Freitag, 31. Juli 2015

Per vivere




Die beiden haben Charakter

Geschichtsschreibung im herkömmlichen Sinn wird unmöglich, zieht der Historiker Ernst Nolte Bilanz. Was aber tritt an ihre Stelle?

  

Herr Professor Nolte, worin besteht, aus der Warte der Nachgeschichte, der Unterschied zwischen Gerhard Schröder und Odysseus?

 Nolte: Odysseus durchlebte – wie alle Heroen Homers und wie zahlreiche wirkliche Herrscher seit dem Ende der Vorgeschichte – als erster Krieger seines Landes viele für ihn und sein Land gefährliche Konflikte; von Gerhard Schröder darf man umsichtige Entscheidungen erhoffen, sofern die Stabilität der atlantischen Weltzivilisation ungefährdet ist.

In Ihrem erklärtermaßen letzten großen Opus widmen Sie sich vorrangig einem Phänomen, das man in die saloppe Frage kleiden könnte: Macht die Geschichte Feierabend?

 Nolte: Die Vorstellung einer „Nachgeschichte“ ist in mythologischen Erzählungen uralt – nicht, daß die Geschichte Feierabend macht, sondern daß sie erst gewissermaßen in ihr eigenes Wesen gelangt. Das ist bei Marx ja besonders deutlich, wo es heißt, die eigentliche Geschichte beginnt erst, wenn die Vorgeschichte abgeschlossen ist. Was Geschichte genannt wird, bezeichnet Marx bloß als Vorgeschichte.

Da ist die Nachgeschichte Verheißung. Es gibt aber auch weniger optimistische Versionen, wie etwa beim Philosophen Max Scheler, der schon in den 20ern mit kulturpessimistischem Akzent ein „Weltalter des Ausgleichs“ prophezeite.

 Nolte: Ich versuche, mich von beiden Versionen, sowohl vom enthusiastischen „Vorausspringen“ wie von Niedergangsvorstellungen, fernzuhalten. Ich sage, daß die Nachgeschichte gerade durch eine nochmalige Intensivierung der Geschichte charakterisiert ist, die aber dadurch bestimmte Grundzüge gerade verliert. Die Dinge sind nicht mehr nur kompliziert und komplex, sondern superkomplex geworden, und deswegen kaum mehr zu veranschaulichen.

Zum Beispiel?

 Nolte: Keine These wird heute in der Historiographie verächtlicher behandelt als die, daß große Männer die Geschichte prägen, aber das ist nun einmal charakteristisch für die Geschichte. Es wird nicht mehr charakteristisch sein für die Nachgeschichte, weil so viele Handlungsstränge existieren, daß die Konzentration auf einzelne große Persönlichkeiten wahrscheinlich nicht mehr möglich ist.

 
Nachgeschichte wäre also Nach-Geschichtsschreibung; zuviel Geschichte, als daß man noch darüber einen Überblick gewinnen könnte?

 Nolte: Geschichtsschreibung im alten Sinn, also die von den großen Männern, von den Bewegungen der Heere und von den politischen und diplomatischen Ereignissen, wird immer weniger möglich. Es gibt der Vorgänge jetzt zu viele. Natürlich kann der Spezialist sie immer noch im Detail verfolgen, aber in einer zusammenfassenden Darstellung kann er ein Ganzes nicht mehr anschaulich machen. Vielleicht leistet sich künftig jedes größere Unternehmen seinen Haushistoriker, und der wird über Quellenmangel nicht klagen können. Studien werden selbstverständlich immer möglich sein, etwa wie sich diese Computerfima gegen jene durchgesetzt hat . . .

Was ist der Unterschied zur Schlacht bei Issos?

 Nolte: Es ist subtiler, intellektueller, wenn Sie so wollen. Solche Darstellungen haben aber mit Geschichtsbewußtsein nichts zu tun. Geschichtsbewußtsein war bisher immer wesentlich partikular, das heißt: Bewußtsein von Klassen, Völkern oder Religionsgemeinschaften. Davon getrennt war die Geschichtsschreibung nie. Das nachgeschichtliche Geschichtsbewußtsein, wenn man eine so paradoxe Formulierung wählen darf, richtet sich gegen das altpartikulare Geschichtsbewußtsein, hat aber auch kein Verhältnis mehr zu demjenigen, was im altpartikularen Geschichtsbewußtsein an Übergreifendem, an, wenn Sie so wollen, Religiösem oder Universalem – aber eben nicht praktisch, sondern gedanklich Universalem – vorhanden war. Das praktisch Universale ist heute Tatsache geworden, das gedanklich Universale kümmert uns kaum mehr.

 
Also: Zivilisation siegt zuungunsten der Kulturen, Religion verliert zugunsten der Wissenschaft. Kein Fortschritt ohne große Verluste.

 Nolte: Es ist nicht zu übersehen, daß an vielen Stellen meines Buches deutlich so etwas wie Trauer sichtbar wird. Daß ich etwa den Abschied Hektors von Andromache herausstelle als etwas zutiefst Menschliches, was aber an etwas zutiefst Schreckliches, nämlich an den Trojanischen Krieg, der ja ein Vernichtungskrieg war, gebunden ist.

Apropos Hektor: Sie schreiben, es werde kaum möglich sein, daß künftig irgendwer solch blutige Ereignisse mit derselben Unbefangenheit schildert wie Homer, also ohne moralische Entrüstung. Verlangen Sie nach einem Homer für das 20. Jahrhundert?

 Nolte: Der sowjetische Historiker Dimitri Wolkogonow hat gesagt, es habe noch niemand versucht, die Geschichte der Sowjetunion mit dem Blut seines Herzens zu schreiben. Entweder habe man die Sowjetunion verherrlicht oder als etwas ganz Entsetzliches dargestellt, was ja auch richtig ist. Und ich habe gewagt zu schreiben, daß das auch für den Nationalsozialismus zutrifft. „Herzblut“ heißt natürlich nicht Bejahung. Sondern ernstnehmen, wahrnehmen, wie viele Verkehrungen in der Geschichte sich immer wieder vollziehen. Etwa wie sich der Aufstand gegen eine ungerechte Friedensregelung, der Kampf gegen Versailles, in neues Unrecht verkehrt. Wenn man in der Projektierung eines im Prinzip Richtigen „vorspringt“ – deshalb ist der Begriff „überschießen“ bei mir so häufig -, dann kann aus gut Gewolltem etwas schlecht Reales, und zwar in ganz ausgeprägtem Sinn, werden. Aber eben das kann man „mit Herzblut“ beschreiben.

Die Geschichte der SS mit Herzblut schreiben?

 Nolte: Ich meine nicht die Bewacher der Konzentrationslager, sondern die Waffen-SS. Sie war wohl – übrigens ist das auch in Heinz Höhnes Buch „Der Orden unter dem Totenkopf“ zu lesen – der Höhepunkt des Kriegertums schlechthin. Gerade weil ich im Typ solchen Kriegern entgegengesetzt bin und mich von kleinauf an betontermaßen als Intellektuellen empfunden habe, mit all den Schwächen, die damit verbunden sind, muß ich sagen: Das kann man mit Herzblut beschreiben. Obwohl – ja weil – man weiß, daß die großen Waffentaten innerlich und bis zu einem gewissen Grad sogar äußerlich mit dem Extrem eines unritterlichen Verhaltens verknüpft waren, nämlich der Tötung von Wehrlosen, zumal von „Minderwertigen“ und Juden. Darin nahm eine riesige Epoche Abschied von sich selbst, die Epoche, die von nichts so sehr geprägt worden ist wie von adligen, kriegerischen Herrenschichten. Heute steht natürlich die moralische Aburteilung ganz im Vordergrund. Auf der anderen Seite, in Randgruppen, gibt es einen Hang zur Glorifizierung. Das ist beides zu simpel.

Zurück zur Nachgeschichte. Der französische Philosoph Antoine Cournot, von dem der Begriff „Posthistoire“ stammt, prophezeite eine „cristallisation sociale“. Offenbar schwebte ihm eine Welt vor, in der ungeheuer viel Leben stattfindet, aber keine Evolution mehr, kein Fließen der Gesellschaft, eben Kristallisation. Ist das ein qualitativer Unterschied zur Geschichte?

 Nolte: Ich würde den Begriff Kristallisation vermeiden. Ein Kristall ist ein fester Körper, aber in Wirklichkeit haben wir eine totale Fluidität, eine ungeheure Fülle von Konstellationen und Konstellationenänderungen. Nehmen wir als Beispiel die sexuelle Revolution. Man empfindet in der Fülle der Erfahrungen mit wechselnden Liebespartnern am Ende nur noch das Gleichbleibende. Es ändert sich nichts Wesentliches. Insofern drängt sich dann die Vorstellung vom Mangel an Ereignissen auf, aber dieser Mangel ist gewissermaßen nur die Kehrseite der Überfülle. So ungefähr stellt sich auch das Verhältnis der Nachgeschichte zur Geschichte dar.

Ein, wie Sie es nennen, geschichtsbildendes „Existential“ ist die „ewige Linke“, die in historisch frühen Zeiten in Gestalt des „Aufbegehrens“ gegen soziale Ungerechtigkeit ihren Anfang nimmt. Was ist an ihr ewig?

 Nolte: Es hat Zeiten und auch Länder gegeben, wo die Linke keine große Rolle spielte, weil zum Beispiel die herrschende Schicht selbst gewissermaßen dieser potentiellen Linken den Wind aus den Segeln nahm, etwa indem sie starke Morallehren einführte. Wenn eine Gesellschaft in dem Sinn human oder auch nur klug ist, dann mag der Stoß der ewigen Linken nicht erfolgen. Aber in vielen Fällen erfolgte er. Was ich als entscheidend ansehe, ist, ob sich das mit einer Vernichtungsdrohung verbindet. Nicht jeder Stoß der ewigen Linken schließt Vernichtungswillen gegenüber den bisher führenden Schichten ein. Aber wenn das der Fall ist, führt es fast immer zu Reaktionen gravierender Art.

Die Linke ist das Original, die Rechte ist die Reaktion?

 Nolte: Nicht ganz. Die Rechte ist etwas, was nach meiner Auffassung nur im sogenannten liberalen System vorkommt, weil in dieser Gesellschaft eine Linke nicht nur in der Form von spontan aufflackernden Unruhen und Aufständen auftritt. Nur hier ist so etwas wie Kontinuität und Organisation der Linken möglich. Eine erste Linke dieser Art war ja in gewisser Weise die Aufklärung. Und als den ersten praktischen Vorstoß muß man die Französische Revolution bezeichnen. Schon vor der Französischen Revolution hatten die Herrschenden auf diese neue Herausforderung nicht energisch geantwortet. Daß dann auf einmal – aus der Mitte der Gesellschaft heraus, nicht aus dem Kreis der wirklich Herrschenden – sich Bewegungen entfalteten, die dieser Kritik am Bestehenden entgegentreten, das war der Anfang der Rechten.

Marcus Crassus, der Niederwerfer des Spartakus-Aufstands, ist noch kein Rechter?

 Nolte: Nein. Crassus gehörte schlicht zu den Herrschenden. Bleiben wir in der Neuzeit. Da finden sich zum Beispiel im England der industriellen Revolution Leute, die gegen die damals schon recht entschlossen agierende Linke auftraten, sich dabei allerdings durch die herrschende Meinung moralisch ins Unrecht gesetzt fühlten. Diese Atmosphäre ändert sich in dem Augenblick, wo die Linke sich sozusagen überschlägt. In dem Augenblick etwa, wo sie, wie in Frankreich, den König und die Königin tötet. Das war ein wichtiger Stimmungsumschwung in Deutschland während der 90er Jahre des 18. Jahrhunderts. Ein derartiger Umschwung kann zum Entstehen einer radikalen oder extremen Rechten führen.

Gehen wir weiter. War Adolphe Thiers, als er 1871 die Pariser Kommune niederschlug, ein originär Rechter oder nur ein Systemretter?

