Stationen

Donnerstag, 18. Mai 2023

Harald Lesch und Patrick Graichen

Nachrichten von Lesern, die Links enthalten, sind häufig mit Arbeit verbunden. So auch diese neueste Bitte, eine halbe Stunde meines Lebens mit einem TerraX-Video zu verschwenden, in welchem Professor Harald Lesch den ZDF-Zuschauern erklärt, was es denn nun auf sich habe mit dem Heizungsverbot, der Wärmepumpe und dem ganzen Rest. „Heizungsverbot, und jetzt? Wärmepumpen und Wasserstoff im Check!“ heißt das Werk und bevor gleich Einwände des Kalibers „Weiß man was kommt, muss man nicht gucken“ kommen: doch, muss man. Es sei denn man scheut das Argument oder hat keins oder fühlt sich zu schwach, die ungeschützten Ohren und Augen der Propaganda auszusetzen. Zeitmangel lasse ich natürlich gelten und den Tagesbefehl des Energiesparens. Denn wenn ich mir die Zeit nehme, müssen Sie das ja nicht mehr tun, liebe Leser.

Außerdem halte ich nichts von Verbannungen, Denkverboten und Pauschalierungen und werden den öffentlich-rechtlichen Propagandaprofessor der Energiewende trotz seiner ideologischer Verschraubtheit als kompetenten Erklärer astrophysikalischer Naturgesetze in Erinnerung behalten, ganz egal, wie politisch er mir in seinem neueren Betätigungsfeld kommt. Er sendet schließlich genug Warnzeichen, wann es notwendig ist, den eigenen neugierigen Geist mit einer Firewall aus Skepsis zu umgeben. Immer nämlich, wenn von „die Wissenschaft“ die Rede ist. Oder er einen Satz mit „ich als Wissenschaftler“ beginnt. Und damit spart er ja bekanntlich nicht.

Der Zufall wollte es, dass ich zeitgleich zum Lesch-Video auch einen Artikel von Alexander Wendt fand. Ein Satz aus diesem könnte man als Zusammenfassung der Wirkabsichten des Lesch-Videos, ja, des ganzen Lesch in seiner öffentlich-rechtlichen Energiewendegestalt verstehen: „[Die] Idee liegt darin, durch einen Masseneinsatz von Gegenangriffen, Behauptungen, Falschbehauptungen und Verdrehungen die unerwünschte Kommunikation der Gegenseite regelrecht wegzuspülen. Es kommt nicht auf die Qualität der Wortmeldungen an, sondern auf eine möglichst hohe Zahl, auf Druck und den Willen, die öffentlichen Kommunikationszone so weit wie möglich von echten Debatten zu säubern.“

„Flood the zone with shit“ nennt man diese Methode, wobei man das mit dem Exkrement nicht zu wörtlich nehmen sollte. Lesch ist viel zu intelligent, um einfach Mist zu erzählen. Die Fakten für sich genommen stimmen in den meisten Fällen. Er erklärt, dass das neue Heizungsgesetz nicht von Verboten spricht. Das ist richtig, beruhigt aber kaum, weil er Stück für Stück – und zwar ebenfalls korrekt – die Alternativen zur Wärmepumpe als ineffizient, utopisch oder zu teuer abräumt, um die geforderten 65% „erneuerbare“ Energien im Mix zu haben. Warum eigentlich nicht 70% oder 72,5%? Was sagt „die Wissenschaft“ dazu? Aber ich schweife ab. Zwischen den Zeilen steht: natürlich gibt es keinen Zwang zur Wärmepumpe, aber alles andere ist noch teurer und wird euch noch weniger gefallen, also macht jetzt mal hin. Es ist, als stellte einen der Folterknecht vor die Wahl zwischen Streckbank und Daumenschrauben, risse amüsiert die Hände in die Luft, sagt „Ihre Wahl…“ und machte sich ans Werk, ihrem „Wunsch“ zu entsprechen.

