Montag, 28. Oktober 2013

Privation



Das Genialste an der genialen James Bond Parodie "The President's Analyst" von 1967 ist aus heutiger Sicht, dass hinter den Machenschaften, die Dr. Schaefer den Schlaf rauben, eine Art internationales Telekomkartell steckt.


Die Einfalt des deutschen Michels (wenn es sich wirklich um Einfalt handelt) ist liebenswert und peinlich zugleich. Liebenswert, insofern ich mir vorstellen kann, dass Deutschland als einziges Land die Regierungen der befreundeten Länder tatsächlich nicht ausgehorcht hat (zumindest nicht offiziell... die Techniker, die über das entsprechende Know how und die nötige technische Ausstattung verfügen, machen am Ende sowieso, was sie wollen). Peinlich, insofern es für unsere Freunde, besonders für Amerika und Israel durchaus Gründe gibt, die sie aus ihrer Sicht geradezu verpflichten, uns auszuhorchen, um unsere intimsten Geheimnisse zu erfahren. Dass die jüdische Verlagsgruppe Random House auf Bertelsmann hereinfallen konnte, ist mindestens erstaunlich. Ich habe immer vermutet, dass Bertelsmann im Kern ein nationalsozialistisches Unternehmen ist, wenngleich es sich hierbei um einen "Nationalsozialismus mit menschlichem Antlitz" handeln mag. Man konnte es nicht nur in den Veröffentlichungen der 50-er (Monatshefte, Lexika) an der Art und Weise ablesen, wie Themen ausgewählt wurden, unter welchen Gesichtspunkten diese Themen beleuchtet wurden (und welche Aspekte dabei erst gar nicht in Betracht gezogen wurden) und welche Wortwahl dabei zur Anwendung kam. Bewusste und unbewusste Selektion ergänzen sich bei jedem Menschen und Gemeinschaftswesen zu einer politischen Physiognomie.

Dass Bertelsmann nicht nur patriotisch und konservativ war und ist, habe ich immer vermutet. Dass ausgerechnet die misstrauischen Juden - und dann noch die New Yorker Juden - auf Bertelsmann reinfallen konnten, kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht ist Bertelsmann mit der Übernahme von Random House in ein offenes Messer gelaufen? Seis wie es sei, jedenfalls zeigt die Geschichte des Bertelsmann Verlags und die Geschichte ihrer Vertuschung, dass Juden und Demokraten Grund zu Vorsicht haben und durchaus auch Grund uns zu beschnüffeln. Auch die Lustlosigkeit, mit der wir die Beseitigung Gaddafis flankiert haben, weckt natürlich Argwohn. Wir wecken immer wieder den Eindruck, dass wir gerne mit den Arabern gemeinsame Sache machen würden und langfristig Alfred Mechtersheimer der Stichwortgeber der deutschen Politik sein wird. Es ist für die Welt von Bedeutung, auf welchem Auge die deutschen Behörden und Regierungen blind sind. Dass die Einäugigkeit unseres Verfassungsschutzes misstrauisch macht, darf uns nicht verwundern. Und die Tatsache, dass Syrien bis 2011 Chemikalien in Deutschland kaufte, kann nur das Interesse der Geheimdienste jedes Landes wecken, besonders das der demokratischen Staaten.

Soviel Empatie, dies einzusehen, muss sein. Dass wir mit einem Pfund wuchern können, wenn es wahr ist, dass wir unsere Freunde tatsächlich nicht aushorchen, stimmt natürlich ebenfalls.

Aber dass Staaten Geheimdienste haben und dass diese Dienste im Geheimen wirken, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Deswegen heißen sie schließlich Geheimdienste. Dass es da nicht immer mit rechten Dingen zugehen kann, ist auch eine Selbstverständlichkeit. Staatsgeheimnisse sind nun mal brenzliger als Betriebsgeheimnisse; auch in demokratischen Staaten. So sehr man möchte, dass alles im Rahmen der Legalität geschieht. Bei den Geheimdiensten wird die Wendigkeit durch die Notwendigkeit immer an die Grenze der Legalität gedrängt. Ich weiß nicht, ob es wirklich möglich ist, die Aktivitäten von Geheimdiensten gesetzlich vollständig abzusichern. Es gibt da wohl eine Grauzone, die in der Praxis - und sogar in der Theorie - nie restlos mit Gesetzesparagraphen durchrechtet und erfasst werden kann.

Und dasselbe gilt für die Whistleblower. Einerseits muss die Geheimsphäre gegen Hochverrat geschützt werden, anderseits würde man den Whistleblowern gerne eine Unverletzlichkeit einräumen, wie sie die Vestalinnen und Volkstribunen besaßen. Vielleicht kann man ja irgendwann eine internationale Konvention schaffen, die es einem potentiellen Whistleblower zwar unmöglich macht, je wieder den Heimatboden zu betreten, aber ihm dennoch die Möglichkeit gibt, in mit dem Heimatland befreundeten Ländern Asyl zu beantragen. Schließlich ist Snowden eher ein amerikanischer Patriot, der sein Land nur aus Liebe zur Demokratie und zu Amerika kritisiert und bloßstellt. Dass er in einem Land, das Amerika immer etwas feindlich gesinnt bleiben wird, Asyl beantragen musste, gehört zu seiner Tragik.


Retourkutschen fahren langsam, nach Mitternacht noch als Kürbis

Reinheit



Esperanza Spalding ist ein wahrer Lichtblick. Sie kann das, was bisher nicht einmal dem durchaus genialen Moritz Eggert gelingen will. Wir sind aber in Deutschland immer noch viel zu sehr durch den Wind. Leider sind wir trotzdem in Sachen Musik tonangebend, weil unsere Tradition trotz allem immer noch sehr stark ist. Das ist eigentlich ein Segen!! Der starken Tradition verdanken wir es, dass wir 20 mal so viele gute Orchester haben wie Italien. Aber unsere Tradition ist wie benommen.





William Blake

Populistische Falschmeldung?

Lettland bekommt den Euro!

Und das, obwohl nur 40% der Bürger Lettlands dem zustimmen.

Man verspricht, dass die deutschen Steuerzahler nicht für evtl. finanzielle Probleme der Letten einstehen müssen, doch erst vor 5 Jahren konnte eine Zahlungsbilanzkrise nur durch Zahlung von 7,5 Mrd. Euro abgewendet werden.

Das Geld kam von der EU und dem IWF, also auch dem deutschen Steuerzahler!"Deutschlands Steuerzahler müssen nicht für uns einstehen"  Was nun Herr Gauck? Können wir Freiheit und Mut zur Wahrheit? Oder doch nur populistische Falschmeldungen?

Eine italienische Geschichte



So, wie in deutschen Städten die Tauben nicht zutraulich genug sind, um sich denen aufs Handgelenk zu setzen, die sie füttern, gibt es in deutschen Bahnhöfen auch keine streunenden Hunde, die aus eigenem Antrieb den Fahrplan auswendig lernen. Interessant an dieser Geschichte ist auch, dass wo ein Hund als Stationsvorsteher agierte, die italienischen Züge anscheinend alle pünktlich waren.

Rhön




Wikieintrag

Nationalgeografisch

Herbipolis


Italien



Geheime Staatsaffären





Die Panne

Sonntag, 27. Oktober 2013

Laetitia



Laetitia von laetamen


La storia


Luigi Magni obitust




Nachruf

Wikieintrag

Auch das Dehbuch von Mit Pistolen fängt man keine Männer, einer der besten europäischen Komödien über das Süd-Nord-Thema, schrieb Luigi Magni.


Samstag, 26. Oktober 2013

Unabhängige Justiz II

33 Jahre nachdem versehentlich ein italienisches Passagierflugzeug abgeschossen wurde, als amerikanische Jagdflugzeuge versuchten, Gheddafi abzuschießen, hat das italienische Kassationsgericht jetzt festgestellt, dass das Flugzeug wirklich abgeschossen wurde und nicht auf Grund "struktureller Instabilität" abstürzte. Die Ehre des Konstrukteurs wurde durch dieses Urteil postum wiederhergestellt, weil seine Nachkommen sich nicht klein kriegen ließen. Nur schade, dass ihr Vater per Richterspruch verleumdet wurde und an Verbitterung starb, weil er vom zuständigen Richter bezichtigt wurde, durch Verbreitung von Falschinformationen die öffentliche Ordnung zu gefährden, bloß weil er sich wehrte und die Ansicht vertrat, die seit gestern nun als richtig angesehen wird.


Wie bereits gesagt


Umberto Eco






Semiologie ist weder "eine Theorie des Lügens" noch ist sie eine Theorie davon, wie man das sagt, was "das Gegenteil von Wahrheit darstellt". Nichts gegen die präzisen Unterscheidungen eines Charles Sanders Peirce, aber die Semiologie ist vor allem nützlich als Theorie der Missverständnisse. Nützlich bliebe sie auch dann, wenn alle ehrlich wären.

Ansonsten ist hier ein lesenswertes Interview.

Erkennungsdienst






"Gebt mir 6 vom ehrlichsten der Männer geschriebene Zeilen, und ich werde etwas finden, um ihn zum Strang verurteilen zu lassen." Richelieu

Una lunga trattativa




Giovanni Fasanella


Freitag, 25. Oktober 2013

Esperanto

Michele Vietti, der Vizepräsident des CSM sagt, "In einem Land, in dem die Gewaltenteilung gilt, hat das letzte Wort der Richter." Ein aus dem Zusammenhang gerissenes Wort? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.



Bemerkenswert, dass in unserer Zeit nur bei Männern eine Machtposition zu sexuellen Ausschweifungen führt. In diesem Fall bei einem der mächtigsten Justizbeamten Italiens. In Deutschland ist der Hass auf Berlusconi besonders groß. Wurden wir erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts so prüde? Oder verzeihen wir Katherina der Großen, weil sie im Gegensatz zu Berlusconis liberaler Revolution nicht scheiterte? August dem Starken, weil er die Schönheit Dresdens schuf?
 
Wenn man einmal von Matteo Renzi absieht, ist Berlusconi leider immer noch der einzige italienische Politiker, der in den letzten Jahren dazugelernt hat. 1994 wollte er die Entartungen des Wohlfahrtsstaates ("assistenzialismo"), durch welche Kooperativen landesweit Staatsgelder aufzehren und in Süditalien Subventionen versickern, bekämpfen, und gleichzeitig den besonders in der Kommunalpolitik, an den Universitäten und im Gesundheitswesen fortbestehenden Kommunismus. Seit er weiß, dass diese Schlacht verloren ist, sprang er auf den Wagen des Siegers, um den Wagen zu lenken und den eigentlichen Sieger zum Zugtier zu machen. Er hat begriffen, dass es in Zeiten der Wirtschaftskrise für Italien am bequemsten ist, "Assistentialismus" und Kommunismus auf eine höhere Ebene zu heben und auszudehnen: was in Italien gefruchtet hat, soll nun auch in Europa wirken. Anders gesagt, den Schuh, der ihn drückte, sollen wir jetzt mal zu spüren bekommen. "Wer nicht hören will....".

