Stationen

Sonntag, 17. April 2022

Corpus Christi

In dem Oscar-nominierten polnischen Spielfilm „Corpus Christi“ aus dem Jahr 2019, einer modernen Variation von Carl Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“, zieht ein auf Bewährung entlassener Strafgefangener ein Priestergewand an und gibt sich als katholischer Geistlicher aus. Ohne Rücksicht auf das Beziehungsgeflecht, das sein erkrankter Vorgänger in Jahren des Gemeindedienstes gewoben hat, predigt der Pseudo-Pater so, wie er es intuitiv für richtig hält.

Damit löst er einen Konflikt aus. Denn viele Gemeindemitglieder hegen einen tiefen Groll gegen die Witwe eines Mannes, der, angeblich alkoholisiert, bei einem Frontalzusammenprall mit einem anderen Wagen ums Leben kam und mehrere Jugendliche – sie saßen in dem anderen Auto – mit in den Tod riß.

Während der falsche Priester sich im Sinne Christi für Vergebung einsetzt und dem mutmaßlichen Unfallverursacher ein ehrendes Andenken samt Grab gewähren will, sperren sich die Eltern der Jugendlichen dagegen. Frustriert stellt der junge Ex-Häftling fest: Die Leute dieser Gemeinde würden Jesus wieder kreuzigen, wenn er jetzt unter ihnen wäre und ihnen sagte, was er von ihnen erwartet.

Die Haltung der Dorfgemeinde könnte man mit einem stark in Mode gekommenen Begriff als populistisch bezeichnen: Man vertritt eine Position, mit der man sich des Beifalls im Volk sicher sein kann. Mit Volk gemeint ist in diesem Fall die primitiv denkende breite Masse. Populismus hat ein Imageproblem: Er gilt als unreflektiert, vereinfachend und letztlich nicht sachdienlich. Er schielt auf den schnellen Erfolg, indem er spontane Gefühle und niedere Instinkte anspricht. In dem polnischen Spielfilm sind dies Wut und Rachedurst.

Jesus von Nazareth war ein blendender Analytiker solch dunkler Triebe und dumpfer Empfindungen. Er durchschaute das Lotterleben einer Zufallsbekanntschaft beim Wasserschöpfen. Er durchschaute die Scheinheiligkeit einer Horde von Zivilhenkern, die eine Ehebrecherin steinigen wollten.

Er durchschaute die aufgesetzte Frömmigkeit der religiösen Meinungsführer seiner Zeit, die er laut dem Lukasevangelium im Gleichnis von dem Phärisäer und dem Zöllner bloßstellte als primitive Eitelkeit: Ein Gesetzestreuer hält im Tempel eine laut vorgetragene Lobeshymne auf sich selbst und sieht dabei herab auf einen Zöllner, im besetzten Jerusalem der Inbegriff der Ehrlosigkeit: „Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie dieser Zöllner!“

Der zerknirschte Zöllner hingegen richtet im Bewußtsein seiner eigenen Verworfenheit an den Allmächtigen lediglich die schlichten Worte: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Diesen Zöllner öffentlich zum vor Gott Gerechtfertigten zu erklären war das Gegenteil von Populismus: In klarer Frontstellung gegen die Werte und Normen, die die damalige Tempelaristokratie etabliert hatte, behauptete Jesus das Gegenteil von dem, was alle zu hören gewohnt waren. Man nennt das auch Courage.

In der Regel liefen Begegnungen mit Jesus auf eine Zumutung hinaus: die Aufforderung, mit dem bisher geführten Leben rigoros zu brechen, schuldhafte Verstrickungen hinter sich zu lassen, etwas Neues anzufangen. Wie sein Zeitgenosse Johannes der Täufer, den sein ethischer Rigorismus buchstäblich den Kopf kostete, stand Jesus in der Tradition der alttestamentlichen Bußprediger. Weil diese, also Männer wie Amos, Hesekiel oder Jeremia, Israel ein göttliches Strafgericht ankündigten, nennt das Alte Testament sie Propheten. Als Untergangspropheten kennt sie noch heute der Volksmund.

