Samstag, 18. August 2018

Rassismus ohne Rassen

Im Laufe der neunziger Jahre wurde der Rassismusbegriff in den Chefetagen der neu gegründeten Institute für Kulturwissenschaft, alsbald sekundiert von den meinungsbildenden Medien, auf Vorbehalte gegenüber jeder Art von Fremdheit, sei sie ethnischer, kultureller oder religiöser Natur ausgedehnt -  sozusagen alltagstauglich gemacht und multivektoriell einsetzbar. Aber es gibt eine Dialektik der Begriffsaufblähung.

In letzter Zeit werde ich von Freunden gefragt, warum ich mich nicht zur Debatte über Diskriminierung von Zugewanderten oder ihren hierzulande geborenen Kindern äußere. Ich, Italiener, mit zwölf Jahren 1966 nach Deutschland gekommen - ernsthaft? Ja, insistieren sie, dein chronisches Scheitern beim Versuch, dich als Schriftsteller zu profilieren, muss etwas mit deiner Herkunft zu tun haben, "an deinen Sachen liegt es jedenfalls nicht." Nun ja, an dem Namen könnte es schon liegen, den haben die nie gemocht, schon weil sie ihn nie aussprechen konnten, das steht fest. Und vielleicht war in den Gedichten oder den Essays ein Gestus, ein Tonfall, eine Haltung, etwas, das den Zensoren fremd blieb. Andererseits: wird nicht gerade Fremdheit offiziell prämiert? Das alles bleibt vage und spekulativ. "Gibt es denn nichts Handfesteres? Wie war das mit dem Chamisso-Preis für Migrationsliteraten? Warum hast du den eigentlich nie gekriegt?"

Gute Frage, immerhin hat es lange Zeit kaum eine Handvoll Lyriker unter den zugewanderten Autoren gegeben und die Statuten dieses (2017 abgeschafften) Preises besagten nur, dass potenzielle Kandidaten Deutsch nicht als Muttersprache gelernt haben durften. Doch die wahren Auswahlkriterien erkennt man bekanntlich an den Preisträgern. Und diese zeichneten sich ausnahmslos dadurch aus, dass sie in ihren Texten von der Tragik des Heimatverlusts, den Mühen des Kulturwechsels und dem Kampf um Anerkennung in einer fremden Umgebung Zeugnis ablegten. Damit konnte ich in der Tat nicht dienen.

Worüber hätte ich klagen sollen? Dass man mich, 1966 nach Deutschland verfrachtet und ohne Sprachkenntnisse eingeschult, als "Spaghettifresser" hänselte? Sehr bald hatte ich gelernt, den "Kartoffelfresser" zurückzugeben. Als viel schmerzhafter sollte sich für mich das Label "Brillenschlange" erweisen, das meine Chancen bei Mädchen gegen Null mobbte. War das ausländerfeindlich? Natürlich nicht, es gehörte vielmehr ins eherne Repertoire pubertärer Grausamkeiten, für deren Bewältigung seit den Törless-Zeiten ein breites Spektrum pädagogischer, therapeutischer und publizistischer Instrumente zur Verfügung steht.

Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, dass ich paradoxerweise gerade wegen meiner "gelungenen" Integration wegsortiert wurde, und zwar von den schon damals (neunziger Jahre) rührigen Vertretern des heute omnipräsenten linksliberalen Paternalismus, denen ich nicht zum Betreuungsobjekt taugte. So wurde mir eine der ganz wenigen Chancen genommen, mir als Lyriker einen Namen zu machen. Das war bitter, aber Rassismus war das natürlich nicht, wie auch sonst die meisten Ausgrenzungen, Benachteiligungen oder Animositäten gegenüber Ausländern von keinen rassistischen Motiven angetrieben werden.

Die gegenwärtige Debatte verdankt sich vielmehr der schleichenden Aufblähung des Rassismusbegriffs selbst, der ursprünglich - mangels genetischer Evidenzen von Rassenzugehörigkeit - die Abwertung von Menschen mit abweichenden phänotypischen Merkmalen (Hautfarbe, Haare, Augen et cetera) aufgrund ihrer Herkunft bezeichnete. Im Laufe der neunziger Jahre wurde er in den Chefetagen der neu gegründeten Institute für Kulturwissenschaft, alsbald sekundiert von den meinungsbildenden Medien, auf Vorbehalte gegenüber jeder Art von Fremdheit, sei sie ethnischer, kultureller oder religiöser Natur ausgedehnt -  sozusagen alltagstauglich gemacht und multivektoriell einsetzbar ("Rassismus ohne Rassen") - bis der fortlaufend nachgerüstete Kampfbegriff als rhetorische Totschlagkeule selbst den Antisemitismusvorwurf überrundete und sich inzwischen anschickt, sogar die Islamophobie, die nach zahllosen Nachweisen ihres Widersinns (etwa hier) nicht mehr so recht zündet, abzulösen (der sachlich korrekte Terminus "Xenophobie" wird wegen seines niedrigen Empörungsindex tunlichst gemieden).     

In diesem Klima einer künstlich gezüchteten Paranoia konnte das Anspruchsdenken einer jüngeren Generation (mit und ohne Alteritätsappeal) narzisstisch aufblühen und ein Bewusstsein davon, dass das In-der-Welt-Sein auch gewisse unvermeidbare Lebensrisiken birgt - man nennt das Kontingenz - restlos verdrängen. So etwa die Trivialität, dass man sich nicht immer die Gesellschaft aussuchen kann, mit der man in Berührung kommt. "Sie sprechen aber gut deutsch." Ja, auch ich habe den Satz unzählige Male zu hören bekommen. Na und? Wie verzogen muss man sein, um sich über die mitschwingende Unterstellung zu beschweren, anstatt den gedankenlosen Spruch als das zu nehmen, was er, einmal ausgesprochen, nolens volens ist, nämlich ein Kompliment, mithin Ausdruck wohlwollenden Entgegenkommens, auf dem sich der begonnene Kontakt ausbauen lässt.

Ohne dieses Minimum an Coolness ist Zusammenleben im dichtest besiedelten Flächenstaat des Planeten (wieso wird dieses Argument in der Flüchtlingsdebatte unterschlagen?) unerträglich. Wohin soll die ständige Ausweitung des Diskriminierungsverdachts führen? Ich habe Jahrzehnte lang italienische Lebensmittel in deutschen Supermärkten missen müssen: wurde ich demnach ausgegrenzt, gar in meiner italianità beleidigt? Und was muss ich erst als Schriftsteller sagen, wenn ich für einen Manuskriptvorschlag eine Absage kriege? Auf Veröffentlichungen gibt es ebensowenig Rechtstitel wie auf diese oder jene Wohnung.

Das Lamento, dass man aufgrund von Namen, Herkunft oder Aussehen auf dem Wohnungsmarkt geringere Chancen hat, können mutatis mutandis Millionen hellhäutige Biodeutsche auch anstimmen: Familien oder Alleinerziehende mit Kindern, Senioren mit Haustieren, praktisch alle Geringverdiener oder Einkommensschwache, kurz ein Drittel der Bevölkerung. Im Kapitalismus, bemerkte Heiner Müller einmal finster, steht immer einer an der Rampe, der den Daumen nach oben oder nach unten dreht. Die Politik, die dafür verantwortlich zeichnet, dass der Daumen für immer mehr Menschen immer häufiger nach unten zeigt, wird seit Jahrzehnten mit vorhersehbarem Masochismus alle Jahre wieder an die Macht gewählt.

Längst hat die Dialektik der Begriffsaufblähung den kritischen Impetus entwertet: am Ende steht die Verwunderung über gute Sprachkenntnisse neben der verweigerten Wohnung und dem Anzünden eines Flüchtlingsheims unter demselben Rassismusverdacht. Dessen analytischer oder jenachdem polemischer Wert kann sich dann durchaus messen mit der Fleischfresserschelte aus dem Munde von Veganern. Die ganze Misere dieser halbgebildeten Aufgeregtheiten ermisst man aber erst, wenn man sich vergegenwärtigt, dass in den letzten Jahren Hunderttausende junger Südeuropäer - Italiener, Spanier, Griechen - nach Deutschland gekommen sind, ohne dass irgendjemand Anstoß daran genommen hätte. Obwohl sie nicht anders aussehen als die meisten Türken oder Araber (Syrer, Iraker) und daher ebenfalls prädestiniert gewesen wären, den xenophobischen Reflex auszulösen.

Die Gründe liegen auf der Hand: sie sind zu gleichen Teilen Männer und Frauen, gut ausgebildet, lernen schnell Deutsch, wenn sie nicht schon in ihrer Heimat Sprachkurse absolviert haben, pflegen europäische Lebensstile und Umgangsformen und vor allem: sie sind keine Moslems. Davon wollen aber die Wächter der politischen Korrektheit in Politik, Universität und (einem schwindenden Teil der) Medien nichts wissen: dass der angebliche deutsche Rassismus sich im wesentlichen auf ein massives Unbehagen gegenüber Angehörigen des islamischen Kulturkreises reduziert. Und dass es eine propagandistisch wohlfeile, wissenschaftlich unhaltbare Diskursfälschung ist, eine Religion, die - muss man daran erinnern? - viel mehr ist als Religion in unserem gängigen Verständnis, als Rasse zu betrachten, um damit die Kritik an ihr zu diskreditieren und Diskussionen über ihre Kompatibilität mit europäischen Werten und Lebensformen ein für allemal ein Ende zu bereiten.

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Über die zahlreichen Kulturschaffenden unter den selbsternannten Rassismusopfern kann ich mich nur wundern. Es gab eine Zeit, da war es für Künstler und Intellektuelle (egal welcher Provenienz) Ehrensache, Outsider zu sein, nicht dazuzugehören. Weltdistanz, Befremdung angesichts des Treibens der Zeitgenossen war geradezu Voraussetzung für produktive Erkenntnis, Antrieb für kreatives Anderssein. Dafür wurden auch Nachteile in Kauf genommen: Einsamkeit, mangelnde Anerkennung, Anfeindungen, miserables Einkommen. Der frenetische Inklusionswille, den sie heutzutage - mit und ohne M-Hintergrund - bekunden, ist peinlich, um nicht zu sagen beschämend. In welchem Verein wollen die vielen sprachmächtigen, nicht selten erfolgreichen Beschwerdeführer eigentlich Mitglied sein? Wann wird ihnen der letzte Stolperstein auf dem Weg dorthin aus dem Weg geräumt sein? Vermutlich nie. Die Unersättlichkeit ihres Anspruchsdenkens folgt dem Vorbild des feministischen, der seit langem vorführt, wie man, um die eigenen Claims immer weiter abzustecken, selbst offensichtliche Desinformationen wie pure Offenbarungen in den Medien erscheinen lässt. Wie das funktioniert sei abschließend und aus aktuellem Anlass anhand einer Vignette illustriert.

In der letzten Ausgabe des ARD-Kulturmagazins "TTT" (12. August) interviewt Moderator Max Moor die Präsidentin der Salzburger Festspiele Helga Rabl Stadler. Diese beschreibt ihren Einstieg in den Beruf so: "Ich habe gesagt ich will das und ich kann das. Und mir war nicht klar, dass ich damit zwei Tabus gebrochen habe.... Das ist ein Selbstbewusstsein, das man nur von Männern will." Seltsam, die Stelle hat sie doch gekriegt, oder? Was möchte sie uns damit sagen? Von den Mitarbeitern wird sie geschätzt, weil sie seit 23 Jahren (sic!) einen guten Job macht. Was beklagt sie dann eigentlich? "Und drum, ich möchte alle andern Frauen dazu ermuntern, bitte wagt es, zu euren Fähigkeiten zu stehen." Aha. Ich fasse zusammen: weil "man" (Berufungskomitees, Entscheidungsgremien, Personalräte) selbstbewusstes Auftreten nur von Männern schätzt, sollen Frauen selbstbewusst auftreten, damit sie in die Positionen kommen, die ihnen aufgrund dieses Tabubruchs versperrt bleiben müssten. Ergibt das einen Sinn? Ja! Den nämlich, einmal mehr die tausendfach widerlegte Mär von den Männerseilschaften, die Frauen den Aufstieg erschweren, aufgewärmt zu haben, einmal mehr aus der Perspektive einer hochdekorierten Leistungsträgerin, die schon mit ihrer Erfolgsgeschichte widerlegt, was sie erzählt. Wann hört das eigentlich auf? Wenn ausnahmslos alle prestigeträchtigen und lukrativen Posten dieser Welt von Frauen besetzt sind? Der Moderator jedenfalls ist beeindruckt, er ahnt nicht, dass er sich zum Agenten einer dreisten Irreführung gemacht hat. Fiat vanitas, pereat mundus.   Daniele Dell'Agli
 
 
Auch Patzelt bediente sich in seinem "wissenschaftlichen" Gutachten über Björn Höcke, um ihm Rassismus unterstellen zu können, dieses abstrusen Rassismusbegriffs, der ohne Rassen auskommt und sich dennoch in den Sozial"wissenschaften" etablieren und ausbreiten konnte. Immer ist in diesem Zusammenhang zu beobachten, dass die sogenannten Antirassisten diejenigen sind, die am fanatischsten und intolerantesten ihren eigenen Ethnozentrismus bzw. Pro-domo-sua-ismus vertreten.

