Donnerstag, 7. Juni 2018

Selges augenzwinkerndes Framing



Welche Geschichte erzählt eigentlich Michel Houllebecqs Roman „Unterwerfung“? Es scheint zwei Fassungen zu geben. Eine, die Leser des Franzosen bisher kennen. Und eine, die die ARD den deutschen Fernsehzuschauern auftischt, versehen mit einer Maischberger-Talkrunde im Anschluss. Zur Einordnung, wie das heute in den öffentlich-rechtlich-guten Sendeanstalten heißt.



Houellebecqs Roman erzählt die Geschichte des Literaturwissenschaftlers Francois, der im Paris des Jahres 2022 lebt. Dort kommen Flammenzeichen nicht als Metapher vor, wie der Roman überhaupt auf die Ausbreitung einer These verzichtet. Es brennt wortwörtlich, es fallen scharfe Schüsse, die Pariser sehen den Rauch der Anschläge von Identitären, während in den Fernsehnachrichten davon kaum die Rede ist.  Auf der einen Seite des politischen Grabens steht der Front National, auf der anderen schwache linke und halblinke Parteien. Um die Machtübernahme von Front National und Identitären zu verhindern, werfen die Linken ihre laizistischen Prinzipien über Bord und verbünden sich mit dem Führer der Islampartei Mohamed Ben-Abbes. Der gewinnt die Präsidentschaftswahl und führt in Frankreich die Scharia ein. Beamte und Wissenschaftler, auch Francois, stehen vor der Wahl, sich dem Islam zu unterwerfen, hohe Gehälter zu kassieren und mehrere Frauen heiraten zu dürfen – oder künftig außerhalb der Gesellschaft zu leben. Die Juden verschwinden aus Frankreich. Der Autor – und das macht seine Größe aus – befasst sich weniger mit der islamischen Diktatur in Frankreich, die sich kaum von milden arabischen Autokratien unterschiedet, sondern in hochauflösenden Aufnahmen mit den Spätbürgern einer westlichen Gesellschaft, die sich ohne Gegenwehr, erleichtert oder sogar begeistert in die neue Ordnung fügen.

So weit die Literatur. Die ARD-Variante will damit nichts zu tun haben. Schon auf der Ankündigung des Films in den Zeitungsanzeigen sind die beiden Hauptprotagonisten des Films zu sehen, Francois und sein opportunistischer Wissenschaftlerkollege, der zum Sorbonne-Präsident aufsteigt. Im Hintergrund, wie eine Tür, erscheint ein Kreuz. Ein anderes religiöses Symbol kommt nicht vor.
Der ARD-Film ist eigentlich die Abfilmung des Theaterstücks „Unterwerfung“, in dem Edgar Selge die Hauptrolle spielt. Eingepackt, gewissermaßen gesichert, wird das ganze durch eine Rahmenhandlung: Wir sehen Selge in Hamburg auf dem Weg zum Theater, mehrere junge arabische Migranten tanzen ihn an, er vermisst, im Theater angekommen, seine Brieftasche. Die natürlich gar nicht weg ist. Sein Verdacht ist nur eine Projektion, das will uns die pädagogisch wertvolle TV-Fassung sagen, so, wie ja auch Houellebecqs Beschreibung des politischen Islam und des opportunistischen weltoffenen Westlers nur Szenen nur paranoide Ideen im Kopf des Autors sind. Wer das noch nicht auf Anhieb versteht, dem hilft Selge in einem FAZ-Interview auf die Sprünge. Warum, fragt der FAZ-Redakteur, überhaupt die fingerzeigende Rahmenhandlung?
„Sie ist notwendig, weil man im Fernsehen deutlich machen muss, welche Haltung man selbst dem Roman gegenüber einnimmt. Das Theater kann es sich leisten, die Bewertung dieses Stoffes, der so viele Phobien berührt …dem Zuschauer zu überlassen…Bei der Fernsehverfilmung muss man vorsichtiger sein.“
Warum?, fragt die FAZ nach.
„Weil ein Film aufpassen muss, dass er nicht Beifall von der falschen Seite bekommt.“
Bloß keinen Beifall von der falschen Seite – von welcher eigentlich? Es gibt den schönen Satz von Michael Klonovsky: jede Seite ist die falsche. In der DDR hieß die entsprechende Formel übrigens: Wir dürfen dem Feind keine Munition liefern. Wahrscheinlich hängen in den deutschen Sendeanstalten mittlerweile Transparente mit genau diesem Satz. In der DDR herrschte übrigens auch die Praxis, das eine oder andere kritische Theaterstück zuzulassen, etwa Christoph Heins Politbüro-Parabel „Die Ritter der Tafelrunde“. Ins Massenmedium Fernsehen kam es selbstredend nicht.
Wer die politische Absicherung der ARD-Produktion immer noch nicht verstanden haben sollte, für den wiederholt sie Selge in der FAZ noch einmal etwas gröber:
„Aufgehetzt von populistischen Scharfmachern, neigen wir heute dazu, in jedem Migranten einen potentiellen Kriminellen zu sehen“ (Einschub: wer eigentlich sieht in jedem ostasiatischen Migranten und jedem amerikanischen Gastprofessor einen potentiellen Kriminellen? Allein hier wird die Gaunersprache schon überdeutlich). Aber weiter: „Auch Francois muss diesen Reflex bei sich erkennen, wenn er am Ende beschämt seinen Geldbeutel in den Tiefen seines eigenen Rucksacks wiederfindet. Mit dieser kleinen Rahmenhandlung setzt der Film ein unmissverständliches Signal seiner politischen Ausrichtung.“

An dieser Stelle fragt sich der halbwegs luzide Leser: Ist Selge ein Schelm? Will er wie weiland DDR-Autoren zwischen den Zeilen etwas darüber mitteilen, was heute eben nötig ist, um ein Stück wie „Unterwerfung“ im besten spätmerkelistischen Deutschland aller Zeiten öffentlich-rechtlich sendefähig zu machen? Aus Houllebecqs Werk muss dafür nicht nur der Kern herausgeschnitten werden, nämlich die westliche Feigheit vor dem Islam, der die Selbstreflektion nicht kennt, sondern in die Leerstelle muss auch noch eine politisch korrekte Füllmasse. Den Rest dazu steuert wahrscheinlich Maischberger bei.
Der ARD-Film „Unterwerfung“ ist ein politisches Lehrstück, wie es besser nicht aufgeführt werden könnte. Die eigentliche Rahmenhandlung dazu, das ist Deutschland 2018.   Wendt

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