Stationen

Freitag, 19. Juli 2019

Gretinismus nach Lyssenko

Der Klimawandel ist die große Erzählung des Westens unserer Tage. Abweichende Erklärungen für Naturkatastrophen und Wetterextreme werden nicht mehr akzeptiert. Die Folgen sind fatal – vor allem für die Wirtschaft.
Ich bin 1986 in die Bundesrepublik gekommen. Bald darauf hat Michail Gorbatschow den Kalten Krieg beendet und das autarke Sowjetsystem geöffnet. Obwohl ich von Hause aus Naturwissenschaftlerin bin, zogen mich die politischen und kulturellen Entwicklungen in Russland in ihren Bann; der damals anschwellende Diskurs über die bevorstehende Erderwärmung ließ mich zunächst kalt. Apokalyptische Ängste vor der Gletscherschmelze und der Sintflut sowie die Bemühungen, das globale Klima durch internationale Verträge zu „retten“, fand ich gleichwohl an den Haaren herbeigezogen. Das fünfzigjährige Wettrüsten war vorbei, die Gefahr eines atomaren Konflikts war gebannt, die sowjetischen Truppen verließen das Gebiet der DDR und die osteuropäischen Staaten. Doch anstatt mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken, wurden abermals Ängste vor einem Weltuntergang heraufbeschworen.
Der Mechanismus der Angstproduktion in einer Demokratie und die dahinterstehenden Interessen waren mir damals nicht geläufig. Heute glaube ich, meine Naivität hatte unter anderem mit den positiven Vorurteilen über den Westen zu tun, die bei vielen Osteuropäern in der Opposition zum eigenen System und im Kontext einer langen Kulturtradition des prowestlichen Denkens entstanden. Wenn der Westen für jene, die hinter dem Eisernen Vorhang schmorten, als Vorbild und Sehsuchtsort erschien, so sollten auch seine Institutionen vorbildlich und seine Bürger quasi bessere Menschen sein; seine Politiker sollten nicht lügen und die Medien objektiv berichten. Ich brauchte dann Jahre, um meine tradierten Vorstellungen auf ein Normalmaß herunterzuschrauben.
Wenn ich heute zurückdenke, war für meine Ablehnung des von Klimaängsten geprägten Weltbildes neben meinem naturwissenschaftlichen Hintergrund – ich bin promovierte Biologin in Pflanzenphysiologie – eine frühere Schlüsselerfahrung von Bedeutung. Mit 17 Jahren war ich eine aktive Jungkomsomolzin und hielt den Sozialismus für das gerechteste System der Welt. Dann jedoch lernte ich Menschen kennen, die zu den „Andersdenkenden“ zählten. In meinem Bewusstsein fand so etwas wie ein Paradigmenwechsel statt. Alles, woran ich bislang gedankenlos geglaubt hatte, wurde entweiht und entwertet. Seitdem ist mir das Vertrauen in Autoritäten, Ideologien, gute Absichten und moralische Argumente abhandengekommen.
Möglichkeit des Paradigmenwechsels
Im Labor des Instituts für angewandte Geophysik in Moskau, das mein erster Arbeitsplatz nach dem Uni-Abschluss 1973 wurde, waren Vertreter unterschiedlichster Fachrichtungen versammelt, die sich mit Satelliten-Forschung in den oberen Schichten der Atmosphäre, aber auch mit dem Monitoring der Umweltverschmutzung und Normen für ökologische Sicherheit beschäftigten: Geowissenschaftler, Biophysiker, Chemiker. Von ihnen hörte ich zum ersten Mal von einer bevorstehenden Klimakatastrophe. Allerdings handelte es sich dabei um die Erdabkühlung. Im Institut konnte ich auch in „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome lesen, dass bis Ende des 20. Jahrhunderts nichterneuerbare Ressourcen wie Kohle und Erdöl verbraucht sein würden und nie wiederkämen.
Darüber sollte uns ein Geologe aus dem Öl- und Gasinstitut im Seminar berichten. Doch stattdessen hörten wir: Vergesst die Prognosen des Club of Rome. Erstens beruhen dessen Modelle auf der Extrapolation gegenwärtiger Tendenzen wie das schon bei Malthus der Fall war. Und wo ist jetzt euer Malthus? Zweitens, vergesst alles, was ihr in den Schulbüchern gelesen habt. Die Kohlenwasserstoffe, die vom Club of Rome zu Grabe getragen werden, haben sich nicht aus der Biomasse der Lebewesen herausgebildet. Vielmehr befinden sie sich im Erdmantel in einer Tiefe von 150–300 Kilometern und würden durch enormen Druck aus dem Erdinneren nach oben