Stationen

Sonntag, 27. März 2022

Wie Geschichte erzählt werden muss

Giovanni Segantini war als Maler kein großer Geschichtenerzähler. Sieht man von einigen der symbolistischen Bilder ab, in denen literarische oder mythologische Motive aufgenommen wurden, die entweder aus einer Geschichte stammen oder auf der Suche nach einer Geschichte sind, kommt sein Werk ohne Anleihen bei irgendwelchen literarischen, philosophischen oder historischen Programmen aus, die die Welt – oder auch nur einen Zipfel davon – erklären wollen.

Auf der Suche nach der Schönheit heißt Segantinis Lebensroman als Künstler, aber diese Suche geht gewissermaßen ohne jede Ablenkung, ohne jedes Abenteuer, vielleicht sogar ohne Risiko auf ihr Ziel zu: Wenn die technischen und malerischen Bedingungen einmal erlernt sind, kann ihn nichts davon abhalten, sein Ziel zu erreichen. Die Schönheit (nicht Gott) ist das Absolute, und man erreicht sie, wenn man sich lange genug ausschließlich auf sie konzentriert.

Mitten ins Herz

Das Engadin und das Bergell, wo der größte Teil seines Werkes entstand, sind voller Geschichten, Märchen und Legenden, und Segantini selber neigte obendrein noch dazu, den «Urkräften» zu vertrauen. Aber wenn er malte, malte er den Stein und nicht die wimmelnde Welt darunter, er malte die Berge und nicht die Götter, die ihre Wohnung in den Höhen haben, er malte den Himmel und die Wolken als Himmel und Wolken, er malte Menschen, die auf den Hochebenen mit ihrer Hände Arbeit das Brot verdienen – und er malte die Tiere, die den Menschen helfen, die Arbeit erträglich zu gestalten: Pferde, Kühe, Schafe, Ziegen.

Das Engadin und das Bergell sind voller Geschichten, Märchen und Legenden.

Engadin und Bergell waren schon seit Ewigkeiten nicht nur bäuerliches Gelände, sondern wegen der Pässe nach Süden immer auch ein Durchgangsland für Gewerbe, Handel und Militär. Gerade Soglio, wo die Segantinis häufig den Winter verbrachten, ist mit seinen Palästen der Familie von Salis ein gutes Beispiel dafür, dass hier seit dem Mittelalter auch andere Lebensentwürfe möglich waren, und die Zuckerbäcker aus dem Unterengadin waren auf der ganzen Welt begehrt – und konnten erzählen, wie es in St. Petersburg oder Madrid aussah. Aber davon ist auf Segantinis Bildern nichts zu sehen. Seine «schöne reine Welt» ist ohne Geschichte (und Geschichten).

Und trotzdem gibt es keinen verlässlicheren Maler als Segantini. Wenn man zum Beispiel durch die mit Bildern gepflasterte Pinacoteca die Brera in Mailand wandert, vorbei an all den dramatischen Metaphern für das Leid des Menschen oder die Hierarchie seiner brüchigen Welt, wenn man erschöpft die ausgefeilten Bildprogramme entziffert und die Anspielungen auf die Bibel oder auf Ovid erraten hat, steht man plötzlich vor Segantinis «Frühlingsweide» von 1896, die der Maler drei Jahre vor seinem Tod gemalt hat. Der erste Eindruck: Erleichterung! Gott sei Dank, da stehen sie noch auf der gerade von einem grünen Hauch überzogenen Wiese, die Kuh und das Kälbchen dazu, mutterseelenallein und doch offenbar nicht unzufrieden, und fressen das noch nicht gerade üppige Gras, das erst im Juni in seiner ganzen vielfältigen Herrlichkeit aufblüht.

Und während die anderen Bilder sich mit unserem Älterwerden und der Zunahme unserer Kenntnis über die Welt ändern, während wir darüber nachgrübeln, ob Judith recht daran tat, dem Holofernes den Kopf vom Körper zu trennen, stehen Kuh und Kälbchen unerschütterlich vor der noch verschneiten unverrückbaren Kulisse der Berge und versuchen konzentriert, die ersten Hälmchen zwischen den Steinen zu erwischen. Das Bild zeigt einen bestimmten Augenblick – und meint doch die Ewigkeit, das ist der punto cruciale bei Segantini: Es ist nur ein Augenblick, den wir sehen, der kurze Moment der Nahrungsaufnahme einer Kuh, die dieser Tätigkeit viele Jahre von früh bis spät nachgeht, und doch sehen wir gewissermaßen der Ewigkeit ins Auge: Das ist der Grund, warum uns diese Bilder immer noch und immer wieder ins Herz treffen.

