Mittwoch, 28. Juni 2017

Germanophobes Gelichter


Wenn die Germanophobiker, die gerade dabei sind, Deutschlands endgültigen Untergang in die Wege zu leiten, wüssten, wie sehr ich sie als typische Deutsche geringschätze, sie würden mir wohl glatt eine Ehrenmitgliedschaft in ihrem erhabenen Kreise antragen.

Inwieweit Höcke eben doch recht hat

"Die einschneidendste Veränderung, die der Zweite Weltkrieg der Welt bescherte, war die Geburt einer neuen, moralisch absoluten Größe: die der Nazis als des universellen Bösen. In einer Kosmogonie, die sie mitentworfen hatten, stellten die Nazis den Satan dar und stifteten damit für die Welt, die sie zerstören wollten, Sinn und Zusammenhalt. Erstmals, seit die europäischen Staaten begonnen hatten, sich von der Kirche loszusagen, fand die westliche Welt zu einem neuen gemeinsamen transzendentalen Universal. Vielleicht lebte Gott nicht mehr, doch in ihren dunklen Uniformen waren die Herren der Finsternis für alle gut zu erkennen. Wie es das Zeitalter des Menschen verlangte, hatten sie Menschengestalt; wie es das Zeitalter des Nationalismus gebot, waren sie ethnisch definiert – nicht in dem Sinne, dass alle Deutschen willige Vollstrecker gewesen wären, sondern in dem Sinne, dass die Naziverbrechen ethnisch begründet waren und die Deutschen als Nation für sie verantwortlich gemacht wurden. (...)
Es war, mit anderen Worten nur eine Frage der Zeit, wann die Hauptopfer nationalsozialistischer Gewalt zu den universellen Menschheitsopfern würden. Vom auserwählten Volk des jüdischen Gottes waren die Juden zum auserwählten Volk der Nazis geworden. Und dadurch, dass sie zum auserwählten Volk der Nazis geworden waren, wurden sie nach dem Weltkrieg zum auserwählten Volk des Westens. In der westlichen Öffentlichkeit avancierte der Holocaust zum Maß aller Verbrechen und Antisemitismus zur einzig unverzeihlichen Form von ethnischem Fanatismus."

Yuri Slezkine, "Das jüdische Jahrhundert", New Jersey 2004 (Deutsch 2006), S. 347. mehr hier

Wie wäre es mit einer 120 Grad Wendung?


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Für Bernd Ulrich, Stellvertretender Chefredakteur der Zeit, stellt der Einzug der AfD in den Bundestag prinzipiell ein größeres Verhängnis dar als die Anwesenheit der Islamisten in Deutschland. Denn jene seien bloß eine „sicherheitspolitische Gefahr“, diese aber eine „hegemoniale Bedrohung“, tönt er in seinem jüngsten Leitartikel. Die „Bedrohungslage“ hätte sich am 24. September verschärft.
Hinter solchem Wahnsinn steckt eine gewisse Logik: Die rot-rot-grüne Hegemonie hat die geistig-moralischen Voraussetzungen für die Implementierung der Islamisten-Szene in Deutschland geschaffen und sorgt dafür, daß ihr Umfeld und Rekrutierungspotential sich ständig ausweitet. Insofern läßt sich nachvollziehen, daß Ulrich sie milder beurteilt als diejenigen, welche die fatale Hegemonie, für die er steht, bekämpfen.
Verkürzung der deutschen Geschichte
Die Auseinandersetzung mit der AfD will er auf dem Feld der Geschichtspolitik suchen – wegen „der Rückkehr des Nationalismus“, die sich mit Alexander Gauland ankündige. Sein „Ausgangspunkt für einen neuen Patriotismus“ lautet: „Deutschland ist das einzige Land auf der Welt, dessen zentrale Geschichte von sich selbst weder von Heldentum noch von Märtyrertum handelt, sondern von Schuld, Buße Läuterung (…). Dies aber ist kein Defizit, sondern ein eigener Ton im Konzert der Völker. In dieser Besonderheit liegt vielleicht sogar der tiefste Grund für die Erfolgsgeschichte, die dieses Land nach 1945 schreiben durfte, so unautoritär, divers, ökologisch und ökonomisch stark, wie es nun geworden ist.“
Schuldstolz trifft auf Größenwahn! Im Ernst: Die Begründer der bundesdeutschen „Erfolgsgeschichte“ waren keine un- oder antiautoritären Diversity-Schwätzer, sondern harte, disziplinierte Arbeiter. Was Ullrich anpreist, ist die Verkürzung der deutschen Geschichte zur Vorgeschichte des Nationalsozialismus und ihre Elimination zur „Nichtgeschichte“ (Karl Heinz Bohrer). Alle früheren Kanzler einschließlich Willy Brandt haben sich gegen diesen Blödsinn verwahrt. Helmut Schmidt, der spätere Zeit-Herausgeber, sagte 1979, nach Israel wolle er nicht als „wandelnde Aktion Sühnezeichen“ reisen.
Politisches Denken versandet in Hypermoral
Das verdruckste Selbstbild der Nationalgeschichte, das der Zeit-Mann feiert, läßt die historischen Kraft- und politischen Entwicklungslinien außer acht, die in die Gegenwart hinein- und in der Zukunft weiterwirken. Das politische Denken versandet in einer Hypermoral, die zu irrsinnigen Konsequenzen führt wie die, daß man die Grenzen seines Landes weder schützen kann noch darf. Man setzt das Land aufs Spiel und macht sich verhaßt bei den Nachbarn, die man ins Verhängnis zieht. Und überläßt die Ersparnisse der eigenen Bürger dem Belieben eines ehemaligen Goldmann-Sachs-Bankers.
Angela Merkel allerdings ist die erste Kanzlerin ganz nach diesem Bilde. Sie sagte am 11. November 2009 in Paris, als Frankreich seinen Sieg im Ersten Weltkrieg beging: „Wir werden nie vergessen, wie sehr in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Franzosen durch Deutsche zu leiden hatten. Der schonungslose Umgang mit der eigenen Geschichte ist – davon bin ich überzeugt – die einzige Grundlage, um aus der Geschichte zu lernen und die Zukunft gestalten zu können.“
Merkels Umgang war nicht „schonungslos“, sondern geschichtsfälschend und unterwürfig. Der Anteil der französischen Revanchepolitik am Ausbruch des Ersten Weltkriegs war eher höher als der einer kopflosen deutschen Reichsleitung. Vom Versailler Vertrag, der die Grundlage für die folgenden Katastrophen legte, ganz zu schweigen.
Gegenseitiger Respekt
Für „das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“, hätte Alexander Gauland sich allerdings solidere Gewährsmänner suchen sollen. Vor allem hätte er den Ersten deutlich vom Zweiten Weltkrieg abheben müssen. Angemessener als „Stolz“ wäre der „Respekt“ gewesen. Beim Abschluß des Locarno-Vertrags 1925 rief der französische Außenminister Aristide Briande seinem deutschen Amtskollegen Gustav Stresemann (mit dem er gemeinsam den Friedensnobelpreis erhielt) zu, Deutsche und Franzosen müßten sich auf den Schlachtfeldern nichts mehr beweisen, beide Völker hätten gezeigt, daß sie kämpfen könnten. Der Respekt war gegenseitig.
Zur Tragik des deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg hat der französische Staatspräsident François Mitterrand beim Staatsakt am 8. Mai 1995 in Berlin das Nötige gesagt: „Ich bin nicht gekommen, um die Niederlage herauszustellen, weil ich wußte, welche Stärken das deutsche Volk hat, welche Tugenden, welcher Mut, und wenig bedeutet mir seine Uniform und auch die Vorstellung in den Köpfen dieser Soldaten, die in so großer Zahl gestorben sind. Sie waren mutig. Sie nahmen den Verlust ihres Lebens hin. Für eine schlechte Sache, aber ihre Taten hatten damit nichts zu tun. Sie liebten ihr Vaterland. Das muß man sich klar machen. Europa bauen wir auf, wir lieben unsere Vaterländer.“
Keine hektischen Wendemanöver
Wer das nicht nachvollziehen kann, liebt gar nichts, weder das eigene Land noch Europa, höchstens den Vorteil, andere ungestraft diffamieren zu können und sein Auskommen in der Bewältigungsindustrie.
Die Aussage Gaulands, „diese zwölf Jahre“ würden „unsere Identität heute nicht mehr (betreffen)“, wird schon dadurch, daß er sie für nötig hielt, zum Widerspruch in sich. Der Berliner AfD-Vorsitzende Georg Pazderski hat in der Debatte im Abgeordnetenhaus am Gedenktag für die NS-Opfer ganz klare und persönliche Worte gefunden: Sein Vater war ein polnischer Zwangsarbeiter, der 17jährig aus Warschau nach Deutschland verschleppt worden war. Das Beispiel zeigt, daß die NS-Zeit sowohl auf der individuellen wie auf der kollektiven Ebene „ein ganz wesentlicher Teil“ (Padzerski) unseres Geschichtsverständnisses bleibt. Im Ausland ist das ohnehin der Fall, und es wäre unklug von einer Partei, das zu ignorieren.
Aber sie ist nicht das Zentrum, nicht die geschichtliche Summe und erst recht nicht das alles verschlingende Schwarze Loch, in das eine ersatzreligiöse Geschichtspolitik sie zu verwandeln versucht. Um diese Schwarze Magie zu beenden, sind keine hektischen Wendemanöver um 180 Grad, aber deutliche und gut begründete Korrekturen gefragt. Sonst büßen, läutern und vererbschulden wir uns in Kürze zu Tode.  Thorsten Hinz

Donnerstag, 22. Juni 2017

Wahlbetrug als Folge gesellschaftlicher Verrohung

Die letzten acht Wahlbeobachtungen von Landtagswahlen haben gezeigt, dass in Zeiten steigender gesellschaftlicher Konflikte die Bereitschaft Einzelner wächst, das Wahlergebnis in die eigene Hand zu nehmen, um den politischen Status quo zu erhalten.

Es sind bisher noch zu wenige Bürger, die von ihrem demokratischen Recht zur Wahlbeobachtung Gebrauch machen, sich für den Schutz der Wählerstimmen einsetzen und für ein unverfälschtes Wahlergebnis eintreten. Doch es bedarf genau dieses Engagements der bürgerlichen Zivilgesellschaft, denn es ist auffällig, dass die Fehler und Unstimmigkeiten zumeist zu Lasten der AfD gehen. Dies ist eine direkte Folge der gesellschaftlichen Verrohung und einer immer weiter verfallenden demokratischen Kultur.

Wir erleben eine gefährliche Stimmung, in der es zulässig erscheint, wenn man konservative Politiker angreift, den Wahlkampf von neuen Parteien behindert oder das Wahlergebnis in die eigene Hand nimmt. Die Signale aus Politik, Medien und Justiz sind eindeutig – kritische Bürger, Politiker und Aktivisten sind Freiwild.

Um dieser undemokratischen Stimmung etwas entgegenzusetzen, startet die Bürgerinitiative „Ein Prozent“ ihre erste bundesweite Wahlbeobachtung bei der Bundestagswahl am 24. September 2017. Wir werden möglichst viele Bürger über ihre Rechte und Möglichkeiten informieren, wir bilden Berater aus, motivieren die Menschen, Wahlhelfer im Wahllokal zu werden, lassen Material für die Vorortarbeit drucken, richten am Wahltag ein Bürgerbüro ein, organisieren über die Sonderseite www.wahlbeobachtung.de tausende Menschen und stellen Ihnen regelmäßig alle wichtigen Informationen zur Verfügung. Am Wahltag werden wir telefonisch, per E-Mail, Facebook und Twitter über alle Vorkommnisse und Entwicklungen berichten und erreichbar sein. Wir werden mit unserer Wahlbeobachtung zeigen, wie schlagkräftig die organisierte bürgerliche Mitte unserer Gesellschaft sein kann. Unser Ziel ist es, wieder Tausende von Stimmen zu retten, die trotz eines engagierten Wahlkampfes verloren gehen würden.

Dienstag, 20. Juni 2017

Wie vor 23 Jahren

Wie vor 23 Jahren in Italien, nur noch eine Nummer schlimmer. Wir Deutsche lernen von Italien ja immer nur das Schlechte. Und dieses Schlechte wird erst dann so richtig unmenschlich, wenn wir uns seiner annehmen.

