Mittwoch, 9. Mai 2018

Frankfurter Rundschau

Strahlend blauer Himmel, die Frühlingssonne lacht mit den spielenden Kindern um die Wette. Mütter unterhalten sich bei Aperol Spritz, die Väter trinken frischgezapftes Bier. Studenten genießen ihren freien Tag. So idyllisch geht es jedes Jahr an Christi Himmelfahrt auf dem Frankfurter Römerberg zu, wenn die katholische Verbindung „Straßburger KDStV Badenia zu Frankfurt“ zum beliebten Frühschoppen einlädt.
Wie läßt sich so eine Idylle skandalisieren? Durch einen Blick in den Kalender, ein paar extremistische Antifaschisten und linke Journalisten, die Studentenverbindungen gerne an den Pranger stellen.
Hauptsache mit Dreck werfen
Aber der Reihe nach: Bei einem Blick in den Kalender stellten die Antifaschisten der linksradikalen Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) fest, daß der Feiertag Christi Himmelfahrt – der im Westen auch als „Vatertag“ und im Osten als „Herrentag“ gefeiert wird – in diesem Jahr genau auf den 10. Mai fällt. Und an diesem 10. Mai haben die Nazis vor 85 Jahren auf dem Frankfurter Römerberg Bücher verbrannt. Daran erinnert auch eine auf dem Platz eingelassene Gedenkplakette.
85 Jahre Bücherverbrennung – da könnte man ja eine Gedenkveranstaltung abhalten, schlossen die selbsternannten Antifaschisten messerscharf. Nur leider nicht besonders schnell. Denn natürlich hatten sich die katholischen Verbindungsstudenten der Badenia den Frühschoppen auf dem Römberg – wie jedes Jahr seit 1982 – bereits vom Ordnungsamt genehmigen lassen. Also: Akademischer Frühschoppen statt Antifa-Gedenken.
Doch die zu spät gekommenen Linksradikalen wollten das nicht akzeptieren. Und da kommt die Frankfurter Rundschau ins Spiel: „Burschenschaften wollen am Jahrestag der Bücherverbrennung in Frankfurt vor dem Römer feiern“, polterte dort Lokalredakteur Christoph Manus. Daß die Badenia keine Burschenschaft ist, sondern dem Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen angehört, der mit seinen 30.000 Mitgliedern der größte Akademikerverband Europas ist, interessierte Manus dabei offenbar genauso wenig wie die Tatsache, daß die katholischen Akademiker Christi Himmelfahrt und nicht die Bücherverbrennung feiern. Aber: Hauptsache medial mit Dreck werfen, irgendwas bleibt schon hängen.
Gedenken und Himmelfahrt passen gut zusammen
Wenn in diesem Jahr Christi Himmelfahrt auf den Tag der Bücherverbrennung fällt, dann spricht absolut nichts dagegen, Christi Himmelfahrt mit der Familie oder der Verbindung auf dem Römerberg zu feiern und dabei auch an das Verbrechen der Bücherverbrennung zu erinnern. Beides paßt sogar sehr gut zusammen, denn es gibt zahlreiche christliche Märtyrer wie Bernhard Lichtenberg, Alfred Delp, Maximilian Kolbe und Dietrich Bonhoeffer, die den Nazis die Stirn geboten haben und dafür in den Tod gegangen sind.
Doch der Tod hat nicht das letzte Wort – Jesus Christus ist in den Himmel aufgefahren. Daran glauben christliche Verbindungsstudenten, und daran glaubten auch die echten, nicht zu spät gekommenen, Antifaschisten wie Delp, Lichtenberg, Kolbe und Bonhoeffer.   Bastian Behrens

Dienstag, 24. April 2018

Ist England noch zu retten?

Keine Nation ist derart bedroht wie die englische. Und in keinem anderen Land kommt das Totalitäre der Multikulti-Ideologie klarer zum Vorschein. Die „Freundlichkeit“ und Liberalität des Inselvolkes hat dazu geführt, das die Vororte tatsächlich wie völlig fremde Zonen aussehen.
Kreuzberg und Saint Deniz sind nichts dagegen. Die Londoner Vororte sind fremder als alles, was ich bisher gesehen habe.
Die soziale Gleichgültigkeit und der Individualismus der englischen Gesellschaft werden im Multikulturalismus noch deutlicher. Wer hinter die „Paywalls der Vielfalt“ kommt, kann ein angenehmes Leben führen. Die Londoner Restaurant-, Mode-, Musik- und Start-up-Szene ist weltweit anerkannt. Wer sich selbst am nächsten ist, kann in den Randgebieten des langsamen nationalen Suizids noch ein erfülltes und sicheres Leben führen. Die Wirtschaft ist unternehmerfreundlich und wenn man die nötigen Zugeständnisse an die Political Correctness macht, wird man von ihren Hohepriestern auch in Ruhe gelassen.
Die ganze Insel und ihre indigenen Bewohner sind erfüllt von einer tiefen Einsamkeit. In der U-Bahn und in den Pubs – die Londoner wirken isoliert und vereinsamt und stehen in tiefstem Kontrast zu den importierten ethnischen Gangs, die Englands Töchter missbrauchen.
Es gab in England weder einen nennenswerten Faschismus, noch einen politisch wirksamen Kommunismus, es gab keine echte soziale und keine echte nationale Bewegung: Es gab eigentlich gar keine nennenswerte Bewegung.
Aus England kamen einflussreiche rechte Subkulturen und Musikstile: die Skinheadszene, die Fußball- und Casualkultur, der RAC. Aber es gab in England niemals etwas wie die nationale Bewegung oder den „Scoutisme“ in Frankreich. England war immer schon das liberalistischste Land. Deswegen ist es heute vielleicht das totalitärste.
Sogar der deutsche Staat erscheint mir noch mütterlich und milde im Umgang mit seinen politischen Dissidenten im Vergleich zum Vereinigten Königreich. Die Kampagnen gegen Hate speech sind unbarmherzig. Die Unduldsamkeit, mit der seit Thomas Morus gegen soziale Abweichler vorgegangen wird, richtet sich heute gegen Ketzer der Identität.
Die individuelle Wirtschaftsfreiheit wird mit politischer Gleichschaltung erkauft. Es gab, zu der These gelangt Spengler in „Preußentum und Sozialismus“, eigentlich nie eine echte englische Staatspolitik. Es gab vielmehr nur den Club und den Code.
Wer heute gegen den Kodex der Diversity verstößt, landet rasch im Gefängnis. So etwa der berühmte „bacon offender“ Kevin Crehan. Der legte nach einer Sauftour mit seinen Freunden ein Schinkensandwich vor die Türe einer Moschee. Dafür wurde er zu einem Jahr Haft verurteilt, und in Haft kam er 35-jährig ums Leben. Die Umstände seines Todes sind nach wie vor ungeklärt. Die Behörden geben die Akte nicht frei.
Tommy Robinson, der in der Arbeitergegend Lutons aufwuchs, meint zu wissen, woran er starb. „If you critizise Islam, prison can mean a death sentence“, erzählte er mir in einem Gespräch. Wer seiner Lebensgeschichte zuhört, erkennt die ganze Brutalität des englischen Systems:
Eine alleingelassene autochthone Arbeiterklasse, ohne patriotischer Bewegung, ohne patriotischer Partei und ohne patriotischen Medien, sieht sich auf der Straße brutalen Angriffen von fremden Gangs gegenüber. Wenn sie selbst eine Gang bilden, wie es die English Defence League war, geraten sie ins Getriebe des sanften Totalitarismus.
Nachdem wir lange schon den Punkt erreicht haben, daß weißen Briten nur noch das Schweigen über die Veränderungen in ihrem Land übrig bleibt, scheint man inzwischen von ihnen zu erwarten, still und zufrieden sich selber abzuschaffen, indem sie Schläge hinnehmen und den Verlust ihres Landes akzeptieren: „Kommt darüber hinweg. Es ist nichts Neues. Ihr seid ein Nichts.“
Meine Zeit im „holding room“ ist zu Ende. Mir werden Handschellen angelegt und man führt mich an glotzenden Zivilisten vorbei in einen Transportwagen, der mich nach Colnbrook bringt. Eine Stunde fährt er durch Straßenwüsten. Obwohl wir draußen sind, habe immer noch das Gefühl, in einem engen Raum zu sein. Ob das an der Insel liegt?
Die Untersuchungsanstalt liegt nahe dem Flughafen Heathrow in einer trostlosen Gegend. Ein doppeltes Schiebetor schirmt den Innenhof ab, in dem sich zahlreiche Objekte befinden. Überall sind Kameras und Stacheldraht. Ein Gefängnis wie man es aus Filmen kennt.
In Colnbrook befinden sich vor allem Illegale und Kriminelle, die auf ihre Abschiebung warten. 396 Mann haben in seinen Zellen Platz. Teilweise wird es auch zur „Zwischenlagerung“ bei Transporten benutzt. Wegen einiger Fluchtversuche sind die Sicherheitsvorkehrungen sehr streng, wie mir ein Wärter erzählt. Immer wieder kommt es zu Übergriffen. Im Mai 2017 tötet ein Insasse seinen Zellengenossen mit bloßen Händen. Ein britischer Journalist nennt das Lager einen „Limbus“. Ganz so schlimm ist es nicht.
Ich werde gewogen, gemessen und bekomme ein rudimentäres Handy für Telefongespräche. Auch meine Kleidung darf ich behalten. Bevor ich in meine Zelle geführt werde, will mich der „Facility Manager“ sprechen. Ein dicklicher junger Brite mit schütterem Haar stellt sich mir vor und weist mir an, mich zu setzen. „I saw your wikipedia page, I think we need to talk.“
Ich erkläre ihm knapp, daß ich nicht vorhabe, für Ärger zu sorgen und in Haft keinerlei politische Äußerungen tätigen werde. „I’m more concerened about your security not you causing trouble. I think trouble might come to you.“ Er erzählt mir gedehnt, daß sie eine „considerable muslim extremist population“ im Gefängnis haben und es passieren könnte, daß sie von meiner Anwesenheit erfahren und mich zusammenschlagen würden.
Er meint, daß es grundsätzlich möglich wäre, mich die gesamte Zeit meines Aufenthaltes einzuschließen. Am Ende entscheidet er sich jedoch dagegen, denn ich „sähe gar nicht so aus wie auf meiner Wikipedia-Seite“. Ich soll eine Einzelzelle bekommen.
Wenig später befinde ich mich in einem kleinen, kühlen Raum mit einem Abort, einem Bett und einem Sessel. Neben der Tür befindet sich ein Alarmknopf. Fast das gesamte Wachpersonal in dem Flügel ist muslimisch und mir gegenüber ausgesprochen freundlich.
Das soll sich am nächsten Tag ändern.    Sellner

Am nächsten Tag öffnete der muslimische Wärter meine Gefängnistüre. „You were in the news today“.
Sein Lächeln ist unverändert, aber seine Augen verraten etwas anderes. Er versichert mir, daß er nichts gegen mich persönlich hätte, betont aber nachdrücklich, daß ich nun ganz besonders auf mich aufpassen solle.
Auch der Rest des Wachpersonals des Flügels fixiert mich heute mit ernsten Blicken. Spätestens ab dem Moment fühle ich mich nicht mehr wirklich sicher. Ich habe zwar meinen „Alarmknopf“, aber realistisch betrachtet haben die paar Wärter gegen eine koordinierte Aktion der Insassen keine Chance. Die vierschrötigen Afrikaner und arabischen Jugendlichen, mit denen ich mir den engen Flur teile, auf dem sich jetzt alle frei bewegen, hätten leichtes Spiel.
Ohne daß ich es wollte, spielte mein Hirn permanent alle möglichen Szenarien eines Überfalls ab. Laute Musik (die Insassen hier dürfen Radio hören) übertönt den Lärm, einige schirmen die Zelle ab, der Rest stürmt in einer Blitzaktion herein…
Ich stellte mir vor, wie sich die Kunde über diesen „ungewöhnlichen Insassen“ verbreitete, der am selben Tag vom „Guardian“ und „Independet“ als „Anti-muslim campaigner“ bezeichnet wurde.
Tommy Robinson hatte mir von einer anderen beliebten Taktik in englischen Gefängnissen berichtet: kochendes, mit Zucker versetztes Wasser wird dem Gegner ins Gesicht gekippt, um ihn kampfunfähig zu machen.
Den Rest meiner Zeit verbringe ich mit einem sehr empfehlenswerten Buch über Heideggers Schwarze Hefte (Die Wahrheit über die Schwarzen Hefte, Fr.W.v. Hermann) in meiner Zelle in ständiger Alarmbereitschaft.
Mittlerweile habe ich Telefonkontakt zu den britischen IB-Leitern. Die Konferenz ist trotz unglaublicher Hürden über die Bühne gegangen. Mit dem ebenfalls abgeschobenen Aktivisten aus Ungarn, Abel Bodi und mir waren zwei Hauptredner ausgefallen. Zwei Veranstaltungsorte hatten vorher bereits abgesagt. Am Ende wurde, getarnt als „Tagung für Architektur“, ein Pub gemietet, wohin die doppelt überprüften Gäste gelotst wurden.
Die Konferenz fand allen Widerständen zum Trotz statt. Erst am späten Nachmittag ermittelte die, von Soros Geldern finanzierte, NGO „Hope not Hate“, eine Art britisches „AAS“ (Amadeu Antonio Stiftung) den Ort und setzte die Antifa darauf an. Doch die linken Terrortruppen konnten von engagierten Fußballfans zurückgeschlagen werden.
Am nächsten Tag sprach die Aktivisten Freya von der Initiative 120 Dezibel im Speakers Corner. Auch hier mußte die Veranstaltung vor dem linksextremen Mob abgeschirmt werden.
Der staatlich zugelassene Terror der Antifa, verbunden mit der staatlichen Repression stranguliert jede patriotische Gegenwehr, während der Islam das Land übernimmt. Theresa May, die derzeitige Premierministerin, deren Home Office statuierte, daß „meine Werte nicht mit dem United Kingdom kommensurabel sind“, sagte im Jahr 2015, daß der Islam mit den britischen Werten und Lebensstil voll vereinbar sei. Während Abel Bodi und ich als „fundamentale Bedrohung für das britische Zusammenleben“ eingestuft werden, wurden 400 britische Dschihadisten zurück ins Land gelassen. 25.000 mohammedanische Extremisten, die jederzeit einen Terroranschlag begehen könnten, befinden sich im Land.
Ein Grund, warum die Regierung die Meinungsfreiheit demontiert, könnte die Angst vor diesem Eskalationspotential sein. Man darf die Moslems ja nicht vor den Kopf stoßen, indem man etwa einen Zusammenhang zwischen Islam und Terror anspricht. Das könnte die Moslems nämlich zu islamisch begründeten Terrorakten animieren…   Sellner

Montag, 23. April 2018

Epochentypische Farce

Seit 2012 wird in Israel von einer privaten Organisation der Genesis Prize vergeben. Der Preis geht an jüdische Menschen, die auf ihrem Gebiet exzellentes erreicht haben. Zu den bisherigen Preisträgern gehören der Musiker Itzhak Perlman und der Schauspieler Michael Douglas. Im Jahr 2018 ist der Preis mit zwei Millionen US-Dollar dotiert und geht an die Schauspielerin Natalie Portman.