 Nolte: Ich denke, alle Selbsterhaltungsaktionen der Staatsmacht sollte man nicht als extreme Rechte bezeichnen, es sei denn, sie stehen im Zusammenhang mit einer Volksbewegung. Meines Erachtens gehört diese als stärkeres Ingrediens dazu, und das kann man am besten im Italien Mussolinis sehen, wo eine Volksbewegung ihren Führer an die Spitze des Staates bringt. Der italienische Faschismus ist für mich ein Paradigma einer radikalen oder auch extremen Rechten, hauptsächlich deshalb, weil er ohne ein beachtliches Maß an schon vorhandener Demokratie gar nicht möglich ist.

Mussolini als originär Rechter, der sich dem Ansturm des Bolschewismus entgegenstemmt: Das erinnert etwas an die kommunistische These, daß der Faschismus das letzte Aufgebot der bürgerlichen Welt im Kampf gegen die Arbeiterklasse sei.

 Nolte: Ich sehe diese These nicht so negativ, weil ich der Linken gar nichts vorwerfe oder sie für schlecht halte. Ohne die ständigen Stöße der Linken würde die Menschheit vielleicht noch in Kastengesellschaften leben. Nur ihre eigentlichen Ziele verfehlt die Linke immer.

Irgendwann errichtet die „ewige Linke“ Staaten, die Sowjetunion, die DDR, und ein Paradox dieses Schemas wäre, daß der Staat der Linken auch von Aufbegehrern, von „ewigen Linken“ quasi, bekämpft wird.

 Nolte: Da sehen Sie ganz exemplarisch dasjenige, was ich die Verkehrung nenne und wovon die Geschichte voll ist. Man kann die Frage stellen, ob der Stalinismus jemals besiegt worden wäre, wenn nicht so viele überzeugte Linke abgesplittert wären. Einen Staat der Linken, der die Zustimmung aller Linken gefunden hat, hat es bisher nicht gegeben. Der Grundgedanke der ewigen Linken ist eben nicht der Staat, sondern die staaten- und klassenlose Gesellschaft, die Menschheitseinheit – die Nachgeschichte.

Und in der Gegenwart fällt der Part der Linken automatisch der Dritten Welt und ihrer fünften Kolonne in der Ersten Welt zu?

 Nolte: Was heißt fünfte Kolonne? Ich würde einen so herabsetzenden Ausdruck nicht verwenden. Sie könnten auch sagen: ihre Vorkämpfer innerhalb der Ersten Welt. Die Dritte Welt ist im 21. Jahrhundert sozusagen in sich selbst die Linke, wobei man dann allerdings berücksichtigen muß, daß sie in sich schon differenziert ist. Aber sie ist im Vergleich zur Ersten Welt noch relativ undifferenziert und kann sich daher als Einheit empfinden. Als diese Einheit tritt sie mit Forderungen auf, die nicht unberechtigt sind. Daß ein reicher Westen völlig unvermittelt neben einer bitterarmen Dritten Welt stehenbleibt, ist keine haltbare Position. Die Linke innerhalb der Ersten Welt ist bestimmt, hier das Wort zu führen und Ausgleichsprozesse zu fördern.

 Nur: Wenn sowohl diese Dritte-Welt-Linke wie auch deren Vorkämpfer bei uns sich etwa die Bolschewiki zum Vorbild nehmen und einen „bewaffneten Aufstand“ oder etwas ähnliches predigen, dann könnte in der Tat dasjenige zustande kommen, was ich Kontinentalfaschismus nenne, und das ist eine Zukunftsmöglichkeit, die man zu verhindern suchen sollte.

Auch im Interesse der Nachgeschichte . . .

 Nolte: Diese Linke wäre die vermutlich letzte in der Geschichte vor dem Eintritt in die Nachgeschichte, aber wenn sie dieses „Überschießen“ an den Tag legen würde, dann dürfte die Nachgeschichte noch geraume Zeit auf sich warten lassen.

  

Erschienen in: Focus 53/1998, S. 72-76

Klonovsky - Focus 53/1998

Donnerstag, 30. Juli 2015

Freut euch!


Deutscher Traum

Die Nachkommen der Einwanderer bezahlen irgendwann die griechischen Schulden.

Mittwoch, 29. Juli 2015

Der große und der kleine Unterschied

Wenn in den vergangenen Tagen und Wochen die vermeintlich harte Verhandlungsführung der deutschen Akteure in der „Griechenland Rettung“ gescholten wurde, war der Hinweis auf die großzügige Niederschlagung der deutschen Schulden nach dem Zweiten Weltkrieg oft schnell bei der Hand. Damals seien der jungen, vom Krieg gezeichneten Bundesrepublik durch eine wohlwollende internationale Gläubigergemeinschaft und insbesondere von den Vereinigten Staaten ihre Auslandsschulden erlassen worden, so dass die Bundesrepublik faktisch ohne Belastungen in die Nachkriegszeit starten konnte, so heißt es. Die historische Unkenntnis, die selbst bei ansonsten klugen Kommentatoren der Griechenland-Krise in diesem Zusammenhang durchscheint, lässt vermuten, dass es sich wohl eher um ein strategisches Argument handelt, das hier historisch untermauert werden soll. Bei besserer Kenntnis der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte würden die Kommentatoren andere Schlüsse ziehen.
Auf der Londoner Schuldenkonferenz 1952 und 1953 wurde einerseits über die deutschen Vorkriegsschulden und andererseits über die Rückzahlung der amerikanischen Marshallplan-Hilfen verhandelt. Bei den Vorkriegsschulden handelte es sich zum einen um staatliche Schulden, die zum Teil auf die Reparationsforderungen aus dem Ersten Weltkrieg zurückgingen, und zum anderen um privatwirtschaftliche Schulden, die aufgrund der Devisenbewirtschaftung ebenfalls nicht bedient worden waren. In den Vorverhandlungen ging es zunächst darum, den Barwert dieser Verschuldung festzustellen, wobei alliierte Demontagen und beschlagnahmtes deutsches Auslandsvermögen mit einzurechnen waren. Die größte Schwierigkeit lag aber darin, einen geeigneten Maßstab für die Umrechnung der in älteren Währungen aufgenommenen Schulden zu finden.

Fünfzigprozentiger Schuldenschnitt für Deutschland

Die Festsetzung auf 13,5 Milliarden D-Mark Vorkriegsschulden und 16,2 Milliarden D-Mark Nachkriegsschulden ist als sehr großes Entgegenkommen der Gläubiger zu werten, und tatsächlich waren die Vereinigten Staaten hierbei die treibende Kraft. Immerhin hatten die Reparationsforderungen aus dem Ersten Weltkrieg einmal 132 Milliarden Goldmark betragen. Der tatsächliche circa fünfzigprozentige Schuldenschnitt, der dann in den Verhandlungen 1952 erzielt wurde, stellte daher gegenüber den Entlastungen durch die Bewertung der Ausgangssumme nur noch eine Kleinigkeit dar. Die danach verbleibende Schuldsumme von gut 14 Milliarden D-Mark entsprach etwa einem Zehntel des westdeutschen Bruttosozialprodukts von 1953. Dieser Betrag ist aber nach einer vereinbarten fünfjährigen Schonfrist ab 1958 vollständig durch den bundesdeutschen Staat und die westdeutsche Privatwirtschaft getilgt worden.

Insgesamt – so eine Berechnung der Bundesregierung im Jahr 1991 – habe die Bundesregierung 100 Milliarden D-Mark in Abwicklung des Londoner Schuldenabkommens und anderer Verträge gezahlt. Hierzu gehörten die im Luxemburger Abkommen zeitgleich geschlossenen Vereinbarungen mit Israel und Sonderregelungen mit der Schweiz, die als eines der wenigen Länder auch die Clearing-Schulden des Deutschen Reiches größtenteils zurückerhielt. Von einem totalen Schuldenerlass nach dem Zweiten Weltkrieg kann also nicht die Rede sein.

Interessant ist die Frage, warum damals die Gläubiger wie die Vereinigten Staaten, darunter auch Griechenland, dem großzügigen Schuldenschnitt zugestimmt haben. Das Interesse an einem friedlichen Neuanfang in Europa hat zweifellos eine große Rolle gespielt. Zumindest eine Begründung weist aber auch in die Vereinigten Staaten: Diese hatten sich als Bedingung für die Zahlung der Marshallplan-Hilfen 1947 ausbedungen, dass ihre Kredite vorrangig vor älteren Schulden zu bedienen seien. Aufgrund dieser Regelung konnten sie nun 1952 die Empfängerländer des Marshallplans (hierunter auch Griechenland) zum Einlenken bewegen, indem sie in Aussicht stellten, auf ihre eigenen Forderungen zu verzichten, wenn die anderen Länder im Gegenzug auch auf ihre Forderungen gegenüber Deutschland verzichteten. Man könnte dies eine sehr harte Verhandlungslinie nennen, die freilich auf der richtigen Erkenntnis beruhte, dass gegenseitige Schuldforderungen den europäischen Wiederaufbau stark belasten würden. Natürlich stand die gesamte Diskussion im Zusammenhang mit dem beginnenden Kalten Krieg. Damals war jedenfalls der Appell der Amerikaner mit einem eigenen Forderungsverzicht verbunden.

Die Transferklausel im Abkommen

Die eigentliche Lehre des Londoner Schuldenabkommens für die heutige verfahrene Situation liegt aber in einem ganz anderen Aspekt, der wohl deshalb von den Mahnern bislang nicht betont wird, weil er die ganze Sinnlosigkeit des aktuellen, allzu hektisch geschnürten „Rettungspakets“ mit einem Schlag ans Tageslicht bringen würde: Das Abkommen enthielt eine Transferklausel. Zins- und Tilgungszahlungen der Bundesrepublik waren an einen Handelsbilanzüberschuss des Landes gekoppelt worden. Der Handelsbilanzüberschuss der ersten acht Monate von 1952, circa 580 Millionen D-Mark, galt als Maßstab. Zins- und Tilgungsraten sollten nicht über diese Summe hinausgehen. Auslandsschulden sollten also nur bedient werden, wenn das Land im Außenhandel Geld verdiente.
Nur weil die Bundesrepublik vergleichsweise mühelos seit der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre einen solchen Überschuss erzielte, stellte das Ergebnis der Londoner Schuldenkonferenz keine wirtschaftliche Belastung dar. Wäre in der Bundesrepublik kein Handelsbilanzüberschuss entstanden, hätte auch das „Rettungspaket“ 1952/1953 nachverhandelt werden müssen. Eine vergleichsweise kleine Schuldensumme hätte sich dann in kurzer Zeit zu einer großen Belastung entwickeln können, wenn – wie im Fall Griechenlands – die Zinszahlungen aus alten Schulden immer wieder durch die Aufnahme neuer Schulden bezahlt worden wären.

Die Verhandlungen in London waren also auch damals äußerst schwierig, und eine großzügige Haltung der Gläubiger garantierte keineswegs den Erfolg. Den Akteuren war das seinerzeit durchaus bewusst. Finanzminister Fritz Schäffer übertrug dem späteren Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs, die Rolle des Verhandlungsführers mit den Worten: „Wenn Sie es schlecht machen, werden Sie an einem Birnbaum aufgehängt, und wenn Sie es gut machen, an einem Apfelbaum.“ Die Geschichte des Londoner Schuldenabkommens lehrt zuallererst, dass Auslandsverschuldung nur bei Leistungsbilanzüberschüssen tragfähig reduziert werden kann. Hiervon ist Griechenland ganz unabhängig vom Wohlwollen der Gläubiger weit entfernt.

Die stets verschwiegene Transferklausel

SVVM CVIQVE

Montag, 27. Juli 2015

Dem Himmel sei Dank, dass es Fischer gibt



Ai Wei Wei ist nur ein Stück Scheiße im Fahrwasser des Protoarschlochs Beuys. Der einzige wahre Künstler Deutschlands ist Wolfgang Fischer.

