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Freitag, 25. Oktober 2019

Weisheit der Esel

"Bei einer Wiedervereinigung wären die Deutschen bald wieder zum Fürchten", schwante es einem Esel (Günter Grass). "Die DDR wird genauso lange existieren wie die Bundesrepublik", orakelte ein anderer (Günter Gaus).

Und nun muss ich den beiden zugestehen: Sie hatten recht. Anders als sie ahnten, aber doch recht.

Und wenn die Antideutschen wüssten, wie sehr ich sie verachte, würden sie mich zu ihrem Ehrenmitglied ernennen.





Solange es nur um öffentliche Auftritte von bösen Menschen wie etwa Jörg Baberowski oder Rainer Wendt oder von AfD-Politikern ging – die öffentlich ohnehin nur unter Polizeischutz und in Universitäten per se nicht auftreten können, es aber nicht anders verdient haben –, so lange war es völlig egal, ja im Grunde richtig und angemessen, also praktisch staatsbürgerkundlich korrekt, wenn der linke Pöbel sie boykottierte. Als unsere "Linksfaschisten" (wie, historisch etwas ungelenk, Sankt Jürgen Habermas den Sachverhalt mehr zum Ausdruck als auf den Begriff brachte) damit begannen, dem AfD-Gründer Bernd Lucke den Traum eines jeden Universitätsprofessors zu erfüllen – keine Lehrveranstaltungen bei vollen Bezügen –, war ein leises Gemosere zu vernehmen. Nachdem nun aber auch bewährte Talkschau-Teilnehmer und sogar veritable Minister i.R. wie Christian Lindner und Thomas de Maizière daran gehindert wurden, einen öffentlichen Vortrag zu halten, dachte man sich beim heute-Journal, darüber müsse der Zuseher irgendwie in Kenntnis gesetzt und belehrt werden.

Wen würden Sie, geneigte Leserin, wenn Sie überdies geneigt wären, sich einmal kurz und nicht allzu tief in die Rolle des Claus Kleber zu versetzen, zu diesem Sachverhalt interviewen? Lindner? De Maizière? Lucke gar? Ein AfD-Mitglied ginge ja nicht, der oder das würde sich sofort zum Opfer stilisieren. Also wen?

Falsch.

"Nicht nur Bernd Lucke, auch Renate Künast hat die Schattenseiten der Meinungsfreiheit kennengelernt", moderiert der Kleberclaus das traute Zwiegespräch an. Über so ein delikates Thema kann man im ZDF im Grunde nur mit einem Mitglied der Expertenpartei sprechen. Also gibt die knuffige Grüne Auskunft, und die erste Antwort ist schon mal nicht verkehrt, nämlich, sie wisse gar nicht, ob diejenigen, die Lucke niedergebrüllt haben, "sich wirklich zu Recht auf Meinungsfreiheit berufen hätten. Glaube ich nicht. Ich wäre schon dafür eingetreten, mit ihnen zu diskutieren. Und glaube, dass ein Professor, der früher mal eine Partei gegründet hat, mit dem Inhalt die makroökonomische Vorlesung beginnen sollte. Mit der Frage, ob das mit der D-Mark Sinn macht oder nicht, hätte ich mir so gewünscht."

Von Merkel lernen heißt, formulieren lernen. Künast ist Juristin, das stellt sie schon mal klar. Das Niederschreien einer makroökonomischen Vorlesung ist keine erkennbare Meinung. Wer früher mal eine Partei gegründet hat, darf Vorlesungen halten. Aber er hätte mit den Schreiern diskutieren sollen.

Kleber wendet weise ein: "Man hat kein Wort von ihm hören können." Und endlich zur Sache kommend, fährt der Moderator fort: "Nun war Herr Lucke schon auch ein Mann, der im rechten Rand gefischt hat, mit Worten wie 'Entartung von Demokratie', und der sich mit Menschen aus der rechtsextremen Szene umgab. Hat er damit ein Stück weit Meinungsfreiheit verwirkt?"

Wäre ich Lucke, ich würde eine Anfrage an den Staatssender schicken, mit welchen Leuten "aus der rechtsextremen Szene" ich mich umgeben hätte; wie der Verleumderclaus sich aus der Sache davonzustehlen suchte, wäre bestimmt lustig. Die Bemerkung, dass ein Staatsbürger "die Meinungsfreiheit verwirkt" haben könnte, ist großes Nazikino, doch das Engholm/Rau'sche "ein Stück weit" als liebevoll-pädagogische Einschränkung – Bastonade muss sein, aber du darfst die Socken anlassen – verleiht ihm eine gemütvoll-spätbundesrepublikanische Note.

Künast ist freilich nicht so doof, beim Grundrechteabbau mitzuspekulieren; sie repliziert gekonnt: "Meinungsfreiheit kann man gar nicht verwirken."
Kleber schlägt einen Haken nach rechts: "Nun hat man aber schon den Eindruck, dass manche aus der eher linken Szene sich Dinge erlauben, die sie Rechtsextremen ganz sicher nicht erlauben würden. Also zum Beispiel die Verhinderung von öffentlichen Auftritten."
Künast: "Ja, denken wir an den Kollegen de Maizière, der ein Buch vorstellen wollte und heute im Bundestag glücklicherweise gesagt hat, er wird es doch nochmal vorstellen. Finde ich auch richtig so. Mich frustriert das, dass Leute jetzt zu dieser Methode greifen, gleichwohl ich die beiden rechts und links finde, nicht vergleichbar halte. Die einen haben jetzt Veranstaltungen verhindert, was unklug und falsch war. Auf der anderen Seite, im Rechtsextremismus, ist es ja organisiert von Pegida, Identitären Bewegung, AfD, die so richtig versuchen die Menschen, den Menschen Angst zu machen, sich in diesem Land überhaupt nicht mehr zu engagieren."
Also die einen verhindern Veranstaltungen, die anderen nicht, aber die anderen sind schlimmer, weil sie Angst machen (wie eigentlich?). Leider verhindern die Linken inzwischen sogar Auftritte, gegen die Frau Künast gar nichts hat. Ansonsten wäre es weder schlimm noch der Rede wert, denn die Veranstaltungsverhinderungen sind ja aktive Angstbekämpfungsmaßnahmen. Ist das endlich verstanden worden?!

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