Natalie Portman hat jedoch die Teilnahme an der Verleihung in Jerusalem abgesagt und begründet dies mit ihrer Kritik an der israelischen Regierung. Sie erklärt, sie habe den Eindruck vermeiden wollen, dass sie den als Redner geladenen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu unterstütze:

„Israel wurde vor siebzig Jahren als sicherer Hafen für Flüchtlinge des Holocausts gegründet. Aber die Misshandlung all jener, die heute unter Gräueltaten leiden, entspricht nicht meinen jüdischen Werten. Weil ich mich um Israel sorge, muss ich aufstehen gegen Gewalt, Korruption, Ungleichheit und Machtmissbrauch.“

Die Organisatoren der Verleihung haben angekündigt, das Preisgeld dennoch an Natalie Portman vergeben zu wollen und erklären:

„Wir fürchten, dass Frau Portmans Entscheidung unsere karitative Initiative politisiert. Wir haben in den vergangenen fünf Jahren alles getan, dies zu vermeiden.“


Keine Berührungsangst mit der chinesischen Diktatur

Natalie Portman hat erklärt, das Preisgeld anzunehmen, um es für den Kampf um Frauenrechte zu spenden.
 Seit dem Jahr 2011 findet im chinesischen Peking das Filmfestival Beijing International Film Festival statt. Das Filmfestival wird von der Regierung der Stadt Peking unterstützt und gefördert. Im Jahr 2016 verlieh das Festival einen Preis an Natalie Portman. Sie reiste hin und nahm den Preis dankend an. Im Gegensatz zu dem Genesis Prize wird der Preis in Peking von der Regierung kontrolliert.   Buurmann

70 Jahre Israel

(...) Maas sagte in seinem Vortrag: „Unsere Verantwortung, uns schützend vor jüdisches Leben zu stellen, endet nie.“ Was als Variation auf den Merkel-Satz zu verstehen ist, Israels Sicherheit sei Teil der deutschen Staatsräson. Vor einiger Zeit merkte Alexander Gauland an, er zweifle ein wenig daran, dass die Bundesregierung Soldaten der praktisch nicht einsatzfähigen Armee eines postheroischen Landes, in dem schon die Erschießung eines Amokläufers als polizeilicher Gewaltexzess gilt, im Ernstfall an den Jordan schicken würde beziehungsweise, horribile dictu, darüber. Die Pluralitäts- und Qualitätspresse machte daraus flott Zeilen wie: „Gauland stellt Israel-Solidarität in Frage.“

(....) Wie oft lacht ein öffentlich-rechtlicher Redakteur über einen jüdischen Witz? Drei Mal. Beim ersten Mal gar nicht, weil er denkt, so etwas sei politisch unkorrekt. Dann, wenn er den Witz noch einmal zusammen mit einer Unbedenklichkeitserklärung hört, lacht er doch erst mal. Zum zweiten Mal, wenn er ihn erklärt bekommt. Und zum Dritten, wenn er ihn kapiert.   (weiter hier)

Patriotismus


Prof. Dr. Hans Wurst

Daniel Thym, 45 Jahre alt, ist Inhaber des Lehrstuhls für öffentliches Recht, Europarecht und Völkerrecht an der Universität Konstanz. Außerdem ist er Mitglied des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration. An Jahren jung, gilt er als etablierter Experte zu allen Rechtsfragen rund um Integration und Migration und kann mit entsprechender fachlicher Autorität auftreten.
Es hat deshalb Gewicht, wenn Thym als anerkannter Experte den in der Erklärung 2018 konstatierten Rechtsbruch einen „Mythos“ nennt und beklagt, die Unterzeichner der Erklärung wollten das „politische System delegimieren“, indem sie einen Rechtsbruch behaupten, „der so nicht vorliegt“.
Ich gehöre zu den Unterzeichnern der Erklärung 2018. Bekanntlich wächst man nicht an den eigenen Argumenten, sondern an den Argumenten der Andersdenkenden. Deshalb habe ich mir Thyms Text Satz für Satz angeschaut. Anders als in der Überschrift angekündigt, vermeidet Thym in seinem Artikel weitgehend die juristische Argumentation. Ja, er versucht sie zu delegitimieren, indem er schreibt: „Wer sich auf das Recht beruft, muss keine Sachargumente vorbringen.“
Aus dem Mund eines Juristen hört sich das seltsam an. Deshalb erscheint an dieser Stelle ein bisschen Nachhilfe aus der Sicht eines Ökonomen angezeigt: Jedes positive Recht ist eine politische Setzung durch den staatlichen Gesetzgeber. Es kann per se weder Wahrheit noch Vernunft für sich beanspruchen. Es gilt, weil der Gesetzgeber das so entschieden hat, und es gilt solange, bis der Gesetzgeber etwas Anderes entschieden hat.

Rechtsbruch ist, wenn ein Gesetz gebrochen wird

Die Frage, ob ein gesetztes Recht vernünftig und gerecht ist oder nicht durch eine bessere Regelung ersetzt werden sollte, hat mit der Geltung des Gesetzes nichts zu tun. Ein Rechtsbruch liegt dann vor, wenn ein Gesetz gebrochen wird, unabhängig davon, ob ein Gesetz vernünftig und gerecht oder absurd und ungerecht ist.
Eine Verbesserung des Rechts geht immer so vonstatten, dass man sachliche Argumente ernst nimmt, austauscht und die daraus gewonnenen Erkenntnisse in neues Recht einfließen lässt. Sachargumente gegen die verderbliche und gefährliche Ausrichtung der deutschen Einwanderungs- und Asylpolitik seit 2015 wurden umfassend ausgetauscht. Dazu liegen mittlerweile ganze Bibliotheken vor. Die Debatte war deshalb so frustrierend, weil das politische Establishment und die Kulisse seiner Claqueure in Wissenschaft und Medien auf Sachargumente gar nicht einstieg, sondern entweder gesinnungsethisch argumentierte oder auf angebliche rechtliche Zwänge verwies.
Diese Sachdebatte wird von der Erklärung 2018 vorausgesetzt, aber nicht erneut aufgenommen. Die Erklärung weist lediglich auf den fortgesetzten Rechtsbruch hin und bekräftigt das Recht der Demonstrationsfreiheit.
Thym kritisiert: „Die These vom Rechtsbruch beruht im Kern auf einem Missverständnis der Dublin-Regeln.“ Das ist schlichter Unfug. Ein Professor für Öffentliches Recht weiß das auch genau. Professor Thym argumentiert nicht ehrlich und versucht seine arglosen Leser für dumm zu verkaufen, um sie gegen die Unterzeichner der Erklärung 2018 aufzuhetzen.

Erst lesen, dann urteilen

In Artikel 16, Abs. 2 des Grundgesetzes heißt es: „Auf Absatz 1 kann sich nicht berufen, wer aus einem Mitgliedstaat der Europäischen Gemeinschaften oder aus einem anderen Drittstaat einreist, in dem die Anwendung des Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge und der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten sichergestellt ist.“
Das Bundesverfassungsgericht stellte dazu klar: Da nach der derzeit geltenden Rechtslage (Art. 16 a Abs. 2 Satz 1 GG und Anlage I zu § 26a AsylVfG) alle an die Bundesrepublik Deutschland angrenzenden Staaten sichere Drittstaaten sind, ist ein auf dem Landweg in die Bundesrepublik Deutschland einreisender Ausländer von der Berufung auf Art. 16 a Abs. 1 GG ausgeschlossen, auch wenn sein Reiseweg nicht im Einzelnen bekannt ist.“
Dass das Vorgehen der Bundesregierung seit September 2015 ein eklatanter Rechtsbruch ist, stellte nicht nur Professor Udo di Fabio in seinem Gutachten für die bayerische Staatsregierung fest. Es ergibt sich auch aus einem Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages, aus einem Urteil des OLG Koblenz und aus zahlreichen anderen Quellen, die Professor Thym natürlich genau kennt, die aber nicht in seine Argumentation passen.
In seinem Artikel bezieht er sich allein auf die Anwendung der Dublin-Verordnung und argumentiert, Deutschland müsse ein eigenes Asylverfahren durchführen, wenn es nicht gelingt, den Asylbewerber binnen sechs Monaten in das Erstaufnahmeland zu überstellen.

Massenbetrug wird toleriert

Professor Thym lässt den entscheidenden Punkt unter den Tisch fallen: Wer aus einem sicheren Drittstaat kommt, hätte gar nicht erst in Deutschland einreisen dürfen. Die Anwendung dieser Bestimmung wurde von der Bundesregierung Anfang 2015 außer Kraft gesetzt und ist bis heute nicht wieder in Kraft gesetzt worden. Das ist der größte Skandal in der an Skandalen reichen Einwanderungspolitik der letzten Jahre. Dazu passt ins Bild, dass massenweiser Betrug bei Herkunftsangabe und der Feststellung der Identität toleriert wurde und wird, ohne jede Konsequenzen für die Betroffenen.
Wer einen deutschen Grenzpfosten erreicht und das Wort Asyl aussprechen kann, kann mit mehr als 95 Prozent Wahrscheinlichkeit auf immer in Deutschland bleiben. Das bedroht langfristig die Grundfesten des deutschen Staatswesens und der deutschen Gesellschaft. Ohne wirksame Kontrolle der Grenzen und vollständige Herrschaft über die Entscheidung, wer zu uns kommen darf, ist weder der Sozialstaat noch unser ganzes Gesellschaftsmodell überlebensfähig.

Professor Thym und seine Gesinnungsgenossen wissen das natürlich. Sie können so beschränkt gar nicht sein, als dass ihnen der Sachverhalt nicht bewusst wäre. Offenbar verfolgen sie ein Modell der künftigen Gesellschaft, das die Mehrheit der Deutschen ablehnt. Dabei gehen sie in der Argumentation unehrlich vor und laden so moralische Schuld auf sich.
Dadurch, dass sie sich an der schieren Selbstverständlichkeit der beiden Sätze der gemeinsamen Erklärung öffentlich reiben und ihre Unterzeichner moralisch abqualifizieren, leisten sie einen unfreiwilligen, aber überfälligen Beitrag zu ihrer eigenen Selbstentlarvung.   Sarrazin

Umleitung statt Umvolkung

Die Flüchtlingsströme müssen unbedingt nach Saudi-Arabien umgelenkt werden, besonders die aus arabischen Ländern kommenden. Dort kann nicht nur jede Form von Schleier getragen werden, dort wird den Muslimas sogar erklärt, dass die Verschleierung nichts mit dem Koran, dem Willen Allahs oder dem  Willen des Propheten zu tun hat. Außerdem ist Saudi-Arabien so reich, dass dort niemand Steuern zu zahlen braucht und niemand müsste Deutschkurse oder Integrationskurse besuchen. Deutschland ist kein reiches Land. Es ist nur ein gut verwaltetes Land, in dem das Wohlstandsgefälle weniger steil als andernorts ist und die Armen nicht betteln müssen.

Wenn uns abgeschlossene Verträge und unterschriebene Konventionen oder unsere eigenen Gesetze daran hindern, die "Geflüchteten" umzuleiten, dann müssen sie eben geändert werden. So wie jetzt kann es jedenfalls nicht weitergehen und so wie es die letzten 50 Jahre lief leider auch nicht.
Saudi-Arabien will die Geflüchteten nicht???? Na sowas. Ach, es hat die Genfer Konvention nie unterschrieben????? Na dann wird es aber Zeit!! Wo doch der ganze Westen Druck auf Saudi-Arabien ausübt, dass es die Konvention unterschreibt und die Grenzen öffnet.

Vergessene Binsenweisheiten

Eins.
Ein Leser weist mich darauf hin, dass R. Lee Ermey von uns gegangen ist. Wenn Sie nicht auf Anhieb wissen, wer das ist, schauen Sie hier – jeder kennt ihn. Diese Figur ist unsterblich.
Meine Lieblingsszene ist diese: "Private Joker ist von nun ab neuer Gruppenführer. Private Joker ist ein Spinner und ein Ignorant, aber er hat Schneid, und das reicht uns!" Das stimmigste, das wichtigste Argument, und wie typisch für unseren von Schneidlosen, zu jedem Einknicken bereiten Schrumpfmännlein (und -weiblein) geprägten Zeitgeist, dass es nicht mehr gelten soll.

