zum ausdrücklichen Schutz der Kinder statt, die sich nicht dagegen wehren können, dass ihnen ein schwules oder lesbisches Paar als Elternersatz zugemutet wird, und dass ihnen in der Schule Lügen über die Heranbildung der sexuellen Identität aufgetischt werden. In einigen deutschen Artikeln wird "La Manif Pour Tous" statt mit "Eine Demonstration für Alle" mit "Die Antiehe für alle" übersetzt, und der Deutschlandfunk interviewt - statt die Sprecher von La Manif Pour Tous oder französische Bürger zu interviewen - kroatische und polnische Gegner der homosexuellen Lebensgemeinschaft. Diese perfide Manipulation wird hoffentlich nach hinten losgehen.

Um es ganz klar zu sagen: ich möchte, dass in dieser Hinsicht alle Homosexuellen bis ans Ende der Zeit "entrechtet" bleiben. Wobei es sich bei dieser sogenannten Entrechtung in Wirklichkeit ja nur um die Nichtbewilligung von - im Namen der Gleichmacherei geforderten - Sonderrechten handelt. Nichts gegen die Erziehungsberechtigung schwuler Onkels in Fällen, wo ein Neffe oder eine Nichte die Eltern verloren hat. Aber diese Art der Homosexuellengemütlichkeit (Babys aus Indien für deutsche lesbische und schwule Paare), auf die inzwischen wie selbstverständlich gepocht wird, muss verhindert werden. Nicht wir sind homophob, sondern die Homosexuellen homosexuell.

La Manif Pour Tous in deutscher Sprache

Montag, 3. Juni 2013

Minarchie



Unser Bundespräsident ist ein Pastor, und unsere Kanzlerin eine Pastorentochter, und George Dabbeljuh wird verhöhnt, weil er erklärte, vor wichtigen Entscheidungen zu beten. "This is a war we have to win", sagte Obama in seiner Debatte mit McCain. Also lange bevor man ihm den Nobelpreis antrug.

Der Pietismus ist die eigentliche Stärke von uns Deutschen. Unser 18. und 19. Jahrhundert lebt vom Pietismus. Selbst als es damit vorbei ist, spürt man das noch in Nietzsches und Overbecks traurig resümierenden Gesprächen über das Ende der christlichen Religion. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis unser Staatsoberhaupt wieder ein Hohenzoller sein wird. Der vielverspottete Kaiser Wilhelm hatte wenigstens noch Sinn für Proportionen. Er war immerhin der erste, der sagte, er schäme sich ein Deutscher zu sein. Und nicht wie heute, wo dazu gar kein Anlass besteht, sondern als es ausnahmsweise mal wirklich angemessen war, nämlich gleich nach den Novemberpogromen 1938. Entscheidender ist aber, dass wir uns mit Georg Friedrich wirklich sehen lassen können und ein bisschen mehr zurückhaltende Konstanz uns gut tun wird. Spätestens, wenn der unsägliche Emanuele Filiberto wieder im Quirinale thront, schlägt auch in Deutschland die Stunde.

Die Türken sind irgendwann vielleicht noch unsere Rettung





Schön, dass die Unruhen in Istanbul ausgerechnet heute, am Todestag des deutschstämmigen Nazım Hikmet, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich ziehen. Es wird sich wohl um einen Zufall handeln. Der unerschütterlich antikommunistische Andrei Volkonsky hat Hikmet in Moskau kennengelernt und mir bestätigt, dass er ein außergewöhnlich anständiger Mann war und ein tragisches Schicksal dort erleiden musste. Dass Anstand bei kommunistischen Idealisten keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist - und schon gar nicht bleibt! - kann man an zwielichtigen Figuren wie Pablo Neruda und Luigi Nono besonders deutlich sehen.




Die Protestwelle in der Türkei und die Proteste gegen die Elternschaft  Homosexueller in Frankreich sind seit langem endlich wieder einmal zwei Ereignisse, die einen zuversichtlich machen.



Italiener



Egoistischer Dieb als Volksheld: Diabolik ist in Italien so beliebt, dass selbst Abiturienten und Universitätsstudenten diese Hefte lesen, die nicht über das Niveau von Donald Duck hinausgehen. Aber Diabolik macht seinem Namen wirklich Ehre. an ihm ist nichts, was irgendwie an Störtebecker oder Robin Hood denken lassen könnte. Woran der italienische Publikumserfolg liegt, ist mir nicht begreiflich, nicht wirklich.