Unterstellungen


Die Menschen in unserem Land


Der romantische Dünger


»Das Genaue ist das Falsche. Es läßt den Hof, den Nimbus nicht zu. Unsere Lebenssphäre ist das Vage, das Ungefähre« (Botho Strauß). — Es gibt in der Sphäre der Politik – also dort, wo es um den Bau und den Erhalt der politischen Ordnung geht – drei unverzichtbare Kategorien für jeden Rechten:
das Volk (die ethnisch-kulturelle, nicht starre, aber erkennbar abgegrenzte Schicksalsgemeinschaft), die Nation (diese Willensbekundung des Volkes zur Souveränität) und die Große Erzählung (den Bericht über die Tage und Taten des »Wir«, das aus dieser Erzählung Kraft schöpft).
Leider steht es – um es mit einem Rest an Hoffnung auszudrücken – in Deutschland mit diesen drei Größen nicht zum Besten. Das Volk schrumpft, die Verluste werden durch Zuwanderer ausgeglichen, ein quantitativer Austausch, bei dem die Qualität (das heißt: die Unverwechselbarkeit, die aus der Verwurzelung rührt) keine Rolle mehr spielt. Man muß ja auch zugeben: Ob der weltläufige Konsument als Spanier in München, als Türke in New York oder als Deutscher in London jobben und shoppen geht, ist letztlich egal. Dem Volk wird dadurch doppelt zugesetzt, beides raubt ihm seine Eigentümlichkeit – unumkehrbar wahrscheinlich.
Zur Nation ist zu sagen, daß sie ihre Souveränität nach 1945 nie mehr zurückerhalten und allein in den vergangenen zwanzig Jahren so viele Kernkompetenzen an supranationale Institutionen abgegeben hat, daß alles politische Handeln wirkt, als klebe man Tapeten über schimmlige Wände.
Von der Großen Erzählung schließlich ist die Ausleuchtung der großen Sauereien geblieben. Natürlich kann man Christopher Clarks Bericht über den somnambulen Taumel in den Ersten Weltkrieg für einen ersten Schritt auf dem Weg der Rückeroberung verlorener Deutungsmacht halten, indes: Während wir auf diesen klitzekleinen Historikerstreit hoffen, speist die Deutsche Filmförderung achteinhalb Millionen Euro in die Hollywood-Schmonzette Monuments Men ein, weil George Clooney in Merseburg und Babelsberg dreht. Er behauptet in seinem Film, daß es die Amerikaner gewesen seien, die inmitten der kleinen Unordnung des alliierten Vormarsches das kulturelle Erbe der Menschheit vor der Zerstörung bewahrten. Gedreht hat dieser grinsende Blender beispielsweise auch in Halberstadt, diesem kriegsunwichtigen Städtchen, das am 8. April 1945 innerhalb von zwanzig Minuten durch Bomben vollkommen zerstört wurde. Drei Tage später marschierten die Amerikaner in das ein, was ihre Luftwaffe übriggelassen hatte, und vermutlich zog irgendein Clooney schon damals aus den Trümmern ein Gemälde mit angekohltem Rahmen, um es für die Menschheit aufzubewahren.
»Für uns also heißt es: überaus aufmerksam untergehen«, schreibt Botho Strauß. Mit »uns« kann er nur uns meinen.
Die Neue Rechte wird seit Alain de Benoists Programm einer Kulturrevolution von rechts mit Antonio Gramscis Strategie der Eroberung der kulturellen Hegemonie in Verbindung gebracht: Wer Begriffe definiere, Debatten führe und gewinne, Slogans durchsetze und die Kultur weltanschaulich kanonisiere, werde zu einem Machtfaktor, den die Politik auf Dauer nicht ignorieren könne. Wir haben diesen Ansatz in der Sezession nicht nur etliche Male durchdekliniert – die Sezession selbst ist eine Strecke auf diesem Weg. Dabei gab und gibt es stets drei Sphären: den Einzelnen, die Politik und das Ganze.
Der Einzelne zielt auf die Verwirklichung des ihm Angemessenen und hinterläßt dabei eine Spur. Dieser Anspruch der ersten Sphäre ist in seinem Wechselspiel aus Freiheit und Bindung eines der großen, konservativen Themen – er wirft die Frage nach innen- und außengeleitetem Handeln, nach Dienst und Einpassung, Widerstand und Ego non auf; Es geht also um ein grundsätzliches Zurechtkommen, um das eigene Schicksal, um das »Eigentum« in einem weit über den Besitz hinausweisenden Sinn. Diese erste Sphäre ist total, sie ist existentiell und spielt für die Frage nach der Strategie Gramscis insofern eine Rolle, als aus ihr heraus ein Gutteil jener Persönlichkeit geformt, gestärkt und entlassen wird, die ausgreifen und Wirkung entfalten möchte.


Ort dieses Wirkens ist zum einen der politische Raum. Diese zweite Sphäre ist von der Arbeit am Machbaren geprägt, und es gibt auf Dauer nur eine Möglichkeit, in dieser Sphäre zu verweilen: indem man sich von den Gegebenheiten, den Wirkungsgesetzen und den Machbarkeitshinweisen der Politik zum Politiker erziehen läßt, von der Anmaßung also zum Angemessenen findet und weder das Ich, noch das Ganze gegen Ausgleich und Kompromiß setzt. Bleibt es beim Ich, wird man zum Narren, soll es das Ganze sein, endet es im Chaos oder in der Katastrophe.
Dieses »Ganze« nämlich – getragen nicht vom kompromißbereiten, sondern vom anmaßenden »Ich« – ist die dritte Sphäre: der Ort des großen Entwurfs, der Kunst, des Traums, der Rücksichtslosigkeit, der Lebenssteigerung, des Rausches, der Kompromißlosigkeit, des großen Moments, der irrationalen Vitalität, und nicht nur jene, die bruchlos von Luther über Nietzsche zu Hitler durcherzählen, sehen in der Übertragung der Innerlichkeit, der Gralssehnsucht und der Tiefe auf die Politik den Sündenfall des deutschen Geistes an sich.
Carl Schmitts Arbeit über die Politische Romantik ist das Dokument einer theoretisch geglückten Selbstheilung. Schmitt selbst schwankte als junger Mann zwischen seiner Neigung zur Germanistik und seiner Einsicht in die Notwendigkeit einer Karriere als Staatsrechtler. Mit der 1919 erschienenen Politischen Romantik war die Entscheidung gefallen: Schmitt beschrieb den Typus des Romantikers dergestalt, daß er ihn selbst nicht mehr verkörpern wollte und konnte. Er nahm ihm zunächst die deutsche Exklusivität: Zwar habe sich das Romantische (also eine bestimmte, an der historischen Romantik ausgerichtete Art des geistigen Zugriffs) in Deutschland auf besondere Weise manifestiert und behauptet, sei aber insgesamt das Ergebnis einer beinahe notwendigen Entwicklung der modernen Psyche: Der Romantiker glaube im Gefolge Rousseaus und Herders daran, daß die aus Vernunft und Aufklärung rührende Entfernung des Menschen von seiner »Natur« ein Vorgang der Verarmung sei und daß der ungeordneten, un-vernünftigen, natürlichen Begabung des Menschen Vitalkräfte innewohnten, die es zu befreien und zu feiern gelte.
Der Mensch rückt damit ins Zentrum der Schöpfung, aber nicht mehr in christlicher Demut: Er wird selbst zum Schöpfer. So verstanden, ist Romantik nach Schmitt »subjektiver Occasionalismus, d.h. im Romantischen behandelt das romantische Subjekt die Welt als Anlaß und Gelegenheit seiner romantischen Produktivität.« Von dieser Position aus versetzte der Staatsrechtler Schmitt dem Romantiker mit politischen Ambitionen den Todesstoß: Aus seiner expressiven Schöpfergeste heraus bleibt der Romantiker blind für die Realität und das Unabwendbare, dem er einen anmaßenden, eben »occasionellen«, selbstgefälligen Entwurf entgegenstellt – eine Utopie, die er meist als einziger Bewohner besiedelt, und darüber hinaus nur im Geiste! Denn im konkreten Leben greift selbst der romantischste Romantiker auf jene Ordnungsleistungen zurück, die von den weniger inspirierten, weniger trunkenen Bürgern aufgerichtet worden sind. »Keine Gesellschaft kann eine Ordnung finden ohne einen Begriff von dem, was normal und dem, was Recht ist. Das Normale ist seinem Begriff nach unromantisch, weil jede Norm die occasionelle Ungebundenheit des Romantischen zerstört« (Schmitt). Anders ausgedrückt: Auch Ein-Mann-Kasernen hängen an der öffentlichen Stromversorgung.
Capisco et obmutesco, dachte Schmitt vermutlich, als er sein Manuskript abgeschlossen hatte, »ich begreife und verstumme«. 1933 blitzte seine unterdrückte Sehnsucht nach dem Großen, Ganzen, Vitalen noch einmal auf, obwohl er die Katastrophe ahnte. Die Frage nach der Wirkmächtigkeit Politischer Romantik erhält aus den zwölf Jahren folgende Antwort: Nie wieder hat eine politische Okkasion auch nur annähernd so elektrisierend und erschütternd, entfesselnd und produktiv, katastrophal und verheerend gewirkt wie diese kurze Zeitspanne. Das Dröhnen dieser deutschen Götterdämmerung hallt bis heute nach, neben den Nibelungenzug ist der Vormarsch der Wehrmacht, neben Etzels Saal ist Stalingrad getreten. Von solchen Orten findet seit jeher niemand zurück, und mit dem Hinweis auf sie läßt sich untermauern, daß sich die Politik auf das Prinzip der Verhinderung von Schmerzen, Leid und Grausamkeit gründen müsse.
»Die Spannung zwischen dem Romantischen und dem Politischen ist die Spannung zwischen dem Vorstellbaren und Lebbaren. Der Versuch, diese Spannung in eine widerspruchsfreie Einheit zu überführen, kann zur Verarmung oder zur Verwüstung des Lebens führen. Das Leben verarmt, wenn man sich nichts mehr vorzustellen wagt über das hinaus, was man auch leben zu können glaubt. Und das Leben wird verwüstet, wenn man um jeden Preis, auch den der Zerstörung und Selbstzerstörung, etwas leben will, bloß weil man es sich vorgestellt hat. Wenn wir die Vernunft der Politik und die Leidenschaft der Romantik nicht als zwei Sphären begreifen und als solche zu trennen wissen, wenn wir statt dessen die bruchlose Einheit wünschen und uns nicht darauf verstehen, in mindestens zwei Welten zu leben, dann besteht die Gefahr, daß wir in der Politik ein Abenteuer suchen.« (Rüdiger Safranski)