Nie zuvor in der Geschichte konnte sich so viel Dummheit an den Universitäten der westlichen Welt anhäufen. Und dann noch in Form von Habilitationen... Das ist meine unsägliche Generation. Was für ein entsetzlicher Jahrgang.

Freitag, 17. August 2018

Bedingt abwehrbereit, unbedingt wehrlos

Die Bundeswehr hat den Einsatz eines Transsexuellen beim Stand auf einer Verbraucherausstellung in Bayern verteidigt. „Die Qualität der militärischen Aufgabenerfüllung wird nicht an der sexuellen Orientierung oder Identität des Einzelnen gemessen“, sagte ein Sprecher der Bundeswehr in Köln der JUNGEN FREIHEIT.
Die geschlechtliche, sexuelle, ethnische sowie religiöse Vielfalt und „die damit einhergehenden unterschiedlichen Fähigkeiten und Erfahrungen“ würden als Gewinn begriffen. „Selbstverständlich spiegelt sich diese Vielfalt in allen Bereichen der Bundeswehr, auch bei Präsentationen der Bundeswehr auf Messen, wider“, verdeutlichte der Sprecher. „Im Sinne der Gleichbehandlung duldet die Bundeswehr keinerlei Diskriminierungen jedweder Art.“

„Und wieder einmal denkt man, man sei im Tollhaus! Ist man aber nicht, auch nicht auf dem Christopher Street Day oder auf der lokalen Transenparty – das war auf der ‘Ostbayernschau’“, kommentierte die Straubinger AfD-Bundestagsabgeordnete Corinna Miazga auf Facebook.   JF



Heute würde Sieburg nur noch an einigen Orten Italiens fündig


1929 veröffentlichte Friedrich Sieburg sein Buch "Gott in Frankreich?", das ihn, wie man sagt, über Nacht berühmt machte. Die Vorrede ist übertitelt mit "Warum ich über Frankreich schreibe". Ich gestatte mir, einige der Sieburgschen Antworten zu zitieren:
"weil ich noch einmal den Atem anhalten und verweilen möchte, ehe die Welle mich der alten Welt entreißt und jenem Schicksal zuschleudert, das mich aus einem Genießer in einen Konsumenten verwandelt,
weil ich schwach genug bin, in einem altmodischen und unordentlichen Paradies lieber umherzustreifen als in einer blitzblanken und trostlosen Musterwelt,
weil in Frankreich jeder Mensch eine handgearbeitete Seele in sich trägt, die häufig von zweifelhafter Qualität ist, während anderswo selbst die edelsten Empfindungen Gefahr laufen, eines Tages in Serien hergestellt zu werden,
weil ich meinen Mitmenschen etwas von jenem Schmerze mitteilen möchte, den ich empfinde, wenn ich von der Ewigkeit zur Tagesordnung übergehen muß,
weil es noch ein Land in der Welt geben muß, das einen kompakten Widerstand, ein solides Bollwerk gegen die Vervollkommnung der Menschheit bildet, dergestalt, daß die private Glückseligkeit auf Schritt und Tritt über die der Allgemeinheit triumphiert,
weil ich nicht zu entscheiden wage, was besser ist: ein vollkommenes System der sozialen Fürsorge oder ein unerschöpflicher Vorrat an Weißbrot und Rotwein,
weil in Frankreich zwar alle Statistiken falsch, aber alle Maße richtig sind,
weil die großen Städte nur so lange menschenwürdig sind, wie ihre Bewohner sich entschlossen zeigen, Kleinstädter zu bleiben und den Rhythmus des Lebens als einen ruhestörenden Lärm zu ignorieren,
weil sich die Frauenfrage in Frankreich zu einem großen Teil und aufs angenehmste dadurch lösen läßt, daß man den Frauen einen tüchtigen Vorrat zarter Wäsche und taktvoll ausgewählter Hüte zur Verfügung stellt oder wenigstens in ihnen mit teuflischen Mitteln die Hoffnung wachhält, daß sie zu diesen Dingen eines Tages gelangen werden,
weil endlich Klarheit darüber geschaffen werden muß, ob Gott wirklich französischer Nationalität ist und ob wir uns ohne ihn einrichten müssen, wenn dies der Fall ist".
Wie man liest, sind nahezu sämtliche heute entscheidenden Fragen bereits vor 90 Jahren gestellt worden.     MK Mitte August 2018

Donnerstag, 16. August 2018

Tatsachenfocussierung



Motiv des Messerstechers unklar

Schreckliche Bluttat in einer Offenburger Arztpraxis: Es ist Donnerstagmorgen, 8.45 Uhr, als ein Mann auf einen Mediziner und dessen Mitarbeiterin einsticht. Der Arzt stirbt wenig später, die Praxishelferin wird verletzt, wie die Polizei in der badischen Stadt mitteilt. Sie beginnt sofort eine Großfahndung. Neben mehr als 20 Streifenwagen aus Offenburg und Umgebung beteiligen sich auch die Hubschrauber- und die Hundestaffel sowie die Bundespolizei an der Suche. Nicht weit entfernt wird schließlich ein 26 Jahre alter Mann aus Somalia festgenommen. Doch was ist der Grund für das Verbrechen?
Der Mann soll nach ersten Erkenntnissen am Morgen ohne Termin in die Praxis gekommen sein und sofort mit einem mitgebrachten Messer auf den Mediziner eingestochen haben. Eine hinzueilende Mitarbeiterin wird leicht verletzt und später von Rettungskräften behandelt. Der Arzt stirbt noch in den Praxisräumen.
Den Zugang zu der Hausarztpraxis im Erdgeschoss eines modernen, mehrstöckigen Wohnhauses sperren Polizisten mit rot-weißem Flatterband ab. Auf dem Boden sind Spuren eingekreist. Beamte der Spurensicherung in weißen Kapuzen-Overalls mit schwarzem „Polizei“-Schriftzug auf dem Rücken machen sich vor und in dem Gebäude an die Arbeit. Am Tatort ist das Messer zurückgeblieben.

Tatverdacht hat sich erhärtet

Gerichtsmediziner untersuchen nach Angaben eines Staatsanwalts nicht nur den Leichnam, sondern auch die verletzte Frau und den Verdächtigen auf verwertbare Spuren. „Es laufen umfangreiche Ermittlungen.“
Weitere Einzelheiten geben Polizei und Staatsanwaltschaft zunächst nicht bekannt. Der Tatverdacht gegen den 26-Jährigen habe sich erhärtet, die Hintergründe seien aber unklar.
Offenburg ist die Kreisstadt des badischen Ortenaukreises und zählt fast 60.000 Einwohner. Das französische Straßburg auf der anderen Seite des Rheins ist nur wenige Kilometer entfernt, im Osten der Stadt steigen die Hänge des Schwarzwaldes an. Obwohl Offenburg wirtschaftlich stark ist, gilt die Stadt bezogen auf die Einwohnerzahl als Kriminalitätshochburg innerhalb Baden-Württembergs.

Gewalttaten in Arztpraxen hat es in Deutschland in den vergangenen Jahren mehrfach gegeben. So erschoss 2016 ein Rentner in einer Berliner Klinik einen Kieferorthopäden. 2015 tötete ein 44-Jähriger in einer Saarbrücker Praxis seine langjährige Psychiaterin mit acht Schüssen. 2012 erschoss ein Rentner zwei Ärzte in deren Praxis im rheinland-pfälzischen Weilerbach. Auf der Flucht schoss der 78-Jährige einen Polizisten an und tötete sich dann selbst.   FAZ

Die hohe Schule des investigativen Journalismus. Dank FAZ wissen wir jetzt, dass endlich mal ein junger Somalier getan hat, was deutsche Rentner schon lange tun.

