Stationen

Dienstag, 22. September 2020

Samos

 Wann kommt der nächste Brand? fragte jemand noch vor einer Woche.



Die stygischen Lygner

Im düstern Auge glimmt die Hyäne,
Sie sitzen am Laptop und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir lügen dein Leichentuch,
Wir lügen hinein den vierfachen Fluch –
Wir lügen, wir lügen!

Ein Fluch der Wirtschaft, den Wertschöpfungsketten,
dem Eigentum andrer, das wir gern hätten:
Mit Diskriminierung und Klimawandel
Treiben wir sie in den Ablasshandel –
Wir lügen, wir lügen!

Ein Fluch der Physik, der Biologie,
der Mathematik, KI und Chemie:
Wir haben Sozialwissenschaften studiert,  
Damit man uns nicht mit Wissen traktiert –
Wir lügen, wir lügen!

Ein Fluch der Familie, der Mutterschaft,
Der patriarchalischen Geiselhaft:
Wir bringen schon Kindern Analsex bei
Und machen sie für die Geschlechtswahl frei –
Wir lügen, wir lügen!

Ein Fluch dem erfundenen Vaterlande,
Dem Volke, den Nazis, der braunen Bande:
Wir heilen den Morbus deutsche Nation
Durch Diversität und Ersatzmigration –
Wir lügen, wir lügen!

Der Finger fliegt, der Lügner wacht,
Wir lügen emsig Tag und Nacht:
Restdeutschland, wir lügen dein Märchenglück,
Wir lügen den Sozialismus zurück –
Wir lügen, wir lügen!

 

Ungewohnte Töne im ZDF um 19 Uhr 10

Sonntagabend, „Berlin direkt“. Vier erstaunliche Minuten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Zu Beginn ein Zusammenschnitt alarmistischer Aussagen, dazu die Stimme aus dem Off: „Politik und, ja, auch Medien im Dauer-Spezial-Modus – wo ist da der Ausgang?“ Ist da etwa Kritik am Umgang mit Corona herauszuhören, gar Selbstkritik? 

Tatsächlich, die Fixierung auf die „täglichen Neuinfektionen“ wird beanstandet, vom „Starren auf eine Zahl“ ist die Rede, von „eindimensionaler Botschaft“ und „Tabellen, die absurde Züge annehmen“. Im Interview die Erklärung „Eine Infektion ist keine Krankheit – eine Infektion ist eine Infektion, aus der sich möglicherweise eine Krankheit entwickeln kann“, dazu der Hinweis, dass Corona-Todesfälle seit Monaten auf Niedrigstniveau sind.

Am Schluss kommen sogar noch FDP und AfD im O-Ton zu Wort. Beide Oppositionsparteien versuchten letzte Woche, mit Anträgen im Bundestag wieder Grundgesetznormalität herzustellen. Vergeblich – trotz entgegenstehender Faktenlage sieht die Koalition weiterhin eine „epidemische Lage von nationaler Tragweite“. 

 

Die Menschen lieben Verbote. Im Lift des Bundestages sprachen zwei Maskierte jemanden an – an einer solchen Aussage ist heutzutage nichts Ungewöhnliches mehr –, ein Mann und eine Frau, beide um die 50 oder älter, vom Habitus würde man sagen CDU (aber das ist nur ein Eindruck), und erkundigten sich, warum er keinen Mund-Nasen-Schutz trüge. Er hatte schon zuvor von meist jüngeren Kollegen gehört, dass derartiges inzwischen passiere, oft in einem unfreundlichem Ton (in diesem Fall klang es eher pädagogisch). Er stellte die Gegenfrage, warum sie es denn täten. Die Antwort kam routiniert: Um sich und andere, darunter auch ihn, vor einer Infektion zu schützen. Diesen Grund würde er ihnen ja gerne glauben, erwiderte er, aber nur, wenn sie die Maske freiwillig bereits im April aufgesetzt hätten, auf dem Höhepunkt der Krise, und nicht erst jetzt, nachdem Schäuble es mehr oder weniger befohlen hat.     
Mag ja sein, dass - wie Yogishwar berichtet - durch Vergleich von Kreuzfahrtschiffen bewiesen wurde, dass die Maske ein bisschen davor schützt, andere anzustecken (der Maskenträger wird dabei nicht geschützt), die Verhältnismäßigkeit jedoch wird allemal mit Füßen getreten. Die Toten sind seit Monaten verschwindend wenig, die in absoluten Zahlen so zahlreichen positiv Getesteten sind seit Monaten im Zusammenhang gesehen nur um 1 Prozent der Gesamtzahl der Getesteten (und die Fehlerquote beträgt 1% - wodurch sie automatisch zu falschen Positiven werden). Viel lärmende Panikmache um nichts. Jedes Jahr sterben um die 3000 Menschen in Autounfällen und Hunderttausende werden dadurch verletzt. Niemandem fällt ein, deswegen das Autofahren zu verbieten.


Ehrlichkeit ist rar

Beinahe hätte es, außer der SPD, keine neu gegründete Partei in der ersten und letzten frei gewählten Volkskammer gegeben. Am Runden Tisch, der die finalen Wochen der Regierung Modrow moderierte, war der Antrag eingebracht worden, dass die Volkskammerwahlen am 18. März mit einer 5-Prozent-Hürde stattfinden sollten, denn nur das wäre demokratisch.

Einem unbekannten Bürgerrechtler ist es zu verdanken, dass er den Einwand erhob, der vom Runden Tisch gebildeten Kommission, die dabei war, einen neue Verfassung für die DDR zu schreiben, müsste der Antrag vorgelegt werden, bevor er abgestimmt werden konnte.

Ich war in dieser Kommission die Vertreterin der Grünen Partei, und obwohl meine Partei am Runden Tisch dafür gewesen war, erhob ich heftige Einwände. Es waren sieben neue Parteien gegründet worden, die gegen alle Altparteien antreten mussten. Unwahrscheinlich, dass alle fünf Prozent erreichen würden. Damit wäre ausgerechnet den Vertretern der Friedlichen Revolution, denen die freien Wahlen zu verdanken waren, der Zugang zur Volkskammer erschwert oder unmöglich gemacht worden. Wie immer, wenn das Mitglied einer Neupartei ein Argument vehement vortrug, wagten die Altparteien kaum Widerspruch. So verschwand der Antrag, die Wahl fand ohne Prozenthürde statt.

Am Wahlabend stellte sich heraus, dass mit Ausnahme der SPD, die bei knapp 22 Prozent landete, obwohl ihr die absolute Mehrheit vorausgesagt worden war, alle anderen Neuparteien zusammen gerade bei 5 Prozent landeten. Als wir Abgeordneten der Grünen Partei aber mit dem Neuen Forum, Demokratie Jetzt und der Initiative für Frieden und Menschenrechte, die ein Wahlbündnis eingegangen waren, eine Fraktion bilden wollten, bekamen Matthias Platzeck und ich Schwierigkeiten mit dem Parteivorstand. Man drohte uns den Rausschmiss an, denn wir sollten grüne Themen in das Parlament einbringen und uns nicht verwässern lassen. Es gelang uns aber, den Vorstand zu überzeugen, dass wir unseren Themen in einer größeren Fraktion besser Gehör verschaffen könnten. Damit stand der Geburt von Bündnis 90/Grüne nichts mehr im Weg.

Bevor ich aber eine der drei Fraktionsvorsitzenden wurde, neben mir waren das Jens Reich und Marianne Birthler, hatte ich noch etwas zu überstehen, was man heute Shit-Storm nennen würde.

Ich sollte Platz machen für „Frauenthemen“

Die Grüne Partei war mit der Frauenpartei ein Wahlbündnis eingegangen. Als der größere Partner standen Grüne auf den ersten Plätzen, auf den zweiten folgten Vertreterinnen der Frauenpartei. Wegen des schlechten Wahlergebnisses – wir hatten kaum zwei Prozent gewonnen – zogen nur die ersten Plätze. Bereits in der Wahlnacht erhoben die Frauen die Forderung, ein Drittel der Grünen sollten auf ihre Mandate verzichten, damit Frauen nachrücken könnten.

Vor allem aber wollten sie Christina Schenk, die hinter mir auf der Liste stand, in der Volkskammer sehen. Also konzentrierte sich der Druck auf mich. Ich wurde mehrere Tage lang von einem Pulk Journalistinnen regelrecht verfolgt. Ich solle Platz machen für „Frauenthemen“. Das ich eine Frau war und zwar eine der nur zwei Frauen von acht grünen Abgeordneten, zählte für die Feministinnen nicht. Um den Druck aufrechterhalten zu können, lehnten sie den freiwilligen Rücktritt dreier Männer ab. Ich blieb hart und so bekamen die Frauen am Ende kein Mandat.

Die Volkskammerzeit würde ich die die schönste und intensivste in meinem Leben nennen, wenn ich vorher nicht in Cambridge gewesen wäre, wo ich mich als postgraduale Studentin behaupten konnte und nach einem Jahr mit einem Begabtenstipendium meines Colleges ausgezeichnet wurde. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Die Volkskammer, die recht bald als Laienspieltruppe verunglimpft wurde, war so lebendig, und volksnah, wie ein Parlament nur sein kann. Trotz der intensiven Bemühungen der Berater der Regierungskoalition aus dem Westen, die bei unseren Debatten auf der Besuchertribüne saßen, uns davon abzuhalten, mit wechselnden Mehrheiten abzustimmen, gelang ihnen das nicht immer. Je nach Temperament gestikulierten sie, schüttelten die Köpfe oder zogen Grimassen, wenn wir mit Leidenschaft Abgeordnete anderer Fraktionen überzeugten, gegen ihre Vorgaben mit uns abzustimmen.

Bundeskanzler Kohl mit  Entourage auf der Besuchertribühne

Es kamen auch immer wieder überparteiliche Initiativen zustande, die von den Fraktionsführungen der Koalition nicht unterdrückt werden konnten. Eine war die versuchte Abwahl von Innenminister Diestel, dessen fragwürdiger Umgang mit den Stasiakten Anlass war, ihn ablösen zu wollen. Eine andere war der überparteiliche Antrag auf sofortigen Beitritt zur BRD am 17. Juni. Der Grundgedanke dieses Antrags war, dass die Vereinigung kommen würde und ein sofortiger Beitritt ohne Übergangsregelungen Rechtssicherheit schaffen und Vereinigungskriminalität verhindern würde. Wie recht wir mit unserem Verdacht hatten zeigte sich, als nach der Vereinigung eine Zentrale Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) gebildet werden musste.

An diesem 17. Juni saß Bundeskanzler Kohl mit seiner Entourage auf der Besuchertribühne. Er wollte der Gedenkfeier für den Volksaufstand am 17. Juni 1953 beiwohnen. Als unser Antrag trotz aller Verhinderungsversuche verlesen und zur Abstimmung gestellt wurde, verließ Kohl fluchtartig den Saal. Er hatte noch nicht alle Zusagen für die Vereinigung in der Tasche. Kohls Flucht ist ein Argument gegen die immer häufiger vorgetragene Behauptung, die deutsche Vereinigung wäre auf Befehl Gorbatschows erfolgt. Wenn es tatsächlich der Wunsch der Sowjetunion gewesen wäre und nicht der Volkswille der DDR, hätte Kohl an diesem Tag den Antrag begrüßen müssen, statt in Panik auszubrechen.

Aber auch ohne Sofortbeitrittt nahm die Vereinigung immer schnellere Fahrt auf. Waren wir Abgeordneten beim Zusammentritt der Volkskammer und der ersten Regierungserklärung von Ministerpräsident de Maizière noch der Meinung, dass wir vier, aber mindestens zwei Jahre brauchen würden, um die Forderungen der Straße nach Deutschland einig Vaterland zu erfüllen, war im Juni schon klar, dass es nur noch wenige Wochen dauern würde.

Am 31. August wurde der 1.000 Seiten starke Einigungsvertrag von den Verhandlungsführern Wolfgang Schäuble und Günther Krause unterzeichnet. Drei Wochen später, am 20 September, stimmten wir in der Volkskammer über diesen Vertrag ab.

Das Berggesetz der DDR fortgeschrieben

Ich stimmte dagegen, nicht weil ich gegen die Vereinigung war, sondern weil ich dem Vertrag misstraute. Damals wußte ich nur, dass die westdeutsche Industrielobby ihre Interessen durchgesetzt und per Vertrag unliebsame Konkurrenz aus dem Osten schachmatt gesetzt hatte. In Thüringen war VEB Nordbrand Nordhausen einer der wenigen ganz modernen Betriebe der DDR. Er stellte nicht nur den beliebten Nordhäuser Doppelkorn her, der erfolgreich in den Export ging, sondern auch hochwertigen Industriealkohol. Im Einigungsvertrag wurde eine Deckelung der Industriealkoholproduktion auf dem Gebiet der ehemaligen DDR festgelegt, die VEB Nordbrand das wirtschaftliche Genick brach.

