Stationen

Sonntag, 6. Oktober 2019

Betäubungssemantik

Bei ihrer Rede zum Tag der deutschen Einheit warnte die Kanzlerin davor, ähnlich wie zu DDR-Zeiten "die Ursache für Schwierigkeiten und Widrigkeiten vor allem und zuerst beim Staat und den sogenannten Eliten" zu suchen, "denen man sowieso nichts glauben könne und die dem Einzelnen irgendwie nur im Wege sind". Ein solches Denken sei in ganz Deutschland zu beobachten. "Setzte sich ein solches Denken durch, führte das ins Elend." (Vergleichbares war zuvor von einem anderen Politiker mit Zonen-Pedigree zu vernehmen, freilich noch ohne DDR-Rückbindung.)

Nun heißt es grübeln. Warnt die Kanzlerin davor, die Ursache für Widrigkeiten bei den Eliten zu suchen, weil es zwar damals zutraf, aber heute nicht, oder warnt sie generell davor, weil es damals schon falsch war?Allerdings geht jeder Versuch einer Exegese der Merkelschen Sprache von vornherein fehl, weil das eigentliche Ziel dieses schwammigen Rotwelschs ja gerade darin besteht, nichts Konkretes auszusagen, eine diffuse gute Laune im Sinne eines Ich kümmere mich schon, Ich habe alles im Griff zu verbreiten, aber zugleich jede Erwiderung, jede anschließende Debatte im Ansatz zu ersticken. (Ich sage das aus der heiklen Perspektive eines Autors, der sich auf Merkels Regierungserklärungen Antworten ausdenken muss.) Es wäre also müßig, der Kanzlerin vorzuhalten, dass sie kein Deutsch kann, auch grammatikalisch nicht, denn genau diese Zertrümmerung von Sprache, von Semantik, von Sinn ist ja intendiert. Dass ihre Reden aus ästhetischer Sicht abscheulich sind, bleibt davon unbenommen. MK

Die Deutschen sind schlussendlich ein sediertes Volk. Aggression und Streit wurden früher nur in überzogen pietistischen Familien geächtet, heute ist diese Ächtung längst die sozialdemokratische Praxis nordeuropäischer Länder, und bereits Kinder werden von progressiven Eltern und zeitkonformen Pädagogen moralisch erpresst und erniedrigt (die seelischen Verletzungen, die angeblich durch die heute strafrechtlich verbotenen Ohrfeigen enstanden, sind nichts im Vergleich zu den Verwüstungen, die die Dauermoralisierung durch Mütter und LehrerInnen hinterlässt, die Kinder verbal unter unerbittlichen Rechtfertigungszwang setzen und damit drohen, ganz doll traurig zu sein, wenn die Brut nicht kriecht).
Wenn Worte nicht reichen, wird richtig sediert. Im Jargon der psychiatrisch ausgebildeten Blockwarte nennt man es "Bedarf".
Gut, dass Klonovsky sich endlich darüber im Klaren ist, dass Merkels Gestammel genau kalkuliert und einstudiert ist. Sie betäubt ihre Zuhörerschaft mit nichtssagendem Geschwafel, in das sie ganz selbstverständlich Mahnungen und Vergleiche einflicht, die so unverschämt und dreist, unerhört und unverfroren sind, dass man völlig benommen in sich hineinlauscht und sich fragt, ob sie das tatsächlich gesagt hat. Hitlers hypnotische Kraft erinnert an Franz Liszt, Merkels an Philipp Glass.

In Sizilien sagen sie: "Ein Wort ist zu wenig, zwei Worte sind zuviel".

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