Vor 23 Jahren schickte die linksgestriegelte, kommunistoide Justiz Italiens Berlusconi einen Ermittlungsbescheid während eines von ihm geleiteten G7-Gipfels, um ihn vor der ganzen Welt in Misskredit zu bringen. Heute regiert Merkel mit dem Rückenwind einer linksgestriegelten, gegenüber der Antifa ausnehmend toleranten und gegenüber muslimischen Intensivtätern sogar zuvorkommenden, feigen Justiz, während Frauke Petry lahmgeschossen wird, indem man ihre parlamentarische Immunität aufhebt, um "den ihr vorgeworfenen Rechtsbruch aufzuklären".

Angela Merkels parlamentarische Immunität wird nicht aufgehoben, da an der Aufklärung des ihr von mehr als einem ehemaligen Verfassungsrichter vorgeworfenen Rechtsbruchs nur eine kleine Partei interessiert ist, deren Mitglieder in einem fort von den Medien verleumdet werden und immer wieder durch Prügel, Brandstiftung, Drohungen, Mobbing ihrer Kinder und andere Schikanen drangsaliert werden.

Perfektes Timing übrigens (auch in dieser Hinsicht haargenau wie damals in Italien):  der Vorwurf steht ja schon lange im Raum! Aber mit der Aberkennung der Immunität hat man gewartet, bis man Frauke Petry den größtmöglichen Schaden zufügen konnte. Im September, wenn der Bundestag gewählt wird, soll allen in Erinnerung sein, dass sich die bekannteste AfD-Kandidatin im Visier der Justiz befindet.

Man wird sich natürlich bemühen, sie noch rechtzeitig kurz vor der Wahl rechtskräftig in 1. Instanz zu verurteilen.


"Voll Zorn und Ärger lief der Hampelmann in die Stadt zurück und suchte den Staatsanwalt. Die zwei Strolche sollten es büßen, daß sie ihn so tückisch betrogen hatten.
Auf dem Marktplatze stand ein großes Gebäude; über dem Eingang hing das Wappen von Dummersheim: ein schwerbeladener Esel, der von seinem Treiber geprügelt wird. Der Pförtner, ein schielender Fuchs, führte Bengele in ein großes Zimmer. Hier saß hinter einem grünbelegten Schreibtische der Herr Gorillius, ein alter Affe mit weißem Barte. Er hatte eine goldene Brille ohne Gläser weit vorn auf der Nase sitzen und sah dadurch sehr gelehrt und weise in die Welt. – Das war der Staatsanwalt von Dummersheim.
Bengele erzählte ihm, wie er vom Fuchse und von der Katze betrogen worden sei; er gab Vor- und Zunamen der Bösewichter an – ihr Geburtsdatum wußte er nicht – und verlangte Gerechtigkeit.
Der Staatsanwalt hörte ihn huldvoll an und nahm warmen Anteil an seinem Mißgeschick. – Als der Hampelmann nichts mehr zu sagen hatte, läutete Gorillius mit dem silbernen Glöcklein, das auf dem Tische stand.
Sofort erschienen zwei als Gendarmen gekleidete Bulldoggen.
Der Staatsanwalt deutete auf Bengele und sagte zu ihnen:
»Dem armen Kerlchen da haben sie vier Goldstücke geraubt; faßt ihn also und werft ihn sofort ins Gefängnis.«
Der Hampelmann war über dieses Urteil entrüstet. Er wollte sich dagegen verwahren, aber die beiden Gendarmen hatten keine Zeit zu verlieren, hielten ihm den Mund zu und führten ihn ab.
Vier lange Monate lag Bengele im Gefängnis; ein besonderes Ereignis brachte ihm endlich die Erlösung.
Der junge König Habicht XVII. von Dummersheim hatte einen glücklichen Krieg gegen das Land Hennanien geführt. Man feierte den Sieg mit großen Festlichkeiten: Straßenbeleuchtung, Feuerwerk, Pferderennen, Radfahrer-Wettrennen wurden veranstaltet. Alle Staatsgefangenen sollten die Freiheit erhalten.
»Wenn alles hinaus darf, dann will ich auch losgelassen werden«, sagte Bengele dem Gefangenwärter.
»Du bist nicht an der Reihe«, sagte dieser.
»Bitte sehr«, meinte Bengele, »bin ich nicht auch ein Strolch gewesen?«
»Leute von deiner Sorte haben immer tausend Ausreden«, sagte der Wärter. – Er machte die Tür auf und ließ den Hampelmann laufen." Pinocchio - Kapitel 21

Der Triumph meiner Generation

Emmanuel Macron, französischer Staatspräsident, hat keine Kinder, Angela Merkel, Bundeskanzlerin, hat keine Kinder, Theresa May, Premierministerin Großbritanniens, hat keine Kinder, Paolo Gentiloni, Ministerpräsident Italiens, hat keine Kinder, Mark Rutte, Ministerpräsident der Niederlande, hat keine Kinder, Stefan Löfven, Ministerpräsident Schwedens, hat keine Kinder, Xavier Bettel, Premierminister Luxemburgs, hat keine Kinder, Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission, hat keine Kinder. Nicola Sturgeon, First Minister of Scotland, hat keine Kinder.

Der Kontinent der Aussterbenden, regiert von Zukunftslosen. Deswegen ist ihnen auch egal, wer hier einwandert.

Außer Macron gehören alle diese verlotterten Politiker meiner Generation an. Macron ist das Kind dieser verlotterten Generation, der auch seine Frau angehört. In Macron gipfelt der sterile Dynamismus.

Sonntag, 18. Juni 2017

Importweltmeister




Wochenlang war der Film Gesprächsstoff. Dann preschte die Bild-Zeitung vor und machte ihn einem breiten Publikum zugänglich. Dies ließ dem WDR keine andere Wahl, als am Mittwoch die umstrittene Doku „Auserwählt und ausgegrenzt – der Haß auf Juden in Europa“ doch zu senden – begleitet nicht nur von eingeblendeten Kommentaren, sondern gleich noch einer Gesprächsrunde bei Sandra Maischberger im Anschluß.

Eingeladen waren dort aber nicht etwa die Macher des Films, sondern Gäste, die zum Thema „Antisemitismus in Deutschland und Europa“ teilweise wenig beizutragen hatten. Zu Beginn stellte sich WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn der Kritik von Historiker Michael Wolffsohn, der im Vorfeld die Nichtveröffentlichung der Doku in die Nähe von Zensur gerückt hatte.

Ausgerechnet mit journalistischen Standards, die die Macher des Films angeblich nicht eingehalten hätten, begründete Schönenborn die Entscheidung des Senders. Mit so viel Chutzpe hatte wohl auch Wolffsohn nicht gerechnet und verwies auf die Ausstrahlung mehrerer antiisraelischer Dokus der Öffentlich-Rechtlichen, bei denen von journalistischen Standards nicht die Rede sein konnte.
Wolffsohn sprach von der besten Antisemitismus-Dokumentation, die bisher im deutschen Fernsehen zu sehen gewesen sei. Seine Begründung: Der Film zeige nicht nur den Judenhaß der alten und neuen Rechten, sondern auch, daß „weite Teile der Linken von diesem Bazillus infiziert sind“ sowie den islamischen Antisemitismus.
Schönenborn betonte hingegen mehrfach, die Ausstrahlung der Doku durch bild.de sei rechtswidrig gewesen. Man merkt: getroffene Hunde bellen! Ohne die Vorgehensweise der Bild-Zeitung wäre der Film wohl noch heute unter Verschluß.

Auf die Rechtfertigung der Macher, die Maischberger vortrug, man könne keinen Film über Antisemitismus machen, der nicht am Ende projüdisch sei, entgegnete Schöneborn: „Man sollte keinen Film über Antisemitismus machen, der nicht pro menschlich ist.“ Und das um kurz vor Mitternacht!
Wer hätte gedacht, daß dieses fast 20minütige Streitgespräch zwischen Wolffsohn und dem intellektuell dürftig argumentierenden WDR-Chef schon der Höhepunkt der Talkrunde war. Die driftete im weiteren Verlauf zusehends in eine Diskussion über den Nahostkonflikt ab. Das kritisierte die Journalistin Gemma Pörzgen zwar wiederholt, nur um aber selbst immer wieder die Diskussion in diese Richtung zu lenken.
Ansonsten monierte sie, daß in Schulen immer über den Holocaust gesprochen, nicht aber auch das palästinensische Narrativ wiedergegeben werde. Dem Film attestierte sie „intellektuelle Dürftigkeit“. Über die Macher der Doku hatte sie eine klare Meinung: „Die Journalisten hatten eine klare Agenda.“ Später fragte die garantiert agendafreie Pörzgen: „Wo ist in den Medien das Gedenken an 50 Jahre israelische Besatzung?“

Auch das ehemalige Mitglied des Zentralrats der Juden, Rolf Verleger, präsentierte sich als ein Talkgast, der bundesrepublikanische Klischees offenbar inhaliert hat. Am Ende verlangte er eine Distanzierung seiner Religionsgemeinschaft von der israelischen Politik. „So geht es nicht weiter bei uns Juden“. Antisemitismus habe er als Jude und Sohn von Holocaustüberlebenden in Deutschland noch nicht erfahren. Viel problematischer seien ohnehin die antimuslimischen Einstellungen von weiten Teilen der deutschen Bevölkerung.

Eine weitere Erkenntnis verdanken wir der nächtlichen Runde: Der ehemalige Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) – mittlerweile 81 ­– sollte besser nicht mehr im Fernsehen auftreten. Wer schützt diesen Mann vor sich selbst, mag sich der Zuschauer an vielen Stellen gefragt haben. Etwa wenn Blüm den palästinensischen Terror mit der israelischen Politik gleichsetzte oder faktenbefreit die palästinensischen Flüchtlingslager Sabra und Schatila, in denen christliche Milizen 1982 palästinensische Zivilisten umbrachten, an der libanesischen Grenze verortete (sie befinden sich in der libanesischen Hauptstadt Beirut). Daß es Blüm am Ende für notwendig hielt, klarzustellen, er habe nichts mit Stürmer-Herausgeber Julius Streicher zu tun, sagt alles über seinen Auftritt.
Lichtblicke in der Debatte waren Wolffsohn und der israelisch-arabische Psychologe Ahmed Mansour. Mansour, der als Kind selbst mit dem Judenhaß seiner israelisch-arabischen Gemeinde aufwuchs, lernte erst durch den Kontakt mit jüdischen Kommilitonen während des Studiums in Tel Aviv, den Staat Israel in neuem Licht zu sehen. Er selbst sei kein Freund der israelischen Politik, aber auch manche Kritik an der israelischen Regierung könne bereits Antisemitismus sein.

Der Experte für muslimischen Judenhaß stellte auch klar: Der Antisemitismus, wie er etwa auf manchen pro-palästinensischen Demonstrationen in Berlin zur Schau getragen wurde, sei kein Produkt der Masseneinwanderung seit 2015. „Das sind Menschen mit türkischer oder arabischer Herkunft, die hier seit Generationen leben.“
Auf die Frage, wie man Antisemitismus erkennen könne, hatte wiederum Wolffsohn eine eingängige Merkregel parat: D-D-D. Dämonisierung der Juden, Delegitimierung der jüdischen Existenz und doppelte Standards, womit etwa die Kritik an der israelischen Besatzungspolitik gemeint ist, während über andere, viel schlimmere Phänomene, etwa in Afrika, geschwiegen werde.
Hätten die Zuschauer nur für diese drei Buchstaben eingeschaltet, hätten sie bereits das wichtigste an diesem Abend mitgenommen. Das Fazit bleibt: Der moslemische Judenhaß ist für die ARD kein drängendes Problem. Manche Journalisten in Deutschland werden den alltäglichen Haß, dem viele Juden hier Tag für Tag ausgesetzt sind, wohl erst verstehen, wenn diese massenweise, wie in Frankreich, die Koffer packen, um in Israel ihre neue Heimat zu finden. Weit sind wir davon nicht mehr entfernt.   JF

Samstag, 17. Juni 2017

Danke, Helmut Kohl


Stand der Dinge




Es stimmt, ich wollte mich nicht nochmals zu diesem Thema äußern, aber es muss nun doch noch ein Mal sein. Zumal wir heute den 17. Juni schreiben.

