Stationen

Montag, 15. Mai 2023

Hesperialismus

 

 

 

Wer Imperien verstehen will, muss Rom begreifen. Die eigentliche Macht Roms bestand nicht im Militär, sondern im Licht seiner Kultur. Als Rom seinen Rivalen Karthago unterwarf, war es der Hegemon des Mittelmeers geworden; aber erst, da Rom das östliche Mittelmeer erobert hatte, war es eine Weltmacht. Der Vorgänger der römischen Weltmacht bildet die alexandrinische Weltmacht, die jedoch schnell zerfiel. Was von Alexander dem Großen blieb, waren die griechischen Teilreiche, in denen die griechischen Eliten das Heft in der Hand hatten und die griechische Kultur und Sprache verbreiteten – noch im Römischen Reich galt Griechisch als Amtssprache des Ostens.

Diese Hellenisierung beendete erst die Romanisierung. Die Römer übernahmen auch Teile der griechischen Kultur, keine Frage; dennoch erfolgte hier eine Zäsur, in dessen Folge Rom unangefochten für 400 Jahre den Status einer antiken Weltmacht hatte. Umliegende Völker wurden romanisiert, obwohl sie offiziell nicht zum Reich gehörten. Selbst die Germanen, die in Deutschland noch immer als Widerständler dargestellt werden, waren eher Verbündete denn Feinde. Im regen Handelsaustausch übernahmen tributpflichtige Nachbarn und die Vertreter von Klientelstaaten die römische Kultur. Die Romanisierung war damit Zeichen eines „weichen Imperialismus“.

Hier zeigt sich die wahre Macht Roms: denn obwohl 476 das Westreich fiel, hatten selbst die romanisierten Germanen (vulgo: die Deutschen) nichts Besseres zu tun, als dieses mit Karl dem Großen wiederzubegründen und 1.000 Jahre lang weiterzuführen. Die Franken ließen römische Säulen nach Aachen schaffen und knüpften immer wieder an die Tradition römischer Imperatoren an. Die Romidee war so gewaltig, dass sie Jahrhunderte überdauerte, ja, sogar den Alltag prägte, wenn man vom Christentum als alltäglichste Tradition des Imperium Romanum denkt.

Ähnliches lässt sich für das andere Weltreich sagen: Chinas Größe fußte nicht nur auf der gewaltigen Anzahl seiner Bevölkerung oder der Weite seiner Fläche, sondern vor allem auf seinem Einfluss. Die Völker Indochinas, die Koreaner und Japaner übernahmen Religion und Kultur aus dem Reich der Mitte, sogar die Architektur inspirierte sich an chinesischen Vorbildern. Das ist der Grund, warum der Europäer glaubt, eine „ostasiatische Kultur“ ausmachen zu können; ähnlich wie die Chinesen noch lange Zeit Europa als Daqin bezeichneten: Rom!

Umso begreiflicher dürfte es werden, wie wenig von unserer eigenen europäischen Identität – ob regional, national oder zivilisatorisch – bleibt, wenn wir uns vom römisch-griechischen und christlichen Erbe entfernen. Je größer die Distanz zu diesem Erbe wird, umso weniger Europäer wird man. Eigentlich – so muss man feststellen – wird man gar nichts. Am Ende bleibt der pure Relativismus. Richard Strauss meinte einmal, dass eine Person, die Homer nicht gelesen habe, kein Mensch sei.

In diesem Augenblick erklärt ein Blick in das EU-Parlament, wie wenig Europäer eigentlich dort drinnen versammelt sind, als vielmehr die Anhänger einer EU-Ideologie; und gespielt erschrocken stellt man fest, dass die EU tatsächlich das Gegenteil von Europa ist.Kommen wir zurück zum weichen Imperialismus. Nach einem jahrzehntelangen Konflikt, der durchaus mit dem von Rom und Karthago vergleichbar ist, und in der zwei Reiche ihre jeweilige Vorherrschaft auf der Welt als Einflusszonen absteckten, glaubt sich die USA als Hegemon. Wie oben gezeigt, macht es das aber nicht automatisch zur Weltmacht, bevor nicht der Osten ebenfalls dazugehört (ja, wortwörtlich!). Die Amerikanisierung hat dabei in Deutschland solche Ausmaße angenommen, dass man wohl halber Italiener sein muss, um sie wirklich zu begreifen.