Dass man in Berlin bangt, wenn Berlusconi droht, in Rom eine Regierung zu stürzen, freut nicht nur ihn. Klammheimlich sind selbst seine Gegner darüber glücklich. In gewissem Sinn ist Berlusconi ein kommunistischer Führer auf europäischer Ebene geworden (Vergemeinschaftung der Schulden), obwohl er in Italien nach wie vor als Wagenlenker, der seine politischen Gegner zu Zugtieren degradiert hat, natürlich Antikommunist bleiben muss. Aber Berlusconis seit 1994 hartnäckig immer wieder geäußerte Forderung, in Italien keine weiteren Steuern einzutreiben, wird inzwischen von der italienischen Linken ins Europäische übersetzt.

Auch Berlusconi weiß sehr wohl, dass Steuern eingetrieben werden müssen, aber er möchte, dass sie nicht in Italien, sondern in Nordeuropa eingetrieben werden. Er hat es tatsächlich geschafft, die politischen Forderungen, die seit 1978 immer wieder von Vertretern des linksten Flügels der Kommunisten geäußert wurden, seit 2012 zu seinen eigenen Kernaussagen zu machen und gleichzeitig die anfallende Dreckarbeit sogar noch andere machen zu lassen, die zwar selber gerne mit der Mistgabel auf Angela Merkel losgehen würden, sich aber zu viel auf ihre weiße Weste einbilden, um vor dem italienischen Volk nicht als Merkels Lakeien dazustehen: erst Monti, jetzt Letta. Berlusconi ist genial, und Alfano und Fitto wissen, was sie an ihm haben. Die italienischen Gesetze empfinden alle Italiener als Pein. Auch wenn sie das im Gespräch mit Deutschen, besonders in Deutschland, ungern einräumen. Aber deutsche Unternehmer wissen, weshalb sie ungern in Italien investieren. Kaum jemand wird sich von Berlusconi abwenden, weil er verurteilt wurde, im Gegenteil. Er ist nur langsam zu alt, und die Leute machen sich darüber Gedanken, dass es auch ohne ihn gehen muss, obwohl sein Charisma ungebrochen ist.

In Italien wird kein Politiker je entschlossen gegen die Mafia vorgehen, genau so wie kein deutscher Politiker je entschlossen gegen Italien vorgehen wird.


Es gibt ein euphemistisches Motto, mit dem Italiener und Deutsche sich manchmal ins Gleichgewicht schaukeln: "Die Deutschen lieben die Italiener, aber sie bewundern sie nicht. Die Italiener bewundern die Deutschen, aber sie lieben sie nicht." Ausgesprochen wird diese Spruchweisheit meistens von Deutschen in Italien, manchmal von Italienern in Deutschland, nie von Italienern in Italien. In Wirklichkeit lieben die Deutschen die Italiener und sie bewundern sie. Aber sie werden von den Italienern weder geliebt noch bewundert.




Hoher Meißner



100 Jahre!

Bilderstrecke

Slow Food

Waldjugend

Wandervogel

Westenburger








Donnerstag, 24. Oktober 2013

Thatcher vs. Prodi







Unabhängige Justiz



31 Jahre nachdem Sophia Loren der Steuerhinterziehung bezichtigt wurde und 17 Tage deswegen im Kittchen saß (und 39 Jahre nach der Einkommenssteuererklärung, die Gegenstand der Anklage war), wurde ihr jetzt endlich vom Kassationsgericht recht gegeben. Italien hat wahrlich die unabhängigste Justiz der Welt. Wie sagte Silvio Berlusconi so schön vor zwei Jahren? "L'Italia è un paese di merda."

Berlusconis Prozesse im Überblick

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Wissenschaft in Australien

Eine australische Studie hat herausgefunden, dass Fatalismus für der kaukasischen
Rasse zugehörige Einwanderer ein größeres Gesundheitsrisiko darstellt als für Asiaten. In Europa, und besonders in Deutschland, wäre erst einmal die Existenz von Rassen im Allgemeinen und von Kaukasiern im Besonderen in Frage gestellt worden und jeder als "mindestens hellbraun" diffamiert worden, der gewagt hätte, ihre Existenz für möglich zu halten. Occam's Razor hat wieder mal gewonnen, bzw. in Australien gibt es noch angelsächsische Unbefangenheit jenseits der Fallstricke der political correctness.

Warm anziehen







Amerika

Deutschland

Frankreich

Mane nobiscum quia vesperascit





Dienstag, 22. Oktober 2013

Verdi und Wagner




Gute Gegenüberstellung

Als Cavour von der Kriegserklärung der Österreicher hörte, soll er als Reaktion aus voller Kehle die Arie "Di quella pira..." aus dem Troubadour gesungen haben. Es ist glaubhaft. Die Opernhäuser waren damals wirklich Orte politischer Agitation. Und Mercandante, Rossini, Bellini, Donizetti und Verdi waren militante Patroten, die wussten, was sie machten und was auf dem Spiel stand und nicht nur Wichtigtuer wie Ai Wei Wei. Die Zensur der Habsburger nahm jedes Libretto dieser Komponisten unter die Lupe. Und Viva Verdi, das bedeutete damals Viva V.E.R.D.I. = Viva Vittorio Emanuale Re d'Italia.  Selbst im Film "Sissi" gibt es eine gelungene Szene, in der man einen glaubhaften Nachhall dieser Stimmung sehen muss: als Cecco Beppe - wie Kaiser Franz Josef von seinen italienischen Anhängern immer gutmütig genannt worden war - nach Mailand kommt, schicken die erbosten Mailänder ihre Dienerschaft in die Oper. Kann man sich Bismarck vorstellen, der eine Arie von Wagner anstimmt, als er die Nachricht von der Kriegserklärung Napoleons III. erhält? Man kann sich vorstellen, dass er sie vergnügt summte! Bismarck war einer, der am laufenden Band witzige Bemerkungen machte, so dass der damalige Kronprinz es in seinem Tagebuch hervorhob, als er es bei einer strategischen Lagebesprechung im Zusammenhang mit diesem Krieg einmal nicht tat, weil der Ernst der Lage es nicht erlaubte.

Soundtrack des Risorgimento

Cavour sorgte dafür, dass Verdi im ersten italienischen Parlament einen Sitz bekam. Wagner floh 1849 mit falschem Pass in die Schweiz, weil er sich am Dresdner Maiaufstand beteiligt hatte.

Verdi wirtschaftete vorbildlich, war ein reicher Mann und schrieb den Chor der jüdischen Sklaven (lange bevor er reich wurde).




Wagner pumpte alle an, zahlte seine Schulden nicht zurück und schrieb Das Judentum in der Musik


In Deutschland wurde Napoleons Herrschaft als unerträgliches Joch empfunden, wenn auch nicht überall in Deutschland, sondern vor allem im Norden. In Italien war Napoleon bei der Mehrheit willkommen. Im Gegensatz zu Deutschland übernahm man den Code Napoleon ohne große Änderungen als Bürgerliches Gesetzbuch, und die Eliteuniversität in Pisa heißt heute noch "Normale". Als Joch empfand man in Italien nur die Habsburger. Hätte man sie nicht fortgejagt, wäre Italien heute nicht so chaotisch. Aber die Italiener lieben das Chaos, und der Chor der jüdischen Sklaven wird auch heute noch als eine Art inoffizieller Nationalhymne in Italien empfunden.

Montag, 21. Oktober 2013

Ernährungspyramide


















Sonntag, 20. Oktober 2013

Retrospektive made in Italy










Alles Vergängliche
ist nur ein Gleichnis.
Das Unzulängliche,
hier wird´s Ereignis.
Das Unbeschreibliche,
hier ist´s getan.
Das Ewigweibliche
zieht uns hinan.

Samstag, 19. Oktober 2013

Herbert Pixner







Longanesi







"Die Italiener werden nie das Gehirn oder die Muskeln Europas sein, denn sie sind das Herz Europas." Leo Longanesi

