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Samstag, 10. März 2018

Trance statt Räsonieren



Man sollte die Zeremonialwissenschaft wieder einführen. Die FAZ berichtete 1998 über „die Schauseite des Staatsgeheimnisses“ als Grundmuster im europäischen Absolutismus: Die Zeremonialwissenschaft gab es ab dem späten 17. Jahrhundert nur wenige Jahrzehnte lang. „Die Lehren vom ‚Ceremoniel‘ beschrieben die hochabsolutistische Symbiose von Herrschaft und Repräsentation.“ Es ging um Akte öffentlicher Politik. Diese wurden ästhetisch überhöht und damit den „äußerlichen Sinnen“ eingeprägt.
Als Teil des theatrum politicum absolutistisch-barocker Darbietung von Herrschaft war das „Ceremoniel“ Inszenierung, Absicherung und Rechtfertigung zugleich. Ziel: „Die Gesellschaft sollte festgehalten werden in ihren ständischen Zuordnungen, in ihren Abschottungen nach Rechten, Denk- und Lebensweisen. Vor allem aber war den unteren Schichten zu imponieren, waren die unkontrollierten Affekte des Pöbels zu bedenken, waren dessen Sinne durch ästhetische Demonstration zu ‚kützeln‘ … ein göttlicher Kosmos auf Erden.“
Die Zeremoniallehren für den höfischen Adel handelten von einer Aura, die sich gegen alles Erklären sperrte. „Denn nicht nur sollte, der Ratio des Absolutismus folgend, alle fürstliche Politik im Verborgenen geschehen, ihre höfische Inszenierung sollte auch nicht durch Räsonieren, durch den Blick hinter die Kulissen entzaubert werden.“ Ab dem frühen 18. Jahrhundert geriet dann die Disziplin in den Gegenwind des Naturrechts. Seit den Vertragslehren und der Depersonalisierung staatlicher Herrschaft war die Zeremonialwissenschaft obsolet geworden. Heute sind bekanntlich beide Gründe für den Wegfall der Disziplin in der politischen Praxis revidiert beziehungsweise gelten vor allem theoretisch. 

Ein Phänomen fortgeschrittener Dekadenz

Unerwähnt in der FAZ-Rezension bleibt ein Wegbereiter der Frühaufklärung, nämlich der eigensinnige Philosoph und Jurist Christian Thomasius (1655 – 1728). Der schrieb über das decorum politicum („Das decorum politicum spiegelt die ständische Gesellschaft, in der man mit Höhergestellten, Seinesgleichen und Niederen je anders umzugehen hat.“) als einem Phänomen des Zivilisationsprozesses im Sinne fortgeschrittener Dekadenz. „Die Zunahme der Gebote des decorum politicum indiziert also den Verfall menschlicher Sozialität.“ Die „Ehrbarkeit der Patriarchen“ sei zwar noch vernünftig, aber das pervertierte politische decorum speise sich aus Hass und Misstrauen.
Alsdann identifizierte Thomasius auch das Zeremoniell und übte durch „biblizistische Einkleidung eine fulminante Kritik am überbordenden Zeremonienwesen der barocken Ständegesellschaft“. Die Kritik konkretisierte sich in der Übersteigerung privatpolitisch motivierter bürgerlich-höfischer Interaktionsformen und gipfelte in der Aufdeckung der Selbstinszenierung als Mittel der Staatsraison: „Derowegen ist kein Zweiffel / daß man getrachtet / durch angenehmes Aergernüß die Begierden der Unterthanen zu irritieren / damit sich dieselbigen zur Unterthänigkeit und blinden Gehorsam desto eher bequemten.“     
Aktueller Anknüpfungspunkt einer wiedereingeführten Zeremonialwissenschaft in der Epoche des Internet könnte zum Beispiel dieses Selfie sein.
Dieser Beitrag erscheint zuerst auf Susanne Baumstarks Blog Luftwurzel

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