Schon im Pinocchio - und nicht etwa nur in Benignis Pinocchio - sind am bösesten die Richter. Man fragt sich, wie so etwas in ein Kinderbuch geschrieben werden konnte, und wie dieses Buch dann auch noch zur meistgelesenen Erzählung der Welt werden konnte (abgesehen von den biblischen und anderen religiösen). Ich verstehe die Faszination nicht, die von Pinocchio ausgeht. Ich bin zu autistisch, um das zu begreifen. Ich verstand es als Kind nicht und als Erwachsener auch nicht. Wahrscheinlich ist Berlusconi an allem schuld.




Vielleicht liefert Klonovskys Aphorismus die Erklärung...

"Ein einzelner Mensch im schreiendsten Unrecht ist ein erfreulicherer Anblick als eine Menge im Recht."

Sonntag, 2. Juni 2013

Einfachheit


Großartig


Überaus nett

MATERIALIEN ZU EINER KRITIK DER BEKANNTESTEN GEDICHTFORM ITALIENISCHEN URSPRUNGS

Sonette find ich sowas von beschissen,
so eng, rigide, irgendwie nicht gut;
es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,
daß wer Sonette schreibt. Daß wer den Mut

hat, heute noch so'n dumpfen Scheiß zu bauen;
allein der Fakt, daß so ein Typ das tut,
kann mir in echt den ganzen Tag versauen.
Ich hab da eine Sperre. Und die Wut

darüber, daß so'n abgefuckter Kacker
mich mittels seiner Wichserein blockiert,
schafft in mir Aggressionen auf den Macker.

Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert.
Ich tick es echt nicht. Und wills echt nicht wissen:
Ich find Sonette unheimlich beschissen.

Robert Gernhardt

Sonette find ich allererste Sahne,
So taff, so steil, so super-mega-in;
Sich irgendetwas andres reinzuziehn
Ist für den Arsch, ist absolut vertane

Gehirnaktivität. Ich schrei und japse -
Sonette bringen voll den turbogeilen Trip,
Die sind so oberaffen-hyper-hip;
Wer das nicht rafft, gehört echt in die Klapse.

Ins Zuchthaus, nein: aufs Streckbett, nein: Schafott!
Na, wurscht, nur weg. Und hundert auf den Fetten
Für jeden, der dumm rumzickt bei Sonetten;

Denn im Vergleich ist alles andre Schrott.
Wer das nicht schnallt, der ist total banane;
Ich find Sonette allererste Sahne.

Bertold Breig

Samstag, 1. Juni 2013

Stoa

Wie undifferenziert seit Jahrzehnten mit Begriffen wie Rasse, Kultur, Ethnozentrismus und Xenophobie nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt umgegangen wird, machen zwei Betrachtungen aus entgegengesetzten Blickwinkeln deutlich.

Liberté, Egalité, Tätterättättääää

Ethnopluralismus in Zeiten unaufhaltsamer Bredouille




Zu diesem Zerrbild gehört auch die Tatsache, dass der erste Afrikaner, der je Universitätsprofessor wurde, dies im als ach so rassistisch verschrieenen Deutschland wurde. Wie groß dennoch die Ablehnung ihm gegenüber wurde, nachdem sein Gönner verstarb - und obwohl hier keineswegs Überfremdung ausschlaggebend sein konnte - soll uns ebenso eine Lehre sein, wie die Tatsache, dass man einem hochbegabten Afrikaner damals in Deutschland eine Chance gab, als dies anscheinend andernorts noch nirgendwo geschah.

Der ein Jahrhundert später aktive Alexandre Dumas bekam bleibende Anerkennung in Frankreich, ist weltberühmt und gilt heute fast als Klassiker der französischen Literatur, der hochgebildete Anton Wilhelm Amo, der keine sensationellen Abenteuerromane schrieb, dagegen geriet in Vergessenheit. Händel war nicht lange in Halle und war 17 Jahre älter als Amo. Ob er ihm wohl jemals begegnet ist?

Dass nicht einmal die sonst so findigen Goethe und Schiller - die einen Mann wie Salomon Maimon sogar nach Weimar einluden -  dem Phänomen Amo ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben, ist eine Enttäuschung, mit der ich nicht gerechnet hatte. Was sagte der Alte Fritz - der weder für Goethe noch für Schiller etwas übrig hatte und nicht einmal Kant nach Sans Soucis einlud - zu diesem Missstand? Habe ich  was übersehen? Was ist mit Leibniz? Als Leibniz starb, war Amo gerade 14 Jahre alt. Leibniz war Anton Ulrichs Bibliothekar und kann Amo nicht übersehen haben.




