Stationen

Samstag, 15. Juni 2019

Odnung, Unterschied, Distanz

Alle pochen heute zu Recht auf ihre Menschenwürde. Doch Würde setzt Freiheit voraus, und Freiheit schafft Ungleichheit, denn sie individualisiert. Und einige Lebensformen sind eben erfolgreicher als andere. Der moderne Rechtsstaat, der die Freiheit des Einzelnen schützt, eröffnet jedem die Möglichkeit, seine Talente und Eigenschaften zu entwickeln. Damit fördert die Freiheit aber nicht die Gleichheit, sondern die höchst individuelle Entfaltung der Persönlichkeit gerade in dem, worin die Menschen ungleich sind und sich durch diese Bildung noch ungleicher machen. Die Freiheit des Einzelnen ist sein Recht, sich von anderen zu unterscheiden. Und die liberale Demokratie sichert die rechtliche Gleichheit aller Menschen als Basis für die freie Entfaltung ihrer natürlichen Ungleichheit. Die Gleichheit vor dem Gesetz schließt nicht Ungleichheit aus, sondern Willkür.
Das müßte eigentlich jedem denkenden Menschen einleuchten. Aber die Moderne ist von einem intellektuellen Virus befallen, den der brillante israelische Militärhistoriker Martin van Creveld The Impossible Quest nennt: die unmögliche Suche nach der Gleichheit. Sein neuestes Buch bietet ihre Kulturgeschichte. Für Creveld ist sie präzise datierbar, denn sie beginnt erst mit dem Urvater des Liberalismus, Thomas Hobbes, der die Gleichheit aller Menschen aus der Angst vor dem gewaltsamen Tod begründet hat. Hilflosigkeit, Abhängigkeit, Hinfälligkeit, Übermacht und Feindseligkeit machen Angst. Deshalb wollen die meisten Sicherheit statt Freiheit. Darauf hat sich das politische System seit den Tagen von Thomas Hobbes immer konsequenter eingestellt. Im Wohlfahrtsstaat hat es den Menschen die Freiheit abgekauft, nämlich für das Versprechen der Sicherheit und Gleichheit. Und in der Tat bringt die fröhliche Sklaverei unter kapitalistischen Bedingungen fast allen einen akzeptablen Lebensstandard und sehr hohe Lebenssicherheit.

Natürlich reicht Crevelds Kulturgeschichte viel weiter zurück, aber doch nur, um zu zeigen, wie fremd dem antiken und mittelalterlichen Menschen die Idee der Gleichheit war. Das liest sich flüssig und belehrend. Aber richtig spannend wird das Buch erst nach zweihundert Seiten, nämlich mit der Analyse der Gegenwart, die durch eine gleichheitsinduzierte Tyrannei der Minderheiten und umgekehrte Diskriminierungen – z. B. der »alten, weißen Männer« – gekennzeichnet ist.
Dem modernen Gott der Gleichheit werden alle Unterschiede geopfert: zwischen Männern und Frauen, zwischen Begabten und Mittelmäßigen, zwischen Migranten und Asylanten. Alle gelten nur noch als Menschen mit gleichen Ansprüchen, und zwar unabhängig von Leistung und Verdienst. Die Behandlung des Ungleichen als Gleiches wird heute als Wert konzipiert – die Kinder und die Erwachsenen, die Armen und die Reichen, die Kleinen und die Großen, die Dummen und die Klugen. Der Geist der Politischen Korrektheit läßt sich deshalb auf eine ganz einfache Formel bringen: Wahrheit ist relativ. Politische Korrektheit kämpft nicht gegen die Unwahrheit, sondern gegen die Intoleranz. Nichts und niemand soll verachtenswert sein. Der gesunde Menschenverstand sagt einem aber: Man kann nicht das Gute finden und bewundern, ohne das Schlechte mit zu entdecken – und zu verachten. Es gibt Dinge, die besser sind als andere. Es gibt Kulturen, die fortschrittlicher und humaner sind als andere. Und es gibt Menschen, die anderen überlegen sind.
Die Gleichheit durch das Gesetz ersetzt heute die Gleichheit vor dem Gesetz. Mehr Gleichheit durch Umverteilung scheint deshalb die selbstverständlichste politische Forderung zu sein, und tagtäglich findet sie in den Massenmedien Resonanz. Bei der Wahrnehmung der Ungleichheit ist ja der Filter der Stände und Kasten weggefallen – jeder ist ein Mensch wie du und ich. Und das macht jede Ungleichheit tendenziell zum Skandal. Der soziale Vergleich erzeugt Neid und läßt die Erwartungen explodieren. Und in dieser Gleichheitssucht steckt die größte Gefahr der modernen Demokratie, nämlich die Verlockung, einer Ungleichheit in Freiheit die Gleichheit in der Knechtschaft vorzuziehen. Und so endet Crevelds Buch denn auch mit der Befürchtung, Nietzsches »letzter Mensch« könnte tatsächlich das letzte Wort der Kulturgeschichte der Gleichheit sein.
Begabung läßt sich nicht umverteilen.
Soziale Unterschiede sind der Preis der Freiheit

»In vielen der selbst ernannten fortschrittlichen Länder hat sich die Gleichheit zum eifersüchtigsten und rachsüchtigsten Gott aller Zeiten entwickelt. Zwar fordert er keine Blutopfer und Gebete; er verlangt aber bestimmte Anstandsregeln, Akzeptanz für sein Dogma und eine nie enden wollende Fähigkeit zur Scheinheiligkeit und zur Erfindung immer neuer Euphemismen. Wie der alte Gott, den er vom Thron gestoßen hat, verfügt auch er über seine Priester, seine Jünger und seine Henker.«
Daß die Deutschen diesem Gott der Gleichheit am fanatischsten opfern, hat natürlich historische Gründe, die Creveld klar benennt: Die schrecklichen NS-Verbrechen haben Diskriminierung, also das Unterscheiden zwischen Menschen nach welchen Kriterien auch immer, prinzipiell in Verruf gebracht und »damit den Anhängern der Gleichheit eine schwarze Fahne geliefert, unter der sie sich dagegen einen konnten.« Angesichts dieses mächtigen Tabus wird es schwierig werden, gegen die Ideologen von Diversity und Political Correctness wieder die Stimme des gesunden Menschenverstandes zur Geltung zu bringen.
Schon mit seinem Buch Das bevorzugte Geschlecht (2003) hat Creveld das überzeugend geleistet. Und man muß kein Philosoph sein, um hier zu fundamentalen Einsichten zu gelangen. Geist, Schönheit, Stärke, Geschicklichkeit, Fleiß – all das ist ungleich verteilt und läßt sich nicht umverteilen. Talent, Lebensenergie und Glück produzieren in einer freien Welt notwendigerweise Ungleichheit. Die sozialen Unterschiede sind eben der Preis, den wir für die Freiheit in der modernen Gesellschaft bezahlen müssen.    Norbert Bolz



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