Noch schwerer wog, dass im Einigungsvertrag das Berggesetz der DDR fortgeschrieben wurde, was hieß, dass weiter alle Abbauvorhaben Vorrang vor allen anderen Belangen, auch des Natur- und Landschaftsschutzes, haben würden. Das hätte großflächige Landschaftszerstörungen zur Folge, ein Problem vor allem der Regionen, die touristisch genutzt werden.

Ich machte es mir später als Bundestagsabgeordnete zu meiner Hauptaufgabe, diese Einungsvertragsklausel zu ändern. Das gelang mir dann in der Legislaturperiode von 1994–1998, als es wieder eine grüne Fraktion gab, nachdem die Westgrünen wegen der getrennten Wahlgebiete aus dem ersten gesamtdeutschen Bundestag geflogen waren. Als Mitglied des Umweltausschusses konnte ich einen Gesetzentwurf entwickeln, der von der Fraktion angenommen wurde und in zahllosen Gesprächen die Kollegen der anderen Fraktionen überzeugen. Zum Schluss musste ich allein mit Wolfgang Schäuble verhandeln, weil es die Unionskollegen nicht wagten. Schäuble war sehr gut vorbereitet, stellte präzise Fragen und war mit meinen Antworten offenbar zufrieden. Der Einigungsvertrag wurde in puncto Bergrecht geändert, seitdem gilt gleiches Bergrecht in ganz Deutschland.

Nach und nach stellten sich weitere Fehlentscheidungen im Einigungsvertrag heraus. Unter anderem die, auch den Absolventen der Stasihochschule in Potsdam Eiche ihre Abschlüsse anzuerkennen. Sie durften ihre Doktortitel behalten, obwohl die „Dissertationen“ zum Teil sogar Kollektivarbeiten waren, die jegliche wissenschaftlichen Standards vermissen ließen.

Ergebnis eines wirklichen Kuhhandels

Die Zeit zwischen dem 20. September und dem 3. Oktober war dann noch einmal sehr spannend. Das Datum der Vereinigung war das Ergebnis eines wirklichen Kuhhandels. Alle Fraktionen tagten gleichzeitig, Emissäre liefen zwischen den Beratungsräumen hin und her. Wir präferierten den 9. November, den Tag des Mauerfalls. Das kam für die Union nicht in Frage, denn angeblich wollte Kohl unbedingt den 41. Republikgeburtstag verhindern. Es war weit nach Mitternacht, als sich alle Fraktionen auf einen Termin verständigt hatten. Der 3. Oktober ist immer ein uninspiriertes Kunstdatum geblieben.

Während die Vereinigungsvorbereitungen auf Hochtouren liefen und so wichtige Fragen diskutiert wurden, wann genau die DDR-Fahne eingeholt und die deutsche Fahne geflaggt werden sollte, konzentrierten wir uns auf zwei Fragen, die wir unbedingt noch in der Volkskammer abgestimmt haben wollten.

Die eine betraf den Umgang mit den Stasiakten. Wir wollten unbedingt durchsetzen, dass die Hinterlassenschaften des Unterdrückungsapparates öffentlich zugänglich gemacht werden. Der Widerstand dagegen war sehr strak, nicht nur auf Seiten der DDR-Altparteien, sondern auch der westlichen Politiker.

Die DDR-Volkskammer hatte am 24. August das “Gesetz zur Sicherung und Nutzung der personenbezogenen Akten” des Ministeriums für Staatssicherheit beschlossen. Die Forderung unserer Fraktion und vieler Bürgerrechtler war, dass ein solches Gesetz zum Umgang mit den Stasi-Akten auch in den Einigungsvertrag aufgenommen werden sollte. Doch dies geschah nicht. Stattdessen gab es den Plan, die Akten 30 Jahre lang ins Bundesarchiv zu sperren. Das führte zu heftigen Protesten.

Zusatzklausel zum Umgang mit den Stasi-Akten

Am 4. September besetzten dutzende Bürgerrechtler die Räume der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin und traten in den Hungerstreik. Der Druck wurde so stark, dass am 18. September Wolfgang Schäuble und Günther Krause schließlich eine Zusatzklausel zum Einigungsvertrag zum Umgang mit den Stasi-Akten vereinbarten. Hierin wurde festgeschrieben, dass der Bundestag nach der Wiedervereinigung ein entsprechendes Gesetz erlassen sollte. Das war ein halber Sieg.

Allerdings bedurfte es nach der Vereinigung im Bundestag der ganzen Energie der Bundestagsgruppe von Bündnis 90/Grüne, die Kollegen der anderen Fraktionen zu überzeugen, dieses Gesetz auch zu beschließen. Die Koalitionsfraktionen hätten es nicht auf die Tagesordnung gesetzt, die SPD-Opposition auch nicht. Es wurde schließlich eine überparteiliche Initiative, die das Vermächtnis der Volkskammer erfüllte.

Ein Vorgeschmack darauf, wie schwierig dieses Thema werden würde, war der schließlich erfolgreiche Versuch, die Namen der stasibelasteten Abgeordneten der Volkskammer vorzulesen. Die Liste war in einem Unterausschuss erarbeitet worden, dem der spätere Stasiunterlagenbeauftragte und noch spätere Bundespräsident Joachim Gauck vorsaß. Wir waren schon wegen der Asbest-Belastung aus dem Palast der Republik verbannt worden und saßen im ebenso asbestbelasteten Saal des ehemaligen ZK-Gebäudes.

Der Vizepräsident unserer Fraktion Wolfgang Ullmann stieg aufs Podium und wollte die Namen verlesen. Er wurde von Ministerpräsident de Maizière, Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl und – nach meiner Erinnerung – auch PDS-Fraktionsvorsitzenden Gregor Gysi immer wieder am Reden gehindert. Es gipfelte in dem Vorwurf, die Liste sei illegal kopiert worden. Erst als ein Mitglied des Unterausschusses rief, er können die Namen auswendig von vorn nach hinten, aber wenn gewünscht auch von hinten nach vorn aufsagen, war der Widerstand gebrochen und Ullmann konnte seines Amtes walten.

Um nicht mit der Stasi zu enden, möchte ich erzählen, was ich persönlich für einen der größten Erfolge unserer Volkskammertätigkeit halte. Am letzten Sitzungstag gelang es uns, eine Mehrheit für unser Nationalparkprogramm zu bekommen. Damit wurden wichtige schützenswerte Gebiete zum Nationalpark erklärt. Das wäre nicht ohne die jahrelange Vorarbeit innerhalb der Umweltbewegung der DDR möglich gewesen. Wir hatten etliche Biologen, Botaniker, Geologen und Geobotaniker in unseren Reihen, die seit Jahren an solch einem Programm gearbeitet hatten, ohne zu wissen, ob sie jemals die Chance haben würden, es zu verwirklichen. Die bot sich, und die erste und letzte freie Volkskammer hat sie genutzt. Sie hat dafür gesorgt, dass die DDR nicht nur verrottete Betriebe, kontaminierte Böden, tote Flüsse und dreckige Luft in die Vereinigung einbrachte, sondern einen Naturschatz, der heute zum Wertvollsten gehört, was Deutschland auf diesem Gebiet zu bieten hat.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Vera Lengsfeld.de.

Richard David Precht als Diktator

Maischberger: „Alles, was Sie sagen geht davon aus … Also dass der Klimawandel passiert oder dass wir eine Klimaveränderung haben, ist mittlerweile jedenfalls in der großen Mehrheit ein gesetztes Thema (…) Aber ob man mit dem Tempolimit zum Beispiel oder mit den Einschränkungen der SUVs genau darein Auswirkungen hat (…) Ist das für Sie so klar, dass Sie sagen, das rechtfertigt die Verbote?“

Precht: „Dass wenig CO2 da hoch zu pusten deutlich besser ist, als viel CO2 in die Luft zu pusten ist eine ziemlich einfache Angelegenheit (…) Es geht ja nicht darum, dass ich jetzt hier sitze, von diktatorischen Vollmachten träume …“

Maischberger: „Doch! Genau darum geht es!“

Precht: „Nee, darum geht es überhaupt nicht.“

Maischberger: „Tun Sie, oder? Was Umwelt angeht schon? Geben Sie’s zu!“

Precht: „Es geht darum, den Ernst der Lage zu begreifen. Und den Ernst der Lage, den hat jeder irgendwo im Hinterkopf, aber wenn es um die alltäglichen Gewohnheiten geht, ist er nicht bereit, sein Verhalten zu verändern (…) Aber ich bin absolut sicher, dass jede Regierung diese Dinge durchbringen könnte, ohne deswegen nicht wiedergewählt zu werden.“

Maischberger: „Welche Regierung soll’s denn machen? Also Sie haben ja Eltern, von denen wir wissen, dass sie (…) ganz in der Anfangszeit der Grünen mit dabei waren. Macht Sie das automatisch zu einem Kind, das heute sozusagen ganz natürlich Fridays-for-Future-Mitglied wäre?“

Precht: „Ich bin nicht Fridays-for-Future-Mitglied, aber ich finde das ganz toll, dass die Jugend, der immer nachgesagt wurde, sie sei unpolitisch, dass sie sich für ihre Zukunft so einsetzt, finde ich eine großartige Sache.“  

...


Maischberger: „Wenn das, was Sie an die Wand malen, tatsächlich so kommt. Man könnte ja auch sagen: Unsere Generation wurde mit dem sauren Regen und dem Waldsterben immer konfrontiert und danach hat man gesehen, das ist alles nicht passiert …“

Precht: „Sie haben ganz viel gemacht dagegen.“

Maischberger: „Wie sicher sind Sie denn, dass das, was Sie so apokalyptisch jetzt an die Wand malen, wirklich passiert oder dass nicht doch irgendwie etwas passiert, was genau das nicht wahr werden lässt?“

Precht: „Haben Sie irgendeine Idee, was das sein könnte? Also mit was will man das jetzt gegenwärtig stoppen?“

Maischberger: „Vielleicht stoppt es sich von alleine?“

Precht: „Das heißt, Sie haben ernsten Zweifel daran, dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt?“

Maischberger: „Ich frage, ob Sie einen Zweifel daran erheben, dass das, was Sie als Wirklichkeit in der Zukunft, ja, als gegeben schon ansehen, dass das wirklich so eintritt?“

Precht: „Also … wenn 10 Prozent in mir skeptisch sind, weil die immer skeptisch sind und 90 Prozent von mir sagen, ich glaube diesen tausenden von Experten, die sich ein Leben lang damit beschäftigt haben. Und nur 10 Prozent ab und zu mal sagt, naja, kann man denen wirklich glauben … Dann ist eine 90-prozentige Gewissheit absolut ausreichend, um diese realpolitischen Forderungen aufzustellen und auf ihre Erfüllung zu hoffen.“

Maischberger: „Dann gucken wir doch mal, was die Politik und die anderen damit machen.“   Aufgezeichnet von Ulrike Stockmann

 

Gute Nachricht

Der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide ist der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der neu gegründeten „Dokumentationsstelle Politischer Islam“ in Österreich. In einem Interview erklärt er, wie wichtig diese neue Institution ist:

„Die Aufmerksamkeit in Europa galt lange fast ausschließlich dem islamistischen Terror oder offen extremistischen Gruppen wie den Salafisten.

Der legalistische Islamismus beziehungsweise Politische Islam wurde dagegen übersehen, weil er weniger gefährlich wirkt - aber gerade das macht ihn ja so gefährlich! Hinzu kommt, dass er viel größer und besser organisiert ist als etwa salafistische Vereine.

Österreich ist eines der ersten Länder in Europa, das die Bedrohung der freien Gesellschaft durch den Politischen Islam erkannt hat. Die ÖVP von Bundeskanzler Sebastian Kurz legt hier den Finger in eine Wunde und hat die Dokumentationsstelle im Koalitionsvertrag mit den Grünen verankert.“

Niedertracht pur

Die von den Gebührenzahlern voll ausgestattete heute-show Oliver Welkes im ZDF verhöhnte den stotternden AfD-Sachverständigen Dieter Amann (ab Minute 15:00), weil er stotternd erklärt, warum viele Neu-Hinzugekommene schon an der Sprachbarriere scheitern, wenn es darum geht, einen Arbeitsplatz zu finden.

