Stationen

Dienstag, 23. Februar 2021

Wissenschaftsgläubigkeit, statt Wissenschaftlichkeit

Lieber Herr Wendt,

ich habe gerade Ihren Essay über „Das Höhere Wesen“ gelesen, das uns sagt, was zu tun ist. Es ist sehr wohltuend, Ihrem analytischen roten Faden zu folgen. Ich bin seit fast 50 Jahren in der „Wissenschaft”  der Naturwissenschaften unterwegs und bin entsetzt, wie seit einigen Jahren, extrem im letzten Jahr, die „Wissenschaft” als Begriff  missbraucht wird, aber sich  auch allzugern missbrauchen lässt. Es findet sich kaum noch ein Journalist, der selber einen wissenschaftlichen Erfahrungshorizont hat oder auch nur gelernt hätte, wissenschaftliche Denkmethoden anzuwenden.

Eine Anmerkung möchte ich noch gerne zu dem Begriff des „Befundes” machen, den Sie  diskutieren. Ein Wissenschaftler weiß, unter welchen Bedingungen und Restriktionen sein „Befund” zustande gekommen ist. Allein schon durch einschränkende Vorgaben (Ein-/Ausschlusskriterien)  lässt sich ein Ergebnis in eine gewünschte Richtung lenken, weil ausgeschlossene Entitäten keinen Eingang in mein Modell finden. Diese Grenzen müssen aber angegeben werden, da sie ja eine Verengung des Ergebnisses bedeuten. Ebenso weiß jeder Wissenschaftler um die statistische Unsicherheit seines Ergebnisses, die ja nur aus einer in der Regel kleinen Stichprobe des Gesamtkollektivs besteht. 
Der Wissenschaftler kann damit umgehen, da er die Unsicherheit seines Messwertes abschätzen und angeben kann.  Der „Wissenschaftsjournalist“ muss einen für den Leser verständlichen Begriff, eine konkrete Zahl, ein Datum abgeben (so er denn das Problem der Messunsicherheit überhaupt begreift, was ich mal wohlwollend unterstelle, mir bei den allermeisten aber unsicher bin). Und ab hier wird die Diskussion schon extrem vereinfachend und damit falsch geführt (der schwachen MINT-Fähigkeit sei es geklagt (ich erspare mir den naheliegenden Seitenhieb, für Wissenschaftlerinnen den leichteren Weg des Genderismus zu gehen)).

So wird überhaupt nicht ausreichend thematisiert, dass die politische Größe „Inzidenzzahl“ dank eines wissenschaftlich unzulässigen, aber politisch geschützten PCR-Tests eine willkürliche Festlegung ist, die auch noch nach Belieben durch simple Veränderung der Testhäufigkeit beeinflusst werden kann.
Das universelle Prinzip, dass sich jede wissenschaftliche Aussage einer Überprüfung stellen muss, wird beiseite gewischt.

Wahrscheinlich ist im Rückblick das Verhalten der schweigenden Mehrheit der Wissenschaftler – Sie haben korrekterweise kurz auf die ökonomische Abhängigkeit hingewiesen – das größte Versagen in der sogenannten Corona-Krise. Ich möchte das Versagen der Medienschaffenden als Transporteur und Treibriemen der ungeprüften „Wahrheiten“ aber nur kurz dahinter ansiedeln.
In einem Meer von intellektuellem Unrat ist es wohltuend, geistvolle Texte zu lesen. Bitte weitermachen!

Herzliche Grüße Ihr V. C.

 

Am 16. Februar 2021 schickte die Reaktion der Zeit eine Twitterbotschaft in die Welt, um einen Text ihres Mitarbeiters Johannes Schneider über Corona und Wissenschaft zu bewerben:

„Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie @beyond_ideology, @c_drosten und BrinkmannLab beharren zu Recht darauf, dass Forschungsergebnisse nicht diskutierbar sind, schreibt @joausdo.“

Für ein Blatt, in dem einmal der großartige Dieter E. Zimmer über Wissenschaftsthemen schrieb, markiert das eine neue Schwundstufe. Niemand muss zu der Frage der Diskutierbarkeit von Wissenschaftsaussagen unbedingt Karl Popper bemühen, um auf das Wesentliche hinzuweisen, Poppers Falsifikationstheorie fasst den entscheidenden Punkt allerdings am griffigsten zusammen: Eine wissenschaftliche Theorie ist, was sich grundsätzlich widerlegen lässt. Übersteht eine Theorie Widerlegungsversuche, kann sie vorläufig gelten. Letztgültig ist in der Wissenschaft demnach nichts, höchstens unwiderlegt. Ein empirisch-wissenschaftliches System, so Popper, „muss an der Erfahrung scheitern können“.