90% des Energiebedarfs unserer Wohnungen und Häuser entfallen auf Heizung und Warmwasser sagt Lesch. Was natürlich stimmt und ihn dazu ermuntert, dieses kleine Problem der Lösung zuzuführen. Betrachtet man Leschs viele Videos zur Energiewende einzeln und nicht im Zusammenhang, fühlt man sich als Zuschauer wie ein Kind, das mit zwei Mark Taschengeld in der Hand loszieht und im Kopf durchspielt, davon Eis, Schaumwaffeln und ein Spiderman-Comic zu kaufen. In der Realität reicht das Geld leider nur für eines, selbst wenn man im Kopf dreimal dieselbe Münze ausgegeben hat. In Leschs Erklärvideos greift er stets einen Teilaspekt der Weltrettung vor dem bösen CO2 heraus, gibt aber stets dieselben „zwei Mark“ aus, welche die Energiewende in Richtung Sonne und Wind einbringt. Aber darauf kommen wir noch zurück.

Schon nach wenigen Minuten fällt auf, dass Experte Lesch sich eine andere Expertin an die Seite gezogen hat, die in kleinen Videoschnipseln Fragen beantwortet. Es handelt sich um Uta Weiß aus eben jenem Thinktank, der auch die Hälfte der Experten, Referatsleiter und Staatssekretäre im Wirtschaftsministerium bestückt und ohne den keine Tagesschau und keine Podiumsdiskussion komplett wäre: Agora Energiewende. Es scheint in Deutschland buchstäblich unmöglich zu sein, anderen Rat als jenen einzuholen, den diese „Agora“ anzubieten hat. Das muss diese „Wissenschaft“ sein, die da am Werke ist und alle Kritiker weggebissen hat.

Alternative Holzheizung

Holz als „erneuerbarem“ Energieträger gräbt die EU gerade sämtliche Privilegien ab. So wird demnächst auch auf Holz CO2-Steuer fällig. Wer vor kurzem noch in eine Hackschnitzel- oder Pelletheizung investiert hat, muss jetzt sehr stark sein. Holz sei nicht gut als Energieträger, höchstens ein schlechter Kompromiss, meint auch der Lesch. Schlechte Energiebilanz, Transportwege per LKW, schlechte Verbrennung, bei der Methan und das „brutales Treibhausgas“ Lachgas entstehen…vom Feinstaub ganz zu schweigen! Wald und Holz sollten wir sinnvoller nutzen, gerade als Baumaterial! Ich stimme prinzipiell zu, aber klang das aus Leschs berufenem Munde nicht vor sehr kurzen vier Jahren noch ganz anders? Damals, in einem Land vor dem Gasboykott und Krieg in der Ukraine, als wir genau zu wissen glaubten, wie die Energiewende zu funktionieren hat, ging es ihm in einem anderen Video darum, wie wir gleichzeitig aus Atomenergie und Kohle aussteigen können, um den Sektor der Elektroenergieerzeugung in toto auf „erneuerbar“ zu bürsten.

Damals wollte Lesch noch ein Drittel der abgeschalteten Erzeuger durch das ersetzen, was man aus der „ungenutzten“ Ressource deutscher Wald herausholen könne. Zur Energieerzeugung durch Verbrennung. Natürlich nur so viel, wie nachwächst! Von Lachgas, Methan und Feinstaub war damals keine Rede. Leschs Video fand damals ein begeistertes Publikum, das es gar nicht mochte, dass Leute wie ich seine Ideen etwas genauer unter die Lupe nahmen. In der Retrospektive sind einige Kommentare der Leschfans unter meinem Artikel geradezu köstlich naiv.

In vier Jahren hat sich Lesch also von „Wald sorgt für ein Drittel der fehlenden Energie“ zu „Besser nicht machen“ entwickelt. Eigentlich ist das gut und zeugt von Flexibilität und Lernfähigkeit. Aber was sagt das über seine Expertise aus, Zeitpunkte richtig zu erkennen, an denen ein ganzes Land alternativlos dies oder jenes machen soll? Man stelle sich nur vor, wir hätten vor vier Jahren auf Harald Lesch gehört! Was wohl der Lesch von 2023 mit dem Lesch aus 2019 machen würde? Höre ich da den Einwand, Lesch hätte 2019 versucht, die „Stromlücke“ zu schließen. Nun ginge es aber um die „Wärmelücke“! Dem verbrannten Holz dürfte doch wohl egal sein, oder? Und die Stromlücke, welche die abgeschaltete Kernenergie hinterlassen hat, füllt nun ausgerechnet die Kohle. Das ist natürlich viel besser!