Dass Amann vor der Anhörung darauf hinweist, dass er nicht gewohnt sei, vor vielen Menschen zu sprechen und stottere, stört diese Schranzen der guten Moral nicht. Ein Mensch mit einer Krankheit wird öffentlich verhöhnt und lächerlich gemacht. Das ist bar jeden Anstands, jeder Sitte und jeder Satire. Welchen Hass müssen Menschen in sich verspüren, die sich darüber auf die Schenkel klopfen?

Das einzig Positive an diesem unwürdigen Spektakel: Das System der „Demokratieabgabe“ für die Reschkes und Klebers entlarvt sich jeden Tag ein Stückchen mehr von selbst. 

 

Verhältnismäßigkeit


Montag, 21. September 2020

Ordo ab chao

Wenn ein gedankliches Gewebe entstehen soll, bedarf es zahlreicher fremder Fäden, und dieser Tage schaut es so aus, daß wir so einiges neu denken müssen. Am 27. Juni war im Kommentarbereich zu lesen:

Was wir brauchen, sind keine Verhaltensregeln für das Führen eines Bürgerkriegs, sondern für das Überleben in einer Diktatur. Diese Diktatur wird sich breiter Zustimmung in der Bevölkerung erfreuen, weil sie sich als einzige Chance offerieren wird, einem Bürgerkrieg zuvorzukommen.

Blickt man phänomenologisch auf das politische Weltgeschehen, so lassen sich mit der Zeit bestimmte übergeordnete Prinzipien daraus ableiten, die stets mit der Macht einzelner über beeinflußbare andere zu tun haben. Die konkreten Phänomene sind dann die Erscheinungsformen des betreffenden geistigen Prinzips. Es ist nicht ganz leicht, allgemein zu definieren, was ein „geistiges Prinzip“ ist. Daher sollen drei solche Prinzipien (die durchaus miteinander zusammenhängen) hier einmal beispielshalber aufgezählt sein:

1. Divide et impera („Teile und herrsche“) ist ein solches. Eine zu besiegende oder zu beherrschende Gruppe (wie z.B. ein Volk) wird in Untergruppen mit einander widerstrebenden Interessen aufgespalten. Dadurch soll erreicht werden, daß die Teilgruppen sich gegeneinander wenden, statt sich als Gruppe vereint gegen den gemeinsamen Feind zu stellen. Historisch gibt es massenhaft Beispiele, die diesem Prinzip folgen.

2. Ein anderes geistiges Prinzip ist der dialektische Dreischritt, den Hegel prominent formulierte, aber nicht erfand: These – Antithese – Synthese. Ein Zustand bringt notwendig sein Gegenteil hervor, und dieser polare Gegensatz wird dann in einer Lösung „aufgehoben“. Auch hier gibt es der historischen Beispiele Legion: jede Familiengründung, jede Revolution, jeder Krieg samt Friedensschluß drückt aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet dieses geistige Prinzip aus.

3. Dasjenige Prinzip, das uns hier interessieren soll, heißt ordo ab chao (= Ordnung aus dem Chaos). Das griechische Wort chaos (=„leerer Raum, das erste Vorhandene“ in der Weltenschöpfung) ist im Lateinischen erst spät gebräuchlich, bedeutet aber auch dort die gestaltlose Urmasse, aus der die Welt durch Sonderung der Elemente geschaffen wurde. Es ist dies (mir ist es egal ob "übrigens" oder " kaum zufällig") der Wahlspruch der Obersten Räte des freimaurerischen Systems des Alten und angenommenen Schottischen Ritus. Ordo ab chao bezeichnet in der Freimaurerei den Schöpfungsakt, der durch den Menschen immer wieder von neuem hervorgerufen werden soll.

Geistige Prinzipien stehen zunächst nicht in der Macht einzelner Menschen. Sie suchen sich gewissermaßen ihren historischen Ausdruck und können dann jeweils im Nachhinein aufgespürt werden: hier an dieser Stelle zu dieser Zeit hat sich dieses oder jenes Prinzip verwirklicht, sodaß sich ein Phänomen mithilfe einer bestimmten Denkfigur erklären läßt.

Nun zurück zum oben zitierten Kommentar. Es möge uns, folgt man dieser Einschätzung, in Zukunft nicht um unsere Position in einem Bürgerkrieg gehen, in welchem „wir“ (als Deutsche, als Patrioten, als Weiße) Partei sein sollen. Der Bürgerkrieg ist nur die Drohung. Es geht vielmehr um die Installation einer weltumspannenden Bürgerkriegsverhinderungsvorrichtung. Und die sollte uns zu denken geben.

Am 3. Juni dieses Jahres lancierte der Vorsitzende des World Economic Forum, Klaus Schwab, das Thema der nächsten Konferenz in Davos im Januar 2021: The Great Reset. Das anderthalbstündige Propaganda-Video, das man auf der Netzpräsenz des WEF anschauen kann, liefert in meinen Augen ein Musterbeispiel dafür, zur Überwindung des Chaos die Schöpfung einer neuen Ordnung zu versprechen.

In den ersten Minuten wird die Richtung unmißverständlich klar: „Our world has changed“ heißt es zu Beginn, als wäre dieser „Wandel“ der Lauf der chaosgebärenden Natur. Auffällig ist, daß bestimmte beklemmende Elemente innerhalb des Chaos (Schutzmasken, Videokonferenzen, Dekontamination, zwei durch eine Glasscheibe getrennte Alte etc.) bereits oktroyierte Ordnungsmaßnahmen darstellen, die aber durch schnelle Schnitte mit Naturkatastrophenbildern vermischt werden. Auf diese Weise wird das Beklemmende der notwendigen Ordnung mit der Chaos-Seite assoziierbar: „fragility“ erscheint als anthropologische Konstante, die eine neue Weltordnung rechtfertigt.

Schwab entwirft in seinem Redebeitrag den folgenden frame: unsere Welt sei durch die „Corona“-Krise sowie durch den „Klimawandel“ an einen Punkt gekommen, wo nicht mehr auf die althergebrachte Weise gewirtschaftet werden könne. Daher müsse die Weltökonomie jetzt auf reset gesetzt werden. So lautet der vom Sprachregime perfekt gewählte Begriff aus der Computersprache. Reset (engl.:„zurücksetzen“) ist ein Anglizismus für einen Vorgang, durch den ein elektronisches System in einen definierten Anfangszustand gebracht wird. Dies ist dann erforderlich, wenn das System nicht mehr ordnungsgemäß funktioniert und auf die üblichen Eingaben nicht reagiert.

Das WEF, Renaud Camus sprach einmal treffend von der „Davokratie“, hält „COVID-19“ für die Gelegenheit („opportunity“) der Stunde, jetzt eine neue Wirtschaftsordnung zu schaffen. Was kam zuerst, die Henne oder das Ei? UN-Generalsekretär António Guterres sagt im selben Film:

We must build more equal, inclusive and sustainable economies and societies that are more resilient in the face of pandemics, climate change and the many other global changes we face. - Wir müssen Ökonomien und Gesellschaften errichten, die gleicher, einschließender und nachhaltiger sind, diese sind belastbarer angesichts von Pandemien, Klimawandel und all den anderen globalen Veränderungen, die uns bevorstehen.

Es geht um nichts geringeres als den “Great Reset of Capitalism”. Explizit sollen nicht die Lücken des alten Systems gestopft werden (“to fill cracks in the old system”), sondern das System soll – die Computermetapher kaschiert das politische Geschehen – neu “aufgesetzt” werden.

Klaus Schwab sieht darin “one silver lining”, einen verheißungsvollen Silberstreif am Horizont, daß “Corona” gezeigt hätte, wie schnell “wir” zu radical changes to our lifestyles bereit wären. Fast aus dem Stand wären Unternehmen und Individuen von bisher für unerläßlich gehaltenen Gewohnheiten abgekommen, etwa von Flugreisen oder Büroarbeitsplätzen. Der Politikwissenschaftler William S. Engdahl, auf den ich mich hier beziehe, hält dies keineswegs für einen Silberstreif. Ich möchte ergänzen: es handelt sich vielmehr um technologische Disruption, die durch den Nimbus der Verheißung von umfassender Gleichheit (equality), Einbeziehung (inclusion) und Nachhaltigkeit (sustainability) im Handumdrehen nicht nur die Wirtschafts- und Arbeitswelt, sondern auch unsere moralischen Wahrnehmungsorgane überwältigt.

Wenn nun Ordo ab chao auch als aktiver menschlicher Schöpfungsakt begriffen werden kann, ist es möglich, daß sich bestimmte Menschen das geistige Prinzip absichtlich und mißbräuchlich zunutze machen. Das Chaos, zu dessen Überwindung sie antreten, stiften sie selber.

Man kann aus der Geschichte grundlegende Mechanismen deduzieren und ist, hat man einmal einen solchen Mechanismus ermittelt, daraufhin in der Lage, selber Geschichte zu schaffen, um seine Interessen durchzusetzen. Da Menschen Naturkatastrophen (zumindest abgesehen von Geoengineering) nicht direkt hervorrufen können, stiften sie eine Meta-Erzählung: Klimakatastrophe, Pandemie, Weltwirtschaftskrise und Rassenkampf  als gleichzeitig „ausbrechende“ chaotische Zustände, gegenüber denen ihre eigene (weit über eine ökonomische Umprogrammierung hinausgehende) Ordnung dann als Rettung erscheint.

In den 60er Jahren galt es in den USA als ein Ziel „kommunistischer Umtriebe”, zuerst weltweites Chaos zu erzeugen, und dann u.a. die (umgestaltete) UNO als einzige Hoffnung für die Menschheit auszurufen. Es könnte sein, daß der gegenwärtige amerikanische “Bürgerkrieg” genauso wie “Corona” und “Klima” ein Teil des Chaos sind, in welchem die Mohren und ihre weißen Gegner nur ihre Schuldigkeit tun und dann – auf Reset-Knopfdruck – gehen können.

Die dann errichtete Ordnung dürfte der Ordnungsliebe aller Konservativen Hohn sprechen.  Caroline Sommerfeld

Ich zitiere mich selbst: Seit dem "Oxi" der Griechen im Sommer 2015 ist Merkels Prinzip: Vom aktuellen Chaos lenkt man am besten ab, indem man ein noch größeres schafft.

Es wird immer mehr Chaos importiert und indirekt geschaffen, um in der Bevölkerung den Wunsch nach einem Polizeistaat zu wecken. Wenn die Diktatur dann da ist, werden sich die Merkelisten zurücklehnen und sagen: "Ihr habt es so gewollt".

Sonntag, 20. September 2020

Zeit

 

"Die richtigen Worte zum richtigen Zeitpunkt sind wie goldene Äpfel auf einem silbernen Tablett", heißt es in der Bibel (Sprüche 25, 11).


 Dass in der Sprache der Aymara die Zukunft hinter uns liegt und die Vergangenheit vor uns, ist sinnvoll. Denn das einzige, was wir wirklich sehen können, ist tatsächlich das, was bereits geschehen ist, während die Zukunft unbekannt ist. Ansonsten werden Konventionen in diesem Video arg überbewertet.

Samstag, 19. September 2020

Kathrin Goebbels-Eckhart, wie sie leibt und lebt

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, die einst vorübergehend Theologie studierte, hat gerade gesagt: „Wir kümmern uns hier um die Menschlichkeit. Der barmherzige Samariter hat auch seinen Mantel geteilt und hat nicht gewartet bis jemand kommt und sagt, ich wäre auch noch bereit.“

Aber derjenige, der seinen Mantel teilte, war erstens nicht der barmherzige Samariter, sondern der 300 Jahre später lebende römische Offizier Martin von Tour. Und zweitens teilte er seinen eigenen Mantel, statt andere zu zwingen, ein Stück von ihrer Kleidung abzuschneiden. Ihm wäre es auch nicht eingefallen, zu diesem Zweck 13000 symbolische Schwerter und Scheren vor dem Reichstag aufzustellen. Auch der barmherzige Samariter, den Göring-Eckardt etwas verschwommen im Gedächtnis ihres Herzens trägt, half mit eigenen Mitteln einem Einzelnen, der unter Räuber gefallen war:

„Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging vorüber. Ebenso kam auch ein Levit zu der Stelle; er sah ihn und ging vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam zu ihm; er sah ihn und hatte Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.
Und am nächsten Tag holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.“

Er drängte also nicht den Wirt, die Rechnung zu übernehmen, sondern zahlte selbst. Darin liegt eine Lehre, die von der moralischen Höhe der Solidaritätsdiktatoren aus meist übersehen wird: Wer seine eigenen Mittel verwendet, wägt ab, wie weit seine Hilfsleistung zu seinen Möglichkeiten passt. Der Samariter gibt zwei Denare, stellt noch einen oder zwei in Aussicht, falls es nötig sein sollte, aber er geht keine unbegrenzte Zahlungsverpflichtung ein. In wenigen Tagen sollte der Überfallene wieder auf den Beinen sein. Dann enden Hilfsbedürftigkeit und Hilfe.