Hier ist das alles also wieder klar voneinander geschieden und doch väterlich vermittelt: die Politik von der Kunst, das Mögliche vom Ganzen, die soziale Frage von der Schönheit, und nicht schwer ist es, zu erkennen, worauf das hinausläuft: Der panische Schrecken, den die Kunst verbreiten kann, wird ersetzt durch eine Art romantischen Dünger. Das Leben soll schon seine paar Erregungs- und Verzückungsspitzen haben, am besten aber nur Samstags zwischen neunzehn und einundzwanzig Uhr dreißig. Derlei Sphärentrennung ist vergleichbar mit dem Eifer, Museen zu bauen und um jeden etwas älteren Stein einen Zaun zu ziehen.
Alles ist behandelt, beschrieben und abgelegt, man weiß viel, eigentlich alles, aber nichts zündet mehr. Der bloßen Verwaltung des Lebens wird durch einen vom Ernst abgetrennten, inneren Erlebnispark vorgebeugt. An die Stelle der Temperaturerhöhung tritt das folgenlose »Interesse«, tritt das, was Nietzsche das »Schweißtuch des Bürgers« genannt hat: geordnete Erregung, weit entfernt von dem, was der Torso Apolls zu bewirken vermochte und vermag – »Du mußt dein Leben ändern!«
Anscheinend verweigern sich nur Unbelehrbare einem neuen Trend: Neuer Realismus ist sein Name, die AfD verkörpert ihn, die Junge Freiheit verbreitet ihn, Vordenker beschreiben seinen spröden Charme und die ihm innewohnende Hinwendung zu Lagefeststellungen, Machbarkeitsüberlegungen und politischer Bescheidenheit. Die Fragen lauten: Wo können wir anknüpfen, welche Kröten müssen wir schlucken? Implizit bedeutet das: Wer jetzt noch mehr als das will, was möglich geworden ist, kann nicht mehr für politikfähig gelten. Denn die Sphäre der Politik, aus der bisher jeder Ansatz von rechts hinausgeprügelt wurde, scheint offen zu sein für diese Mixtur aus liberalem Konservatismus, Überdehnungswarnung und kommunitaristischer Disziplin. Nicht wenige Konservative und Rechte sehen die Chance, politisch zu Wirkung, Einfluß, sogar zu Macht zu gelangen, und es ist der Vorgang an sich, der sie dazu bringt, plötzlich auf diesen Minimalkonsens zu pochen. Endlich dabei!
Vor diesem Hintergrund und dieser Dynamik gilt es, eine grundsätzliche Entscheidung zu treffen: Sind die direkte und die metapolitische Einflußnahme auf die zweite Sphäre von solcher Bedeutung, daß sie ab sofort die Richtschnur rechten Denkens, Publizierens und Handelns sein sollten und alles, was auf die Politik ausgerichtet ist, einer Art Parteidisziplin unterwerfen dürfen? Ist die Anmaßung – diese Maximalforderung des Ichs oder des Ganzen – tatsächlich das Schlimmste, was man jetzt, gerade jetzt hineintragen könnte in den ein ganz klein wenig aufbrechenden, durch und durch liberalen, abgesicherten, auf die Mitte hin orientierten Konservatismus?
Wer zu viele Kröten schluckt, kann nichts Großes mehr erzählen, und vor allem opfert er der Struktur das Notwendige. Anzuknüpfen heißt nämlich, auch in Zukunft auf dieses Geflecht Rücksicht nehmen zu müssen. Dies ist also eine grundsätzliche Entscheidung: für oder gegen die Sezession. Denn nur losgelöst von engen Bindungen in die zweite Sphäre gelingt es, der Großen Erzählung den taktierenden Ton zu nehmen und das Mobilisierende, Magnetische, Elektrisierende gegen den Realismus (sei er alt, sei er neu, sei er vernünftig) zu stellen, nach einem uralten poetischen Gesetz: Zwar war es nie so, wie es erzählt wird, aber es wirkt immer! »Der Reaktionär«, schreibt Botho Strauß, »ist Phantast, Erfinder (der Konservative dagegen eher Krämer des angeblich Bewährten). Gerade weil nichts so ist, wie er’s sieht, noch gar nach seinem Sinn sich entwickelt, steigert er die fiktive Kraft seiner Anschauung und verteilt die nachhaltigsten Güter. Oder die lange anhaltenden. Oder die im Erhalten sich erneuernden.«
Es ist ein wenig müßig, immer wieder auf die Bilanz der Politik der letzten Jahrzehnte hinzuweisen. Dieser schleichenden Katastrophe, dieser Auflösung aller Dinge fehlt das Alarmierende. Man kann ganz gut leben, wenn man über gar keinen oder einen sehr geordneten Kopf verfügt, wenn einem also die Verödung des Lebens gar nicht oder nur aus der Distanz zusetzt. Zivilisation? Für Arnold Gehlen ist das nichts anderes als die »Katastrophe im Zustand ihrer Lebbarkeit«. Das von Max Weber beschriebene »stählerne Gehäuse« aus Institutionen, Bedürfnisbefriedigung und Verwaltungsnotwendigkeit, in das sich der einzelne Mensch innerhalb der Massengesellschaft gezwängt sieht, garantiert diese Lebbarkeit und schnürt natürlich auch den Politiker in ein Korsett: Er wird zum anti-erhabenen Typ – wenn er es nicht schon immer war – und kann keine Alternative mehr formulieren.
Dies könnte nur dem gelingen, der Maßstäbe aus einer Sphäre mitbrächte, in der die Politik keine Rolle spielt: Glaube, Dichtung, Anderland. Er hätte ein ganz anderes Bild dabei, eine Große Erzählung, und vor allem wäre er von furchterregender, angemessen rücksichtsloser Entschlossenheit. Der Einzelne und sein inneres, sein poetisches Reich – wer wirklich schöpferisch und restaurativ zugleich wirken will, muß dort gewohnt haben. Hat der ein oder andere Realist vielleicht die Geburt des Täters Claus Graf Schenk von Stauffenberg aus dem George-Kreis (mithin im Geheimen Deutschland) übersehen? Keimte nicht gerade in diesem glänzenden Offizier etwas, das zur rechten Zeit reifen konnte? Mehr von diesem Dünger!

Urmassaker


"Unglücklich das Land, das Helden nötig hat." schrieb Brecht im Galileo Galilei. Glücklich das Land, das, wo alle Hoffnung bereits verloren ist, dennoch Helden hat.

Beim Aufstand der Vendée geschah es zum ersten Mal in der Geschichte, dass eine Bevölkerung durch Terror und Massenmord "zur Raison" gebracht wurde. Und noch dazu war es ein Staat, der hier die eigene aufständische Bevölkerung ermordete. Die Massenmorde, an die wir uns im Verlauf des 20. Jahrhunderts gewöhnt haben, sind imitierende Weiterführungen dessen, was damals in der Vendée begann. Ironie der Geschichte: Pol Poth hatte einst in Paris studiert.

Dass damals auch die Haut französischer Adliger gegerbt wurde, um Lampenschirme herzustellen, sei ebenfalls vermerkt, damit nicht der falsche Eindruck entsteht, diese Idee sei auf den "Meister aus Deutschland" zurückzuführen.

Lügenhistorik und Lügenpresse

15. Juli 2015

Der Unterschied zwischen Ludwig Dehio und Fitz Fischer? Der eine, Dehio, war "Vierteljude", musste sich im Dritten Reich sehr unauffällig verhalten und verfasste unmittelbar danach eine historische Studie, in der er beschrieb, wie die europäische Mächtekonstellation – unter anderem – zur NS-Herrschaft führte. Das heißt, er betrachtete die Geschichte als Historiker, nicht als Ideologe, und hielt es für selbstverständlich, dass auch eine extreme Diktatur wie jene Hitlers im Kontext des gesamten Mächtespiels und keineswegs als so ursachenloser wie unvergleichbarer Einbruch des Bösen in die Welt zu verstehen sei. Der andere, Fischer, war bereits in der Weimarer Republik ein Nazi, hatte als SA- und NSDAP-Mitglied nach 1945 etwas gutzumachen und schrieb später eine Anklage gegen das Kaiserreich und dessen angebliche Haupt- wenn nicht Alleinschuld am Ersten Weltkrieg, den er im Kontext mörderischen deutschen Weltmachtstrebens quasi als Probelauf für den Zweiten darstellte, seinen nationalsozialistischen Milchbrüdern somit im nachhinein jedes historische Recht absprechend, das Diktat von Versailles irgendwie revidieren zu dürfen. 
Die persönliche und/oder familiäre Vorbelastung ist typisch für die erste Generation der exzessiven "Vergangenheitsbewältiger". Sie schufen jenes Klima der Heuchelei und alles bekannte Maß sprengenden "Selbst"bezichtigung, in welchem bis heute Karrieristen, Betroffenheitsathleten und Lippenbekenntnisautomaten in der Baumschulenschlichtheit von Reichsparteitagsmarschblöcken gedeihen.


25. Juli 2015

Die DDR-Aspiranten von Spiegel online bringen es fertig, ein vertrauliches Papier des Duisburger Polizeipräsidiums über die Entstehung rechtsfreier Räume in Ballungszentren zu zitieren, ohne mit einer Silbe zu erwähnen, wer in diesen lauschigen restdeutschen Krähwinkeln der Staatsmacht die Kontrolle streitig macht. Es ist lediglich die Rede von "Banden", die ganze Straßenzüge für sich reklamierten. Anwohner und Geschäftsleute würden eingeschüchtert und schwiegen aus Angst, heißt es in dem zitierten Bericht; für viele Menschen (i.e. Nichtbandenmitglieder) verwandelten sich öffentliche Verkehrsmittel nach Einbruch der Dunkelheit in "Angsträume"; Polizisten und vor allem weibliche Beamte sähen sich einer "hohen Aggressivität und Respektlosigkeit" ausgesetzt. Die Kommentarfunktion zu dieser Meldung war von vornherein deaktiviert worden, das heißt, es handelt sich um einen jener Fälle, für welche in routinierten Leserkreisen der natürlich viel zu harte, wenngleich durchaus den Kern treffende Begriff Lügenpresse seine hiermit von mir abgesegnete und also vollrohr legititimierte Anwendung findet, insofern das Verschweigen entscheidender Informationen das Schmähwort eben rechtfertigt.

Auf Focus online erfährt man dann, dass der nordrhein-westfälische Polizeigewerkschafts-Chef zur Situation "in Städten wie Essen, Dortmund, Duisburg oder Köln" folgende für zumindest temporäre Lügenpressevertreter einstweilen noch irrelevante Einschätzung kund und zu wissen tat: "Dort kämpfen mehrere rivalisierende Rockergruppen sowie libanesische, türkische, rumänische und bulgarische Clans um die Vorherrschaft auf der Straße. Die definieren für sich: Hier hat die Polizei nichts mehr zu sagen." Immerhin vermeldet Spiegel online, in dem Papier werde prognostiziert, dass sich "mittelfristig" an der traurigen Lage nichts ändern werde. "Dem stünden unter anderem die hohe Arbeitslosigkeit, die Perspektivlosigkeit von Zuwanderern ohne Qualifikationen für den deutschen Arbeitsmarkt und ethnische Spannungen unter den Migranten entgegen."

Gleich neben der Meldung und unter dem Motto "Fremdenhass vergiftet Deutschland" bewirbt Spiegel online die aktuelle Ausgabe des Mutterschiffs. Naturgemäß geht es in der Titelgeschichte des Magazins nicht um einen Fremdenhass seitens gewisser hier ansässiger Nichtganz- oder Keineswegsdeutscher, der sich unter anderem gegen Einheimische richtet, denn einen solchen Hass gibt es nämlich gar nicht. Warum sollten diese Typen ein Land hassen, das sie willkommenskulturbeflissen beherbergt, getreulich alimentiert, jede ihrer rustikalen Eigenarten als Folklore duldet, sie sogar in ihrem kriminellen Treiben gewähren und überdies von Medienclowns zu gestandenen Mitbürgern mit sozialen Problemen zurechtpudern lässt?

Klonovsky am 15. und 25. Juli 2015

Zur Anschauung

Sonntag, 26. Juli 2015

PEGIDA in München


Gegengewicht zu Grün



Höcke ist nicht wortgewandt. Aber er ist die Redlichkeit in Person und gerade deshalb gegenüber Provokationen, unfairen Attacken und Verdrehungen etwas wehrlos.

Mit seinem Wort, nicht alle, die die NPD wählen, seien Rechtsradikale, traf er den Nagel auf den Kopf. Und es muss für eine konservative Partei natürlich eine Selbstverständlichkeit sein, diesen Wählern eine vernünftige Alternative zu bieten. Schade, dass Höcke nicht so schlagfertig und witzig wie Berlusconi ist. Seine erfrischende Aufrichtigkeit und Standfestigkeit besitzt er.

Kaletsky

Anatole Kaletskys zynischer Optimismus ist ein interessanter Kommentar des Zusammenraufens, das gerade in Europa stattfindet.