Freitag, 18. Oktober 2013

Sancta Patientia


Sostiene Botho Strauß



Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist der Typus des Außenseiters aus Gesellschaft wie Literatur so gut wie verschwunden. Der Einzelgänger, der sich fern von neuen Foren hielte, besäße heute keinerlei Prestige mehr, sondern erschiene wohl den meisten als schrullige Figur. Konformitäten, Korrektheiten und Konsensivitäten, die das juste milieu der kritischen Öffentlichkeit regeln, werden von den Bakterienschwärmen neuer Medien lediglich verstärkt. Der Hauptstrom kann nur immer breiter, launiger und machtvoller werden - und dabei seine unersättliche Gemeinschaftsbildung mit immer raffinierterer Technik betreiben.
Wenn alle meinen, es käme noch am entlegensten Ort darauf an, sich genügend Gesellschaft online zu verschaffen, so kommt dem Unverbundenen eine neue Rolle zu.
Idiot: der Unverbundene, der anderen Unbegreifliches spricht. Privatperson. Gemeinschaftsstümper. Idios: beiseite, abseits befindlich; den einzelnen betreffend, dem einzelnen zugehörig. Idioteía: Privatleben. Torheit.
Der idiot savant , wie man zuerst den Autisten nannte, wäre als Begriff zu entlasten und vielleicht verwendbar für jene Abenteuerer, die anders verbunden sind als nur untereinander. Das Verbundensein wiedererstarkt in der Absonderung.
Der Abgesonderte ist ja der idiotes im antiken Wortsinn. Er dreht sich wie eine abgerissene Rose im Flußstrudel zielstrebiger Menschen - Menschen im Konsens. Eingemeindete, Zugehörige eines wundersamen Einvernehmens. Zielstrebige Leute, doch über ihr Ziel täuschen sich alle.
Wozu noch Ich sagen? Man wird sich daran gewöhnen, daß nicht Subjekte etwas fühlen, sondern konsensitiv Assemblierte etwas zum allgemeinen Erlebnis bringen. Das Subjekt selbst bleibt lustlos.
Die Bereiche des Geschehens, der Entwicklungen, der Zustände, für die man keine eigene Zunge hat, sondern nur eine, die mit tausend anderen in dieselbe Schwingung versetzt wird, so daß sie über die hinderlichsten Tatbestände hinweggaloppiert, diese Bereiche vermehren sich, drängen den Idiotes hin zu den Idioten der Belange.
Seid umschlungen, Millionen, hielt man die längste Zeit für eine gewagte poetische Hyperbel, bis sich zeigte, daß sie die Zukunft der Facebook-Freundschaften, das Alle-Welt-Gefühl des Stubenhockers besang. Darin sind alte Einsamkeit und alte Geselligkeit gleichermaßen verloren. "Eine verstreute Dynastie von Einsiedlern hat das Antlitz der Erde verwandelt" (Borges).
Die klassische Proportion, die den Transport der Kultur ermöglichte, beruhte auf der substantiellen Trennung der vielen oder Ausgeschlossenen von den wenigen oder Einbeschlossenen. Noch Borchardts Kritik an der Humboldtschen Bildungsreform betonte, es komme eben nicht darauf an, daß viele Griechisch lernen, sondern wenige. Die vielen verdünnen das Gut, jene wenigen aber erhalten es.
Der ästhetische Urfehler rührt vom Plurimi-Faktor: die meisten zur obersten Interessensphäre zu machen. Das Breite zur Spitze zu erklären.
600 Millionen Autoren brauchen kein Buch - sie füllen Rückstände von Schon-Geschriebenem in ein Unbuch. Von Massenbewegungen fasziniert, unterschlägt der intellektuelle Götzendienst vor dem Populären die banale Erfahrung, daß diese Anrufung, immer der Quote nach, stete Anpassung nach unten verlangt.
Inzwischen paktiert auch die Kunst liebedienerisch mit Quote und breitem Publikum. Kaum einer, der Verbreitung nicht für Erhöhung hielte. Er müßte denn schon seiner Erfolge überdrüssig sein und aus purem Snobismus die Überzeugung hegen: Die Frage des Niveaus wird in Zukunft wieder von der Begrenzung des Zugänglichen abhängen.
Wir anderen müssen neue unzugängliche Gärten bauen! Zurück zur Avantgarde! Den Kunstbegriff gilt es auf Brennpunktgröße zu verengen. Das natürliche Bedürfnis gegenüber dem schrankenlos inkludierenden System geht nach dem ausgewählten Zirkel. Man halluziniert in der Schwemme die Weihen des George-Bunds. Gewiß ohne den Stern, ohne Geschichtsprophetie. Der Typus Meister und Führer ließe sich ohnehin nicht wiederbeleben, so wenig wie das paternale Familienoberhaupt oder der Reitergeneral. Den Führer gibt es nur noch als schräge Figur - in einem abwegigen Staat oder einer paranoiden religiösen Sekte. Ein geistiges Myzel indessen, eine untergründige Verbundenheit, ein ausschließendes Prinzip, wäre wohl dienlich der Abwehr anmaßender Dürftigkeit. Nicht feind der Demokratie, jedoch der Demokratisierung sämtlicher Lebensbereiche, feind dem demokratischen Integralismus.
Der Reaktionär läßt, was niemals war, geschehen sein. Er verklärt als der echte Epiker das Gewesene, um es jederzeitlich zu machen. Das war nie und ist immer , die Definition des Mythos (bei Walter F. Otto nach einem Wort des Sallust), behauptet auch der Reaktionär. Es macht ihn zum Geschichtsmythologen. Als solcher verfolgt er Ordnungsphantasmen, die sich einer fabulösen Eingebung eher verdanken als einem politischen Kalkül.
Man sollte meinen, daß inzwischen die mediale Zunft weiß, was sich diesem Typus literarisch zuordnen läßt, nämlich eine bestimmte Zucht von Gedanken, die das, was höher rangiert als sie selbst, erstens erkennt und zweitens nicht stürzen will, sondern sich ihm in der Hoffnung auf Teilhabe unterwirft. Man muß aber erleben, daß mit dem Begriff Reaktionär nach wie vor nur der Bierschaum des politischen Stammtischs assoziiert wird. Die Mühlen des öffentlichen Bewußtseins mahlen nicht langsam, sondern immer wieder das schon gemahlene Mehl.
Der Reaktionär ist Phantast, Erfinder (der Konservative dagegen eher ein Krämer des angeblich Bewährten). Gerade weil nichts so ist, wie er's sieht, noch gar nach seinem Sinn sich entwickelt, steigert er die fiktive Kraft seiner Anschauung und verteilt die nachhaltigsten Güter des Geistes und des Gemüts. Oder die lange anhaltenden. Oder die im Erhalten sich erneuernden (um der entleerten Vokabel ein wenig variablen Sinn zu unterlegen).
Wir drängen den Gläubigen und Andersgläubigen neben uns unentwegt unsere Freiheiten auf, denken aber nicht daran, auch nur das Geringste von ihrer sittlichen Freiheitsbeschränkung nachahmenswert zu finden oder auf uns abfärben zu lassen. Das Abfärben soll nur einseitig geschehen. Dabei täte etwas mehr Familie, etwas väterliche Stärke einem Erziehungsverhalten gut, dessen Schwächen allenthalben von staatlich geförderten Hilfen kostspielig kompensiert werden. Autorität zu bezweifeln gehört jedoch zu den Pflichten, die der demokratischen Übereinkunft selbstverständlich erscheinen und die ihr leichtfallen.
Aber Ihr Freizügigen! Seid ja geschlossener verhangen als jede Muslimin im Ganzkörpertuch. Eure Burka ist eine feste Hülle aus Sprachlumpen, aus Nicht-erscheinen- und Nicht-blicken-Können. Ihr seht einander nicht, und was Ihr sagt, bleibt ungesagt.
Neugier und Respekt gegenüber den uns fremden Gesetzestreuen bleibt den wenigen vorbehalten, die es sich zumuten, die Sache in den schärfsten Kehren der Ambivalenz zu ertragen. Die meisten wenden sich bereits mit Empörung ab, sobald ihrem gewohnten Lebensstil aus religiösen Gründen mit Distanz begegnet wird. Im Zuge des Bevölkerungswandels könnten sich andere Prioritäten herausbilden, als sie heute gültig sind.
Die es nach dem Strafgericht der Entbilderung verlangt, die ihr Leben unter den Buchstaben ihrer Religion stellen, wenn nicht gar in den Dienst einer Rück verwortung der Welt, werden unter radikalisierten Umständen freilich auch unseren Überfluß an bildlichen Kunstwerken nicht verschonen. Doch hieße, vom westlichen Lebensstil zu lassen, nicht auch: sich abwenden von Kubrick und Mark Rothko? Die meisten könnten das, die wenigen können es nicht.
Man könnte behaupten, daß die Frage nach dem Unzeitgemäßen sich nicht mehr stellt, da wir im Grunde nur noch erneuerbare Gegenwart kennen. Inzwischen kann nicht einmal der gelernte Zeitgenosse sicher sein, daß sein Handwerk noch à jour ist, indem sich ihm von nah und fern aufdrängt, daß sehr ungleiche Zeiten sich die eine Gegenwart teilen.
Dabei geschieht jedem seine Unzeitgemäßheit Tag für Tag beinah unfreiwillig. Etwas in seinem Handeln, Denken, Empfinden und Sprachgebrauch ist mit Sicherheit heute von gestern.
Auch im Begreifen liegt immer etwas Gestriges. Wir begreifen ja das Neueste in vorgeprägten Formeln, die längst abgegriffen sind.
In ihren Vergleichen hütet die Alltagssprache Utensilien der Vergangenheit, die aus unserer Gebrauchswelt seit langem verschwunden sind: Die Wirtschaft muß man ankurbeln. Wo in unserer digitalischen Welt findet sich die einfache physikalische Vorrichtung der Kurbel noch? Sie war einmal: am Auto, an der Filmkamera.
In die sprachlichen Vergleiche dringt kaum Gegenwart. Man hält an den bewährten Metaphern aus Ahnenzeiten fest. Wissen und Technik unserer Tage setzen zwar jede Menge Idiome und Begriffe ab in die lebendige Sprache, sie scheinen jedoch nicht chiffrierfähig. Jeder in seinem Schmelztiegel achte einmal: wieviel von seinem geläufigen Verstehen auf frühindustrieller Metaphorik beruht.
Man kann aus keiner Wolke mehr fallen, wie etwa Benn aus der Wolke Spengler-Nietzsche fiel: Untergangszauber! Der freilich auch günstig der Selbstberauschung des Artisten war und dem erhöhten Ausblick übers Abendland diente. Aber wir erben, erben und erben. Die Artistik läßt sich nie wieder so verfeinern, der Wörterglamour nicht erneuern. Man geht jetzt nüchtern vor und regt in Kommissionen Maßnahmenkataloge an.
Das Untergangsfeuerwerk bestand aus funkelnden Worten, das millenarische Gefühl (Hofmannsthal) verlangte nach Endzeit-Fête, dergleichen wiederholt sich nicht, Prognosen schläfern ein, doch lieber so eine rauschende Ballnacht des Geistes als noch eine Klimakonferenz.
Nicht die graue Sorge, die den rastlos Tätigen erblinden läßt (Goethe), nicht die Sorge, die zum Wächter des Seins bestellt ist (Heidegger), sondern allein die geschäftig-geschäftliche Zukunftssorge ist es, die zur Kritik der Gegenwart dient. Man möchte zu gern einigen Späteren beim historischen Erwägen unserer Dilemmata zuhören! Ob sie nicht vielleicht unser Epochenbewußtsein einmal für das vergrämteste und krämerischste halten, voll unschlüssiger Berechnungen, ideologisch verdorbener Analyse und anthropozentrischer Halbwahrheiten.
Wenn ich nur wüßte, welche die größte Naivität meiner Zeit gewesen sein wird!
Wo blieb die Moral der Technikkritik? Wer spräche noch von der Selbstzerstörung der technischen Zivilisation anstatt gleich des gesamten Planeten? Spätestens mit der rettenden Version der ökotechnischen Wiederbegegnung mit dem klassischen Altertum, mit den Elementen Wind, Feuer (Sonne), Erde und Wasser, ist eine eschatologische Beruhigung eingetreten.
Als Gesinnung vernutzt, als Gefühl erschöpft, paßt Untergang in keine herrschende Stimmung. Anhaltend hingegen sein Zauber in den Simulationen zahlloser Spiele und Filme. Als Untergang noch ein Gedicht war, lagen dem Dichter letzte Spuren von Ragnarök im Blut. Die immerzu simulierte Apokalypse löscht jede Tiefenahnung von ihr.
Noch spärlicher an der Zahl als stille Leser von Gedichten sind diejenigen, die sich vor Schmerz krümmen, wenn sie sehen, wie mitten im Frieden eine vom Dichter besungene Landschaft verheert vor ihnen liegt, so gemein und hochmütig, so um sich greifend und im Unmaß aufragend, Horizonte sperrend, rücksichtsloser als Feuersbrunst, Rodung, Industrialisierung zusammen ... Zum Glück zeigt sich die Unterwelt aufgeschlossen gegenüber neuen Sorten ewiger Büßer und stellt frische Marterqualen bereit: jene nämlich, die mit Windkraft moralische und unmoralische Geschäfte machten, Schänder der Landschaftsseele, sieht man jeden einzeln auf ein Rotorblatt gefesselt und bis auf den Jüngsten Tag im Höllensturm sich drehen.
Inzwischen zählt der Dichter nur noch als veranstalteter. Sein Werk findet bei Gelegenheit statt. Es ist nur im Rahmen eines Festivals präsent und findet dort sogar vorübergehend das Gehör der großen Schar.
Man muß wissen, "daß nämlich heute auf fünf Autoren ein Leser kommt ... Schreiben können viele, lesen aber nur wenige" (Teixeira de Pascoaes, der große mystische Dichter Portugals im 20. Jahrhundert, in einem Gespräch mit seinem Übersetzer Albert Vigoleis Thelen).
Gegen den Markt des breitgetretenen Quarks, dessen Autoren in digitalen Massen sich vordrängen, zuletzt gegen Verbreitung überhaupt, muß das Buch immer dichter und verschlossener sein. Es wird sich resakralisieren. Wobei in dem hochtrabenden Wort die Ironie mitklingt, mit der der Verleger Stendhals dem Autor über den mangelnden Verkaufserfolg von "Über die Liebe" berichtete: Ihr Buch ist heilig. Niemand rührt es an.
Wenn wir irgendwo den "Othello" sehen, sehen wir zuvörderst, daß ein Werk von dieser Größenordnung nicht mehr faßbar ist für heutige Bühnengesinnung. Es quält wie Lustzensur, unentwegt zu spüren, daß es jederzeit erschüttern könnte, weil zum Erschüttern geschrieben, aber stattdessen nicht einmal mehr kitzelt.
Desgleichen: Spaßhaben mit "King Lear". Überall steht das Publikum für Schnäppchen an. Billig muß etwas sein, das man begehrt, auch der Witz, den man aus einem Kunstwerk macht.
"Saturn" und "Apple Store" sind daher die wahren Kult- und Feierstätten, Festungen, die nächtlich belagert werden, wo die Hype-Heuschrecken niedergehen, schwarze Wolke, die abräumt, sobald eine Neuerung oder Preissenkung ruchbar wird.
Man will mir weismachen: Parzival, Tristan, Lancelot - die Helden, die Werke berührten lediglich die heterosexuelle Konvention, dahinter verberge sich durchweg schwule Leidenschaft. Es gibt keine sexuelle Normalität - daher ist auch eine Gender-Usurpation der Liebesgeschichten der Weltliteratur genauso überflüssig wie zuvor eine marxistische, freudianische, dekonstruktivistische. Theorien überleben sich in kurzen Zeiträumen, im vergangenen Jahrhundert bestimmt ein gutes Dutzend an der Zahl. Die Werke haben dazu nur den Kopf geschüttelt.
Der Reaktionär ist dem Wortsinn nach jemand, der reagiert - während andere noch stumm und willfährig bleiben. Er reagiert ohnedies nur idiosynkratisch und bezweifelt, daß es sich um sittlichen Fortschritt handelt, wenn sich im Zeichen des Eros Lobbyisten sammeln und die einst schöpferischen Kulte des Andersseins, die Ehre des Außenseiters den Strategien sozialer Vorteilsbeschaffung geopfert werden. Er blickt skeptisch auf die Eigendynamik von Liberalisierungen und Egalisierungen, die, obwohl von der Allgemeinheit eigentlich gar nicht gefordert, immer neue Anwendung verlangen und finden. Es scheint fast, als ob der Staat aus apotropäischen Gründen um so aufdringlicher für Toleranz Propaganda macht, als sie in den realen Untergründen der Mehrheit zunehmend bedroht ist - entgegen den bigotten Bekundungen bei Erhebungen und Umfragen.
Doch im Politischen bleibt die rhythmische Wiederholung ein und derselben Phrase ohne jede magische Wirkung.
Die Überwachung des neu-bürgerlichen Lebens regeln die Vorschriften des politisch Korrekten und Guten. Es ist dieser entpaarte Teil der Moral, das Gute allein, oft nur eine Form der Wiedergutmachung, die vertretungsstarken Minderheiten zukommt, die früher einmal lauter tüchtige Individuen waren, Außenseiter eben. Dabei gibt sich auch ein gewisser Fanatismus des Guten zu erkennen. Denn es ist ja nicht in erster Linie eine rechtliche, sondern überwiegend eine sittliche Bekenntnisoffensive, welche die gleichgültige Mehrheit darüber belehrt, wie man zur Verbürgerlichung abweichender Lebensformen gelangt. Diese wird es ohne Aufmucken hinnehmen, findet sie doch ihren sozialen Frieden mitsamt wirtschaftlicher Erfolgsgeschichte durch ihre Gleichgültigkeit aufs neue bekräftigt. Widerspruch zum Guten gehört sich nicht. Sieht man etwas genauer hin, erkennt man sehr wohl den despotischen Umriß des hinkenden Guten.
Eine moralische Position, die man mitunter "rechts" nennt, gibt es nicht korporiert. Rechts kann nur der Neugierige abseits stehen. Er hält eigentlich keine Position, sondern ist, wie gesagt, ein Idiosynkrat, den kollektive Selbsttäuschung, routinierter Gesinnungsbetrieb, intellektuelle Liebedienerei erschrecken. Er ist mithin eher eine Alarmanlage für eingeschlafene Füße des Geistes, ein Menetekel, daß "jeder erkletterte Thron zum Fußschemel eines neuen einschrumpft" (Jean Paul).
Da inzwischen jeder Autoreifen einen Kulturbegriff für sich beansprucht, muß, was früher tatsächlich einmal kultiviert wurde, umbenannt werden und im weiteren Sinne einer Aristokratie des Beisichseins zugezählt.
Die Geste der Neuzeit, so Hofmannsthal, sei der Mensch mit dem Buch in der Hand, wie der kniende mit gefalteten Händen die Geste einer früheren Zeit war.
Die Geste am Ausgang der Neuzeit ist das Handy am Ohr (oder der einsam vor sich hin Quatschende mit Headset, die getreue Kopie des Idioten). Das Beisichsein des Lesenden wie des Knienden war die Voraussetzung seiner Teilnahme. Das "Netz" ist hingegen ein Kürzel für eine unbegrenzte Menge von Teilnehmern, die nichts und niemanden ausschließt. Nur ein Beisichsein schließt sie aus.
Vielleicht bleibt noch die ein oder andere Liebesnacht geheim, aber sonst stehen alle Türen offen. Was gäbe es außer Mafiazirkeln, das nicht jedermann zugänglich wäre? Transparenz! Doch was ist aus der Kunst der Diskretion geworden, die einst die Individuen untereinander vor den gröbsten Unverschämtheiten der Selbstentblößung bewahrte? Diskretion wäre heute das zentrale Widerwort zu allem, was da läuft, sich äußert und outet. Man hat schnell vergessen, daß die bisher einzig würdige Form der "Kommunikation" unter Menschen auf der Voraussetzung von Diskretion beruhte.
Die innere Figur der Demokratie ist so selbstgewiß und stattlich, ihre Formgebung ist so einflußreich und suggestiv, daß sie mühelos auch die niedrigsten Parteiungen zu Parteien bindet und ihre nichtigsten Vertreter in Form bringt und sich anpaßt. So besitzt sie im Kern ihrer Stärke Assimilationsautorität.
Sie könnte es sich inzwischen leisten, jenseits der demokratischen zur Rehabilitation großer und klassischer Tugenden beizutragen. Worte wie Gehorsam, Ehre, Standhaftigkeit, Treue, Demut und Würde werden für peinlich unzeitgemäß abgetan, obwohl man davon im Bedarfsfall und bei höherer Erregung gern mal eins ins Plenum ruft.
Zumindest zwei der alten Kardinaltugenden stehen entweder im Verfassungsrang oder als verpflichtende Maxime über politischem Handeln, Gerechtigkeit und Maß (Verhältnismäßigkeit, Augenmaß, Besonnenheit). Während die beiden anderen, Weisheit und Tapferkeit, als nicht diskutierbare moralische Qualitäten dem Parlament für seine "Sternstunde" vorbehalten bleiben.
Doch das so sehr von sich eingenommene "demokratische Selbstverständnis", das Tugenden aus vordemokratischen Verhältnissen vorzugsweise für politisch inkorrekt hält, mit tieferem Gedächtnis auszustatten, ist etwa so vergeblich, als versuchte man, die condition courtoise in Freizeitkursen zu erlernen. Das Programm höfischer Lebensführung durch Nachahmung formvollendeter Zeremonien sich einzuverleiben. Gleichwohl wäre auch das nicht bloß eine leere Geste - sie enthielte immerhin das Eingeständnis, daß die Geschichte der Vorbildlichkeit nicht erst mit einer vorbildlichen Verfassung beginnt. Welche im übrigen kaum Einfluß nimmt auf die gänzlich vorbildlosen Zonen unseres Zusammenlebens, Privatbereiche, wo sogenannte Therapien wie die Geier über den Übeln kreisen und sich an verdorbenen "Beziehungen" und ähnlichem Unrat laben. Oft sind es Folgen von expliziten Untugenden wie Rücksichtslosigkeit, Feigheit und Verlogenheit, gegen die therapeutisch wenig auszurichten ist, da sie sicher eingelassen sind in die überall praktizierte condition-salaud , das Programm der schweinischen Lebensführung, das konkurrenzlos den gewöhnlichen Alltag beherrscht.
Was ist mehr als faits divers ? Was interessiert noch außer vermischten Meldungen? Die großen Schrecken der Welt zählen zu den geringsten unter den Sensationen, die sich dem letzten einzelnen, dem Idiotes , aufdrängen. Es geschieht das Tollste, aber wie es verkündet und beredet wird, gerät es zum Sicherheitspuffer zwischen ihm und dem factum brutum und bringt niemals die Konvention, in der man sich in aller Sicherheit verständigt, in Gefahr. Man sucht vergeblich nach den Spuren einer öffentlich ausgerufenen Epochenwende, die offenbar ohne Beeinträchtigung des herkömmlichen Verstehens stattfand, eine Nachricht bloß wie alle anderen, abgefedert durch schockgeprüfte Betroffenheit, auf Distanz gehalten durch Erläutern und Beläuten, Begreifen und Begriffekloppen.
Für ihn, den Idioten, ist es, als ob alle anderen fein aufeinander abgestimmt sprächen. Heruntergeregelt auf den verträglichsten Stimmungsgrad. Fast unbewußt von moderierenden Persönlichkeiten vorgeregelt. Es bildet sich eine feste, kieselharte Förmlichkeit des aufeinander abgestimmten Sprechens, die jeden einzelnen vom eigenen (schärferen) Bewußtsein abschirmt. Eine viel unnachgiebigere Konvention als jede frühere, aus bürgerlicher Zeit bekannte. Unüberwältigt sprechen sie. Was sie überwältigen müsste, dringt nicht durch Zeit und Kleid.
Während Intelligenz zur Massenbegabung wurde, sind Klugheit und Einfalt nahezu ausgestorben. Den Idioten gibt es daher in mehrfacher Symbolgestalt, auch als Januskopf: Nach vorn blickt die Parodie des Informierten, der Info-Demente. Zurück blickt die Heiterkeit des Ungerührten. Der heitere Idiot in der Welt der Informierten zu sein heißt, ohne eine Regung von Zukunftsunruhe, ohne Angst zu leben. Stattdessen aber in einer den Informierten ungültigen Redeweise sich mitzuteilen, die jedoch ungemildert und unverzerrt die Vibrationen eines rumorenden Untergrunds wiedergibt.