Alternative Biogas

Vergessen wir mal, dass dieser Energieträger ein weiteres der Drittel ist, mit denen Lesch 2019 die Ausfälle aus Kohle und Atomausstieg kompensieren wollte. Denn auch hier hat der Lesch aus 2023 schlechte Nachrichten für Gasthermenfans und Wärmpumpenmuffel. Biogas ist energetisch ungünstig. Ich gebe außerdem zu bedenken, dass zur Erzeugung neben Energiepflanzen auch landwirtschaftliche Abfälle wie Gülle und Mist ins Kalkül gezogen werden, was angesichts des zeitgleichen Krieges gegen Viehhaltung und Fleischkonsum ein knapper werdendes Gut ist. Immerhin räumt Lesch ein, dass man mit Biogas Blockheizkraftwerke betreiben könnte. Wie großzügig, da Biogasanlagen bereits Blockheizkraftwerke sind!

Alternative Wasserstoff

Hier mal keine Einwände an Leschs Kritik. Wie gesagt, nicht alles ist ideologisches Rauschen. Viel zu wertvoll, zum Verbrennen ist der Wasserstoff, den man mit einem „Heidenaufwand“ und miesem Wirkungsgrad erzeugen, kühlen und komprimieren muss. Auch betriebswirtschaftlich ein Irrsinn, damit in der Breite Heizungen betreiben zu wollen – selbst als Beimischung zum Erdgas. Interessant in diesem Abschnitt ist folgendes Zitat:

„Wenn man eine Heizung installiert, rechnet man ja mit einer Betriebsdauer von etwa 20 Jahren. Das heißt, man legt sich fest. Baut man einen Kessel ein, der Wasserstoff verbrennen kann, ist das eine Wette darauf, dass das mit der Wasserstofftechnologie tatsächlich gelingt.“ Nicht nur Lesch glaubt nicht daran, dass es die „H2-ready-Wette“ jemals zur Auszahlung schaffen wird.

Alternative Wärmenetze

Fernwärme sein eine gute Alternative für die Ballungsräume, so Lesch. Doch die Realität sieht anders aus. Wo es Fernwärme gibt, ist sie ohnehin alternativlos. Stadtwerke etwa, die Fernwärmenetze betreiben, haben im Abnahmegebiet meist ein Monopol, da kann niemand einfach etwas anderes als eben diese Fernwärme als Heizung verwenden. Diese Lösung ist wahrlich nicht die schlechteste! Dass aber nennenswert Fernwärme zugebaut wird, ist eher Märchen oder Gerücht, angesichts der Industriepolitik dieses Landes. Industriebetriebe mit großem Aufkommen an Wärmeenergie wären ansonsten wie gemacht zum Betrieb solcher Netze. In Schweden etwa werden 57% aller Haushalte mit Fernwärme versorgt.

Lesch denkt bei Fernwärme natürlich wieder an die tiefe Geothermie, ein Zweimarkstück, dass er als drittes Drittel schon 2019 in der Hand hatte, um unsere Stromlücke zu schließen. In Deutschland schließt die tiefe Geothermie dank ungünstiger Geologie leider so gut wie keine Lücken. Wir leben nun mal nicht in Island. Was bleibt und tatsächlich Potenzial hat, ist nur die Kraft-Wärme-Kopplung über Biogasanlagen, was aber nur im Bestand und auch nur auf dem Land möglich ist. Der Zubau von Biogasanlagen kam aufgrund der Teller-oder-Tank-Kontroverse schon vor einiger Zeit zum Erliegen. Das wäre dann auch keine Fern-, sondern Nahwärme, die im Licht der Habeckschen Horrormaßnahmen hoffentlich das eine oder andere Dorf vor dem Kollaps der Immobilienwerte retten wird, sicher aber nicht die großen Städte, deren Einwohner Leute wie Habeck zu Macht verhelfen. Nein, Berlin! Nein, Hannover! Unser Biogas bekommt ihr nicht!