Woran liegt es, dass Deutschland so sehr verblödet ist, dass KGE und AM uns eine Eselei nach der anderen auftischen darf? Die willfährige Presse, hinter die Merkel ihren Schlitten geschnallt hat, kann das nicht restlos erklären. Es gibt in Deutschland offenbar eine zutiefste irrationale Sehnsucht, der ganzen Welt zu zeigen, wie selbstlos, großherzig und gutwillig Deutschland ist.

Und wenn die Deutschen irgendwann spüren, dass ihnen das niemand abnimmt (und dass die deutschen Erlösungssehnsüchte nach Befreiung von all den Gewissensbissen außerhalb Deutschlands niemanden interessieren), wird dieser von Sehnsucht erfüllte Trancezustand in Hass umschlagen.

Bereits ein einmal durchschnittenes Mantelstück erfüllt nicht mehr so recht die Funktion eines Mantels, sondern lässt ähnlich viel Blöße unbedeckt wie ein Vierteltheologiestudium. Dem heiligen Martin dürfte auch klar gewesen sein, dass eine Mantelteilung nicht die Herstellung von Mänteln ersetzt. Aber, gut, das ist eine Übertreibung, wie sie zur Veranschaulichung des Außergewöhnlichen, in der volkstümlichen Kunst vorkommt. Es geht ja um Symbolik. Die soll sich einprägen, und deshalb wird in dieser Legende überzeichnet, was mitgeteilt werden will. Der arme Bettler war gewiss nicht nackt. Aber er fror und war bedürftig. Die Übertreibung schuf ein einprägsames, 17 Jahrhunderte lang verständliches Bild. 

Wer so wie Katrin Göring-Eckardt aus der Bibel argumentiert, nicht ganz textsicher, aber ganz selbsterfüllt, der sollte in dieser Manier auch praktisch weitermachen und sich den Samariter wie den heiligen Martin zum unmittelbaren Vorbild nehmen. Das beginnt mit dem eigenen Geld.   Wendt

Freitag, 18. September 2020

Lauter kleine Sehnsuchtstode

„Wild thing, you make …“ – dann brach der Leadsänger mit einem „Tock“ im Lautsprecher, brach auch der Gitarrendonner ab. Das war 1968, ich war vierzehn, und in der Aula des Jesuiteninternats Aloisius-Kolleg in Bad Godesberg (Ako) hatte sich das Parkett gebogen. Gefeiert wurde die Übergabe der Abiturzeugnisse unter anderem an meinen großen Bruder, und in diesem Jahr war diese angereichert durch eine Einlage der Ako-Band „Young loud creatures“ oder so ähnlich.

Ich hätte aufschreien können vor Vergnügen. „Wild thing, you make my heart sing, you make everything groovy …“, es war so herrlich laut und schön überraschend, die Eltern runzelten die Brauen, und die Patres schauten verdutzt, bis einer von ihnen aufsprang, den Stecker zog und für bleierne Stille sorgte.
Drei Jahre später, als ich bereits in einer maoistischen, aber dennoch Kiffer-WG wohnte, hörte ich den Song der Troggs aus einer Welt lustiger Tumulte und Aufbrüche in einem Programmkino, das den Auftritt von Jimi Hendrix auf dem Monterey Pop Festival 1969 zeigte.
In memoriam, denn Hendrix war überraschend gestorben. Tot aufgefunden in seinem Hotelbett am 18. September vor genau 50 Jahren. Ein weiterer aus dem Club 27 – Musiker, die im Alter von 27 Jahren verstarben –, wie Brian Jones von den Rolling Stones vor ihm, Janis Joplin zwei Wochen nach Hendrix, Jim Morrison im Jahr darauf, und Generationen später Kurt Cobain und Amy Winehouse.

In Hendrix’ Version war der Song ein brodelner zischender Elektro-Orgasmus auf offener Bühne, die Patres im Ako müssen sowas geahnt haben, er kniete über seiner Gitarre und ritt sie wie im Rodeo und spritzte schließlich Benzin in den Korpus, zündete ihn an und ließ die Flammen zwischen seinen Knien hochschießen … Wild thing …
Jimi Hendrix war der Blitz aus heiterem Himmel, die geniale früh vollendete Stichflamme des Rock, Gitarrengott der Hippie-Ära, der schwarze Psychedelic-Rocker, der bunteste aller Fransenträger, Erfinder atemloser Läufe über den Gitarrensteg, fast eine Vaudeville-Nummer, wenn er die Saiten mit den Zähnen traktierte oder das Instrument auf dem Rücken spielte. Darüber hinaus Erfinder des Hendrix-Akkords E7#9 mit dem „Purple Haze“ eröffnet, ein Riff, das schwer aus dem Kopf geht.

Mit diesen drei Akkord-Hammerschlägen, die sich dann in ein Riff aus vier Tönen zerlegen, wischte er unsanft die Harmonien der Beatles beiseite, die in den Charts mit ihrem „Sgt. Pepper“-Album dominierten.

Jimi Hendrix war wie ein Meteorit in die Szene gecrasht, an jenem Abend, als Chas Chandler von den Animals seinen ersten Auftritt in einem Londoner Club organisierte und die Poparistokratie (Beatles, Stones, Who) neugierig gemacht hatte und Eric Clapton von einer Offenbarung sprach, die alles verändert hätte: sein Leben und die Art zu spielen, zu hören.
Dabei war dieser lächelnde junge schwarze Indianer, der so erstaunlich schüchtern hinter dem von ihm angerührten Höllendonner verschwand, schon länger im Business, er war in den Jahren zuvor mit den Isley Brothers getourt, hatte als Studiomusiker für Little Richard und viele andere gespielt, hatte in Tennessee gelernt, mit den Zähnen zu spielen. „Da unten mußt du das tun, sonst wirst du erschossen – die ganze Bühne ist übersät mit gebrochenen Zähnen“, flachste er.
Er kam 1942 in Seattle zur Welt. Die Eltern waren Tänzer, beide hatten Afroamerikaner und Cherokee-Indianer unter ihren Vorfahren. Beide tranken, und dann gingen sie aufeinander los, so daß sich der kleine James öfter im Kleiderschrank versteckte oder auf der einzigen Saite seiner Ukulele spielte, die der Alte aus dem Müll gezogen hatte – möglicherweise hatte er sich da schon das Bending antrainiert, das Verschieben der Saite auf dem Gitarrenhals, um unterschiedliche Tonlagen zu erzeugen.
Mit fünfzehn erhielt er seine erste eigene Gitarre, auf der er als Linkshänder die Saiten umgekehrt aufzog und die Rock ’n’ Roll-Champs der Stunde nachspielte, Chuck Berry und Little Richard, aber oft auch stundenlang versonnen improvisierte.

Zwei Jahre später wurde er beim Autoklau erwischt und vor die Alternative Knast oder Armee gestellt. Er wählte letzteres und absolvierte die notwendige Anzahl an Fallschirmsprüngen, um den Golden Eagle zu erwerben. Ja, Jimi Hendrix ist wahrscheinlich der einzige Rockstar der Hippiezeit, der vom Himmel fiel.
Seine Army-Zeit verkürzte er durch Disziplinlosigkeiten, die ihm eine unehrenhafte Entlassung einbrachten, aber das konnte ihn nicht besonders jucken, denn er hatte in den Baracken den Bassisten Billy Cox kennengelernt, mit dem er seine erste Band The King Kasuals gründete. Gleichzeitig trat er als Begleitmusiker für etablierte Größen wie Ike & Tina Turner, die Supremes, Little Richard oder King Curtis auf, dessen Manager auch ihn unter Vertrag nahm – für einen Dollar und ein Prozent der Einspielergebnisse!
Nachdem Chas Chandler, der Bassist der Animals, Hendrix im New Yorker „Wah?“-Café gehört hatte, wo dieser mit dem Balladen-Klassiker „Hey Joe“ aufgetreten war, hatte er ihn gemeinsam mit Michael Jeffery, dem Manager der Animals, unter Vertrag genommen. Jeffery wird in der Zukunft dafür sorgen, daß die Konzerteinnahmen Hendrix’ auf seinem Konto in den Bahamas landeten und der umjubelte Gitarrengott ständig pleite war.
Chandler besorgte die künstlerischen Seiten des Unternehmens „Hendrix“. Er fand für ihn den Bassisten Noel Redding und den Schlagzeuger Mitch Mitchell und verwandelte den „Jimmy“ in einen „Jimi“ Hendrix.
Wie Chandler bereits nach dem Auftritt im New Yorker „Wah?“ geahnt hatte, wurde „Hey Joe“ ein Hit, gefolgt von „Purple Haze“, der Kifferapotheose, dem akustischen Denkmal für das stärkste Kraut mit den größten psychedelischen Wirkungen, das damals aus Marihuana zu gewinnnen war. Mit anderen Worten: Man mußte sich schon ziemlich gut anschnallen, wenn man mit diesem Zeug auf Reisen ging.
Seine Sativa-Blume hatte violette Knollen, und Jimi beschwor den violetten Nebel, der ihm ins Hirn kriecht und ihn den Himmel küssen läßt, bis er ihn schachmatt setzt und er nur noch „help me“ rufen kann, „hilf mir … keine Ahnung, ob es morgen ist oder schon das Ende der Zeiten, hilf mir …“

Während die beiden Songs in den Charts hochschosssen, bastelte Hendrix, der sich inzwischen hauptsächlich auf LSD befand und von vielen Freundinnen umringt war, an der nächsten Dröhnung. Das Album hieß „Are you experienced“ und war ein Wunderwerk aus Rhythm & Blues, Pop und Science-Fiction, aus raffiniertesten Klangcollagen und endlosen Studio-Overdubs. Es hielt sich 33 Wochen lang in den Charts und wurde an der Spitzenposition nur durch dieses Kostümalbum der Beatles, durch „Sgt. Pepper“, gehindert.
Und er erwies den Beatles Reverenz mit einem Auftritt im Londoner Saville Theatre drei Tage nach Erscheinen des Albums. Paul McCartney und George Harrison saßen im Zuschauerraum, und Jimi spielte als Eröffnungsnummer „Sgt. Pepper“ und rief vorher: „Steckt euch was in die Ohren“, denn er entfesselte tatsächlich einen Orkan mit dem Song, an den sich Paul McCartney noch knapp fünfzig Jahre später in einem Konzert erinnerte. Voller Stolz.

Sein flammender Auftritt im gleichen Jahr auf dem Monterey-Festival, der auf Paul McCartneys Empfehlung zustande kam, etablierte ihn endgültig als Ikone seiner Ära.