"ANSCHWELLENDER BOCKSGESANG"
hieß der Titel eines SPIEGEL-Essays, mit dem der Schriftsteller und Dramatiker Botho Strauß vor 20 Jahren, in der Nachwendezeit, eine Debatte provozierte, die mit überraschender Verbissenheit geführt wurde. Seine Prognose, dass es zwischen den Kräften "des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens" Krieg geben werde, dass Menschen für ihr "Sittengesetz" auch zu Blutopfern bereit sein könnten, wurde 1993 noch kaum verstanden - auch nicht, dass der Autor an Begriffen wie "Autorität" und "Meistertum" festhalten wollte. Für seine "intellektuelle Affekthandlung aufgrund der deutschen Wiedervereinigung" (Strauß) wurde er als politischer Reaktionär abgestraft. Dabei war der Autor damals womöglich nur hellsichtiger als andere. Nun stellt Strauß, 68, der seit Mitte der neunziger Jahre zurückgezogen in der Uckermark lebt, erneut eine radikale Zeitgeistdiagnose. Diesmal beobachtet er, wie der "intellektuelle Götzendienst vor dem Populären" eine Anpassung nach unten zur Folge hat - und wie das "Breite zur Spitze" wird, wenn es um Quoten, Foren und die Interessen der meisten geht: der "Plurimi-Faktor". Die wenigen aber, so Strauß, die sich nicht durch das Internet Gesellschaft und Übereinkunft verschaffen wollen, werden sich in der Absonderung einrichten müssen.
Der von Strauß für den SPIEGEL konzipierte Essay steht im Zusammenhang mit umfassenderen Überlegungen, die er in seinem neuen Buch "Lichter des Toren" (Diederichs Verlag) präsentiert, dessen Erscheinen für Ende August geplant ist.

