Stationen

Mittwoch, 13. Mai 2020

Apropos Befreiung am 8. Mai


In der Zeit erschien am 5. Mai 1995 ein Beitrag des tschechischen Schriftstellers Ota Filip, übertitelt mit der Zeile "Meine drei Befreiungen". Der 1974 aus seiner Heimat ausgebürgerte Autor schildert darin den Prager Aufstand, den zwischenzeitlichen Einmarsch der Wlassow-Armee und schließlich die Übernahme der Stadt durch die Rote Armee. Der Artikel steht heute hinter der Bezahlschranke, was Gründe hat, wenn auch wahrscheinlich keine guten. Klonovsky machte den Text teilweise öffentlich:

"Von der Herrschaft des Dritten Großdeutschen Reiches unter Adolf Hitler wurde ich, im Mai 1945 fünfzehn Jahre jung, gleich dreimal befreit. Am 5. Mai 1945 um zehn Uhr vormittags, als in Prag der Aufstand der tschechischen Bevölkerung gegen die Deutschen losging, kam unser Hausmeister, Herr Frantisek Vodicka, mit Gewehr und in einer erbeuteten Uniform des deutschen Afrikakorps – ein Magazin der Wehrmacht am Masaryk-Bahnhof war schon um acht Uhr geplündert worden – zu uns und sagte: 'Jetzt befreie ich unser Haus von den Nazis!' Herr Vodicka, der revolutionäre Gardist, ging in den zweiten Stock, wo die Ärztin Birgit Hahn wohnte, eine Deutsche. Ihr Mann war Ende März 1945 an der Westfront gefallen. Mitte April hatte Frau Hahn einen Buben namens Walter zur Welt gebracht.
Im zweiten Stock hörten wir Frau Dr. Birgit Hahn fürchterlich schreien, wir liefen mit Mutter aus unserer Wohnung ins Treppenhaus hinaus. Gerade in diesem Augenblick flog Frau Dr. Hahns Säugling namens Walter mit einem leisen Winseln durch den breiten Lichtschacht an uns vorbei in die Tiefe. Auf dem kostbaren, strahlend weißen Marmorboden ein Stockwerk unter uns ist bis heute ein rotgelber Fleck zu erkennen. Dann hörten wir oben einen Schuß; Frau Dr. Birgit Hahn wurde still. Hausmeister Vodicka, seit zehn Minuten im Aufstand gegen die Nazis, schrie durchs ganze Haus: 'So, jetzt habe ich mit den Nazis abgerechnet! Wir sind frei!' (...)
Meinen ersten Befreier, unseren Hausmeister Frantisek Vodicka, den revolutionären Gardisten, seit 5. Mai 1945 zehn Uhr vormittags im Kriegszustand mit Deutschland, sah ich am 8. Mai 1945 am unteren Ende des Wenzelsplatzes einen mit Benzin begossenen deutschen Soldaten mit dem Kopf nach unten an einer Laterne hochziehen. 'Nieder mit den Deutschen! Wir sind frei!' schrie unser Hausmeister und zündete den Soldaten am Laternenmast an. (...)
Zum dritten Mal wurde ich von der Roten Armee befreit, die mich und meine Heimat für die nächsten 44 Jahre in Unfreiheit stürzte.
Wenn ich also an den 8. Mai 1945 zurückdenke, fühle ich mich von der Geschichte um eine richtige Befreiung, auf die ich als fünfzehnjähriger Junge an der Schwelle des Lebens und des Friedens im Mai 1945 Anspruch und Recht hatte, betrogen."   MK



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.