Man kann ein Buch zu lesen versuchen, wie Kant es gelesen haben würde oder Husserl oder Gadamer, also mit dem Vorsatz, dem Sinnzusammenhang und der Intention des Autors penibel zu folgen. Und man kann versuchen, es wie mit den Augen von Goebbels oder Hilde Benjamin zu lesen, es erkennungsdienstlich nach "Stellen" zu durchsuchen wie eine Dissidentenwohnung, nach Beweismaterial gegen den a priori als bereits überführt betrachteten Autor zu fahnden und jeden Sinnzusammenhang bewusst auszublenden. Wenn sich in einem Land die zweite Lesart durchsetzt, spricht man gemeinhin von einer Diktatur, mindestens aber von geistiger Tyrannei.

Ein Autor, ein intellektueller zumal, der keinerlei Anstoß erregt, ist praktisch inexistent, denn er reproduziert nur den Status quo. Ich habe an dieser Stelle bereits darauf hingewiesen, dass nahezu keiner der großen, bislang noch als kanonisch geltenden Denker heute die Zensurschranke der Verlage passieren dürfte. Sie würden samt und sonders als elitäre, rassistische, sexistische, chauvinistische, undemokratische, macht- und gewaltverherrlichende Buntheitsfeinde zum Teeren und Federn freigegeben. Und die Hochbegabten in den Cultural und Gender Studies haben ja längst begonnen, die alten weißen Männer auszusondern und durch rassisch geheiligte Plattköpfe zu ersetzen, wobei ich gespannt bis, wie sie diesen Großen Austausch in der Mathematik und der Physik bewerkstelligen wollen.

Wir leben in einer geistigen Enge und intellektuellen Versklavungsbereitschaft, wie man es sich weder in Goethes Weimar noch im Kaiserreich hätte vorstellen können.

Speziell im Spiegel geht die Angst um, sämtliche Arbeitsplätze sind gefährdet, denn neuerdings werkelt ein Automat dort am Meinungsdesign. Nachdem man ihn mit sämtlichen Debattentexten der vergangenen 25 Jahre aus Spiegel, Zeit, FAZ, Süddeutscher, Humboldt-Uni und ausgewählten Hilfsschulen gefüttert hatte, produzierte er an diesem Wochenende folgenden Text zum Fall "Finis Germania":

"Sieferle gefällt sich in der Pose des Olympiers, der die Weltläufe aus der Ferne wahrnimmt. Doch historische Prozesse laufen anders ab als das berühmte Vorspiel zu Goethes ‚Faust’, wo aus Dunst und Nebel schwankende Gestalten nahen. Sie sind kein nur von Esoterikern zu deutendes Drama im Halbschatten, sondern eine Abfolge von Geschehnissen mit klar benennbaren handelnden Personen, mit Opfern und auch mit Tätern."

Kein Mensch aus Fleisch und Blut, nicht einmal ein deutscher Journalist, käme auf die pietätlose Idee, einem Suizidanten zuzuschreiben, er gefalle sich in einer Pose, in welcher auch immer, und nur ein Automat kann so schamfrei sein, einem der letzten großen Universalhistoriker in zwei Sätzen zu erklären, wie historische Prozesse ablaufen, und sie in ihrem Zustandekommen für so durchschaubar zu erklären wie eine Spiegel-Kolumne. Nachdem aber Computer Schachgroßmeister an die Wand spielen, ist es keine Sensation, wenn sie sich der intellektuell nicht ganz so anspruchsvollen Aufgabe gewachsen zeigen, einen Spiegel-Kommentar zu verfassen. Und da in diesem Magazin inzwischen ein Kommentar dem anderen gleicht wie eine Sardine der anderen, sind echte Sardinen mit ihren sensiblen Seitenlinien wohl bald nicht mehr nötig.

"Versuche, den Holocaust zu relativieren, hat es viele gegeben", rattert der Bekenntnisautomat fort, "der Historikerstreit der Achtzigerjahre entzündete sich an Ernst Noltes Vergleich nationalsozialistischer und stalinistischer Verbrechen. Sieferle geht viel weiter: Bei ihm sind aus Tätern Opfer geworden. Der Zweite Weltkrieg mit seinen über 60 Millionen Toten, den Vernichtungslagern, den ermordeten Juden (Sieferle nennt sie mokant 'die ominösen sechs Millionen') kennt am Ende nur einen Leidtragenden, 'den Deutschen'. Was für eine ahistorische, paranoide Betrachtungsweise."

Ah, nun hat sich doch ein Redakteur eingeschaltet. Einen Buchinhalt erfinden, um ihn dann zu denunzieren, das kann nicht mal der paranoideste Computer. Jeder, der "Finis Germania" gelesen hat, reibt sich bei diesem Passus natürlich die Augen und fragt: Von welchem Buch ist hier die Rede?

Sieferle zieht eine heilsgeschichtliche Parallele zwischen der Stigmatisierung der Juden als Gottesmörder und der Stigmatisierung der Deutschen als Judenmörder. Zarte Gemüter mögen solche Vergleiche erschrecken – Du sollst nicht vergleichen!, lautet bekanntlich das Erste Gebot der neudeutschen Zivilreligion – , doch der Vorwurf, Christus ans Kreuz geliefert zu haben (den der Babylonische Talmud stolz auf sich nimmt, sofern es der Kubitschek nicht nachträglich reinredigiert hat; dieser Jesus war halt ein Ketzer), wog im glaubensdurchtränkten Mittelalter ebenso schwer wie der heutige Vorwurf, dem Tätervolk wenn nicht direkt anzugehören, so doch "in einer Lebensform aufgewachsen" zu sein "in der d a s möglich war", wie Pastor Habermas, geistliches Oberhaupt der Einsiedelei Starnberg, an St. Höllenfahrt gegen die Noltes und ihre Lügen predigte. Wir haben es mit Gläubigen, also z.T. aggressiven Narren, zu tun, das muss man in Rechnung stellen, und deshalb hat der Redakteur auch eingegriffen, denn ein Automat besitzt die Aggressivität nicht, die in ein anständig gebliebenes Missverständnis hineingehört.

Sieferle stellt die These auf, die Durchtränktheit des deutschen Selbstverständnisses mit einer unsühnbaren, rituell immer wieder neu zu beschwörenden Schuld werde für das Kollektiv der im weitesten Sinne ethnischen Deutschen auf kein gutes Ende hinauslaufen. (Das Problem an solchen Prognosen ist, dass sie, falls sie zutreffen, auf kein Publikum mehr stoßen, welches ihnen beipflichten könnte, während diejenigen, die daran interessiert sind, dass sie zutreffen, verhindern wollen, dass sie überhaupt geäußert werden.) Der Historiker geht, wie andere vor ihm, nur vielleicht etwas tiefer, einer religiösen Mentalität auf den Grund, die in der nationalen Selbstauflösung das Heil sucht, da sie, nach dem Wegfall des echten Heilands als vergebende Kraft, sich anders als durch Selbstauflösung nicht entsühnen kann. Wir dürfen die Vertreter dieser Heilsbewegung gerade bei ihren Willkommensexzessen gegenüber virilen Analphabeten aus dem Orient studieren, was ja nichts anderes als eine zivilreligiöse Selbstfeier mit dem Ziel ist, der Welt endlich einmal ein aus Schmach und Schanden sich erhebendes gutes Deutschland zu präsentieren. Leider hat die Empfängerseite dieses Bruderkusses kein Organ für dergleichen zivilreligiösen Enthusiasmus und erkennt instinktiv dessen Kehrseite: die Selbstaufgabe. Deswegen wird die Sache schlimm enden. Sagt Sieferle – und sage u. a. auch ich.

Pikant wird der ganze Vorgang, um mich zu wiederholen, was ich ungern tu’, da ich ja nicht Heribert oder Claus heiße, deswegen, weil hier Leute den Import von Antisemiten gutheißen und gleichzeitig zur Hatz auf einen unbescholtenen Gelehrten blasen, dem sie antisemitische Ansichten unterstellen, die es überhaupt nicht gibt. Und ich schwöre auf den Koran, Freunde, dass dieselben Figuren, wenn der importierte Antisemitismus stark genug geworden ist, kein Problem mehr mit ihm haben werden. Er wird dann anders heißen: Emanzipation, Teilhabe, Diversity, Respekt, Antirassismus und so. Glauben Sie mir, liebe jüdische Leser dieses Diariums, all die Pressstrolche, Politiker, Theaterleute, Pfaffen und Schickeriaschachteln werden die Solidarität mit der Judenheit sofort aufkündigen, wenn sie sich die Finger dabei verbrennen können. Deswegen lügen und unterstellen sie auch so ungescheut! Was sich hier gegen einen freien Geist wie Sieferle in Stellung bringt, ist exakt dieselbe Mentalität, die sich 1933 zu Fackelzug und Judenboykott versammelte. Die Nazimentalität auf Nazisuche: ein routiniertes Spiel und meutenhaftes Selbstvergewisserungsspektakel mit einem neuen Opfer. C'est tout.

An keiner Stelle seines Buches und mit keiner Silbe erklärt Sieferle "die" (oder "den") Deutschen zu den eigentlichen Opfern des Zweiten Weltkrieges. (Lesen Sie am besten hier, in einem seiner letzten Briefe, was für ein "Antisemit" Sieferle gewesen ist). Die "ominösen sechs Millionen" sind nur eine andere Formulierung von Martin Broszats "symbolischer Zahl".

"Es gibt keinen Zweifel", schreibt der Spiegel in seiner öffentlichen Selbstkritik: "Das Werk ist rechtsradikal, antisemitisch, geschichtsrevisionistisch." Wir haben jetzt nicht mehr nur ein heiliges Buch, "in dem kein Zweifel ist", sondern auch ein von manchen allen Ernstes noch so genanntes Nachrichtenmagazin.

Heute ist der 17. Juni. Ein deutscher Tag der Freiheit.


                              ***


Immer wieder zitierenswert ist die treffliche, in die Zeiten hallende Prognose, die Alexis de Tocqueville 1835 stellte und die von Jahr zu Jahr mehr zutrifft (mal sehen, wie lange "Finis germania" brauchen wird):  

"Ketten und Henker sind die groben Werkzeuge, die einst die Tyrannei verwandte; heutzutage hat die Kultur selbst den Despotismus vervollkommnet, der doch scheinbar nichts mehr zu lernen hatte.
Die Fürsten hatten gleichsam die Gewalt materialisiert; die demokratischen Republiken der Gegenwart haben sie ins Geistige gewandelt gleich dem Willen, den sie zwingen wollen. Unter der unumschränkten Alleinherrschaft schlug der Despotismus in roher Weise den Körper, um die Seele zu treffen; und die Seele, die diesen Schlägen entwich, schwang sich glorreich über ihn hinaus; in den demokratischen Republiken jedoch geht die Tyrannei nicht so vor; sie übergeht den Körper und zielt gleich auf die Seele. Der Herrscher sagt nicht mehr: entweder du denkst wie ich oder du bist des Todes; er sagt:
du bist frei, nicht so zu denken wie ich; du behältst dein Leben, deinen Besitz, alles; aber von dem Tage an bist du unter uns ein Fremdling.
Du behältst deine Vorrechte in der bürgerlichen Gesellschaft, aber sie nützen dir nichts mehr; denn bewirbst du dich um die Stimme deiner Mitbürger, so werden sie dir diese nicht geben, und begehrst du bloß ihre Achtung, so werden sie tun, als ob sie dir auch diese verweigerten. Du bleibst unter den Menschen, aber du büßest deine Ansprüche auf Menschlichkeit ein. Näherst du dich deinen Mitmenschen, werden sie dich wie ein unreines Wesen fliehen; und selbst die an deine Unschuld glauben, werden dich verlassen, denn auch sie würden gemieden. Ziehe hin in Frieden, ich lasse dir das Leben, es wird aber für dich schlimmer sein als der Tod."

"Über die Demokratie in Amerika" (in der – gekürzten – Reclam-Ausgabe S. 152; ich sollte mir mal eine vernünftige Ausgabe kaufen).


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PS: Wirklich amüsant wird es, wenn "Finis Germania" in für die Spiegel-Bestellerliste relevante Verkaufsränge klettert. Was dann? Man kann dieses Buch ja unmöglich empfehlen. Die ganze Liste abschaffen? Jede Woche eine Erklärung abdrucken? Einfach nicht beachten, mithin an Glaubwürdigkeit auch hier einbüßen, aber in der Gesinnung nicht wanken?

