Stationen

Donnerstag, 22. August 2019

Patriotismus der Ästhetik



Jonathan Price, in Oxford und Warschau lehrender Professor für Philosophie, fordert in einem Essay einen "ästhetischen Patriotismus für Europa". Kein Jahrhundert habe mehr Hässlichkeit produziert als das zwanzigste, statuiert er, und zwar sowohl in den Künsten als auch in der Architektur als auch in der Technik und damit letztlich in der Umwelt. (Ich pflege an dieser Stelle gern einzuwenden, dass die durchschnittliche Beschaffenheit der Gebisse und vor allem der Frauenkörper sich deutlich verbessert habe, aber das lasse ich heute.) "Der schlimmste Schaden, der durch ein zunehmend häßliches Europa angerichtet wird, ist die Tatsache, daß es selbst von den Europäern als immer weniger lebens- und liebenswert empfunden wird"  – und folglich als immer weniger verteidigenswert. "Nur wenige werden bereit sein, zu kämpfen und sich zu opfern für etwas, das nur noch schrecklich, widerwärtig, grotesk, scheußlich, abstoßend, unziemlich, unförmig oder selbst 'funktionell' ist."

Als ein Beispiel nennt Price das "Europa-Building" in Brüssel, der Sitz des Rates der EU.

Wer für diesen Bau einen mystischen Ursprung erfinden müsse, lästert der Philosoph, der werde zuerst wohl auf die Idee kommen, ein gigantischer extraterristrischer Vogel habe hier ein Ei abgelegt, und nun warte man mit einer gewissen Bangigkeit darauf, was für ein Monster dem Ding entschlüpfen werde. In der Tat ist dieser EU-Apparat ja ein Riesenkuckucks-Ei, das den Europäern ins Nest gelegt wurde – sollte dem Architekten eine Eulenspiegelei vor Augen gestanden haben? Drinnen haben die Gebäude-Designer auf die konkreten Nationalfarben der Mitgliedsländer verzichtet, stattdessen einen Eintopf aus ihnen zusammengerührt und den bunten Brei großzügig überall verteilt: auf den Decken, in den Liften, an den Türen, auf den Teppichen. Auch das würde unser Till nicht anders gemacht haben, wenn er die Buntheitskamarilla hätte verspotten wollen. "Deutschland ist bunt wie nie. Aber bunt sind auch die Zufallsgemälde des Schimpansen Congo" (Dimitrios Kisoudis). Die Innenausstattung vermittle keine Botschaft außer der banalen "Einheit in Vielfalt", notiert Price. Das sei nichts anderes als "eine neue Form der Uniformität in der omnipräsenten Betonung einer einzelnen grundlegenden Nachricht, zu Lasten jeglichen ästhetischen Werts". Womit, gestatte ich mir hinzuzufügen, Inhalt und Form in vollendeter Harmonie zusammenfinden, ungefähr wie bei Ralf Stegner oder der Kanzlerin.

Aber dem Philosophen ist es nicht nur ums Lästern zu tun, denn er verlangt schließlich nach einem neuen ästhetischen Patriotismus. Zu diesem Zwecke hat er einen Katalog von Fragen formuliert, die er gern künftigen Gebäudeplanern vorlegen würde. Ich zitierte einige davon:

– Wären Sie bereit, selber in den Räumen zu arbeiten, die Sie entworfen oder gebaut haben?
– Würden Sie Ihre Eltern/Ehepartner/Kinder dort arbeiten lassen?
– Wären Sie bereit, in der Nähe des besagten Gebäudes zu wohnen?
– Weckt das Gebäude Ihre Bewunderung, so daß es Ihnen Freude bereiten würde, dort anwesend zu sein, und Sie gerne wiederkehren würden?
– Ist das Gebäude so entworfen, daß es die gegenwärtigen Moden überleben könnte?

(Der Essay ist erschienen im auch sonst sehr lesenswerten Sammelband "Renovatio Europae. Plädoyer für einen hesperialistischen Neubau Europas", herausgegeben von dem trefflichen David Engels und erschienen beim Manuscriptum-Verlag)


                                    ***

Wie verdorben und schwächlich muss eine Gesellschaft sein, deren Eliten aus allen publizistischen Rohren mit Moralplatzpatronen auf das Volk schießen lassen.

                                    ***


Menschen, die nach Bewunderung verlangen, sind nicht eitel genug.


                                    ***


"Versucht, den Dr. Faustus von Thomas Mann zu lesen. Unmöglich. Altes Spiel. Das ist langweilig, das ist der Boche als Teufel."
(Cioran, Notizen, 9. Januar 1967)


                                    ***


"Der Fanatiker ist gern Asket. Ich esse gerne; wie alle Menschen ohne tiefere Überzeugungen."
(Derselbe, am 20. Januar 1967)   MK




Mit dem deutschen Schlager der 70-er Jahre erreichte die Beseitigung musikalischer Kostbarkeit ihren ersten Höhepunkt. Dass die Acid House Musik sich im Stande fand, diesen Exzess auch noch zu überbieten, ist erstaunlich, aber unleugbar. Was ich nicht für möglich gehalten hätte, ist, dass ein Philip Glass dafür sorgen würde, dass auch die feinen Salons der gelahrten Kreise anfangen würden, auf die Knie zu sinken, um dem Stumpfsinn zu huldigen. Nachdem dieses verkommene Milieu Jahrzehnte lang Leuten wie Luigi Nono gehuldigt hatte, musste sich allerdings ein Erschöpfungszustand einstellen, der kaum etwas Anderes auf den Plan rufen konnte, als Betäubung und die Kontemplation des Nichts. Denn ein durch und durch verlogenes und selbstherrlich ideologisiertes Milieu kann nicht zu Einsicht und Vernunft gelangen, geschweige denn kreativ werden. So schnell kann eine traditionelle Stärke einfach entschwinden. Dass die Wahrheit am Ende immer triumphiert, man aus Schaden immer klug wird und ständige Höherentwicklung selbstverständlich ist, ist leider nur ein frommer Wunsch.





Gegenüber Orgien der Monotonie, wie es die Raves sind, meditativem Stumpfsinn wie den Werken von Philipp Glass und dem plump stampfenden Virtuosismus eines David Garett, ist traditionelle arabische Musik geradezu erholsam. Sie wird daher die Herzen erobern.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.