Grande Prezzolini

PREZZOLINI, Giuseppe (Vincenzo). – Nacque il 27 gennaio 1882 a Perugia, figlio secondogenito di Luigi e di Emilia Pianigiani. Il primogenito era Torello, nato il 30 agosto 1873.
Il padre, nato a Siena il 18 dicembre 1836, apparteneva a una famiglia di borghesi possidenti. Laureato in legge nel 1856, partecipò volontario alla terza guerra d’indipendenza. Liberale conservatore, cultore di letteratura, amico di scrittori e poeti, fra i quali Giosue Carducci, intraprese nel 1861 a Torino la carriera burocratica. Nel 1872 sposò Emilia Pianigiani, figlia dell’ingegnere Giuseppe Pianigiani, nato a Siena nel 1805, professore di fisica nell’Università senese, realizzatore della linea ferroviaria Siena-Empoli, morto nel 1850. Luigi era prefetto a Grosseto quando morì la moglie il 1° gennaio 1886. Fu successivamente prefetto a Sondrio, Macerata, Belluno, Reggio nell’Emilia, Udine e Novara. I figli seguirono il padre nei suoi trasferimenti.
Giuseppe, soprannominato Tormento, era un bambino difficile; verso i dieci anni soffrì di una malattia nervosa, crebbe introverso e ribelle, ma con un precoce amore per la lettura. La madre aveva fatto promettere al marito che l’avrebbe educato nella fede cattolica, ma durante la preparazione alla comunione, verso i sette anni, un prete maldestro lo deluse, mentre la contemporanea lettura di Voltaire lo rese definitivamente incredulo. A nove anni frequentava già la seconda ginnasio ed ebbe un ottimo rendimento scolastico, nonostante i frequenti cambi di sede; ma nel 1898, in seconda liceo, abbandonò definitivamente la scuola. Trasferitosi a Firenze con il padre, pensionato nel 1899, visse in urto con il genitore e il fratello. Autodidatta con genuina passione per la cultura, indipendente e orgoglioso, aveva un «desiderio acuto di perfezione» (L’Italiano inutile, Milano 1964, p. 103) che però gli provocava crisi depressive, al punto da meditare il suicidio. In tali condizioni d’animo conobbe un giovane fiorentino, Giovanni Papini, anche lui autodidatta, lettore voracissimo, con ambizioni letterarie e filosofiche e una sconfinata fiducia nel proprio genio. Fra i due si sviluppò un’amicizia intellettuale, che influì sullo svolgimento delle loro personalità e sulle loro iniziative culturali.
Dopo la morte del padre, il 15 aprile 1900, il diciottenne Prezzolini poté disporre di una rendita e intraprese subito vagabondaggi culturali in Italia e all’estero: nel 1900 seguì i corsi estivi di francese a Grenoble, nel 1902 soggiornò alcuni mesi a Parigi per frequentare le biblioteche e studiare la filosofia di Henri Bergson; nel 1904 visse a Monaco di Baviera e a Norimberga per apprendere il tedesco e studiare il misticismo germanico (Studi e capricci sui mistici tedeschi, Firenze 1912). Il 19 marzo 1905 sposò a Milano Dolores Faconti, milanese, e con lei andò a vivere a Perugia.
Fra il 1903 e il 1907 collaborò alla rivista filosofica Leonardo, diretta da Papini, e alla rivista politica nazionalista Il Regno. Negli scritti per Leonardo, firmati con lo pseudonimo Giuliano il Sofista, polemizzò contro la cultura accademica e il positivismo, esaltando «la vita intima» come soggettivismo assoluto ed esperienza per la divinizzazione dell’individuo, Uomo-Dio, in una sorta di misticismo luciferino, convinto della sostanziale incomunicabilità fra esseri umani e del significato relativo d’ogni conoscenza (Vita intima, Firenze 1903; Centivio, Firenze 1904), teorizzando la natura fantastica del linguaggio come strumento per affermare la propria personalità (Il linguaggio come causa d’errore, Firenze 1904; L’arte di persuadere, Firenze 1907). Sulla rivista nazionalista, ostentò invece un realismo politico ispirato alle idee antidemocratiche di Hyppolite Taine, di Gaetano Mosca e Vilfredo Pareto, incitando la borghesia a rafforzare il ruolo di classe dirigente lottando contro il socialismo.
L’esaurimento di queste esperienze intellettuali sfociò nel 1905 in una crisi depressiva, che cercò di superare tentando di convertirsi al cristianesimo attraverso lo studio di Blaise Pascal e di sant’Agostino, ma continuò a immaginare demoniache avventure intellettuali, tanto che pochi mesi dopo il matrimonio abbandonò la moglie in un albergo, deciso a emigrare negli Stati Uniti con Papini per fondarvi una nuova religione; ma presto si pentì e si riunì alla moglie, definendo il suo atto «uno sbaglio e una pazzia» (Diario a Dolores, a cura di G. Prezzolini - M.C. Chiesi, Milano 1993, p. 209). Fu la fine del periodo dell’«intossicamento idealista» come lo definì (Il sarto spirituale: mode e figurini per le anime della stagione corrente, Firenze 1907, p. 103). Nel 1908 si convertì alla filosofia di Benedetto Croce, che gli diede fede nella vita come realizzazione dell’individuo nella storia in collaborazione con gli altri (Benedetto Croce, con bibliografia, ritratto e autografo, Napoli 1909). Influirono sul suo mutamento anche i rapporti intellettuali con Bergson, Georges Sorel e Romain Rolland. Dal ripudio dell’irrazionalismo e del nazionalismo ebbe origine il suo interesse per i nuovi movimenti sociali e religiosi, come il sindacalismo e il modernismo cattolico (Cattolicismo rosso: studi sul presente movimento di riforma nel cattolicismo, Firenze 1908; La teoria sindacalista, Firenze 1909).
Maturò così la decisione di fondare una rivista per promuovere il rinnovamento morale e civile degli italiani: il 20 dicembre 1908 uscì a Firenze il settimanale La Voce. Originale esperimento di giornalismo culturale, con attenzione alle nuove correnti delle culture europee, la rivista si occupò di filosofia, religione, arte, pedagogia, costume, ma studiò anche la soluzione a problemi concreti, come la ‘Questione meridionale’, la riforma della scuola, l’educazione sessuale, il decentramento regionale. Accanto ai reduci del Leonardo, come Papini, Giovanni Amendola, Emilio Cecchi, Ardengo Soffici, collaboravano studiosi autorevoli come Croce, Gaetano Salvemini, Giovanni Gentile, ai quali nel corso degli anni si aggiunsero giovani sconosciuti come lo storico Antonio Anzillotti, il musicista Ildebrando Pizzetti; gli scrittori Riccardo Bacchelli, Giovanni Boine, Piero Jahier, Scipio Slataper, Armando Spaini.
La Voce ebbe lettori soprattutto fra i giovani, alcuni dei quali divennero protagonisti nella storia italiana del Novecento, come Antonio Gramsci, Palmiro Togliatti, Dino Grandi, Ferruccio Parri, Giovanni Gronchi, Piero Gobetti, Giovanni Battista Montini. Lettore della rivista fin dall’inizio fu un giovane socialista romagnolo, Benito Mussolini, che nel 1910 vi pubblicò due articoli, ed ebbe da Prezzolini l’incarico di scrivere un libro, Il Trentino visto da un socialista, pubblicato nel 1911 nei Quaderni de La Voce, una collana che approfondiva temi della rivista e pubblicava opere letterarie di suoi collaboratori. Mussolini, divenuto nel 1912 dirigente socialista e direttore dell’Avanti!, strinse amicizia con Prezzolini, al quale dichiarò negli anni della Grande Guerra la sua riconoscenza: «Io mi sono un po’ fatto e rifatto, prima alla parola del Leonardo, poi a quella della Voce e quindi ti sono debitore di molte cose e ti voglio bene» (E. Gentile, Mussolini e La Voce, Firenze 1976, p. 75).
In politica Prezzolini avversò Giovanni Giolitti accusandolo di essere un corruttore della vita nazionale; nel 1911 si oppose alla guerra di Libia, sostenendo che all’Italia non erano necessarie conquiste coloniali ma riforme per sviluppare le regioni arretrate. Tuttavia, quando la guerra fu dichiarata, ritenne opportuno sospendere la polemica. Nel 1912, iniziò la crisi della Voce, provocata da dissidi interni. Nell’aprile Prezzolini lasciò la direzione a Papini, per riassumerla nell’ottobre successivo, dopo un soggiorno di studio a Parigi (La Francia e i francesi nel secolo XX osservati da un italiano, Milano 1913). Nel 1913 la crisi della rivista si accentuò, dopo l’uscita di Salvemini, che fondò una propria rivista politica L’Unità, e il distacco di Papini e Soffici che diedero vita alla rivista Lacerba, convertendosi al futurismo, disprezzato dal direttore della Voce come ciarlatanismo anarchicheggiante.
Prezzolini decise di trasformare La Voce in rivista dell’idealismo militante, da lui interpretato come una «religione dell’uomo moderno», che doveva soppiantare il cristianesimo per promuovere l’avvento di una nuova democrazia laica, patriottica ma antinazionalista. Nell’agosto del 1914 salutò la Grande Guerra come l’occasione per creare un’Europa di nazioni libere, perorò l’intervento italiano accanto alla Francia e all’Inghilterra, denunciò le falsità della propaganda imperialista sull’italianità della Dalmazia, proponendo un’intesa con gli slavi (La Dalmazia, Roma 1915). L’inizio della guerra fu la fine della Voce. Nel novembre del 1914, quando Mussolini si convertì all’interventismo, si dimise dalla direzione dell’Avanti! e fu espulso dal Partito socialista, Prezzolini accettò l’incarico di corrispondente da Roma per il suo nuovo giornale, Il Popolo d’Italia. Nella primavera del 1915, partecipò alle agitazioni interventiste contro il Parlamento. Quando l’Italia entrò in guerra si presentò volontario, nonostante fosse stato riformato alla visita di leva. Arruolato l’11 luglio con il grado di sottotenente della milizia territoriale nell’arma di fanteria, fu inviato il 27 agosto in zona di guerra, dove in settembre apprese la nascita del secondo figlio Giuliano (il primo, Alessandro, era nato nel 1911). Rimase sul fronte di guerra fino a novembre, quando fu trasferito a Pisa per istruire le nuove reclute. Inviato di nuovo al fronte nel marzo del 1916, promosso tenente, dalla fine del 1916 al settembre del 1918 prestò servizio a Roma come capogruppo dell’Ufficio storiografico della Mobilitazione per condurre uno studio sulla mobilitazione femminile. Di nuovo al fronte l’11 settembre 1918 come capitano degli Arditi, partecipò ai combattimenti fino alla fine della guerra. Persa la rendita paterna, investita in titoli di Stato per sostenere lo sforzo bellico e polverizzata dall’inflazione, nel 1919 si trasferì con la famiglia a Roma, dove si guadagnò da vivere come giornalista, editore e direttore della sezione italiana di una agenzia giornalista americana, la Foreign Press Service di New York.
L’esperienza militare spense il suo entusiasmo riformatore. L’idealismo scomparve nel brutale confronto con la realtà: l’ostilità della massa dei soldati per la guerra, l’ottusità e l’arroganza degli ufficiali, lo spreco di vite umane in combattimenti inutili. Apprezzò tuttavia la rassegnata tenacia di molti fanti e gli slanci eroici di giovani patriottici, che volle testimoniare in un’antologia di lettere e diari (Tutta la guerra. Antologia del popolo italiano sul fronte e nel Paese, Milano 1918), mentre denunciò i difetti della classe dirigente, militare e politica in lucide riflessioni sulla condotta della guerra e sulle conseguenze della vittoria (Dopo Caporetto, Roma 1919; Vittorio Veneto, Roma 1920). Con apparente paradosso, affermò che «Caporetto è stato una vittoria, e Vittorio Veneto una sconfitta per l’Italia», perché la disfatta aveva costretto gli italiani a rimediare ai propri difetti per resistere all’invasione, invece la vittoria aveva ridato fiato alla boria e alle menzogne nazionaliste. In dissenso con l’orientamento espansionista di Mussolini, cessò la collaborazione al suo giornale, sostenendo che «nulla è più ridicolo oggi, e di più impossibile, di una politica nazionale. L’interdipendenza delle nazioni è una delle più chiare necessità che il momento imponga. Non ci può essere che una politica mondiale» (Vittorio Veneto, p. 57). Fautore di un internazionalismo democratico di nazioni indipendenti, partecipò alla nascita della Lega democratica per il rinnovamento della vita nazionale, promossa da Salvemini nel maggio 1919: in quell’occasione, Prezzolini conobbe il diciottenne Piero Gobetti, suo ammiratore ed emulo come esordiente organizzatore di cultura.
«È un’energia, Gobetti, una forma morale grande, ma la sua passione ha un carattere intellettualistico e libresco» (Diario 1900-1941, pp. 336 s.) Fra i due nacque un’amicizia personale e una collaborazione intellettuale. Tramite Gobetti, nel febbraio del 1921 Prezzolini, su invito di Gramsci, tenne una conferenza a Torino agli operai: «Gramsci è uno degli uomini più notevoli dell’Italia. Il suo ‘Ordine [nuovo]’ ha una parola originale. E personalmente ha energia, fede, non lavora per il momento» (p. 336). Collaborò fin dall’inizio a La Rivoluzione liberale, fondata il 1° febbraio 1922 da Gobetti, il quale volle pubblicare nelle sue edizioni una raccolta degli scritti prezzoliniani sull’idealismo militante (Io credo, Torino 1923).
Fra i due il dissidio iniziò nel settembre del 1922 per un diverso giudizio sul fascismo (Gobetti e “La Voce”, Firenze 1971).
Pur restando amico di Mussolini, Prezzolini seguì l’affermazione del fascismo con diffidenza. Cercò di comprendere le ragioni del suo successo, condannando i metodi violenti, così come criticava severamente la classe dirigente liberale, mentre i fanatismi dei socialisti e dei fascisti lo resero sempre più scettico sulla capacità degli italiani di governarsi democraticamente, a causa del loro carattere fazioso e privo di senso civico (Codice della vita italiana, Roma 1921). «Io – confidava a un amico il 4 gennaio 1920 – cerco di restringere il mio lavoro a quello direttivo editoriale e a crearmi una posizione di imparzialità umana, se così posso dire, in mezzo a queste feroci passioni e competizioni. Non mi sento di nessun partito e di nessun gruppo, sebbene più vicino a taluni, e non posso accettare, sebbene ne riconosca la necessità, le cecità della politica militante» (A. Casati - G. Prezzolini, Carteggio, II, 1911-1944, Roma 1990, p. 443). Abbandonato ogni proposito riformatore, proseguì l’attività di critico della cultura e del costume italiani (Uomini 22 e città 3, Firenze 1918; Paradossi educativi, Roma 1919; Amici, Firenze 1922; La coltura italiana, Firenze 1923) e ribadì la sua estraneità alla lotta politica in una lettera aperta a Gobetti, pubblicata nella Rivoluzione liberale il 21 settembre 1922, in cui propose di costituire la «società degli apoti», cioè degli intellettuali «che non la bevono», e che si tengono al di fuori delle fazioni per esercitare una funzione critica razionale in alternativa alle passioni partigiane. Gobetti respinse sdegnato la proposta dopo l’avvento del fascismo al potere, accusando l’amico di accondiscendere al fascismo. Nello stesso tempo Mussolini, divenuto presidente del Consiglio, era irritato dalle critiche al fascismo che Prezzolini esprimeva sulla stampa italiana e straniera, e ordinò alla polizia di diffidarlo dal continuare. Per ribadire la sua imparzialità, Prezzolini pubblicò nel 1924 un profilo di Mussolini e l’anno dopo un profilo di Giovanni Amendola, il maggior esponente dell’antifascismo liberale, più volte aggredito dagli squadristi (Quattro scoperte. Croce, Papini, Mussolini, Amendola, Roma 1964). Inoltre, nel 1925 pubblicò in francese un libro critico sul fascismo (Le fascisme, Paris 1925), che fu tradotto in molte lingue, ma non in italiano.