gedrückt, wo sie sich unter dichten Gesteinsformationen sammelten. Alle Anwesenden waren perplex. Die etablierte biogenetische Theorie behauptet, dass fossile Brennstoffe aus Pflanzen und Tieren – aus Fossilien also – entstanden seien; die abiogenetische Theorie, die der Geologe präsentierte, behauptete dagegen, dass sie einen umgekehrten Weg gingen: nicht von der Erdoberfläche in die Tiefe, sondern aus der Tiefe nach oben. Daraus folgte: Sie können nicht erschöpft werden, leergepumpte Lagerstätten füllten sich nach. Wie ich heute weiß, wurde die abiogenetische Theorie in den 80er Jahren auch im Westen von Astrophysiker Thomas Gold geprägt, der ausdrücklich auf die frühere Forschung sowjetischer Geologen verwies.
Für mich gehörte dieser Vortrag zu den seltenen Aha-Erlebnissen, die mich in meiner Jugend beeinflussten. Man sollte die Möglichkeit des Paradigmenwechsels, aber auch der Kontingenz immer mitdenken. Der Zufall kann vermeintliche Sicherheiten zunichtemachen. Man will sich vor der Erderwärmung schützen, und plötzlich explodiert ein Supervulkan vom Schlage Tambora – und 1,5 Grad Abkühlung mit entsprechenden Folgen machen die hehren Klimaziele zum Treppenwitz der Geschichte. Ändert sich die Sonnenfleckenaktivität, wie am Ende des 18. Jahrhunderts, fällt der Schnee im Juli, die Wirtschaft bricht ein – und die „Klimaziele“ werden übererfüllt.
Wissen ist Ohnmacht
Die Obsession für den Klimawandel ist eine überwiegend westliche Marotte. Nirgendwo sonst geriet er dermaßen zur Ideologie. Außer in einigen Entwicklungsländern, weil die internationale Klimapolitik die „Umverteilung des Weltvermögens“ verspricht. Die Funktion der Ideologien ist laut Niklas Luhmann, „das Handeln zu orientieren oder zu rechtfertigen“. Um nicht als bloßer (Irr)Glaube erscheinen zu müssen, soll sie sich mit Hilfe der wissenschaftlichen Expertise eine Legitimation verschaffen. Um ihren ausschließlichen Geltungsanspruch zu untermauern, so Luhmann, privilegiere „Ideologie eine bestimmte Kausalwirkung von Ursachen und Folgen“ und neutralisiere „alternative Erklärungsversuche“. Im Klimadiskurs findet genau das statt: Klimakritische Positionen werden durch Diskreditierung ihrer Vertreter als „Klimaleugner“ neutralisiert. Klima-Apokalyptiker dürfen die einzig wahre Meinung ungehindert verbreiten.
Luhmanns Erklärung verdeutlicht, warum es wenig bringt, mit wissenschaftlichen Argumenten gegen die Erderwärmung und den „Klimaschutz“ anzukämpfen. Doch ausgerechnet Schlüsselbegriffe der Klima-Ideologie führen ihren nichtwissenschaftlichen Charakter vor Augen. So steht der „Klimawandel“ zugleich für einen Kampf gegen den Kapitalismus, denn er ist Folge der Wachstumsökonomie, sowie der Ausbeutung von Natur und Ressourcen der Entwicklungsländer. Vor diesem Hintergrund fällt der eigentliche Klimawandel, der die gesamte Entwicklung der menschlichen Zivilisation begleitet und gestaltet hatte, nicht ins Gewicht.
Laut vorherrschender Lehre findet der Klimawandel infolge einer steigenden Konzentration des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2 ) statt. Aus ideologischer Sicht ist CO2 , dessen Anteil in der Luft eine verschwindende Größe von zirka 400 Moleküle pro Million Moleküle trockener Luft ausmacht, viel mehr als eine chemische Verbindung. Das Problem nur: Auch Methan trägt zum Treibhauseffekt bei und sogar stärker als CO2 . Doch warum schreit man dann nach Dekarbonisierung und nicht nach Entmethanisierung? Weil sich Methan nicht so gut mit der Industrie als Teufelszeug des Kapitalismus verbinden lässt. Es entsteht nicht beim Verbrennen fossiler Brennstoffe, die ein Feindbild antikapitalistischer und antiimperialistischer Linker sind, und kommt auch nicht aus den Auspuffanlagen der Autos. Keine der „erneuerbaren“ Energien, die Atom- und Kohlekraftwerke ersetzen sollen, hätte die Konzentration von Methan – und damit dessen Anteil am Treibhauseffekt – mindern können. Für die antikapitalistische Klima-Ideologie eignet sich Kohlenstoff am besten und ist als Gegenstand internationaler Verträge unverzichtbar.