Als ob er ahnte, daß ihm nicht viel Zeit bleiben würde, schloß er die Arbeiten an dem zweiten Album „Axis: Bold as Love“ mit einer magisch-eindringlichen Titelnummer gleich an und begann mit den Sessions zu seinem dritten Album „Electric Ladyland“, die sich allerdings bis weit ins Jahr 1968 hinzogen, da das Studio bevölkert wurde durch Freunde und Dealer und Frauen.
Bassist Redding erinnerte sich: „Man konnte sich kaum bewegen, das war mehr Party als Aufnahme-Session.“ Er schmiß hin, so daß Hendrix den Bass selber einspielte. „Produktion: Hendrix“ stand auf dem Cover. Dennoch und vielleicht deshalb war das Endprodukt für Peter Doggett vom Musikmagazin Record Collector „eine Präsentation musikalischer Virtuosität, die kein Rockmusiker je erreicht oder überholt“ hätte.
Danach legte er ein halbes Jahr Pause ein. Mittlerweile war die Gruppe zerfallen. Hendrix logierte in einem Dorf in Upstate New York in einem Sechs-Zimmer-Haus, das Manager Jefferey angemietet hatte in der Hoffnung, daß Hendrix neues Material produzierte.
In jenen Tagen war er einer der höchstbezahlten Rockstars, und sein Auftritt beim Woodstock-Festival war gebucht. Als er dort allerdings auftrat, waren die meisten Besucher, offenbar durch falsche Ansagen ermuntert, bereits aufgebrochen. Sie sollten den brillantesten und geschichtsträchtigsten Auftritt des ganzen Festivals verpassen: Jimi Hendrix spielte für die verbliebenen vielleicht 30.000 Zuschauer die amerikanische Nationalhymne.
Er spielte und zerlegte gleichzeitig das „Star Spangled Banner“, ließ die Melodie optimistisch in den Himmel steigen, um sie dann abstürzen zu lassen in Trommelfeuergeräuschen, Raketeneinschlägen, melodischen Fetzen, mit denen er das Kriegsgeschehen in Vietnam akustisch illustrierte – die Hymne der Kriegsdienstverweigerer, gleichzeitig die bitterste aller Anklagen gegen die amerikanische Politik.
Nach einigen weiteren Auftritten – abgeledert und wie stets pleite, da ihm Jefferey die Einnahmen weggaunerte – kam er bei einer Freundin in London unter und verbrachte die letzten Tage vor seinem Tod – den er vor Freunden immer wieder vorausgeahnt hatte – auf drogengesättigten Parties mit vielen Frauen, unter anderem seiner deutschen Freundin Monika Dannemann. Sie hatte für ihn in ihrem Hotelapartment gekocht und Wein getrunken, bis in den Morgen hinein mit ihm geredet und war dann eingeschlafen, bis sie mittags, wieder erwacht, erfolglos versuchte, ihn zu wecken. Der Coroner notierte, daß Jimi Hendrix an seinem eigenen Erbrochenen erstickt sei.

Es gibt andere Versionen, ohne Monika Dannemann, eine spricht von einem Auftragsmord durch die Mafia. Allerdings: Der Club der 27jährigen hat den Tod durch Drogen praktisch zum Eintrittskriterium erhoben. So sind sie dahingegangen auf der Suche nach Entgrenzung, alle zu früh.
Einige aus meiner Kohorte sind ihnen auf diesem Weg gefolgt, in den violetten Nebel, einige früh, andere waren vielleicht länger unterwegs, aber letztlich genauso schmerzhaft, denn auch das war die Hippiezeit für viele – der Start zum langen Flug in Sucht und Wahn und Tod. Diejenigen, die den Sirenengesang überlebt haben, waren diejenigen, die sich wie Odysseus an den Mast gebunden haben – sie starben lauter kleine Sehnsuchtstode.   Matussek

Donnerstag, 17. September 2020

Was für eine Stimme!

Heute ist der Todestag von Fritz Wunderlich. 1966, kurz vor seinem 36. Geburtstag, beendete ein Unfall das Leben des Sängers. Der gebürtige Pfälzer – er trug das Wunder bereits im Namen – war die überirdische Gestalt in der Geschichte des Gesanges. Auf die Frage, wen er für den bedeutendsten Tenor überhaupt halte, antwortete Luciano Pavarotti: Wunderlich. Dietrich Fischer-Dieskau, der in seinem Urteil über Kollegen nicht gerade zum Lobpreisen neigte, berichtete, wie er irgendwann in den 1950ern gemeinsam mit einem ihm unbekannten jungen Tenor als Solist in einem Oratorium auftrat und beinahe erschrocken sei, als er zum ersten Male diese Stimme hörte. Die lyrische Frische, der Schmelz, die Natürlichkeit und schlichte Herzinnigkeit Wunderlichs waren einzigartig. Wenn je gesangskulturelle Vollendung erreicht wurde, dann durch ihn.  





Pfui Deibel!! - 25 Jahre lang habe ich mich meines Landes nicht geschämt: von 1989 bis 2014

Die Aufrufe gegen Cancel Culture treffen offenbar einen Nerv des linken Juste Milieu. Es versucht, die Methode der Druckausübung gleichzeitig zu begründen und zu leugnen.

Ein Erfolg ist den beiden Aufrufen gegen Cancel Culture nicht mehr zu nehmen: Die Reaktionen darauf demonstrieren, gewollt oder nicht, was weite Teile der modernen Linken von Diskursfreiheit halten. Gegen den Aufruf von 153 links- bis rechtsliberalen Intellektuellen in Harper’s und einen ähnlichen Appell im deutschsprachigen Raum gibt es mittlerweile eine Reihe von Abwehrschriften. Deren Autoren versuchen dreierlei:

Zu beweisen, dass Cancel Culture erstens überhaupt nicht existiert, zweitens völlig zu recht existiert und drittens eigentlich von rechts kommt. Es weiß die eine linke Hand offenbar nicht so recht, was die andere tut. Kurzum: Die Betreffenden stehen bis zum Hals in Narrativen.
Es ist interessant, die Narrativschöpfer weniger als individuelle Erscheinungen zu nehmen, sondern als Symptome. Dabei entsteht eine Aufnahme, als würde man die westlichen Identitätslinken in einen Kernspintomographen schieben.

In Deutschland spricht es sich langsam herum, was Cancel Culture bedeutet. Nämlich eine kultische Handlung zum Ausschluss des Falschen, Bösen, Gemeinen und Schmutzigen, die, wenn sie nur konsequent durchgeführt wird, zu einer richtigen und reinen Welt führt. Die „abschließende Formel“ (Roland Barthes) dazu schrieb vor Jahr und Tag, als noch niemand Cancel Culture buchstabierte, niemand anderes als Erich Fried mit „Die Maßnahmen“, genauer, mit den brauchbaren letzten Versen darin:

„Die Feinde werden geschlachtet, 

die Welt wird freundlich. 


Die Bösen werden geschlachtet, 

die Welt wird gut.“

Bekanntlich wurde seit 1789 öfter nach diesem Rezept verfahren, besonders häufig im zwanzigsten Jahrhundert. Bei dem, was heute unter Cancel Culture in den USA und Europa debattiert wird, handelt es sich um bemerkenswert starke Spätausläufer dieser Zeit. Diese Spätausläufer erzwingen es beispielsweise, dass die Umfragefirma Civis in den USA ihren führende Datenanalysten David Shor feuerte, weil er die Studie eines (farbigen) Princeton-Wissenschaftlers weitergetwittert hatte, die zeigt, dass friedliche Proteste den Demokraten in den USA bei Wahlen eher genutzt, gewalttätige Ausschreitungen aber geschadet hatten (Herauswurfgrund: sehr, sehr indirekte Kritik an Black Lives Matter); die führen zu der Beurlaubung eines Professors an der University Of Southern California der unter Verdacht steht, ein chinesisches Füllwort verwendet zu haben, das für die Ohren von englischsprachigen Studenten entfernt an das englische N-Wort erinnert (Suspendierungsgrund: In der Identitätspolitik ist nie etwas harmlos).

Die Säuberungspraxis verlangt in Leipzig den Ausschluss des Malers Axel Krause aus einer Ausstellung, zu der er schon eingeladen war (Ausschlussgrund: Krause hatte sich gegen die Migrationspolitik der Bundesregierung geäußert).
Für das Gutwerden der Welt musste bekanntlich auch der Chef der hessischen Filmförderung Hans Joachim Mendig gehen (Grund: ein Mittagessen mit dem AfD-Vorsitzenden, grundsätzliches Motiv: Bestrafe einen, erziehe den ganzen Kulturbereich).

Den Appell im Magazin Harper’s unterstützen unter anderem die Harry-Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling, der Autor des New Yorker Malcolm Gladwell und die liberalkonservative Autorin Bari Weiss, die gerade aus der New York Times hinausgedrängt worden war. Der schweizerisch-deutsch-österreichische Aufruf startete einige Wochen später auf der neuen Plattform Intellectual Deep Web Europe (IDE).

Mehrere deutsche Qualitätsmedien berichteten über den Aufruf in Harper’s. Die Zeit bemüht sich dabei um die Beweisführung, dass es sich bei der Cancel Culture, die im englischsprachigen Raum reihenweise Linksliberale wie Shor trifft, um eine reine Schimäre handelt. Dabei entgleisen dem Autor – Robin Detje sein Name – nicht nur ein paar Fakten, sondern auch hin und wieder die Folgerichtigkeit im Satz:

„Als in den Siebzigern linke Terroristen Politiker entführen und ermorden, fällt dem Staat die Verfolgung von Verfassungsfeinden im öffentlichen Dienst leicht. Heute muss die Linke die Behörden zum Jagen tragen, damit die Verfassungsfeindlichkeit einer Partei, aus deren Umfeld Politiker ermordet werden, überhaupt diskutiert wird. Eine Todesliste nach der anderen taucht auf – ohne dass sich Brigaden von Personenschützern vor die Bedrohten werfen.“

Die Partei, deren Verfassungsfeindlichkeit leitartikelauf und heutejournalab und zusätzlich vom Verfassungsschutz und im Bundestag seit mindestens fünf Jahren debattiert wird, soll bei Detjen offenbar die AfD sein. Im Dunkel bleibt nur, welche Politiker aus dem AfD-Umfeld bisher ermordet wurden, und warum das nach Ansicht des Autors ausgerechnet gegen diese Partei sprechen soll. Er meinte beim affektiven und später offenbar nicht redigierten Tippen: Die Mörder irgendwelcher Politiker im ausdrücklichen Plural kämen aus dem Umfeld der nichtgenannten Partei. In jüngerer Zeit wurde in Deutschland ein Politiker ermordet, der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke. Dessen mutmaßlicher, noch nicht verurteilter Mörder hat wiederum organisatorisch weder etwas mit der AfD noch deren Umfeld zu schaffen, falls mit Umfeld nicht einfach die Bundesrepublik in toto gemeint ist, aber dann würden Detje und die Zeit auch dazugehören.
Was Todeslisten im Plural betrifft – die tauchen medial in der Tat auf und dann als sogar behördlich dementierte Enten wieder unter www.faz.net.

Was Detjes Vergleich mit der RAF-Bekämpfung in den Siebzigern angeht: Wie seinerzeit praktisch jeder links von Alfred Dregger als terroristische Hinterperson und Drahtzieher gebrandmarkt wurde, linke Organisationen nur unter äußersten Verrenkungen Veranstaltungsräume bekamen und eine große Zeitung fragte: „darf man Heinrich Böll verlegen?“ – daran erinnert sich hoffentlich noch jeder, der nicht dabei war.

Der Zeit-Autor argumentiert mit einer Notlage, die kein Innehalten und keinen Selbstzweifel erlaubt: In den USA herrscht Trump seiner Ansicht nach als Diktator, der „ein Gesetz nach dem anderen“ bricht, Deutschland ist das Land der politischen Morde, das Vierte Reich steht unmittelbar bevor. In die Einheitsfront gegen das Unheil hat sich folglich jeder einzureihen, statt Methodenkritik zu üben. Zumal, siehe oben, Cancel Culture ja eigentlich überhaupt nicht existiert, denn wenn eine Firma wie Civis David Shor feuert, dann tut sie das natürlich ohne Druck von außen:

„Das Problem der 153 Intellektuellen aber ist die ‚illiberale Linke’, die offenbar Unternehmen zur Entlassung verdienter Mitarbeiter zwingt, nur weil sie ihre Meinung äußern. Wie zwingt sie diese Unternehmen genau? Mit Gewalt? Mit Chemtrails? Haben diese Unternehmen keinen eigenen Willen, kein eigenes Herz?“

Im nächsten Absatz lässt Detje immerhin die Möglichkeit zu, dass es in diesem und vielen anderen Fällen doch ein bisschen Druck gab, was er aber ganz in Ordnung findet:

„Sind in den USA Menschen zu Unrecht entlassen worden, weil sie gegen ‚linke Sprachregelungen’ verstoßen haben? Vielleicht. Das muss man mit den einzelnen Unternehmen ausmachen. Es gibt keinen Kampf für Gerechtigkeit, der jeden Augenblick gerecht ausgefochten wird.“

Mit dieser Argumentationskette wurde von den Gulags und dem Holodomor in der Ukraine bis zu Bautzen und den Selbstschussanlagen an der Mauer der stets notwenige Teil jeder linken Weltumformung begründet: Wo gehobelt wird, fallen eben Späne, im Kampf um die bessere Welt geht es nicht immer friedlich zu, es müssen die Bösen geschlachtet werden, um die Welt zu retten.