All’amico Soffici, che lo esortava a seguirlo nell’adesione al fascismo, rispose il 7 ottobre 1925: «Io non sono affatto avversario del governo Mussolini. Se Mussolini fosse solo avrei anzi per lui una simpatia soverchia e sarei disposto a lavorare con lui in piena fedeltà e lealtà […]. Ma tu capisci che io non posso essere con il Fascismo trionfante quando non ci fui quando il Fascismo era pericoloso; e non ci posso stare, oltre che per questa elementare dignità, anche perché non ne sento la retorica. Il mio ideale per la nazione mia, come per le altre, non è quello Fascista. E non mi pongo contro il Fascismo soltanto perché so che il mio ideale è qui in Italia irraggiungibile per ragioni storiche, e perfettamente vano» (G. Prezzolini - A. Soffici, Carteggio, II, 1920-1964, a cura di M.E. Raffi - M. Richter, Roma 1982, pp. 66 s.).
Tre mesi dopo Prezzolini si trasferì con la famiglia a Parigi, accettando la nomina a capo della sezione informazione presso l’Institut de coopération intellectuelle, un’istituzione della Società delle nazioni; la sua nomina era avvenuta con il voto contrario del rappresentante del governo fascista. All’inizio del 1926 giunse a Parigi anche Gobetti, vittima di violenze squadriste e diffide governative. L’aspra polemica politica non aveva guastato la loro amicizia, che durò fino alla morte del giovane intellettuale torinese, il 15 febbraio 1926.
Con il trasferimento in Francia, si chiuse definitivamente la fase della biografia prezzoliniana che la maggior parte dei suoi critici considera il periodo più significativo della sua presenza da protagonista nella storia dell’Italia contemporanea: giudizio, questo, condiviso dallo stesso Prezzolini, che di sé stesso scriveva il 3 gennaio 1926: «Soltanto coll’epiteto di ‘cadavere’ posso esprimere bene quella sensazione costante, che m’accompagna in tutti i momenti del giorno e della notte» (Diario, cit., p. 398). Abbandonata l’Italia, sentendosi senza patria né amici, Prezzolini visse da allora in costante denigrazione di sé, convinto del fallimento della sua vita e della sua opera. Pur conservando rapporti cordiali con Mussolini, si mantenne estraneo alle vicende italiane e ridusse la collaborazione giornalistica. Nel 1927 pubblicò in Italia una biografia romanzata di Niccolò Machiavelli (Vita di Niccolò Machiavelli fiorentino, Milano 1927, poi tradotta in molte lingue), con amare e ironiche allusioni critiche al fascismo e agli italiani.
Nel 1930 accettò la nomina a professore di letteratura italiana e di direttore della Casa Italiana presso la Columbia University a New York, dove aveva già tenuto corsi estivi nel 1923 e nel 1927. Negli anni successivi, si dedicò interamente all’insegnamento e alla direzione della Casa Italiana, collaborando saltuariamente a periodici italiani.
Nel ventennio dal 1928 al 1948 pubblicò una ricerca sui viaggiatori americani in Italia (Come gli americani scoprirono l’Italia.1750-1850, Milano 1933), una guida illustrata sull’Italia in inglese per l’Esposizione universale di New York (Italy, Firenze 1939) e un Repertorio bibliografico della storia e della critica della letteratura italiana dal 1902 al 1942 (I-IV, Roma 1937-1939; New York 1946-1948).
La direzione della Casa Italiana comportava contatti frequenti con la burocrazia del regime fascista. Talvolta, nei soggiorni estivi in Italia, Prezzolini era ricevuto da Mussolini a palazzo Venezia, ma faceva visita anche a Croce nel suo palazzo napoletano, dove il filosofo antifascista proseguiva l’opera culturale in una sorta di esilio interno, cordiale nei confronti dell’antico discepolo, ma disapprovando intimamente il suo atteggiamento conciliante verso il fascismo. In Italia vi furono intellettuali e deputati fascisti che lo accusarono pubblicamente di essere un antifascista, mentre negli Stati Uniti fu denunciato come agente fascista da una campagna giornalistica ispirata da Salvemini, che aveva rotto ogni rapporto con Prezzolini dopo il 1925 (cfr. G. Salvemini, Italian fascist activities in the United States, a cura di P.V. Cannistraro, New York 1977, pp. 167-171). In realtà Prezzolini esercitò la funzione di docente e direttore della Casa Italiana ottemperando alle direttive dell’Università americana per promuovere la diffusione della cultura italiana negli Stati Uniti senza preclusioni ideologiche, ospitando intellettuali, studiosi e scrittori sia fascisti sia antifascisti (O. Ragusa, Gli anni americani di Giuseppe Prezzolini. Il Dipartimento d’Italiano e la Casa Italiana della Columbia University, Firenze 2001).
Alle accuse di essere stato agente fascista, reiterate dopo la seconda guerra mondiale, Prezzolini replicò con prove documentarie che mai aveva eseguito direttive di Mussolini (La Casa Italiana della Columbia University, Milano 1976). Ma anche se non fu mai un ‘agente fascista’, effettivamente il suo atteggiamento verso il fascismo mutò negli anni Trenta. L’avversione cedette a una rassegnata accettazione, sostenuta, da una parte, dall’ammirazione personale per Mussolini e, dall’altra, dalla convinzione che il fascismo fosse un’espressione originale del carattere degli italiani, privi di tradizioni e attitudini democratiche. Fra il 1933 e il 1940, mentre annotava nel diario le critiche al regime fascista, sui giornali italiani Prezzolini espresse apprezzamenti per la politica popolare e assistenziale del regime. La sua accettazione del fascismo, senza condividerne l’ideologia né prestarsi a far da propagandista, si accentuò durante la guerra d’Etiopia, che pure aveva disapprovato. Ammirò il successo di Mussolini per la conquista dell’Impero, ma si augurò che, nella sua «grande saggezza», il duce avrebbe risparmiato altre guerre all’Italia (E. Gentile, Prezzolini e l’America negli anni del fascismo, in Prezzolini e il suo tempo, Atti del Convegno internazionale di studi… 2002, a cura di C. Ceccuti, Firenze 2003, pp. 233-252).
Nei confronti del Paese che lo ospitava e gli offriva un lavoro prestigioso che gli consentì di provvedere alla famiglia, Prezzolini fu sempre leale. Era affascinato dalla possente vitalità espansiva degli Stati Uniti, prevedeva la loro ascesa al primato mondiale, ma considerava gli americani un popolo politicamente ingenuo per i suoi ideali illuministi e democratici, e non ebbe alcuna simpatia per Franklin D. Roosevelt, eletto presidente nel 1932, al quale attribuiva propositi dittatoriali. Ma quando si avvide che l’Europa marciava verso una nuova guerra mondiale, pur manifestando antipatia per le democrazie anglosassoni, nel 1939 decise di prendere la cittadinanza statunitense, mentre la moglie e il figlio Giuliano (Alessandro era morto di tubercolosi nel 1934) erano rimasti in Italia. Nel dicembre del 1940, tuttavia, si dimise da direttore della Casa Italiana, conservando l’insegnamento. Quando Mussolini dichiarò guerra agli Stati Uniti, rifiutò la proposta di tornare in Italia. Denunciato nel 1941 da antifascisti italiani come agente fascista, subì un’indagine dell’FBI, che giudicò infondate le accuse (Prezzolini in America e il fascismo. Un memoriale, a cura di E. Bacchin, in Contemporanea, XI (2008), 2, pp. 243-256). Nel 1948 venne nominato professor emeritus e due anni dopo fu pensionato. Da quando aveva lasciato la Casa Italiana, viveva in un modesto locale sul terrazzo di un palazzo nei pressi dell’Università, con ampia vista su New York.
La seconda guerra mondiale, il distacco definitivo dalla famiglia e dagli amici italiani, la rovinosa disfatta dell’Italia, l’affossamento definitivo dell’egemonia europea resero più radicale il suo scetticismo e più cupo il suo pessimismo, che diedero l’intonazione ai suoi scritti nei decenni successivi.
Subito dopo la fine della guerra, pubblicò in inglese un libro sulla civiltà italiana e sul suo contributo alla civiltà umana, affermando che l’Italia era finita come Stato nazionale, anche se l’impalcatura unitaria era ancora in piedi (The legacy of Italy, New York 1947; trad. it., L’Italia finisce: ecco quel che resta, Firenze 1957). Nel 1946 riprese l’attività giornalistica come corrispondente dagli Stati Uniti per il quotidiano romano Il Tempo, poi per Il Resto del carlino e fu assiduo collaboratore del settimanale Il Borghese, fondato da Leo Longanesi nel 1950.
Fece ritorno per la prima volta in Italia nel 1955, dopo sedici anni, per un breve giro di conferenze. Nel 1962, morta la moglie Dolores, sposò Gioconda Savini, un’italo-americana che era stata segretaria nella Casa Italiana, e lasciò gli Stati Uniti per stabilirsi a Vietri sul Mare presso Salerno, dove rimase fino al 1968 quando si trasferì a Lugano.
Liberale conservatore (o «anarchico conservatore» come amava definirsi), anticomunista ma critico delle democrazie, negli anni fra il 1946 e il 1962 Prezzolini fu un acuto osservatore delle trasformazioni della società americana nel secondo dopoguerra, critico verso la politica estera degli Stati Uniti, da lui definiti «un impero senza imperialisti», perché non avevano una classe dirigente adeguata al rango di prima potenza mondiale, esposta alla sfida della Russia comunista (America in pantofole, Firenze 1950). Interpretò la guerra fredda non come conflitto ideologico fra democrazia e comunismo, ma come lotta per la supremazia fra due Stati imperiali (America con gli stivali, Firenze 1954). Il suo realismo si richiamava idealmente al pessimismo antropologico di Machiavelli e alla sua visione tragica della politica, considerata da Prezzolini essenzialmente anticristiana (Machiavelli anticristo, Roma 1954). Studiò inoltre l’emigrazione italiana, da lui definita «una tragedia», mettendone in luce le vicende dolorose vissute da generazioni successive di italiani, trapiantati in un mondo totalmente differente (I trapiantati, Milano 1963).
L’assidua produzione giornalistica accompagnata da libri composti con una scelta di articoli, lo stile chiaro e ironico, lo spirito polemico, la stessa immagine che dava di sé come «innamorato respinto» dell’Italia, che viveva da eremita su un terrazzo di New York, lo resero popolare fra i lettori italiani. Dopo il 1968 Prezzolini si fece promotore culturale di una destra conservatrice, fondata su valori morali più che su interessi economici (Il Manifesto dei conservatori, Milano 1972; Intervista sulla destra, Milano 1978). Negli stessi anni fu nuovamente attratto dal problema religioso, manifestando ammirazione per la Chiesa cattolica e interrogandosi sull’esistenza di Dio (Dio è un rischio, Milano 1969). La sua inquietudine religiosa richiamò l’attenzione di Paolo VI, che da giovane era stato lettore di Prezzolini e lo aveva già ricevuto in Vaticano nel 1966, e nel 1974 auspicò pubblicamente la sua conversione. Novantenne ancora laborioso nella produzione giornalistica, ma sempre più pessimista nella sua visione della vita e del mondo, tentò il suicidio come atto conclusivo, libero e razionale, in un’esistenza senza senso e scopo. Rimasto solo dopo la morte della seconda moglie, avvenuta il 28 novembre 1981, ebbe la consolazione di affettuosi riconoscimenti in occasione del suo centenario: il 14 gennaio 1982 fu ricevuto cordialmente al Quirinale dal presidente Sandro Pertini, e il 27 fu festeggiato con una cerimonia pubblica a Lugano, dove si svolse un convegno a lui dedicato, con la partecipazione, fra gli altri, di Renzo De Felice e Leo Valiani. «Sempre più mi rivolgo alla morte con la semplice conclusione di un sillogismo», annotò il 4 aprile 1982 nel suo diario, pensando al suicidio (Diario 1968-1982, a cura di Giuliano Prezzolini, Milano 1999).
Morì a Lugano il 14 luglio 1982.
Opere. Oltre alle opere già citate nel testo: Mi pare…, Fiume 1923; L’Italiano inutile: memorie letterarie in Francia, Italia e America, Milano 1953; Spaghetti Dinner, New York 1955; Saper leggere, Milano 1956; Il meglio di P., Milano 1957 (nuova ed. ampl., Milano 1971); Dal mio terrazzo (1946-1959), Firenze 1960; Ideario, Milano 1967; Il tempo della Voce, Milano 1967; Cristo e Machiavelli: assaggi sopra il pessimismo cristiano di Sant’Agostino e il pessimismo naturalistico di Machiavelli, Milano 1971; Italia fragile, Milano 1974; La Voce (1908-1913): cronaca, antologia e fortuna di una rivista, Milano 1974 (con E. Gentile - V. Scheiwiller); Modeste proposte scritte per svago di mente, sfogo di sentimenti e tentativo di istruzione pubblica degli italiani, Milano 1975; Storia tascabile della letteratura italiana, Milano 1976; Sul fascismo (1915-1975), Milano 1976; P. alla finestra, Milano 1977; Diario 1900-1941, Milano 1978; Diario 1942-1968, Milano 1980; Bruschette ticinesi, Giubiasco 1983; L’ombra di Dio, a cura di M. Marchione, Milano 1984; G. P.: una voce controcorrente, a cura di G. Ciabattoni - M. Naldini, Bologna 2002.
Fonti e Bibl.: Numerosi carteggi prezzoliniani sono stati pubblicati a partire dal 1975 dalle Edizioni di storia e letteratura. Lugano, Biblioteca cantonale, Archivio Prezzolini, dove sono conservati scritti, manoscritti e carteggi di Prezzolini (si veda Archivio Prezzolini. Inventario, a cura di F. Pino Pongolini - D. Rüesch, Bellinzona 1989). Si vedano in particolare: G. Vigorelli, Un omaggio a P., Roma 1954; E. Gentile, La Voce e l’età giolittiana, Milano 1972; P. 90, a cura di G. Longo, Milano 1972; G. P. 1882-1982. Atti delle giornate di studio… 1982, a cura di F. Pino Pongolini, Bellinzona 1983; M. Campanile, P., l’intellettuale, “La Voce”, Napoli 1985; F. Finotti, Una ‘ferita non chiusa’. Misticismo, filosofia, letteratura in P. nel primo Novecento, Firenze 1992; G. P. The American years 1919-1962, New York-Firenze 1994; R. Salek, G. P.: una biografia intellettuale, Firenze 2002; G. Benvenuto, G. P., Palermo 2003; G. Sangiuliano, G. P. L’anarchico conservatore, Milano 2008.   Treccani

