Stationen

Montag, 15. Oktober 2012

Oh wie so trügerisch - zwischen Arno, Donau, Inn, Cross River und Main




Biologie - Chemie - Theologie - Primatologie - Anthropologie

Tanzango

Konrad Lorenz war ein begnadeter Beobachter. Und wie der von Volker Sommer scheinbar widerlegte Joseph Ratzinger war auch Konrad Lorenz Katholik. Jedoch kein Katholik, der die katholische Glaubenslehre wortwörtlich genommen hätte. Sondern mehr so wie Luis Trenker, insofern seine forma mentis dem in den Tälern von Donau, Inn und Isar verbreiteten, zwischen Laster und Frömmigkeit vermittelnden, Gebräuchen entsprach. Über unsere moderne Zeit sagte Konrad Lorenz einmal (in "Der Abbau des Menschlichen"), dass dem "modernen Menschen die Fähigkeit, einem gesunden Laster nachzugehen, abhanden gekommen" sei.

Er wurde durch die neueren Erkenntnisse in ein paar Details bezüglich seiner Ansichten über das Verhalten der Vögel widerlegt, im Prinzip jedoch nur scheinbar widerlegt. 18% bis 43% der Eigelege in den Vogelnestern stammen nicht vom ständigen Partner des Vogelweibchens. Dass Konrad Lorenz das übersehen hat, kann überraschen. Denn die Vögel sind in gewissem Sinn katholisch. Es handelt sich da allerdings um einen etwas italienischeren Katholizismus als den alpinen (wenngleich "Der Pfau mit seinem langen Schwanz, der führt die Braut wohl zu dem Tanz" sich so anhört, als sei auch in deutschen Landen die Förderung der Zweisamkeit ein Pendant zur Tradition des Cicisbeo; und als hätten deutsche Bauern und Jäger etwas beobachtet, was Konrad Lorenz übersehen oder verschwiegen hat. Dieses Volkslied ist eines unserer ältesten - ab 1603 taucht der Stoff auf - , und es gibt davon unzählige, oft sehr derbe Strophen). In Italien gilt ein Mann schon als homosexuell, wenn er eine schöne Frau nicht versucht zu verführen, bloß weil er in die eigene Gattin verliebt ist. Natürlich nur unter Männern, in Abwesenheit weiblicher Ohren. Bei den Damen gilt er als einer, der es wert sein könnte, in Versuchung geführt zu werden. Wir Deutschen sind da sehr viel prüder. Alles hat seine zwei Seiten. Und "Non si può avere la moglie ubriaca e la botte piena": man kann nicht gleichzeitig eine besoffene Frau und ein volles Fass haben.

Scheinheiligkeit und echte Heiligkeit

In den deutschen Schulbüchern steht ein merkwürdiges Lied, das selbst in den volksliedfeindlichen 70-er Jahren in Deutschlands Gymnasien gesungen wurde, und das man für ein jahrhundertealtes Volkslied halten könnte, weil darin Wörter wie "König" und "Marketenderin" vorkommen. Dieses Lied, das das Thema Homosexualität zum Inhalt hat,  wurde aber erst 1920, also kurz nach dem 1. Weltkrieg geschrieben. Es ist jedoch nicht zeitlos, sondern eine damals zeitgemäße Elegie, die sich in ein altertümelndes Gewand kleidete und dadurch ihr Thema geschickt tarnte. Offenbar brachte die Mehrheit der Bevölkerung noch in den 70-ern Dinge wie Marketenderin und König nicht mit Homosexualität unter einen Hut (schon Ludwig II von Bayern hatte sich erfolgreich durch märchenhafte Entrückung getarnt), weshalb das Lied es, obwohl der Paragraph 175 in den 70-ern Homosexualität noch unter Strafe stellte, in leicht veränderter Form - im Originaltext heißt es noch "knabenfrische Wangen", statt "jugendfrische" - bis in die Schulbücher schaffte. Auch in einer Broschüre von Jörg Zink tauchte es mit einer an den Haaren herbeigezogenen Interpretation auf. Ich kann mich erinnern, dass mich die Unverständlichkeit des Textes irritierte. Aber da altertümliche Volksliedtexte oft etwas Unverständliches enthielten, über das man hinwegsang, weil die Lehrer in dieser volksliedfeindlichen Zeit die Texte nie erklärten und historisch kontextualisierten, wäre ich damals nie auf die Idee gekommen, dass hier von Homosexualität die Rede ist.

 

Der Wunsch ist immer Vater des Gedankens. Das gilt für die Gedanken der Väter wie der Nichtväter. Und auch für Volker Sommer. Und Indizien, die eine Theorie stützen, finden sich immer. Wissenschaftlich sind am Ende nur die falsifizierenden Beweise. Diese aber finden sich eben nicht immer (und manchmal überhaupt nie, möchte ich vermuten und behaupten). Man soll sich nicht zum Affen machen. Die oberhalb des Arnotals lebende Tochter von Konrad Lorenz wurde von einem jüdischen Psychoanalytiker geschwängert, der seine Patienten malt und mit diesen Bildern Ausstellungen macht. Mater semper certa est.