Zwei.
Die Oper ist gewiss jene Kunstgattung, die dem menschlichen Paarungsverlangen die eindrucksvollsten Monumente errichtet hat. Eines davon ist der Ausbruch "Rêve! Extase! ô bonheur!" der Titelfigur in Massenets "Werther", großartig gesungen von Jonas Kaufmann (am Aufstachelndsten von Franco Corelli, aber alles hat auch die Ali-Baba-Höhle youtube nicht in petto). Hier ist jene animalische Energie körperlich zu spüren, die sich bei dem schließlich abgewiesenen Werther gegen sich selbst richtet. Wie wir hierzulande zunehmend (wieder) erfahren dürfen, kann sich dieser entfesselte Trieb auch gegen das Objekt der Begierde wenden, ich würde sogar die These wagen, dass es Kulturkreise gibt, in denen es ausschließlich in diese Richtung geht. Der Suizid aus verschmähter Liebe war oder ist eine vorwiegend westliche Dressurleistung, die nur vor dem Hintergrund der Ritterlichkeit und der Frauenverehrung zu verstehen ist. ("Herrin, forsch' nicht blut'ge Kunde –/Heute Mittag starb Ramiro", Heine). Andere Weltgegenden kennen dergleichen nicht, und gegen das "céleste sourire!" haben sie dort allerlei Planen und andere Verhängungen ...   MK am 22.

Auch das ist Geschichtsvergessenheit: was früher einmal eine Binsenweisheit war, geriet nicht nur in Vergessenheit. Wer sich heute die Mühe macht, veranschaulichend daran zu erinnern, dem glaubt man nicht mal mehr vor lauter "Konstrukten" und "sozialen Skulpturen". Sogar Klonovsky übersieht, dass die "vorwiegend westliche Dressurleistung" eine vorwiegend nordwestliche ist.

Similia similibus oppugnentur

Eigentlich hat Umberto Eco in seinem langen Schriftstellerleben nie über etwas anderes geschrieben als über Verschwörungstheorien. Das fing schon mit "Der Name der Rose" an, nur ist es damals niemandem groß aufgefallen. Der Detektiv William von Baskerville, der zusammen mit seinem Adlatus Adson eine Serie von erschröcklichen Mordtaten in einem Benediktinerkloster in Norditalien aufklären soll, rennt bei seinen Ermittlungsarbeiten ständig gegen eine einfache Erklärung an, die da lautet: Der Teufel ist an allem schuld, und das Zeitalter des Antichrists ist nahe herbeigekommen.
Das ist quasi die mittelalterliche Urform jeder heutigen Weltverschwörungsspinnerei. In "Das Foucaultsche Pendel" wandte sich Eco seinem großen Thema dann noch offensiver zu. "Das Foucaultsche Pendel" ist eine Satire und handelt von drei Freunden, die sich einen gewaltigen Masterplan zusammenfantasieren; gefährlich wird die Sache in dem Augenblick, in dem Leute anfangen, den Quatsch zu glauben.

Dagegen sind Dan Browns Theorien harmlos

Umberto Eco ist mit "Das Foucaultsche Pendel" gelungen, sich über Dan Brown lustig zu machen, ehe es Dan Brown überhaupt gab – eine reife Leistung. Doch waren jene Verschwörungstheorien immer noch vergleichsweise harmlos. Mit seinem jüngsten Roman, "Der Friedhof in Prag", hat Eco sich dagegen einen Mythos vorgenommen, der alles andere als harmlos ist. Er hat immerhin zum größten Genozid in der Menschheitsgeschichte geführt.
"Der Friedhof von Prag" handelt also davon, wie im 19. Jahrhundert der Mythos von der jüdischen Weltverschwörung (und der Verschwörung der Freimaurer) seine kanonische Form bekam: eine mörderische Legende, die von den Nazis nur noch in Dienst genommen werden musste. Der Mythos von der jüdischen Weltverschwörung ist übrigens eines der Merkmale, durch die sich der Antisemitismus vom gemeinen Rassismus oder der gewöhnlichen Fremdenfeindlichkeit unterscheidet.

Fakten richten gegen Verschwörungstheorien nichts aus

Niemand behauptet, die meisten Zeitungen befänden sich fest in der Hand von Ausländern (obwohl das zufällig sogar stimmt), und es gibt keine "Protokolle der Weisen von Mekka". Mit anderen Worten, hier hört der Spaß auf. Oder?
Verschwörungstheorien kann man bekanntlich nicht widerlegen. Wer daran glaubt, dass der 11. September das Werk von George W. Bush war, der heimlich mit dem Mossad zusammengearbeitet hat (übrigens ist dies nichts als eine aufgefrischte Version jener Geschichte, die in den "Protokollen der Weisen von Zion" erzählt wird), den werden Fakten nicht eines Besseren belehren. Er wird weiterhin auf seiner Version der Ereignisse beharren und sich dabei wahnsinnig klug und überlegen vorkommen. Mit Faktenhuberei kommt man den Verschwörungstheorien also nicht bei. Aber vielleicht kann man sie mit ihren eigenen Waffen schlagen?

Die Forrest-Gump-Methode

Bei Verschwörungstheorien handelt es sich um Narrative: um Erzählungen, durch die das Weltganze einen durchschaubaren Sinn erhält. (An alle Übel unter der Sonne sind SIE schuld, wer SIE auch immer sein mögen.) Vielleicht kann man diese Erzählung unterlaufen, indem man ihr eine Gegenerzählung unterschiebt; und diese Gegenerzählung kann natürlich von nichts anderem handeln als von der Entstehung der Verschwörungstheorie selbst. So mag sich Eco gedacht haben, als er "Der Friedhof in Prag" schrieb.
Die Methode, die er in seinem jüngsten Roman benutzt, möchte ich die Forrest-Gump-Methode nennen. Wer den Film gesehen hat, weiß, was gemeint ist: Forrest Gump ist ein liebenswerter Niemand, der zufällig immer gerade an den Schlüsselpunkten der amerikanischen Geschichte der Sechzigerjahre auftaucht (Watergate, Vietnamkrieg usw.) und allen Berühmtheiten jener Epoche über den Weg läuft.

Begegnung mit Freud und Garibaldi

Dasselbe passiert dem Helden von "Der Friedhof in Prag" - nur geht es hier nicht um das 20., sondern um das 19. Jahrhundert. Der Protagonist erlebt also live mit: den nationalen Befreiungskrieg in Italien, den deutsch-französischen Krieg von 1871, die Tage der Kommune in Paris, die Dreyfus-Affäre. Ganz nebenbei läuft er Sigmund Freud, Giuseppe Garibaldi und Alexandre Dumas über den Weg.
Es gibt in dieser Geschichte aber auch ein paar Prominente, die nicht jeder kennt. Den Journalisten Maurice Joly etwa, der eine Satire auf Napoleon III. verfasste, die – obwohl im Text kein einziger Jude vorkommt – später zur Grundlage der "Protokolle der Weisen von Zion" wurde. Ein anderer prominenter Nichtprominenter ist auch der deutsche Romancier Hermann Goedsche, ein wütender Antisemit, in dessen Roman "Biarritz" geschildert wird, wie sich 13 Rabbiner auf dem alten jüdischen Friedhof in Prag treffen, um ihre Ränke zu schmieden.

Der Protagonist hasst Juden

Dann ist da natürlich Pjotr Iwanowitsch Ratschkowski: Chef der "Ochrana", der zaristischen Geheimpolizei in Paris, in dessen Auftrag die "Protokolle der Weisen von Zion" zusammengeschmiert wurden. Die "Protokolle" gaben das Stichwort für schreckliche Pogrome, wurden von den Nazis wie ein Virus rund um die Welt verbreitet und erfreuen sich heute in der islamischen Welt großer Beliebtheit.
Wie gesagt, Eco bedient sich der Forrest-Gump-Methode; aber sein Held ist kein Forrest Gump - also kein Tor mit reinem Herzen, der die Liebe sucht -, sondern das Gegenteil davon. Im Zentrum von "Der Friedhof in Prag" steht ein veritables Monster. Simone Simonini, geboren in Turin, wird seit seiner Jugend von einem extremen Hass verzehrt, den sein Großvater ihm eingepflanzt hat, dem Hass auf die Juden. Er ist verschlagen, böse, hinterhältig. Er bringt im Verlauf der Geschichte mehrere Menschen um.

Frauen als "Ersatz für das einsame Laster"

Er ist (nur dieses deutliche Wort erscheint hier angemessen) ein Wichser: Frauen, schreibt Simonini, seien "bloß ein Ersatz für das einsame Laster, das lediglich mehr Fantasie verlangt". Das einzig Menschliche an diesem Ungeheuer ist seine Verfressenheit, was dazu führt, dass sich als "running gag" allerhand italienische und französische Rezepte durch den Roman ziehen.
Schön arbeitet Eco heraus, dass der Antisemit auf die Juden all das projiziert, was er im Grunde seiner rabenschwarzen Seele selber ist. Erst beschuldigt er die Juden, sie seien gottlos, Feinde des Christentums - um dann ein paar Seiten weiter zu schreiben: "Die Zivilisation wird nicht vollendet sein, solange nicht der letzte Stein der letzten Kirche den letzten Priester erschlagen hat und die Erde frei ist von diesem Gezücht." Erst beschuldigt er die Juden, sie seien vaterlandslose Gesellen – aber er selber kennt keine höhere Loyalität als jene zum Geld.

Ecos Witz vom "Tod des Autors"

Und wenn er die Juden hasst, so kann er die Deutschen, die Franzosen und seine eigenen Landsleute ebenso wenig ausstehen. Am meisten aber hasst er die Frauen. Das ist das banale Geheimnis dieses Simone Simonini: Er traut sich nicht an das andere Geschlecht heran, jetzt hockt er zusammengekrümmt zuhause und rächt sich an der Welt. Just dieses Monster hat in Umberto Ecos Roman als Fälscher im Zwielicht all jene Dokumente fabriziert, die im 20. Jahrhundert zum Massenmord führten (und hat nebenbei die einzige edle Gestalt erschossen, den unglückseligen Maurice Joly, der in der schnöden Wirklichkeit Selbstmord beging).
In dieser Fiktion verbirgt sich ein ziemlich guter Witz. Umberto Eco gehört nämlich – genau wie Roland Barthes und wie sein verstorbener Freund Michel Foucault – zu jenen "poststrukturalistischen" Literaturtheoretikern, die vom "Tod des Autors" sprechen. Gemeint ist damit keineswegs, dass es heutzutage keine Schriftsteller mehr gebe. Gemeint ist vielmehr, dass jedem Schriftsteller, wenn er schreibt, anonyme Mächte die Feder führen, über die er keine Kontrolle hat.

Die Verschwörungstheorie kommt selbst zustandeb

Er schreibt also gar nicht; "es" schreibt ihn. Nun mag man mit Fug und Recht bezweifeln, ob dies für Proust oder Shakespeare gilt, aber es gilt in jedem Fall für die Verschwörungstheorie: Sie scheint beinahe ohne Autor und wie von selbst zustande zu kommen. Der Witz von Umberto Eco besteht darin, dass er sich nun ausgerechnet für die Verschwörungstheorie einen Autor ausgedacht hat. Und damit unterläuft er, wie schon angedeutet, ihr ureigenes Narrativ.
Der Verschwörungstheoretiker ruft: "An allem sind die Juden schuld!" Nein, ruft Umberto Eco zurück: An allen antisemitischen Verschwörungstheorien ist Simone Simonini schuld! Er hat die Szene mit den 13 Rabbinern auf dem Friedhof in Prag fabriziert (und der blöde Goedsche hat sie ihm nur geklaut und in seinen Roman eingefügt)!

"Ich bin doch nicht schon gaga"

Er hat am Ende seines Lebens im Auftrag von Ratschkowski die "Protokolle der Weisen von Zion" zusammengestoppelt! Er, nur er allein hat Katholiken und Sozialisten, Fortschrittliche und Reaktionäre im 19. Jahrhundert mit antisemitischen Lügen versorgt! Die Pointe bildet dann der letzte Satz: "... ich bin doch nicht schon gaga." Wenn nämlich im Verlauf dieses Buches eines klar geworden ist, dann dieses: Simone Simonini fehlen verschiedene Gurken im Glas.
Der Roman wird im einzig angemessenen Ton erzählt, dem Tonfall finsterer Fröhlichkeit. Hier etwa die Überlegungen von Simone Simonini, als er gerade einen Menschen, den er umgebracht hat, durch die Kloake von Paris zerrt: "Jetzt im Nachhinein mache ich mir bewusst, dass der schwierige Teil bei einem Mord das Verbergen der Leiche ist, das muss wohl der Grund dafür sein, warum die Pfarrer davon abraten, außer natürlich im Krieg, wo man die Toten für die Geier liegen lässt."
Übrigens beherrscht Umberto Eco, der 79-jährige Professor für Semiotik, die Techniken der Spannungserzeugung genauso gut wie jeder Groschenheftautor. Man legt das Buch zwischendurch also nur ungern aus der Hand. Bei aller raffinierten Gewitztheit geht es Eco aber um etwas furchtbar Altmodisches. Er verfolgt mit "Der Friedhof in Prag" sogar - horribile dictu - einen hochmoralischen Zweck: Es geht ihm um Aufklärung.   WeLT

Sonntag, 22. April 2018

Tagtäglich von früh bis spät

Am 29. Januar 2018 veröffentlichte SRF News in Bezugnahme auf ein Stelleninserat der israelischen Migrationsbehörde die Schlagzeile: „Israel sucht Freiwillige für die Jagd auf Flüchtlinge“. Übernommen hatte SRF dieses Paradebeispiel antiisraelischer Propaganda von „Bento“, dem „jungen Angebot“ von Spiegel Online, das für seine exzessive Israelkritik bekannt ist. Bild-Redaktor Filip Piatov enttarnte die antiisraelische Hetze von Bento: In besagtem Inserat ist weder von „Freiwilligen“ noch von „Jagd“ die Rede. Die israelische Regierung suchte „Migrations-Inspektoren/innen zur Ausführung von Einsätzen/Aufgaben gegen illegale Flüchtlinge/illegale Einwanderer“.
Erst nach diversen Reklamationen – unterdessen hatte auch die ARD-Tagesschau unter dem Titel „Falsche Berichte über Israel“ einen Faktencheck veröffentlicht, in dem SRF explizit erwähnt wird – räumt SRF News Fehler ein. Es wird jedoch keine Richtigstellung veröffentlicht, sondern lediglich ein Zweizeiler, der in den Kommentaren unter dem reißerischen Artikel begraben wird. Da war der Schaden längst angerichtet.   (mehr hier)

Zwei Länder gibt es, von denen die Medien überall auf der Welt erwarten, besser zu sein als alle anderen Länder. Diese beiden Länder sind Israel und Deutschland.
Wenn sich ein ganz normales Land normal verhält, sagt man es sei normal. Wenn Deutschland oder Israel sich ausnahmsweise mal normal verhält und nicht krampfhaft versucht, mit trockenem Wasser zu waschen, heißt es, sie seien rassistisch und hätten nichts aus der Geschichte gelernt.
Durch die Shoah sind Deutschland und Israel zu siamesischen Zwillingen geworden. Es ist, als habe der Dr. Mengele sie zusammengenäht.