Mittwoch, 15. August 2018

Draghi und Salvini kapern Europa

 „Außerdem sage ich als Minister und als italienischer Bürger, dass viele Schulen, Krankenhäuser,  Eisenbahnstrecken, Flüsse und Autobahnen gewartet und instandgehalten werden müssen, doch oft sagt man uns, dass wir kein Geld ausgeben dürfen, weil es Einschränkungen von Seiten Europas gibt, das Defizit, das BIP, die Verschuldung und der Spread (der Risikoaufschlag für italienische Staatspapiere) – ich sage, dass beim nächsten Haushalt die Sicherheit der Italiener im Mittelpunkt stehen muss und das Recht auf Leben, Gesundheit und Arbeit, und dass dann erst die Einschränkungen der EU kommen.“ sagt Salvini im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch der Brücke in Genua.





Italien ist nicht reformierbar. Wenn weder Berlusconi noch Renzi gelang, das Land zu reformieren, wird niemand dazu in der Lage sein.

Montag, 13. August 2018

Nicolaus Fest bilanziert

Mitte Juli mußte ich vor Gericht. Es ging um ein paar AfD-Logos aus abwaschbarer Sprühkreide auf den Trottoirs Charlottenburgs. Eine Lappalie, und das sagte ich auch. Aber für die Richterin ging es um den Rechtsstaat, und „der funktioniert hier noch“. Zehn Minuten später stand fest, die Ladung war fehlerhaft. Gericht wie Behörde hatten das übersehen. Kleinkram, gewiß – aber auch beim Großen ist es mit der Verfahrenssicherheit nicht mehr weit her. Gustl Mollath, den die bayrische Justiz über Jahre zu Unrecht wegsperrte, ist ebenso ein Beispiel wie die häufigen Durchstechereien der Ermittlungsbehörden an Medien.
Skandalös agierte die Staatsanwaltschaft auch gegenüber dem Kunsterben Cornelius Gurlitt: Rechtswidrig beschlagnahmte sie dessen Eigentum, um dann, wohl zur Rettung des eigenen Halses, den unbescholtenen und scheuen Mann der medialen Hinrichtung auszusetzen, unter Preisgabe seiner Privat­anschrift. So trieb sie ihn in den Tod, die Sammlung ging Deutschland verloren. Ein zerstörtes Leben, der Verlust vieler Millionen, aber alle Verantwortlichen blieben im Amt.
Überall scheitert der Rechtsstaat. Die Verfolgung von Dealern und Dieben ist so gut wie ausgesetzt, wie auch die Abschiebung von Gefährdern, von „Gästen“ mit x Identitäten, von Mördern und Vergewaltigern. Und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) steht längst für Schlendrian, Korruption und Rechtsbruch.
Das Land als solches ist kaputt
Doch ist die Justiz nur die letzte Bastion. Das Land ist als solches kaputt. Zwar gibt es noch großen individuellen Wohlstand, aber die staatlichen Pfeiler sind morsch. Wohin man auch blickt, herrscht Verfall. Die Bundeswehr ist im Verteidigungsfall unbrauchbar. Fregatten, U-Boote, Panzer, Flugzeuge, Hubschrauber – nichts funktioniert. Faktisch leben die Deutschen in einem wehrlosen Land. Doch die Verteidigungsministerin kümmert sich lieber um Diversität und familienfreundliche Dienstplanung. Und nicht einmal die Generalität empfindet das als Ungeheuerlichkeit.
Ähnlich ist es im Bildungswesen. Derzeit verlassen rund zehn Prozent funktionale Analphabeten die Schulen, obwohl doch gerade die Rechtschreibreform Lesen und Schreiben vereinfachen, mehr Chancengleichheit herstellen sollte. Tatsächlich hat sie jene, die aufgrund ihrer Herkunft wenig Zugang zur Bildung haben, endgültig deklassiert. Ähnlich unsinnig war G8, übertroffen nur vom Wahnwitz der Inklusion. Nun konzentriert sich Schwarz-Rot-Grün auf frühkindliche Sexualisierung. Statt Kindern das Grundwerkzeug für Schulweg und Leben an die Hand zu geben, häuft man Schrott in ihre Köpfe. Oder bald auch gar nichts mehr. In den kommenden fünf Jahren fehlen laut FAZ 50.000 Lehrer.
Altparteien scheitern krachend an zentralen Aufgaben
Auch an der zentralen Aufgabe der Bedarfsplanung sind die Altparteien krachend gescheitert. Doch niemand empört sich. Wie die Schulen, so die Universitäten. Jeder weiß: „Bologna“ war ein Fehler – sofern man als Ziel der Hochschulen die Ausbildung wissenschaftlich, vor allem naturwissenschaftlich fähiger Köpfe sieht. Die aber sind letztlich Voraussetzung für Grundlagenforschung, Erfindungen, für die Sicherung des Wohlstands. Erziehungswissenschaften oder Gender Studies tragen hierzu nichts bei, im Gegenteil: Wesentliche Mittel für die immer steigenden Studentenzahlen in diesen Fächern werden den naturwissenschaftlichen Fachbereichen entzogen. 
Und kaputt ist auch die Infrastruktur. Die Straßen marode, Hunderte Brücken baufällig, die Bahn notorisch unpünktlich. Großprojekte, ob Berliner Flughafen, Stuttgart 21, Toll Collect, Nürburgring, ob Bonner World Congress Center oder die Hamburger Elbphilharmonie, laufen regelmäßig komplett aus dem Ruder. Auch bei ICE-Trassen pflegen sich die Kosten zu vervielfachen. Nach dem Tunnel-Desaster von Rastatt höhnte die Basler Zeitung, „die Schweiz täte gut daran, Deutschland künftig als Drittweltstaat einzustufen“. Nach ihren Erfahrungen mit dem weggesackten Stadtarchiv dürften Kölner diese Einschätzung teilen. Daß Peru ein besseres Funknetz als Deutschland hat, fügt sich ins Bild.
Verachtung der Deutschen für das Nationale
Deutschland war das Land der Dichter und Denker; wichtiger aber waren die Ingenieure und Naturwissenschaftler im Jahrhundert nach 1850. Sie schufen den Reichtum, von dem das Land bis heute zehrt. Aber die Reserven sind aufgebraucht. In kaum einem wichtigen Forschungsgebiet, ob Digitalisierung, Gen-, Militärtechnik, ob Chemie oder künstliche Intelligenz, ist Deutschland vorn. Und wo es der Fall ist, übernehmen Chinesen oder Amerikaner Firmen wie Know-how.
Auch wenn die Wirtschaft noch feiert: Deutschland ist abgebrannt. Der Staat funktioniert nicht mehr, ob in Schul-, Bau- oder Sozialverwaltung, an der Uni, in Justiz oder Militär. Denn abhanden gekommen ist vielen das Bewußtsein, daß die eigene Leistung für das Gelingen des Staates wichtig ist. Alles ist nur noch ein Job, nichts mehr Berufung oder Dienst am Vaterland.
So ist die Verachtung der Deutschen für das Nationale auch in den Institutionen angekommen. Doch ohne Haltung, ohne Stolz auf das Eigene, läßt sich kein Nationalstaat führen. Die große europäische Idee, die Loyalität des einzelnen auf den Staat zu übertragen, aus Clan- und lokalen Bindungen zu lösen und damit das Land im Inneren zu pazifizieren, kommt damit an ihr Ende. Die Einigungskriege waren umsonst, und viele andere Opfer auch.Was folgt, muß man fürchten.   Fest