Alles nichts, außer Wärmepumpe

„Warum ist die Wärmepumpe ein solcher Schlager?“ fragt Lesch, nachdem er mal wieder das Gelingen jener großen Utopie beschworen hat, mit Photovoltaik und Wind genug elektrische Energie für einfach alles zu erzeugen. „Alles mit Strom“ ist die Devise und der muss selbst dann noch irgendwo herkommen, wenn man dieses „Wunderwerk der Thermodynamik“ (ich stimme diesem Lob gern zu) namens Wärmepumpe bis in die letzte Ecke des Landes ausgerollt hat. Wärmepumpe first, Kosten second, würde ein Haudraufpolitiker wohl sagen, um die Bedenkenträger zu beruhigen: „Wenn jetzt die Heizung getauscht werden soll, muss man nicht auf die Gebäudesanierung warten.“ In der Regel. Zwinker, zwinker. So sagt es uns Frau Weiß von der Agora Energiewende im Einspieler. Was soll sie auch sonst sagen? Rechnet das mal genauer durch? Bedenkt Verkehrswert, Bausubstanz und eure Kreditwürdigkeit? Finger weg vom Bestand? Anreiz ist der Strafe vorzuziehen? Agora Energiewende hat eine Mission zu erfüllen und solange in diesem Land noch zwei Steine aufeinander liegen, ist diese nicht vollständig. 

Der ganz heiße Scheiß

Doch mit all dem Leschwissen, warum nutzen bisher eigentlich nur 3% der Haushalte Wärmepumpen? Warum hat sich noch nicht rumgesprochen, wie toll Wärmepumpen sind? Keine Monteure, so Lesch! Das stimmt, unterstellt aber, dass wir alle liebend gern und längst Wärmepumpen hätten, sie nur nicht montiert bekommen. Wie war das doch gleich mit der technologischen Festlegung für 20 Jahre bei der „H2-ready-Wette“?

Szenenwechsel. Sie sitzen also beim Roulette der privaten Investitionen und setzen 20.000 auf Pelletheizung. Die staatlich-medialen Einflüsterer und Energieberater singen Halleluja. Das Rad dreht sich, die Kugel läuft. Sie entspannen sich und genießen ihren Martini. Plötzlich streicht der Croupier ihre 20.000 ein, schnappt sich die rollende Kugel und ruft „bitte machen sie ihre Einsätze. Wir empfehlen moderne Gansheizungen, damit kann man nur gewinnen“. Der Chor der Energieberater singt noch etwas lauter. Völlig verdattert setzen sie ihre letzten 12.000 auf „Gasheizung“, die Kugel rollt wieder. Und erneut streicht der Croupier ihr Geld ein und schubst die Kugel an. „Wärmepumpe“, neues Spiel, neues Glück. Wäre es vermessen zu behaupten, dass Sie jetzt ein kleines bisschen Vertrauen in die Spielregeln und den Croupier verloren haben und dass ihnen der Chorgesang auf die Nerven geht?

Kaum zu glauben, dass es eine Zeit gab, in der war eine private Investition in ein Heizsystem noch nicht Teil eines Glücksspiels oder einer Wette. Sicher, man konnte Havarien haben, die Betriebskosten konnten schwanken, aber niemand änderte die Spielregeln. Jedenfalls nicht im Bestand. Wenn Lesch doch nur unsere Zweifel zerstreuen könnte! Oder vielleicht sein Sidekick von der Agora? Schließlich erwarten die, dass 500.000 Wärmepumpen pro Jahr in Deutschland installiert werden, da ist in der von Personalmangel geplagten Heizungsbranche doch sicher jeder Ratschlag willkommen:

„Die Betriebe können sich zum Beispiel stärker spezialisieren, dann wird man schneller“, sagt Weiß und hat Glück, dass man Rohrzangen, Gewindeschneider und Ventile noch nicht per Mail nach ihr werfen kann.

Neben dem Personalmangel sind natürlich die Kosten der größte Haken. Gerade angesichts der politisch gesteuerten Strompreise. „Aber es gibt Hoffnung“, so Lesch. „Wenn die Energiewende gelingt, dann können wir langfristig mit sinkenden Strompreisen rechnen. Die Gaspreise werden – nicht zuletzt wegen des CO2-Zertifikatehandels – auf jeden Fall in Zukunft steigen.“ Lesch erwartet, dass die Strompreise sinken, wenn die Energiewende gelingt. Das „wenn“ ist in der Welt, denn auch wenn wir es nicht bemerkt haben: der Staat sitzt mit am Roulette Tisch und spielt mit unserem Geld. Wenn sie gelingt, die Energiewende, dann wird der Strom vielleicht billiger. Sehr wahrscheinlich ist beides nicht. Gas hingegen wird in jeden Fall teurer, das steuert der Staat schon so hin. Become „net-zero“ or die trying. Und für die Netto-Nullen unter uns hat Lesch auch einen Rat:

„Gerade diejenigen, die sich’s nicht leisten können, müssen unbedingt mitmachen. Unbedingt!“

Kein Geld zu haben ist nicht länger die Entschuldigung dafür, es nicht mit vollen Händen auf den Roulette Tisch zu werfen. Der Staat ruft „der geht aufs Haus“ und wer unter uns würde dem Staat am Roulette Tisch nicht vertrauen, der weiß doch sicher, was er…! Ich ziehe das Argument zurück.