Die heilige Ordnung deutscher Gedankenwàchter

Zu Besuch in Deutschland, werde ich Zeuge unheimlicher Vorgänge. Viele deutsche Intellektuelle scheinen von der Obsession heimgesucht, sich voneinander abgrenzen zu müssen. Ein Vorgang der Fragmentierung. Zunächst schafft das Ein- und Ausgrenzen eine gewisse Ordnung. Wie das Einordnen verstreuter Objekte in formelhaft beschriftete Schubladen. Es mag hilfreich sein bei toten Gegenständen. Bei lebendigen Menschen hat es den Nebeneffekt, dass die Kommunikation, der Meinungsaustausch, das kreative Klima einer bizarren Ordnung geopfert werden.
Alte Bekannte erklären mir mit starrem Blick, mit anderen alten Bekannten nicht mehr verkehren, mit dieser oder jenem nicht mehr sprechen zu können. So schrieb mir eine Berliner Freundin: „Mit XY möchte ich nie wieder zu tun haben, nachdem sie diese Initiative mit konservativen und rechten Intellektuellen für ein Einwanderungsgesetz unterschrieben hat.“ Die Zuordnung von guten Bekannten als „rechts“ oder „konservativ“ erstaunt mich, ich kenne die Genannten noch als Linke oder Liberale. Die neuen Abgrenzer behaupten, jene alten Freunde wären „bedenklich nach rechts gerückt“. Haben sich die Maßstäbe für die Pauschal-Etiketten „links“ und „rechts“ verschoben? Oder dient das Etikettieren als Vorwand, sich lästiger Bekanntschaften zu entledigen?
Auch ich bin längst etikettiert und eingeordnet. Erst dieser Tage sprach mich nach einer Vorlesung ein Student an: Warum ich in der als rechts bekannten Zeitschrift Sezession veröffentlicht hätte. Er weiß es aus Wikipedia. Denn dort steht: „Noll war Redaktionsmitglied und Autor des Monatsmagazins Mut. Darüber hinaus ist er Autor der Zeitschrift Sezession des Instituts für Staatspolitik sowie des politischen Blogs Die Achse des Guten.“ Ende. Kein weiteres Wort zu meiner seit Jahrzehnten laufenden publizistischen Arbeit in zahlreichen deutschen Medien der verschiedensten politischen Richtungen.
Ich arbeite seit etwa fünfunddreißig Jahren als sogenannter „freier Autor“. In dieser Zeit habe ich für fast alle deutschen Rundfunkanstalten und großen Printmedien geschrieben, für die Frankfurter Allgemeine, die Welt, für Focus oder den stern, für als links bekannte Blätter wie taz oder jungle world, sogar für das Neue Deutschland (solange dort eine intelligente, nicht manisch israelkritische Redakteurin im Feuilleton beschäftigt war). Nichts davon findet sich in meinem Wikipedia-Eintrag. Obwohl dutzende Texte von mir in den erwähnten Medien erschienen sind.
Ich habe in der Jüdischen Allgemeinen, der Jüdischen Rundschau und vielen anderen Wochenzeitungen und Zeitschriften veröffentlicht, in literarischen wie Lettre oder Merkur, in politischen wie liberalDie politische Meinung oder Deutschland Archiv, in historischen wie der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, doch keine von ihnen ist dem anonymen Wikipedia-Schreiber eine Erwähnung wert, genannt werden dort ausschließlich MutAchse des Guten und, als Krönung meiner Abirrung nach „rechts“, die Zeitschrift Sezession.

Weil dadurch die Ordnung gestört wird

Zur Achse des Guten will ich mich gern bekennen. Mut wurde inzwischen eingestellt. In der Sezession habe ich nur ein einziges Mal veröffentlicht, und dabei handelte es sich um den Nachdruck eines Textes aus der Jüdischen Zeitung. Was im betreffenden Heft der Sezession korrekt vermerkt worden war, vom anonymen Wikipedia-Schreiber jedoch verschwiegen wurde. Mein Text beschäftigte sich mit Voltaires Versdrama Mahomet oder Der Fanatismus, das in Europa nicht mehr aufgeführt werden darf. Mir war bekannt, dass die Sezession als „rechts“ gilt, und ich fand es gerade interessant, dass sie einen Text aus der Jüdischen Zeitung veröffentlichen wollte. Warum denn nicht? Weil dadurch die Ordnung gestört wird, die heilige Ordnung deutscher Gedankenwächter, wonach alles entweder „links“ oder „rechts“ sein muss und nichts anderes existieren darf als diese jämmerlichen Kategorien?
Ich werfe dem Wikipedia-Anonymus nicht vor, dass er unwahre Behauptungen verbreitet, ich habe für die genannten Medien geschrieben und werde es nach Möglichkeit weiterhin tun. Doch ich muss ihm unfaires Verzerren und Vereinseitigen vorwerfen, das Einschränken meiner vielseitigen publizistischen Arbeit auf drei Medien in der Absicht, wenigstens mit der spürbaren Wirkung, mich dadurch im zunehmend hysterischen deutschen Intellektuellen-Betrieb als „rechts“ zu stigmatisieren. Der Artikel reduziert mich auf einen schmalen Sektor meiner selbst, er stempelt mich ab, wörtlich im Sinn dieser Metapher: Er macht mich flach und leicht konsumierbar. „Rechts“. So einfach ist es heute, einen unliebsamen Autor abzutun.
Der Anonymus – oder die Anonyma – projizieren die eigene Einseitigkeit, die Engstirnigkeit des Ideologen auf mich, ihren Gegenstand. Haben nicht gerade jene, die sich „Linke“ nennen, stets „Differenzierung“ in der Darstellung gefordert? Ich kann nicht sagen, wie oft ich inzwischen auf diesen Eintrag angesprochen wurde. Er ist schlampig geschrieben, schlecht recherchiert und tendenziös. Es gibt noch einen englischen Wikipedia-Artikel unter meinem Namen, um einiges informativer, doch in Deutschland wird vornehmlich der deutsche gelesen, der den größten Teil meiner Arbeit unterschlägt. Danke, Wikipedia. Auch dadurch ist mir klar geworden, was in Deutschland insgeheim vor sich geht. Dabei habe ich noch Glück: Einem Juden traut man sich nicht so leicht „Rassismus“, „Nähe zu Rechtsradikalen“ oder „Fremdenhass“ anzuhängen. Was, wenn ich keiner wäre?
Nachtrag: Der entsprechende Wikipedia-Eintrag wurde wenige Stunden nach Erscheinen dieses Beitrages offenbar „upgedated“. Jetzt heißt es dort:
„Seit seiner Übersiedlung nach West-Berlin ist Noll als Autor für eine Vielzahl deutscher Medien tätig. Er veröffentlichte u.a. in: FAZ, Welt, Focus, Stern, taz, Jungle World, Neues Deutschland, Jüdische Allgemeine, Jüdische Rundschau, Lettre International, Merkur, Liberal – Das Magazin für die Freiheit, Die Politische Meinung, Deutschland Archiv, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Noll war Redaktionsmitglied und Autor des inzwischen eingestellten Monatsmagazins Mut. Darüber hinaus wurde in der Zeitschrift Sezession des Instituts für Staatspolitik ein Beitrag Nolls aus der Jüdischen Zeitung nachgedruckt. Weiterhin ist Noll Gastautor des politischen Blogs Die Achse des Guten“.   Chaim Noll

Sie schlàgt eine Schneise

Der neue Roman von Monika Maron, „Munin oder Chaos im Kopf“, ist der bisher entschiedenste Versuch in der deutschsprachigen Literatur, die Auswirkungen der Masseneinwanderung und die Ausbreitung des Islam zu erfassen. Zwar hatte der Schweizer Jonas Lüscher im Buch „Frühling der Barbaren“ vor fünf Jahren erzählt, wie eine europäische Hochzeitsgesellschaft, die in der tunesischen Wüste ein rauschendes Fest feiert und durch einen Finanzcrash plötzlich mittellos wird, sich vom Strudel archaischer Gewalt mitreißen läßt.
Doch war das eine Novelle, die ein unerhörtes Ereignis vor exotischer Kulisse schilderte, so daß der Leser sie sich vom Leibe halten konnte als ein düsteres Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Marons Roman dagegen erzählt von einem Alltag in Berlin, in dem nichts Besonderes passiert und sich unter der Hand trotzdem Dramatisches vollzieht.
Sie meint in der Stadt eine „nervöse, leicht explosive Stimmung“ zu verspüren.
Die Ich-Erzählerin Mina Wolf ist eine geschiedene Journalistin von Ende 40, die in einer ruhigen Berliner Wohnstraße lebt und eine Vorliebe für Gin Tonic hegt. Eine Konstellation, die man so oder ähnlich aus anderen Büchern Marons kennt. Für den Auftrag einer westfälischen Kommune, die Einleitung für die Festschrift zum Jubiläum des Dreißigjährigen Krieges zu verfassen, fühlt sie sich kaum gerüstet, doch aus pekuniären Gründen kommt er ihr gelegen.
Die Konzentration darauf fällt ihr schwer. Sie meint in der Stadt eine „nervöse, leicht explosive Stimmung“ zu verspüren, ist sich aber unsicher, ob die Wahrnehmung lediglich ihrer Einbildung entspringt. Objektiv sind jedenfalls die Nachrichten über Terroranschläge; über die angeblich stetig wachsende Zahl menschlicher Geschlechter; über die Hunderte Milliarden Schulden, die Gläubiger zurückhaben wollen. Objektiv sind auch die ständigen Belehrungen, warum man seine Gewohnheiten zugunsten muslimischer Neubürger zurückzunehmen hätte. Angesichts solcher chaotischen Normalität erscheint dem Leser das „Chaos im Kopf“ der Erzählerin ganz normal.

Der Frühling bringt keine Stimmungsaufhellung. Die Vorfreude auf die Zwergmargeriten auf dem Balkon wird durch eine walkürenhafte Frau auf der anderen Straßenseite zunichte gemacht, die jeden Tag in der Pose einer Operndiva den Balkon betritt und die beschauliche Straße mit ihrem grausam schlechten Gesang terrorisiert. Später schaltet sie zusätzlich einen Musikrekorder ein.
Aus Kummer nimmt die Sängerin im Wissen um ihre Unantastbarkeit laute Rache an der Welt
Als geistig Behinderte ist sie strafunmündig und steht unter dem besonderen Schutz des Gesetzes. Daher ist es unmöglich, sie wegen Ruhestörung zu belangen oder ihr die Wohnung zu kündigen. Die Erzählerin vermutet eine tragische Lebensgeschichte als Grund der Krankheit: Als Kind sei sie mit Lob und großen Erwartungen bedacht worden, hatte von einer Künstlerkarriere im Opernhaus geträumt und es mangels Talent nur zur Garderobenfrau gebracht. Aus Kummer über den verfehlten Lebenstraum dem Wahn verfallen, nimmt sie nun im Wissen um ihre Unantastbarkeit laute Rache an der Welt. Die Erzählerin aber, um arbeiten zu können, ist gezwungen, den Tag-Nacht-Rhythmus zu vertauschen.
Zweimal wird auf die Herkunft ihres Namens verwiesen: Mina ist ein Schlagerstar aus den 1950er/60er Jahren. Berühmt wurde sie mit dem Lied: „Heißer Sand und ein verlorenes Land / Und ein Leben in Gefahr. / Heißer Sand und die Erinnerung daran, / daß es einmal schöner war.“ Die Eltern hatten 1960 in Süditalien eine Urlaubswoche verbracht, ein Jahr vor dem Mauerbau. Der Name der Tochter sollte die Erinnerung daran aufbewahren.
Wer jedoch den Schlager auf Youtube abruft, wird bemerken, daß er keineswegs von südländischer Unbeschwertheit handelt: Es geht um eine arrangierte Verlobung und eine unglückliche Liebe, um den Mord am zugedachten Ehemann und die Flucht des Geliebten in die Fremdenlegion, um sein Schicksal im Algerienkrieg sowie um eine junge Frau, die als Hafenhure endet und sich den „Boys“ – mutmaßlich den GIs – in die Arme wirft. Kein gutes Omen!
Der „molekulare Bürgerkrieg“ nimmt Fahrt auf
Unterdessen wird die Stimmung immer gereizter. Die falsche Diva wirft mit Blumentöpfen nach ihren genervten Kritikern, im Straßenbild mehren sich die „abweisenden Gesichter der kopftuchtragenden Frauen“, und die Erzählerin stellt sich vor, „wie die Stadt aussehen würde, wenn sie alle erwachsen wären und selbst wieder Kinder hätten“. Die Medien berichten über Enthauptungen durch Islamisten.
Auf einer Bürgerversammlung wird beraten, wie mit der Sängerin zu verfahren sei. Ein Taxifahrer, der durch den Gesang um seinen Tagesschlaf gebracht wird, schimpft: „In diesem Land muß man inzwischen verrückt sein, zu doof oder zu faul zum Arbeiten, nicht Deutsch können, drogenabhängig oder kriminell sein, damit sich jemand mit dir beschäftigt.“ Der Besitzer einer Luxuskarosse widerspricht ihm: Die Leute würden ihren Zorn über alles, was sie nicht ändern könnten, auf die behinderte Frau konzentrieren, und das sei „schäbig“!
Die Altbaubewohner klatschen Beifall, die Bewohner der billigen Nachkriegsbauten verstummen und geben ihrem Unmut Ausdruck, indem sie Deutschlandfahnen hissen. Autoreifen werden zerstochen, Fahrzeuge gehen in Flammen auf. Eine junge Frau wird durch Bewohner eines neuen Flüchtlingsheims beinahe vergewaltigt, ihr Hund wird getötet. Der „molekulare Bürgerkrieg“ (Hans-Magnus Enzensberger) nimmt Fahrt auf.
Die Bewohner der Straße sind Objekte, keine Handelnden mehr
Mina bändigt ihr inneres Chaos, indem sie die Gegenwart im Modus der Vergangenheit betrachtet. 