Sonntag, 12. August 2018

Grande Armando Trovaioli


Köppel interviewt Gauland

Herr Gauland, starten wir mit einer aussenpolitischen Standortbestimmung. Was halten Sie von US-Präsident Donald Trump?
Ganz falsch ist der Versuch der deutschen Medien, den US-Präsidenten als Vollidioten darzustellen. Der Mann ist kein Vollidiot. Er setzt amerikanische Interessen durch, wie er sie sieht, und das macht er nicht mal ungeschickt. Ich erinnere mich an die Zeit, als schon US-Präsident Lyndon Johnson von Bundeskanzler Ludwig Erhard mehr Militärausgaben wollte. Es hat immer wieder die Kritik gegeben, die Deutschen würden zu wenig für die Verteidigung tun. Durch diese oberflächlich moralisierende Dauerkritik an Trump hat sich Deutschland blockiert, seinen Zugang zu diesem Präsidenten erschwert. Alle denken in die gleiche Richtung. Dieser Verzicht auf sachliche Analyse ist schädlich.
Er sagte, Deutschland sei der «Sklave Russlands». Man profitiere von günstigem Gas aus dem Osten, während die Amerikaner die Verteidigungsausgaben bezahlen sollten. Alles falsch?
Das ist tatsächlich Quatsch. Es muss deutsches Interesse sein, eine sichere Versorgung durch russisches Erdgas zu haben.
Wie sehen Sie den Handelskrieg gegen China und die EU?
Wir sind noch im normalen nationalen Interessengerangel, was für die Deutschen einigermassen unbegreiflich ist, weil man ihnen eingeredet hat, es gebe keine nationalen Interessen mehr, schon gar keine deutschen, höchstens europäische. Das sind Phrasen, die nur überdecken, was es immer gab: nationale Interessen und ihre kluge oder weniger kluge Durchsetzung.
Wie beurteilen Sie Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron?
Er macht genau dasselbe wie Trump, nur etwas eleganter. Klassisch französisch eben. Man ersetzt die fehlende Stärke der französischen Wirtschaft durch eine europäische Dimension, bläht sie sozusagen auf. Das war schon die Uridee bei der Gründung der EU. Die französische Interessenpolitik wurde seit dem Zweiten Weltkrieg über den europäischen Resonanzboden gespielt. Wir Deutschen machten gerne mit, weil wir so, moralisch erledigt nach der Hitler-Diktatur, als «Europäer» wieder auf die politische Bühne zurückkehren konnten.
Ist Macron ein Schaumschläger?
Das kann ich nicht beurteilen. Aber der Erfolg gibt ihm zu einem gewissen Grad recht. Er hat Reformen eingeleitet, an denen alle vorher gescheitert sind. Für die Franzosen scheint er innenpolitisch ein Gewinn zu sein. Aussenpolitisch muss man aufpassen, dass man seine Politik nicht in einem gleichsam altruistischen europäischen Wertehorizont sieht, sondern eben als eleganten Ausdruck französischer Interessen.
Ungarns Premier Viktor Orbán?
Ungarn ist ein durch den Vertrag von Trianon in einer Weise geschädigtes Land, wie es sich nicht einmal mit dem vergleichen lässt, was der Versailler Vertrag mit Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg machte. Ungarn hat rund zwei Drittel seines Staatsgebiets verloren. Es gibt tiefe historische Verletzungen. Orbán stärkt den Nationalstolz der Ungarn, indem er darauf rekurriert, dass die Ungarn einmal die europäische Abwehrfront gegen den Islam waren. Orbán sagt den Europäern: Ihr könnt gerne mehr Flüchtlinge aufnehmen, ich nehme sie nicht auf, schon gar nicht auf Geheiss von Brüssel oder Berlin, denn wir wissen, was Unterdrückung heisst. Das finde ich völlig richtig. Ob das, was er sonst noch innenpolitisch macht, richtig ist, das kann ich nicht beurteilen.
Sie loben Orbán, dabei war er 2015 ein Hauptverursacher der deutschen Migrationsmisere, als er die in Budapest gestrandeten Flüchtlinge einfach nach Deutschland abschob. Warum kritisieren Sie ihn nicht dafür?
Weil ich ihn verstehen kann. Er konnte die Migranten nur deshalb abschieben, weil Frau Merkel die Grenzkontrollen aufhob. Orbán handelte im Interesse seines Landes, und ich kann ihm keinen Vorwurf machen, dass er die Fehler der deutschen Politik ausnützte. Ich wehre mich grundsätzlich dagegen, dass wir uns ständig in die Innenpolitik anderer Länder einmischen. Wir sollten Ländern, die mit uns in der Nato sind, mehr innenpolitische Freiräume gewähren.
Wie sehen Sie Putin?
Er macht russische Interessenpolitik, und er hat enorm viel geleistet. Unter Vorgänger Jelzin bekamen die Rentner auf dem Land keine Renten mehr. Jetzt funktioniert das wieder. Putin hat einige Dinge gemacht, die dem alten russischen Traum einer europäischen Grossmacht mindestens wieder Nahrung geben. Das ist, von ihm aus gesehen, eine kluge Politik. Dass er die Krim zurückgeholt hat, was im Westen Stürme der Entrüstung auslöst, das kann mich nicht berühren. Die Krim hat nie zur Ukraine gehört, Katharina die Grosse, die Potemkinschen Dörfer, Sie kennen das. Der besoffene Chruschtschow verschenkte seinerzeit die Krim an die Ukraine, was ja sogar für die Sowjetunion eine Art Rechtsbruch bedeutete. Russland ist eben immer ein Reich geblieben, und die alte zaristische Tradition spielt noch eine grosse Rolle. Putin ist ein Vertreter dieser dem Westen völlig fremden und von ihm zutiefst abgelehnten Agenda, die wir gar nicht mehr richtig verstehen können. Russland ist aus seiner Geschichte erklärbar, und da reiht sich Putin sinnvoll ein in die Tradition russischer Grossmachtpolitik.
Geht von Putin eine konkrete Bedrohung aus?
Ob es objektiv eine Bedrohung gibt, weiss ich nicht. Subjektiv allerdings kann ich mir vorstellen, dass es in den baltischen Staaten ein Bedrohungsgefühl gibt. Ich glaube nicht, dass Putin zum Beispiel Polen wieder erobern möchte. Ich weiss allerdings nicht, inwieweit die russische Führungselite innerlich auf das Baltikum verzichtet hat. Es gibt dort, besonders in Estland, grosse russische Minderheiten. Ob Putin nun dieses Baltikum, dessen Völker ausschlaggebend waren bei der Zerstörung der Sowjetunion, zurückhaben will, da habe ich meine grossen Zweifel, aber ich kann die subjektive Furcht in einigen baltischen Staaten verstehen.
Brexit, Grossbritannien: Was ist da die entscheidende Erkenntnis?
Dass die Briten die Kontrolle zurückhaben wollen darüber, wer mit ihnen lebt, das kann ich nachvollziehen. Ob sie das erreichen, was sie sich vorstellen, da habe ich meine Zweifel. Grossbritannien alleine ist nicht mehr das Grossbritannien von Elizabeth I., das in die Welt ausgreifen konnte. Die Vorteile, die sich die Briten durch ein stärker imperiales Handeln mit Neuseeland, Australien und den USA ausmalen, treten vielleicht ein, vielleicht auch nicht.
Ihr Eindruck von Theresa May?
Wenn ich mir die Konservative Partei in ihrer Zerrissenheit vor Augen halte, dann macht sie es ganz ordentlich. Man nennt das muddling through, durchwursteln.
Sie sind ein belesener und gebildeter Mann: An welche Zeit erinnert Sie die Gegenwart? Kehren wir zurück in die Machtbalance-Politik souveräner Nationalstaaten wie im 19. Jahrhundert?
Zwischen 1815 und 1914 beherrschte Europa die Welt. China spielte keine Rolle. Das ist heute völlig anders. Aber es kehrt zurück mit aller Vorsicht eine interessengeleitete Staatenpolitik, wie es sie im 19. Jahrhundert gab. Die Phrase vom «regelbasierten Multilateralismus» kann mir ja auch kein Mensch richtig erklären. Den Glauben, dass Staaten keine Interessen haben, dass Staatenpolitik überholt ist, den habe ich nie gehabt. Aber durch die Beseitigung der Teilung der Welt in zwei festgefügte Machtblöcke entsteht nun, ohne dass man das gleichsetzen könnte, eine neue multipolare Machtordnung, wie sie von 1815 bis 1939 bestand. Und diese Machtordnung funktioniert nach zum Teil anderen Regeln als die bipolare Welt.
Kürzlich hielten Sie eine Bundestagsrede, in der Sie die Kanzlerin als Totalversagerin zum Rücktritt aufforderten. Fragen wir mal anders: Was hat Frau Merkel richtig gemacht?
Wenn Sie es am Massstab deutschen Interesses messen, dann hat sie sehr wenig richtig gemacht. Wenn Sie es am Massstab ihrer persönlichen Machterhaltung messen, hat sie eine Menge richtig gemacht, denn sie ist immer noch dran. Auch wenn sie die letzten Wahlen verloren hat, hat sie sich immer wieder durch geschickte Wendungen, die ich zum Teil völlig verfehlt finde, ihre Macht gesichert. So gesehen, ist sie als Politikerin nicht wirklich gescheitert. Wenn ich mir anschaue, was sie konkret gemacht hat, ist das für Deutschland allerdings ein Scheitern. Und da rede ich jetzt nicht nur von der Migrationspolitik. Nehmen Sie die Energiepolitik, diesen Irrsinn, der viel mehr kostet als versprochen wurde. Oder schauen Sie sich die trostlose Bundeswehr an, die Abschaffung der Wehrpflicht, die sogenannte Friedensdividende. Man ist immer dem Falschen nachgerannt, ohne nach den Alternativen zu fragen. Blättern wir weiter zurück. Da gab es eine Rede des damaligen Ministers Wolfgang Schäuble: Deutschland werde niemals für die Schulden anderer Staaten zahlen. Jetzt machen wir es ununterbrochen.
Frau Merkel hat Sie politisiert: ohne Merkel kein Gauland, keine AfD?
Der Bruchpunkt war für mich die Griechenland-Rettung und die Schamlosigkeit, mit der frühere Versprechungen weggewischt wurden unter der Überschrift «Wir müssen Europa retten». Das war damals der Moment, da auch die innere Veränderung der CDU sichtbar wurde. Ich war im sogenannten Berliner Kreis, einer Gruppe konservativer CDUler. Da gab es vor fünf Jahren ein Treffen mit dem späteren Gesundheitsminister Hermann Gröhe, der uns mitteilte: «Also bilden Sie sich nicht ein, dass Sie noch irgendeine Chance bei uns haben. Gehen Sie in Ihre Kreisverbände, arbeiten Sie dort. Dass Sie noch eine institutionelle Rolle bei uns spielen, das ist vorbei.» Das war die Haltung, man wollte diese konservative CDU gar nicht mehr: «Um Gottes willen keine kontroversen Themen!», die würden nur die Wähler der anderen mobilisieren.
Man hat Sie rausgeschmissen.
Richtig. Ich ging mit meinem Freund Konrad Adam aus dem Konrad-Adenauer-Haus raus, das Essen war übrigens sauschlecht gewesen, und ich sagte zu ihm: «Da ist nichts mehr, das war’s.» Und Adam gab mir recht. «Es ist vorbei.»
Das war der Urknall der AfD.
Ja, aber alleine hätte ich das nie geschafft. Als Nächstes rief mich Konrad Adam an, er habe einen jungen Professor kennengelernt, Bernd Lucke. Und dieser Lucke hatte eine enorme Energie. Er war der Managertyp, der ich so gar nicht bin. Wir trafen uns in Neu-Isenburg, da habe ich zum ersten Mal gedacht, «es muss eine Basis in der Bevölkerung für eine neue Partei geben.» Denn dieser Bürgersaal war übervoll. Die Leute waren zum Teil aus dem Ruhrgebiet gekommen.
Mit welchem Motiv sind Sie in die AfD eingestiegen? Man sagt Ihnen nach, es sei die gekränkte Eitelkeit gewesen nach diesem demütigenden Quasirausschmiss. Sie wollten es Merkel heimzahlen.
Dieses Motiv gab es überhaupt nicht. Ich kann der CDU doch überhaupt nichts vorwerfen. Ich habe eine sehr gute Pension, war Staatssekretär, ich habe mich nicht im Streit von diesem Amt getrennt. Ich hatte nichts gegen die CDU oder gegen Frau Merkel, ich habe die Politik für falsch gehalten.
Wie kamen Sie auf den Namen «Alternative für Deutschland»?
Anders als viele auch bei uns war ich nie ein Anhänger von Margaret Thatcher. Ihren Satz «There is no alternative» (Tina), fand ich immer eine Zumutung. Und dann kam die Merkel und sagte, zu ihrer Politik gebe es keine Alternative. So kam dieser Begriff ins Spiel.
Bleiben wir bei Frau Merkel. Hat sie es wirklich so schlecht gemacht? Es stimmt, sie führte die CDU nach links, aber warum? Weil sie mit einem Rechtskurs abgewählt worden wäre und dann die Linken an die Macht gekommen wären. Dieses grössere Übel verhinderte sie durch eine gewisse Linksverschiebung der CDU.
Das wird gesagt, aber ist es auch richtig? Ich bezweifle es. Nehmen Sie nur die Energiewende: Eigentlich gab es die schon, nur vernünftiger. Was Gerhard Schröder und Jürgen Trittin ausgehandelt hatten, war besser. Warum Merkel plötzlich alles auf den Kopf stellte, habe ich nie verstanden. In einem aber lag sie richtig, das gebe ich gerne zu: Merkel erkannte, dass die Republik nach 1968 nach links gerutscht war. Diesem Zeitgeist trug sie Rechnung. Nur habe ich nie begriffen, warum sie auf eine aktive Führung des Landes verzichtete und ihre Partei auf eine Weise ideologisch entkernte, so dass sie eigentlich zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Was sie machte, war überschiessend, keinesfalls notwendig.
Sie erwähnten die Griechenland-Rettung. Auch hier: Ein deutscher Regierungschef muss doch alles unternehmen, um ein Auseinanderbrechen des Euro und der EU zu verhindern. Merkel wollte dieses Risiko nicht eingehen. Ist doch nachvollziehbar.
Das sehe ich anders. Griechenland hat die Wirtschaftsdaten gefälscht. Die Griechen haben sich den Beitritt mit illegalen Methoden erschlichen. Selbst ein Ureuropäer wie Wolfgang Schäuble sagte, der Euro sterbe nicht an den Griechen, man solle sie rauslassen. Ihre These ist nur dann richtig, wenn damals ernsthaft geglaubt worden wäre, dass ein Austritt der Griechen den Euro oder gar die EU zerstört hätte. Genau das aber war nicht der Fall. Man hat stattdessen die Regeln gebrochen.
Migrationspolitik: Hätten die Deutschen denn im Sommer 2015 mit Schäferhunden und Strumtruppen die europäischen Grenzen notfalls gewaltsam sichern sollen. Das zu fordern, ist vor dem Hintergrund der verheerenden Geschichte – zwei Weltkriege, Völkermord, Holocaust – schlicht weltfremd.
Nein, überhaupt nicht. Auch hier hat sie sich angezogen, was kein Mensch gefordert hat. Die Flüchtlinge saßen im Budapester Bahnhof fest. Die Kanzlerin musste sie doch nicht haben wollen. Die bayerische Polizei wäre bereitgestanden. Niemand hätte den Deutschen gesagt, sie seien wieder Nazis, nur weil sie ihre Grenzen sichern.
Merkel nahm die Flüchtlinge auf, um einen Teil der historischen deutschen Schuld zu tilgen. Der einstige Völkermörder als humanitärer Weltmeister.
Ich weiss nicht, ob Merkel darüber nachgedacht hat. Ich würde es für völlig falsch halten. Niemand sagt heute, was für ein gutes Land Deutschland sei. Und ich halte jetzt mal in aller Deutlichkeit fest: Diesen Auschwitz-Komplex können Sie nicht abstreifen, niemals, da können Sie machen, was Sie wollen.
Redet Frau Merkel eigentlich mit Ihnen?
Nein. Das interessiert sie nicht; ich würde jetzt auch den Sinn selber nicht mehr sehen.
Hat sich das Meinungsklima dank der AfD in Deutschland erweitert oder verengt?
Beides. Es wird offener geredet und diskutiert. Das haben wir hinbekommen. Gleichzeitig löste das aber einen unglaublichen Hass bei vielen aus, es gab eine Verhärtung. Im Bundestag beantworten SPD-Abgeordnete manchmal unsere Zwischenfragen nicht, mit der Begründung, Rechtsradikalen gebe man keine Antwort. Das zeigt deutlich, wie sich das Klima verändert hat: Wir sind die Guten, und das dort, die AfD, das sind die Verbrecher, das ist das Gesindel, das nicht da reingehört.
Was heisst das für die Mitgliederwerbung?
Das ist inzwischen ein echtes Problem. Es ist schon ein Problem, Hotelzimmer zu finden.
Aber in den Umfragen sind Sie im Allzeithoch.
Wir sollen es nicht übertreiben, aber wir sind bei 15 Prozent.
Sie sind gleichauf mit der Traditionspartei SPD. Werden Sie auch überschätzt?
Es ist vor allem ein massiver Verfall der SPD. Solange sich die SPD nicht klar wird, wen sie eigentlich vertritt, wird das immer schlimmer werden. Sie haben auf der einen Seite die Funktionäre, die diese ganze Willkommenspolitik mitgemacht haben, und sie haben auf der anderen Seite die Menschen, die die SPD mal vertreten hat, die Verkäuferin bei Aldi oder den Bandarbeiter bei Ford. Die sind jetzt grossenteils bei uns. Die SPD verliert, weil sie die Menschen, die wenig Geld haben, nicht mehr vertritt.
Was ist die AfD eigentlich? Partei, Bewegung, Sammelsurium, «gäriger Haufen», wie Sie einmal sagten?
Ich bleibe beim gärigen Haufen. Die Partei ist zutiefst demokratisch, leicht anarchistisch mit einer tiefen Abneigung gegen straffe Führung. Frühere Führungen sind daran gescheitert, dass Einzelne alleine ganz oben stehen wollten. Bernd Lucke wurde sofort abgewählt. Frauke Petry wollte allein Parteivorsitzende und Spitzenkandidatin sein. Die Zusammenarbeit mit mir lehnte sie ab. Diesen Alleingang wollte die Partei nicht.
Wie stabil ist die heutige Führung?
Alice Weidel, Jörg Meuthen und ich, wir verstehen uns sehr gut. Es funktioniert. Die shakespearschen Dramen sind vorbei, auch wenn es zuletzt Turbulenzen bei der AfD-Stiftung gab. Doch auch die haben wir gemeistert.
Was sind die grössten Erfolge, was die grössten Misserfolge der AfD?
Die grössten Erfolge sind, dass wir im Oktober praktisch in allen Parlamenten vertreten, dass wir zweistellig stabil angekommen sind in der politischen Landschaft und dass es uns gelungen ist, über viele Häutungen hinweg einen stabilen Markenkern in die Politik zu tragen. Die Fragen, die nicht mehr diskutiert werden durften, die werden jetzt diskutiert, zwar mit Zorn, mit Hass, aber es ist wieder möglich, Grundsatzfragen, die in Deutschland angeblich für alle Zeiten gelöst waren, anzusprechen. Das ist die grösste Leistung der AfD.
Und die Misserfolge?