Immerhin war der alte Goethe mit dem alten Johann Friedrich Blumenbach bekannt. "Blumenbach ist alt, aber von lebhaftem und heiterem Ausdruck, er hat sich die ganze Beweglichkeit der Jugend zu bewahren gewusst" sind Goethes anerkennende Worte über ihn, die Eckermann am 16. Oktober 1822 niederschrieb.


Die letzten Arier





29. Mai 2013

"Als Angela Merkel auf dem 6. Integrationsgipfel für „geistige Offenheit“ gegenüber Zuwanderen plädierte, fühlte ich mich sofort angesprochen und irgendwie auch lobend erwähnt. Meine Frau kommt aus Israel, meine Schwiegereltern stammen aus Russland, einer meiner Söhne ist Halbjapaner, meine Tante Ungarin, meine Schwägerin Vietnamesin. Meine Altvordern stammen aus Polen. In meiner Familie wird (sich) integriert, dass es brummt. Grüß Gott, Frau Merkel!

Aber natürlich fühlte ich mich überhaupt nicht angesprochen. Deutsche Integrationsgipfel finden ja nicht wegen Russen und Israelis statt, auch nicht wegen Asiaten und Mitteleuropäern, die brauchen so etwas nicht, denn sie kommen in der Regel allein klar, suchen sich Jobs, Studienplätze, Partner und machen ihr Ding. Es waltet nach meinen Beobachtungen in diesem Land keine kollektive Abneigung gegen Ausländer, die ihre Rechnungen selbst bezahlen wollen. Integrationsgipfel indes werden hierzulande für Zuwanderer muslimischer Abstammung oder Prägung veranstaltet.

Was Frau Merkel sehr interessiert, sind die schlechten Erfahrungen, die Ausländer ("Migranten") mit einer speziellen Sorte Einheimischer machen. Da gibt es viel Dünkel, viel Hochnäsigkeit und Verklemmtheit, gewiss, in speziellen Gegenden auch Rassismus bis zur Gewalttätigkeit – aber öfter Furcht, Befremden und die normale Empörung darüber, missachtet und ausgenutzt zu werden. Was die Kanzlerin der Deutschen, pardon, der Menschen „da draußen im Land“ anscheinend umgekehrt nicht interessiert, sind die schlechten ("nicht hilfreichen") Erfahrungen, die Einheimische mit einer speziellen Sorte von Ausländern machen. Bei dieser Gruppe handelt es sich selbstredend und wohlgemerkt nicht um „die“ Muslime (aber außer ein paar NPD-Nasen denkt das auch kein Mensch); mein syrischer Nachbar etwa spricht blendend Deutsch, verdient seinen Lebensunterhalt selbst, isst gern Sushi und ist sehr nett. Aber es gibt in der Großgruppe der Muslime in Deutschland eine immer weiter wachsende Schar von Alimentierten, Desintegrierten, an Arbeit und Teilnahme am Leben in diesem Land nicht Interessierten, Schulabbrechern, Unqualifizierten, Gewaltbereiten, Kriminellen – von den Islamisten zu schweigen. Sie verachten die Gesellschaft, in der sie leben. Es ist keine Mehrheit, aber es sind viele, und wenn man den Menschen zuhört, die mit diesem Milieu zu tun haben, Kommunalpolitikern und Lehrern etwa, dann haben sich die Zustände in den vergangenen Jahren immer weiter verschlimmert. Die Genossen Journalisten passen freilich auf, dass solche Beobachtungen möglichst nicht in die Öffentlichkeit gelangen; der Neuköllner Bürgemeister Heinz Buschkowsky hat sich, weil er seine als Buch unter die Leute brachte, längst zum "Rassisten" emporgearbeitet.

Und Frau Merkel? Sie mahnt zwar sanft an, dass sich auch die Muslime mehr nach der Decke strecken müssten, aber vor allem eben sollen doch die Deutschen – ja was eigentlich? Wenn die Einheimischen schuld an der Desintegration vieler Muslime sind, wer ist dann verantwortlich für die gelungene Integration fast aller anderen Zuwanderer? Es soll künftig zunächst aber, nachdem Assimilation und Leitkultur schon verworfen wurden, auch nicht mehr von Integration gesprochen werden, sondern von „Inklusion, Partizipation, Teilhabe und Respekt“ – damit auch mal etwas Hilfreiches geschieht. Maria Böhmer (CDU), die Integrationsbeauftragte und demnächst dann wohl Beauftragte für Inklusion, Partizipation, Teilhabe und Respekt, will „eine echte Willkommens- und Anerkennungskultur in unserem Land etablieren“. Na dann Burka ab zum Gebet!