Die Beschäftigung mit dem Dreißigjährigen Krieg führt sie zu der Überzeugung, selber in einer „Vorkriegszeit“ mit der Aussicht auf neue Religionskriege zu leben. Intensiv beschäftigt sie das Tagebuch eines Peter Hagendorf, eines schreibkundigen Söldners, der für die katholische Sache focht und seine Erlebnisse 24 Jahre lang akribisch notierte. Sie kennt auch Gunnar Heinsohns „Söhne und Weltmacht“ und hat das Gefühl, daß mit den jungen Einwanderern auch der Krieg, dem sie entflohen sind, nach Deutschland gekommen sei und zieht eine direkte Linie zu den neuen Barbaren: „Peter, Mohamed, Hussein.“
Ihr wichtigster Gesprächspartner ist Munin, eine einbeinige Krähe, die ihr zugeflogen ist, benannt nach einem der beiden Vögel auf den Schultern von Odin, dem altgermanischen Gott der Weisheit. Munin besitzt das Weltwissen, das Transzendenzgefühl, das Gefühl für historische Kontinuitäten und Erfahrungsmuster, das den Menschen verlorengegangen ist. Ein Dialog der beiden findet sich gegen Ende des Buches: „Das Paradies ist nichts als eine Sehnsucht, sage ich. Oder eine Erinnerung, sagte Munin, an die Zeit, als ihr noch dazugehört habt.“ Die Bewohner der Straße sind Objekte, keine Handelnden mehr.
Sie schlägt eine Schneise, die auf die Lichtung kollektiver Selbsterkenntnis weist
Der Lärmterror endet abrupt und auf spektakuläre Weise. Minas Manuskript wird vom Bürgermeister abgelehnt, weil es zu pessimistisch und düster sei, aber es wird honoriert. Die Zukunft ist offen und unheimlich.
Monika Marons Roman ist nicht perfekt. Mehrere Kritiker haben darauf hingewiesen, daß Bemerkungen zu den Zeitläuften keine Verbindung zur Handlung haben und wie Schnipsel aus Leitartikeln wirken. Doch solche Einwände betreffen bloß Sekundäres. Die Autorin stellt auch in diesem Buch ihre erzählerische Kraft unter Beweis, die sich mit der thematischen Wucht verbindet. So schlägt sie eine Schneise, die auf die Lichtung kollektiver Selbsterkenntnis weist. Andere Autoren müssen sich entscheiden, ob sie Maron folgen oder sich im Dickicht der Illusionen und politischen Mythen verfangen wollen.   Thorsten Hinz