PPS: So geht's natürlich auch, wenn die Nazi-Mentalität erst mal von der Leine ist:



 Sie führen sich auf wie Polynesier, denen jemand den Verzehr ihres Totemtieres empfohlen hat. Und das hält sich für aufgeklärt und frei! Es ist scho oa Mordsgaudi und ein großer Jokus.  MK am 17. Juni 2017


Freitag, 16. Juni 2017

Deutschlands niederträchtigster Halunke

Der Verleger des Buches "Finis Germania", Götz Kubitschek, hat auf seiner Webseite einen offenen Brief an Herfried Münkler platziert und um dessen Verbreitung gebeten. Ich gebe die Kernpassage hier wieder:


"Ihr peinliches Überraschtsein über den Coup der 'unanständigen' Plazierung von Finis Germania ist eine Bagatelle im Vergleich zu einer Ungeheuerlichkeit, die Sie gelassen aussprechen und in die Welt erfinden und die alles schlägt, was über den Fall Sieferle bisher an boshafter Unterstellung auf uns kam. Der Deutschlandfunk faßt die Passage in seinem Begleittext zur Hördatei folgendermaßen zusammen:

'Alle sprechen darüber und das ist eigentlich, das Schlimme daran', sagte der Politologe Herfried Münkler im Deutschlandfunk Kultur. Es handele sich bei 'Finis Germania' um ein schlechtes Buch, das möglicherweise sogar strafrechtlich relevante Passagen enthalte und zutiefst von antisemitischen Vorstellung getränkt sei. Undurchsichtig sei auch, wie viel von dem Text tatsächlich von Sieferle stamme und wie viel der Verleger hinzugefügt habe.'

Ich stelle zu dieser wahnwitzigen Aussage folgendes fest:

– Finis Germania enthält keine strafrechtlich relevanten Passagen.
– Finis Germania enthält keine antisemitische Vorstellung.
– Finis Germania ist von der ersten bis zur letzten Silbe von Rolf Peter Sieferle nicht nur verfaßt, sondern auch angeordnet, mit Kapitel- und Unterkapitelüberschriften versehen und zum Druck freigegeben worden. Das Lektorat meines Verlags beschränkte sich auf die Korrektur weniger Schreibfehler und einer einzigen Satzstellung, deren Verschachtelung durch die Einfügung eines Semikolons vereinfacht wurde.

Bedenken Sie, Herr Münkler, bitte nur ein einziges Mal, nur eine halbe Minute lang, was Sie durch solche Spekulationen und Erfindungen mit der Witwe Sieferles und mit uns Verlegern anrichten. Weder Regina Sieferle noch wir können über den Deutschlandfunk Ihre verlogenen Spekulationen zurückweisen oder Sie in einem öffentlichen Gespräch konfrontieren und Belege fordern.

Ich gehe davon aus, daß Sie, Herr Münkler, dieses Buch nicht gelesen haben und daß Sie zu einem schäbigen, boshaften alten Mann geworden sind, der Mitleid verdient hat."

Den gesamten Brief finden Sie hier.

Einem toten akademischen Kollegen wider besseres bzw. ohne jedes Wissen Antisemitismus unterstellen und zugleich als intellektueller Handlanger der Kanzlerin zur massenhaften Einwanderung von Antisemiten nach Deutschland beitragen, das ist ein bislang ungeschriebenes, noch zu schreibendes Ruhmesblatt in der Kaderakte des Prof. H. Münkler.   MK am 16. 6. 2017



Wendehals Seibt & Knecht Münkler

Geneigter Leser, die auf der anderen Seite des Grabens, um sie mal so zu nennen, wissen natürlich so gut, wie es die Briten im Ersten Weltkrieg wussten, dass man dem Gegner eine langwierige Materialschlacht aufzwingen muss, wenn man selber weniger Qualität, aber deutlich mehr Menschen und Material auffahren kann (Hut ab vor der britischen Kampfkraft gleichwohl). Ich befinde mich zwar, wie gesagt wird, im unermüdlichen Einsatz für die Verbreitung von Aufklärung, Liberalität und Esprit in meinem intellektuell ja seit ca. 1933 von mehrheitlich erstaunlich uninspirierten und unfreien Geistern repräsentierten armen Vaterland – aber tatsächlich gestaltet sich diese Mission durchaus ermüdlich. Ich bin in eine Art publizistischer Materialschlacht geraten, und zwar auf der quantitativ unterlegenen Seite – auf der anderen würde ich nie mitmachen –, und begreife allmählich, worauf ich mich eingelassen habe. Der Hydra wachsen täglich neue, kaum voneinander unterscheidbare und nur dank ihrer schieren Zahl überhaupt so etwas wie Drohpräsenz ausstrahlende Köpfe nach.

Nun hat sich auch das postheroische Haupt des Gustav Seibt aus einem der hydräischen Hälse gestülpt und giftig zu fauchen begonnen. Seibt ist insofern schlachterprobt, als er schon Ernst Nolte, der damals das deutsche Feuilleton praktisch im Alleingang zu zerquetschen sich anschickte, couragiert als ca. 217. Publizist die Stirn bot. Jetzt wendet sich der sublimste Geist der Süddeutschen Zeitung kühn gegen Rolf Peter Sieferles nachgelassenes Buch "Finis Germania" und dessen staatsfeindliche Empfehlung durch einen Spiegel-Kollegen, gerade noch ehe es zu spät (für ihn, Seibt) ist bzw. hätte sein können.

Beiseite und in diesem Land wohl eher in den Wind gesprochen: Es ist kein Problem, sich gegen welches Buch und welche Theorie auch immer zu erklären, aber was ein Kerl ist, der schneidet sich eher beide Schwurfinger ab, als sich an einer Hexenjagd gegen einen Autor zu beteiligen, was auch immer der geschrieben haben mag. Schluss. Aus. Ende.

Was die aktuelle Wortmeldungen Seibts für den Gesellschaftspathologen interessant macht, ist die geradezu kopernikanische Wende seiner Einstellung zu dem postum nunmehr einer leider nicht ganz beispiellosen, sondern mit gewohnter Infamie ablaufenden Denunziationskampagne ausgesetzten Universalhistoriker Sieferle. Also reiben Sie sich, geneigter und geplagter Leser, sofern Sie kein routinierter Pathologe sind, irgendeine Mentholpaste unter die Nase, und auf geht’s!

Am 9. Oktober 2016 schrieb Seibt in der Süddeutschen Zeitung:

"Der 1949 geborene, seit 2000 in St. Gallen lehrende Rolf Peter Sieferle war ein Autor, dessen Register von terminologisch verdichteter Theorie bis zu kulturphysiognomischer Polemik reichte. Sieferles weitgehend selbstgeschaffenes Fachgebiet war die Naturgeschichte der menschlichen Gesellschaften, deren Funktionieren er aus ihrem Energiestoffwechsel ableiten konnte, und zwar bis in die Verästelungen von Verfassung und Lebensstil.
In atemberaubenden Übersichten von der Urzeit bis zur Digitalisierung lieferte er die Theorie, also die gedankenreiche Anschauung des Ausnahmezustands, in den sich die Menschheit seit der Industrialisierung begeben hat (...)
Sieferle war ein unerschrockener, immer rationaler Denker, der sich auch dann nicht aus der Ruhe bringen ließ, wenn er apokalyptische Möglichkeiten erwog. Konservativ war allenfalls sein Bewusstsein für natürliche Grenzen.
2010 verfasste er für den 'Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen' der Bundesregierung eine auch im Netz abrufbare Abhandlung 'Lehren aus der Vergangenheit'. Sie liefert auf nur 30 Seiten eine theoretisch hochverdichtete Gesamtsicht zur Menschheitsgeschichte von der neolithischen Revolution bis zur Energiewende. Sollte es im Bundesumweltministerium Beamte geben, die diesen Text verstehen, könnte man sich in jene Zeiten zurückversetzt fühlen, als Gelehrte wie die Humboldts den preußischen Staat berieten." (Hier.)

Am 8. Dezember beendete Seibt einen weiteren Nekrolog auf Sieferle mit den Worten: "Die treuen Leser dieses großen Autors warten nun auf sein letztes Werk." (Hier.)

Vor drei Tagen erklärt derselbe Seibt in einem Interview mit dem Deutschlandfunk zu Sieferles allerletztem Werk "Finis Germania":

"Nein, ich würde es nicht als Sachbuch weiterempfehlen. Es ist ein Text, der symptomatisch von einem gewissen Interesse ist für eine bestimmte Denkform, aber in einer Liste, die ein allgemeines Publikum erreichen soll, das sich Belehrung und Erkenntnis und möglicherweise auch intellektuelle Unterhaltung verspricht, hat ein solches Buch nichts zu suchen."

"Es sind zugespitzte kürzere oder längere Essays aus dem Nachlass dieses als Wissenschaftler nicht völlig unbedeutenden Autors, die er wohl so gar nicht publizieren wollte. Also das war eine Entscheidung seiner Erben und der mit ihm verbundenen Verleger, das an die Öffentlichkeit zu bringen. Es gibt nicht mal ein Nachwort (das Buch hat ein Nachwort von Sieferles Freund Prof. Raimund Th. Kolb – M.K.), es gibt nicht mal eine biografische Erläuterung, es gibt gar nichts dazu. Das heißt, das Buch wird nicht einmal irgendwie eingeordnet, und schon das macht es hoch problematisch."

"Sieferle war zunächst einmal ein ernsthafter Wissenschaftler (...) Umso erschreckender und bedrückender ist eigentlich dieser Absturz jetzt in seiner letzten Phase in auch wüstes Schimpfen und Primitivität. Also er verliert dann auch den Glanz seiner Differenzierungsfähigkeit, wenn er zum Beispiel auch in diesem kleinen Büchlein sich dann kulturkritisch lustig macht über die massendemokratische Gesellschaft, wo eben jedermann konsumieren darf und alles in die Richtung Verprollung geht, aber eben so eine anspruchsvoll verbrauchende Verprollung und so weiter. All das kann man ja irgendwie wahrnehmen und wiedererkennen, aber das Problem bei Sieferle ist in dieser letzten Zeit der gnadenlose Zynismus.
Er hat auch gar keinen Gegenvorschlag."

"Aber das hat natürlich nichts zu suchen auf einer Liste empfohlener Bücher jetzt für den Gabentisch – ich nehm mir mal was mit, was ich im Flugzeug mit Interesse lese –, also da hat so ein Buch eigentlich nichts zu suchen."

Einem Menschen, der sich den Freitod gegeben hat, vorzuwerfen, er unterbreite in seiner quasi testamentarischen Schrift keine Vorschläge, zeugt schon von einem besonders zarten Gemüt. Und ob sich künftig eine Kommission unter der Leitung z.B. von Herrn Seibt zusammenfindet, um Bücher, vor allem die fürs Flugzeug, mit "einordnenden" Nachworten zu versehen? Im praktisch nicht existierenden Nachwort zu "Finis Germania" schreibt Raimund Kolb: "Vom Wunsch einer posthumen Publizierung des Textes" dürfe man "zweifelsfrei ausgehen". Sieferles schriftliche Hinterlassenschaft auf dem Rechner "befand sich in einer akribischen Ordnung, gereinigt von allem, was nicht einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte". Seibt unternimmt jetzt, wie andere vor ihm, den Versuch, Sieferles letztes Opus, das so luzide ist wie seine anderen Arbeiten, wenngleich durchaus atemloser, aphoristischer und apodiktischer, für nicht zur Veröffentlichung vorgesehen zu erklären. Willkommen in der Welt der Canaillen!        

Die Überschrift des Interviews lautet "Ein erschreckender Absturz", und sie passt, sofern wir das Attribut in "possierlich" oder "ergötzlich" ändern, zu dieser Selbstdemaskierung eines Opportunisten und publizistischen Feiglings. "Mit mächtigen Kraulbewegungen", wie ein Bekannter notierte, "schwimmt Seibt ans rettende Ufer" – obwohl in seinem Fall Waten genügt hätte –, vor allem aber zurück auf die Einladungslisten der Kulturschickeria. "That one may smile, and smile, and be a villain" (Hamlet).