Wenn die „Frankfurter Rundschau“ in ihrer online-Ausgabe über den „Gipfel“ schreibt: „Tatsächlich sind Vorurteile gegenüber Zuwanderern und ein manifester Rassismus in Teilen der deutschen Gesellschaft das größte Hemmnis für eine erfolgreiche Integration. Darüber zu sprechen, wäre Aufgabe eines Integrationsgipfels“, dann beweist die Autorin nicht nur ihre Tauglichkeit für jede Art DDR, sondern vermutlich auch, dass sie, wie Frau Merkel, keine Kinder hat und zumindest von einer Sorge nicht geplagt wird, die hierzulande im Zunehmen begriffen ist: dass man eines Nachts angerufen wird, um seinen Sohn auf der Intensivstation zu besuchen oder im Leichenschauhaus zu identifizieren. Frau Merkel hat zwar sehr zu recht an die Anschlag von Solingen erinnert, sie hat sich für die Blutspur der NSU bei den Opfern entschuldigt, doch wie immer findet sie kein Wort für die Blutspur von Komaschlägerbanden und Tottretern muslimischer Abkunft, die sich durch dieses Land zieht und zwischen Solingen und NSU-Prozess weit mehr Menschen das Leben kostete als die schändlichen Anschläge der Neonazis, zuletzt in Kirchweye und am Berliner Alexanderplatz. Es gibt etwas, das mächtiger ist als die vermeintlich mächtigste Frau Europas: die Feigheit, Dinge beim Namen zu nennen.



P.S.: Ich werde eben von einem Justizbeamten dahingehend belehrt, dass sich die Nichtintegration und Asozialität bei den Russlanddeutschen durchaus mit den schlimmsten Verhältnissen unter hiesigen Türken und Levantinern messen könne (auch was das offizielle Verschweigen dieser Zustände angeht). Die Russlanddeutschen hatte ich in der Tat nicht mit im Blick; ich meinte eher die russischen Russen, und bevor mich jetzt jemand auf gewisse wandernde Rumänen hinweist: Ich weiß. Aber Frau Merkels Gipfel hat, wenn ich recht informiert bin, beide Problemgruppen nicht speziell thematisiert, was ich mal darauf zurückführe, dass sie sich nicht hinreichend über die schlechten deutschen Gastgeber beschwert haben. Müssen sie erst noch lernen." Klonovsky

Kujonierung

Die ständige Kujonierung kluger Menschen, die sich nicht mit den zu schematischen Dogmen einer Beschwichtigungsliturgie heruntergekommenen Obsessionen unserer Freiheitsideale abfinden möchten, sondern letztere tatsächlich mit freimütigem Gedankenaustauch und sorgfältigem Hinsehen ins Leben zurückrufen möchten, ist die Achillesferse der bundesdeutschen Konsensmentalität seit spätestens 1968.


Während im ach so geschmähten Italien die Radikale Partei die Bürgerrechtspartei schlechthin ist (1956 gegründet, mittlerweile aufgelöst, aber in vielfältigen Metamorphosen weiterlebend, unter anderem nach wie vor einen sehr lebendigen eigenen Radiosender im ach so mediendiktatorischen Berlusconien betreibt), die sich auf eine Politik der Volksbefragungen spezialisiert hat und die Einführung von Scheidung und Abtreibung zu ihren Erfolgen zählt, hat das Wort "radikal" in der Bundesrepublik immer einen blutigen, dämonisierenden Beigeschmack, mit dem mal die Linke, mal die Rechte abgestempelt wird, sobald sie sich nicht mit den Plattheiten der poltical correctness abspeisen lässt, versucht, ein Übel an der Wurzel (lat.: radix, radicis) zu fassen und befürchtet wird, dass die Ansichten der von der angeblich goldenen, vorgeschriebenen Mitte Abweichenden womöglich konsensfähig sein könnten. Dass durch diese Schmähung von Standpunkten besonders lauterer und gründlicher Geister, die nicht hinnehmen wollen, dass die Wahrheit mit Füßen getreten wird, diejenigen, denen es Ernst ist mit ihren Appellen, erst ins Abseits potentieller Gewalttätigkeiten getrieben werden und bei dem Einen oder Anderen irgendwann eine Sicherung durchbrennen muss, liegt eigentlich auf der Hand.