Da jetzt wohl alles gesagt ist und wir Skeptiker, überwältigt von so vielen guten Argumenten, müde in den Seilen hängen, kommt uns Onkel Harald noch mit etwas Philosophie, um uns final hinter die Fichte zu führen. Einen „Granatensatz“ habe er da im Sinn: „Vertrauen reduziert Komplexität“. Nicht lachen! Das ist sein voller Ernst! Der Satz stammt mit Sicherheit eher aus Soziologie oder Theologie als aus der Philosophie. Erst recht würde jeder Ingenieur seine statischen Berechnungen vergessen, jeder Klempner vor Schreck metrische Muttern auf imperiale Gewinde schrauben und jeder Pilot seine Checklisten vor Lachen wegwerfen, wollte er Komplexitäten mit Vertrauen beikommen. Vertrauen reduziert Komplexität nicht wirklich. Vertrauen verdeckt Komplexität höchstens. Und haben wir es in Sachen Heizung nicht mit so profanen Dingen wie Betriebssicherheit, Technik und Physik zu tun? Warum versucht ein rein technisches Problem wie eine Heizung über einen moralischen Begriff wie „Vertrauen“ unsere Skepsis zu überwinden? Weil Vertrauen im ökonomischen Zusammenhang Planungssicherheit bedeutet, wie Lesch raunt? Wer plant da eigentlich und wer unterläuft diese Pläne ständig mit blankem politisch-ideologischem Aktionismus?

Aber, aber…Skandinavien!

Beispiele, es müssen Beispiele her! Und sei es nur, um ganz im Sinne des Zitats von Alexander Wendt von weiter oben die Skepsis unter einem See aus Bullshit zu begraben. Skandinavien! Schaut nach Skandinavien und die vielen Wärmepumpen dort! Aber gerade in Schweden mit seinen ausgeprägten urbanen Gebieten und dünn besiedeltem Hinterland ist Fernwärme die Wärmequelle Nummer eins. Wärmepumpen gibt es natürlich zuhauf, ebenso allerdings Strompreise zwischen umgerechnet 5 und 8 Eurocent pro Kilowattstunde. Und zwar in der Gegenwart und nicht erst in der Zukunft, wenn irgendeine Wende gelingt. Den bitterkalten Rest des Heizbedarfs deckt Holz.

Aber Frankreich! Da wurden im letzten Jahr 460.000 Wärmepumpen installiert. In Italien sogar 500.000! Die meisten dürften Luft-Luft-Wärmepumpen sein, die man früher einfach Klimaanlagen nannte – und je weiter nach Süden man kommt, umso mehr wandelt sich das Heizproblem in ein Kühlproblem. Die Wärmepumpe kann beides, was schon irgendwie genial ist. Mal abgesehen vom Strompreis in Frankreich und Italien will uns Herr Lesch doch sicher nicht verkaufen, dass ausgerechnet dort die Zahl der installierten Wärmepumpen irgendetwas damit zu tun hätte, dass die Bürger bei der Lösung ihrer Heiz- und Kühlprobleme dem Staat besonderes Vertrauen entgegenbrächten!

Aber, aber…die Industrie…orakelt Lesch weiter. „Viele Wärmepumpen einbauen lassen ist sogar eine industriepolitische Entscheidung, denn wir haben namhafte Hersteller für Wärmepumpen in Deutschland. Wir müssen sie nicht aus China importieren“. Eine staatlich forcierte Nachfrage, flankiert sogar mit Technologieverboten, üppigen Subventionen und einem engen Zeitkorsett und Kaufzwang…diese Mischung ergäbe für Wärmepumpen den „Solarboom“ der Nullerjahre auf Speed – und wir wissen ja, wie gut das damals funktionierte und chinesische Hersteller aus unserem Markt für Solarpaneele ferngehalten hat. Viessmann hat schon vor dem Startschuss die Segel gestrichen.