War es schon drollig, dass der Spiegel-Chefredakteur K. Brinkbäumer das Land wissen ließ, welches Buch ein Angestellter seines Hauses zu empfehlen nach seiner, Brinkbäumers, Meinung (natürlich nicht wirklich nach seiner, der hatte nie eine) zu unterlassen hat, pflichtet dem nun ein Autor bei, also einer, der sich schon seiner Standesehre wegen eigentlich hinstellen müsste und sagen: Nun ist aber gut, wir leben in einem freien Land, und ein Juror kann jedes Buch empfehlen, das er will, sofern es nicht explizit verboten ist, weil darin zum Beispiel zum Analsex mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten oder zur Ermordung der AfD-Spitze aufgerufen wird. (Sagte ich Standesehre? Geben Sie mir Pardon für meine Neigung, gelegentlich geschmacklose Witze zu reißen...)

Was mag Seibt widerfahren sein, dass aus dem "unerschrockenen Denker" Sieferle ein "erschreckender", aus dem "großen Autor" ein "nicht völlig unbedeutender", also quasi ein Ranggenosse Seibts werden konnte? Haben ihm die Häscher der Reichsschrifttumskammer die Instrumente gezeigt? Hat ihn ein Büttel der Agitationskommission im dunklen Flur der SZ erschreckt? Man muss diesen Leuten, die ja selber nie in einer Dikatur gelebt haben und deshalb wahrscheinlich auch kein Empfinden dafür besitzen, immer wieder unter die Nase reiben, dass sie gerade dabei sind, eine zu errichten, Steinchen auf Steinchen, Denunziatiönchen für Denunziatiönchen,  Verbötlein für Verbötlein, und zwar mit exakt denselben Worten, mit denen zum Beispiel in Honeckers Drecksstaat feindlich-negative Personen traktiert wurden: "Er hat keinen Gegenvorschlag." Wo bleibt das Positive, Genosse? Es gibt eben für manchen keinen Gegenvorschlag zum Sterben, weil er inmitten gewisser Kreaturen nicht länger leben mag.

Ich will hier nicht nochmals über Inhalt und Thesen von "Finis Germania" referieren; jeder Leser dieses Diariums weiß, dass ich ähnlich denke und zu vergleichbaren Folgerungen komme wie Sieferle, allerdings, da ich Kinder habe, weiterleben muss, also zwischen politischer Betätigung, innerer Emigration und Exilvorbereitung changiere. Mit diesem Eintrag werde ich es zum Fall Sieferle bewenden lassen; ich erwarte von den Besuchern meines schöngeistigen Eckladens, dass sie sich selber ein Bild machen – das unverhofft, wenn auch hochverdient zum Bestseller aufgestiege Buch wird gerade nachgedruckt und ist in Kürze wieder lieferbar hier – und auch meinen Einschätzungen zutiefst misstrauen, ja mich auf den rechten Weg zurückzuführen suchen, wenn ich in den Irrgärten meiner Spekulationen und polemischen Übertreibungen auf der Suche nach Letztgültigkeiten herumirre wie Jack Torrance. (Wobei: Am Ende ist er vielleicht sogar ein gutes Vorbild, der Jack...)   MK am 15. 6. 2017

 "Alle sprechen darüber, und das ist das Schlimme daran": Der nächste Sklave distanziert sich von "Finis Germania" (hier). Wieviel abgefeimte Saturiertheit steckt allein hinter dem Vorschlag, der Spiegel-Juror hätte, wenn er über das Buch diskutieren wollte, es doch in seiner Zeitung tun können. Dass Teile des Buchs womöglich nicht von Sieferle stammten, kann nur jemand behaupten, der es nicht gelesen hat oder nichts von Stil versteht (was ich bei Münkler nicht glaube) oder eben eine Proskynese vor wem auch immer zu vollziehen für geboten hält. Ein anderes Mitglied der Jury hat mir erzählt, dass die Kumulation von Punkten explizit als Möglichkeit bestand und sicherlich auch andere Juroren immer wieder so verfahren sind. (Was die peinlichen Einlassungen zum angeblich falschen Latein des Titels angeht, verweise ich auf die lebhafte Diskussion in diesem Diarium am 12. und 13. Juni.) 


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Wenn Sie als Kontrast und zur Abwechslung mal einem Mann zuhören wollen: hier. "For the Postmodernists ist the world a Hobbessian battleground of identity groups, they do not communicate with each other because they can’t. All there is a struggle for power." (Münkler würde das vermutlich sogar unterschreiben, er würde es aber nie sagen).


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Die ganze geifernde Wut gegen das Sieferle-Buch – oh wie gern häte man ihn lebend am Pranger! – zeigt letztlich nur eins: Man will diesem schrumpfenden Volk nicht einmal die Klage über den Verlust seiner Kultur, seiner Heimat und seiner Identität zugestehen.

Weil: Kultur, Heimat und Identität sind bloß "Konstrukte". Zumindest sofern sie mit dem Attribut "deutsch" verunziert sind. Dass der Wahabismus, das Türkentum oder gleich der ganze Islam bloß ein Konstrukte sind, hören wir nie. Manche Kontrukte können nämlich echt wild werden, wenn man sie so nennt.   MK am 16. 6. 2017

Donnerstag, 15. Juni 2017

Eine wichtige Ausstellung

Joachim Fest sagte einmal: "Das Problem sind nicht die Hitlers, sondern die Speers." Sehr richtig. Aber wie sehr Fest mit diesen Worten den Nagel auf den Kopf traf, wusste er vielleicht selbst nicht.

Es gelang Speer nicht nur die Richter des Nürnberger Prozesses an der Nase herumzuführen. Es gelang ihm sogar einen gewissenhafter Historiker vom Range Fests so sehr zu täuschen, zu blenden und durch geschickte Inszenierungen (anfängliches Abstreiten, Tage später dann aus eigenem Antrieb revidierende Eingeständnisse, um gegenüber Fest Wahrhaftigkeit und Gewissenhaftigkeit zu simulieren, wodurch er Fests Vertrauen gewann) so zu manipulieren, dass dieser in bestimmten Richtungen gar nicht erst sorgfältig recherchierte. Hier gelang Speer ein wahres Meisterwerk der Täuschung, denn anders als die Richter in Nürnberg, hatte Fest sehr viel mehr Zeit, um in aller Ruhe zu recherchieren und Speers eklatanteste Behauptungen zu überprüfen.
Dennoch brachten erst die Recherchen anderer Forscher nach Erscheinen von Speers Erinnerungen ans Licht, wie sehr Speer bei den Verbrechen der Nationalsozialisten federführend war.

Fests nachdenkliche - auf den ersten Blick stichhaltig wirkende - Reflexionen über das "Mysterium Speer" (also über dessen vermeintlich unerklärliches, angeblich psychologisch unplausibles Verhalten) spiegeln nur Fests Einfalt wieder. Fest will das Offensichtliche nicht wahrhaben: 1. dass es Speer gelungen war, alle zu täuschen, auch ihn, Fest. Und 2. dass Speer gerade dadurch, dass er seine Rolle über das unmittelbar  notwendige Maß hinaus konsequent durchhielt und dem cui bono einen Tritt versetzte, um so überzeugender hinters Licht führen konnte. Und 3. dass viele Menschen, besonders wenn es ernst wird, am überzeugendsten lügen, wenn sie ihre eigenen Lügen der Einfachheit halber selber glauben. Man braucht sich nur mit einem beliebigen Vertreter der homöopathischen Zunft zu unterhalten, um bei einem sehr viel unverfänglicheren Thema einen Eindruck davon zu bekommen, wie alltäglich Verlogenheit im Gewand der Wahrhaftigkeit auftritt.

Fest sei es gelungen, Speers Vertrauen zu gewinnen, lesen wir in Umschlagklappentexten, Kritiken und Kommentaren, wodurch uns scheinbar ein Blick durchs Schlüsselloch gewährt wird, der direkt ins exclusive Gemach nationalsozialistischer Macht führt.

Das mag bis zu einem gewissen Punkt sogar stimmen. Aber auch Speer gelang es, Fests Vertrauen zu gewinnen, wodurch Speer die Möglichkeit gegeben wurde, uns alle durchs Schlüsselloch hindurch an der Nase herumzuführen, weil Fest ihm auf den Leim gegangen war. So einfach ist das.

Am 15. September 1942 erteilte Albert Speer höchstpersönlich  Baugenehmigungen für das Vernichtungslager Auschwitz.

Tröstend ist am Ende nicht sehr viel. Denn es gibt nun mal keine unfehlbaren Rezepte. Man kann nur geduldig an dem weiterarbeiten, wo Fest sich geduldig Mühe gab und versuchen, der Wahrheit immer näher zu kommen. "Nicht nur der Stärkere überlebt. Auch der Ehrlichere überlebt." schrieb Ernst Jünger.


Mittwoch, 14. Juni 2017

Vielsagend, sehr viel

Zu vermelden ist ein Skandal. Auf Platz neun der "Sachbücher des Monats Juni", ausgeschrieben von NDR und Süddeutscher Zeitung, steht, mokiert sich Letztere, "das Pamphlet 'Finis Germania' des 2016 verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle. Warum?"

Lässt man die Petitesse beiseite, dass es sich bei dem vorgeblichen Pamphlet keineswegs um ein solches handelt, sondern eine göttlich boshafte, beinahe unerträglich scharfe, aber äußert luzide Analyse (siehe meinen Eintrag vom 14. Mai), ist die Antwort simpel: weil irgendeiner der Juroren – oder gar mehrere? – das Buch empfohlen hat.

Im Gegensatz zu Preisrichterkollegien, die in gemeinsamen Sitzungen über einen Buchpreis entscheiden, „senden für die 'Sachbücher des Monats' die Juroren Listen mit Punkten für einzelne Bücher ohne gemeinsame Aussprache ein. So wenig wie für das Publikum ist für die Juroren am Ende kenntlich, wer welchem Buch wie viele Punkte gegeben hat, ja, warum ein Buch überhaupt Eingang auf die Liste fand", beschreibt die Süddeutsche den Modus vivendi. Offenkundig kam auf diese Weise bislang verlässlich eine Ligatabelle des Nichtanstößigen zustande. Die meisten Verlage achten ja ohnehin darauf, dass anstößige Titel gar nicht erst erscheinen.

Im Grunde lief es auch diesmal so. Auf den ersten und zweiten Platz der Juni-Liste wählten die Juroren in schläfriger Routine die Bücher "Der neue Bürgerkrieg. Das offene Europa und seine Feinde" und "Trump! POPulismus als Politik" (wobei sie angesichts der baumschulenhaften Ähnlichkeit der Titel, Thesen und Autorentemperamente natürlich schon aufpassen müssen, dass sie nicht versehentlich ein Buch empfehlen, welches schon im vergangenen Monat auf der Liste stand). Auf Platz 3 landete Dieter Borchmeyers achtbar-fleißige Collation "Was ist deutsch?" Ein "Atlas der Umweltmigration" auf Platz vier stellte sogleich wieder Kontinuität her und gab auf Borchmeyers Frage die gültige Antwort: Deutsch ist, in der Schraubzwinge zwischen den Agenten des offenen Europa und den Umweltmigranten eingequetscht so lange gegen den Populismus zu kämpfen, bis eintritt, was das versehentlich auf Platz neun gelandete Buch beschreibt, welches also gewissermaßen die Pointe verrät. Und das macht man doch nicht.

"Wer innerhalb der NDR/SZ-Jury für 'Finis Germania' votiert hat, ist unklar", notiert die SZ. Die Ermittlungen laufen aber auf Hochtouren.
Aufschlussreich ist die Stellungname von Andreas Wang, Mitglied der Jury und ihr verantwortlicher Redakteur, welcher der SZ anvertraute: "Die Jury der Sachbuchbestenliste ist ganz und gar nicht glücklich über die Platzierung des Buches von Sieferle auf unserer Liste." – Wie mag es dann dorthingekommen sein, wenn "die" ganze Jury unglücklich ist? – "Einstimmigkeit herrscht darüber, dass jedes Jurymitglied frei ist, seine Meinung durch die Vergabe von Punkten kundzutun, und niemand ist bereit, einen Eingriff hinzunehmen." – Niemand hat die Absicht, einen Eingriff anzukündigen! – "Wir akzeptieren jedoch keine Instrumentalisierung dieser Liste durch gezielte Platzierung." – Gezielte Platzierungen? Wird sonst um die Reihenfolge gewürfelt? Oder naheliegenderweise gleich ein Automat bemüht? – "In diesem Fall fühlen wir uns verpflichtet, den Juror oder die Jurorin, von dem die Platzierung stammt, zum Rücktritt aufzufordern beziehungsweise ihm seine weitere Mitarbeit zu versagen." – Wir erinnern uns: Jedes Jurymitglied ist frei, und niemand ist bereit, einen Eingriff hinzunehmen. – "Im Übrigen werden wir das Verfahren der listenmäßigen Platzierung derart erneuern, dass keine Platzierung eines einzelnen Mitglieds der Jury möglich ist."