Sehr gut hat Martin Lichtmesz den neuesten Stand der Dinge hier beschrieben. Ich verweise in diesem Zusammenhang noch einmal auf meine Bemerkungen zum bösen Apfelkuchen.

Mario Monicelli



http://de.wikipedia.org/wiki/Mario_Monicelli


Canto Quinto





Fünfter Gesang der Hölle

Amor, ch'a nullo amato amar perdona,
mi prese del costui piacer sì forte,
che, come vedi, ancor non m'abbandona.


So ging’s hinab vom ersten Kreis zum zweiten,
Der kleinern Raum, doch größres Weh umringt, :
Das antreibt, Klag’ und Winseln zu verbreiten.
Graus steht dort Minos, fletscht die Zähn’ und bringt
Die Schuld ans Licht, wie tief sie sich verfehle,
Urteilt, schickt fort, je wie er sich umschlingt.
Ich sage, wenn die schlechtgeborne Seele
Ihm vorkommt, beichtet sie der Sünden Last;
Und jener Kenner aller Menschenfehle,
Sieht, welcher Ort des Abgrunds für die paßt,
Und schickt sie soviel Grad’ hinab zur Hölle,
Als oft er sich mit seinem Schweif umfaßt.
Von vielem Volk ist stets besetzt die Schwelle,
Und nach und nach kommt jeder zum Gericht,
Spricht, hört und eilt zu der bestimmten Stelle.
"Du, der in diese Qualbehausung bricht,"
So rief mir Minos, als er mich ersehen,
Und ließ indes die Übung großer Pflicht;
"Schau’, wem du traust! Leicht ist’s hineinzugehen,
Doch täusche nicht dich ein verwegner Drang."
Mein Führer drauf: "Laß dir den Groll vergehen!
Nicht hindre den von Gott gebotnen Gang,
Dort will man’s, wo das Können gleicht dem Wollen.
Nicht mehr gefragt, denn unser Weg ist lang."
Bald hört’ ich nun, wie Jammertön’ erschollen,
Denn ich gelangte nieder zu dem Haus,
Zur Klag’ und dem Geheul der Unglückvollen.
Jedwedes Licht verstummt’ im dunkeln Graus,
Das brüllte, wie wenn sich der Sturm erhoben,
Beim Kampf der Winde lautes Meergebraus.
Nie ruht der Höllenwirbelwind vom Toben
Und reißt zu ihrer Qual die Geister fort
Und dreht sie um nach unten und nach oben.
Ihr Jammerschrei, Geheul und Klagewort,
Nah’n sie den trümmervollen Felsenklüften,
Verlästern fluchend Gottes Tugend dort.
Daß Fleischessünder dies erdulden müßten,
Vernahm ich, die, verlockt vom Sinnentrug,
Einst unterwarfen die Vernunft den Lüsten.
So wie zur Winterszeit mit irrem Flug
Ein dichtgedrängter breiter Troß von Staren,
So sah ich hier im Sturm der Sünder Zug
Hierhin und dort, hinauf’, hinunterfahren,
Gestärkt von keiner Hoffnung, mindres Leid,
Geschweige jemals Ruhe zu erfahren.
Wie Kraniche, zum Streifen lang gereiht
In hoher Luft die Klagelieder krächzen,
So sah ich von des Sturms Gewaltsamkeit
Die Schatten hergeweht mit bangem Ächzen.
"Wer sind die, Meister, welche her und hin
Der Sturmwind treibt, und die nach Ruhe lechzen?"
So ich – und er: "Des Zuges Führerin,
Von welchem du gewünscht, Bericht zu hören,
War vieler Zungen große Kaiserin.
Sie ließ von WoIlust also sich betören,
Daß sie für das Gelüst Gesetz’ erfand.
Um nur der tiefen Schmach sich zu erwehren.
Sie ist Semiramis, wie allbekannt,
Nachfolgerin des Ninus, ihres Gatten,
Einst herrschend in des Sultans Stadt und Land.
Dann Sie, die, ungetreu Sichäus’ Schatten,
Aus Liebe selber sich geweiht dem Tod"
Sieh dann Kleopatra im Flug ermatten."
Auch Helena, die Ursach’ großer Not,
Im Sturme sah ich den Achill sich heben,
Der allem Trotz, nur nicht der Liebe, bot.
Den Paris sah ich dort, den Tristan schweben,
Und tausend andre zeigt’ und nannt’ er dann,
Die Liebe fortgejagt aus unserm Leben.