"Der Idiot, der Abgesonderte, dreht sich wie eine Rose im Flußstrudel zielstrebiger Menschen."
"Lieber eine rauschende Ballnacht des Geistes als noch eine Klimakonferenz."
"Der Reaktionär ist Phantast, der Konservative eher ein Krämer des angeblich Bewährten."

Hummelparadoxon und italienische Wirtschaft

 Die italian skills  tauchen in den angelsächsisch-gothischen Statistiken nicht auf, weil sie von den angelsächsisch-gothischen Kriterien nicht einmal bemerkt werden. Sie gehören zu einem anderen Wahrnehmungsbereich. Deshalb wird Italiens einziger Vollbluteuropäer Mario Monti in Nordeuropa sehr geschätzt, während er in Italien als Totengräber und Merkels Lakei verhöhnt wird und unvermeidlich ins Leere laufen musste und gestern sogar vom Vorsitz der von ihm selbst gegründeten Partei zurücktrat. Sein eigener Tross ist zu italienisch für seine unitalienischen Tugenden.

Italien ist eine Hummel!



Niflheim und Muspelheim









In der italienischen Ernährungspyramide haben Obst und Gemüse Vorrang gegenüber pflanzlicher Stärke. Obwohl die Italiener - ganz anders als erwartet - Kälte besser ertragen als wir Deutschen und italienische Privatwohnungen und öffentliche Gebäude, wie Bibliotheken, Universitäten, Behörden und sogar Kinos und manchmal sogar Restaurants, im Winter für unsere Gewohnheiten viel zu kalt sind.

Es gibt wissenschaftliche Studien, die bewiesen haben, dass Italiener Hitze besser ertragen als wir. Stimmt natürlich ebenfalls und war ja zu erwarten. Warum eine solche Selbstverständlichkeit wissenschaftlich untersucht wurde, weiß der Kuchuck. Interessant wäre gewesen, ihre Widerstandskraft gegenüber Kälte zu untersuchen, besonders die der letzten Hirten in den Abbruzzen, die immer noch über Monate im Freien übernachten.

Die Italiener ertragen alle Abweichungen vom Mittelwert besser als wir. Die Amplitude der Abweichungen, die sie problemlos überstehen, ist größer. Ist dies nur auf Gewohnheit und auf psychosomatische, durch die kulturanthropologischen Steuerungen erwirkte Eignung zurückzuführen? Oder wird die Toleranz der "thermischen Exkursion" auch durch Gene begünstigt? Sind wir im Norden überdomestiziert? Darf man solche Fragen überhaupt noch stellen, ohne verdächtigt zu werden, ein Sympathisant der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe zu sein? Cesare Pavese, der sehr genau auf diese Dinge achtete, sah im Schwinden unserer Fähigkeit, Temperaturschwankungen zu ertragen jedenfalls einen Niedergang und eine Begleiterscheinung der Verstädterung.

Unzulänglichkeit und Eurose

Die freiwillige Gleichschaltung reicht ihnen noch nicht. Man will sie jetzt tatsächlich europaweit gesetzlich garantieren. Selbst wenn man sich über diejenigen lustig macht, deren Ansichten und Handeln man nicht billigen möchte, kann man dann der Verleumdung bezichtigt werden. Werden für Satiriker Lizenzen gewährt, wenn sie eine Gesinnungsprüfung mit DNS-Test überstanden haben?

Wir Menschen waren schon immer geistig Behinderte (selbst dieses Wort darf man schon lange nicht mehr sagen, obwohl es semantisch nie eine herabsetzende Bedeutung hatte und auch kaum mal von jemand so gemeint war). Gerade das Bewusstsein der Unzulänglichkeit machte die Menschen demütig und den Spott verwerflich. Und der Gedanke, dass nur Götter vollkommen sein können, stimmte uns milde. "Heil den unbekannten höheren Wesen, die wir ahnen! Ihnen gleiche der Mensch, sein Beispiel lehr uns jene Glauben."

Aber jetzt gibt es eine ganz neue Variante der geistigen Behinderung. Bei Juden und Deutschen ist sie am stärksten ausgeprägt. Der alte Wladimir Bukowski befürchtet sogar, Europa entwickle sich zu einem neuen Sowjetstaat hin. Jemand wie Piergiorgio Odifreddi würde ihm in der Tat antworten, dass er sich genau dies wünsche, weil die technische Machbarkeit einer Sowjetdemokratie jetzt seines Erachtens gewährleistet sei.



Donnerstag, 17. Oktober 2013

Waschbären






Waschbären beißen sich die Pfote ab, wenn sie in eine Falle geraten. Italien hat nur noch eine Möglichkeit: zurück zur Lira und abwerten. Aber es wäre, wie sich ein Bein ohne Narkose amputieren zu lassen. Und es ginge Italien dann wie Argentinien vor 10 Jahren.

Alessandro Morandotti





Da 70% des italienischen Bruttoinlandprodukts in Padanien erwirtschaftet werden und Sizilien trotzdem mehr kulturelles und politisches Gewicht hat und dieses Modell sich seit langem bewährt, wird Italien das Hummelparadoxon aber auch auf Europa anwenden, bevor es sich ein Bein ausreißt. In Deutschland macht man sich jedes Mal in die Hose, wenn in Rom Stühle gerückt werden. Nichts macht die Italiener glücklicher. Langsam sollte auch dem einfältigsten Michel einleuchten, weshalb der Po Po heißt.

Dienstag, 15. Oktober 2013

Deja vue

In den letzten 20 Jahren waren 90 % der intelligentesten MinisterInnen in Italien Anhänger von Berlusconi. In Deutschland wurde 1994 Antonio Martino von der Zeitschrift Madame interviewt. Die FAZ zitierte in den 90-er Jahren manchmal Gianni Baget Bozzo. Aber das wars dann auch schon. Das Prinzip Audiatur et altera pars spielt für die deutschen Journalisten keine Rolle, wenn es um Italien geht; und wenn es um Berlusconi geht, schon gar nicht. In ARD und ZDF immer wieder Orlando und Saviano, aber nie Buttiglione, DiniLetta oder Marcello Pera. Ganz zu schweigen von Giuliano Ferrara.

Bernd Luckes stärkste Waffe ist die Wahrheit. Es wird nichts nützen, einen Mann niederzuschreien, der immer wieder höflich die Wahrheit sagt. Das habe ich ab 1994 oft gesehen. Selbst in Deutschland, wo die Meinungsvielfalt weit geringer als in Berlusconien ist, wird es nichts nützen.



Fernsehrat

Sonntag, 13. Oktober 2013

Azucena


Verdis Opern hört man noch an, dass sie von Lambrusco, Parmaschinken, Salame di Felino, Lasagne, Tortellini, Parmigiano und wie Melonen runden Ärschen und Titten inspiriert wurden. Alles Dinge, die der Gesundheit dienlich sind. Ich glaube, von den ganz großen Genies war er das letzte noch völlig unbeeinträchtigt heitere, bevor das nicht enden wollende Jahrhundert des Experimentierens unter dem Diktat der grauen Muse begann. Und das, obwohl er ein ausgesprochen politischer Künstler war, der sich als Volkspädagoge (im Wortsinn Dema-goge) verstand und die Zensur der Habsburger ihm dauernd dazwischenfuhr. Patriotismus ist immer vitaler als Internationalismus, und nichts ist vitalisierender als Fremdbestimmung. Viva Garibaldi! Hoch lebe Helmuth der Ältere!





"Nur jedes 100. Kind, welches momentan zur Welt kommt, ist ein weißes Mädchen. Das heißt also, in ca. 100 Jahren werden die letzten weißen Frauen unter den anderen verteilt. Bis dahin wünsche ich den Schwestern aber viel Erfolg im Berufsleben." (M.K.) Die Azucena der Zukunft sind wir. Und die letzten weißen Mädchen werden wahrscheinlich sogar tatsächlich Sinti und Roma sein.