Gestaltwandel der Götter

Vorwort von Marc Jongen zur Neuauflage von Leopold Zieglers Buch

Beim Schreiben über einen „psychoaktiven“ Gegenstand kann sich dieser dergestalt verselbständigen, daß nicht länger der Autor sein Thema beherrscht, sondern das Thema ihn, und wo er noch darüber zu schreiben scheint, wird er in Wahrheit davon geschrieben. Unversehens kann der Historiker zum Nationaldichter werden, der Ethnologe zum Schamanen, der Religionswissenschaftler zum Propheten. Ältere, vormoderne Organisationsformen des Wissens haben sich in solchen Fällen ihrer Unterwerfung durch die nüchtern-objektivierende Wissenschaft erfolgreich widersetzt – sich gewissermaßen an ihr gerächt, sofern es ohne Zustimmung des Autors geschah. Im Umkehrschluß könnte diese Beobachtung zur These verleiten, religiöse Schriftstellerei sei unter den Bedingungen der modernen Wissensproduktion überhaupt nur noch im Modus ihrer wissenschaftlichen Erforschung möglich, mit anderen Worten die eigentliche, noch relevante Fortschreibung religiöser Tradition finde nicht mehr in den offiziellen kirchlichen Institutionen und deren Verlautbarungen statt, sondern in der wissenschaftlichen und philosophischen Aufarbeitung der Traditionsbestände.1 In der Moderne wären die eigentlich Religiösen mithin die scheinbar Gottlosesten, und wer ab einem bestimmten Grad kritischer Auf- bzw. Abgeklärtheit weiterhin die „geistliche Nachfolge“ anstrebt, der könnte paradoxerweise nichts besseres tun, als sich unter die Regeln – hinter die Maske – des wissenschaftlich-reflektierten Geisteslebens zu begeben.
Mit Ausnahme vielleicht von C.G. Jungs Werk, das zwischen analytischer Wissenschaft und archaischer Psychagogie vexierbildhaft changiert, gibt es wohl kein besseres Beispiel für eine derartige Pseudomorphose – um einen Ausdruck Oswald Spenglers zu gebrauchen – als Leopold Zieglers frühes Hauptwerk „Gestaltwandel der Götter“. Man könnte das zuerst 1920 bei Samuel Fischer, in zweibändiger Ausführung dann 1922 bei Otto Reichl erschienene Buch2 sogar als den Prototyp oder das Gründungsdokument dieser paradoxen Strategie betrachten, indem es sie selbst implizit mitreflektiert und im wesentlichen nachzuweisen versucht, daß die vormals in den Religionen gebundenen geistig-seelischen Energien am stärksten fortleben im „Mythos Atheos der Wissenschaften“3, und daß eine zeitgemäße Religiosität nur noch eine solche ohne Dogma, ohne Institution, ohne Jenseitsglauben, ja ohne Gott sein könne. An der Oberfläche ein ideengeschichtliches, besser noch religionsphänomenologisches Werk – die Religionsphänomenologie war kurz zuvor mit Rudolf Ottos epochemachender Studie über „Das Heilige“ (1917) inauguriert worden – kündigt der „Gestaltwandel“ bereits mit der einleitenden Gleichnisrede im Zarathustra-Stil seine höheren Ambitionen an, und spätestens in der letzten und zentralen der sechs Betrachtungen, „Die Mysterien der Gottlosen“, wird klar, daß hier eine Art atheistischer Mystagoge am Werk ist. Ganz in diesem Sinn ist das Buch von den Zeitgenossen auch aufgenommen worden, so von dem Dichter und Kulturphilosophen Rudolf Pannwitz:
„Hier entsteht Religion, hier ist ein Schöpfer von zukünftiger Religion. Ungeheurer Unterschied gegen alle Anempfindungen und Sehnsüchte nach Religion: […] Das ist eine neue Frömmigkeit, genährt von der Not des Weltalters – einer neuen griechisch-übergriechisch „tragisch“ zu nennenden Epoche, getragen aber von dem Doppelhimmel des leuchtendsten und des flammendsten Azurs: Buddho-Nietzsche. […] Nun diskutiere man das Buch nicht, plagiiere es auch nicht, sondern esse es als Opfermahl.“4
Auch wenn diese Sätze einen Gipfelpunkt hymnischer Begeisterung für den „Gestaltwandel“ markieren, und Ziegler selbst sich vom exaltierten Pathos seines Lobredners alsbald distanziert hat,5 machen sie die geistige Atmosphäre explizit, auf die das Werk im Nachkriegsdeutschland traf, in der seine Gedankenwelt als säkulare Heilsbotschaft begrüßt werden konnte. Es zählte zu den meistgelesenen philosophischen Büchern der frühen zwanziger Jahre und damit zu den großen philosophischen Publikumserfolgen des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland. Für Leopold Ziegler, der sich mit dem „Gestaltwandel der Götter“ relativ spät dazu gesammelt hatte, eine „erste, wie noch unzulängliche! Summe meines menschlich-denkerischen Daseins zu ziehen“6, – zuvor hatte er „eigentlich immer nur bei Gelegenheit philosophiert“7, – bedeutete dieses Zusammentreffen der eigenen Intentionen mit den Tendenzen des Zeitgeistes ein singuläres Ereignis, einen nie mehr erreichten Höhepunkt seines Schaffens. Obwohl seine späteren Hauptwerke „Überlieferung“ (1936) und „Menschwerdung“ (1948), die wesentliche Prämissen des Frühwerks, in erster Linie die Gott-ist-tot-Diagnose, aufgeben, den „Gestaltwandel“ an Bedeutung deutlich überragen, konnten sie nicht mehr an dessen Breitenwirkung anknüpfen, so daß der Name Leopold Ziegler noch heute am engsten mit diesem Titel verbunden bleibt. [8]
II.
Der Inhalt des Buches und seine starke Wirkung auf die damaligen (vornehmlich außerakademischen) Leser sind nicht ohne den Kontext seiner Entstehungszeit in den letzten Weltkriegsjahren und seines Erscheinens unmittelbar nach dem verlorenen Krieg zu verstehen. Neben Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ (1918/1922) und Max Schelers „Vom Ewigen im Menschen“ (1921) gehört es zu den prominentesten Versuchen jener Krisenzeit, das unerschüttert Gültige und weiterhin Fortlebende der abendländischen Tradition unter dem Schutt der in Trümmer liegenden Fortschritts- und Humanitätsideale in (kultur)philoso¹phi¹scher Grundlagenreflexion ans Licht zu heben. „Die Krisis der Ideale“ war der erste unveröffentlichte Entwurf bezeichnenderweise betitelt.9 Das Dilemma dieses Unterfangens, daß nämlich das Bedürfnis nach verbindlichen Wahrheiten und Werten sowie der Wille, sie zu bewahren, drängender waren denn je, aber keine geistigen und institutionellen Traditionen mehr vorgefunden wurden, deren Glaubwürdigkeit dem millionenfachen sinnlosen Tod in den Materialschlachten des Weltkrieges standgehalten hätte, erzeugte eine mehr oder weniger paradoxe Mentalitätslage: die sogenannte „Konservative Revolution“. „Werte schaffen, die zu erhalten sich lohnt“, brachte Arthur Möller van denBruck den kleinsten gemeinsamen Nenner der ansonsten nur lose zusammenhängenden Geistesströmung auf den Punkt. Es handelt sich dabei um folgende Denkfigur: Man übernimmt zwar den revolutionären, konstruktivistischen Gestus der Moderne, benutzt ihn aber nicht, um ein philosophisches oder gesellschaftliches Erneuerungsprogramm nach modernen, aufklärerischen Prinzipien zu entwerfen, sondern um gleichsam ins Nichts hinein – nach dem Vorbild von Nietzsches „befehlenden Philosophen“ – eine neu-alte Tradition zu konstruieren, eine Tradition-Als-Ob.
Mit seinem Pathos der „Tat“, seinem Willen zur „Religion überhaupt“, mit seinem Aufruf an die fragile Gestalt des historischen, „gottlos“ gewordenen Menschen, die ganze Last der Transzendenz weiterhin und nunmehr freiwillig auf sich zu nehmen, um ein Werk der „Selbstvergöttlichung“ zu vollbringen, gehört auch Leopold Zieglers „Gestaltwandel der Götter“ in den Umkreis der „Konservativen Revolution“.10 Allerdings ist sein revolutionärer Gestus, verglichen etwa mit dem von Ernst Jünger oder Carl Schmitt, der denk¹bar mildeste und humanste, da es ihm, ganz abgesehen von seinem eingefleischten Antimilitarismus im Politischen,11 von vorne herein darum zu tun ist, einen zeitlosen Kern der Religion zu finden, der trotz und hinter allem Gestaltwandel der Götter unverwandelt erhalten bliebe, das heißt den revolutionären Bruch mit der Vergangenheit möglichst zu minimieren. Im zieglerschen „Dezisionismus“ ist die Entscheidung für das „alte Wahre“ eigentlich immer schon getroffen:
„Denn im Grund besteht kaum viel Zuversicht, daß künftighin etwas geschehe oder entstehe, was bisher überhaupt noch nie und nirgends geschehen oder gewesen war. […] Kindisch ist der Glaube an menschheitliche Zukünfte, die sämtliche menschheitliche Vergangenheiten auf den Kopf stellten und mit den Beinen strampeln ließen, und gereifte Geister, gereifte Seelen werden von allen künftigen Äonen höchstens nur vollere Verwirklichung erwarten, was immer eigentlich beabsichtigt, noch nie aber durchzusetzen war.“12
In dieser für Zieglers konservative Geistesart höchst charakteristischen Passage kündigt sich bereits sein späterer Denkweg an, der ihn in deutlicher Analogie übrigens zum Entwicklungsgang der Romantik von der modernen, tendenziell nihilistischen Ausgangslage immer tiefer in die Vision einer „integralen Tradition“ im Zeichen des christlichen Kreuzes hineinführen wird. Nachdem 1922 in „Der ewige Buddho“ zunächst noch ein weiterer Schritt in Richtung auf eine atheistische Religionsphilosophie erfolgte, verlor sich das anfängliche labile Gleichgewicht zwischen Tradition und Moderne in der Folgezeit immer mehr zugunsten der Tradition, so daß Ziegler im Alter seinen „Gestaltwandel“ ein „mir selbst tief unheimliches, mir selbst nie recht ,geheures‘ Buch“ nennen konnte.13
Will man sich aber Zieglers faszinierendem, noch immer sträflich brachliegendem Spätwerk mit Verständnis nähern, so wird man nicht umhinkönnen, den „Gestaltwandel der Götter“ als den Keimling seiner eigenen philosophischen Metamorphose zu studieren. Man wird daraus vor allem lernen, daß es einen modern-nihilistischen Sonderweg in die Tradition gibt, und sich die Frage stellen, ob die metaphysisch begründete Tradition womöglich nie etwas anderes war, als das Ergebnis einer von jeder Denkergeneration neu zu vollbringenden aktiven Projektion und Beschwörung – einer „Ahmung“ im zieglerschen Wortsinn.14
III.
Sehr zu Zieglers Verdruß, der von einer „fatalen contemporanéité“ sprach,15 wurde der „Gestaltwandel der Götter“ bei seinem Erscheinen oft in einem Atemzug mit Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ genannt – offenbar im richtigen Bewußtsein einer typologischen Verwandtschaft beider Bücher. Immerhin beansprucht auch Spengler im Untertitel, „Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte“ vorzulegen, und sein Satz aus dem Vorwort „Von Goethe habe ich die Methode, von Nietzsche die Fragestellungen“16 könnte ebensogut von Leopold Ziegler stammen – wobei allerdings seine Durchführung der goetheschen Methode und seine Antworten auf Nietzsche beträchtlich von Speng¹ler abweichen.17 Schon im Titel „Gestaltwandel der Götter“ spricht sich die erkenntnisleitende Prämisse aus, daß das von Goethe mit „anschauender Urteilskraft“ im Pflanzen- und Tierreich vorgefundene Prinzip „Metamorphose“ auf die höchsten menschlichen Kulturleistungen, namentlich auf die Religionen der Hochkulturen methodisch zu übertragen sei:
„Eine goethisch betreute und goethisch betriebene Typologie reichte […] grundsätzlich soweit wie das Leben selber und wäre in folge davon weder nach unten noch nach oben genau so sicher zu begrenzen. […] Eine morphologische Typologie, Anthropologie, Charakterologie, Soziologie, Physiognomik höchsten Stiles, wie sie dem Dichter der Menschlichen Komödie auf seine Weise vielleicht doch schon vorgeschwebt hatte, müßte es erlauben, die goethische Methode auf alle inneren und äußeren Gestalterfahrungen überhaupt anzuwenden und dadurch ins Unabsehbare zu verfruchtbaren.“18
Dieses Programm einer Kultur- und Religionsmorphologie – im „Gestaltwandel der Götter“ eher visionär entworfen als konsequent durchgeführt – beruht auf der (lebensphilosophischen) Voraussetzung, daß auch Kulturen und Religionen letztlich als historische, gewachsene, vergängliche Hervorbringungen des „Lebens“ zu verstehen sind – und „des Lebens Hochgeheimnis heißt unter allen Umständen Form-Wechsel, Gestalt-Wandel.“19 Unter dem physiognomischen Blick des Lebensphilosophen erscheinen die Glaubenslehren und selbst die philosophischen Systeme der Vergangenheit als ein Reigen auf- und verblühender Wahrheitsgewächse, die gleich allem organisch Entstandenen dem ehernen Gesetz des goetheschen Stirb und werde! unterworfen sind. Weder hat eines von ihnen einen privilegierten Zugang zur Wahrheit über das factum brutum hinaus, ihr den jeweils zeitgemäßen Ausdruck zu verleihen, noch können sie im idealistischen Sinn als Etappen auf dem Weg des Geistes zu sich selbst hin gelten. Gestaltwandel bedeutet permanentes Werden, aber keineswegs Fortschritt. „Es gibt keine ewigen Wahrheiten. Jede Philosophie ist ein Ausdruck ihrer und nur ihrer Zeit“, heißt es bei Oswald Spengler in gewohnter Zuspitzung.20
Offenbar sind in dieser Konstellation zwei einander widersprechende Positionen auf paradoxe Weise miteinander verbunden, nämlich ein extremer Skeptizismus und Relativismus hinsichtlich aller historisch vorliegenden Wahrheitsangebote einerseits, andererseits ein nicht minder extremer epistemologischer Optimismus, man könne dem Gestaltwandel des Geistes durch die Zeiten in fast gottgleicher physiognomischer Schau auf den Grund blicken, will sagen den überzeitlichen Typus hinter allen zeitlichen Formen zu Gesicht bekommen. „Der Typus als Wirklichkeit dauert nicht, der Typus als Dauer wirklicht nicht, – das ist bündig und kurz das etwas aufreizende Ergebnis von Goethes großer neuer Wissenschaft“21, beschreibt Ziegler die unversöhnbare, identitätsphilosophisch nicht aufhebbare „Differenz“ innerhalb des morphologisch-physiognomischen Denkens.
Während nun Spenglers Augenmerk auf die „nichtdauernde Wirklichkeit“ innerhalb dieser Differenz gerichtet ist und er deshalb mit Recht seine Philosophie einen Skeptizismus nennen kann, der „das Weltbild der voraufgegangenen Kultur zersetzt“22, hält Ziegler im Gegenteil nach dem „Typus als Dauer“ Ausschau, da dieser allein einen „Sinn und Übersinn der Welt“ (so der Arbeitstitel des „Gestaltwandels der Götter“) zu verbürgen und die „Kultur“ vor dem Absturz in den heillosen Nihilismus der „Zivilisation“ zu retten vermag.23 An einer der Schlüsselstellen des Buches läßt sich beobachten, wie die „Philosophia Perennis“ von Zieglers späterer Schaffensphase sich aus dem lebensphilosophischen Zeitgeist bereits herauszuschälen beginnt, indem die goethesche Morphologie mit den alten spirituellen Weltalterlehren allmählich zusammenwächst, sich zu diesen gewissermaßen rück-metamorphosiert:
„Zeitlich aufeinandergeschichtete Wiederkünfte von Weltstufen und Weltaltern würden sich zeitlich hier zu Weltspiralen aneinanderringeln und in einem vielleicht später einmal durchaus enthüllbaren Wortsinn den Begriff von der Spiraltendenz, von der Zirkumnutation der Pflanzenteile ins Menschheitliche ungeheuer zu übertragen gestatten als eine […] Hypothesis der Erkenntnis alles organisch Daseienden überhaupt. In weiter oder enger gewundenen Spiralen wird dermaleinst vielleicht auf höher und höheren Ebenen Dieselbe und Einige Gestalt aller Gestalten zur Wahrnehmung gelangen können, einen Adspekt auf eine besondere Art charakterologischer oder physiognomischer Unsterblichkeit herrlich eröffnend […]. Und von hier aus könnte dann […] ein Tropfen jenes einhaltenderen, atemholenderen, gelasseneren, feiertäglicheren Zeitmaßes balsamisch lind, bindend und sänftigend ins fiebrige Getriebe ci-devant Europas fallen und endlich, endlich unserer Geschichte ein Gut retten, das sie bis heute in verhängnisvollen Graden hatte durchweg missen lassen, – Dauer!..“24
Dieselbe und Einige Gestalt aller Gestalten – sie wird Ziegler später den „allgemeinen Menschen“ nennen: „dauernder Typus“ und Träger von natürlicher und kultureller Evolution gleichermaßen, in den Mythen aller Völker und Zeiten bildhaft gespiegelt, im christlichen Gedanken der „Menschwerdung“ zu höchstem – wenngleich keineswegs ausschließlichem – Ausdruck gekommen und selbst im abstraktesten Formelwerk der modernen Naturwissenschaft noch das eigentliche Subjekt-Objekt der Erkenntnis. Und die weiter oder enger gewundenen Weltspiralen, die das fiebrige Getriebe der modernen Fortschrittszeit in sich „aufheben“ und außer Kraft setzen – in ihnen ist die „Verwindung“ der Moderne schon vorweggenommen, wie sie Ziegler dann in einer Art Parallelunternehmen zu Martin Heideggers Verwindung der Metaphysik herausarbeiten wird.
IV.
Der „Gestaltwandel der Götter“, gleich im Erscheinungsjahr 1920 mit dem Nietzsche-Preis ausgezeichnet, denkt im anspruchsvollen Sinn des Wortes „nach Nietzsche“. „Ziegler ist einer der zwei oder drei Deutschen, für die Nietzsche wirklich gelebt hat“, schreibt Pannwitz.25 Daran ist jedenfalls so viel wahr, daß Zieglers Buch innerhalb der ersten großen Rezeptionswelle Nietzsches in Deutschland zu den ambitioniertesten – und, nicht ganz unwesentlich: faschistisch unkompromittierten – Versuchen gehört, sich von den Hammerschlägen aus Sils Maria auf produktive Weise erschüttern zu lassen. Die Fragestellungen, die Ziegler „von Nietzsche hat“, in deren Horizont sein „Gestaltwandel“ sich einschreibt, sind wohl nirgends deutlicher und eindrucksvoller formuliert als im Aphorismus Nr. 125 der „Fröhlichen Wissenschaft“, betitelt: „Der tolle Mensch“. Dessen berühmte Worte über den Tod Gottes, seine Ermordung durch „uns alle“, gilt es, versuchsweise wie zum ersten Mal lesen:
„Aber wie haben wir dies gemacht? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts,vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?“26
Dem „ungeheuren Ereignis“, das Nietzsche hier durch den Mund des tollen Menschen verkünden läßt und von dem er sagt, es sei „noch nicht zu den Ohren der Menschen gedrungen“27, leiht Ziegler als ein religiös überaus musikalischer Hörer sein Ohr. „Ich habe gehorcht“ wird sein selbstverfügter Grabspruch lauten. Den Autorenmotiven und überhaupt dem generativen Quellgrund des „Gestaltwandels“ kommt man um so näher, je besser man die Unerhörtheit und Ungeheuerlichkeit des Gottesmordes existentiell noch einmal nachzuvollziehen vermag. Nun war der Atheismus schon zu Nietzsches Zeit keine skandalöse Neuigkeit mehr, vielmehr war er bereits mit dem Szientismus und Positivismus zur herrschenden „Weltanschauung“ des neunzehnten Jahrhunderts geworden; die große Wirkung Nietzsches beruhte in dieser ersten Rezeptionsphase darauf, daß er die atheistische Botschaft mit prophetischer Geste verkündete, daß er die geistigen und seelischen Kosten des Gottesverlustes erstmals überzeugend vorrechnete, dabei aber gleichwohl nicht zum Dysangelisten wurde, sondern mit der Wendung zum Übermenschen die fortbestehenden Erlösungssehnsüchte – quasi-evangelisch – auf ein neues Ziel fokussierte.28