Das, was Erich Fried noch als Persiflage schrieb, nimmt Detje als Programm. Wie die Entlassung von Leuten, die sich einen aus Sicht der Guten nicht hundertprozentig korrekten Tweet erlaubt haben, zu mehr Gerechtigkeit beiträgt, wird gar nicht weiter erörtert. Die Frage, in welchem Maß die Mauer und Bautzen bei der Weltverschönerung halfen, stellte sich ja auch kein guter SED- beziehungsweise DKP-Genosse. Wer die nichtexistente Cancel Culture also kritisiert wie die 153 Intellektuellen in Harper’s, der stellt sich nach Detje automatisch auf die Seite der Ungerechtigkeit.

Verlassen wir nun die lange Argumentationskette, die von der Lubjanka bis in die Zeit-Redaktion reicht, und wenden uns der idealtypischen Reaktion auf den deutschsprachigen Aufruf zu. In der Süddeutschen fragt der damit beauftragte Redakteur:

 


„Unter deutschsprachigen Künstlern und Intellektuellen kursiert ein offener Brief und fordert zum Unterzeichnen auf. Was, und vor allem: wer verbirgt sich hinter dem obskuren ‚Appell für freie Debattenräume’?“

Erstens kursiert der Aufruf nicht, sondern steht ziemlich fest auf einer Internetseite, zweitens handelt es sich nicht um einen offenen Brief, er wendet sich also nicht fiktiv an einen Adressaten. Und drittens verbirgt sich niemand dahinter.

Die Namen der Initiatoren und Erstunterzeichner stehen unter dem Text. Aber etwas, das kursiert, und hinter dem sich Leute verbergen, das passt lückenlos zu dem Urteil obskur, das der Autor schon ganz am Anfang seines Artikels fertiggebastelt hat. Obskur bedeutet bekanntlich dunkel und laut Duden „fragwürdig, anrüchig, zweifelhaft“. Nach diesem Framing, ohne das Qualitätsmedien über kein Ereignis außerhalb des Redakteursmilieus mehr berichten, wirft der Schreiber der Süddeutschen den Appell-Autoren „alarmistische Theatralik“ vor.

Offenbar handelt es sich um eine Art kulturelle Aneignung, denn alarmistische Theatralik ist nach Ansicht des Redakteurs vermutlich nur erlaubt, wenn eine Stadt den Klimanotstand ausruft, demonstrierende Aktivisten sich Deutschland als rassistischen Polizeistaat zusammenreimen oder Medien einem Sturm auf den Reichstag erfinden. Für Süddeutsche gibt es natürlich – wie in dem Zeit-Artikel – keine Cancel Culture weit und breit.

Wenn ein Hamburger Veranstalter die Kabarettistin Lisa Eckhart erst ein- und dann nach vagen Gewaltankündigungen wieder auslädt, wenn ein Dresdner Verein erst eine Lesung von Uwe Tellkamp in ihr Programm aufnimmt und dann mit Hinweis auf seine Satzung im letzten Moment wieder absagt, dann geschieht das auch laut Prantls Blatt für die bessermeinenden Stände ohne den geringsten Druck, „weil es natürlich zur Freiheit der Veranstalter gehört, ihre Programme so zu gestalten, wie es ihnen beliebt“. Überhaupt, findet die Süddeutsche, handele es sich um „ganz unterschiedlichen Gemengelagen“ – im Gegensatz zu selten beobachteten homogenen Gemengelagen – „die sich nur schwer in eine kulturelle Gesamtentwicklung einordnen lassen“.
Kulturelle Gesamtentwicklung’ – wer diese und andere Wendungen zuletzt bei Kurt Hager gelesen zu haben glaubt, liegt ganz richtig.

Der Appell erwähnt am Rande auch noch die Manipulation der Bestseller-Liste des Spiegel vor drei Jahren, als das Magazin das Buch von Rolf Peter Sieferle „Finis Germania“ aus seiner Bestseller-Liste tilgte, obwohl es nach den Verkaufszahlen dort hineingehörte. Damals war der Vorgang – eine Bestsellerliste ist schließlich eine Dokumentation, kein Meinungsbeitrag – in der Süddeutschen sogar mit leicht kritischem Unterton berichtet worden.

Im Jahr 2020, in dem sich alle zum Weltgutmachungskampf einreihen müssen, geht das selbstredend nicht mehr. Heute schreibt die Süddeutsche: „Der Spiegel hatte sich 2017 geweigert, Rolf Peter Sieferles völkisch-rassistisches Buch ‚Finis Germania’, das im rechtsradikalen Antaios-Verlag erschienen war, in seine Bestsellerliste aufzunehmen. Möchten die Initiatoren des ‚Appells’ das Recht des Spiegel beschneiden, solchen Büchern nicht die eigene Plattform zur Verfügung zu stellen? Welche Behörde sollte das überwachen?“

Zur Signatur des links-rechtschaffenen Schreibens der Gegenwart gehört übrigens das Dummstellen, vorgeführt von Leuten, die schon unverstellt nicht zu den Hellsten gehören. Der Appell gegen Cancel Culture wendet sich an keine Behörde. Sondern er stellt der gesamten Gesellschaft die Frage, ob sie tatsächlich in Zuständen leben möchte, in denen kleine Gruppen mit erpresserischen Methoden bestimmen, was öffentlich stattfinden kann, in der Angestellte im Zuge von reinen Machtdemonstrationen gefeuert werden können und das Buch eines bestimmten Autors auch dann nicht in eine Bestsellerliste kommt, wenn es sich gut verkauft.

Der Aufruf stellt also die Frage, und er ermuntert diejenigen, die das nicht wollen, zu unterschreiben. Vielleicht ist es einfach so, dass ein Kulturgesamtentwicklungswart der Süddeutschen nur in Kategorien wie Behörde, kontrollieren und Recht beschneiden denken kann. Möglicherweise hält er die Initiatoren des Appells einfach für spiegelverkehrte Linke.

Das würde eine Menge erklären. Natürlich ist es das gute Recht der Spiegel-Chefredaktion, ihren Lesern ein streng kuratiertes Bild von Deutschland und der Welt vorzusetzen, in dem Donald Trump seit vier Jahren kurz vor dem Ende steht und die AfD in Deutschland knapp vor dem Endsieg. Auch die Erbauungsgeschichten von Claas Relotius verstießen gegen kein Gesetz. In Deutschland ist zwar der Vertrieb von Gammelfleisch strafbar, nicht aber diese Sorte Journalismus. In dieser Hinsicht müssen sich weder in Hamburg noch München Redakteure Sorgen machen.

Die tatsächliche Sorge der Süddeutschen gilt dem einen oder anderen Appell-Unterzeichner. Zwar behauptet ihr Redakteur, die Urheber des Appells seien „bekannte Köpfe der rechtskonservativen Infosphäre“, staunt dann aber darüber, „wer sich unter den Erstunterzeichnern findet: Neben einigen der üblichen Empörten über den angeblichen linken Tugendterror – etwa der Schriftstellerin Monika Maron oder Boris Palmer, dem grünen Oberbürgermeister von Tübingen – stehen dort auch Autoren, denen hätte auffallen können, dass die Meinungsfreiheit hier nicht ganz interesselos verteidigt wird: der Schriftsteller Ilija Trojanow etwa. Oder der Soziologe Hartmut Esser, der am Telefon zurückfragt, worauf die Frage, warum er unterzeichnet hat, denn abziele.“
Esser weist darauf hin, dass sich der Aufruf ja gerade gegen die inquisitorische Frage wendet, ob man mit Person X und Y auf einer Unterschriftenliste stehen wolle, also gegen das Konzept der Kontaktschuld. Was bei dem Anrufer der Süddeutschen zu dem Kommentar führt, Esser und andere würden diese Art Kritik an dem Aufruf als Bestätigung ihrer „rechten Positionen“ sehen.

Die Unterzeichner des Harper’s– wie des deutschsprachigen Aufrufs verteidigen die Meinungsfreiheit tatsächlich nicht interesselos. Sie sind im Gegenteil sehr und sogar eigennützig an Meinungsfreiheit interessiert. Der Autor des Süddeutsche-Artikels deutet kurz an, dass er versucht hatte, mit seelsorgerischen Gesprächen und Mails Unterzeichner zum Rückzug ihrer Unterschrift anzuregen, gibt aber zu Protokoll: „Die meisten Anfragen der SZ blieben indes unbeantwortet.“

Münchner, die regelmäßig Werbepost aus ihrem Briefkasten fischen, wissen: Auch die meisten Anfragen beziehungsweise offenen Briefe der SZ des Inhalts, ihre Ausgaben zu einem sensationellen Preis knapp über den Selbstkosten zu abonnieren, bleiben unerwidert, aber das nur nebenbei. Die Forderung nach offenen Debattenräumen für alle, die ja auch Kritik an Gesinnungsanklagen gegen Linke wie David Shor und Vertreter der Mitte wie Dieter Nuhr ausdrücklich einschließt, ist also – und diese Textstelle in der Süddeutschen sollte sich jeder einrahmen – eine „recht Position“. Das sagt mehr über linke Positionen dieser Sorte, als es der Süddeutsche-Redakteur möglicherweise überblickt.

Nach dem Artikel in dem Münchner Blatt stieg die Zahl der Unterschriften unter dem Appell deutlich an, sie liegt jetzt bei gut 15 000, darunter viele Angehörige des Kulturbetriebs. Und die unterzeichnen tatsächlich individuell, anders als bei der wohlmeinenden „Erklärung der Vielen“, die 2018 nur die Leiter etlicher staatlicher Kulturinstitutionen ungefragt im Namen der Ensemblemitarbeiter unterschrieben, etwa der Geschäftsführer der Semperoper für das Orchester, dessen Mitglieder noch nicht einmal darüber informiert worden waren.

Die leicht schlingernden Argumentationslinien lauten also: Cancel Culture existiert nicht; dort, wo Leute wegen eines falschen Tweets gefeuert oder Künstler wegen vager Gewaltgerüchte wieder ausgeladen werden, geschieht das ohne Druck. Und wenn doch ein bisschen Druck dabei war, dann war das Hobeln und Zerspanen eben nötig im Kampf des Guten gegen das Weltböse. Wer sich dagegen ausspricht, vertritt „rechte Positionen“, auch wenn er ein Linksliberaler ist, der noch einen finalen Rettungsanruf von der Süddeutschen erhält. Eigentlich wären das schon Narrative genug. Aber wer wirklich Haltung zeigen will, braucht noch eins: Die Beweisführung, dass es Cancel Culture doch gibt – nämlich von rechts. Um diese Engführung bemühte sich kürzlich bento, das letzte Kinderaufgebot des Spiegel.

Der Autor Marc Röhlig ist kein ganz Unbekannter; 2018 verbreitete er bei bento die Gruselgeschichte, Israels Regierung rekrutiere „Kopfgeldjäger“ für die Verfolgung von Migranten. An der Geschichte stimmte nichts; Röhlig redete sich anschließend damit heraus, jemand hätte ihm ein israelisches Regierungsdokument falsch übersetzt.
Diese Vorgeschichte ist deshalb apart, weil Röhlig in seinem Text über Cancel Culture der Kabarettistin Lisa Eckhart, ja, was wohl: Antisemitismus vorwirft und meint, ihre Buchlesung in Hamburg sei ganz zu Recht abgesagt worden: „’Cancel Culture’ ist das neueste Modewort aus der ‚Das wird man ja noch sagen dürfen’-Ecke. Es behauptet, in der – vornehmlich linksliberalen – Öffentlichkeit gäbe es eine Verbotskultur kritischen Denkens“, behauptet der Autor aus der „das wird man ja noch erfinden dürfen“-Ecke.
Es gebe aber auch, so der Bentoschaffende, echte Cancel Culture: nämlich gegen ein so genanntes Satirevideo des öffentlich-rechtlichen Bentogegenstücks funk, in dem zwei deutsche Polizisten einen Farbigen erschießen, weil sie ihn des Fahrraddiebstahls verdächtigen.

Das öffentliche-rechtliche Höhö-Stück ist ungefähr so witzig wie eine taz-Kolumne über die Polizei. Es gab auch die eine oder andere Kritik an dem gebührenfinanzierten Agitprop über schießwütige Rassisten in Uniform, unter anderem von NRW-Innenminister Herbert Reul. Genau das, so Röhlig, sei die „wahre Cancel Culture“: „Der cancelte das Satirevideo als ‚unlustig’ und ‚menschenverachtend’ ab – und warnte ARD und ZDF, ihr Niveau zu überdenken.“

Ein!Minister!Findet!Ein ÖR-Video unlustig! Selbstredend blieb diese wahre Cancel Culture aus Reuls Mund praktisch völlig folgenlos, das Video wurde nicht gelöscht, niemand irgendwo ausgeladen oder gar gefeuert. Jeder weiß ja ungefähr, welche Sorgen sich öffentlich-rechtliche Mitarbeiter machen, wenn ein Landesminister ein Video schlecht findet. Also auf zur finalen Synthese: Cancel Culture gibt es eigentlich nicht, wenn doch, dann muss sie dem Guten zuliebe sein – aber überall dort, wo einem Linken ein leichter Hauch von Kritik ins Gesicht fächelt, erhebt die Cc dann doch ihr Schreckensgesicht, auch wenn keinem irgendetwas passiert.