Il trovatore


Unsere Hilflosigkeit

Lampedusa






Hoffentlich wird Van Elst jetzt Bischof von Lampedusa. Dass er einen Sohn wie Cesare Borgia haben könnte, ist nicht wahrscheinlich.


"Chi nasce puveriello e sfurtunato ce chiovono cazzi in culo pur' se stà assittato."





Habemus Mammam! Was Franziskus als Sprachrohr der 3. Welt, Franz von Assisis, der Armen im Allgemeinen und des wahren Christentums konsequenter Weise nicht sagen kann, sagt, kurz und bündig und doch vollständig, wieder mal Michael Klonovsky:

5. Oktober 2013

Was lehrt uns das neuerliche Flüchtlings-Drama vor Lampedusa? Vor allem die Hilflosigkeit der Westeuropäer gegenüber dem wachsenden Einwanderungsdruck aus Afrika, wo inzwischen über eine Milliarde Menschen leben, also dreimal so viele wie in Mittel- und Westeuropa (vor hundert Jahren hatten Deutschland und Frankreich zusammen etwa so viele Einwohner wie der gesamte schwarze Kontinent).

Aus moralischen Gründen muss sich der Realismus maskieren und entrüstet tun, aber was Europa mit unausgebildeten jungen Männern aus Schwarzafrika anfangen kann, lässt sich z.B. in Marseille gut studieren. 20, 30 Millionen von ihnen – womöglich nur ein Bruchteil von denen, die kommen wollen –, und Europa wäre erledigt.

Afrika ist offenkundig nicht imstande, sich allein zu helfen, die europäischen Entwicklungshilfen haben im Wesentlichen Diktatoren und Bürgerkriege finanziert, die wirtschaftliche und vor allem die Sicherheits-Lage in den meisten afrikanischen Ländern ist hinreichend übel, um das Risiko, im Mittelmeer zu ersaufen, nicht sonderlich abschreckend erscheinen zu lassen, und Westeuropa, das ohnehin seine Probleme hat mit gewissen Einwanderern aus muslimischen und südosteuropäischen Ländern, verheddert sich in seinen moralischen Standards.

Wer heute fordert, die Flüchtlinge aufzunehmen, sollte sich über die Folgen seines kurzen öffentlichen Prestigegewinns im Klaren sein oder keine Kinder haben. Je mehr Flüchtlinge Europa hereinlässt, desto mehr von ihnen werden sich logischerweise auf den Weg machen.

Europa ist nicht imstande, den afrikanischen Bevölkerungsüberschuss aufzunehmen, man würde es in Afrika nicht einmal bemerken, wenn Europa als ziviler Raum erledigt wäre.

Kein Arbeitsmarkt, kein Sozialsystem, kein Bildungssystem kann das auffangen. Kein "klassisches" Einwanderungsland käme auch nur auf die Idee.
Der Kontinent, auf welchem die Menschenrechte erfunden wurden, wird womöglich – wahrscheinlich, höchstwahrscheinlich – an ihnen zugrunde gehen. Ein, aus der Ferne betrachtet, amüsanter Gedanke übrigens: Wir nehmen die Zerstörung des tatsächlichen Europa, vor allem des Wunderwerks seiner Städte, in Kauf, um das (spät)europäische Ideal zu erhalten. Und es gibt kein Mittel dagegen – außer eines. Aber das lernt sich nicht über Nacht. Um dorthin zu kommen, muss der Kontinent so leiden, dass er seine Restseele verliert, wobei es dann natürlich zu spät sein könnte...


Samstag, 12. Oktober 2013

Süden



Mamma Merkels widersprüchliche Politik ist im Prinzip gut gemeint: erst ein Hieb aufs Fass, dann auf den Fassreifen, dann wieder aufs Fass, dann auf den Fassreifen...

Sie verhaut eine Regierung (die griechische), um alle anderen (die italienische, spanische, portugiesische...) zu erziehen. Und gleichzeitig beschwichtigt sie ein Volk (das griechische), indem sie eine Bürgschaft für dessen Schulden leistet, um alle anderen Völker (das italienische, spanische, portugiesische...) zu beschwichtigen.

Nur spitzt man in Italien, Spanien und Portugal und in Griechenland und in Zypern natürlich die Ohren nicht wie ein folgsamer Eurotiker, sondern wie ein schlauer Krämer. Deshalb sind am Ende nicht die Völker, sondern die Regierungen beschwichtigt, und die Völker fühlen sich verhauen und übers Ohr gehauen. Und verantwortlich machen die Völker dafür nicht ihre Regierungen, sondern im günstigsten Fall die Banken und die EU, am Ende aber nur Angela Merkel.

Wer nimmt schon einen Wucherer ernst, der versprochen hat, am Ende alle Schulden selber zu bezahlen?

Mit anderen Worten: Merkel ist zu dumm für ihre Aufgabe, zu weltfremd.

Freitag, 11. Oktober 2013

Ponette


Kontrast nimmt zu

"Vor einiger Zeit wurde in Frankreich Jean-Marie Le Pen mit 10 000 Euro bestraft, weil er polemisch bemerkte, dass es im Land demnächst 25 Millionen Muslime geben werde, an denen die Franzosen dann mit gesenktem Haupt vorbeigehen müssten.
Auch liberalere Geister könnten sich bei Gelegenheit der aktuellen Unruhen fragen, ob die erfolgreichen Abwehrkämpfe, die das christliche Europa einst gegen den Ansturm arabischer Mächte führte, von heute aus gesehen nicht umsonst gewesen sind. Der zur Mehrheit tendierende Anteil der muslimischen Bevölkerung von Amsterdam und anderen Metropolen braucht unsere Toleranz bald nicht mehr.
In welche Zukunft predigen wir die alten zivilen Werte? Sind wir mit Blindheit geschlagen, oder reden wir mit doppelter Zunge? Das Letztere wäre vielleicht nicht einmal Heuchelei, sondern Ausdruck einer aufrichtigen Verwirrung.
In der deutschen Geistesgeschichte gab es immer auch die östliche Sehnsucht, gab es zum Beispiel Nietzsche, der Karl Martell schmähte. Er habe mit seinen Feldzügen gegen die Araber im 8. Jahrhundert Europa um die Segnungen und Reichtümer der sarazenischen Kultur betrogen und unsere glückliche Islamisierung verhindert. Ob er in seinem tiefen antichristlichen Rigorismus dies Urteil auch angesichts der Terrorschläge von Dschihadisten und Salafisten aufrechterhalten hätte? Durchaus denkbar. Nichts bleibt unerbittlicher und eifernder als eine Anti-Passions-Passion.
Niemand von geradem Gewissen wird sich von der Köterspur des Rassismus samt seiner xenophoben Abarten reizen oder verführen lassen. Aber wenn sie den Sohn auf dem Fußballplatz ein "Christenschwein" rufen, junge deutsche Türken, dann zuckt man zusammen, selbst wenn man sich zuvor nicht als Christ gefühlt oder bekannt hätte. Ein Widerwille gegen jegliche Form von religiöser Verunglimpfung ergreift einen, mit allen banalen Ansprüchen der Revierdominanz oder sogar mit einem Anflug von Reconquista-Groll.
Sogleich folgt jedoch die zaghafte Nachfrage: Dominanz? In spätestens zwanzig Jahren wird der junge christliche Kicker auch in diesem Stadtteil zur kulturellen oder ethnischen (sagt man dann noch so?) Minderheit gehören. Man wüsste nur gern, ob sich die anderen in ihrer Mehrheit dann ebenso empfindlich bei der Abwägung zwischen Toleranz und Dominanz verhielten.
Integration, darunter versteht man bei uns vor allem Assimilierangebote. Am demokratischsten wäre der Verzicht auf Glaubensidentität und Sittenprägung. Für Ausbildung und berufliches Fortkommen empfiehlt sich die profane Gesinnung und Lebensform.
Folglich gehört der Junge, der gläubige Christ, das Kind, das Heimat kennt und Heimat fordert, so oder so zu einer verschwindenden Minderheit. Es wird ihm sein inneres Hab und Gut eher streitig gemacht von den Zwängen der Anpassung, der Vorteilssucht und des Karrieredenkens als von den Strenggläubigen des Propheten. Im Gegenteil, die Letzteren müssten ihn in seinem Glauben noch bestärken - er wird sich ihnen gerade in dem Maße entgegensetzen, wie sie ihm zum Vorbild dienen.
Sollten Regeln für das friedliche Miteinander in der Unvereinbarkeit festgelegt werden, so hätte als eine der ersten zu gelten, dass man Christen nicht als "Ungläubige" denunziert.
Um eine weitere Regel wird gegenwärtig gestritten: ob der Meinungsfreiheit eine Grenze zu setzen sei. Sie findet sie bereits beim Schutz der Person. Es ist nicht einzusehen, weshalb ein solcher Schutz nicht auch für die Sakralsphäre gewährt werden sollte, ohne dass damit demokratische Grundrechte aufs Spiel gesetzt würden.
Die religiös Indifferenten leben nicht mehr ganz unter sich in diesem Land. Der Verletzung sakraler Gefühle kommt daher eine andere Bedeutung zu als in der früheren Bundesrepublik. Sie sollte ebenso strafbar sein wie die Verletzung der Ehre.
Wie oft beschrieben, bezieht der Islam seine stärkste Wirkung aus seiner sozialen Integrationskraft. Seine diesseitigen Vorteile lässt man leicht außer acht, wenn man sich mit dem politisch-spirituellen Konflikt beschäftigt. Gleichwohl werden liberale Systeme mit ihrem Integrationsangebot, ihren Assimilierforderungen immer mit der innerislamischen Integration konkurrieren.
Mit anderen Worten, die angebliche Parallelgesellschaft ist eigentlich eine Vorbereitungsgesellschaft. Sie lehrt uns andere, die wir von Staat, Gesellschaft, Öffentlichkeit abhängiger sind als von der eigenen Familie, den Nicht-Zerfall, die Nicht-Gleich-Gültigkeit, die Regulierung der Worte, die Hierarchien der sozialen Verantwortung, den Zusammenhalt in Not und Bedrängnis. Selbstverständlich ist es für den aufgeklärten Westeuropäer der Born der Finsternis, der dies Leben in der Gemeinschaft unterhält und gut organisiert.
Als Experte für passagere Krisen fällt es ihm schwer, mit einem auf Dauer nicht lösbaren Konflikt zu leben. Mit seinem Sinn für das Vorübergehende muss er an ebendieser Dauer scheitern. Da nützt es ihm wenig, wenn er - zwischenzeitlich und vorübergehend - neue Quellen der Religiosität in seiner Welt entdeckt. Sie hören meistens nach dem Kirchentag schon wieder auf zu sprudeln. Andererseits gibt es eine Chance der Inspiration und der indirekten Beeinflussung, die von der unmittelbaren Nähe einer fremden und gegnerischen sakralen Potenz herrührt.
Sie sollte uns allerdings zu etwas mehr als zu Spott und Satire provozieren. In dieser Konkurrenz gilt es, unser eigenes Bestes aufzubieten, es neu zu bestimmen oder wiederzubeleben: das Differenziervermögen an oberster Stelle, das Schönheitsverlangen, geprägt von großer europäischer Kunst, Reflexion und Sensibilität - lauter Sinnes- und Geistesgaben, die in der westlichen Gesellschaft der Gegenwart von geringer Bedeutung, geringem Ansehen sind.
Wir sind ja nicht bloß eine säkulare, sondern weitgehend eine geistlose Gesellschaft. Schon das macht den "Dialog" nicht leichter. Für die Vorbereitungsgesellschaft wäre zwar auch unser Bestes heute nichts als Häresie, und doch - gäb's je ein globales Toledo, zumindest eine kurze Blütezeit westöstlicher Synergien, dann führte der Weg dorthin weniger über die Weltmärkte, technische Innovationen, Sitten und Moden, sondern wiederum über die Annäherung und den Disput zwischen den Schriftkulturen.
Der Konflikt ist nicht zu lösen, dafür aber fest umrissen und beendet die Periode der "neuen Unübersichtlichkeit". Mit der westlichen Einfühlung in einen unüberwindlichen Antagonismus, sakral/säkular, ist die herrschende Beliebigkeit, sind Synkretismus und Gleich-Gültigkeit in eine Krise geraten. Vielleicht darf man sogar sagen: Wir haben sie hinter uns. Es war eine schwache Zeit!"