«Kann man sich etwas Ernsthafteres vorstellen als eine Kuh?», hat der spanische Philosoph José Ortega y Gasset (ein großer Verteidiger des Bauernstandes) gefragt, und wir alle (aber ich ganz besonders) haben natürlich laut «Nein» gesagt. Aber auf Bergwiesen gibt es keine Philosophie, hier gelten andere Gesetze. Auch wenn sich die Kuh an sich nicht für den Milchpreis und die damit zusammenhängenden Probleme der Volkswirtschaft interessiert und auch zu den weitergehenden Fragen der Ökonomie nur den Kopf (und die Glocke) schütteln kann, bedienen wir uns ihrer doch, um vom Milchpreis über den gesellschaftlichen Wandel bis zu den entscheidenden Fragen des Umgangs mit der Natur nachzudenken. Jedes Tier, das Segantini gemalt hat, fordert uns heraus, über uns nachzudenken – besonders dann, wenn wir nichts davon wissen wollen. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen: Sollte eines Tages Segantinis Kuh, das leuchtende Vorbild, nicht mehr an der Wand hängen, würde das Ende unserer Zivilisation erreicht sein. In melancholischen Anwandlungen denke ich manchmal, ich sollte einfach vor dem Bild stehenbleiben und mich nicht wegbewegen, um so das Ende aufzuhalten (so wie ich früher von den Werken von Georges de La Tour nicht weggehen wollte, aus Angst, die Kerze auf seinem Bild könnte erlöschen).

Gott sei Dank, da stehen sie noch auf der gerade von einem grünen Hauch überzogenen Wiese.

Die Geschichte, wie sie uns die Geschichte der Malerei zeigt, ist eine Geschichte des Wandels. Was oben war, muss nicht oben bleiben, was unten sich zu verlieren drohte, kommt doch an die Oberfläche. Mittlerweile können wir die Welt vom Weltraum aus ansehen, der Berg ist nicht mehr der höchste Ort; wir können sogar in den Menschen hineinsehen und ihn künstlich nachahmen, ja, wir werden daran gemessen, ob wir uns ein anderes, un-natürliches Leben vorstellen können. Die Kuh bleibt in all den Veränderungen Kuh, sie sieht auf den Bildern der frühen Höhlenmalerei nicht viel anders aus als heute, wo man bis auf drei Rappen hinter dem Komma ihren Fressverbrauch berechnen kann.

Helligkeit, das Offene

Eigentlich möchte sie in Ruhe gelassen werden. Sie möchte ihr Kälbchen großziehen und sich nicht um den Bullen kümmern müssen, der ihr das Kälbchen gemacht hat. Sie möchte auch nicht für einen gesunden Bauernstand posieren und schon gar nicht Reklame machen für die «unberührte Natur» im Engadin – ein blöder Witz, den sie schon lange durchschaut hat. Sie möchte Kuh sein und «muh!» machen, wenn und wie oft es ihr beliebt. Ich weiß, das klingt lächerlich. Und doch ist es (für mich) notwendig, zu wissen, warum ich mein ganzes Leben zu den (gemalten) Kühen und Schafen des Malers Segantini zurückkehre.

Es gibt Maler, die einem nahe sind und nie enttäuschen, ganz egal, in welcher Verfassung man ihnen gegenübertritt. In jedem kräftigen Pinselstrich seiner «divisionistischen» Malerei – ja, auch der stolze Segantini brauchte einen Ismus, damit man ihn in der verkrauteten Kunstgeschichte finden konnte – ist er immer gegenwärtig. Dabei hat er nicht den Winkel gemalt, die Höhle, das Versteck, das Dunkel, die andere Seite der Wirklichkeit, um eine Alternative zur Realität der Arbeit und zu den Mühen der Existenz zu zeigen, sondern die Helligkeit, das Offene, eine Situation, in der man weit sehen kann.

Mit Segantini kann man sehr weit sehen.

«Große Kunstwerke», hat Franz Servais in seiner (der ersten) Segantini-Biografie geschrieben, «sind Offenbarungen der Menschheit. Ausser dem Zauber der Kunst haben sie noch jenen Zauber der Mystik, der aus den verborgenen Tiefen der Menschenseele kommt.»

Kann man heute noch so sprechen?

Nein.

Aber warum eigentlich nicht?

Der Schriftsteller, Verleger und Übersetzer Michael Krüger ist ein grosser Kenner und Liebhaber des Hochgebirgsmalers Segantini. Ende März erscheint im Verlag Schirmer/Mosel der Band «Michael Krüger über Gemälde von Giovanni Segantini» (208 S., 47 Farbtafeln, Fr. 45.80).

Der hier gedruckte Text ist ein leicht gekürztes Kapitel aus dem Buch.


 

In dieser Hütte starb Segantini

 

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