Verstanden? Jeder Juror ist frei in seiner Entscheidung, welche Bücher er auswählt, aber wenn er ein falsches Buch empfiehlt, schmeißen wir ihn raus. Damit das künftig gar nicht erst passieren kann, ändern wir jetzt das Verfahren. Es sei nämlich "Zeit, über die Entgrenzung nach rechts im Feuilleton zu reden", empfahl ein wachsamer Grenzposten der taz – und meinte keineswegs: reden. "Ich gebe zu", sagte Juryvorsteher Wang dem knuffigsten aller oppositionsfeindlichen Blätter, "dass das Buch die Liste nicht gerade ziert."

Der Hüter der Listenreinheit mag beruhigt sein: Die restlichen Posten seines Rankings, all diese Saison-Autoren, werden rasch vergessen sein. Dann funkelt "Finis Germania" so allein für sich, wie es einem solchen Kleinod geziemt. Der eigentliche Skandal ist ja der neunte Platz.


PS: Der NDR teilt mit, dass man sich von dem in diesem Monat auf Platz neun der "Sachbücher des Monats" gelisteten Werk "entschieden distanziert". Der Sender werde die Liste nicht länger veröffentlichen und mit der Jury nicht mehr zusammenarbeiten. Wahrscheinlich aber nur, bis der Schuldige gefunden und in Schanden aus der Volksgemeinschaft, wenigstens aber aus dem Preiskomitee gejagt worden ist.

PPS: Wenn Sie ein Exemplar von "Finis Germania" erwerben wollen – und sei es auch nur, um es auf dem Berliner Opernplatz den Flammen zu übergeben – dann klicken Sie hier.


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Ich bin mehrfach gefragt worden, warum der Titel von Sieferles Buch nicht, wie zu erwarten, "Finis Germaniae" heißt. Ein Freund des Verblichenen schrieb dazu: "RPS war ein Liebhaber der lateinischen Sprache. Der Titel  ist ganz sicher mit Bedacht gewählt. Heinsohn hat seine Reflexionen zu Deutschland mit 'Finis Germaniae' betitelt. RPS wollte sich vermutlich mit 'finis germania [est]' davon absetzen. Finis + Nomen im Nominativ gibt es häufiger, z.B. auch bei 'avaro est finis pecunia'."  MK am 12. 6. 2017

 Die Causa Sieferle geht, wie gesagt wird, in die nächste Runde. Beginnen wir diesmal gleich mit dem vorläufigen Zwischenresultat: "Als ich vorhin 'Finis Germania' bestellen wollte", schreibt Leserin ***, "hieß es in beiden Buchhandlungen 'nicht lieferbar'. Seltsam, oder?" Ich würde eher sagen: folgerichtig. Aber – gepriesen sei die Restmarktwirtschaft – im Verlag kann man das eminente Bändchen nach wie vor ordern. Die Zwischenhändler freilich sind derzeit blank. Auf amazon kletterte "Finis Germania", obwohl es dort nur second hand angeboten werden darf, auf Platz 1. Und wer Sinn für Komik besitzt angesichts der Tatsache, welche Bücher hier und heute außerhalb des Samisdats nicht mehr verlegt oder auf dem üblichen Wege gekauft werden können, wird sich daran erfreuen, dass die Süddeutsche in derselben Ausgabe, in welcher sie zur Hatz auf das Sieferle-Buch und dessen Empfehler in der Sachbuch-Jury blies, unter der Spitzmarke "Zensur" einen Artikel veröffentlichte, in dem der "Parthenon of Books", ein "Tempel aus verbotenen Büchern", zu einem "Mahnmal für die globale Meinungsfreiheit" und einem "Höhepunkt" der Kasseler Documenta erklärt wird (hier). Das nennt man, glaube ich, kognitive Dissonanz. Und das erklärt auch einen guten Teil der – natürlich bloß rein verbalen – Aggressivität, mit welcher deutsche Journalisten inzwischen agieren.

In der Jury für das "Sachbuch des Monats" konnte man indes aufatmen: Der Maulwurf, der Unhold, jener Journalist, der Sieferles Buch zu empfehlen wagte, hat sich dank des wachsenden Nachstellungsdrucks zu erkennen gegeben und seinen Rückzug aus dem Gremium erklärt. "Redakteur des Spiegel gab rechtsextreme Leseempfehlung", verkündete nicht ohne Triumph die FAZ. "Es ist Johannes Saltzwedel vom Spiegel, der auch schon Bücher über die Germanen veröffentlicht hat", steuerte die Welt ihren Teil zur Aufklärung bei, um sodann einzuräumen: "Keiner der Juroren kann erfreut darüber sein, einer Jury anzugehören, von deren Arbeit sich öffentlich-rechtliche Stellen in Deutschland distanzieren müssen." Aber ein Komitee, das sich so schnell zu säubern versteht, bekommt gewiss eine zweite Chance. Kollektive Selbstverpflichtungen und strenge Verfahrenskontrollen werden dafür sorgen, dass eine weitere nicht erforderlich sein wird.

Nun kommt der FAZ-Journalist Jan Grossarth ins Spiel, der sich um das Renommee Sieferles schon erhebliche Verdienste erworben hat, denn der Kitzel der subversiven, gegen die Dekrete der Partei- und Staatsführung gerichteten, die Staatsicherheit auf den Plan rufenden Lektüre ist in weiten Teilen des Volkes plötzlich wieder en vogue. Grossarth sieht seine Weltsekunde des Wahrgenommenwerdens gekommen, weshalb er sich mit der Maximalforderung bläht: "Womöglich enthält das Buch strafbare Inhalte. Die begriffliche Verbindung von Auschwitz und 'Mythos' weist eine Nähe zum strafbaren Ausdruck der 'Auschwitz-Lüge' auf" (hier). Strafverfolgung! Da beginnt doch die Cowpersche Drüse jedes Denunzianten vorfreudig zu nässen!

Allerdings ist zunächst einmal ein "Ausdruck" namens "Auschwitz-Lüge" nicht strafbar, sonst wäre unser journalistischer Ermittler ja selber dran. Sodann ist der Begriff "Mythos" vom Terminus "Lüge" ungefähr so weit entfernt wie der Kosename "Grossarth" von einer unbegreiflich ungerecht verteilten Gottesgabe namens "Geist" (aber, liebe Kinder, die FAZ war tatsächlich mal ein Intelligenzblatt). Und wie war das gleich mit dem "Gründungsmythos der Bundesrepublik", den ein Joschka "Jockel" Fischer... – egal. Gehen wir lieber nochmals in medias res, damit Sie, geneigter Leser, entscheiden können, ob es sich im Falle dieses FAZ-Autors um einen bedauernswerten Dummkopf handelt, der nicht imstande ist, Sieferles Texte zu verstehen und angemessen wiederzugeben, oder bloß um einen Lumpen.

Was hat es also mit der so lüstern präsentierten Verbindung von "Mythos" und "Auschwitz" bei Sieferle auf sich? Der Historiker hat geschrieben:

"Jede Geschichtskonstruktion ist das Werk einer Gegenwart, die damit bestimmte ideologische Ziele verfolgt, nach Sinn sucht oder konkrete Freund-Feind-Verhältnisse feststellen möchte. Bei dem heute so populären Auschwitz-Komplex handelt es sich offenbar um den Versuch, innerhalb einer vollständig relativistischen Welt ein negatives Absolutum zu installieren, von dem neue Gewißheiten ausgehen können. 'Auschwitz' bildet insofern einen Mythos, als es sich um eine Wahrheit handelt, die der Diskussion entzogen werden soll. Dieser Mythos hat allerdings einen wesentlich negativen Charakter, da dasjenige als Singularität fixiert werden soll, was nicht sein soll. Daher trägt die sich auf diesen Komplex stützende politische Bewegung auch einen negativen Namen: Antifaschismus."

Und: "Der Nationalsozialismus, genauer Auschwitz, ist zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden. Ein Mythos ist eine Wahrheit, die jenseits der Diskussion steht. Er braucht sich nicht zu rechtfertigen, im Gegenteil: Bereits die Spur des Zweifels, die in der Relativierung liegt, bedeutet einen ernsten Verstoß gegen das ihn schützende Tabu. Hat man nicht gar die 'Auschwitzlüge' als eine Art Gotteslästerung mit Strafe bedroht? Steht hinter dem Pochen auf die 'Unvergleichlichkeit' nicht die alte Furcht jeder offenbarten Wahrheit, daß sie verloren ist, sobald sie sich auf das aufklärerische Geschäft des historischen Vergleichs und der Rechtfertigung einläßt? 'Auschwitz' ist zum Inbegriff einer singulären und untilgbaren Schuld geworden."

Wo lugt hier die "Lüge"? Offenkundig einzig aus den Zeilen des Pressbengels.

Welcher stracks die nächste Unterstellung nachschiebt: "Die indigenen Deutschen müssen sich demnach dringend wehren. Sieferle schrieb, bevor er sich im Herbst 2016 das Leben nahm: 'Ultima ratio der Politik ist der Krieg: die Bereitschaft zur Selbsthingabe des Individuums für eine höhere Sache, für eine Gemeinschaft, zum Opfertod.'"

Im Buch beschreibt Sieferle den Übergang von "Politik" im traditionellen Sinne zum heutigen vielverwobenen und -vernetzten und keineswegs nur Journalisten verwirrenden "System": "Politik gehört einer älteren Daseinsschicht an, geordnet in Hinblick auf Staat und Geschichte, kristallisiert in Staatsmännern, Führern und Ideologen. Es gibt in ihr Programme, Werte und Ziele. Gefordert sind Tugenden und Einsätze, die sich auf ein übergeordnetes Ganzes richten. Ultima ratio der Politik ist der Krieg: die Bereitschaft zur Selbsthingabe des Individuums für eine höhere Sache, für eine Gemeinschaft, zum Opfertod.
System ist die Eigenschaft neu heraufziehender Ordnungen von höherer Komplexität, welche die Politik sukzessive verdrängen. Systeme organisieren sich ohne Fokus, ohne Werte, Ziele und Programme. Ihre einzige Maxime lautet: Freiheit und Emanzipation für die Individuen. Tugend und Opfer sind Anachronismen, Kriege bloße Konfliktkatastrophen, die es durch geschicktes Management zu verhindern gilt. Ordnung wird durch selbsterzeugte Zwänge der Objektivität geschaffen, nicht aber durch normierende Ausrichtung. Die Strukturen der Systeme sind für die Individuen so unentrinnbar wie ein Magnetfeld für Eisenspäne. Sie 'wissen' nichts davon, doch fügen sie sich den vorgezeichneten Bahnen. Die wichtigsten Vorgänge werden nicht gesteuert und sind kaum theoretisch faßbar.
System hat sich in den fortgeschrittenen 'westlichen' Ländern weitgehend durchgesetzt."

In zwei Absätzen löst sich die vermeintliche Aufforderung zum Opfertod, die, sofern von islamischer Seite erhoben, von diesen schreibenden Hasenfüßen verständnisvoll unbeplärrt bleibt, in Nichts auf. Was meinen Sie, geduldiger Leser: Ist der Herr Grossarth nun zu dumm, solchen Gedankengängen zu folgen (man hört ja so einiges über die Qualität der nachrückenden Journalistenjahrgänge, und was man zu lesen bekommt, o là là) –, oder ist er bloß niederträchtig?

