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Freitag, 12. Mai 2023

Das gutmütige Böse

Wer Interesse an Shakespeares Original hat, dem empfehle ich die hervorragende Verfilmung von Joel Coen, die auf AppleTV zu sehen ist.

"L’homme n’est ni ange ni bête, et le malheur veut que qui veut faire l’ange fait la bête".  Blaise Pascal  ("Der Mensch ist weder Engel noch Bestie, und leider wird er zur Bestie, wenn er sich zum Engel machen will")

 

 

 

„Alles in unserer Welt ist heute austauschbar“*
Ute Cohen interviewt Alain Finkielkraut
 
 
WELT: Monsieur Finkielkraut, Sie zeichnen ein düsteres Bild von einem dekadenten Frankreich, einem dekadenten Europa. Der Islamismus verwüstet den Westen, das Bildungsniveau sinkt. Wie sind wir so weit gekommen?
Alain Finkielkraut: Ich würde eher von einem im Niedergang begriffenen Europa sprechen als von Dekadenz. Dekadenz ist anders konnotiert, etwa mit einem ausschweifenden Lebensstil**. Wir befinden uns im Zeitalter des Nihilismus. Das haben zahlreiche große Philosophen bereits vor mir festgestellt, etwa Alexis de Tocqueville. Sein Buch „Über die Demokratie in Amerika“ (von 1835; d. Red.) ist eines der bedeutendsten Werke der modernen politischen Philosophie.
Die moderne Demokratie ist nicht nur ein System, sondern auch eine Bewegung, geleitet von der Idee der Gleichheit unter Mitmenschen. Keine einzige Hierarchie widersteht ihr. Das lässt sich am Begriff der Kultur zeigen: Die soziologische Bedeutung verdrängt die humanistische. Kultur ist nicht mehr der Schatz des menschlichen Gedächtnisses, sondern umfasst ohne Unterschied alle gesellschaftlichen Aktivitäten. Auch die Unterscheidung zwischen Bürger und Fremdem trübt sich ein. Hinzu kommt, dass wir in einer post-hitlerischen Gesellschaft leben und der Antirassismus unser Kompass ist. Dieser Antirassismus aber verkommt zum Alibi des Nihilismus.
WELT: Einer starken Gesellschaft kann ein äußerer Feind kaum etwas anhaben. Mit dieser Aussage beziehen Sie sich auf den antiken Geschichtsschreiber Polybios, der die These aufstellte: Keine Zivilisation falle einem Angriff von außen zum Opfer, wenn sie nicht schon durch ein inneres Übel geschwächt sei. Was ist das innere Übel der westlichen Gesellschaft?
Finkielkraut: Der Nihilismus. Ich muss mich aber auch auf einen heiklen, wenngleich unvermeidlichen Denker beziehen: Heidegger. Technik ist für ihn die Art und Weise, wie die Welt sich uns enthüllt. Alles in unserer Welt ist heute produzierbar, formbar und letztlich austauschbar. Besonders zeigt sich das beim Gendern und bei der Trans-Thematik. Menschen, die ihr Geschlecht wechseln möchten, werden zu Idolen, da mit ihnen sogar die Geschlechterdifferenz, die letzte Zone der Unverfügbarkeit, verschwindet. Alles wird zum Objekt einer Wahl. Alles ist formbar und manipulierbar.
WELT: Gleichzeitig scheint die Selbstzerstörung des Westens im Sinne einer „Unterwerfung“ in vollem Gange. Der Islam ist zur zweitgrößten Religion in Frankreich geworden, in vielen Städten sogar zur größten. Erweist sich der Humanismus, der eine Stärke des Westens war, heute als seine Schwäche?
Finkielkraut: Ja, vom umfassenden Begriff des Humanismus in der Renaissance verbleibt derzeit nur der humanitäre Aspekt. Man eilt in einer totalen Verblendung allen zu Hilfe, den Mittellosen und Benachteiligten, an erster Stelle den Migranten. Die kalkulierende Vernunft und die humanitäre Leidenschaft gehen von einer gemeinsamen Überzeugung aus: der Austauschbarkeit der Individuen. Individuen aber sind nicht austauschbar. Ein Volk hat auch ein kulturelles Erbe. Will man das nicht wahrhaben, erzeugt man gewaltvolle Zustände. In Frankreich spricht man von „verlorenen Gebieten“. Diese Gebiete wurden vom Islam erobert. Milan Kundera sprach schon vor Jahrzehnten von einem „gekidnappten Okzident“.
WELT: Literatur und Recht bewahren uns normalerweise vor ideologischem Denken. Derzeit, schreiben Sie, erlebten wir jedoch eine Kulturrevolution. Was genau meinen Sie?
Finkielkraut: Die literarische Perspektive der Dinge hat immer weniger Platz in unserer Gesellschaft. Es gibt Schriftsteller und Bücher, aber sie prägen uns nicht mehr. Man sieht das am Feminismus: In der #MeToo-Kampagne wirkten Frauen, als hätten sie alle die gleiche Erfahrung gemacht. Die Unterschiede verschwanden und wurden nicht mehr respektiert, als müsste sich die Welt auf die Konfrontation zweier Blöcke reduzieren: Herrscher und Beherrschte. Virginia Woolf hatte zu Recht beklagt, dass sich Frauen nicht in „Ein Zimmer für sich allein“ zurückziehen konnten. Heute verwandelt sich dieses Zimmer in einen großen gemeinsamen Schlafsaal der Schwesternschaft. Literatur gründet im Individuum. Die post-literarische Zeit aber löst das Individuelle im Allgemeinen auf.