Botho Strauß



Mittwoch, 9. Oktober 2013

Lichter der Torheit - Lychnuchus stulticiae

Der Pomino bianco ist ein langweiliger Wein (der Pomino rosso auch), aber dass man ihn aus Liebe zur Toskana trinkt, wenn man in Berlin in einem italienischen Lokal Dorade isst, kann ich trotzdem verstehen. Wenngleich niemand, der die Frische der Doraden in Italien gewöhnt ist, je welche in Deutschland essen würde, wo sie schlammiger als Karpfen schmecken. Mein Bruder wunderte sich immer, dass der Grieche in der fränkischen Dorfwirtschaft immer frische Seezungen da hatte. Es lag daran, dass es in Deutschland - im Gegensatz zu Italien - nicht verboten ist, Tiefkühlkost anzubieten, ohne sie als solche auf der Speisekarte kenntlich zu machen. Und "der nette Grieche" grinste ihm natürlich vor, die Seezunge sei frisch.

Es gibt in der Toskana keine guten Weißweine (den Galestro capsula viola hätte ich Botho Strauß nicht verziehen; dann doch lieber Apfelschorle). Nur die Vernaccia von San Gimignano taugt ein bisschen was, und auch davon eigentlich nur ein einziger Erzeuger. Seis drum. Was Klonovsky uns über Botho Strauß mitteilt, ist wissenswert. Der hat ein Buch über den Typus des Idioten geschrieben. Über genau die Art von Idiot, die ich verkörpere. Da hat also jemand, ohne es zu wissen und ohne mein Wissen, tatsächlich ein Buch über mich geschrieben. Sozusagen aus Versehen.

Klonovsky schreibt:


"Botho Srauß ist einer der erfolgreichsten deutschen Dramatiker.  Obwohl der publikumsscheue Dichter "nur noch ungern in die Stadt" geht, kam er zu einem Gespräch nach Berlin