Wem praktisch jedes Argument fehlt, der braucht kollegialen Beistand. Die Autoren kommen und gehen, der Duktus bleibt derselbe. In einem weiteren und gewiss nicht dem letzten Artikel der "Zeitung für Deutschland" zum Thema heißt es:

"'Die Schuld der Juden an der Kreuzigung des Messias wurde von diesen selbst nicht anerkannt. Die Deutschen, die ihre gnadenlose Schuld anerkennen, müssen dagegen von der Bildfläche der realen Geschichte verschwinden.' Ein typischer, ein antisemitischer Satz des späten Rolf Peter Sieferle." Schreibt diesmal Grossarths Kollege und seit heute sogar Kumpan Hannes Hintermeier, im FAZ-Feuilleton verantwortlich für "Neue Sachbücher". Es ist derselbe miese Stil des aus dem Zusammenhang Zitierens, der einem Intellektuellen eigentlich peinlich sein müsste, aber offener Meutendruck und unterschwellige Existenzangst – ohne staatliche Finanzhilfen wird kaum eine dieser Gazetten die nächste Dekade überleben – fressen das Schamgefühl wahrscheinlich einfach auf. Im Übrigen belehrt die Lektüre des Babylonischen Talmud darüber, dass die jüdische Tradition diese Schuld, die ja gar keine ist – es wurde schließlich ein Gotteslästerer für ein todeswürdiges Verbrechen bestraft –, nicht nur anerkennt, sondern stolz auf sich nimmt, aber diesen Nebenkriegsschauplatz machen wir hier nicht auf, zumal nicht gegen Ungebildete. (Wer mehr darüber lesen will, möge sich zu meinem Eintrag vom 4. September 2016 durchscrollen.)

Bringen wir nun, der Hermeneutik ebenso verpflichtet wie der Moral, die zitierte "Stelle" halbwegs in den Textzusammenhang – die gesamte metaphysisch-psychopolitische Spekulation ist zu lang, um sie hier in Gänze zu zitieren, aber Sie können das Buch ja beim Verlag – hier – bestellen. O-Ton Sieferle:

"Der Deutsche, oder zumindest der Nazi, ist der säkularisierte Teufel einer aufgeklärten Gegenwart. Diese mündig und autonom gewordene Welt benötigt ihn als eben die Negativfolie, vor der sie sich selbst rechtfertigen kann. Insofern besteht eine hohe Affinität zwischen dem Deutschen und dem Juden, wie er in der christlichen Vergangenheit gesehen worden war: Das zweite große Menschheitsverbrechen nach dem Fall Adams war die Kreuzigung Christi. Diese Untat wurde zwar sogleich durch die Auferstehung und Erlösung wieder aufgehoben, doch hatte die Erlösung zumindest eine minimale Voraussetzung: den Glauben. (...)
Die Juden teilten selbst nicht die Bewertung, die ihnen seitens der Christenheit widerfuhr, während die Deutschen die ersten sind, ihre unauflösliche Schuld zuzugeben – wenn dies auch gewöhnlich in der Weise geschieht, daß derjenige, welcher von der Schuld oder 'Verantwortung' der Deutschen spricht, sich selbst zugleich von dieser reinigt, da die Anerkennung der Schuld immer nur mit Blick auf die Verstockten, d.h. die anderen, ausgesprochen wird. Die Schuld Adams wurde heilsgeschichtlich vom Opfertod Christi aufgehoben. Die Schuld der Juden an der Kreuzigung des Messias wurde von diesen selbst nicht anerkannt. Die Deutschen, die ihre gnadenlose Schuld anerkennen, müssen dagegen von der Bildfläche der realen Geschichte verschwinden, müssen zum immerwährenden Mythos werden, um ihre Schuld zu sühnen. Der ewige Nazi wird als Wiedergänger seiner Verbrechen noch lange die Trivialmythologie einer postreligiösen Welt zieren. Die Erde aber wird von diesem Schandfleck erst dann gereinigt werden, wenn die Deutschen vollständig verschwunden, d.h. zu abstrakten 'Menschen' geworden sind. Aber vielleicht braucht die Welt dann andere Juden.“

Zu erklären, was daran antisemitisch sein soll, würde sogar einen knalldeutschen Habitatsnazi überfordern, der sich vor 70 Jahren an der Jagd auf, Sie wissen schon wen, beteiligt hätte. Und erst recht den Herrn Hintermeier! Aber begründen ist ja unnötig. Man kann es, den Zeitgeist und seine Vollstrecker hinter sich wissend, auch durch Behaupten, Entstellen und Denunzieren erledigen. Dass der Sachbuchverantwortliche der FAZ allerdings, und sei es nur aus Kumpanei, unter seinem Namen folgendes drucken lässt:

"Dreißig Miszellen Sieferles hat der Verlag unter dem Titel ‚Finis Germaniae’ (sic!) zusammengekehrt, ebenso ekelhafte wie stellenweise unverständliche Endzeitdiagnostik, die nicht weiter erwähnenswert wäre, hätte sich das Büchlein nicht plötzlich auf der (...) Liste 'Sachbücher des Monats' wiedergefunden",

das ist in der Tat ekelhaft und vor allem aus der Froschperspektive eines Feuilletonisten, der nie einen eigenen Gedanken gedacht und nie einen Satz geschrieben hat, der nur ihm gehört, grotesk unangemessen. Vermutlich hat er nicht einmal das Buch gelesen und sich von seinem Kumpan sagen lassen, was er davon zu halten hat und was er zitieren soll. Ansonsten hätten wir es mit dem feuilletonistischen Pendant eines Sportredakteurs zu tun, der nicht in der Lage ist, eine Champions League-Partie von einem Spiel der A-Junioren zu unterscheiden.  


                              ***


"Und es war, als sollte der Ekel ihn überleben." (Nach Kafka).


                              ***


"Sehr geehrter Herr Klonovsky,
ich sitze gerade für mein Studium vor der lateinischen Grammatik und gehe meinem anfänglichen Verdacht nach, den ich bereits bei Erscheinen des Buchs hatte:
Germania steht als Adjektivattribut. Das Attribut wird nämlich in der Regel nachgestellt. Vorangestellt werden:
Quantitätsattribute (magnus, tantus, summus, multi, decem),
Demonstrativpronomina,
die geographische Apposition  (urbs, oppidum, provincia, mons, flumen),
rex und imperator (Kaiser).
Abweichungen von der gewöhnlichen Stellung heben hervor. (Hermann Throm. Lateinische Grammatik. Berlin 2008, S. 116.)
Es heißt also 'Das deutsche Ende'.

PS: Als Apposition im wörtlichen: Das Ende das Deutsche. Also auch 'Das deutsche Ende'."   MK am 12. 6. 2017


"In eigener Sache" hat sich der Spiegel zur "fragwürdige(n) Nominierung eines rechtslastigen Buches für die 'Sachbücher des Monats'" zu Wort gemeldet, denn sie wurde vollzogen von einem Redakteur des früheren Nachrichtenmagazins, der inzwischen aus der Jury zurückgetreten ist (siehe meine beiden gestrigen Einträge inmitten meiner ewiggestrigen). Der Betriebsparteisekretär des Spiegel, Klaus Brinkbäumer, erklärte: "Ich habe nach der Lektüre der wesentlichen Kapitel kein Verständnis dafür, dass der Kollege Saltzwedel dieses Buch empfohlen hat, und wegen des entstandenen Schadens begrüße ich seinen Rücktritt aus der Jury."

Neben der Anstrengung zur intellektuellen Redlichkeit, die darin besteht, die "wesentlichen Kapitel" eines immerhin knapp hundertseitigen Buches gemeistert zu haben, muss vor allem die Charakterfestigkeit Brinkbäumers gelobt werden, der mit seinem mutigen Bekenntnis zur Verständnislosigkeit das zarte Pflänzchen der Vorzensur gegen die Straße und gegen das Wutbürgertum verteidigt. Brinkbäumer mag innerlich auch schwer mit sich gerungen haben, bevor er sich schützend gegen seinen Kollegen stellte. Aber was außer Charakter sollte einen Mann von so bescheidenen Talenten in eine so verantwortungsvolle Position gebracht haben?


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"Es gab Zeiten, da man die Sklaven legal kaufen mußte."

"Hört ihr das Gestammel? Das sind die Chöre der Mitlaute nach der Extermination der Selbstlaute."

"Satiriker, pfeift auf Worte. Laßt Zahlen sprechen!"

"Seinem Mund entfliehen die edelsten Worte. Wundert euch das?"

"Positive Helden müssen nicht erst erschaffen werden; es genügt, sie zu nominieren."

"Es gibt Stücke, die so schwach sind, daß sie aus eigener Kraft nicht vom Spielplan herunter können."

"Auch fremdes Analphabetentum macht das Schreiben schwer."

"Viele verschweigen in den Lebensläufen ihr Nichtvorhandensein."

"Die Teufel haben von der Vergesellschaftung der Gegenwart erfahren und wollen nun keine Pakte mehr mit Privatpersonen schließen."

"Die meisten Maulkorbträger sind davon überzeugt, sie trügen Visiere."

Stanisław Jerzy Lec
(Man muss wohl wieder vermehrt Autoren zitieren, die unter sozialistischen Verhältnissen schrieben.)

Einer noch: "Ich werde ständig gefragt: 'Schreiben Sie auch größere Sachen?' – 'Nein', antworte ich, 'nur große.'"


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Emmanuel Macron, der sieghafte Sunnyboy mit dem Zukunftsabo, Trump-Dompteur und Populistenbezwinger, errang eine Mehrheit von 32 Prozent der Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 48,7 Prozent. Theresa May, die ihr Land ins Gestern der Souveränität führen will, erlebte ein Desaster mit 42,4 Prozent bei einer Wahlbeteiligung von 68,7 Prozent.


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Der schlimme Historiker und Universalgelehrte Rolf-Peter Sieferle, der sich dem Volksgerichtshof durch Freitod entzogen hat, verbreitete in seinen beiden letzten Büchern "rechtslastige Verschwörungstheorien", verlautbart seit ca. 24 Stunden die Wahrheits- und Qualitätspresse. Vor allem die rechtslastige Verschwörungstheorie, die deutsche Bevölkerung werde sukzessive gegen eingewanderte Völkerschaften ausgetauscht.

Im Hamburger Stadtparlament wurde diese rechtslastige Theorie schon vor anderthalb Jahren und interessanterweise von der grünen Abgeordneten Stefanie von Berg weniger verkündet denn als Tatsache konstatiert. "Unsere Gesellschaft wird sich ändern. Unsere Stadt wird sich radikal ändern", sagte die grüne Verschwörungstheoretikerin. "Ich bin der Auffassung, dass wir in 20, 30 Jahren gar keine ethnischen Mehrheiten mehr haben in der Stadt. Das ist auch das, was Migrationsforscherinnen und -forscher sagen." Wir werden dann in einer "superkulturellen Gesellschaft" leben, und, das sage sie "speziell in Richtung rechts" – also dorthin, wo die Theorie angeblich herstammt –, das sei "auch gut so"!

Merke(l): Nicht dass der "große Austausch" stattfindet, ist eine Verschwörungstheorie – sonst wäre es ja auch eine, dass die Erde um die Sonne kreist –; erst wenn "Rechte" behaupten, dass die Erde um die Sonne kreist, ist es eine.
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Weil im Fall Sieferle ständig auf Antisemitismus angespielt wird (auf rein papiernen, gegen den zu agitieren keinen Mut erfordert): Niemand hat in der deutschen Nachkriegsgeschichte mehr für den Antisemitismus getan als Angela Merkel mit ihrer Willkommenskultur bzw. -barbarei. Die Merkel-CDU ist die größte Antisemiten-Importspedition der deutschen Geschichte. Die echten Neonazis werden der Kanzlerin für diese unverhoffte Blutzufuhr an zumindest in diesem Punkte Gleichgesinnten ewig dankbar sein.

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"Aber warum sollten wir der Jugend nicht auch klar sagen, daß sie sich zu Recht Sorgen macht darüber, wenn unter dem Motto der Vielfalt Konterrevolutionäre versuchen, ihr Süppchen zu kochen?" Schau an, die Margot Honecker, vor exakt 28 Jahren.


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Hier endet der populäre Teil und es geht weiter mit den Lateinern zur Diskussion um die korrekte Übersetzung von "Finis Germania":

Leser *** notiert: "Der Schreiber, der die Lösung des Problems, das uns der Autor des vorgestellten Buches hinterlassen hat, indem er sich standhaft geweigert hat, den naheliegenden Genitiv zu verwenden, dergestalt vorgeschlagen hat, dass es sich um ein Adjektiv handele, das sehr schön zu finis (das hin und wieder einmal feminin sein KANN) passen würde, unterliegt, so fürchte ich, einem Irrtum, denn das Adjektiv deutsch heißt im Lateinischen nicht Germanius, sondern meines Wissens Germanicus, seltener Germanus o. germanicianus, sodass der vorgeschlagene Ausdruck dann finis Germanicus oder Germanica heißen müsste, seltener finis Germana o. finis Germaniciana. Germania ist aber das Nomen Deutschland und sonst nix.