WELT: Antirassistische Aktivisten und der politische Islam können auf Neofeministinnen und die Linke setzen, die Ihrer Ansicht nach jedes Maß und jeden Maßstab verloren haben.
Finkielkraut: Es ist absurd, dass inzwischen von einem einzigen Patriarchat die Rede ist: Ob Iran oder Deutschland, das wird alles in einen Topf geworfen. Die aktuelle Kritik am Patriarchat ist ein einziger Witz! Was Neofeministinnen heute Patriarchat nennen, ist die Zivilisation selbst. Man sollte sich wieder daran erinnern, dass Privatleben einen Eigenwert besitzt und dass Privates und Politisches nicht vermischt werden dürfen. Das Private ist nicht politisch.
WELT: Zeitgenössische Literatur erschöpft sich oft in einer soziologischen Anklage und Klage, so zum Beispiel bei Édouard Louis. Wird die Literatur so zugrunde gehen, frei nach T.S. Eliot, nicht mit einem Knall, sondern einem Wimmern?
Finkielkraut: Glücklicherweise beschränkt sich Literatur nicht auf Édouard Louis. Er sagte, wenn man nicht gegen den Rassismus anschreibe, brauche man überhaupt nicht zu schreiben. Schreibt man aber für oder gegen etwas, dann hat man das Feld der Literatur bereits verlassen. Ich dachte, die Zeit der politischen Schriftsteller wäre vorüber. Stattdessen kommt sie mit noch größerer Wucht zurück. Damals schrieben die Schriftsteller für die „gute Sache“ und standen damit nicht selten im Dienst totalitärer Regimes. Heute geht es ganz allgemein um Unterdrücker und Unterdrückte, wobei die Begriffe speziell definiert werden. Dennoch glaube ich nicht, dass die Literatur erlöschen wird. Ein Meisterwerk kommt einem Wunder gleich. Es wird immer gute Bücher geben, aber werden sie auch rezipiert werden?
WELT: Die Realität scheint durch Trugbilder und Scheinwelten ersetzt worden zu sein. Sie nennen dieses Phänomen nach Flauberts berühmter Romanfigur Madame Bovary: „Bovarysmus“. Was genau meinen Sie damit?
Finkielkraut: Wir verbringen unser Leben damit, uns Geschichten zu erzählen. Die Literatur erzählt uns Geschichten, damit wir selbst uns keine Geschichten mehr erzählen müssen. Literatur befreit uns von Wahnvorstellungen. Madame Bovary verlor sich beim Lesen in einer Traumwelt. Auch heute verlieren sich viele in Wunschvorstellungen. Die Frage ist aber, welchen Büchern wir Priorität geben. Je mehr sich die Literatur von uns entfernt, desto stärker werden unsere Trugbilder. 
WELT: Parallel zu diesen Scheinwelten konstatieren Sie einen Wahnsinn der Vernunft. Sehen Sie die Aufklärung in Gefahr?
Finkielkraut: Ich weiß nicht, ob ich nur auf die Aufklärung ziele. Wir sind die Erben eines dreifachen Nachlasses: des Humanismus, der Aufklärung und der Romantik. Wir müssen alle drei behüten und dafür sorgen, dass kein Bereich die Oberhand über den anderen bekommt. Habermas ist der Ansicht, dass die Romantik direkt zum „Dritten Reich“ führte. Nein, das ist ein Kurzschluss! Wir leben in sinnlichen Heimaten. Unsere Heimat existiert auch körperlich. Heimat bedeutet auch Fleisch und Blut.
WELT: Glauben Sie an Emmanuel Macrons Realitätssinn, an seine Fähigkeit, sowohl das islamistische Problem als auch die Verschlechterung der materiellen Lage der Franzosen in den Griff zu bekommen?
Finkielkraut: Ich bin mir nicht sicher, ob er das wirklich will. Er ist sich des demografischen Wandels bewusst, aber er will nicht zu weit gehen. Er will diejenigen, die um die nationale Identität besorgt sind, zufriedenstellen, aber auch diejenigen, die jegliche Form von Identität zurückweisen. Macrons Problem ist, dass er stets zwischen beiden Gruppen navigiert. Frankreich aber verdient eine Regierung, die zwei zentrale Probleme tatkräftig anpackt: die Migration und den Zusammenbruch des öffentlichen Bildungssystems.
WELT: Nicht wenige öffentliche Personen trauen sich nicht mehr, ihre Meinung zu äußern, weil sie Angst vor Mobbing haben. Sie hingegen wirken kämpferisch. Wie schaffen Sie es, aufrechtzubleiben?
Finkielkraut: Ich frage mich immer: Was hätte ich während der Résistance, während des Widerstands im Zweiten Weltkrieg getan? Hätte ich meine Angst überwunden? Ich weiß es nicht. Heutzutage gehe ich doch kein besonders hohes Risiko ein mit meiner Haltung. Ich bin alt. Was soll mir passieren? Mir liegt vor allem eines am Herzen: Ich möchte die Menschen, die mir am meisten bedeuten, nicht enttäuschen.
 

*Ernst Jünger sagte einmal, es gebe nichts Schlimmeres als wenn richtig und falsch einander ähnlich werden. Ich vermute, dass dieser Fall aber jedes Mal eintritt, wenn die menschliche Geschichte an einem die Welt erschütternden Wendepunkt angelangt ist. Es kommt dann zu optischen Täuschungen, die die ohnehin ständig vorhandenen Missverständnisse exponentiell vervielfachen und aufblähen.


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