Stationen

Freitag, 13. Juli 2018

Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow



Den Friedensnobelpreis hat er nicht bekommen, obwohl er ihn mehr verdient hätte als manch anderer, dem diese Auszeichnung verliehen wurde. Im Mai ist er, von der Öffentlichkeit unbemerkt, verstorben. Erst jetzt, im September, wurde sein Tod bekannt durch eine Todesanzeige. Große Nachrufe bekam der Verstorbene in deutschen Medien nicht.
Für die Tragweite seiner Tat – immerhin die Verhinderung eines sowjetischen Atomschlags im Jahre 1983 – ist Oberstleutnant Stanislaw Petrow ohnehin erstaunlich unbekannt geblieben. Es wurde schon gelegentlich über seine existenzielle Entscheidung am 26. September 1983 berichtet, er wurde auch dafür geehrt, dennoch kennt kaum jemand seinen Namen.
Petrow war an jenem Herbsttag vor 34 Jahren diensthabender Offizier im ungefähr 50 Kilometer südlich von Moskau gelegenen Bunker Serpuchow-15. Die dort stationierte computer- und satellitengestützte Überwachung des Luftraumes hatte nur eine Aufgabe: einen nuklearen Angriff auf die Sowjetunion frühestmöglich zu erkennen und rechtzeitig Alarm auszulösen, damit der vorgesehene mit allen Mitteln geführten nuklearen Gegenschlag sofort ausgeführt werden konnte.

Kurz nach Mitternacht meldete der Computer eine auf die Sowjetunion anfliegende US-amerikanische Atomrakete. Nun musste er den Alarm bestätigen und weitermelden. Doch sollte er dem System trauen? Sein Alarm hieß letztlich, einen massiven sowjetischen Atomschlag auszulösen. Dass die Überwachungstechnik nicht vollkommen fehlerfrei funktionierte, wusste Petrow. Doch bei der Frage, ob er nun glaubte, was die Monitore anzeigten, war er allein auf sich und seinen gesunden Menschenverstand angewiesen. Und das in einem System, in dem sture Befehlsausführung mehr zählte, als eigenverantwortliche Entscheidungen.
Kurze Zeit später meldete das Computersystem eine zweite, dritte, vierte und fünfte abgefeuerte Rakete. Dennoch konnte er sich nicht vorstellen, dass die Amerikaner einen atomaren Erstschlag nur mit ein paar Raketen ausführen. Und dann wäre der durch seinen Alarm initiierte vermeintliche Gegenschlag ein atomarer Erstschlag, also möglicherweise der Beginn eines menschheitsvernichtenden Atomkriegs. Doch was, wenn die Daten stimmten und sein Land in dieser Form angegriffen wurde, weil irgendwer auf der Gegenseite einfach unlogisch gehandelt hatte?

Heldentat unter Geheimhaltung

Petrow entschied. Auf Nachfragen der Vorgesetzten erklärte er die Raketenmeldung des Systems zum Fehlalarm und war erleichtert, als sich herausstellte, dass er recht hatte. Das satellitengestützte sowjetische Frühwarnsystem hatte Sonnenreflexionen auf Wolken in der Nähe der Malmstrom Air Force Base in Montana, wo auch US-amerikanische Interkontinentalraketen stationiert waren, als Raketenstarts fehlinterpretiert.
Auch wenn letztlich die Entscheidung für den Gegenschlag beim sowjetischen Oberkommando und der Staatsführung lag, so wäre das nach einer Bestätigung der Richtigkeit des Raketenalarms nur noch eine Kettenreaktion gewesen, die Petrow rechtzeitig unterbrochen hatte.
Natürlich unterlag seine Heldentat zunächst strenger Geheimhaltung, denn jede Erwähnung hätte auch die gefährlichen Schwächen der sowjetischen Satelliten-Überwachung offenbart. Petrow wurde nicht belobigt, bekam keinen Orden, wurde aber auch nicht bestraft. Allerdings verließ er die Armee ein Jahr später.
Die Geschichte seiner Weltenrettung wurde erst nach dem Ende der Sowjetunion bekannt. Es folgten einige öffentliche Ehrungen. Wikipedia vermerkt die zweimalige Auszeichnung mit dem World Citizen Award der Association of World Citizens aus San Francisco 2004 in Moskau und 2006 im UN-Hauptquartier in New York, den Deutschen Medienpreis 2012 und den 2013 in der Dresdner Semperoper verliehenen Dresden-Preis.
Doch wirklich großen Ruhm erntete er dennoch nicht und verstarb in diesem Mai, von der hiesigen Öffentlichkeit unbemerkt. Es berührt einen merkwürdig, wenn ein Mann, der doch quasi offiziell als Weltenretter anerkannt ist, ohne bedeutende Nachrufe aus dieser Welt verschwinden kann.   Peter Grimm

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