Leider gehen unsere Führungswechsel immer wieder einher mit Verlusten, mit dem Versuch, Leute auszuschliessen. Frauke Petry musste sich öffentlich von uns trennen, ebenso Lucke. Wir sind noch nicht in der Lage, Führungswechsel normal demokratisch zu vollziehen, sondern sie gehen immer mit Aufwallungen einher.
Reden wir über Björn Höcke, diese Reizfigur, diesen Provokateur aus Thüringen, der immer wieder Kontroversen auslöst und in den Medien als verkappter Nazi angeprangert wird. Sie kennen und verteidigen ihn. Was hat es mit Höcke auf sich?
Höcke ist zum einen ein sehr kluger, gebildeter Mann, mit dem Sie sehr gut über historische Dinge diskutieren können. Er hat für viele Leute in der Partei, aber nicht für die Mehrheit etwas Charismatisches. Das heisst: Er erreicht Menschen über Bauch und Seele, die ich nicht erreiche . . .
. . . die Sie erreichen wollen?
Wenn ich Reden halte, dann muss ich an den Kopf appellieren. Ich bin nicht einer, der von sich aus Charisma hat. Höcke hat das. Und das führt aber auf der anderen Seite dazu, dass er Bewunderer hat, die ihn so bewundern, dass mir das manchmal zu viel wäre. Das löst dann aber auch Widerstand aus bei Leuten, die ihn für den leibhaftigen Gottseibeiuns halten. Für die einen Ekstase, für die anderen der Teufel in Menschengestalt. Beides ist töricht und ergibt dann ein unausgewogenes Bild. Wenn er vernünftig redet, ist er ein grosser Gewinn für die Partei, das grosse Zugpferd im Osten. Er hat sich in letzter Zeit sehr zurückgehalten, da habe ich mehr verbockt. Man kann ihm gar nichts vorwerfen. Deshalb ist es mir auch gelungen, mit der Unterstützung vieler Leute, das Parteiausschlussverfahren gegen ihn aufzuheben. Der Vorstand war einstimmig dafür.
Kürzlich sagte Höcke in einer grossen Rede: «Die Deutschen entscheiden sich, nicht mehr Schaf, sondern Wolf zu sein.» Das ist der Wortgebrauch eines Leitartikels von Nazi-Propagandaleiter Goebbels aus dem Jahr 1928, als er von den Deutschen als «Wolf» sprach, der in eine «Schafherde» einbricht. Darf man einem Mann, der solche Worte verwendet, politische Verantwortung übertragen?
Das sind Sprüche für seine Fans, denen er sich als unerschrockener, verlässlicher Kämpfer präsentiert. Mehr steckt nicht dahinter. Höcke gebraucht Metaphern und redet manchmal über Themen, wo auch ich sagen würde: «Das hätten wir jetzt lieber gelassen.» Er ist ein deutscher Romantiker. Er liebt sein Deutschland, heiss und innig, macht sich auch ein Deutschland zurecht, das es vermutlich schon lange nicht mehr gibt. Ja, er kann sich sehr in den Mittelpunkt stellen, ist aber sehr anständig. Niemand wird von hinten in die Brust geschossen. Mit den Formulierungen haben Sie recht.
Man wirft Ihnen vor, Sie tolerierten das nur, weil es Wählerstimmen bringt. Wo ziehen Sie die Linie des Erträglichen?
Die Frage stellt sich tatsächlich, aber die Linie wurde eben nie überschritten. Was ich in der Partei gar nicht mag: dass immer wegen irgendeines falschen Worts sofort nach Parteiausschluss gerufen wird. Da bin ich grosszügiger. Wir hatten kürzlich einen Fall, als Beatrix von Storch bei einer Messerattacke irrtümlich die Muslime beschuldigte. Sie entschuldigte sich aber und zog den Eintrag zurück. Sie sollte abgemahnt werden. Und obwohl Frau von Storch nicht meine Freundin ist, habe ich gesagt: «Hört auf, wir wollen niemand abmahnen, der sich von sich aus entschuldigt hat.» So denke ich auch bei Höcke.
Vor wenigen Wochen machten Sie selber den Höcke, als Sie die zwölf Jahre der Nazi-Diktatur als «Vogelschiss» bezeichneten. Sechs Millionen tote Juden, sechzig Millionen Kriegstote und ein Verbrecherregime, das seinesgleichen sucht – alles nur ein lästiger «Vogelschiss», den man mit einer Handbewegung abwischt? Als ich das las, dachte ich: «Welcher Vogel hat denn jetzt Gauland ins Hirn . . . ?» Sie verstehen, was ich meine.
Ich habe das wirklich nicht als Bagatellisierung verstanden, und ich hätte nie gedacht, dass das so aufgefasst wird, denn wenn Sie die ganze Rede lesen, sehen Sie, dass ich nichts verharmlost habe.
Bilder in der Politik sind wichtig, die bleiben hängen. Was wollten Sie mit dieser Rede zum Ausdruck bringen?
Ich wollte den Leuten sagen, dass es eine grosse deutschjüdische Tradition gibt, die wir verteidigen müssen. Gerade in diesem Zusammenhang war der «Vogelschiss» für mich eine Bezeichnung für tiefe Verachtung. Keineswegs eine Bagatellisierung. Und ehrlich gesagt, da ist dann auch ein Bohei darum gemacht worden. Ich habe mir mal überlegt: Mein Vater ist 1933 von den Nazis entlassen worden, weil er einen sozialdemokratischen Beamten nach dem 30. Januar noch befördert hatte. Wenn mein Vater 1933 «Vogelschiss» zu den Nazis gesagt hätte, wäre er ins KZ gekommen. 1944 wurde er verhört, weil er einige Offiziere im Umfeld des Hitlerattentats persönlich kannte. Hätte er da den Nazis «Vogelschiss» gesagt, hätten sie ihn an die Wand gestellt. Und heute soll dieses Wort ein Extremfall der Bagatellisierung sein? Da kann ich nur sagen: «Die haben sie nicht mehr alle.» Als mir jemand sagte, einen Vogelschiss könne man so leicht abwischen, habe ich sofort zugegeben: «Okay, ja, wenn man es so sieht, war es ein Fehler.»
In Ihrem Buch «Anleitung zum Konservativsein» haben Sie geschrieben, konservative Parteien müssten aufpassen, dass sie nicht von Rechtsradikalen übernommen werden. Das sei schon in der Hitlerzeit das grosse Drama gewesen. Heute kämpfen Sie selber mit diesem Problem. Wie viel Rechtsextreme gibt es in der AfD? Sind Sie selber einer geworden, ohne es zu merken?
Es gibt keine Rechtsextremen in der Partei, und ich bin sicher selber keiner.
Definieren Sie Rechtsextremismus.
Rechtsextrem heisst Führerprinzip, also Ablehnung aller demokratischen Wahlen und Ablehnung unserer staatlichen Ordnung und des Grundgesetzes. In allen Punkten können Sie der AfD gar keine Vorwürfe machen. Führerprinzip: Das gibt’s gerade bei uns überhaupt nicht. Es gibt aber den Versuch, uns in die rechtsextreme Ecke zu drängen, um uns mundtot zu machen.
Die Leute um Höcke schwelgen in der Frage: Was ist deutsch? Da wird dann mit irgendwelchen völkischen Theorien jongliert. Was bringt dieses Germanengeraune? Seit Hunderten von Jahren versuchen die Deutschen zu definieren, was deutsch ist. Geschafft hat es noch niemand. Die Deutschen waren immer schon viel zu vielfältig, um sich auf eine einengende Definition zu einigen.
Da haben Sie recht. Ich glaube auch nicht, dass es zu definieren ist.
Friedrich der Grosse nahm viele Ausländer mit Handkuss in Preussen auf, Hugenotten, Juden, Schweizer, Hauptsache, sie arbeiteten nicht für den Feind. Ist nicht genau diese Offenheit «deutsch»? Ein offener Patriotismus der Leistung?
Völlig einverstanden. Nur, es gibt eben eine neue deutsche Geschichte der Zuwanderung. Früher kamen die «Fremden» aus Kulturen, die uns zumindest ähnlich waren. Sie waren alle irgendwie Europäer und von daher sehr viel leichter integrierbar. Das stimmt eben heute nicht mehr. Für mich ist die kulturelle Verwandtschaft wichtig. Man sollte nicht massenweise Menschen aus ganz fremden Kulturen importieren. Ein Höcke würde da vielleicht weitergehen. Für ihn ist wichtig, dass einer in Deutschland geboren ist. Diese biologischen Wurzeln des Deutschtums sind für mich nicht wichtig.
Man sagt Ihnen nach, Sie seien ein Bewunderer von Bismarck. Ist Bismarck für Sie ein Leitmodell fürs 21. Jahrhundert?
Manche in unserer Partei nehmen das Bismarck-Deutschland als Referenzmodell. Ich wäre da sehr vorsichtig, weil die Innenpolitik Bismarcks in vielem falsch war. In der Aussenpolitik ist Bismarck durchaus inspirierend. Keinen vor den Kopf stossen, klug alle zusammenhalten – das war seine Aussenpolitik nach 1870. Man darf dem nicht sklavisch folgen, aber ein aufgeklärtes nationales Interesse, kein «Deutschland, Deutschland über alles»: Das ist nachahmenswert.
In Deutschland prallen heute, hoch interessant, zwei Identitäten aufeinander: Nach dem Krieg war Europa für die Deutschen der Vaterlandsersatz, die sichere politische Rückfallposition, im Zweifel für Europa. Seit einigen Jahren produziert Europa schwere Krisen. Der Aufstieg Ihrer Partei ist ein Symptom für ein wachsendes Unbehagen gegenüber der EU in Deutschland. Die AfD steht für den Wunsch nach mehr Nationalstaat. Gleichzeitig löst für viele Deutsche der Nationalstaat alte, gutbegründete Ängste aus. Wie will die AfD dieses Dilemma überwinden? Was ist Ihre Alternative zum kriselnden EU-Deutschland?
Richtig, nach dem Krieg war den Deutschen moralisch das Rückgrat gebrochen. Europa, das war das Ersatzvaterland. Auch ich war einmal sehr Europa-begeistert als junger Mann. Nur muss ich heute zur Kenntnis nehmen: Den europäischen Nationalstaat will kein europäisches Volk. Das Aufgeben meiner eigenen nationalen Identität zugunsten eines Konstruktes, das niemals Realität werden wird, weil die anderen dieses Konstrukt nicht wollen, ist kein sinnvoller Weg. Margaret Thatcher sagte: «Nur weil die Deutschen ihr Land nicht mehr lieben, müssen sie nicht allen anderen austreiben, ihr Land zu lieben.» Das Bündnis der Nationalstaaten ist in Europa das gelebte Modell, und alle Versuche von Herrn Juncker, eine Art europäische Überidentität zu schaffen, sind schon längst gescheitert.
Was also schwebt Ihnen konkret vor?
Die Europäer müssen selbstverständlich zusammenarbeiten, denn sie sind schwächer geworden im Weltmassstab. Deshalb plädiere ich für eine vernünftige Zusammenarbeit auf den Gebieten, auf denen wir es dringend brauchen. Es müssen dort auch nicht immer alle mitmachen. Ich will keine Verfestigung in einer falschen Staatsidee. Es gibt keine europäische Öffentlichkeit, keinen europäischen Demos.
Geht es der AfD um die Rückgewinnung der vollständigen nationalen Souveränität Deutschlands? Oder wollen Sie die EU mit klugen Reformen verbessern?
Da würden Sie verschiedene Antworten aus der Partei hören. Es geht um die Rückgewinnung staatlicher Souveränität, aber nur dort, wo die Vergemeinschaftung eine Katastrophe ist, Stichwort Währung, Stichwort Grenzen. Auch die Schnapsidee, eine europäische Staatsanwaltschaft einzuführen, bekämpfen wir. Daneben soll es aber eine reissfeste Zusammenarbeit geben. Der gemeinsame Markt ist eine gute Idee. In der AfD gibt es Stimmen, die da rauswollen, die auch aus der Nato rauswollen. Ich glaube, der gemeinsame Markt hat uns genützt. Aber die Überhöhung des gemeinsamen Marktes zur politischen Währungsunion war falsch. Ich möchte zurück zu den alten EWG-Positionen. Ein Nato-Austritt wäre völlig falsch. Das würde bei unseren Nachbarn Fragen aufwerfen, die wir weder beantworten können noch wollen. EU: ja, aber kein Einheitsbrei.
Personenfreizügigkeit innerhalb der EU, ja oder nein?
Ja. Wo es Missbräuche gibt, zum Beispiel die Überweisung von deutschem Kindergeld nach Rumänien, muss man dies beseitigen. Verändern, aber nicht alles zumachen.
Kommen wir zu Ihnen. Sie waren als junger CDU-Mann auf dem progressiven Flügel. Was ist seither mit Ihnen passiert?
Nichts. Früher, in den siebziger Jahren, war ich der enge Mitarbeiter des CDU-Oberbürgermeisters in Frankfurt, einer damals sehr links geprägten Stadt. Es gab viele Sozialdemokraten in führenden Stellungen, vor allem in der Kultur. Ich riet ab, auf Konfrontation zu gehen. Nicht um mich anzupassen, aber um unsere Ziele zu erreichen. Das war eine ganz andere Aufgabe als heute die Oppositionspolitik der AfD.
Zwei interessante, äusserst gegensätzliche Figuren prägen Ihr Denken, der konservative britische Philosoph Edmund Burke und Charles-Maurice Talleyrand, der wendige Franzosen-Politiker aus der napoleonischen Zeit. Erklären Sie.
Talleyrand steht für mich für eine äusserst kluge Politik der Staatsräson. Ihm wird ja vorgeworfen, er habe mit jedem Regime paktiert, aber er hat eben nur so weit paktiert, wie das jeweilige Regime dem nationalen Interesse diente. Als Talleyrand, damals Aussenminister Napoleons, sah, dass der Kaiser ein europäisches Reich schaffen wollte, war das für ihn Grössenwahn, nicht mehr französisches Interesse. Er verriet ihn und fädelte mit dem Zaren Napoleons Sturz ein. Talleyrands Leitstern war die Staatsräson.
Edmund Burke?
Er war kein so kluger Politiker, aber er steht für mich für eine kluge Interpretation, was heute konservativ ist.
Was ist das Wesentliche?
Ein Wandel, der aber nicht begriffen wird als etwas, was um jeden Preis sein muss. Man schaut ununterbrochen: Was geht nicht mehr, was müssen wir anpassen? Darin steckt auch ein skeptisches Menschenbild. Burke war nie der Meinung, dass alle Menschen gut seien, er war auch nicht der Meinung, dass alle schlecht seien. Er fand nur, dass man die Institutionen, die man hat, nicht einfach wegrasieren soll, um alles auf einem weissen Blatt Papier neu aufzustellen. Er forderte das, was man hat, vernünftig weiterzuentwickeln. Er sah früh, dass aus der Französischen Revolution mit ebendieser Tabula-rasa-Politik die Diktatur hervorgehen würde, die dann mit Napoleon auch kam.
Wer spricht Sie mehr an?
Talleyrand ist unübersichtlicher, Burke ist klarer. Als Figur fasziniert mich Talleyrand mehr mit seinen Wandlungen. Burke hat immer auf der richtigen Seite gestanden. Er war ein sehr moralischer Mensch, das war Talleyrand überhaupt nicht. Er aber ist die interessantere Figur, weil er in einer sehr unübersichtlichen Zeit anhand kluger Maximen die richtigen Entscheidungen getroffen hat.
Kann man die Deutschen eigentlich mit ihrer Geschichte, mit sich selbst versöhnen?
Eine Versöhnung mit den furchtbaren zwölf Jahren schaffen Sie nicht. Sie können versuchen, zu erklären, wie es dazu gekommen ist. Ich sehe keinen Ansatz für eine Versöhnung. Sechs Millionen Juden umzubringen, das kriegen Sie nicht mehr von der Haut gekratzt. Das ist so furchtbar, und, klar, je mehr sich das historisiert, mag es schwächer werden. Aber wir stehen immer wieder vor der gleichen Frage: Wie konnte 1933 jemand ans Ruder kommen, den wir unter normalen Umständen als absoluten Schwerverbrecher wegsperren?
Wie lautet Ihre Erklärung?
Das ist nicht so schwierig. Die Niederlage im Ersten Weltkrieg ist vom deutschen Bürgertum nie verkraftet worden. Die haben sich dann geflüchtet ins Dolchstossmärchen. Aber es war eben ein Märchen, denn der angebliche Dolchstoss kam erst nach dem Entscheid der Heeresleitung, die weisse Fahne zu schwenken. Es war dann ein Riesenfehler – aber ich mache niemandem einen Vorwurf –, die Republik einzuführen, weil Deutschland im Bürgertum damals noch monarchistisch gesinnt war. Der Kaiser hatte verspielt, der Kronprinz auch. Ich hätte mir vorstellen können, dass unter dem vernünftigen Prinz Max von Baden als Reichsverweser der Kaiserenkel eine gute Rolle hätte spielen können. Das wurde versäumt. So stiess ein Bürgertum, das die Niederlage nicht verkraftet hatte, auf eine Politik, die mit dem, was war, etwas anfangen musste. Ich habe grosse Achtung vor den damaligen demokratischen Politikern und Staatsmännern, wie Rathenau und Stresemann, weil sie eine realistische bismarcksche Politik unter dem Gesetz des verlorenen Krieges versucht haben. Vielleicht wäre es gutgegangen, wenn wir keine Wirtschaftskrise gehabt hätten. In der Wirtschaftskrise war Deutschland mental nicht mehr widerstandsfähig. Und natürlich wusste 1933 niemand, dass Hitler sechs Millionen Juden umbringen wird. Der Mann ist doch nicht gewählt worden wegen seiner Verbrechen, sondern weil die Leute fälschlicherweise, zum Teil im Elend, glaubten: Wenn einer noch etwas machen kann, dann vielleicht er.
Sie sind einer der am meisten angefeindeten Politiker Deutschlands. Wie gehen Sie damit um?
Nun ja, da gewöhnt man sich dran. Ich habe einen Grossteil meiner Familie verloren, weil die sich mit mir nicht mehr sehen lassen würden. Und ich habe auch viele Freunde verloren, Gesprächspartner. Meine Tochter, evangelische Theologin, eher links, ist ganz gegen meine Politik, aber wir haben immerhin noch Kontakt, gehen gelegentlich auf Reisen.
Wie motivieren Sie sich?
Mich erbittert nur die Gesprächsverweigerung. Als ich 1977 nach Frankfurt kam, gab’s Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit. Ich hatte bei meiner Anstellung zur Bedingung gemacht, dass man mich auch mit den Linken reden lasse. Ich wollte nicht, dass man mir dies verbieten würde. Auf bürgerlicher Seite waren die Vorbehalte enorm. Die Linken wollten damals die Welt umstürzen. Der Stabschef von Fischer war bei Pol Pot, das waren die schlimmsten Leute, aber ich habe immer mit denen geredet, und ich habe gerne mit denen geredet. Und ausgerechnet die kommen jetzt zu mir und sagen mir: «Mit Ihnen, mit dir können wir nicht reden.» Da sagt man sich: «Bei so viel Unvernunft ist halt nichts mehr zu machen.»
Was ist in diesem Moment Ihr wichtigstes politisches Anliegen?
Dass sich Deutschland nicht so verändert, wie das Frau Merkel offensichtlich vorhat. So wie sie die schwarzrotgoldene Fahne in die Ecke geschmissen hat, so denkt sie über dieses Land, und das entsprechende Handeln wollen wir ihr so schwer wie möglich machen.   Roger Köppel