Lang hört’ ich den Bericht des Lehrers an,
Von diesen Rittern und den Frau’n der Alten,
Voll Mitleid und voll Angst, bis ich begann:
Mit diesen Zwei’n, die sich zusammenhalten,
Die, wie es scheint, so leicht im Sturme sind,
Möcht’ ich, o Dichter, gern mich unterhalten.
Und er darauf: "Gib Achtung, wenn der Wind
Sie näher führt, dann bei der Liebe flehe,
Die beide führt, da kommen sie geschwind."
Kaum waren sie geweht in unsre Nähe,
Als ich begann: Gequälte Geister, weilt,
Wenn’s niemand wehrt, und sagt uns euer Wehe.
Gleich wie ein Taubenpaar die Lüfte teilt,
Wenn’s mit weitausgespreizten steten Schwingen
Zum süßen Nest herab voll Sehnsucht eilt;
So sah ich sie dem Schwarme sich entringen,
Bewegt vom Ruf der heißen Ungeduld,
Und durch den Sturm sich zu uns niederschwingen.
"Du, der du uns besuchst voll Gut’ und Huld
In purpurschwarzer Nacht, uns, die die Erde
Vordem mit Blut getüncht durch unsre Schuld,
Gern bäten wir, daß Fried’ und Ruh’ dir werde,
War’ uns der Fürst des Weltenalls geneigt,
Denn dich erbarmt der seltsamen Beschwerde.
Wie ihr zu Red’ und Hören Lust bezeigt,
So reden wir, so leih’n wir euch die Ohren,
Wenn nur, wie eben jetzt, der Sturmwind schweigt.
Ich ward am Meerstrand in der Stadt geboren,
Wo Seinen Lauf der Po zur Ruhe lenkt,
Bald mit dem Flußgefolg im Meer verloren.
Die Liebe, die in edles Herz sich senkt,
Fing diesen durch den Leib, den Liebreiz schmückte,
Der mir geraubt ward, wie’s noch jetzt mich kränkt.
Die Liebe, die Geliebte stets berückte,
Ergriff für diesen mich mit solchem Brand,
Daß, wie du stehst, kein Leid ihn unterdrückte.
Die Liebe hat uns in ein Grab gesandt –
Kaina harret des, der uns erschlagen."
Der Schatten sprach’s, uns kläglich zugewandt.
Vernehmend der bedrängten Seelen Klagen,
Neigt’ ich mein Angesicht und stand gebückt.
Was denkst du? hört’ ich drauf den Dichter fragen.
Weh, sprach ich, welche Glut, die sie durchzückt,
Welch süßes Sinnen, liebliches Begehren
Hat sie in dieses Qualenland entrückt?
Drauf säumt’ ich nicht, zu jener mich zu kehren.
"Franziska," So begann ich nun, "dein Leid
Drängt mir ins Auge fromme Mitleidszähren.
Doch sage mir: In süßer Seufzer Zeit,
Wodurch und wie verriet die Lieb’ euch beiden
Den zweifelhaften Wunsch der Zärtlichkeit."
Und sie zu mir: Wer fühlt wohl größres Leiden
Als der, dem schöner Zeiten Bild erscheint
Im Mißgeschick? Dein Lehrer mag’s entscheiden.
Doch da dein Wunsch so warm und eifrig scheint,
Zu wissen, was hervor die Liebe brachte,
So will ich tun, wie wer da spricht und weint.
Wir lasen einst, weil’s beiden Kurzweil machte,
Von Lanzelot, wie ihn die Lieb’ umschlang.
Wir waren einsam, ferne von Verdachte.
Das Buch regt’ in uns auf des Herzens Drang,
Trieb unsre Blick’ und macht’ uns oft erblassen,
Doch eine Stelle war’s, die uns bezwang,
Als das ersehnte Lächeln küssen lassen,
Der, so dies schrieb, vom Buhlen schön und hehr.
Da naht’ er, der mich nimmer wird verlassen,
da küßte zitternd meinen Mund auch er –
Galeotto war das Buch, und der’s verfaßte –
An jenem Tage lasen wir nicht mehr.
Der eine Schatten sprach’s, der andre faßte
Sich kaum vor Weinen, und mir schwand der Sinn
Vor Mitleid, daß ich wie im Tod erblaßte,
Und wie ein Leichnam hinfällt, fiel ich hin.



Fünfter Gesang des Paradieses

Se mala cupidigia altro vi grida,
uomini siate, e non pecore matte,
sì che'l giudeo di voi tra voi non rida!