Gerhard Henschel meinte schon in den Neunzigern in seinem leider nur noch antiquarisch lieferbaren Buch „Die Linke und der Kitsch“, Linke seien zwar stets munter im Austeilen inklusive Bestrafungs- und Auslöschungswünschen, reagierten aber auf das leiseste Widerwort, „als säße ihnen nicht der Schalk im Nacken, sondern die Waffen-SS“. Das bestätigt auch mehr oder weniger der bewährte Scharfdenker Sascha Lobo im Gespräch mit dem NDR. „Der Begriff “Cancel Culture” ist auf dem Weg, ein rechter Kampfbegriff zu werden“, raunt Lobo. Mittlerweile übrigens auch Political correctness als rechter Kampfbegriff’ – wie praktisch jede ursprünglich von Linken geprägte Formel, die außerhalb des eigene Milieus nicht mit gebührender Begeisterung aufgenommen wird.

Und auch für Lobo existiert neben dieser eigentlich nicht existierenden Cancel Culture, die nur als rechter Kampfbegriff kursiert, noch die echte rechte Cc: „Tatsächlich gibt es von der liberalen, von der konservativen und von allen möglichen bürgerlichen Seiten schon lange Bestrebungen, bestimmte Dinge gesellschaftlich nicht zuzulassen.“
Was genau von allen möglichen bürgerlichen Seiten nicht zugelassen wird, bleibt in Lobos Dunkel. Die Rote Flora und ähnliche linksextremistische Zentren in Berlin, die Finanzierung von Linksextremisten über Universitäten und die Wahl einer verfassungsfeindlichen Verfassungsrichterin können es schon einmal nicht sein, denn die funktionieren bekanntermaßen reibungslos.
Dann folgt noch eine Einlassung, die in eine interessante psychologische Region führt. „Es gibt eine ganze Reihe von Leuten“, so Lobo, „mit denen würde ich mich niemals auf eine Bühne stellen, und das ist nicht der Untergang der Welt und auch nicht die große Bedrohung durch ‚Cancel Culture’.“ Was freilich auch niemand behauptet. Klagen über das Nichtdazustellen Sascha Lobos sind in Deutschland bisher nicht besonders laut geworden. Aber in irgendwelchen Tiefenschichten scheinen er und andere tatsächlich zu glauben, es ginge bei der Bewegung für offene Debatten und gegen Cancel Culture doch um Zwang, Kontrolle und Behörde. Deshalb übernimmt der Autor dieses Textes jetzt die Rollen von Genscher und Schabowski gleichzeitig und erklärt:

Ich bin heute zu Ihnen zu kommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre freie Auswahl …(Jubel, unverständlich). Das gilt meines Wissens sofort, unverzüglich.

Niemand muss einem Programm von Lisa Eckhart oder Dieter Nuhr zusehen oder den nächsten Roman von Uwe Tellkamp lesen, so, wie niemand auf einer Bühne mit Sascha Lobo stehen, Jan Böhmermann lustig finden und den Spiegel kaufen muss. Aber jeder kann das tun, und er hat vor allem das verdammte Recht, dabei nicht belästigt zu werden. Um den großen amerikanischen Juristen Louis Brandeis zu zitieren:

Privacy ist the right to be let alone.

Privatheit (und das bedeutet, im weitesten Sinn Freiheit) ist das Recht, von Gouvernanten aller Art in Ruhe gelassen zu werden.
Das nähere, ferne und überhaupt alles dazu regelt das Gesetz und sonst nichts und niemand.

Diesen Gesellschaftsvertrag kann die Linke sofort unterschreiben. Einen günstigeren kriegt sie nie. Er enthält sogar folgende benevolente Zusatzklausel: Um den asymmetrischen Schock bei Gouvernanten zu mildern, erhalten sie das Recht, Leuten innerhalb ihres Milieus auf den Wecker zu gehen, aber ausschließlich dort und am besten nur im innersten Kreis. „Es ist die eine Sache, die eigene Sprache zu kontrollieren, und eine völlig unterschiedliche, die Sprache anderer zu beaufsichtigen“, schrieb Gerard Alexander in seinem Essay in der New York TimesLinke, ihr seid nicht so klug, wie ihr denkt“.

Alexander kommt zu dem Schluss, dass Linke ein wesentlich größeres Talent dafür besitzen, andere abzustoßen, als sie zu überzeugen – und hält deshalb einen Wahlsieg Trumps 2020 für nicht unwahrscheinlich. Es sieht so aus, als würde die stark vereinheitlichte Linke zwischen Seattle und Berlin darauf brennen, diesen Beweis für seine These immer und immer wieder zu liefern. Nicht nur, aber auch mit ihrer Tartuffiade, die eigene Druckausübung und Denunziation gleichzeitig zu leugnen, sie zu begründen und sie obendrein anderen anzudichten.

Louis Brandeis, Anwalt und später erster jüdischer Richter am Obersten Gericht, zählte seinerzeit übrigens zu den eher Linken. Er gehörte zu den Vorkämpfern der Antitrust-Gesetze, ihm ging es darum, wirtschaftliche Macht einzuhegen; gleichzeitig prägte er mit dem right to be let alone eine Machtbegrenzungsformel, auf die identitätspolitische Linke heute mit Tobsuchtanfällen reagieren.
Als Juraprofessor an einer amerikanischen Universität wäre Brandeis heute ein Rauswurfkandidat oder schon entfernt, in der Zeit und anderswo würde wahrscheinlich begründet, warum das dem Kampf für die gerechtere Gesellschaft dient.
Es ist Zeit, Brandeis wieder zu lesen.

 


Dieser Text von publicomag erscheint auch auf Tichys Einblick.

 

 

 

Dienstag, 15. September 2020

Holocaust

 Es gibt in der Betrachtung des Holocaust unter dem Aspekt seiner möglichen Wiederholbarkeit vier Positionen:

  1.  Es war Zufall, dass die Deutschen die Täter und die Juden die Opfer waren.
  2.  Es war Zufall, dass die Deutschen die Täter, aber kein Zufall, dass die Juden die Opfer waren.
  3.  Es war kein Zufall, dass die Deutschen die Täter, aber Zufall, dass die Juden die Opfer waren.
  4.  Es war weder Zufall, dass die Deutschen die Täter noch dass die Juden die Opfer waren.

Position 1 wird vor allem von liberalen Universalisten – darunter viele Diasporajuden – vertreten; sie begründen damit ihr Streben nach einer Weltordnung, die Wiederholungen ausschließen soll. 

Position 2 gilt vor allem unter Zionisten. 

Position 3 ist der Favorit der (v.a. deutschen) Germanophobiker inclusive solcher mit Migrationsvordergrund. 

Position 4 ginge bei den meisten Vertretern der Ansichten 2 und 3 auch mit durch, weil ihre These davon unberührt bleibt.

Deterministen jeglicher Coleur vertreten Position vier, sonst wären sie ja keine, während sich Geschichtspessimisten nicht zwischen eins und vier entscheiden können.

Dummheit oder Bekenntnis?

 

Wer zu ertrinken droht, der muss gerettet werden.

Wer droht zu ertrinken, ist hingegen ein pseudomoralischer Erpresser. Genau wie der, der droht, etwas abzufackeln.

FAZ

 "Zugespitzt könnte man formulieren: Die FAZ holt sich ihre Redakteure heute gern von der taz, wohingegen ihre Pensionäre in der Jungen Freiheit schreiben."
Aus: Peter Hoeres, "Zeitung für Deutschland. Die Geschichte der FAZ".

Montag, 14. September 2020

Corona-Initiative Deutscher Mittelstand

Biedermann Asselborn

Die Feuerteufel dürfen sich die Hände reiben. Ihre Rechnung ist aufgegangen. Nachdem sie das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos angesteckt hatten, ließ der Erfolg nicht lange auf sich warten. Die Bilder des Infernos erschütterten Europa. Von unhaltbaren Zuständen war allenthalben die Rede. Zumal im Westen des Kontinents wollen sich Politiker und andere Hohepriester der Menschlichkeit schuldig fühlen. Danach, wer denn die Lunte legte, mögen sie lieber nicht fragen.
Zwar hatte Griechenland die Verdächtigen schnell im Blick. „Das Feuer“, sagte der Regierungssprecher Stelios Petsas bereits am vergangenen Donnerstag, „das Feuer wurde von Menschen gelegt, die Asyl beantragt haben – als Reaktion auf die wegen des Coronavirus verhängte Quarantäne“. Doch wurde dem hierzulande, fernab der Flammen, kaum Beachtung geschenkt, die Erkenntnis geradezu für nichtig angesehen. Auf die Frage des „stern“, ob womöglich die Insassen des Lagers den Brand gelegt haben, antwortete der Vertreter einer Hilfsorganisation vor Ort: „Das weiß ich nicht. Und es ist – um es einmal drastisch zu sagen – auch egal.“
Mehr schien da schon der Luxemburger Außenminister Jean Asselborn zu wissen, als er erklärte: „Für mich heißt der Missetäter Sebastian Kurz. Er hat diese erbärmliche Situation als Allererster zu verantworten.“ Sollte heißen, weil er sich gegen den weiteren Zuzug gewaltbereiter „Flüchtlinge“ wehrt, habe Österreichs Regierungschef diese gezwungen, ihre Aufnahme in die Länder der EU mit Gewalt zu erzwingen. Mit Bildern des Grauens, vor denen sich die Europäer so fürchten, dass sie den Brandstiftern lieber Obdach bieten, als sie an den Grenzen abzuweisen.


Ein Irrglaube, der so neu nicht ist. Bereits 1958 hat der Schweizer Max Frisch diese „Tragikomödie“ bürgerlicher Feigheit auf die Bühne gebracht. In dem Stück „Biedermann und die Brandstifter“, einem seiner bekanntesten, geht es um einen Haarwasser-Fabrikanten, der zwei windigen Gestalten Unterschlupf gewährt. Obwohl er befürchtet, es könne sich um Brandstifter handeln, lässt er sie bei sich wohnen. Ergriffen von den rührseligen Geschichten, die sie ihm erzählen, von den Leiden und der Ungerechtigkeit, die ihnen bisher widerfahren seien, darf er sich als Retter in der Not erheben. Das Vergnügen, sich im Gefühl seiner Menschlichkeit zu sonnen, erstickt jeden Zweifel bis hin zur Katastrophe.
Als sich die Eindringlinge immer dreister und fordernder in seinem Haus ausbreiten, sogar das Benzin für die geplante Brandstiftung auf dem Dachboden lagern, kann er sich ihrer nicht mehr erwehren. Weil er nicht Manns genug ist, die Gefahr zu bannen, sie nicht sehen will, drückt er den Tätern am Ende noch die Streichhölzer in die Hand. Grinsend können sie ihrem Beschützer das Dach über dem Kopf abfackeln.
Die Frechheit gewöhnlicher Verbrecher triumphiert über die humanitäre Einbildung und den Hochmut eines sich besser dünkenden Bürgers. Indem er glaubt, die Bedrohung ignorieren zu können, wird der Biedermann zur lächerlichen Figur, die weiterer Brandstiftung Vorschub leistet. Als Hehler tritt der Dummkopf in die Dienste der Stehler.
Nun wissen wir nicht, ob der Sozialist und gelernte Gewerkschaftsfunktionär Jean Asselborn jemals eine Aufführung des Stückes von Max Frisch gesehen hat. Wenn ja, dann muss ihm das böse Ende entgangen sein. Andernfalls bliebe nur die Vermutung, dass er dem fiktiven nun seinerseits eine reales „Lehrstück“ folgen lassen will, diesmal unter dem Titel. Asselborn und die Brandstifter.  Thomas Rietzschel


Aus Liebe zu Deutschland - von Hamed Abdel-Samad

Vor 25 Jahren kam ich als Student nach Deutschland. Seitdem ist viel passiert. Mit mir, mit Deutschland und mit meiner Beziehung zu diesem Land. Ich wurde ein freier Mensch, der sich aus der Umklammerung der Religion mit all ihren Zwängen lösen konnte. Ich wurde ein freier, aber auch ein bedrohter Schriftsteller, der von Personenschützern begleitet werden muss. Das Land wurde in den vergangenen 25 Jahren bunter, diverser, liberaler. Und dann langsam immer polarisierter. Aus der Polarisierung wurde mit der Zeit eine tiefe Spaltung. Eine Spaltung, die zunehmend den gesellschaftlichen Frieden bedroht und die Errungenschaften dieses Landes gefährdet.