Eben diese paraprophetische, kryptoreligiöse Seite Nietzsches – von Spengler als dessen „Romantik“ abgetan – nimmt Ziegler auf. In ihm regt sich frühzeitig – oder ein letztes Mal, wer will das entscheiden (zwischen diesem Nicht-mehr und Noch-nicht sah sich Ziegler zeitlebens eingespannt) – der Impuls, den drohenden Substanzverlust der menschlichen Seele, die des Gottespols als ihres notwendigen Pendants verlustig gegangen ist, „in zwölfter Stunde“ noch einmal abzuwenden. Um zu verstehen, was in Zieglers Augen in diesen Jahren der Entscheidung auf dem Spiel steht, braucht man nur die folgenden Fragen von Nietzsches „tollem Menschen“ in ihrem ganzen Pathos ernst zu nehmen:
„Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser können wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?“29
Für Ziegler besteht kein Zweifel, daß insbesondere die letzte Frage bejaht werden muß; es klingt wie eine direkte Antwort darauf, wenn er schreibt:
„Die Götter sind tot, Gott selber ist tot. So leben denn die Götter, die Mensch-Gebildeten; so lebe denn Gott, der Mensch-Gott!…“30
Hierin spricht sich auch am bündigsten die zieglersche Modifikation an Nietzsches Therapievorschlag für das dekadente, entgötterte und entheiligte Europa aus, die im wesentlichen auf eine Milderung der Heilmittel hinausläuft („balsamisch lind“), anders gesagt auf eine Humanisierung oder Re-Traditionalisierung des eben nur bedingt „guten Europäers“ Nietzsche. Der Mensch-Gott ist zwar verwandt, aber nicht gleich dem Übermenschen! Die aufklärerische, insbesondere feuerbachsche Deutung Gottes als eines in die Transzendenz projizierten „Wunschwesens“ teilt Ziegler, aber nicht Emanzipation von allen traditionellen Bindungen sind aus seiner Sicht dem Menschen mit diesem Mehr- und Besser-Wissen aufgetragen, sondern die Verpflichtung, sich seiner naiveren, seelisch indessen so viel substanzreicheren Vergangenheit würdig zu erweisen. Denn, so Ziegler in dem Aufsatz „Entgöttlichung der Welt“ von 1928:
„Verjährt, endgültig verjährt ist […] der Größenwahn aufgeklärter Zeiten, homo sapiens könne auf vorgerückter Stufe vernünftiger Gesittung auf jene Deifikationstendenz verzichten, da sich doch umgekehrt menschheitlicher Hoch- und Tiefstand streng nach dem Aufwand bemißt, den wir unsern Göttern widmen, – was wir überhaupt nur taugen, bestimmt sich genau nach der Fähigkeit und Willfährigkeit, unbewußt die eigene Seelenfülle auf den Gott zu übertragen, um sie ihm dann bewußt, gesteigert und vervielfacht wieder zu entleihen.“31
V.
Spätestens an dieser Stelle ist ein Hochplateau der Problemstellung erreicht, das den „Gestaltwandel der Götter“ auch heute noch ein zeitgenössisches Werk sein läßt. Das Buch ist ein Kommentar zu jenem wahrheitsgeschichtlichen Moment, da der Mensch sich als der Erbe des toten Gottes bewußt wird und sich damit einem nie dagewesenen Freiheitsschub, einer beispielloser Machtfülle und einem beispiellosen Entscheidungsdruck, ausgesetzt sieht. Kraft der Möglichkeit gentechnischer „Übermenschenzüchtung“ hat diese Situation inzwischen eine technisch praktische Zuspitzung erfahren und damit eine ganz neue Qualität erlangt. Wer begreifen will, welches schon längst installierte Programm in der sich abzeichnenden technischen Autoplastik des Menschen zu Anwendung und Sichtbarkeit gelangt, tut gut daran, die Religionen als die Vor- und Frühstadien dieser Entwicklung zur Kenntnis zu nehmen. Zwar ist das Motiv, daß der Mensch der Urheber seiner Götter sei, schon aus der griechischen Sophistik bekannt, aber erst in jüngster Zeit wird die Aneignung der in die Transzendenz ausgelagerten „göttlichen“ Attribute als das Arbeitspensum eines beginnenden neuen Weltalters erkennbar.32
Welche gewaltige Verantwortung dem Menschen zufällt, wenn er dergestalt darangeht, sich zu „übernehmen“ (man höre den Doppelsinn des Wortes), machen Zieglers theologische Anachronismen gerade durch ihren Verfremdungseffekt deutlich:
„Diese Kreatur Mensch, wie nichtswürdig, wie elend es bis dahin auch um sie bestellt sein mag, es bleibt ihr dennoch gar nichts übrig, als eines Tags die ungeheuerliche Last für Gottes Verwirklichung auf Erden […] unweigerlich sich auf die schwachen Schultern zu bürden: Atlas aus freien Stücken, dem die strahlende Wucht des globus coelestis nicht zu schwer dünkt.“33
Offenkundig steht der „Gestaltwandel der Götter“ selbst ganz im Zeichen dieser geistigen Athletik, die die Umverteilung der ontologischen Begründungslasten von Gott auf den Menschen zum Ziel hat. Indem Ziegler die traditionellen (europäischen) Stadien des Sprechens und Denkens über Gott – angefangen von den Epochen griechischer Religiosität (Erste Betrachtung) über die Entstehung und Entfaltung des Christentums (Zweite und Dritte Betrachtung) bis hin zur deutschen Reformation (Vierte Betrachtung) und schließlich zur atheistischen „Wissenschaftsreligion“ (Fünfte Betrachtung) – als Formen der menschlichen Selbstverständigung und Selbsterkundung transparent zu machen versucht, beteiligt er sich an der Aufgabe, das auf den Mensch-Gott ausgegebene Vivat wahr werden zu lassen. Erworben, um es zu besitzen, hat der Mensch sein göttliches Erbe erst, wenn er die alten Gedanken noch einmal denkt, die alten Geschichten noch einmal sich erzählt, diesmal aber so, daß er selbst und nicht mehr Gott oder die Götter als eigentliches Subjekt dieser Gedanken, als eigentlicher Held dieser Geschichten aufscheint. Im Rahmen des kontemplativen Denkstils abendländischer Philosophie, dem Ziegler als später Erbe angehört, ist diese Übersetzungsarbeit selbst schon die „Tat“, das Eine, das not tut: Opferung des alten Gottes, damit der Mensch-Gott lebe. Überflüssig zu sagen, daß eine (gen)technische „Menschgott-Verwirklichung“, wie sie heute als Möglichkeit im Raum steht, beim Humanisten Ziegler auf heftige Ablehnung gestoßen wäre.
Ins Zentrum seiner Aufmerksamkeit treten dann vor allem jene traditionell unter Häresieverdacht stehenden religiösen Strömungen, die dem Menschen seit jeher ein besonderes Intimverhältnis zu Gott nachsagen und seiner Mitwisserschaft um göttliche Geheimnisse keine Grenzen gesetzt sehen, also namentlich die Mystik und deren theosophisch-spekulative Umrahmungen. Die Mystiker erscheinen nun als die ins mysterium deofactionis Eingeweihten, die es sozusagen immer schon gewußt haben, das heißt die in einer naiven und zugleich hochbewußten Rede das Geheimnis der Gottesgeburt in der menschlichen Seele aussprachen. „Weisheit“ war der traditionelle Name für dieses Eingeweihtenwissen, das im Rückblick nur um Haaresbreite von der modernen anthropologischen Religionskritik entfernt liegt – so grundverschieden beider Selbstverständnis und Motive selbstredend auch sind. So kommt es auch, daß Ziegler vom Buch Zohar der Kabbala sagen kann, es scheine sein „ganzes Mysterium der Gottlosen auf eine großartige Weise vorwegzunehmen.“34 Die herausragendste Gestalt in der Ahnenreihe dieser gottlos Frommen ist jedoch – außer Buddha, dem Ziegler ein eigenes Buch widmen wird35, und zumindest im Westen – Meister Eckhart:
„Und wenn in unserer Zeit ein Jakob, der wie kein Zweiter mit seinem Engel rang, das scheinbar frechste, in Wahrheit aber frömmste Wort gesprochen hat: gäbe es Götter, ihr Freunde, wie hielten wirs aus, nicht Gott zu sein.., wohlan! der ketzerische deutsche Meister hat es nicht ausgehalten, von seiner Ewigkeit nicht den richtigen Gebrauch zu machen, und hat derart vor sechshundert Jahren dem lästerlichen Frager von gestern und von morgen die schuldige Antwort in aller Deutlichkeit gegeben. Du bist Gott, ich bin Gott, sobald du und ich auf den Grund unserer Seelen tauchen und den Gegenwurf der Dinglichkeit und Mannigfaltigkeit verabscheiden. Wahrhaftig und gewiß: du bist Gott und ich bin Gott, und wir beide sind Schöpfer, Erlöser, Wesenheit, Ewigkeit, Heil, Gnade, Dauer, höchstes Gut und Ziel zumal, falls wir nur fortschreiten wollen zur ,nächsten Armut‘, zur Entwirklichung dieser Welt und zur Entselbstung dieses unseres Selbst…“36
Der frechste und zugleich frömmste Jakob unserer Zeit ist natürlich Nietzsche, und an dieser Stelle wird nun vollends deutlich, wieso ihm Ziegler die „freche“ Verfluchung des Christentums im Namen des Übermenschen als verkappte Frömmigkeit auslegen muß. In Wahrheit ist nämlich mit der mystischen Selbstvergottung der Seele, wie von Meister Eckhart und anderen Mystikern beschrieben, ein unüberbietbares Übermenschentum gesetzt, dessen archetypischer Prägekraft auch Nietzsches angeblich so unheiliger Übermensch nicht entkommt. Geht man diesem neu und revolutionär wirkendenKonzept auf den Grund, so stößt man auf das Bild des „ewigen Menschen“, dessen Realisierung „in dieser Welt“ traditionell das Kennzeichen des Heiligen war. Die Antwort auf den „lästerlichen Frager“ eines jeden möglichen „morgen“ ist also längst im gestern gegeben, es kommt nur darauf an, sie in die heutige Sprache zu übersetzen…37
VI.
Es macht Leopold Zieglers Anschlußfähigkeit für moderne Geister aus, – Anschlußnotwendigkeit sogar für jeden Versuch, das Verhältnis zwischen Tradition und Moderne nach dem Ende der „postmodernen“ Konjunktur neu zu bedenken –, daß er nicht einfach für eine Rückkehr zur Tradition oder ein Festhalten an ihrem Weisheitsschatz plädierte, sondern von der Intuition geleitet war, Religion müsse, um auch künftig mehr als nur subkulturelle Relevanz zu besitzen, durch die Feuerprobe der Modernität in all ihren Facetten hindurchgehen.38 Mit seinem Eintreten für eine postnihilistische Religiosität, für eine Religion des Trotzdem und des Als-Ob, positioniert er sich offenbar zwischen zwei gleichermaßen inakzeptablen Alternativen. Einerseits gilt es, die Herrschaft des „letzten Menschen“ zu verhindern, dessen Banal-Atheismus und Verweigerung jeglichen Opfers ruinöse Auswirkungen auf Seele und Kultur hat,39 andererseits darf es die neu-alte Religiosität aber keinesfalls zu billig geben, darf sie kein erschöpftes Zurücksinken in die Arme der Mutter Kirche sein, wie es nach dem Krieg auch und gerade unter Intellektuellen üblich wurde:
„Nur keine Frömmigkeit aus Schwäche, nur kein Glaube aus Ekel, nur kein Gott aus dem horror vacui, nur kein Kultus des Unsinnigen aus Ungenügen am Sinnhaften, nur keine Metaphysik aus Übelkeit an der Physik, nur keine Theologie aus Mutlosigkeit über die Kosmologie, nur kein Dogma aus Verzweiflung an der Kritik, nur keine Übergabe an den Okkultismus aus der Unvermeidlichkeit eines gewissen Irrationalismus. Lieber noch ein tapferer Nihilismus als die Fußfälle der Zerbrechenden und Gebrochenen; […]“40
Ziegler belegt hier mit seinem Bannfluch, was Oswald Spengler die „zweite Religiosität“ genannt hat. Gemeint ist ein verlogener und substanzloser Aufguß vergangener Glaubensinhalte, die keine wirkliche Verbindlichkeit mehr besitzen, ein postmoderner Religionssupermarkt ante literam. Während Spengler Religion im Stadium der fortgeschrittenen Zivilisation, nur noch in diesem äußerst defizienten Modus für denkbar hält – „der wirkliche Glaube ist noch immer der an Atome und Zahlen, aber es bedarf des gebildeten Hokuspokus, um auf die Länge ertragen zu werden“41 – kann Zieglers gesamtes Lebenswerk als eine Wette darauf gelten, daß eine „zweite Religiosität“ möglich ist, die mit der ersten zwar nicht identisch sein wird, sie aber ohne Verluste beerben kann.
Was Spengler nicht gebührend beachtet: auch der Glaube an „Atome und Zahlen“ ist ein Glaube, und zwar ebenso an „Götter“, wie es Wotan und Jahve waren, ein Glaube an Götter in gewandelter Gestalt. Anders als für Horkheimer und Adorno, die in kritischer Absicht den dialektischen Umschlag von Aufklärung in Mythologie betonen, sichert für Ziegler solch mythische Grundierung des modernen Geistes die Kontinuität der Tradition und gibt damit Anlaß zur Hoffnung, nicht zur Kritik. Naturwissenschaft ist ursprünglich ein „Mythos Atheos“ und damit weit davon entfernt, den mythischen Anfängen des menschlichen Geistes enthoben zu sein:
„Vielmehr es loht und lodert des Lebendigen Gottes feuriger Atem nicht minder erregend in und hinter den abgezogensten, ja erkünsteltsten und erfundensten Begrifflichkeiten unserer paradigmatischen Wissenschaft, die sich Mechanik nennt und sich das Ganze der Welt als einen durchgängigen Mechanismus gefügig gemacht zu haben behauptet. […] Just diese Kapitel, das erste und das letzte also der ,Welt als Maschine‘,“ heißt es in spätem Rückblick auf den „Gestaltwandel der Götter“ weiter, „schienen mir unabdingbar zu einer Theologie des lebendigen Gottes zu gehören.“ [42]
Heute würde Ziegler den „Atem des lebendigen Gottes“ viel eher noch im kybernetisch-systemtheoretischen Paradigma wiederfinden, worin Mechanizismus und Organizismus mittlerweile „aufgehoben“ sind.43 Eine positivistische Wissenschaftsreligion à la Comte ist damit allerdings nicht gemeint. Zieglers menschenrühmende Theorie hält zu den Ernüchterungs-, wie zu den prometheischen Ermächtigungsdiskursen der Moderne gleichermaßen Distanz. Freimütig bekennt er, daß „der Gedanke der Weltheiligung im Gestaltwandel nachmals auf das homerische Zeitalter historisch projiziert“ wurde44 und legt damit seine auf die Gegenwart zielende Wiedervergöttlichungsabsicht offen. Verklärung geht ihm vor Erklärung. Deshalb und insbesondere mit Blick auf den Ausdruck „Bocksgesang“, der im ersten Kapitel für „Tragödie“ steht, ist man versucht, den „Gestaltwandel“ als einen einzigen „anschwellenden Bocksgesang“ zu lesen. Rund siebzig Jahre vor Botho Strauß spricht auch aus ihm die Überzeugung, daß es „verhängnisvoll ist, keinen Sinn für Verhängnis mehr zu besitzen, unfähig zu sein, Formen des Tragischen zu verstehen“.45 Und wie für Strauß gibt es schon für Ziegler kein „Zurück“ zur tragischen Weltsicht, es sei denn in der paradoxen Form einer freien Einwilligung ins (mensch-göttliche) „Verhängnis“.46
VII.
Anachronistisch, aber nicht unpassend könnte man die positiv gewendete „zweite Religiosität“ Zieglers eine „Religion zweiter Ordnung“ nennen. Der Ausdruck „zweite Ordnung“ bezeichnet in der Systemtheorie ein strukturelles Mehr an Reflexion, das durch die Umstellung von Was-Fragen auf Wie-Fragen zustande kommt, wobei die erste Ordnung – hier: die „naive“ Religiosität – in der zweiten nicht verlorengeht, sondern der Substanz nach voll erhalten bleibt. Ist dieser zusätzliche Reflexionsschritt einmal getan, dann kommt das einer Vertreibung aus dem Paradies der naiven religiösen Dogmen und Rituale gleich; das religiöse Leben kann sich fortan nur noch autologisch, das heißt als (autopoietische) Selbstbeschreibung entfalten. Mit Niklas Luhmann gelesen, ist Zieglers gottlose Frömmigkeit das klassische und überzeugende Beispiel einer Paradoxieentfaltung: Der „Gestaltwandel“ ist ein religiöses Buch, obwohl, ja weil er die Religionen für unmöglich und beendet erklärt.
Bei der Frage nach dem Wie des religiösen Lebens stößt Ziegler in der letzten und insgesamt profilgebenden Betrachtung, „Die Mysterien der Gottlosen“, auf eine unausrottbare „Tendenz zur Religion“ im Menschen,47 die fortbesteht, auch wenn alle konkreten Religionen ihre Glaubwürdigkeit verloren haben, ja die gerade dann in ihrer reinsten Form erst ans Licht kommt. „Ce qui seul est éternel dans les religions, c’est la tendence qui les aproduits“48, zitiert er in jenen Jahren des öfteren Jean Marie Guyau, den „französischen Nietzsche“. Als eine anthropologische Grundkonstante ist diese „Tendenz zur Religion“ sozusagen das formale religionenbildende Schema, das nach der historischen Liquidierung aller religiösen Inhalte als solches wahrnehmbar geworden ist. Und wie die Rezeption des „Gestaltwandels“ gezeigt hat: Die Offenlegung dieser Form wird nun ihrerseits zum religiösen Inhalt.
In dreifacher Weise ist dieses formale Schema, das Ziegler das „Mysterium der Tat“ nennt – der kleinste gemeinsame Nenner aller Religionen – näher bestimmt: „als Verschuldung und Entsühnung nämlich, als Opfer und Wiedergeburt, als Schöpfung und Erlösung…“49 Ohne auf die von Nietzsche inspirierten Umdeutungen dieser klassischen Kategorien durch Ziegler hier noch eingehen zu können, wird allein aus ihrer Aufzählung soviel klar: Es ist die Gestalt und seelische Substanz des hochkulturellen und „hochreligiösen“ Menschen, des Menschen des metaphysischen Weltalters, die Ziegler bewahrt sehen möchte. Zur Entstehungszeit des „Gestaltwandels“ waren dessen Auflösungserscheinungen bereits unübersehbar geworden, und heute erleben wir endgültig die Heraufkunft eines Menschentums, das – keiner Tradition mehr verpflichtet, bar aller seelischen Spannkräfte, nur noch am eigenen Lifestyle-Design interessiert – nach alteuropäischen Maßstäben kaum mehr Mensch genannt zu werden verdient. Mögen die Dogmen und Weltbilder der alten Religionen, in einer naiveren Zeit entstanden, heute auch nicht mehr glaubwürdig sein: Zu den psychischen und sozialen Formkräften, die durch sie in Gang gesetzt wurden und die am Menschen jahrhundertelang gearbeitet haben, ist nach Ziegler keine würdige Alternative in Sicht.
Der „Gestaltwandel der Götter“ zieht aus dieser Situation eine extreme, der Komplexität der Lage jedoch angemessene Konsequenz: Er läßt in einem Re-entry der Form in die Form das religiöse Opfer in sich selbst wieder eintreten und fordert als zeitgemäßen Akt die Opferung aller traditionellen Götter und Religionen.50 Man erkennt aber leicht die Labilität dieser Position, denn unweigerlich drängt sich die Frage auf, wie die lange Zeit nach diesem heroischen Selbstopfer, in der es ja weiterhin Religion geben soll, sich gestalten soll. So ist es denn kein Wunder, daß Ziegler schon gegen Ende der zwanziger Jahre – zum Befremden vieler seiner Leser übrigens – sich vom „Gestaltwandel“ abwendet und dessen formalisierte Religiosität nach und nach wieder mit den traditionellen, vornehmlich christlichen Inhalten füllt. Kein Wunder ist dies auch deshalb, weil mit der Idee des Gottesopfers bereits ein genuin christliches Motiv angeschlagen war, dessen Potenzierung zum Opfer der Religion und damit zum Atheismus als Vollendung des Christentums betrachtet werden kann.
Vom Standpunkt des frühen Ziegler sieht es beinahe so aus, als habe der spätere der eigenen Radikalität nicht standgehalten und genau jenen Fußfall vor dem Kreuz vollbracht, den er im „Gestaltwandel“ noch so heftig ablehnte. Der Denkweg dieses wiederzuentdeckenden Autors gleicht aber nur oberflächlich gesehen einem allmählichen Vergessen der eigenen Anfänge; bei tieferem Nachvollzug erweist er sich als Einübung in eine „Nichtvergessenheit“ (so Zieglers Übersetzung von aletheia, Wahrheit), die den lebensphilosophischen Zeitgeist nur als Eingangstor zu den Schächten einer prä- und womöglich transmodernen nichtlinearen Tiefenzeit benutzte. Sie gilt es nicht zu vergessen, will man dem gegenwärtigen Weltalterwechsel denkend beikommen und sich ihm handelnd gewachsen zeigen.51
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Fußnoten