Die korrekte Übersetzung ist schlicht und einfach: Grenze Deutschland.

Wie weit der Interpretationsrahmen antiker Sprachen gehen kann, beweist aber eine andere grammatisch mögliche Übersetzung, die den im Lateinischen häufigen Nominalsatz annimmt, in dem zB Germania das Subjekt und finis das vorangestellte Prädikatsnomen ist, was übersetzt werden kann als Deutschland ist das Ultimative oder das Ziel, sogar Deutschland ist das Ende ist möglich. Oder umgekehrt, das Ziel ist Deutschland, denn Subjekt und Prädikatsnomen stehen beide im Nominativ und sind somit austauschbar. Ein Schelm, wer für möglich hält, dass der Autor eine ebensolche Schelmerei beabsichtigt haben könnte. Oder ein humanistisch Gebildeter, der für möglich hält, dass auch andere eine humanistische Bildung genossen  haben. Wenn er uns sehen kann, wird er seinen verdienten Spaß an unseren Bemühungen haben."

Und, ad ultimum.Leser ***:
"Also ab in die zweite Runde in Sachen 'Finis Germania' (ich beziehe mich auf den Leser, den Sie in der Fortsetzung zum 12. Juni zitieren): Die Conclusio, zu welcher der Student auf der Grundlage des von ihm referierten Grammatik-Passus gelangt, ist Unfug. Zunächst einmal: Adjektivattribut kann 'Germania' hier schon allein deshalb nicht sein, weil 'Germania' kein Adjektiv, sondern ein Eigenname, genauer gesagt ein Toponym ist. Die von dem Leser gesehene Apposition 'Das Ende das Deutsche (sic!)', von der er dann flott zur adjektivischen Konstruktion 'Das deutsche Ende' hüpft, ist ebenfalls Unsinn, denn erstens kann 'Germania' niemals 'das Deutsche' heißen und zweitens soll hier ja nicht 'das Ende' näher bestimmt/qualifiziert, sondern vielmehr über Deutschland etwas ausgesagt werden, nämlich: 'das ist das Ende, der Untergang Deutschlands. Mit Adjektivattribut hieße unser Syntagma übrigens: 'Finis Germanicus' (oder: 'Finis Germanus'), zur Not auch noch: 'Finis Germanica/Germana', aber eben niemals 'Finis Germania' ('finis' ist überwiegend maskulin, selten feminin).

Für 'Finis Germania' gibt es nur zwei plausible Lesarten: Entweder man liest 'finis' als Verbform (2. Person Singular) und 'Germania' als Vokativ und erhält: 'Du gehst unter (endest) Deutschland!', oder man betrachtet 'finis' als Substantiv ('Germania' bleibt in jedem Falle Vokativ) und gelangt so zu: 'Das/dein Ende (der/dein Untergang), Deutschland!' (wie gesagt, im antiken Latein wurden keine Satzzeichen verwendet)."  MK am 13. 6. 2017

Deutschland als Ziel, Zweck, Grenze und Ende

Bild-Zeitung dauerhaft besser als FAZ

In die Doku „Der Haß auf Juden in Europa“ steckten der WDR und Arte rund 165.000 Euro an Gebührengeldern. Nach Fertigstellung der Produktion weigerten sich aber sowohl der deutsch-französische Kultursender als auch der Westdeutsche Rundfunk das Material zu veröffentlichen, da es nicht ausgewogen sei. Umso verdienstvoller, daß die Bild-Zeitung am Dienstag den Film öffentlich machte. Der objektive Zuschauer wird sich nach dem Ansehen der 90-Minuten-Doku über den Vorwurf mangelnder Ausgewogenheit die Augen reiben.  JF

"Nur wer mit den Juden schreit, darf auch gregorianisch singen!" Dietrich Bonhoeffer

Die Nichtausstrahlung des Dokumentarfilms "Auserwählt und ausgegrenzt. Der Hass auf Juden in Europa" auf Arte – Henryk Broder hat die Argumente des Senders hier entzückend untersucht – ist nur ein Beispiel bzw. Indiz für einen mählich einsetzenden Trend. Dass ein jüdischer Teenager eine Berliner Schule verlässt, weil er das Gemobbtwerden durch seine muslimischen Mitschüler nicht mehr erträgt, und die Sache ohne Widerhaken durch die Medien flutscht, ein anderes. Die Masseneinwanderung verschiebt allmählich das Gefüge in diesem Land. Wie Eisenspäne in einem sich verändernden Magnetfeld orientieren sich die Wortführer neu. Einstige Hätschelkollektive des Zeitgeistes verlieren zwischen den Kondensatorplatten der neuen Kultursensibilität – zwischen Einknicken und Feigheit – ihren Schutzstatus.

Noch vor einem Lidschlag des Weltgeistes galten Gewalt gegen Frauen und sexuelle Belästigung von Frauen im Lande der Brüderles und Kachelmanns als Sakrilegien sondergleichen. Gelten sie zuweilen heute noch, etwa wenn die Täter Bundeswehrangehörige sind; dann dürfen ihre Delikte sogar erfunden und phantasievoll pornografisch ausgeschmückt werden. Nicht aber in den Arealen der Nafris, Araber und anderer frisch importierter Toleranzadressaten: Dort sind sexistische Bekleidungsvorschriften ebenso legitim wie Ehen mit Minderjährigen, und wenn eingeborenen Mädels belästigt, vergewaltigt, gegangbangt oder über die Wupper geschafft werden, üben sich sowohl das Feminat als auch die journalistischen Lautsprecher in weiser Zurückhaltung, wegen "Kein Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten" und so. Vergleichbares (also schon oft Gang, aber ohne zumindest diesen Bang) erleben zunehmend oft Schwule. Und nun eben Juden. Nicht dass man den inzwischen greisen Horst Mahler nicht nochmals einsperren würde, nicht dass man keine Antisemitismusvorwürfe gegen Eingeborene erhöbe, oft sogar ohne Grund, aber sobald der importierte, handfeste, auch für den Ankläger gefährliche, in anderen europäischen Ländern längst blutige Judenhass sich zeigt, erlischt die Aufmerksamkeit, sinkt die Hysteriebereitschaft gen Null. Kein Grund, Skandal! zu rufen.  MK am 16. 6. 2017

Montag, 12. Juni 2017

Ronald Reagan Boulevard

Da war wohl der Wunsch Vater des Gedankens: An der Reaktion des Publikums habe man erkennen können, daß die Rede des amerikanischen Präsidenten „keine tiefgründige Wirkung hinterlassen werden.“ Sein Auftritt habe „einmal mehr seine zunehmende Führungsschwäche verdeutlicht.“ So schrieb der Staatssicherheitsdienst der DDR über den Besuch Ronald Reagans in Berlin und seinen legendären Ausspruch: „Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!“ vor dem Brandenburger Tor, heute vor 30 Jahren, am 12. Juni 1987.
Damit im Ostteil der Stadt niemand die in Wahrheit 28 mal von Applaus unterbrochene Rede mitbekommt, hatten die „Organe“ die Zugänge in Richtung Brandenburger Tor streng reglementiert. Denn ein paar Tage früher was es dort bereits zu „Provokationen feindlich-negativer Kräfte“ gekommen. Auf östlicher Seite an der Mauer hatten sich zahlreiche Jugendliche versammelt, um einem dreitägigen Rockkonzert vor dem Reichstag zuzuhören. Volkspolizei und Stasi fürchteten einen Sturm auf die Mauer und gingen deswegen massiv gegen die jungen Rockfans vor. Die reagierten mit Sprechchören wie „Die Mauer muß weg!“ und „Mauer nieder!“
Zwischenfall im Ostteil
Reagan war also nicht allein mit seiner Forderung nach einem Ende der Teilung. Den linken Demonstranten im Westen, von denen der radikalere Teil bereits am Vorabend Teile Kreuzbergs verwüstet hatte, rief Reagan damals (abweichend von seinem Redemanuskript) zu: „Ich frage mich, ob Sie sich je darüber Rechenschaft abgelegt haben, daß es unter einer Regierung, wie Sie sie anscheinend anstreben, niemals wieder jemandem möglich wäre, daß zu tun, was Sie gerade tun.“
Als der US-Präsident schon längst nicht mehr vor Ort, sondern mit der „Air Force One“ unterwegs zurück nach Bonn war, kam es doch noch zu einem Zwischenfall im Ostteil der geteilten Stadt: ein junger Busfahrer, der einen Ausreiseantraggestellt hatte, stellte seinen Gelenkbus mitten auf der Kreuzung vor dem Brandenburger Tor ab, verriegelte die Türen, schaltete den Warnblinker ein und blockierte den Verkehr.
Nachdem es den Vopos gelungen war, den Fahrer festzunehmen, sagte der anschließend in der Vernehmung, er habe mit dieser Aktion der Forderung Reagans, die Mauer zu öffnen, zustimmen und ein Signal setzen wollen. Offenbar vergeblich. „Eine Öffentlichkeitswirksamkeit war nicht gegeben, da die Zusammenhänge für Außenstehende nicht erkennbar wurden“, notierte die Stasi.
Reagan traf Trümmerfrauen
Weit weniger öffentlichkeitswirksam als die historische Rede des amerikanischen Präsidenten blieb auch ein anderer Programmpunkt seines Besuchs heute vor 30 Jahren. Beim Besuch im Reichstag traf Reagan nicht nur Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundestagspräsident Philipp Jenninger, sondern auch sechs Trümmerfrauen. Sie beeindruckten den Staatsgast offenbar. „Met several elderly ladies, who had been part of the female force that cleaned bricks from the rubble and played a role in Berlin´s rebuilding“ notierte Reagan in sein Tagebuch.
Bei der DDR-Staatssicherheit gab es dagegen noch andere Aufzeichnungen. Dort hatte man im Vorfeld der Reagan-Visite die Einschätzungen von US-Diplomaten abgefangen, die nicht mehr davon ausgingen, die DDR könne im Jahr 2000 zusammenbrechen. Man rechne vielmehr „mit einer wesentlich schneller eintretenden Schwäche, da der Bindungsgrad der Masse der DDR-Bevölkerung an ihren Staat sehr gering und der Drang nach westlichen Verhältnissen sehr groß“ sei. Auch Reagan war dieser Überzeugung. „Die Mauer wird der Freiheit nicht standhalten“, so schloß er seine Rede am 12. Juni 1987. Nicht wenige deutsche Kommentatoren kritisierten ihn damals dafür. Nicht zeitgemäß seien seine Worte gewesen – und jenseits aller Realitäten …
Vielleicht hat deswegen die deutsche Hauptstadt noch keine Straße, die dem 40. Präsidenten der USA gewidmet ist. Pünktlich zum 30. Jahrestag der „Tear-down-this-wall“-Rede fordert die AfD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, eine Hauptverkehrsstraße nach dem 2004 Verstorbenen zu benennen. Er habe „mit seiner unnachgiebigen Haltung gegenüber den kommunistischen Diktatoren in aller Welt ein klares Zeichen für Demokratie und Freiheit gesetzt. Seine zukunftsweisende Sicherheitspolitik war entscheidend für den Untergang der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten und damit wegbereitend für die Deutsche Einheit“, so der Fraktionsvorsitzende Georg Pazderski. Der Vorschlag seiner Partei sieht vor, der „bisherigen Karl-Liebknecht-Straße – benannt nach einem glühenden Verfechter einer kommunistischen Diktatur – zwischen Berliner Dom und Prenzlauer Tor künftig den Namen Ronald-Reagan-Boulevard“ zu geben.  JF

Ein großartiger Vorschlag. Aber bitte mit dem Zusatz (in kleinerer Schrift): Einstige Karl Liebknecht Straße. Denn Deutschland muss endlich einmal Schluss machen mit der Beseitigung historischer Spuren. In dieser Hinsicht können wir viel von Italien lernen (statt, wie meistens von Italien, das Schlechte zu übernehmen: gestern den Faschismus, heute den Linkskonformismus).