Die einen suchen in der Multikulti-Doktrin einen Ablassbrief für vergangene Schuld, die anderen fliehen vor dieser Schuld in Wut, Großkotzigkeit und Reichsnostalgie. Und die bürgerliche Mitte richtet sich in einer emotionalen, intellektuellen und politischen Komfortzone ein. Und so spaltet die Schuld die Republik, statt sie zu einen!
Ich habe bislang viele Bücher über meine Herkunftskultur und über Migration veröffentlicht. Nun kommt dieses Buch, das sich ausschließlich mit Deutschland, seiner Geschichte, seiner Kultur und seinen Problemen der Gegenwart beschäftigt. Manche behaupten, es gäbe jenseits der deutschen Sprache keine spezifische deutsche Kultur. Wer soll diese Behauptung widerlegen, wenn nicht einer, der von außerhalb kommt und sich seit einem Vierteljahrhundert mit der deutschen Mentalität, Lebensweise, Philosophie und Politik auseinandersetzt?
Ich blicke nicht nur auf die letzten 25 Jahren zurück, sondern auf 1.000 Jahre deutsche Geschichte und versuche, die Frage zu beantworten, was Deutsch-Sein bedeutet und was Deutschland – über die Zeitläufte hinweg – im Innersten zusammenhält. Ich war auch auf der Suche nach dem Urproblem der Deutschen und kam zu einem überraschenden Ergebnis. Dieses Urproblem war nicht nur für den Holocaust, sondern auch für die heutige Polarisierung und die vergiftete Streitkultur mitverantwortlich!

Ich habe diesem Buch den Titel „Aus Liebe zu Deutschland“ gegeben, weil ich dieses Land mit all seinen Fehlern, Brüchen, Widersprüchen und Narben wirklich liebe. Ich sehe den Prozess seiner Entwicklung als Widerspiegelung meiner eigenen Geschichte. Wir haben beide einen sehr langen Weg zu uns selbst zurückgelegt. Einen Weg, der von Selbstüberschätzung, Zerrissenheit, Wut, Aggression, Selbsthass und Schuldgefühlen, aber auch von Selbstkritik, Selbstverantwortung und Selbstüberwindung gekennzeichnet ist. Wir haben beide eine Art frühkindliche Störung und ein Trauma erlitten, das bis heute posttraumatische Verhaltensstörungen mit sich bringt.
Wir waren beide lange stark auf das Unheil in unserer Geschichte fixiert und versuchten, auf seinen Trümmern eine Identität und ein Wertesystem zu errichten, das sich vor allem in Abgrenzung zum Vergangenen definiert. Wir neigten beide in der Vergangenheit dazu, von einem Extrem ins nächste zu wechseln. Aber wir beide wagten es auch, uns für die westlich-freiheitliche Lebensweise zu öffnen, obwohl unsere früheren Identitäten gleichsam als Antithese dazu galten. Wir wagten beide den Wandel und zerbrachen nicht an den Veränderungen, obwohl wir immer noch verwundbar sind.
Ich unterscheide deshalb nicht zwischen einem hellen und einem „Dunkeldeutschland“, nicht zwischen „Gutmenschen“ und Patrioten. Ich suche mir aus der Geschichte keine dunklen Jahre und keine Sternstunden heraus, um Deutschland daran festzumachen oder es darauf zu reduzieren. Deutschland ist das Produkt all dessen, was auf seinem Boden geschah, und es ist die Summe aller Menschen, die hier leben. Das Land als Ganzes, als Prozess zu verstehen und zu akzeptieren, hat mir geholfen, mich selbst zu verstehen und zu akzeptieren. Durch die Außen- und die Innensicht, durch die Zuneigung und die Distanz zum Land kann ich Deutschland anders sehen und vielleicht besser verstehen als viele, die hier geboren sind.

In diesem Jahr feiert Deutschland dreißig Jahre deutsche Einheit. Dieses Buch ist mein Beitrag dazu. Darin schreibe ich über die deutsche Identität, die Erinnerungskultur, die Willkommenskultur, die Wutkultur und die Leitkultur. Ich schreibe über Werte und Ängste, über die politische Mitte und die Zivilgesellschaft, über die Demokratie und ihre Feinde. Meine Liebeserklärung an Deutschland ist keine Sonntagsrede und keine Laudatio, sondern eine ehrliche Auseinandersetzung mit meiner Wahlheimat und ein kritischer Beitrag zu den aktuellen Debatten.
Alle, die eine ehrliche Debatte durch Demagogie, Gesinnungsethik, Emotionalisierung, Moralisierung, Maulkörbe und Denkverbote behindern, fügen dem Land großen Schaden zu und hindern es daran, seine Potenziale zu entfalten. Der Untertitel lautet „Ein Warnruf“, weil ich sehe, dass das Land gerade dabei ist, einige seiner wichtigsten Errungenschaften zu verspielen!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Hamed Abdel-Samads Facebookseite.

„Aus Liebe zu Deutschland. Ein Warnruf“ von Hamed Abdel-Samad, 2020, München: dtv, hier bestellbar.

 

Altes Lied



Der vergessene Münchner Komponist (dessen Karriere allein wegen seines Namens während der NS-Zeit einen Knick bekam) Karl Marx war einst mit Edwin Fischer und Carl Orff Leiter des Chors des Münchner Bachvereins und schrieb 15 Variationen über dieses Lied.
Seine Werke wurden von berühmten Interpreten wie Furtwängler, Eugen Jochum und Edwin Fischer gespielt. Sein Klavierkonzert entstand 1929. 1980 änderte er es nochmals ab.

Nichts davon findet sich im Netz oder im Handel. Sein Name ist nur in alten Schulbüchern zu lesen.

Die Letzten werden die Ersten gewesen sein

Wieder hat der oberste Sachwalter im Schloß Bellevue es geschafft, sämtliche Negativ-Erwartungen zu übertreffen. Die Großdemonstration gegen die Covid-19-Maßnahmen, die heterogen, meinetwegen auch bunt und vielfältig war bis zur Selbstkarikatur, hat er als Werk politischer Geisterfahrer, von Verrückten, Chaoten und naiven Mitläufern verunglimpft: „Wer auf den Straßen den Schulterschluss mit Rechtsextremisten sucht, aber auch wer nur gleichgültig neben Neonazis, Fremdenfeinden und Antisemiten herläuft, wer sich nicht eindeutig und aktiv abgrenzt, macht sich mit ihnen gemein.“

Er benutzte sogar das Wort „verabscheuungswürdig“, was soviel bedeutet wie: körperlichen Ekel auslösend. Er fokussierte dabei auf den sogenannten „Sturm auf den Reichstag“, bei dem unter anderem die Flagge des Kaiserreichs gezeigt wurde und wo – laut Steinmeier – „Demonstranten sich vor den Karren von Demokratiefeinden und politischen Hetzern spannen (ließen)“.
Niemand hat sich vor „einen Karren spannen lassen“. Nur haben die üblichen Verdächtigen die Gelegenheit genutzt, sich in Szene zu setzen und dem einstimmigen Medienchor den Anlaß für ihre längst vorformulierte Extremismus- und Nazi-Erzählung zu präsentieren. Weder regierungstreue noch -kritische Kundgebungen sind davor sicher, daß ein Narrensaum sich an ihre Rockschöße heftet. Auch hat es in früheren Jahren bereits ähnliche Aktionen auf den Stufen des Parlaments gegeben.
Um das zu wissen, braucht man sich nur ein bißchen zu informieren. Für den Bundespräsidenten, der laut Grundgesetz der Parteipolitik enthoben ist, besteht sogar eine ungeschriebene Informationspflicht, bevor er sich äußert. Denn nur so ist er imstande, die Partei- und Tagespolitik kompetent, das heißt von gleichsam höherer Warte zu kommentieren.
Andernfalls muß er sich vorwerfen lassen, entweder unwissend daherzureden oder parteiisch zu sein, Andersdenkenden gegenüber feindselig eingestellt und auf dem linken Auge blind. Im übrigen: Ein „Sturm auf den Reichstag“, zu dessen Abwehr drei Polizisten – einer sogar unbehelmt – genügen, ist allenfalls eine Persiflage, und es wäre genau zu prüfen, was die Hintergründe der Inszenierung waren.
Steinmeier hat keine andere Sprache zur Verfügung als die Formeln, die von den Alt-Parteien, den Medien, von halbgaren Extremismus-Experten und der Antifa vorgestanzt werden. Mit dem Nazi- und Extremismus-Mantra wird der rationale politische Diskurs blockiert und der Widerspruch zur Regierungspolitik kriminalisiert. Statt zu versuchen, die Blockade aufzulösen, nutzt Steinmeier die präsidiale Autorität, um die Ausgrenzung zur Freund-Feind-Markierung zuzuspitzen.
Damit verkehrt er die wichtigste Aufgabe des Staatsoberhaupts, Repräsentant des Staates und aller Staatsbürger zu sein, in ihr Gegenteil. Doch nur in dieser Eigenschaft – und nicht als Lautsprecher des politischen Lagers, das ihn erwählt hat – genießt er den Schutz des Paragraphen 90 StGB, der die Verunglimpfung des Bundespräsidenten unter Strafe stellt.
In Großbritannien äußert sich die Bedeutung des Staatsoberhaupts in den Begriffen „Her Majesty’s Government“ und „Her Majesty’s Most Loyal Opposition“. Die Opposition manifestierte sich vergangenes Wochenende in Berlin außerparlamentarisch. Wie denn sonst? Im Parlament gibt es keine Opposition, die durchgreifenden Widerspruch äußert, oder sie ist durch einen geschlossenen Parteien- und Medienblock kaltgestellt.
Es ist billig, mit dem Finger auf die nützlichen Idioten zu zeigen, die angeblich das „Herz unserer Demokratie“ bedrohen. Die Zigtausenden Demonstranten protestierten ja gerade gegen den demokratischen Herzstillstand. Wann gab es im Bundestag kompetente, intellektuell und rhetorisch hochwertige Debatten über Auslandseinsätze der Bundeswehr, über die Konsequenzen der
Einwanderung, der EZB-, Energie- und Klima-Politik, den Kompetenztransfer nach Brüssel oder über die Berechtigung der Corona-Maßnahmen?

Statt der parlamentarischen Kontrolle der Merkel-Regierung erleben wir ihre Akklamation; weiterhin die Bemühungen der etablierten Parteien, ihre Pfründe gegen neue Konkurrenten zu behaupten sowie ihre egoistische Weigerung, die aufgeblähte Anzahl der Abgeordneten zu reduzieren. Mit gleichem Recht ließe der sogenannte „Reichstagssturm“ sich als das Rütteln an der Ignoranz einer sklerotischen Institution interpretieren.
Es ist weder eine Herabsetzung des Staatsamtes noch eine Beleidigung des Amtsinhabers, sondern die Bilanzierung eines staatspolitischen Defizits, wenn man feststellt, daß Frank-Walter Steinmeier im Schloß Bellevue seit seiner Wahl 2017 über das Format des beflissenen Aktenkofferträgers und Parteiapparatschiks nicht hinausgewachsen ist.
Auf der Treppe des Reichstags waren neben der kaiserlichen auch schwarz-rot-goldene, amerikanische, sogar türkische, im weiteren Umfeld israelische und Flaggen der Schwulenbewegung zu sehen. Und schließlich war das Kaiserreich so schlecht nicht: Es war rechtsstaatlich, wies in 14 Jahren vier Literaturnobelpreisträger auf, war in Wissenschaft und Technik weltweit führend, seine Universitäten wurden international bewundert, seine Sozialgesetze waren vorbildlich, und von seiner Alphabetisierungsquote kann die Bundesrepublik – die Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches – nur träumen.
Frank-Walter Steinmeier überlegt gerade, ob er eine weitere Amtszeit anstreben soll. In realistischer Einschätzung seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten müßte er auf eine erneute Kandidatur verzichten. Andererseits – warum sollte er? Er ist tatsächlich der perfekte Repräsentant und Sachwalter des politischen und mentalen Zustandes dieses Landes.   Hinz