Aber das Resultat bleibt dürftig: Europa wird wie Italien. Mit einem schwachen Zusammengehörigkeitsgefühl (ja Apulien fühlt sich vielleicht sogar stärker zu Italien und zur Lombardei gehörig, als Griechenland sich je zu Europa [und Schweden] gehörig fühlen wird), mit einem schwachen Willen zusammenzubleiben und mit einer dementsprechend schwachen zentralistischen Regierung. Und mit periphären Ländern, die auch in 100 Jahren noch wenig Verantwortung für die gemeinsame Sache empfinden werden.

Joschka Fischers Kommentar soll nicht überhört werden, aber er klingt diesmal ganz und gar nicht überzeugend und enthält grobe historische Irrtümer.
Außerdem war Schäubles Drohgebärde sehr zurückhaltend, Griechenland hat bewiesen, dass man selbst ein Ultimatum überschreiten darf und Schäubles 5-Jahres-Rauswurf ist nüchtern betrachtet wenig glaubhaft: wenn es Griechenland nach 5 Jahren außerhalb des Euro besser ginge, würde es wohl kaum zurückkommen wollen, und wenn es Griechenland nicht besser ginge, wollte man es wohl kaum wieder in den Euro aufnehmen.

Europa ist in einer Situation, in der endlich irgendjemand die unangenehme Aufgabe übernehmen muss, "hässlich" zu sein. Mit oder ohne Süden. Besonders mit Süden.

Samstag, 25. Juli 2015

Wie mans macht, macht mans verkehrt


Autorenportrait

"Ich habe schon vor zwanzig Jahren den immer wieder aufkommenden Begriff einer „Neuen Rechten“ als problematisch verworfen und bleibe dabei. Sicher muß man wohl damit leben, daß man durch den politischen Gegner ein Etikett verpaßt bekommt. Wer dieses für charmanter hält als den Begriff einer „Alten Rechten“, der irrt: Der Begriff der „Neuen Rechten“ ist ein Kampfbegriff, der der Denunziation dient. Er wurde letztlich von Verfassungsschutzbehörden und linken Politikwissenschaftlern durchgesetzt, um ein politisches Milieu zu markieren, das als extremistisches „Brückenspektrum“ denunziert werden soll. Diese Begriffsdefinition hat sich faktisch durchgesetzt, und es ist eine Illusion zu meinen, daß man diesen Gehalt aus einer Außenseiterposition heraus positiv umdeuten könnte. Die Denunziation mittels des verführerischen Begriffes „Neue Rechte“ ist Teil der Strategie, einen legitimen konservativen, demokratisch-rechten Faktor aus dem öffentlichen Diskurs und der Demokratie auszuschließen." meint Dieter Stein

 "Wenn im politischen Kampf „rechts“ negativ konnotiert ist, dann weil die Linke die kulturelle und politische Macht besitzt. Wenn ich diesen Machtbesitz in Frage stellen will – vorausgesetzt ich will das –, muß ich eine hinreichend klare Alternative bezeichnen. Diese wird von den Machthabern bekämpft werden, das ist politische Normalität und vergleichbare Situationen hat es immer wieder gegeben. Ob und unter welchen Bedingungen eine Veränderung der Machtverhältnisse möglich ist, kann man nicht aus Faustregeln ableiten:

„Geuse“, also Bettler, war ein Schimpf, mit dem die Spanier die holländischen Freiheitskämpfer bezeichneten, und die haben einen Ehrennamen daraus gemacht.
„Socialdemokrat“ war im Zweiten Reich ein Begriff, viel schlimmer als „Rechter“ heutzutage, aber Werner Sombart schrieb, daß in seiner Studentenzeit plötzlich alle „Socialisten“ sein wollten.
Ein „Linker“ zu sein, war in der frühen Bundesrepublik ganz und gar kein Spaß, aber als ich jung war, gab es unter den Jungen praktisch nur noch Linke.

Wenn ich also die Möglichkeit eines Umschlags nicht für denkbar hielte, würde ich Dieter zustimmen; da ich aber an dieser Möglichkeit festhalte, bin ich fürs Standhalten, und wenn es keine andere Fahne gibt, dann eben die, auf der „Neue Rechte“ steht. Nur nebenbei: auch der Begriff „rechts“ – ohne Adjektiv – oder „demokratisch-rechts“ ist keine Alternative, der erste löst eh die übliche Assoziationskette „rechts – rechtsradikal – Nazi – Auschwitz“ aus, der zweite ist ungefüg und jedenfalls als Parole ungeeignet." antwortet Karlheinz Weißmann

"Was war mit der Option einer nationalen Linken, für die Wolfgang Venohr, Peter Brandt und Herbert Ammon standen? Sollten wir uns nicht für eine Überwindung des simplen Rechts-Links-Schemas einsetzen, das wir von der Französischen Revolution geerbt haben? Allein letzteres ein Argument, den Begriffen distanziert gegenüberzustehen. Wer die JF aufmerksam liest, dem wird auffallen, daß sie den Begriff „rechts“ weitgehend meidet und eher hilfsweise verwendet. Ich habe jedenfalls mit „Konservativen“ typischerweise nie Menschen verbunden, die sich mit den Verhältnissen abfinden." entgegnet hierauf Dieter Stein

Hierauf wiederum Karlheinz Weißmann:

"Die „Antideutschen“ machen bloß Ernst mit dem, was auf der Hauptspur der linken Argumentationsstrecke sowieso bestimmend ist. Die Linksnationalen kommen nur als Geisterfahrer auf dieser Hauptspur vor, sind isoliert (Ammon), nicht sehr überzeugungsfest (Brandt) oder als Linke gar nicht mehr identifizierbar (Venohr). Was nun die Abkapselung angeht, so habe ich sicher von uns beiden die größere Erfahrung mit großen Foren, wo man auch eine Art Zugang zur Allgemeinheit hat. Ich habe vor dem Politischen Club der Evangelischen Akademie in Tutzing gesprochen und bei der Adenauer-Stiftung, im Club zu Bremen und bei den Beiräten von Banken und Versicherungen. Die Resonanz war eigentlich immer sehr positiv – übrigens auch in Tutzing. Das lag ohne Zweifel an den Inhalten, die ich da vertrat und die sich nicht von denen unterscheiden, die ich heute vertrete. Daß ich dort nicht mehr sprechen kann, liegt kaum an der Qualität dessen, was ich denke und sage. Es liegt ganz einfach an den Machtverhältnissen in diesem Land. Wer glaubt, dass er die durch die Anpassung an Sprachregelungen verändern kann, versuche sein Glück. Meine Prognose lautet, daß ihn die Machtverhältnisse verändern werden. Eine prinzipielle Gegenposition – also eine, die Prinzipien vertritt – muß als solche kenntlich und unter den gegebenen Umständen die Position einer Minderheit sein. Gehlen hat einmal davon gesprochen, daß in aussichtslos erscheinender Lage nichts so überzeugend wirkt wie das überzeugende Beispiel, Integrität eben. Man mag trotzdem mit Erfolglosigkeit bezahlen, aber da gilt dann das Herrenwort: „Was nutzt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“"

Und ein letztes Mal Dieter Stein:
"Man kann das ja machen, wenn man sich unbedingt verrennen will. Der von mir ebenfalls sehr geschätzte Staatsrechtler Helmut Quaritsch stellte in seinem Buch „Positionen und Begriffe Carl Schmitts“ fest: „Im Kampf der Geister ist die Besetzung eines Begriffs so wichtig wie im Kriege die Eroberung einer Festung.“ Der Begriff der „Neuen Rechten“ ist eine solche Festung. Ihn „positiv“ besetzen zu wollen, gleicht der Schlacht um Verdun. Anders ausgedrückt: Ich bin evangelischer Christ. Falls man 25 Jahre lang über mich behaupten sollte, ich sei katholischer Sedisvakantist, werde ich mich auch dann nicht selbst so bezeichnen. Auch nicht als katholisch. Apropos vakant: Für mich wird der politisch-publizistische Standort „konservativ“ in Deutschland durch keine etablierte Partei oder ein Medium vertreten. Weder FAZ, Springer-Presse, Rheinischer Merkur noch CDU oder CSU besetzen diesen Begriff offensiv oder wollen ihn prägen. Wenn ihr es nicht sein wollt, gibt es keine konservative Theoriezeitschrift oder ein wissenschaftliches Institut, das sich diesem Begriff verschreibt. Der Begriff des Konservativen entfaltet einen prächtigen weltanschaulichen Kosmos, der nicht für Homogenität, sondern Differenz steht. Der Begriff der „Neuen Rechten“ steht für eine geistige Engführung. Wer zwingt euch eigentlich, eine solche kategorisch-ideologische Selbsteinordnung vorzunehmen? Was ist damit gewonnen?"

Der romantische Dünger

Überflüssig oder radikal

Fazit:

2017 könnte Lucke tatsächlich der große Gewinner werden. Wenn die AfD sich nicht sehr im von Marc Jongen angedeuteten Sinne profiliert, wird sie, statt zu einem kulturellen Gegengewicht der rot-grünen, familienfeindlichen Exzesse zu werden, zu einer Pufferzone nach Rechts für die ALFA schrumpfen und gleichzeitig deren Resonanzboden bilden.

Denn die ALFA hat jetzt schon, was die AfD nie hatte: klare Bekenntnisse zur genauen geopolitischen Verortung, bei der langsam auch die Idee eines Kerneuropas Gestalt annehmen könnte, zu Gunsten dessen - nach einer Trennung von den südeuropäischen, wettbewerbsunfähigen Staaten - selbst ein vernünftiger Souveränitätsverzicht durch Übertragung nationaler Kompetenzen nach Brüssel nicht mehr so abwegig wäre wie jetzt. Und sehr viele enttäuschte FDP- und CDU-Wähler könnten sich für eine solche ALFA entscheiden.

Götz Kubitschek ist gut beraten, sich von der Politik - wie einst Wagenbach und Enzensberger - fernzuhalten und aus der Ferne zu kommentieren. Wenn es ihm gelingt, diese Distanz aufrechtzuerhalten und ein paar Jahrzehnte in seiner Position durchzuhalten, wird sein Einfluss auf die gerade heranwachsende Publizistengeneration allerdings enorm sein, und er wird in zwanzig, dreißig Jahren überreife Früchte ernten können.

Freitag, 24. Juli 2015

Liberal

"Im Gegensatz zu vielen Liberalen hat Ley seinen Böckenförde gelesen: »Der freiheitliche, säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann« – und die er aufs Spiel setzt, wenn er Bevölkerungsgruppen aufnimmt, deren kulturelle Prägungen diesen Voraussetzungen schroff gegenüberstehen. Der Islam sei essentiell eine »politische Religion«, die antreten wird, um die Früchte der abendländischen Regression zu ernten."

Lichtmesz

Lichtschlag

Luckes bisher klügste Stellungnahme

Herr Lucke, ist Alfa ein AfD-Klon?
Ganz gewiss kein Klon der heutigen AfD. Aber Alfa greift die Gründungsideen der AfD auf und verschafft ihnen erneut Geltung. Außerdem setzen wir auch neue Akzente, zum Beispiel mit einer klar fortschrittsfreundlichen Orientierung. Unter dem Einfluss der Grünen hat sich in Deutschland ja gerade bei neuen Technologien eine ausgesprochene Fortschrittsskepsis ausgebreitet. Damit legen wir uns selbst Fesseln an, die uns im Wettbewerb mit anderen Staaten zurückfallen lässt. Alfa setzt sich für eine positive Grundeinstellung zu wissenschaftlich-technischem Fortschritt ein und ist die einzige Partei, die offensiv gegen die latente Verbotskultur in diesem Bereich vorgehen will.

Die AfD-Chefin Frauke Petry beharrt allerdings darauf, dass die AfD heute immer noch inhaltlich da stehe, wo sie bei ihrer Gründung 2013 gestanden habe.
Das ist natürlich Quatsch. Petry und Pretzell haben die AfD in Essen ja ausdrücklich zur Pegida-Partei ausgerufen. Pretzell will auch das ganze Geldsystem in Frage stellen. Bizarre Verschwörungstheorien feiern fröhliche Urstände in der AfD. Das alles hat mit den AfD-Gründungsgedanken überhaupt nichts zu tun. Glauben Sie mir: Ich kenne die AfD wie kaum ein anderer und ich wäre wirklich nicht ausgetreten, wenn es nicht dramatische Veränderungen in ihrer politischen Ausrichtung gegeben hätte. 

