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Sonntag, 24. April 2016

Erinnerung an Südtirol

Bozen, 24. April 1921 – ein fast vergessenes Ereignis der Geschichte Südtirols: Mussolini fürchtet den erstarkenden deutschen Nationalismus der mehrheitlich deutschsprachigen Stadt und schickt mehr als hundert „Schwarzhemden“ nach Bozen. Auf der dort stattfindenden Frühjahrsmesse richten sie ein Blutbad an, den Bozner Blutsonntag.

Als ich vor mehreren Jahren das erste Mal Urlaub in Südtirol machte, fiel mir als Geschichtsinteressierter auf, dass in Südtirol so gut wie gar nichts an die Zeit der Habsburger Monarchie erinnert. Die Franzensfeste, eine schnöde militärische Befestigungsanlage, die sich von der Brennerautobahn kurz vor der Abzweigung ins Pustertal zeigt, bildet da eher eine Ausnahme… Ich recherchierte, und das, was ich über die Geschichte dieses deutschen Landstrichs las, machte mich betroffen und führte zu einer tiefen Verbundenheit mit Südtirol.
Ein Ereignis bedeutete eine tiefe Zäsur für dieses Land, für die dort lebenden Menschen. Es war eines der ersten schwerwiegenden Ereignisse: der Bozner Blutsonntag.
 Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Italien als Dank für den Wechsel vom Dreibund zur Entente Südtirol zugeschlagen. Der Begriff „Sacro Egoismo“ (heiliger Egoismus) stammt bereits aus dieser Zeit. Die italienischen Sozialdemokraten, die von Anfang an diese Annexion ablehnten, versicherten den politischen Vertretern der Südtiroler die alsbaldige Rückkehr in den Schoß Österreichs. In Südtirol verlief das Leben vorerst relativ normal. Die Südtiroler verwalteten sich selbst. Allerdings war der Handel in Richtung Mutterland durch die Errichtung einer hermetisch abgeriegelten Brennergrenze eingebrochen.
Die vom 19. bis zum 26. April 1921 in Bozen anberaumte Handelsmesse sollte helfen, die Folgen der Trennung vom Vaterland Österreich zu lindern und neue Kontakte zu knüpfen.

Als abschließenden Höhepunkt dieser Veranstaltung war ein fröhlicher und farbenprächtiger Trachtenumzug am Sonntag, den 24. April 1921, geplant.
Am gleichen Tag fand im nördlichen Teil Tirols eine Volksabstimmung statt, ob sich diese Region dem Deutschen Reich anschließen solle.

Für das Salzburger Land war ein Referendum zum gleichen Thema am 29. Mai 1921 geplant. Allein der Gedanke, ein wieder erstarktes Deutschland könnte seine Staatsgrenze bis an den Alpenkamm vorrücken und die Rückgabe Südtirols fordern, beunruhigte die italienischen Nationalisten und Faschisten zutiefst.
Bereits einige Tage vor dem besagten Sonntag kursierten Gerüchte, die Veranstaltungen könnten durch faschistische Schlägertrupps empfindlich gestört werden. Doch die italienische Polizei, die nach der Annexion Südtirols dort für Sicherheit sorgen sollte, ergriff keine präventiven Maßnahmen. Am Sonntag gegen Mittag füllten sich in Bozen die Straßen. Es wurden Marktstände aufgebaut, Musik- und Trachtengruppen aus allen Teilen Südtirols trafen in Bozen ein. Unter ihnen war auch Franz Innerhofer, ein Lehrer aus Marling. Er war Trommler in der Musikkapelle seiner Heimatgemeinde. Die Trachtengruppen formierten sich vor dem Ausstellungspalast und in der Runkelsteiner Straße. Gleichzeitig säumten tausende Zuschauer die Straßen, wo der Umzug vorbeidefilieren sollte. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung.
Parallel hierzu vereinigten sich am Bozner Hauptbahnhof 120 italienische Faschisten aus Bozen mit 290 Gleichgesinnten aus den nördlichen und südlichen Provinzen Italiens. Diese waren mit Messer, Pistolen und Handgranaten bewaffnet.
Der bunte Umzug setzte sich gegen 13 Uhr in Bewegung. Als dieser dann über den Korn- und Waltherplatz die Poststraße erreichte, schlossen sich die italienischen Faschisten, die sich „Fasci italiani di Combattimento“ (Italienische Kampfverbände) oder auch „Camicie Nere“ (Schwarzhemden) nannten, in Viererreihe laut und wild artikulierend dem Festzug an. Als sie den Obstmarkt erreichten, schossen die Faschisten in das Publikum hinein. Es explodierten auch Handgranaten. 48 Menschen wurden hierbei zum Teil schwer verletzt. Es gab entsetzliche Szenen. Jeder versuchte, sein Leben zu retten. Franz Innerhofer, der Lehrer aus Marling, versuchte zwei Knaben in Sicherheit zu bringen. Er wurde von mehreren italienischen Faschisten verfolgt und von einem aus dieser Gruppe am Ansitz Stillendorf in der Rauschertorgasse hinterrücks erschossen. Franz Innerhofer, erst drei Wochen vor seinem Tod Vater einer Tochter geworden, war das erste, aber leider nicht das letzte Todesopfer, das der italienische Faschismus zu verantworten hatte.
Das italienische Militär griff erst sehr spät ein, um die öffentliche Sicherheit und Ordnung wiederherzustellen. Es begnügte sich lediglich damit, die nicht vor Mord zurückschreckenden Schlägertrupps zum Bahnhof zu eskortieren. Zwei Bozner Faschisten kamen in Untersuchungshaft. Aufgrund der Drohung von Benito Mussolini, mit 2.000 Schwarzhemden die Inhaftierten zu befreien, wurden diese wieder freigelassen.
 
