Stationen

Mittwoch, 30. Oktober 2019

Die Einförmigkeit und der Einzelne

"Zugleich ist diese fortschreitende Zerbröckelung der geschichtlichen Völker in gefügelos-ungefügige Massen von einem Geschehen noch begleitet, das auf eine der Mania griechischen Altertums verwandte Krankheit deutet. Denn nun beginnen die vermassenden Völker mit ihrer eigenen Jugend- und Frühgeschichte auch ihre bis dahin heilig gehaltenen Überlieferungen, kraft deren sie an der verschütteten Urüberlieferung teilhaben, mit wütender Verbissenheit täglich mehr zu hassen. (...) In Vorgängen dieser Art vollzieht sich dann nicht sowohl der Untergang, als vielmehr der Selbstmord der Völker. (...)
Entstaltung und Zerfall der Völker im Massenbrei setzt sich von da ab fort und fort mit steigender Beschleunigung. Dies kann nicht anders sein, weil die von der Vermassung befallenen Völker unabwendbar ihren Halt verlieren. Sie kommen ins Rutschen und entgleiten sich unaufhaltsam selber. Mit ihren Überlieferungen entäußern sie sich ihrer stärksten Stütze. Fahrlässig zuerst, dann vorsätzlich geben sie das Kerngehäuse ihrer Seelentümer der Fäulnis preis, um gleich darauf selber zu verfaulen. Jeglicher Eigenrichtung, jeglicher Eigenrichtigkeit verlustig, treiben sie unstet dahin, wohin die Winde sie wirbeln, wohin die Wasser sie wälzen. Schon sind sie, ohne es zu merken, die 'spielend' leichte Beute geworden ihrer jeweiligen Aufwiegler, Einpeitscher und Verhetzer, die bloß auf die Gelegenheit, die Macht zu ergattern, hinter allen Straßenecken lauern. (...)
Es winkt in den endlich-eingeengten Raum der Geschichte die labende Luftspiegelung eines unendlich-grenzenlosen Fortschritts. In allen die unbedingte Gleichheit auch äußerlich herzustellen, kann nicht viel kosten, nachdem sich für das vermasste Volk die innere Gleichförmigkeit von selbst versteht. (...)

Vorher muß allerdings noch etliches geschehen. Vorher müssen beispielsweise die Andern, die den Weg der Irre nicht bis ans Ende gehen wollen, auf die Knie gezwungen, notfalls ausgerottet werden. Gegen sie den Haß zu schüren, wird vordringliches Anliegen jener geist- und seelenmörderischen Massenabrichtung, welche jetzt an die Stelle früherer, manchmal gewiß mit Fehlern behafteter Jugend- und Volkserziehung tritt. Was es unter derlei Umständen mit dem Frieden im Zeitalter der Masse auf sich habe, malt jeder am leichtesten sich selber aus, der noch nicht selber Masse ist. Das Zeitalter der Masse ist wesensgemäß auch das Zeitalter vollendeter Friedlosigkeit. Im gleichen ist die Masse als solche wesensgemäß Massa Damnata, wenn nicht im augustinischen Sprachverstande, so doch in dem besonderen Begriffe, daß sich in ihr, die an und für sich leer ist, der Fluch der Friedlosigkeit erfüllt."

(Leopold Ziegler: Evangelischer Friede. Meinen Freunden zum Neujahrsangebinde 1952)

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