"Wenn ich in Liebesglut dir flammend funkle,
Mehr, als es je ein irdisch Auge sieht,
So, daß ich deines Auges Licht verdunkle,
Nicht staune drum – es macht, daß dies geschieht,
Vollkommnes Schauen, welches, wie’s ergründet,
In dem Ergründeten uns weiterzieht.
Schon glänzt, ich seh’s in deinem Blick verkündet.
In deinem Geist ein Schein vom ew’gen Licht,
Das, kaum gesehen, Liebe stets entzündet.
Und liebt ihr, weil euch andrer Reiz besticht,
So ist’s, weil, unerkannt, vom Licht, dem wahren,
Ein Strahl herein auf das Geliebte bricht.
Ob andrer Dienst, dies willst du jetzt erfahren,
Gebrochenes Gelübd’ ersetzen kann,
Um vor dem Vorwurf euer Herz zu wahren."
So fing ihr heil’ges Wort Beatrix an
Und setzte dann, die Rede zu vollenden,
Ununterbrochen fort, was sie begann.
"Die größte Gab’ aus Gottes Vaterhänden
Und seiner reichen Güte klarste Spur,
Von ihm geschätzt als höchste seiner Spenden,
Ist Willensfreiheit, so die Kreatur,
Der er Vernunft verlieh, von ihm bekommen,
Von diesen jede, doch auch diese nur.
Hieraus ersieh den hohen Wert des frommen
Gelübdes, wenn es so beschaffen ist,
Daß Gott, was du geboten, angenommen.
Denn, wer mit Gott Vertrag schließt, der vermißt
Sich, diesen Schatz zum Opfer darzubringen,
Mit dessen Werte sich kein andrer mißt.
Wie kann drum je hier ein Ersatz gelingen?
Brauchst du auch wohl, was du geopfert hast,
So ist’s nur Wohltat mit gestohlnen Dingen.
Du hast das Wichtigste nun aufgefaßt,
Doch weil die Kirche vom Gelübd’ entbindet,
So zweifelst du an meiner Wahrheit fast.
Drum bleib am Tisch ein wenig noch. Hier findet,
Ob du auch Unverdauliches gespeist,
Das Mittel sich, vor dem der Schmerz verschwindet.
Dem, was ich sag’, erschließe deinen Geist,
Denn Hören gibt nicht Weisheit, nein, Behalten;
Behalt es drum, damit du weise seist.
In diesem Opfer sind zwei Ding’ enthalten;
Das erste: des Gelübdes Gegenst and –
Das zweite: der Vertrag, es treu zu halten.
Der letztere hat ewigen Bestand,
Bis er erfüllt ist, und wie er zu achten,
Dies macht’ ich oben dir genau bekannt.
Drum mußten die Hebräer Opfer schlachten,
Obwohl für das Gelobte dann und wann
Sie, wie du wissen mußt, ein andres brachten.
Der Gegenstand kann also sein, daß man,
Auch ohne Reu’ und Vorwurf zu empfinden,
Mit einem andern ihn vertauschen kann.
Nur mag sich dessen niemand unterwinden
Nach eigner Wahl, wenn ihn der ersten Last
Der gelb’ und weiße Schlüssel nicht entbinden.
Und jeder Tausch der Bürd’ ist Gott verhaßt,
Wenn, die wir nehmen, die wir von uns legen,
Nicht wie die Sechs die Vier, voll in sich faßt.
Drum, ziehet das, was man gelobt, beim Wägen
Jedwede Wag’ herab durch sein Gewicht,
So gibt’s auch nirgendwo Ersatz dagegen.
Scherzt, Sterbliche, mit dem Gelübde nicht.
Seid treu, doch seht euch vor; denn schwer beklagen
Wird’s jeder, der, wie Jephtha, blind verspricht.
Ihm ziemt’ es besser: Ich tat schlimm! zu sagen,
Als, haltend, schlimmer tun – und gleiche Scham
Sah man davon den Griechenfeldherrn tragen;
Drob Iphigenia weint’ in bitterm Gram
Und um sich weinen Weis’ und Toren machte,
Ja, jeden, der von solchem Dienst vernahm.
Sei nicht leichtgläubig, Christenvolk, und trachte,
Nicht wie der Flaum im Windeshauch zu sein;
Daß dich nicht jedes Wasser wäscht, beachtet
Das Alt’ und Neue Testament ist dein,
Der Kirche Hirt ist Führer ihren Söhnen,
Und dieses g’nügt zu eurem Heil allein.
Und reizt euch jemand, schlechtem Trieb zu frönen,
Nicht Schafe seid ihr, eurer unbewußt,
Drum laßt vom Nachbar Juden euch nicht höhnen.
