Stationen

Samstag, 15. Juni 2019

Deutschland hat keine Elite mehr

Vorgestern radelte ich noch entlang der Etsch, und gestern schon fragte man mich, weshalb ich denn die Hymne nicht mitsänge; ich hätte ja die Strophe, worin die Etsch als Südscheide gen Welschland ihren heiklen Platz hat, weglassen können, aber warum verschlösse ich mich bzw. meinen Mund auch der dritten? Sei ich denn ein Özil oder Boateng?
So schnell wird man vom Festredner zum Festochsen! Ich musste den braven Mann, einen Alten Herren einer für mich Unkundigen nicht identifizierbaren Verbindung, mit der Bemerkung abspeisen, dass ich eben nicht sänge, also nicht im Chor und mit der Menge, daheim unter der Dusche oder beim Revierreinigen nähme ich es mit jeder Wagner-Partie auf, Isolde und Brünnhilde inbegriffen. Ja, und die Senta erst! Joho-ho-hé! Aber die Nationalhymne? Ich könne sie so wenig mitbrummeln, wie es mir widerstrebe, an der hl. Kommunion teilzunehmen, ich sei eben ein vernagelter Querulant, dem die Kollektivisten im deutschen Gottesstaat der Atheisten jeden Impuls ins Gemeinschaftliche abdressiert hätten. In mir habe für alle Zeiten der solitäre, womöglich solitaristische Knall obsiegt. Anders bei Özil, der habe deshalb nie mitgesungen, weil er einem anderen Kollektiv angehört, dort falsettiere er bestimmt brav zu Cümbüş, Kabak-kemâne und Sackpfeife (Tulum). Boateng indes hätte gewollt, konnte sich aber bloß den Text der ersten beiden Strophen merken, und die kamen nie dran. Aber ich singe nicht und kann nicht anders, hätt’ Allah mich bestimmt zum Hymnenmitsinger, so hätt’ er mich als Hymnenmitsinger geschaffen. Hergottsakra!
Wo die Szene spielt? Hier, zumindest ausschnittshalber (ich fand das Foto auf twitter):



Der eher unburschikose Redner, dessen anthrazitfarbenes Einstecktuch vom Mikrophon verdeckt wird, spricht auf dem Burschentag der Deutschen Burschenschaft in Bachs Geburtsstadt. Die so fesch kostümierten Herrschaften auf dem Podium blieben übrigens während meines gesamten Vortrags stehen, was mich anfangs etwas irritierte – mein Publikum, wenn es sich schon nicht vor Kaminen auf Eisbärenfellen räkelt, soll wenigstens sitzen –, doch schließlich stillte mich die Erwägung, dass ich ja selber stünde. An jenen Stellen, wo der Applaus fällig wurde, rasselten die auf dem Podium mit ihren Degen, während im Saal teils heftig auf die Tische geklopft wurde. Hier bzw. dort herrscht noch Manneszucht. Als kärgliches Honorar hatte ich mir ein Fläschchen Château d’Yquem ausbedungen; es wurde stillschweigend substituiert durch einen Spätburgunder von immerhin Bercher und einen dem Yquem schon, wenn auch nicht preislich, näher kommenden badischen Gewürztraminer im Präsentkorb. O tempora, o mores! (Einen Video-Mitgeschnitt gibt es diesmal nicht; wer sich für das krude Zeug interessiert, das ich vortrug, findet es, leider eben ohne sekundierendes Waffengeklirr, hier.)
Zur Hymne denn also. Alle drei Strophen wurden am Ende gesungen, zum elektrischen Pianoforte, derweil ich mit vernähtem Munde immerhin halbwegs strammstand, wobei mich bei der ersten Strophe durchaus sacht der Haber stach, wenn nicht gar der Habermas!, meinen Mund doch aufzutun. Die erste ist ja, ästhetisch betrachtet, eindeutig die beste. Zwei und drei sind Kitsch. Aber gut, eine kitschige Hymne, das ist ein weißer Schimmel oder ein grüner Gauner. Deutschland wiederum ist das einzige Land der Erde, wo nach Polizei und Verfassungsschutz gerufen wird, wenn jemand die vollständige Nationalhymne singt. Deutschland ist aber auch das einzige Land der Erde, das zwei Weltkriege und obendrein noch in der Vorrunde gegen Südkorea verloren hat; da wird man halt irgendwann meschugge.

Die erste Strophe gilt heute als revanchistisch, weil sie geographisch akkurat den deutschen Sprach- und Kulturraum umreißt, den Gevatter von Fallersleben weiland als einiges Land ersehnte, und man weiß nicht recht, was aus heutiger Warte daran falsch sein sollte, denn es herrschten ja dann Buntheit und Weltoffenheit, Energiewende und Willkommenskultur, Greta und Grüne von der Maas bis an jene Memel, an welcher jetzt Russen, Weißrussen und Litauer den Fortschritt behindern wie in anderen einstmals deutschen Ostlanden die störrischen Polentrolle. Man stelle sich vor: Merkeldeutschland in den Grenzen von 1937! Doch die Amtsvorgänger von Trump, Putin und der Brexiteers hatten etwas dagegen. Die zweite Strophe gilt als besonders kitschig, was dem deutschen Weißwein gegenüber ungerecht ist. Die dritte mag ich nicht mehr hören, seitdem ich weiß, wer sie sonst noch singt.
Sela, Hymnenende.


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Ein Moslem hat die Chance zu sagen, es sei gegen Gott. Unsereiner hat allenfalls die Chance zu sagen, ein Moslem habe die Chance zu sagen, es sei gegen Gott.


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Die FAZ teilt mit: „Rund 7,8 Milliarden Euro konnte das Berliner Entwicklungsministerium im Jahr 2016 ausgeben. Im selben Jahr haben Migranten umgerechnet 17,7 Milliarden Euro aus Deutschland zurück in die Herkunftsländer überwiesen. Das waren rund 6,5 Milliarden mehr als noch im Jahr 2007, wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der AfD-Bundestagsfraktion hervorgeht.“
Zurück überwiesen. So so. Ich schlage vor, dass die Wahrheits- und Qualitätspresse künftig schreibt: Alle Asylbewerber erhalten in Deutschland ab sofort Sozialhilfe und Aufenthaltsrecht zurück.


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Übermacht, ihr könnt es spüren,
Ist nicht aus der Welt zu bannen;
Mir gefällt zu konvergieren
Mit Gescheiten, mit Tyrannen.
Da die dummen Eingeengten
Immerfort am stärksten pochten,
Und die Halben, die Beschränkten
Gar zu gern uns unterjochten.

(Goethe)


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Man überlege, was ein Kleist aus dem Mariechen von Freiburg, dem Fall der Familie Ladenburger, gemacht hätte! Und welche wohlfeilen Proteste auf der Buchmesse dagegen hätten organisiert werden können!     MK

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