Bei einem Vergleich der Programme fällt auf, dass die AfD in der Euro-Frage ihre Forderungen strikter formuliert; Alfa dagegen scheint erst einmal eine Anti-Griechenland-Partei zu sein. Warum so zurückhaltend?
An diesem Punkt zeigt sich, dass der AfD die wissenschaftliche Kompetenz fehlt. Frau Petry will ja den sofortigen Ausstieg Deutschlands aus dem Euro. Nur muss man sehen, dass dies europaweit zu einer Bankenkrise führen würde. Denn die D-Mark würde ja gegenüber dem Euro aufwerten. Das hätte die Konsequenz, dass jeder in der Rest-Euro-Zone sein Geld abheben würde, um es dann in D-Mark umzutauschen, gegebenenfalls durch deutsche Strohmänner. Einen solchen Aufwertungsgewinn von schätzungsweise 30 Prozent wird sich ja niemand entgehen lassen wollen. Das kann zum Kollaps des Finanzsystems in Europa führen. Deshalb ist es nicht verantwortbar, leichtfertig einen Euro-Austritt Deutschlands zu fordern, ohne zu wissen, wie es geht.

Sie schließen es aber auch nicht aus. In Ihrem Programm fordern Sie einen Grexit. Aber wenn das weiter verhindert wird, sind Sie auch für eine Rückkehr zur D-Mark beziehungsweise dafür, den gesamten Währungsraum aufzulösen.
Wir fordern, den Euro-Rettungsfonds ESM zu blockieren, um dann das Drohpotenzial zu haben, den Währungsraum insgesamt aufzulösen. Eine Euro-Auflösung wäre die optimale Lösung, aber es ist der schwierigste Weg. Technisch am einfachsten wäre es, wenn die Südländer aus dem Euro ausscheiden. Abwertungskandidaten profitieren schließlich auch von einem solchen Schritt.

Warum steht dann die Rückkehr zur D-Mark in Ihrem Programm, dann könnten Sie doch diese Forderung ganz fallen lassen.
Das ist für uns die letzte Option. Sie erfordert Kapitalverkehrskontrollen und eine Einschränkung des Bargeldumtauschs. Aber wir können nicht ganz auf sie verzichten, weil das Gebot zu respektieren ist, dass der Euro eine Stabilitätsgemeinschaft sein soll. Wenn das nicht der Fall ist und der Euro zur Weichwährung wird, hat schon das Bundesverfassungsgericht eindeutig festgestellt, dass Deutschland dann das Recht hat, den Euro zu verlassen. Es ist aber technisch ein sehr schwieriger Schritt und ich würde ihn gerne vermeiden. Es sollen die gehen, die das Problem mit dem Euro haben.

Deutschland hat aber durchaus von einem weichen Euro profitiert.
Selbstverständlich profitiert die deutsche Wirtschaft davon, dass der Euro unterbewertet ist und wir damit unsere Waren relativ preisgünstig anbieten können. Aber diesen Vorteil haben wir zu Lasten unserer Nachbarn, und wenn man deshalb den Euro will, dann soll man sich bitte nicht europäischen Denkens rühmen. Außerdem vergessen Sie bitte nicht, dass Deutschland erhebliche Zahlungsverpflichtungen aufgebaut hat, die wir nur noch nicht haben einlösen müssen. Ökonomisch ist das Geld aber schon jetzt verloren, weil wir wissen, dass die Verschuldung Griechenlands langfristig nicht tragfähig ist. Die privaten Exportvorteile aus dem Euro muss man gegenrechnen mit den Verlusten, die der Steuerzahler durch die angebliche Griechenland-Rettung trägt.

Die bisherige Rettungspolitik betrachten Sie als „völlig gescheitert“. Gilt das auch für Finanzminister Schäuble, der in der Griechenland-Frage ja ähnlich wie Sie einen Euro-Austritt des Landes, wenn auch nur einen Grexit auf Zeit, favorisiert?
Schäubles Position ist völlig inkonsistent. Denn wenn es Griechenland ohne Euro wirtschaftlich besser ginge als mit Euro, dann wird es wohl kaum in den Euro zurückkehren wollen. Und wenn die Lage in Griechenland schlecht bliebe, würden die Euro-Länder das Land sicherlich nicht wieder in den Euro aufnehmen wollen. Also: Ein Austritt aus dem Euro ist sicherlich ein endgültiger Austritt. Außerdem ist Schäuble doch gar nicht für einen Grexit. Er sagt das ja nur. Aber er handelt ganz anders. Er hat gerade erst einer Neuauflage der Rettungspolitik zugestimmt und befürwortet es, dass 86 Milliarden Euro für eine Politik eingesetzt werden, die de facto gescheitert ist.

Kanzlerin Merkel will die Grexit-Debatte beenden, während Herr Schäuble indirekt mit Rücktritt droht. Wie finden Sie das? Man hätte ja den Eindruck, dass nach der Bundestagsabstimmung zu Griechenland nun erst einmal Ruhe bei dem Thema einkehren könnte.

 Schäuble ist in eine Sackgasse hineingeraten. Einerseits hat er den Eindruck von Härte erweckt und befürwortet angeblich einen Grexit, andererseits bejaht er eine Politik, die diesen Grexit verhindert hat. Schäuble steht vor einem Glaubwürdigkeitsproblem und bringt seinen Rücktritt ins Gespräch. Es wäre konsequent, wenn er ihn jetzt auch vollziehen würde.

Der Chef des Meinungsforschungsinstitut Forsa, Manfred Güllner, glaubt nicht, dass Sie mit Ihrer neuen Partei große Chancen haben, weil sie im liberalen Milieu nicht gegen die FDP punkten können.
Herr Güllner hat auch über die AfD gesagt, dass sie nicht erfolgreich sein könnte. Aber solange ich AfD-Sprecher war, haben wir große Erfolge erzielt: Bei der Europawahl und bei fünf Landtagswahlen in Folge.

Wie wollen Sie verhindern, dass Alfa nicht von deutschnationalen Kräften unterwandert wird?
Warum sollten die deutschnationalen Kräfte zu uns kommen, wenn sie doch zur AfD gehen können? Die AfD ist für uns ein Schutzschild nach rechts. Jeder, der islamfeindlich oder prorussisch ist oder bizarren Verschwörungstheorien anhängt, findet inzwischen viele Gleichgesinnte in der AfD. Aber wir verlassen uns natürlich nicht nur darauf. In unserer Satzung legen wir sehr eindeutig fest, wofür wir stehen: für die Westbindung Deutschlands und gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit oder Extremismus. Außerdem haben wir festgelegt, dass man bei uns zunächst ein Jahr Gastmitglied ist. Erst wenn wir wissen, wo das Mitglied politisch zu verorten ist, werden wir über die Mitgliedschaft entscheiden.

Müssten sie nicht noch deutlicher die Trennlinie ziehen zwischen Ihrer Partei und vermeintlich deutschnationalen Kräften. Zu AfD-Zeiten haben Sie ja das Spektrum möglicher AfD-Wähler sehr weit gefasst und damit auch NPD-Sympathisanten angezogen.
Nein. Ich habe mich immer ganz klar gegen rechts abgegrenzt und nicht im Mindesten um NPD-Wähler oder andere Deutschnationale geworben. Das waren Andere in der AfD, die das getan haben. Und die haben jetzt leider das Sagen.

Mit Themen wie Islam, Zuwanderung und Asylpolitik hat die AfD in Ostdeutschland große Wahlerfolge erzielt. Wie wollen Sie dort punkten, wenn sie ihren thematischen Schwerpunkt in der Euro-Politik sehen?
Die AfD hat in Ostdeutschland nicht mit Islam und Asylpolitik gepunktet. Diese Themen kamen erst mit den Pegida-Demonstrationen im November auf. Die Wahlerfolge haben davor stattgefunden. Da hat das Thema Innere Sicherheit eine große Rolle gespielt und das ist angesichts der Grenzkriminalität in Brandenburg und Sachsen ein wichtiges und berechtigtes Anliegen, das auch ALFA vertreten wird. Ich sehe keinen Grund, warum wir nicht auch bei Wählern im Osten punkten sollen, denn ich halte es für eine Schmähung, Ostdeutsche pauschal als fremdenfeindlich einzustufen.

Wird Alfa bei den Landtagswahlen im nächsten Jahr antreten?
Wir bauen die Partei jetzt sehr zielstrebig auf. Wir beabsichtigen bei den Landtagswahlen im Frühjahr anzutreten. Die abschließende Entscheidung wird aber erst in zwei bis drei Monaten fallen. Wir wollen mit einem überzeugenden Personaltableau antreten und müssen organisatorisch so weit sein, dass wir das stemmen können. Das wollen wir nicht übers Knie brechen, schließlich haben wir uns erst gegründet. Da nehmen wir uns jetzt die Zeit für eine gründliche Vorbereitung.

Wieviel Prozentpunkte trauen Sie ihrer Partei zu?
Wir können das am AfD-Potential abschätzen. Und wir glauben auch, dass wir sehr viel stärker für CDU- oder FDP-Wähler interessant werden, weil wir uns, anders als die AfD, ganz klar von rechts abgrenzen und uns der sozialen Marktwirtschaft verpflichtet fühlen. Das AfD-Potential lag bei sieben bis acht Prozent. Unseres kann größer sein.

Es ist allerdings inzwischen kein Alleinstellungsmerkmal mehr, eurokritisch zu sein.
Doch, denn die Euro-Skepsis in CDU und FDP ist doch nicht glaubwürdig. Die eiern jetzt mit einem temporären Grexit rum, weil sie sich immer noch nicht vom Euro trennen können, selbst nicht in Bezug auf Griechenland. Wir stehen für eine klare Haltung in der Euro-Frage und können damit auch erfolgreich sein.

Und andere Themen?
Wir greifen auch Zukunftsthemen auf, die von den Altparteien nicht angemessen behandelt werden. Ich nenne hier die Energiepolitik, die meines Erachtens kopflos ist, weil sie mit überhöhten Strompreisen den Wirtschaftsstandort Deutschland gefährdet. Die latente Technologie- und Fortschrittsfeindlichkeit, die sich hierzulande ausgebreitet hat, wollen wir ebenfalls thematisieren – genauso wie die Mängel in unserem Bildungssystem, das auf Quantität statt auf Qualität setzt. Und auch in der Integrationspolitik wollen wir Akzente setzen. Wir sehen an der Vielzahl geringqualifizierter Einwanderer, dass es dringend nötig ist, Regeln für eine gesteuerte Zuwanderung festzulegen.

Zu welchen Parteien sehen Sie inhaltliche Schnittmengen?
In unserer marktwirtschaftlichen Überzeugung haben wir grundsätzlich Schnittmengen zur CDU und zur FDP.

Wären das auch mögliche Partner?
Koalitionen halte ich für schwierig, weil unsere Auffassung zum Euro eine grundsätzliche Meinungsverschiedenheit darstellt. Außerdem ist es so, dass CDU und FDP das marktwirtschaftliche Denken zwar noch im Programm haben, aber in der praktischen Politik sehr stark zu dirigistischen Maßnahmen neigen. CDU und FDP befürworten den Mindestlohn oder Klientelpolitk für Hoteliers. Sie verteidigen eine EZB, die den Zinsmechanismus so stark gestört hat, dass Sparer fürs Sparen mit Negativzinsen bestraft werden und dass Staaten durch Gelddrucken finanziert werden. 

Streben Sie auch in den Bundestag, ist das 2017 das große Ziel?
Selbstverständlich.