Mit diesem Ereignis brach eine düstere Zeit für die Südtiroler an. In immer kürzeren Abständen mussten sie schwere Schicksalsschläge hinnehmen. Am 1. und 2. Oktober 1922 organisierten die Faschisten den Marsch auf Bozen. Die Schwarzhemden erzwangen die rechtswidrige Absetzung von Dr. Julius Perathoner, der das Amt des Bürgermeisters der zu dieser Zeit fast ausschließlich deutschsprachigen Stadt Bozen von 1895 an innehatte. Seitdem sind bis zur Gegenwart nur noch Italiener für dieses Amt eingesetzt worden.
Der Marsch auf Bozen war für Mussolini die Generalprobe und die Blaupause für den Marsch auf Rom am 27. bis 31. Oktober 1922. Diese Aktion endete letztendlich mit seiner Machtergreifung. Am 15. Juli 1923 verkündete der glühende Nationalist und Faschist Ettore Tolomei im Stadttheater von Bozen einen 32-Punkte-Plan zur „Entnationalisierung“ Südtirols. Dieser wurde dann konsequent umgesetzt. Es verging kaum ein Tag, an dem nicht neue Gesetze oder Regelungen erlassen wurden, um den Südtirolern den Garaus zu machen. Die identitätszerstörende Diskriminierung verfolgte die Südtiroler von der Geburt bis in den Tod. Jedes Neugeborene durfte nur einen italienischen Namen erhalten. Bei den Grabsteinen wurden deutsche Inschriften beseitigt.
Wider Erwarten fruchteten die drastischen Maßnahmen kaum. Mit dem Hitler-Mussolini-Abkommen, auch unter dem Begriff „Option für Südtirol“ bekannt, sollte der Sack endgültig zugemacht werden. Dieses wurde am 21. Oktober 1939 abgeschlossen und beinhaltete nach vorheriger persönlicher Entscheidung den Verbleib in Italien mit all seinen Konsequenzen oder die Umsiedlung in das Deutsche Reich. Durch den Kriegsverlauf im Zweiten Weltkrieg kam diese Umsiedlung zum Erliegen.
 Bis Ende der 50er Jahre gab es in Südtirol Verhältnisse, als wäre Mussolini nie gestorben. In Südtirol wurde bis dahin der Bevölkerungsaustausch intensiv vorangetrieben. Rom wollte die 51%-Lösung durchsetzen. In Bozen liegt der italienischsprachige Bevölkerungsanteil heutzutage bei etwa 75 Prozent, in Meran um die 50 Prozent. Insofern hat Südtirol sein Antlitz verändert.
Luigi Spagnolli, der damalige Bürgermeister von Bozen, setzte sich über die Gefühle der Südtiroler hinweg und organisierte im Mai 2014 in Bozen ein Alpini-Treffen. Diese Zusammenkunft ehemaliger Armeeangehöriger hatte nationalistische, teils faschistische Züge. An faschistischen Denkmälern in Bozen und Bruneck wurden Kränze niedergelegt. Viele geschichtsbewusste Südtiroler fühlten sich auf einen Schlag in die Zeit Mussolinis versetzt. Pikanterweise ist die italienische sozialdemokratische Partei „Partito Democratico“ (PD), für die der parteilose Spagnolli kandidierte, nationalistisch gesinnt und versteht sich als Verteidiger der „Italianità“, des angeblich italienischen Charakters Südtirols. Sie tritt somit mehr oder weniger als Bewahrer der Errungenschaften Mussolinis auf. Nur so ist es auch zu verstehen, warum noch heute die zum großen Teil von Ettore Tolomei frei erfundenen italienischen Orts- und Flurnamen gesetzlich geschützt und die deutschen Namen nur geduldet sind.
Das Geheimnis, warum die Südtiroler trotz vieler Italianisierungsversuche ihren Stolz und ihre Identität bewahrt haben, liegt darin, dass sie sehr an ihren Traditionen hängen, heimatverbunden und tief religiös sind. Die Südtiroler haben trotz der nun fast 100-jährigen italienischen Bevormundung ihren Freiheitswillen nicht verloren.    Wolfgang Schimank am 22. 4. 2016


Michael Gamper


Zu Mantua in Banden 

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