Der Schatten des Galiläers, so zeigt der evangelische Theologe Gerd Theißen (78) in seinem gleichnamigen Buch zur historischen Jesusforschung, ist auch der Schatten der vorchristlichen jüdischen Tradition. Theißen stellt Jesus und Johannes in den Kontext des asketischen Essener-Ordens, der strenge sittliche Standards setzte.

Für die reformorientierten Christen des „Synodalen Wegs“ ist der schroffe Wanderprediger aus Nazareth ein Wesen wie von einem anderen Stern. Sie haben einen lässigen Früh-Hippie vor Augen, einen John Lennon ohne Gitarre mit Maria Magdalena als Ersatz-Yoko- Ono, der als Alternative zu Wein auch Marihuana nicht verschmäht hätte, wäre Rauschgift damals in Galiläa schon zu haben gewesen. Wer in Jesus den hedonistischen „Weinsäufer“ sieht, als den seine Gegner ihn tatsächlich diffamierten, übersieht die vierzigtägige Fastenzeit, die seinem öffentlichen Auftreten vorausging. Und seine Passion.

Im Gleichnis von den bösen Weingärtnern stellt er sich selbst in eine Linie mit den großen jüdischen Propheten. Er übernimmt von ihnen auch die undiplomatische Wortwahl: Das religiöse Establishment stigmatisiert er mit antiker Haßrede als „Schlangenbrut“, prophezeit ihm wegen seiner Heuchelei die Hölle (Mt 23,33). Der Passus über den leidenden Gottesknecht in Jesaja 53 wird von Exegeten sowohl auf den Autor selbst als auch auf Jesus bezogen: Prophet und Gottessohn verschmelzen miteinander zu einem Bild, das mit dem romantisierten Jesus-Bild der „Party und Event“-Christen von heute komplett inkongruent ist.

Das bittere Los des Propheten Jeremia (7. Jh. v. Chr.) gleicht in vielem dem des Nazareners: Ersterer wurde als Opfer einer Willkürjustiz gequält und entging nur durch einen Glücksfall dem Hungertod im Gefängnis. Kein Wunder also, daß seine Zeitgenossen Jesus für den wiedergekehrten Jeremia hielten; er widersprach nicht (vgl. Mt 16,14).

Am deutlichsten wird die Prophetentradition, in der er stand, in dem von allen vier Evangelisten geschilderten Eklat im Tempel: Jesus maßte sich an, die Tische von Geschäftemachern einfach umzustoßen. Ein Affront! Es war mithin nicht nur der später enthauptete Täufer Johannes, der vor den Kopf stieß mit der Forderung nach einem neuen Sich-an-Gott-Orientieren. Jesus stieß ins gleiche Horn. Der kompromißlose Kampf gegen ein verweltlichtes Brauchtum und gegen eine institutionalisierte religiöse Praxis, deren Wächter das 70köpfige Synhedrion und orthodoxe Systemtheologen (Schriftgelehrte) waren, kostete den Störenfried aus Nazareth, ähnlich wie nach ihm Jan Hus und, beinahe, Martin Luther, das Leben.

Wenn nun der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz Georg Bätzing (61) im Schulterschluß mit den linken Kirchenrevoluzzern des „Synodalen Wegs“ eine Anpassung der kirchlichen Morallehre an die gesellschaftliche Realität fordert, hat das mit Jesus nichts zu tun. Anstelle von Mut regiert plumper Populismus, der den Applaus der Medientempelaristokratie, der pharisäischen Diskurswächter von heute, kaum erwarten kann und genau in die entgegengesetzte Richtung des von dem Gekreuzigten gewiesenen Wegs führt.

Natürlich wäre auch Jesus, wie es der Münchner Kardinal Reinhard Marx am 13. März mit dem Lesen einer „queeren Messe“ demonstrativ unternahm, auf vermeintlich Benachteiligte und Ausgegrenzte zugegangen. Als Vorbild taugt der Umgang des Heilands mit dem unglücklichen Oberzöllner Zachäus, bei dem Jesus sich selbst einlud.