Es heißt, er sei ein Antimodernist. Ein Reaktionär gar, zumindest ein Kulturpessimist. Sein Essay „Anschwellender Bocksgesang“, in dem er ankündigte, es werde Krieg geben „zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens, Aberservierens und Auslöschens“, löste 1993 einen veritablen Medienskandal aus;  seither gilt er dem linksliberalen Establishment der Bundesrepublik als abservierenswert. Von allen bedeutenden deutschen Schriftstellern ist er der öffentlichkeitsscheueste: keine Auftritte vor Publikum, keine Interviews, kaum Fotos, im Abstand kleiner Ewigkeiten mal ein Essay in einer Zeitung. „Niemals sich blitzen, filmen, verhören, ehren oder sich sonstwie erwischen lassen“, hat er vor Jahren als Maxime formuliert.
Ausweislich seiner Theaterstücke ist er gleichwohl ein intimer Kenner der Psyche des modernen Menschen, der mit Falkenblicken die Alltagsgeschäfte des Homo bundesrepublikanensis beobachtet und zu den meistgespielten deutschen Dramatikern der letzten dreißig Jahre gehört. Ausweislich seiner Prosa ist er außerdem ein Erotiker der Wahrnehmung, ein Weltverzauberungssehnsüchtiger und elitärer Sonderling. 
Für Botho Strauß besitzt offenbar noch Geltung, was eine ganze Epoche lang galt, nämlich dass Isolation der Normalzustand des Literaten ist. „Alle Kunst ist schamhaft“, schrieb Peter Hacks, und Heimito von Doderer erklärte, der Schriftsteller sei ein Mensch, den man allenfalls mal im Treppenhaus treffe.
Unser Treppenhaus ist ein unscheinbares italienisches Lokal in Berlin-Charlottenburg, wo Strauß seit Jahren verkehrt und sogar eine Art Stammplatz besitzt. Was aber nicht heißt, dass er hier regelmäßig seine Abende verbringt, er lebt bekanntlich zurückgezogen in der nordostdeutschen Uckermark, und so ist der besagte Tisch heute auch besetzt, wie Strauß erklärt, der nach einer kurzen Begrüßung durch den Wirt Platz genommen hat. Der menschenscheue Dichter ist ein artiger Herr mit sanfter Stimme und vollkommen unprätentiösem Auftritt, dem man seine 68 Jahre so wenig ansieht wie den ihn umraunenden Ruhm, und irgendwie passen das Lokal und er zusammen. Obwohl hier seit einiger Zeit ein Minister direkt nebenan wohne und zuweilen samt Entourage aufkreuze, wie Strauß erzählt. Er komme ja nurmehr noch ungern in die Stadt, sagt er. Allein die unzähligen Galerien in seinem einstigen Viertel seien ihm ein Greuel.
Ob es denn stimme, dass er seinem ländlichen Dasein inzwischen staunenswerte ornithologische Kenntnisse verdanke? „Mich interessiert alles“, entgegnet der Einsiedler, „was da draußen mit mir lebt.“
Der Eindruck von Weltzugewandtheit verstärkt sich, als Strauß eine Flasche Pomino bianco zum Fisch ordert. Kein Dichter ist schließlich bedeutend genug, dass seine Reputation nicht unter einer zur Dorade bestellten Apfelschorle doch etwas litte. Auch wenn es erst Mittag ist.
Als kentaurische Figur aus Poet und Chronist schreibt Strauß neben seinen Bühnenwerken seit einem Vierteljahrhundert die Chronik seiner Zeit. Diese Chronik kennt keine großen Ereignisse, es handelt sich vielmehr um ein literarisches Kompendium aus Gedanken, Stimmungen, Reflexionen, Menschenbeobachtungs-Miniaturen, Kulturverlustmeldungen, oft aphoristisch verdichtet, mit eingestreuter Rollenprosa. Es sind Fortschreibebücher, die in der Literatur kaum ein Gegenstück haben – allenfalls Paul Valerys postum veröffentlichte „Denkhefte“, die berühmten „Cahiers“. Sie tragen oft merkwürdige Titel („Wohnen Dämmern Lügen“, „Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus strich“) und werden womöglich in hundert Jahren als eine der bedeutendsten Quellen zur Mentalitätsgeschichte der späten Bundesrepublik gelten. Ihr Reigen beginnt mit „Paare, Passanten“ aus dem Jahr 1981 und endet einstweilen mit dem soeben erschienen Opus „Lichter des Toren“.
Dessen Held, wenn man so will, ist der Idiot. Kein konkreter Idiot wie bei Dostojewski, wir sind ja nicht im Roman, sondern als Typus: der vom allgemeinen Treiben und Trendbefolgen mehr oder weniger bewusst abgekapselte „Gemeinschaftsstümper“, der „Ungesellige oder Unbeteiligte“, der Privatheitsnarr, die Störstelle im allgemeinen Funktionieren. Strauß holt ihn in die ursprüngliche Bedeutung zurück, denn ,,der Abgesonderte ist ja der idiotes im antiken Wortsinn“. Wie aber, fragt dieser Text, ergeht es dem Idioten im sogenannten Informationszeitalter?
„Während Intelligenz zur Massenbegabung wurde, sind Klugheit und Einfalt nahezu ausgestorben“, notiert Strauß. Der Idiot sei der „Prototyp unter den Menschen, die in Millionenzahl vom Verenden des Verstehens überrascht werden“. Durch die Weltvernetzung und „die große Gegebenheit von allem“ kehre heute das „Barock-Gefühl für die Vergeblichkeit von allem“ wieder. Aber: „Was Gott ins Verborgene setzte, hütet der Idiot und schützt es vor den Übergriffen der zentraldemokratischen Heilsformel Transparenz, Öffentlichkeit, Aufklärung.“ 
Hui – ist der Idiot etwa ein Reaktionär? Er sei „nicht feind der Demokratie, jedoch der Demokratisierung sämtlicher Lebensbereiche, feind dem demokratischen Integralismus“, steht im Buch geschrieben. Dass der Idiot nirgendwo mitspielt, „gewährt ihm eine gewisse Unabhängigkeit, deren radikalste Steigerung zugleich den Zusammenbruch jeglicher Kommunikation riskiert“. Seine Sprache – „ganz und gar keine Sprache der Mitteilung“ – sei ihm weit eher Schutzschirm denn Kontaktaufnahmeversuch. „Diskretion wäre heute das zentrale Widerwort zu allem“, schreibt Strauß und beklagt die „Rattenplage der Kommunikation“. Zwei Kernsätze der „Lichter des Toren“ sind folgende: „Die schmerzliche Lehre lautet, dass das Vergangene reicher, das Gegenwärtige aber komplexer ist“, und: „Ich habe alles verlernt, was mich eines Besseren belehrte.“
„Sind Sie ein Reaktionär, Herr Strauß?“
„Über den Reaktionär steht manches im neuen Buch. Bin ich einer oder nur manchmal einer? Wer weiß.“
Es steht zumindest einiges zur Klärung dieses meist mutwillig missverstandenen Begriffes im Buch, etwa der Hinweis, dass der Reaktionär historisch geschehen sein lasse, „was niemals war“, dass er „als der echte Epiker“ das Gewesene verkläre, „um es jederzeitlich zu machen“. Er sei ein „Phantast“, er lebe „in Symbiose mit den Verhältnissen, die er verpönt, und einzig in seiner Sprache kann er sich über sie erheben“. In der Öffentlichkeit aber werde mit dem Schwefel- oder auch Schwafelwort „nur der Bierschaum des politischen Stammtischs assoziiert“.
Ganz auf der Linie des authentischen Reaktionärs liegt Strauß jedenfalls, wenn er sich über den „ästhetischen Urfehler“ auslässt, „das Hohe zugunsten des Breiten abzuwerten“ und prophezeit: „Die Frage des Niveaus wird in Zukunft wieder von der Begrenzung der Zugänglichen abhängen.“ Der „intellektuelle Götzendienst vor dem Populären“ habe eine „stete Anpassung nach unten“ bewirkt. „Die Künste, die den Müll der Welt zu spiegeln vorgeben, vermehren ihn nur“, höhnt der Dichter. „Verkommenheit und Verwüstung menschlicher Verhältnisse waren eine Zeitlang zum selbstgefälligen Thema der Bühnen und Galerien geworden, sie wurden satt daran. Kein Wunder, daß diese beharrlich diagnostizierte Verkommenheit von ihrem ästhetischen Nachvollzug kaum zu unterscheiden war.“ 
Doch wenn er dann ausruft: „Wir anderen müssen neue unzugängliche Gärten bauen! Zurück zur Avantgarde!“, klingt das nun gar nicht mehr reaktionär. Strauß bringt auch einen Alternativbegriff in Vorschlag: den Anachronisten, für jeden Zeitgeist Unverfügbaren. „Der Anachronist war seit jeher der besser Deutsche“, schreibt er. Wer wollte ihm da widersprechen angesichts der notorisch unentspannten, zur Konsensvollstreckung neigenden Öffentlichkeit eines Landes, in dem seit Jahrzehnten immer neue Gesinnungsvorschriften herrschen? „Es sollte all jenen, die heute die leichte Zunge haben und das Sagen, nicht erspart bleiben“, wünscht sich Strauß, „einmal in ihrem Leben unter den Schock des Ausgeschlossenseins zu geraten, einmal von der Kultherrschaft Andersgestimmter, die niemanden verfolgt, sondern nur ausschließt, verweist, exkommuniziert, entnetzt – es sollte ihnen einmal das Gefühl, nicht dazuzugehören, bestimmt werden.“
Ein Leitmotiv der Strauß’schen Fortschreibebücher ist das sich-Sperren gegen die „Totalherrschaft der Gegenwart“, wie es im „Bocksgesang“ heißt. Man kann sich den Einzelgänger aus der Uckermark auch im 3. Jahrhundert nach Christus zu Füßen eines ägyptischen Tempels sitzend vorstellen, wo er niederschreibt, welchen Verlust es für die Welt bedeutet, dass bald niemand mehr die Hieroglyphen zu lesen und geschweige denn zu deuten verstehen werde. Wenn er aus dem Studium der Geschichte überhaupt etwas gelernt habe, sagte der Historiker Joachim Fest einmal, dann dass jeder Fortschritt mit Verlusten erkauft werde. Da Menschen bekanntlich sterben und neuen Generationen Platz machen, stirbt auch das Bewusstsein der Verluste, ja sie würden sogar komplett aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden, gäbe es nicht den Chronisten und vor allem den Dichter als Archivar des Imperfekts. Und den Idioten, der als „zeitinsulare Persönlichkeit“ weder im Gestern lebt noch im Heute, sondern in seiner eigenen Zeit, in der sich alles wundersam vermengt.
Nun darf man sich den Quasi-Eremiten und Dichter-Chronisten Strauß keineswegs als einen Menschen vorstellen, der völlig aus seiner Zeit herausgefallen ist. Er benutzt ein Handy („mit Androidsystem“), hat daheim einen Blu-ray-Beamer fürs Privatkino, „jede elektronische, informationstechnische Neuerung reizt mich zum Kauf, ich lese die Zeitung auf dem Tablet“. Indes: „Wer sich an technischen Neuerungen berauscht, ist ein Schwachkopf. Wer sich ihrer zu bedienen versteht, ist ein Alltagsmensch, aus dem noch einmal etwas Besonderes werden könnte, wie zu allen Zeiten.“
Marshall McLuhans längst bis zur Kanonisierung von aller Welt nachgeplapperte Behauptung, das Medium sei die Botschaft, ist aus seiner Warte ein großer Unsinn, denn der Mensch bleibt unter allen Kommunikationsverhältnissen dasselbe sterbliche, fehlbare, unerlöste, vergeblich die letzten Fragen stellende Wesen: „Ich weigere mich, das menschliche Schicksal in den Revolutionen des Komforts sich erfüllen zu sehen.“
Strauß wird sogar, wie er versichert, zur Bundestagswahl gehen. Nicht, weil er sich irgendwelche Illusionen macht, sondern um, wie er mit Thomas Hobbes sagt, „das Schlimmste zu verhindern“. Was das Schlimmste sei, will er aus einer Art Zunftstolz nicht weiter ausführen – Autoren, die politisch missionieren, sind lächerlich. Ein mögliches Motiv taucht in den „Lichtern des Toren“ auf, nämlich „wie mitten im Frieden Landschaft verheert wird, so gemein und hochmütig, so um sich greifend und im Unmaß aufragend, Horizonte sperrend, rücksichtsloser als Feuersbrunst, Rodung, Industrialisierung zusammen“. Was den Schöngeist noch mehr in den Harnisch bringt als alle Galeristen sind jene, „die mit Windkraft moralische und unmoralische Geschäfte machten, Schänder der Landschaftsseele“, und er sähe gern „jeden einzeln auf ein Rotorblatt gefesselt und bis auf den Jüngsten Tag im Höllensturm sich drehen“.
Und da wir schon bei den schwereren Zeitgeistverstößen des Dichters sind, sei auch noch folgender zitiert: „Wir drängen den neben uns wohnenden Muslimen unentwegt unsere Freiheiten auf, denken aber nicht daran, auch nur das Geringste von ihrer sittlichen Freiheitsbeschränkung nachahmenswert zu finden oder auf uns abfärben zu lassen“, notiert er. „Dabei täte etwas mehr Familie, etwas väterliche Stärke einem Erziehungsverhalten gut, dessen Schwächen allenthalben von staatlich geförderten Hilfen kostspielig kompensiert werden.“ Im Zuge des Bevölkerungswandels, so Strauß, „werden sich möglicherweise andere Prioritäten herausbilden, als sie heute gültig sind“. Was wiederum andere Folgen haben könnte, als gemeinhin gedacht, denn: „Identität – wir benötigen zur Zeit keine. Was wir brauchen um ihretwillen, ist Fremdherrschaft. Was kann den Deutschen besseres passieren, als in ihrem Land eine kleine verschworene Minderheit zu werden?“
Das kann dauern, weshalb jetzt das Thema wechselt. Denn eigentlich ist Botho Strauß ja Dramatiker. Der Spielplanbeherrscher von einst findet sich allerdings zunehmend seltener in den Theaterprogrammen. Immerhin wurden aber noch 2011 zwei Stücke von ihm in Wien („Das blinde Geschehen“) und München („Leichtes Spiel“) uraufgeführt. Für erhebliches Medieninteresse sorgte die Hollywood-Aktrice Cate Blanchett, als sie 2011 zunächst in Sydney, im Jahr darauf auch in Wien, Paris und London die Hauptfigur in seinem Stück „Groß und klein“ aus dem Jahr 1978 spielte.
Wie wichtig ist ihm das Theater heute noch?
„Wissen Sie, man kann nicht mit 70 noch Theaterstücke schreiben, das ist unappetitlich“, erwidert Strauß, und es klingt recht entschieden.
Aber interessiert er sich noch für das, was auf den Bühnen passiert?
„Wir haben damals das behäbige bürgerliche Theater abgelöst, und jetzt müsste irgendwer das Regietheater ablösen. Ich gehe da nicht mehr hin, weil mich die Weltsicht von Regisseuren nicht interessiert.“
Er erinnere sich noch gern an die Münchner Kammerspiele mit großen Schauspielern wie Sibylle Canonica, Cornelia Froboess, die seine Partien am häufigsten gespielt habe, oder Thomas Holtzmann, aber dem heutigen Schauspiel sei die Nuance ausgetrieben worden. Für ein so subtiles Stück wie der "Schwierige" von Hofmannsthal etwa könne er sich gegenwärtig weder einen Schauspieler noch einen Regisseur vorstellen, notiert er, und ein Werk von der Größenordnung des „Othello“ sei „nicht mehr faßbar für heutige Bühnengesinnung“.
Und wenn man dem ganzen wohlfeilen Gekaspere die Subventionen striche? Strauß schüttelt durchaus traurig den Kopf: „Wenn man die Theater privatisierte, gäbe es nur noch Boulevard.“
Ende Juli präsentierte Strauß Auszüge aus seinem Buch vorab im „Spiegel“, und die meisten Feuilletons schubladisierten seine Überlegungen und Empfindlichkeiten teils unter Koketterie, teils unter Vorgestrigkeit. Die FAZ erwog wiederum unter Inkaufnahme des Vorwurfs der Trivialpsychologie, es handle sich um einen „Hilferuf“. Den Ekel als Motiv hatte seltsamerweise niemand auf der Rechnung. „Nicht alles ist verloren“, statuierte der von Strauß geschätzte Aphoristiker Nicolás Gómez Dávila, „wenn wir noch die notwendige Energie besitzen, um unseren Ekel und unseren Überdruss zu verkünden.“ Die Möglichkeit, jemand könne von der kommunikativsten, schamfreiesten und emanzipiertesten aller Welten tatsächlich zutiefst angewidert sein, wollen sich viele intellektuelle Lautsprecher offenbar nicht vorstellen.
Der Wein ist geleert. „Schauen Sie sich“, sagt Strauß zum Abschied draußen vorm Lokal, „noch den Walter-Benjamin-Platz von Kollhoff an: endlich einmal wieder ein Versuch, mit einem städtischen Platz so etwas wie einen öffentlichen Raum herzustellen. Aber das wurde sofort als faschistisch denunziert.“
Spricht’s, winkt – und kehrt heim zu Biber, Wels und Kranich. „Ohne Erwartung auf das Ende. Vom Unabsehbaren gewärmt“, schließt sein Buch, „Heiterkeit der Abstinenz wird die vorherrschende Laune des Idioten sein.“ Michael Klonovsky