Samstag, 11. August 2018

Donnerstag, 9. August 2018

Hitze

„Greise jammern, Männer stöhnen, Frauen klagen, Kinder wimmern: die Hitze! Der Mensch hat nur einen Wunsch: Kühlung! Kühlung! Kühlung! Die Glücklicheren verbringen ihre Tage im Zimmer hinter fest verschlossenen Jalousien, auf dem Sofa liegend, im lethargischen Zustand eines Morphinisten. Die größere, unglücklichere Hälfte der Menschheit aber, die gezwungen ist, sich hinaus in die kochende Hölle zu begeben, droht unter dem Tag für Tag blauen Himmel und der schrecklichen Sonnenglut zusammenzubrechen.“
Das stammt zwar aus der „Berliner Illustrirten Zeitung“ vom 14. August 1904, aber Qualitätspresseerzeugnisse erkennt man ja an ihrer Zeitlosigkeit, vom Detail der Morphinisten einmal abgesehen. Die gab es im Kaiserreich offenbar häufiger.   Wendt

Schellnhuber




Wird Zeit, dass es anfängt zu regnen. Es ist mal wieder Schellnhuber-Konjunktur. Gerade wird die uralte Kamelle vom Klima, das ganz plötzlich kippen könnte, wieder ausgepackt. Ein internationales Team von Forschern „diskutiere“ diese Möglichkeiten in der Wissenschaftszeitschrift „Proceedings“ der Nationalen Akademie der Wissenschaften der USA („PNAS“) und blicke dabei insbesondere auf „Kippelemente“ im Klimasystem. Das Lied singt Schellnhuber schon seit vielen Jahren so, ohne dass eine substanzielle neue Erkenntnis hinzugekommen ist. Man hat für den Evergreen auch nichts Neues erforscht, da gibt’s offenbar nix, stattdessen hat man viele vorhandene Studien neu zusammengerührt, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen. Und das lautet: „Man wird doch noch diskutieren dürfen!" DPA beschreibt den Inhalt der Studie so:
„Die Gefahr einer Heißzeit kann aus Sicht von Klimaforschern selbst beim Einhalten des Pariser-Klimaabkommens nicht ausgeschlossen werden. Dabei würde sich die Erde langfristig um etwa vier bis fünf Grad Celsius erwärmen und der Meeresspiegel um 10 bis 60 Meter ansteigen.“
Die Betonung liegt auf „kann nicht ausgeschlossen werden“. Ausgeschlossen werden kann prinzipiell gar nichts, besonders wenn es sich um die Zukunft handelt.
Klimaforscher Reto Knutti von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich sagt zu dem veröffentlichten Beitrag, er biete „eine Synthese und Einordnung von vielen Einzelstudien“, bleibe aber recht unkonkret. Das ist eine kollegial freundliche Umschreibung für pseudowissenschaftliches Untergangsgeraune a la mode. Der Zeitpunkt und die Art der Kommunikation richten sich im übrigen eindeutig gegen Donald Trump, politisierter kann Wissenschaft gar nicht sein. Das wurde von SWR-Umweltredakteur Werner Eckert gestern in der Tagesschau sogar ganz offen gesagt, nicht ohne auf Trumps „ignorante“ Politik hinzuweisen. Trump bedroht in den USA die Pfründe der NGOs und der großen Klimaforschungs-Einrichtungen, die von dem Thema leben. Im übrigen erzielen die USA sehr viel größere Erfolge als Deutschland bei der Reduktion von Kohlendioxid-Emissionen.
Grob lässt sich der jetzt wieder bemühte Katastrophen-Evergreen so beschreiben: Einige Wissenschaftler befürchten, das Klima könne durch eine sich selbst verstärkende Kettenreaktion einen „Tipping“-Point erreichen und gleichsam umkippen. Das Szenario lautet wie folgt: Mehr Kohlendioxid verursacht höhere Temperaturen, die produzieren mehr Wasserdampf und damit noch mehr Wärme, woraufhin wiederum mehr natürliches Kohlendioxid und andere Treibhausgase aus Meeren und Böden aufsteigen, was wiederum die Temperaturen erhöht. Das ganze löst eine fortwährende Kaskade positiver Rückkoppelungen aus, schmelzende Eisflächen reflektieren weniger Wärmestrahlung, was wiederum mehr Eis schmelzen lässt, und so weiter und so fort.
Dem steht entgegen, dass das Klima im Verlauf der Erdgeschichte immer wieder die Gelegenheit hatte „Davonzulaufen“ – es aber nicht getan hat. Abrupte Temperaturschwankungen um mehrere Grad gab es immer mal wieder. Auch gab es in der Erdgeschichte Phasen mit 10 bis 20 mal höheren Kohlendioxidkonzentrationen als heute – während gleichzeitig eine Eiszeit herrschte. Es kam auch wiederholt zu Temperatursprüngen um mehrere Grad innerhalb weniger Jahre, ohne dass ein solcher „Runaway-Effekt“ eingetreten wäre.
Wo wir gerade beim Klima sind. Zum am Montag veröffentlichten Beitrag „Der Fake mit den Klima-Flüchtlingen“ kamen zahlreiche Leserhinweise, von denen ich hier einige vorstellen möchte.
Was die sogenannten „Hitzetoten“ anbelangt, so hat Dr. Lothar Baumann vom Statistischen Landesamt Baden-Württemberg die Todesfälle im Zuammenhang mit der Hitzewelle 2003 untersucht (Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 4/2005). Anhand der Zahlen kommt der Autor zu dem Schluss:
„Der ungewöhnlich heiße Sommer und hier vor allem der Monat August führten dazu, dass deutlich mehr Menschen starben als während dieser Jahreszeit üblich. [...] Sterbealter der Verstorbenen und Verlauf der Todesfallkurve deuten darauf hin, dass es sich sowohl um nachgeholte als auch um vorgezogene Sterbefälle handelte. Ausschlaggebend waren die Todesursachen infolge von Kreislauferkrankungen und von Atemwegserkrankungen. [...] Eine herausragende Todesursache, die sich explizit auf die Hitze bezieht, wurde nicht festgestellt.“
Die im Beitrag geschilderten Kriegs- und Konfliktursachen bestätigt eine vor einigen Monaten veröffentlichte Studie (Assessing the relative contribution of economic, political and environmental factors on past conflict and the displacement of people in East Africa). Die Autoren, Mark Andrew Maslin und Erin Llwyd Owain, haben im Online-Magazin The Conversation über ihre Studie berichtet. In ihrer originalen Publikation gelangen sie zu dem Schluss:
„Unsere Studie ergab, dass Klimaschwankungen, die sich im Palmer Drought Severity Index (PDSI) und dem globalen Temperaturniveau wiederspiegeln, weder das Ausmaß des regionalen Konflikts noch die Gesamtzahl der Vertriebenen (TDP) signifikant beeinflussen. Haupttreiber der Konflikte waren vielmehr das Bevölkerungswachstum, das Wirtschaftswachstum und die relative Stabilität der politischen Regime. Die Zahl der Vertriebenen ist offensichtlich mit dem Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum verknüpftAls „Flüchtlinge“ unter den Vertiriebenen zählen wir Personen, die gezwungen waren, Ländergrenzen zu überschreiten. Anders als bei der Gesamtzahl der Vertriebenen und der Konflikthäufigkeit ergab sich, dass die Schwankungen der Flüchtlingszahlen signifikant sowohl mit den klimatischen Schwankungen wie auch mit der politischen Stabilität, der Bevölkerung und dem Wirtschaftswachstum zusammenhängen. Unsere Studie zeigt, dass Klimaschwankungen in den letzten 50 Jahren nur eine geringe oder gar keine Rolle bei der Verursachung von Konflikten und Vertreibungen in Ostafrika gespielt haben. Stattdessen finden wir, dass schnelles Bevölkerungswachstum, geringes oder sinkendes Wirtschaftswachstum und politische Instabilität während des postkolonialen Übergangs die wichtigeren Faktoren waren.“
(Hinweis und Übersetzung von Achse-Leser Karl-Heinz Dehner, vielen Dank dafür).
Zum oben erwähnten Beitrag „Der Fake mit den Klima-Flüchtlingen“ passen auch diese Kommentare aus Die Welt und der BZ.        Maxeiner