Es mutet vielleicht bieder an, aber wenn man selbst nicht mehr zum Geburtstag „Zum Geburtstag viel Glück“, sondern lieber „Happy Birthday to you!“ singt, dann kommt man ins Nachdenken. Ein Italiener würde das allein wegen der miserablen Englischkenntnisse nicht hinbekommen. Das mag man als Ignoranz verstehen, ist es vermutlich auch. Aber auch ignoranter, unbewusster Widerstand, bleibt Widerstand.

Ich habe in einem anderen Beitrag, Beim Schneiden der Tomaten, bereits aufgezeigt, wie sehr die Esskultur Teil an unserern wirklichen Kultur hat. Gerade Deutschland – wo Essen als Zweck, als Effizienz, als unwichtiges Intermezzo angesehen wird – ist hier sehr empfänglich. Der Wert des Essens wird nicht wahrgenommen – wo wir doch im besten Falle dreimal täglich dieses Ritual begehen. Welches alltägliche Ritual im Leben vollführen wir sonst dreimal am Tag? Womöglich nur das Gebet, wenn man fromm ist (und damit geht es ja erst recht zurück).

Das heißt: wir sind nicht nur das, was wir essen; vielmehr existiert ein kaum so unscheinbarer Prozess, der uns mehr prägt als dieser, und das völlig unterbewusst.

Das Essen ist jedoch den Anhängern der romanischen Kultur heilig, allen voran dem Italiener. Bis heute kann man zu geringem Preis immer noch formidabel speisen. Und jedweder Kulturimperialismus aus Amerikanien beißt sich hier die Zähne aus.

Der einsamste McDonalds der Welt steht im Gaumenparadies Mantua: direkt am zentralen Platz der Stadt in bester Lage, eingerahmt von vollbesetzten Gaststätten, wartet dort eine einzelne Bedienung gelangweilt an der Kasse – hoffnungslos.

Insofern kann mich die Nachricht, dass Starbucks es nicht schafft, in Italien Fuß zu fassen, nicht verwundern. Eher muss man sich fragen, wie entfernt vom Leben einige Leute sein müssen, sich diese Frage zu stellen. In Italien bekommt man an jeder Ecke Kaffee auf höchstem Niveau, und wenn jemand mehr als 2 Euro verlangt, ist das Gesprächs- und Aufregerthema. Danach ist der Laden verbrannt, zumindest für das Gros der Kundschaft (Touristen kann man ja immer abzocken).

In Italien existieren – wie einst in allen europäischen Ländern – kleine und mittlere Unternehmen, welche die Hauptlast tragen. Das ist bei diesem Geschäftszweig nicht anders. Und wer Italiener mal in der Bar beobachtet, der weiß, dass jeder, wirklich jeder, eine Sonderbestellung hat. Jeder will seinen Kaffee individuell gestaltet. Zumindest der echte Italiener. Ich war nie in einem Starbucks-Laden, aber spätestens an dieser Anarchie würden die meisten Bedienungen schon verzweifeln, wenn sie die vielen Bestellungen aufnehmen müssen. Bruno Bozzetto, der Erfinder von „Signore Rossi“, hat es mal passend auf den Punkt gebracht.

 


Geradezu lächerlich wirkt dann das Argument, dass Italien bisher keine eigene, internationale Kette aufgebaut hätte, weil die Bedienung klauen würde. Italien eben. Aber jetzt mal ernsthaft: eine internationale italienische Kaffeehauskette würde doch im Ausland operieren. Heißt, gerade eine italienische Kaffeehauskette wäre im Ausland effizienter als daheim. Logik? Sam, bitte übernehmen Sie.

Vielmehr hört man doch da den Vorwurf raus, Italien sei es sowieso nicht wert, erobert zu werden. Das Argument kennen wir ja noch aus dem alten Rom…  Marco Gallina 

 

 

 

 

 

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