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Montag, 23. Mai 2016

Nicht hilfreich

Blanker Hohn


Es hat wohl noch nie eine europäische Regierung die komplette Islamisierung eines Landes mit so viel hilfreicher Sympathie begleitet wie die Kanzlerin Angela Merkel den Weg des Recep Tayyip Erdogan zurück zu den Gestaden des Osmanischen Reiches.
Sie tut ihr Möglichstes, um in den Türken bei der Suche nach ihrer Befindlichkeit - der türkischen Urfrage, seit das Land eine Republik ist - die Illusion zu schüren, es hafte  Kleinasien etwas wesentlich Europäisches an, wobei sie gleichzeitig die asiatisch-islamischen Attitüden des Herrschers in Ankara wortlos hinnimmt.

Mustafa Kemal Pascha, genannt „Vater der Türken“, der im Jahre 1923 Sultanat und  Kalifat beendet hatte, tat das mit dem Hinweis: „Das Kalifat ist ein Märchen der Vergangenheit, das in unserer Zeit keinen Platz mehr hat. Religion und Staat müssen getrennt werden.“ Da diese Forderung einer Grundfeste des Islam widerspricht, die Türkei aber damals wie heute zu weit über 90 Prozent Mohammedaner zählt, hat er mit seiner Forderung nach einem laizistischen Staat diesen einen immerwährenden Zank als Morgengabe überlassen.
Denn seither streiten sich Laizisten und Religiöse in der Türkei um den richtigen Weg, sodass ausgerechnet der wesentliche Schritt des Staatsgründers hin zu einem europäischen Ordnungsmuster dem Islam die ewig dräuende Rolle der Alternative zur geltenden Doktrin zugespielt hat.  

Mohammed ist als lauernder Geist überall gegenwärtig, und dass es meistens das Militär war, dem es zeitweise gelungen ist, diesen Geist zu zähmen, unterstreicht keineswegs die europäischen Ambitionen der verschiedensten türkischen Regierungen.

Erdogan aber will jetzt Ordnung nach seinem Verständnis schaffen, und er hat dem Islam Wohnrecht im Palast seines Größenwahns gewährt, der oftmals heimatlose Geist hat Einzug gehalten im Zentrum der Macht. Der Kampf zwischen dem Präsidenten und seinem Regierungschef Ahmet Davutoglu, der mit des letzteren Rücktritt entschieden wurde, spiegelt den alten Streit wider, den Atatürk seinem Volk hinterlassen hat.

Erdogan bedient sich denn auch in zunehmendem Maße aller Attitüden des früheren Sulta­nats: Dazu gehört die gnadenlose Verfolgung sowohl der politischen Gegner als auch der Krieg gegen die Kurden, deren Leben eine Beleidigung des Türkentums darstellt; dazu gehört der imperiale Ausgriff auf die Nachbarn, den er seinem Militär aufgetragen hat. Das reicht vom Artilleriebeschuss kurdischer Wohngebiete im benachbarten Syrien bis hin zu dem Militärflughafen, den die Türken im Irak errichtet haben, als Ergänzung für die Garnison, die ohnehin schon seit Längerem dort Fuß gefasst hat.
Auch die unverhohlene Unterstützung verschiedener Islamisten gehört zum Instrumentarium des Despoten, der sich den Zielen, die diese verfolgen, so innig verbunden fühlt, dass er weit davon entfernt ist, an der Angemessenheit ihrer Methoden Zweifel zuzulassen. Insofern hat auch die Leugnung der türkischen Obrigkeit des Völkermords an den Armeniern im Jahre 1915 seine Richtigkeit: Sie ordnet den Tod von über einer Million Christen dem Missions-Auftrag des Propheten unter, und ist daher aus tiefer Seele empört, wenn man das im Westen Völkermord nennt.

So scheint Erdogan den ewigen Zwiespalt beendet zu haben, der aus Kemals Auftrag erwachsen ist, Religion und Staat zu trennen. Der heutige Präsident darf sich als Sieger über den Staatsgründer fühlen oder zumindest als derjenige, der diesen berichtigt. Doch wird man gerne so viel Vorsicht walten lassen, diesen Sieg Erdogans als nur vorläufig zu betrachten. Mehr noch. 

Mag sein, dass die Laizität in der Türkei vorerst Geschichte ist, doch sie ist nicht der einzige Zwiespalt, der bei der Gründung des Atatürk Pate gestanden hat, denn diese Gründung ist doppelt widersprüchlich.