Tut nicht dem Lamm gleich, das der Mutter Brust
Aus Einfalt läßt und, dumm und geil, vergebens
Nur mit sich selber kämpft nach seiner Lust."
Beatrix sprach’s und wandte, regen Strebens,
Ganz Sehnen, ihren Blick zum hellem Licht,
Empor zur schönen Welt des höhern Lebens.
Ihr Schweigen, ihr verwandelt Angesicht
Geboten dem begier’gen Geiste Schweigen
Und ließen mich zu neuen Fragen nicht.
Und schnell, wie sich beschwingte Pfeile zeigen,
Ins Ziel einbohrend, eh’ die Sehne ruht,
So eilten wir, zum zweiten Reich zu steigen.
Die Herrin sah ich so in frohem Mut,
Da uns der Flug zum neuen Glänze brachte,
Daß heller ward des Sternes Licht und Glut.
Wenn der Planet nun, sich verwandelnd, lachte,
Wie ward wohl mir, mir, den verwandelbar
Schon die Natur auf alle Weisen machte?
Gleichwie im Teich, der ruhig ist und klar,
Wenn das, wovon die Fischlein sich ernähren,
Von außen kommt, her eilt die muntre Schar,
So sah ich hier zu uns sich Strahlen kehren
Wohl Tausende, von welchen jeder sprach:
"Seht, der da kommt, wird unser Lieben mehren!"
Und wie sie uns sich nahten nach und nach,
Da sah ich süßer Wonne voll die Seelen,
Im Glanz, der hell hervor aus jeder brach.
Bedenke, Leser, wollt’ ich dir verhehlen,
Was ich noch sah, und schweigend von dir gehn,
Wie würde dich der Durst nach Wissen quälen?
Du wirst daraus wohl durch dich selbst verstehn,
Wie ich ihr Los mich sehnte zu erfahren,
Sobald mein Aug’ in ihren Glanz geseh’n.
"Begnadigter, dem hier sich offenbaren
Des ewigen Triumphes Thron’, eh’ dort
Du noch verlassen hast der Krieger Scharen,
Wir sind entglüht vom Licht, das fort und fort
Den Himmel füllt – drum, wünschest du Erklärung,
So sättige nach Wunsch dich unser Wort."
Ein frommer Geist verhieß mir so Gewährung,
Beatrix drauf: "Sprich, sprich und glaub’ ihm fest,
So fest, als war’ es göttliche Belehrung."
"Ich sehe, würd’ger Geist, du hast dein Nest
Im eignen Licht, das, wie du lächelst, immer
Mit hellerm Glanz dein Auge strahlen läßt,
Doch wer bist du? Was ward der schwache Flimmer
Der niedern Sphäre dir zum Sitz gewährt,
Die uns umschleiert wird durch fremden Schimmer?"
So sprach ich, jenem Lichte zugekehrt,
Das erst gesprochen hatt’, und sah’s in Wogen
Von Strahlen drum weit mehr als erst verklärt.
Denn gleichwie Sol, von dichtem, Dunst umzogen,
In zu gewalt’gen Glanz sich selber hüllt,
Wenn Glut der Nebel Schleier weggesogen,
So barg sich jetzt, von größrer Lust erfüllt,
Die heilige Gestalt im Strahlenringe,
Und sie entgegnete mir, so verhüllt,
Das, was ich bald im nächsten Sange singe.


Dante

Nordtunesien breitet sich aus


Als Romano Prodi die Maastrichtkriterien erfüllen wollte, war sein Betrug wenigstens ehrlich! Er gab sich keine Mühe, seine Buchungstricks zu verhehlen, er schrieb sie sich auf die Fahnen. Er versprach den Italienern, die Steuern im nächsten Jahr zurückzuzahlen, die nötig waren, um die Eintrittskarte zu bekommen und zahlte sie dann auch zurück. Um nochmal an Merkel 2009 zu erinnern:

Buchungstricks statt Schuldenbremse

Ruf bürgerlicher Regierungen

Pfui Deibel. Zugegeben, Merkel befindet sich in einer Situation, in der mans verkehrt macht, wie mans auch macht. Und dass es andere besser gemacht hätten ist fraglich. Aber dass wir die Transparenz über Bord geworfen haben und dies anscheinend unaufhaltsam so weiter gehen soll, ganz Europa mithin so werden soll wie Italien (der oligarchische Süden als Fuhrmann, der produktive Norden als Pferd, die Bevölkerungen des Südens als Sklavenheer), sollten wir wenigstens zur Kenntnis nehmen.