Natürlich ist es richtig, dass die Evolution darauf beruht, dass die Natur selbst immer wieder in Widerspruch zu ihrer eigenen "Natur" tritt und jedes neue natürliche Gleichgewicht von einst widernatürlichen Außenseitern ihren Ausgang genommen hat, wodurch die Natur eine neue Stufe betritt. Es ist umgekehrt aber nicht so, dass die Zerstörung eines Gleichgewichts per se schon zwangsläufig schon zu einem neuen Gleichgewicht führt, das die Evolution auf eine höhere Stufe heben kann; im Gegenteil.

Volker Sommer hebt zu Recht hervor, dass der Homo sapiens ein religiöses Tier ist, aber er übergeht wie eine homosexuelle Anna Karenina die banale Tatsache, dass es sich da um ein Tier handelt, dessen Fortpflanzung und soziale Strukturen auf Heterosexualität beruhen, wobei die Ausnahmen die Regel nur bestätigen, solange es ihnen nicht gelingt diese zu ändern. "Die gücklichen Familien sind sich alle ähnlich" beginnt Tolstojs Roman sehr richtig.
Daran würde sich auch nichts ändern, wenn die Primaten alle die spanische Staatsbürgerschaft erhalten sollten und ihnen in London Lehrstühle für primatologologische Anthropologie eingerichtet würden. Man verzeihe mir die Verwortelung dieses Begriffsungetüms. Sie ist nicht auf meinem Mist entstanden. Ich bilde nur ab, was Volker Sommer in letzter Konsequenz als Neues unter der Sonne vorschwebt (wobei der konsequente Theologe Sommer sicher auch ein Neues über der Sonne im Sinn hat): er möchte beweisen, dass es keine eindeutigen begrifflichen Unterscheidungen in der Biologie geben kann, die die Trennung der Kathegorien "Mensch" und "Affe" zulassen, und dass deshalb ein nomenklatorisches Umdenken wünschenswert sei. Freiheit gibt es aber nur dort, wo es auch Einbindung gibt, wohltuende Veränderung nur dort, wo die bewahrenden Elemente Schutz bieten und Evolution nur dort, wo das Bewährte durch die wenigen positiven Mutationen verbessert wird und durch Selektion die vielen schlechten Mutationen ins Aus fallen lässt. Es hat keinen Sinn, die Vergleichende Verhaltensforschung, die Konrad Lorenz aus der Vergleichenden Anatomie entwickelt hat, zu verbiegen, um sie den eigenen Träumen anzupassen. Solch privater Relativismus wird auch in der Epoche von Relativismus und New Age  (obwohl vielleicht tatsächlich ein Neues unter der Sonne mit großer Tragweite im Entstehen ist; wir kennen aber seine Gestalt noch nicht, wir spüren nur manchmal diese Tragweite und eine Unruhe, die die vage Vorsilbe "Post-" häufig werden ließ)  immer wieder Antirelativisten auf den Plan rufen, denen das Gemeinwohl am Herzen liegt. Auch wenn sie im Moment in der Defensive sind und nur eine verschwindende Minderheit darstellen. Die Tatsache, dass innerhalb des Rahmens unserer kollektiven, individuellen, onthogenetischen Schicksale die philogenetischen Einheiten als zeitlos angesehen werden, obwohl auch sie letztlich am Webstuhl der Zeit gestrickt werden, hat schon ihren Sinn! Da es aber - wie Richard Dawkins uns wissen lässt - russischen Züchtern vor einiger Zeit gelungen ist, innerhalb von nur 12 Generationen aus wilden Füchsen collieartige, anhängliche Hausfüchse herbeizuzaubern, wird dieser sensationelle Zuchterfolg, der die Annahme widerlegt hat, um sich den "besten Freund des Menschen" nach seinem Bilde zu schaffen, habe der Mensch Jahrhunderte oder gar Jahrtausende gebraucht, wohl die eugenetische Phantasie homosexueller und feministischer ÄrztInnen und JuristInnen in Zukunft sehr beflügeln. Befruchtung wird immer häufiger künstlich sein und sicherlich bald zwischen Gleichgeschlechtlichen stattfinden. Der Körper wird in steigendem Maß zum Fremdkörper, das Bewusstsein zu Shareware.

Jedenfalls ergänzen sich Wolf Singer und Volker Sommer prächtig. Während der eine mit einer neuen Gestalt uralter Argumente dem Menschen wieder mal den freien Willen abspricht (und diesmal sogar die Schuldfähigkeit) bügelt der andere diesen peinlichen Fehlschluss wieder aus, indem er den Affen die Fähigkeit zu Traum, Wunsch und bewusster Entscheidung zugesteht.

Bei Gerhard Roth hat man den Eindruck, erst liest er Gramsci, und dann schaut er nach, was im Gehirn am besten zu Gramscis gemäßigtem (die Errungenschaften des Bürgertums wahrenden) Marxismus und zu einem  säkularisierten Lutherismus der Verantwortung passt.


 Zeitloser als "Jenseits des Tales" ist gewiss ein ebenfalls sehr altertümlich wirkendes Lied, das aber erst 1952 von Felicitas Kukuck geschrieben wurde und erst seit wenigen Jahren als Volkslied Verbreitung findet. Eine so gelungene "echte" Fälschung, dass wahrscheinlich wirklich ein dauerhaftes, echtes Volkslied daraus werden kann.

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