Zur Deutungshoheit der Klimawandel-Begriffe gehört auch der Begriff des „Klimaleugners“, der mit der Verbindung zum Holocaust geframed, heute als Lobbyist dunkler Mächte an den Pranger gestellt wird. Die Funktion dieser Wortbildung ist, jede Kritik an dem „menschengemachten Klimawandel“ zu delegitimieren, sie als bezahlte Interessenvertretung der Energiekonzerne oder schlicht als rechte Verschwörung zu entwerten.
Die Folgen der „Klimarettung“
Als die bevorstehende Klimakatastrophe vor dreißig Jahren ausgerufen wurde und die Klima-Ideologie ihre Konturen anzunehmen begann, waren westliche Industriestaaten so gut wie die einzigen globalen Emittenten von Kohlendioxid, allen voran die USA. Nun hat sich die Situation ins Gegenteil verkehrt. Die stärksten Emittenten sind heute Schwellenländer wie China und Indien, die Bilanz der USA bessert sich zusehends, und die ganze EU mit 7 Prozent und insbesondere Deutschland mit 2 Prozent von CO2 fallen kaum noch ins Gewicht. Ungeachtet dieser dramatischen Verschiebungen tut unsere Politik so, als ob der Westen immer noch der Hauptsünder sei.
Im Jahre 2011 hat der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen, der von niemandem gewählt wurde, ein Gutachten mit dem Namen „Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation“ vorgelegt. Darin wird die Richtung, in die es gehen sollte, vorgegeben: weg von der kapitalistischen, hin zur postmateriellen Gesellschaft, in der Werte wie Selbstentfaltung, Umweltschutz und Nachhaltigkeit das höchste Gut seien. Die Utopie der Weltrettung wurde somit unter dem Begriff der Prämisse der „großen Transformation“ zum Ziel des politischen Handelns und zur Staatsräson der Republik.
Weniger als ein Jahrzehnt danach sieht der globale Wertewandel jedoch ganz anders aus. Die „große Transformation“ entpuppt sich als ähnlicher Fehlschlag wie einst der „große Sprung“ des chinesischen Diktators Mao. Wenn dasjenige Land, das 2 Prozent der weltweiten CO2 -Emissionen freisetzt, dessen Einsparungen von China in einer Woche zunichtegemacht werden können, den teuersten Strom hat und Schlüsselindustrien für entbehrlich erklärt, stimmt etwas mit der Wissensgesellschaft nicht. Längst fängt die Rettung der Welt in Form des „Klimaschutzes“ an, die Wirtschaft des Landes zu zerstören, ohne dass die Emissionen zurückgehen. Zugleich erleben wir die Vernichtung der Ökosysteme der Luft durch Windräder, die Vögel und Insekten abschlachten, die Abholzung und Entwertung ganzer Landstriche. Klimaschutz ist kein Umweltschutz, sondern das Gegenteil davon.
Klimawandel ist ein hochideologischer, subversiver Begriff, der eine Utopie der „Klimarettung“ zum Ziel des politischen Handelns und zum moralischen Gebot erhoben hat. Nach den Milliarden-Investitionen und garantierten Subventionen für wirtschaftlich nicht konkurrenzfähige Erneuerbare Energien bedient sie handfeste Interessen zahlreicher Profiteure aus der Politik, Zivilgesellschaft und dem mit ihnen verbundenen öko-industriellen Komplex. Klimaschutz ist ein Milliardengeschäft und eine Umverteilungsmaschine von unten nach oben, von den reuigen Europäern an die Eliten der Entwicklungsländer.
In dem Roman „Atlas shruggt“ (1957) der amerikanischen Bestsellerautorin Ayn Rand, der auf Deutsch „Der Streik“ heißt, verschwinden Unternehmer und Erfinder auf geheimnisvolle Weise, nachdem die sozialistische Regierung die Vergesellschaftung der Industrie beschließt. Die Wirtschaft bricht daraufhin zusammen, die Arbeitslosigkeit schießt in die Höhe.
Eigentlich sollten in Deutschland die Unternehmer gegen die absurden und ruinösen politischen Vorgaben streiken, anstatt sich Subventionen abzuholen. Doch für Unternehmen und Gehirne ist es heute viel einfacher, mit den Füßen abzustimmen, während der „globale Wertewandel“ auf sich warten lässt.

Ideologie lässt sich nicht wissenschaftlich widerlegen. Sie kann aber eine Gesellschaft, die sich von ihr leiten lässt, ruinieren.
[Sonja Margolina]

Der Text erschien bereits im Rotary Magazin.

Siehe auch Thorwalds Internetseiten

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