Sie altern mit Würde





Dienstag, 21. Juli 2015

Letzter Widerstand gegen Verstaatlichung der Herzensbildung



Die Verrechtlichung wird immer mehr zur Bürokratisierung, und die Bürokratisierung erfasst immer tiefere Sphären, der Zugriff auf ethische Fragen wird immer mehr zum anonymen, rechtstechnischen, bürokratischen Automatismus.

Don Justos Kathedrale


Un hombre del sur

Justo Gallego Martínez

I am the same Malala







Besserer Datenschutz wird immer wichtiger

Montag, 20. Juli 2015

Fasching im Juli


Lucke lebt und steht wieder in der Bütt




Donnerstag, 16. Juli 2015

Der glücklichste Präsident


José Mujica

Haber, Ditfurth, Bublath, Steffens....



Die einzigen Wissenschaftsmoderatoren, die wirklich was taugen, sind Yogeshwar, Hirschhausen und Lesch

Vorbildlich


Überlegt überlegen


In den vergangenen Jahren sind hierzulande viele Diskussionen über die Bücher und den geistigen Rang des Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk geführt worden, und zwar auf den verschiedensten Niveaus, von den Höhen der Online-Foren bis hinab ins Feuilleton. Sloterdijks Debüt „Kritik der zynischen Vernunft“ (1983) war das meistverkaufte philosophische Werk der Nachkriegszeit, und „Du musst dein Leben ändern“ (2009) wurde neuerlich ein kleiner Bestseller. Dazwischen erschienen fast im Jahresrhythmus Bücher von ihm, in diesem Sommer „Zeilen und Tage“, ein privates Diarium der Jahre 2008 bis 2011, das bei Publikum und Kritik ebenfalls große Resonanz fand.

Das ist zunächst einmal insofern bemerkenswert, als philosophische Gedanken (oder gar ganze Werke) ja eher selten eine große Öffentlichkeit erreichen; Sloterdijk muss also entweder auf eine Weise denken und formulieren, die sich von der akademischen Philosophie unterscheidet, oder im Gegensatz zu dieser Themen behandeln, die auf allgemeines Interesse stoßen – oder beides zusammen. Auffällig an den Debatten war und ist ferner, dass sie weitgehend einem binären Schema folgen: Sloterdijk löst entweder Begeisterung oder Ablehnung aus, wobei Letztere oft mit dem Versuch einhergeht, ihm den Status des Philosophen insgesamt streitig zu machen. Der Autor dieser Betrachtung ist keineswegs die Instanz, darüber zu befinden, ob jemand in dieses exklusive Gremium gehört (das sich ohnehin sub specie aeternitatis formiert), und er verwendet das Wort in aller zeitgenössischen Unschuld. Sloterdijk hat den Philosophen definiert „als jemanden, der wehrlos ist gegen Einsichten in große Zusammenhänge“ und sich selber als „philosophischen Schriftsteller“ bezeichnet. Dass er ein anregender und befruchtender Denker ist, soll hier als Ausgangspunkt genügen. Unser Thema wird nicht die Frage nach dem philosophischen Rang des Karlsruher Erzgescheiten sein, sondern die nach seiner Position im Kraftfeld des herrschenden Zeitgeistes.

Rein äußerlich ist Sloterdijk eine erfreulich unzeitgemäße Erscheinung. Man meint, dieses Antlitz aus der flämisch-niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts zu kennen. In seinen Tagebüchern bezeichnet er sich als „unfrisierbaren Oger, den man gelegentlich in nächtlichen Fernsehsendungen gesehen hat“. In diesem notorischen Unfrisiertsein lebt die auch äußerliche Geltendmachung einer gewissen Libertinage fort, wie sie spätestens seit Nietzsche und Marx im Orden der Meisterdenker etabliert ist – sofern es sich nicht bloß um eine beibehaltene Attitüde des in die Jahre gekommenen Achtundsechzigers handelt. Aber auch als solcher bliebe er ausweislich seiner Physiognomie ein seltener Mensch. (Das stärkste Argument dagegen, dass Richard David Precht etwas mit Philosophie zu tun haben könnte, sind ja nicht seine Bücher, sondern es ist sein Gesicht.)

Der Grundduktus von Sloterdijks Denken ist Heiterkeit. Er treibt, in den Worten Nietzsches, „fröhliche Wissenschaft“. Welchen Gegenstand er auch traktiert, stets scheint ein gewisses distanziertes Amüsiertsein dabei mitzuschwingen, wenn er ihn kraft seiner Formulierungskünste dreht und wendet. Deshalb gerät die Lektüre seiner Texte stets zu einer erbaulichen Angelegenheit. Sloterdijk vermag sogar gutgelaunt zu polemisieren, was ihm – mitsamt seiner Wortmächtigkeit, seinem Witz, seiner stupenden Belesenheit und seinen jederzeit aktivierbaren Neologismen-Geschwadern – in Auseinandersetzungen eine fast naturgegeben wirkende Überlegenheit verschafft. Und der Zögling der 68er-Bewegung macht, anders als viele Konservative, vom Recht des Zurückbeißens regen Gebrauch.

Unvergessen sollte etwa bleiben, wie er 1999 auf die nachträgliche Skandalisierung seines Vortrags „Regeln für den Menschenpark“ reagierte, die nach seiner unwidersprochenen Darstellung unter der Drahtzieherschaft des Soziologen Jürgen Habermas stattfand. Der Vortrag befasste sich mit der Anwendung der Gentechnologie auf den Menschen, wofür der Redner den Terminus „Anthropotechniken“ einführte. Ein im Publikum anwesender „Zeit“-Feuilletonist ergriff die Gelegenheit, diese Darlegung auf bewährte Weise in Richtung Eugenik, Züchtung und irgendwie NS-Rassenpolitik zu verdrehen, um daraufhin einen sich medial wie üblich fortzeugenden Alarm auszulösen. Sloterdijk ließ sich nicht lumpen, trommelte eine Pressekonferenz zusammen, nannte Habermas die „Starnberger Fatwa“ und dessen journalistische Vollstrecker „linksfaschistische Philosophenpaparazzi“ und „Borderliner des Humanismus“. Dem Erst-Alarmierer wiederum verlieh er in Anspielung an das kapitolinische Geflügel, dessen Schnattern anno 387 vor Christus die Römer angeblich vor einem gallischen Angriff warnte, den Titel „Problemgans“.

Dass sich ein Philosoph, der den Namen verdient, zu den jeweiligen Geistesmoden letztlich nur in einem Nichtverhältnis bewegen kann, bedarf keiner weiteren Ausführungen. Gleichwohl lautet eine Unterstellung, die immer wieder gegen Sloterdijk ins Feld geführt wird, er sei ein bloßer Zeitgeist-Denker. Tatsächlich steht er in fast allen Belangen quer zum herrschenden Zeitgeist. Was das unter den sanften Zwängen der mediendominierten Massengesellschaft bedeutet, hat er im Gesprächsband „Die Sonne und der Tod“ so beschrieben: „Ich provoziere deine Autonomie-Illusion nie zuverlässiger, als wenn ich dir am konkreten Beispiel zeige, dass du unfähig bist, eine Erregungskette in dir enden zu lassen.“ Die „Definition von Souveränität“ laute folglich: „sich von Meinungsepidemien distanzieren können“; Souveränität zeige sich allein darin, „dass ich den aufgenommenen Impuls in mir absterben lasse oder dass ich ihn in völlig verwandelter, geprüfter, gefilterter, umcodierter Form weitergebe“.

Ganz mainstreamfern zeigt der Impulsumcodierer aus Karlsruhe zum Beispiel keine Neigung zur trendigen Demontage der abendländischen Tradition, egal unter welchem akademischen Design sie daherkommt. (Im Gegenzug brachte er speziell dem geistig-spirituellen Kosmos Indiens stets großes Interesse entgegen, weilte als junger Mann sogar zwei Jahre im Aschram bei Bhagwan alias Osho und bezeichnete die dort empfangene Prägung als „unumkehrbar“, was ihn im akademischen Sektor auch wieder zum Sonderling macht.) Autoren, die erst 2.000 Jahre tot sind, hält er nicht für überholt, sondern für Zeitgenossen. Diskurse stoßen ihn wegen der Vorhersagbarkeit ihrer Resultate inzwischen ab. Er hat kein Problem damit, Homo sapiens als ein biologisch determiniertes Wesen zu betrachten. Bei ihm findet sich kein Wort über „Gender“. Der existentielle Mensch interessiert ihn mindestens so sehr wie der soziale, ihm hat er die drei Bände seines womöglichen Hauptwerkes gewidmet: Die „Sphären“-Trilogie in ihrer wundervoll abseitigen Perspektive ist eine Universalgeschichte des menschlichen Zur-Welt-Kommens, individuell wie gattungsmäßig. In der Nachfolge von Heideggers „Sein und Zeit“ stehend, könnte sie auch „Sein und Raum“ heißen.

Nie hat sich Sloterdijk an der moralisierenden Herabsetzung von Denkern beteiligt oder sich beflissen von „umstrittenen“ Autoren distanziert, ob es sich nun um Joseph de Maistre, Carl Schmitt oder Antonio Negri handelt. Oder um Thilo Sarrazin. Über letzteren heißt es in seinen Tagebüchern, er sei ein „Verdeutlicher“, „rücksichtslos im positiven Sinn des Worts“, denn er verfüge „offensichtlich über die Gabe, bei der Formulierung von spitzen Thesen mögliche Wirkungen des Gesagten außer Betracht zu lassen“. Von den „Angehörigen des radikalkonformistischen Milieus, von Politikern und Medienleuten, die ausschließlich in Wirkungsbegriffen denken und stets vom Effekt auf die Absicht schließen“, werde solch empathiefreie Rede stets als Provokation missverstanden: „Was man Denkverbot nennt, ist meistens ein Deutlichkeitsverbot – man möchte die Dinge wieder in die gewohnte Trübheit tauchen.“ Die Attitüde des Zensierens, Warnens oder gar Denunzierens ist Sloterdijk fremd. Keine politische Partei kann auf ihn zählen. Der Mann ist durchaus nicht willens, sich zu kompromittieren.

Dass er in der linken bis linksliberalen Medienlandschaft inzwischen als – gern auch mit Sarrazin in einem Atemzug geschmähter – Bösmensch figuriert, hat vor allem mit seinem „FAZ“-Essay „Die Revolution der gebenden Hand“ und einigen Folgetexten zu tun. Dort hatte er zunächst einmal konstatiert, dass die Erde rund sei, nämlich: „Voll ausgebaute Steuerstaaten reklamieren jedes Jahr die Hälfte aller Wirtschaftserfolge ihrer produktiven Schichten für den Fiskus, ohne dass die Betroffenen zu der plausibelsten Reaktion darauf, den antifiskalischen Bürgerkrieg, ihre Zuflucht nehmen. Das ist ein politisches Dressurergebnis, das jeden Finanzminister des Absolutismus vor Neid hätte erblassen lassen.“ Aphoristisch heißt es weiter: „Ein moderner Finanzminister ist ein Robin Hood, der den Eid auf die Verfassung geleistet hat.“

Sloterdijk will die Wohlhabenden keineswegs von sozialer Verantwortung befreien, sondern „die unwürdigen Relikte der spätabsolutistischen Staatskleptokratie und deren Fortsetzung in der tief eingewurzelten Gegenenteignungslogik der klassischen Linken durch eine demokratische Geberkultur“ überwinden. In seinem Buch „Zorn und Zeit“ widmet er sich den „thymotischen Energien“ im Menschen – als da wären Stolz, Mut, Beherztheit, Geltungsdrang, Zorn, Gerechtigkeitssinn, Ehrgefühl – und gelangt zu dem Ergebnis, dass in der westlichen Welt der wahrscheinlich zum Scheitern verurteilte Versuch stattfinde, diese Energien gegen die erotischen des konsumistischen Begehrens auszutauschen und sie so quasi unter Dauernarkose zu halten. Sloterdijk schlug unter Verweis auf den „thymotischen Gebrauch des Reichtums in der angelsächsischen Welt, vor allem in den USA“ – sprich: die enormen Gelder, die in Übersee karitativ gespendet werden – folgende Überlegung vor: Angenommen, der moderne Staat brauche tatsächlich die Summen, die er heute durch Zwangssteuern eintreibt, „wäre es dann nicht viel würdevoller und sozialpsychologisch produktiver, dieselben Beträge würden nicht durch fiskalische Zwangsabgaben aufgebracht, sondern in freiwillige Zuwendungen von aktiven Steuerbürgern an das Gemeinwesen umgewandelt?“ Würde durch diese Umstellung von Enteignung auf Gabe nicht „die Wende von einer gierbeherrschten zu einer stolzbewegten Gesellschaftsform“ bewirkt? Das mag man naiv, utopisch oder illusionstrunken finden – die Ideologen des Umverteilungsstaats indes fanden es „antisozial“, witterten einen „Klassenkampf von oben“ und unterstellten ihm „Verachtung für den Sozialstaat“.