Voraussetzung für die Begegnung war aber Zachäus’ schlechtes Gewissen. Er wußte um seine verfehlte Existenz und litt darunter. Jesus reagierte auf das Leiden des Zachäus fundamental anders, als es liberale Theologen wie der Aachener Bischof Helmut Dieser heute tun, wenn sie etwa Homosexualität wider die Bibel zur „Grundorientierung“ des Menschseins erklären (ARD-Dokumentation „Wie Gott uns schuf“ am 24. Januar 2022).

Für pädagogisch wertvolle Du-bist-gut-wie-du-bist-Gewissensberuhigung, für die populistische Botschaft, daß man fünfe auch mal gerade sein lassen kann, ist Jesus der falsche Bürge. Immer geht es ihm um tiefgreifende Veränderung, um einen Sinneswandel (griech. „metanoia“, von Luther übersetzt mit „Buße“). Wo könnte die Aufforderung Jesu, sich selbst zu verleugnen und sein Kreuz auf sich zu nehmen (Mt 16,24), besser aufgehoben sein als bei den Mühseligen und Beladenen der LGBT-Fraktion, die gedrückt werden vom Joch ihrer verfehlten Existenz?

Konsequent verfolgte Jesus das Projekt eines geistlichen Königreichs, das „nicht von dieser Welt“ ist und dessen Untertanen die von ihm neu mit Sinn gefüllten Gebote der Thora auch dann halten, wenn der gesellschaftliche Trend in eine ganz andere Richtung geht. Die Opposition der Christen gegen die Sittenlosigkeit im morbiden Rom war der Grund dafür, daß viele das Schicksal Jesu teilten. Der Roman „Quo Vadis?“ des polnischen Literaturnobelpreisträgers Henryk Sienkiewicz vermittelt einen Eindruck davon. Bätzing & Co. lassen nicht erkennen, daß sie an diesem geistlichen Reich noch mitbauen.

Auch der Zölibat, dessen Abschaffung Bätzing jetzt offensiv fordert und dem Luther bereits vor 500 Jahren die Lizenz entzog, bekommt durch die totale Priorisierung der Arbeit am Reich Gottes seinen Sinn. Der verheiratete Fischer Simon (Petrus) ließ deshalb seine Familie zurück, als er sich entschied, mit Jesus durch die Lande zu ziehen. Die Radikalität, mit der der Nazarener verlangte, seinem Königreichsprojekt alles Vorläufige unterzuordnen, drückt sich aus in seiner steilen These, wer nicht seine engsten Angehörigen „hasse“, tauge nicht für die Jesus-Nachfolge.

Unterschlägt die kirchliche Verkündigung diese radikale Ethik und ersetzt sie den Gedanken der geistlich motivierten Sinneserneuerung durch eine billige Kehr-unter-den-Teppich-Theologie, ist das klerikaler Suizid: Die Kompromißlosigkeit des Galiläers wird verraten an ein modernes Heidentum, das „Sündige hinfort nicht mehr!“, das er so vielen, die bei ihm Hilfe und Heilung fanden, mit auf den Weg gab, unter den Teppich eines im atheistischen Marxismus wurzelnden Beliebigkeitskults gekehrt.

Dieser sucht wie die Sadduzäer, die zu den Widersachern Jesu gehörten, das Heil allein im Irdischen, hält das Osterereignis mit Hans Küng für eine „Gespenstergeschichte“ und verwechselt Religion mit Folklore.

Womöglich hat der falsche Priester Tomasz in dem Film „Corpus Christi“ recht, wenn er behauptet, Jesus würde heute wieder hingerichtet werden. Wenn nicht das Kreuz, so dürfte ihm doch mindestens der Medienpranger drohen. Die meisten würden ihn wohl dem Lager querulantischer „Querdenker“ zurechnen. Sie wären mit seiner gesellschaftlichen Ächtung wegen „polarisierender“ Reden oder „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ einverstanden. Und seine schärfsten Kritiker wären auch heute wieder in den Reihen einer privilegierten Geistlichkeit zu finden, der die Furcht im Nacken sitzt, als scheinheilig entlarvt zu werden.   Dietmar Mehrens

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