„Ich als Wissenschaftler…“

Ganz zum Schluss, da er uns zu Wärmepumpengläubigen gemacht hat, schwelgen wir zusammen mit Harald Lesch noch in postfaktischen Fantasien, wie sie sich „die Wissenschaft“ nur leistet, wenn sie die neuesten Zeitmaschinen von „Wish“ ausprobieren. Sein Lieblings-Gedankenexperiment: „…hätten wir uns in den 50er Jahren schon für die erneuerbaren Energien entschieden. Also statt Kernkraft, Windkraft, zum Beispiel. Was für eine Entscheidung!“

Die 50er Jahre sind nun schon gut 70 Jahre her, da ist postfaktisch leicht zu kritisieren. Vielleicht waren die Menschen damals dumm, glaubten ihren Politikern zu sehr oder waren sämtlich von der Atom-Fossil-Lobby bezahlt? Vielleicht sind Prognosen aber einfach nur schwer, wenn sie die Zukunft betreffen. Beim Wetter klappt das für einige Tage ganz gut, die Klimaretter trauen sich zu, ganze Jahrhunderte nach vorn blicken zu können und Harald Lesch rümpft indirekt die Nase über (nach seiner Meinung falsche) Entscheidungen, die vor 70 Jahren nicht gefällt wurden. Ich würde heute ja auch in den Mediamarkt des Jahres 1997 laufen, meinem früheren Ich das Nokia-Telefon aus der Hand schlagen und mir raten, doch lieber das neueste iPhone zu kaufen.

Mein Lieblings-Gedankenexperiment ist jedoch folgendes: hätten wir uns vor vier Jahre dazu entschieden, unsere „erneuerbare Stromversorgung“ so zu gestalten, wie Harald Lesch es 2019 vorgeschlagen hat und ein Drittel der durch Kohle- und Atomaussieg vakanten elektrischen Energie aus unseren Wäldern geholt, ein weiteres aus der Biomasse und ein drittes aus tiefer Geothermie…der Harald Lesch aus 2023 wäre nicht gerade begeistert.

Aber das wird sich doch lohnen, oder?

Nun darf man das alles natürlich nicht allein aus ökonomischer Sicht betrachten. So heißt es meist von Seiten derer, die mit Ökonomie nicht viel am Hut haben oder Probleme gern vereinfacht, isoliert und abstrakt betrachten. Auch jene, die mit zwei Mark in der Hand Eis, Waffeln und Comics kaufen gehen, sehen das gern auf diese Weise. Und geht es nicht um alles? Ist nicht die Einsparung von CO2-Emissionen des Bürgers höchste Tugend? Muss nicht „Netto-Null“ all unser Streben sein? Was sind schon ein paar Phantastilliarden, zerstörte Privatvermögen, kaputte Industrien und eine weitere technologische Lernkurve, die wir der ganzen Welt spendieren, gegen die dank Heizungshammer nicht begangenen Klimasünden? 753 Millionen Tonnen CO2 pustete Deutschland im Jahr 2022 in die Luft, davon wird das neue Gesetz doch sicher einiges wegbeißen, oder?

Dietmar Bartsch von den Linken wollte genau dies über eine Anfrage an das Wirtschaftsministerium genauer wissen:

„Mit welchen CO2-Einsparungen rechnet die Bundesregierung durch das geplante Einbauverbot von Öl- und Gasheizungen (bitte gesamt und jährlich angeben von 2024 bis 2030) und welchen zusätzlichen Strombedarf würde nach Kenntnis der Bundesregierung ein Einbauverbot von Öl- und Gasheizungen verursachen (bitte gesamt und jährlich ab 2024 bis 2030 angeben)?“


 

Es war übrigens der gerade geschasste Staatssekretär Patrick Graichen, der am 3.4.2023 antwortete. Im Jahr 2030 wird der vorläufige Spitzenwert der Einsparungen mit 10,5 Millionen Tonnen erreicht sein. Das sind dann atemberaubende 1,35% unserer jährlichen Emissionen (bezogen auf 2022). Wir werden also 1,3% von den mickrigen 2% abknabbern, für die Deutschland weltweit verantwortlich ist und diese auf nur noch 1,975% reduzieren. Na, wenn das nicht einen weiteren fetten Einsatz auf Pump am Roulette Tisch wert ist! Rien ne va plus, die Kugel rollt, der Wechsel liegt auf Grün! Alles, was es jetzt noch braucht, ist Vertrauen in den Croupier.    Roger Letsch



 

 

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