Es war die Rede von Sloterdijks beharrlicher Nichtbeteiligung an der Diabolisierung von Autoren. Der bedeutendste der vom Zeitgeist mit Schwefelgeruch umnebelten Denker ist Martin Heidegger, der bekanntlich 1933 ein kurzes Techtelmechtel mit der NS-Bewegung hatte. Die Heidegger-Rezeption hat Sloterdijk zufolge deshalb im Nachkriegsdeutschland nie zu sinnvollen Ergebnissen geführt. Stattdessen hielten sich Feuilletonisten für berufen, „moralisierende Gesamturteile abzugeben über einen Denker, der sich ohne Zweifel in die Höhenlinie der europäischen Philosophie eingetragen hat – vielleicht der einzige in unserem Jahrhundert, den man auf lange Sicht in einem Atemzug mit Platon, Augustinus, Thomas, Spinoza, Kant, Hegel und Nietzsche wird nennen dürfen“. Bei Heideggers postumer Anbräunung tun sich auch französische „Enthüller“ hervor (Sloterdijk spricht von „französischer Kampfgermanistik“), etwa Emmanuel Faye, der vorschlug, die Gesamtausgaben des Seinsbegrüblers aus Todtnauberg aus den geisteswissenschaftlichen Bibliotheken zu entfernen und sie stattdessen unter „Geschichte des Nationalsozialismus“ einzusortieren. Fayes Heidegger-Denunziation sei „nur als Teil eines seit Generationen praktizierten Leugnungsmanövers zu begreifen“, kommentiert Sloterdijk. „Man ist dort noch immer nicht bereit, vor der eigenen Haustür zu kehren.“ Dabei seien es im 20. Jahrhundert vor allem französische Autoren gewesen, „die das Parteilichkeitsdenken, das Bewegungsdenken, das Ereignisdenken in die Philosophie einbrachten, oft genug in flamboyanter Korrespondenz mit den Ungeheuerlichkeiten des Stalinismus und des Maoismus“.

In „Zorn und Zeit“ ist Sloterdijk einem anderen aus der hiesigen Öffentlichkeit verstoßenen Denker beigesprungen, vielleicht nolens volens, jedenfalls ohne ihn zu nennen, nämlich dem seit dem Historikerstreit als Paria geltenden Ernst Nolte. In seinen Betrachtungen über die „kommunistische Weltbank des Zorns“ konstatiert er trocken dasselbe, wofür Nolte exkommuniziert wurde (wobei unter Kommunisten diese These immer als unstrittig galt), nämlich dass „der Leninismus die Matrix des Faschismus war“. Das Publikum habe noch immer nicht zur Kenntnis genommen, „wieweit der Klassismus vor dem Rassismus rangiert, was die Freisetzung genozidaler Energien im 20. Jahrhundert anging“. Den Massenmord an den wohlhabenden Bauern der Sowjetunion nennt er „das dunkelste Kapitel in der schattenreichen Geschichte revolutionärer Zorngeschäfte“; die Kulaken bildeten „noch immer das größte Genozidopferkollektiv der Menschheitsgeschichte“. Auch der andere rote Massenmörder mitsamt seiner westlichen Clacque wird nicht vergessen: „Die holocaustartigen Rasereien der Kulturrevolution – von westlichen Beobachtern zu größeren Unruhen verharmlost – ereigneten sich in relativer Gleichzeitigkeit mit den Studentenbewegungen von Berkeley, Paris und Berlin, wo es auch überall engagierte Gruppen gab, die das wenige, was sie über die Ereignisse in China wussten, für einen zureichenden Grund hielten, sich als Maoisten zu präsentieren. Manche kokette Maoverehrer von damals, die sich wie üblich seit langem selbst verziehen haben, sind bis heute als politische Moralisten aktiv.“ In „Zeilen und Tage“ fragt sich der Diarist: „Wie war es möglich, dass die neo-autoritäre Bewegung jener Jahre als eine anti-autoritäre Bewegung in Erinnerung blieb?“

Womit wir beim Glutkern aller deutschen Zivilreligiosität angelangt wären, dem Dritten Reich und dessen täglich neue Lippenbekenntnisse, Relativierungsverbotsstammeleien und Unvergleichbarkeitsdekrete hervorbringender „Bewältigung“ (die man früher „Aufarbeitung“ nannte, bis man diesen Begriff wieder denen überließ, die mit ihm etwas anfangen können: den Tischlern). In „Die Sonne und der Tod“ hat Sloterdijk ausgeführt: „Je näher man an den Kern der deutschen Unfreiheit herankommt, desto mehr nehmen die zwanghaften Assoziationen zu – bis zuletzt nur noch das Nazi-Eine übrigbleibt. Es gibt bei uns offenbar ein Bedürfnis, die mentalen Gitterstäbe immer wieder zu justieren, hinter denen zu leben hierzulande Unzählige beschlossen haben.“ Dieses „Selbsteinsperrungsphänomen“ nennt er „das masopatriotische Syndrom“. In den öffentlichen Debatten „leben wir mehr denn je unter der Überwachung von Alarmsystemen, mit denen die Grenzen der Denkareale markiert sind“. An die Stelle der „guten intellektuellen Manieren“ sei das „Textmobbing“ getreten: „Das hat man zuerst bei Botho Strauß auf breiter Front eingeübt und dann bei Martin Walser und anderen systematisch eingesetzt.“ An anderer Stelle sprach er in diesem Zusammenhang von dem „beliebten deutschen Gesellschaftsspiel: Such den Faschisten!“ Diesen „Späterfolg der NS-Zeit in den Nervensystemen der Nachlebenden“ könne man „aufgrund seiner Obszönität nicht genug denunzieren“. Mehr Quertreiberei als die Aufforderung, die Denunzianten zu denunzieren, kann man von einem deutschen Akademiker nicht erwarten.

Einzig in seinem Antikatholizismus scheint sich der Denker an der Seite der mainstreamigen Plagegeister zu befinden. Freilich vollzieht er auch seinen nietzscheanischen „Privatkrieg gegen den Begriff Religion“ in Gelassenheit. „Im Grunde laufen die monotheistischen Lebensprogramme immer auf dasselbe hinaus: auf ein mutwilliges Sichvordrängen beim Dienen unter höchsten Adressen“, schreibt er (ein Schelm übrigens, wer hier prompt an die rot-grünen PrälatInnen denkt). Sloterdijk betrachtet die Religionen als anachronistisch gewordene Überlebenshilfen, die von einer „allgemeinen Immunologie“ abgelöst werden sollten. Wenn es keinen Gott gibt, müsse sich der Mensch selber transzendieren, über sich hinauswachsen, auch genetisch, um sein Überleben als Gattung selber zu organisieren. Die Beantwortung der Frage, wie dies genau geschehen solle, muss er schuldig bleiben. Wenn er darauf eine Antwort wüsste, schriebe er ja – in Abwandlung eines Bildes von Henry Louis Mencken – keine Bücher, sondern säße in einem prächtigen Saal aus Kristall und Gold, und die Leute würden viel Geld bezahlen, um ihn durch winzige Gucklöcher anstarren zu dürfen.

Die unverschwitzte Leichtfüßigkeit und schillernde Präzision von Sloterdijks Sprache führt in die Versuchung, ihn endlos zu zitieren. Nehmen wir eine Notiz zur im Schwange befindlichen Abwertung von Männlichkeit: „Adam war ein Handlungsreisender, der neunundvierzig Mal vergeblich klingelte und doch überzeugt blieb, an der nächsten Tür sein Zeug an den Mann zu bringen. Das ist der Anfang des heiligen Buchs vom männlichen Misserfolg. Wir existieren, weil wir Vorfahren hatten, die aus ihren Erfahrungen nichts lernten. Diese Burschen ließen die Niederlagen an sich abtropfen wie warmen Regen über der Savanne. Im Alltag wird diese Haltung als Selbstüberschatzung oder als männliche Großspurigkeit missinterpretiert. Man will nicht zugeben, dass Männer auf Ausgelachtwerden, Verhöhnung und Misserfolg genetisch besser vorbereitet sind.“ Freilich, es gibt Kontexte, in denen auch die feministische Perspektive zu ihrem Recht kommt: „Die Frauen sind der Schlüssel zur Zivilisierung. Der Islam hat sich vom Anfang des 20. Jahrhunderts, wo er zu einer marginalen Glaubensgruppe zählte, binnen eines Jahrhunderts verachtfacht, das heißt, hier ist Kampffortpflanzung in der Luft, und damit auch eine Form von zweiter Proletarisierung. In dem Augenblick, wo das weibliche Dabeisein – wir haben diese aufs Ganze wünschenswerte Entwicklung im Westen –, wo der weibliche Stolz gestärkt wird, stürzen auch die Geburtenraten auf vernünftige Werte herunter. Der Schlüssel liegt in der Ermächtigung der Frau.“

Über das sogenannte Regietheater schreibt er: „Was die heutigen Regisseure nicht kapieren, ist, dass man jetzt, nach dem Sieg der Diener im Realen, auf der Bühne den vornehmen Figuren assistieren muss.“ – „So gut wie alle Theatermacher stellen sich an, als ob die Revolution vor uns läge und mit den Mitteln der Bühne voranzutreiben sei. Die Wahrheit ist, Leporello, Despina und Co. führen Regie. Sie demonstrieren immer wieder, was seit 200 Jahren keiner Demonstration mehr bedarf: dass es für das Zimmermädchen keine große Dame gibt, für den Kammerdiener keine großen Herrn. Neu scheint nur, dass es für den Regisseur keine großen Dichter gibt.“

Mitunter sinkt sogar dieser heitere Denker in die Klüfte des Kulturpessimismus. „Nicht oft genug kann man nach Venedig fahren, wenn man wissen will, was Italien und Europa bevorsteht“, notiert er. „Es könnte passieren, dass von dem schönen Italien in Kürze nicht mehr übrigbleibt als von Ägypten nach dem Erlöschen der Pharaonen und ihrer stillosen Erben, eine entgeisterte Biomasse, in der es spukt.“ Und al fresco fährt er fort: „In tausend Jahren wird man sich an Europa erinnern wie an das Mittlere Reich am Nil. Man wird die Legende vom sozialdemokratischen Kontinent erzählen wie den Mythos von Atlantis. Philologen werden Untersuchungen zu antiken Wörtern wie ‚Arbeitslosengeld’, ‚Wohngeld’ und ‚Kindergeld’ anstellen, als wären es Hieroglyphen an der Wand eines der Göttin ‚Gesellschaft’ geweihten Tempels.“

Gleichwohl wird Sloterdijk bis heute nicht zurücknehmen, was er 1993 in seinem Buch „Weltfremdheit“ schrieb und womit diese Betrachtung enden soll: „Aber klagen gilt nicht, und es ist unanständig, sich klein zu stellen. Die Pflicht, glücklich zu sein, gilt in Zeiten wie unseren mehr denn je. Der wahre Realismus der Gattung besteht darin, von ihrer Intelligenz nicht weniger zu erwarten, als von ihr verlangt wird.“

Klonovskis Laudatio vom Dezember 2012