1 Am Beispiel Gnosis wird dieses Argument durchgespielt bei Manfred Sommer, Gnosisforschung als Endgestalt der Gnosis, in: Peter Sloterdijk / Thomas Macho (Hg.): Weltrevolution der Seele, o.O. 1991, S. 350 – 352.
2 Die Reichl-Ausgabe liegt hier im photomechanischen Nachdruck vor.
3 So der Titel der fünften Betrachtung des „Gestaltwandels“.
4 Rudolf Pannwitz, Leopold Zieglers „Gestaltwandel der Götter“, in: Dienst an der Welt. Zur Einführung in die Philosophie Leopold Zieglers, Darmstadt 1925, S. 56ff.
5 Vgl. vor allem Zieglers Briefe an Hermann Graf Keyserling, Badische Landesbibliothek Karlsruhe, unveröffentlichter Nachlaß.
6 Leopold Ziegler, Mein Leben, in: Dienst an der Welt, a.a.O., S. 202.
7 Ebenda.
8 Leopold Ziegler hielt sich die Wortschöpfung „Gestaltwandel“ als Eindeutschung von „Metamorphose“ zugute. Den Begriff in die deutsche Sprache mit eingebürgert zu haben, dürfte die stärkste Nachwirkung Zieglers im Geistesleben ausmachen.
fn9. Ein Teil davon wurde in die Endfassung eingearbeitet.
10 Armin Mohler führt in seinem Standardwerk Leopold Ziegler unter „Philosophen im Umkreis der Konservativen Revolution“ und zwar im Unterparagraphen „Überragende Denker mit anderem Ausgangspunkt“ (dort zusammen mit Max Weber und Ludwig Klages) an. Vgl. Armin Mohler, Die konservative Revolution in Deutschland 1918 – 1933, Darmstadt 1972, S. 307f.
11 Vgl. Mein Leben, a.a.O., S. 149f.
12 Gestaltwandel der Götter (GdG), Bd.II, S. 896f.
13 Vgl. Zum Geschick meiner Schriften, in: Leopold Ziegler, Spätlese eigener Hand, München 1953, S. 31.
14 Vgl. das Kapitel „Wunsch und Ahmung“ in: Leopold Ziegler, Überlieferung, Sankt Augustin 1999.
15 Mein Leben, a.a.O., S. 203.
16 Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, München 1997, S. IX.
17 Eine scharfe Abrechnung Zieglers mit Spengler findet sich in: Leopold Ziegler, Das heilige Reich der Deutschen, Darmstadt 1925, Band I, S. 417ff.
18 GdG, Bd.II, S. 669ff.
19 GdG, Bd.II, S. 655.
20 Oswald Spengler, a.a.O., S. 57.
21 Das heilige Reich der Deutschen, Band I, S. 423.
22 Oswald Spengler, a.a.O., S. 64.
23 In seinem Jugendwerk Das Wesen der Kultur, Jena 1903, hat Ziegler sehr früh mit der nachmals inflationär gebrauchten Unterscheidung Kultur / Zivilisation operiert und selbstredend für erstere Partei ergriffen.
24 GdG, Bd.II, S. 672f.
25 A.a.O., S. 57.
26 Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Frankfurt a.M. 1982, S. 138.
27 Ebenda, S. 139.
28 Auf Nietzsches „Evangelistentum“ verweist erneut und ausführlich: Peter Sloterdijk, Über die Verbesserung der guten Nachricht. Nietzsches fünftes „Evangelium“, Frankfurt a.M. 2000.
29 Friedrich Nietzsche, a.a.O., S. 138 (Hervorhebung M.J.).
30 GdG, Bd.II, S. 818.
31 Leopold Ziegler, Der europäische Geist / Die neue Wissenschaft. Zwei vergessene Schriften, Zug 1995, S. 117. Dieses „Lob der Übertragung“ hat zuletzt unter geänderten Prämissen Peter Sloterdijk in der Vorbemerkung zu seiner Sphären-Trilogie wiederholt. Man müsse, heißt es dort, „darauf bestehen, daß Übertragung die Formquelle von Schöpferischen Vorgängen ist, die den Exodus der Menschen ins Offene beflügeln.“ Sphären I. Blasen, Frankfurt a.M. 1998, S.14.
32 Der Zufall – oder der genius loci – will es, daß die avancierteste Fassung dieses philosophischen Projekts erneut aus Karlsruhe kommt: „Der vorliegende Rechenschaftsbericht vom Aufgang und Gestaltwandel der Sphären ist unseres Wissens der erste Versuch, nach dem Scheitern von Oswald Spenglers sogenannter Morphologie der Weltgeschichte wieder einen Formbegriff wieder eine höchstrangige Stellung in einer anthropologischen und kulturtheoretischen Untersuchung zuzuweisen“ schreibt Peter Sloterdijk in der Einleitung zu Sphären I. Blasen, a.a.O. S. 78.
33 Mein Leben, a.a.O., S. 220.
34 Mein Leben, a.a.O., S. 221.
35 Der ewige Buddho. Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen, Darmstadt 1922.
36 GdG, Bd.I, S. 367f.
37 Ernst Benz, protestantischer Theologe und Freund Zieglers, hat in dem Aufsatz „Der dreifache Aspekt des Übermenschen“ (1960) überzeugend nachgewiesen, „daß der Begriff ,Übermensch‘ nicht eine genuin antichristliche, sondern eine genuin christliche Prägung ist, die unmittelbar aus dem christlichen Menschenbild der Urkirche entwickelt ist, eine Wortbildung, die jahrhundertelang im Bereich der Sprache der christlichen Mystik nicht nur zur Bezeichnung Christi, sondern gerade auch des christlichen Charismatikers, des Heiligen oder des Erlösten verwandt wurde“. Ernst Benz, Urbild und Abbild. Der Mensch und die mythische Welt. Gesammelte Eranos Beiträge, Leiden 1974, S. 338.
38 Dem kommt das nach-postmoderne Denken heute entgegen, das die Religion in ihrem irreduziblen Eigensinn wiederentdeckt. Vgl. z.B.: Alain Badiou, Saint Paul. La fondation de l’universalisme, Paris 1997 ; Slavoj Zizek, Das fragile Absolute. Warum es sich lohnt, das christliche Erbe zu verteidigen, Berlin 2000; Jacques Derrida / Gianni Vattimo, Die Religion, Frankfurt a.M. 2001.
39 Zum Thema Opfer vgl. Dietmar Kamper, Signatura Crucis. Leopold Zieglers integrale Anthropologie des Opfers, in ders.: Ästhetik der Abwesenheit. Die Entfernung der Körper, München 1999, S. 80-92.
40 GdG, Bd.II, S. 777.
41 Oswald Spengler, a.a.O., S. 941.
42 Zum Geschick meiner Schriften, a.a.O., S.30.
43 Die Kapitel Die Welt als Maschine (Bd.II, S. 473ff) und Die Welt als Organismus (Bd.II, S. 624ff) arbeiten diesen Gegensatz – am historischen Vorabend seiner Überwindung – noch einmal scharf heraus.
44 Mein Leben, a.a.O., S. 205.
45 Botho Strauß, Anschwellender Bocksgesang, in: Heimo Schwilk / Ulrich Schacht (Hrsg.), Die Selbstbewußte Nation, Frankfurt a.M. 1994, S. 26.
46 Botho Strauß am 29.11.1996 brieflich an Dietmar Kamper: „Leopold Ziegler gehört auf die Liste der Autoren, die wiederzuentdecken sind.“, zitiert in: Dietmar Kamper, a.a.O., S. 80.
47 Vgl. unten, Bd.II, S. 789 ff.
48 GdG, Bd.II, S. 787.
49 GdG, Bd.II, S. 826.
50 Auch dies hat Nietzsche vorausgedacht: „Für das Nichts Gott opfern – dieses paradoxe Mysterium der letzten Grausamkeit blieb dem Geschlechte, welches jetzt eben heraufkommt, aufgespart: wir alle kennen schon etwas davon.-“ Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Frankfurt a.M. 1984, S. 64
51 Vgl. dazu vom Verfasser: Nichtvergessenheit. Leopold Ziegler und die Frage nach der Wahrheit, Ort und Zeitpunkt des Erscheinens noch unbestimmt.