Eng verbunden mit der Frage nach dem Glauben und doch als eigene Größenordnung wabert der Streit, ob denn die Türkei europäisch sei oder nicht, und dieser Streit hat sich längst über den Bosporus ins tatsächliche Europa ausgebreitet. Die multikulturellen Illusionisten neigen dazu, der Türkei die europäischen Merkmale zuzuerkennen, und beweisen damit, dass sie weder die eigene noch die Gegenseite kennen. Wer immer dem Christentum eine konstitutive Rolle an Europa zuspricht, und das leugnen allenfalls die Autoritäten der EU, wird die Rolle, die der Islam dabei spielen soll, nicht erkennen. Allein folgender Aspekt, der erstaunlicherweise in der Diskussion kaum je auftaucht, zeigt das: In der gesamten verbindlichen islamischen Literatur, also dem Koran und den Ahadit, fehlt irgendein Hinweis auf Wert und Würde der Freiheit. Diesen Begriff gibt es schlichtweg nicht. Doch auf ihn berufen sich in Europa sogar diejenigen, die daran sind, sie abzuschaffen.

Was nun das Verhältnis der neu entstehenden Türkei zu Europa oder aber der EU angeht, so ist es Erdogans Aufgabe, diesen zweiten Zwiespalt zu lösen. 

Hierin zeigt er sich merkwürdig unentschlossen. Auf der einen Seite fordert er im Zuge seines Asylsucher-Handels mit Kanzlerin Merkel nicht nur Visafreiheit in die EU, sondern auch beschleunigte Beitrittsverhandlungen ein, um aber in derselben Woche mit Blick auf  die türkische Gesetzgebung zu sagen, die Türkei gehe den türkischen Weg und die EU ihren eigenen.
Zudem kann kein beliebiger türkischer Potentat die EU-Frage nur mit Blick nach Westen behandeln. Gerade Erdogans Großmachtdünkel gebietet es ihm, die anderen Turkvölker in Mittel- und Ostasien in seine geostrategischen Überlegungen mit einzubeziehen. Es ist beispielsweise eine naheliegende Überlegung für Ankara, zusammen mit den Kasachen, den Kirgisen, den Turkmenen und Aserbaidschanern eine Turk-Union zu schaffen. 

Und wenn dem Staatschef in Ankara daran liegen sollte, seiner Abneigung gegen Russland gebührend Ausdruck zu verleihen, könnte er, angelehnt an die CIA-Farben-Revolutionen in Asien, Unruhe stiften unter den Turk-Völkern, die in Russland leben, von den Tataren über die Baschkiren bis hin zu den Jakuten in Russlands Fernem Osten. Schließlich sollte er die Uiguren nicht vergessen, das Turk-Volk, das in China lebt und dort ohnehin für Unruhe sorgt.
Geostrategie ist eben auch ein Teil Völkerkunde. Doch ergibt sich bei derlei Überlegungen für Erdogan ein weiterer Zwiespalt. Besinnt er sich auf das Potenzial, das ihm die Verwandtschaft mit so vielen Völkern, die auf eine so große Fläche verteilt sind, in die Hände geben kann, so schwächte er damit gleichzeitig seine europäischen Ambitionen. 

Nicht nur, weil er Gefahr liefe, seine Außenpolitik hoffnungslos zu überdehnen, sondern auch und vor allem deshalb, weil der Rückgriff auf die Turk-Völker das asiatische Herkommen und die asiatische Kultur der Türken in Kleinasien als Namensgeber der ganzen Völkerfamilie darstellt und belegt. Dies aber müsste alle Anbiederungen, die Türkei sei zutiefst europäisch, wie sie vor Kurzem noch Davutoglu versucht hatte, lächerlich erscheinen lassen.

So hat Erdogan an sich wenig Grund zur Überheblichkeit. Klarheit hat er nur in das Verhältnis zu Russland gebracht, in dem er es zerstört hat. Im Nahen Osten, wo er als Führungsmacht hatte auftreten wollen, hat er sich mit dem Iran ebenfalls einen Feind geschaffen, während das Verhältnis zu Saudi-Arabien unsicher ist. Was Europa angeht, so wird die Türkei bis auf Weiteres auf eine weiterführende Antwort warten müssen. Einzig die USA halten am Nato-Mitglied fest, wenigstens vorerst noch, weil sie den Flughafen Incirlik benötigen. Doch die USA sind zu einem gefährlichen Partner geworden. Weltenpläne kann Erdogan darauf nicht unbedingt bauen.   Florian Stumfall

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