Der Satz: „die Lichtgeschwindigkeit kann nicht übertroffen werden“ steht einer Widerlegung offen. Der Satz „Gott ist groß“ nicht (schon deshalb, weil es sich bei „groß“ nicht um einen sinnvoll definierbaren Begriff handelt). Aussagen, die sich ihrer Natur nach nicht widerlegen und damit diskutieren lassen, aber trotzdem eine Gültigkeit beanspruchen, wollen letztgültig sein. Jeder Versuch, gegen sie etwas vorzubringen, ist nach ihrer Eigenlogik unsinnig. Diese Letztgültigkeit gehört in die religiöse Sphäre, in der etwas entweder geglaubt oder nicht geglaubt, aber nicht mehr diskutiert werden kann.

Die in Schneiders Text zitierte Wissenschaftlerin Maja Göpel fragte die Zeit per Twitter, ob dort denn niemand merken würde, dass die Botschaft der Redaktion den Corona- und Klimaforschern, die der Autor in seinem Beitrag verteidigen will, in einem Satz die Wissenschaftlichkeit abspricht, ohne es überhaupt zu merken.

 

Die Zeit entschuldigte sich umgehend, löschte ihren Tweet und schrieb, der Satz sei natürlich falsch und im Übrigen durch Schneiders Text auch nicht gedeckt. Nur: Genau das stimmt nicht. Auch, wenn dort der Satz von den nicht diskutierbaren, weil letztgültigen Forschungsergebnissen von Wissenschaftlern wie Göpel, Christian Drosten, Melanie Brinkmann und anderen nicht exakt so vorkommt wie in dem Tweet, zieht sich das grundsätzliche Missverständnis von Wissenschaft durch den gesamten Zeit-Text, der unter der Zeile steht: „Wissenschaftler werden in der Pandemie um ihre Expertise gebeten. Gefallen der Öffentlichkeit ihre Antworten nicht, reagieren sie genervt. Völlig zu Recht.“ Das Miss- beziehungsweise Unverständnis durchdringt nicht nur Schneiders Beitrag, sondern, ganz nebenbei, auch andere Artikel im Wissenschaftsteil der Zeit und anderswo.

Schneider schildert zu Beginn ein Gespräch zwischen Göpel (einer Ökonomin, Unterstützerin von Fridays for Future und Vertreterin der Klima-Alarmismus) und dem ARD-Journalisten Jörg Thadeusz, in dem Göpel Thadeusz die merkwürdige Frage stellt: „Haben Sie den Eindruck, uns Wissenschaftlern macht das Spaß?” (Nämlich, ständig apokalyptische Klimaszenarien für die jeweils nächsten Jahrzehnte zu bemühen, und daraus politische Forderungen abzuleiten).

„In dem Gespräch zwischen Thadeusz und Göpel ging es um Ausmaß und Folgen des Klimawandels“, referiert Schneider in seinem Zeit-Artikel, „es ging um die Notwendigkeit gesellschaftlicher und individueller Einschränkungen, damit die Welt einer Katastrophe entgeht, die viel größere Einschränkungen bedeuten würde. Wenn denn überhaupt ein Überleben unter halbwegs vergleichbaren zivilisatorischen Bedingungen möglich sein sollte.“
Und weiter:
„Letztlich belegte die Frage der Expertin an den Nichtexperten aber eine Irritation, die es auch in der Corona-Pandemie gibt und im Gespräch über Rassismus: Wissenschaftlerinnen treten an die Öffentlichkeit und werden Teil eines Aushandlungsprozesses um mögliche Lösungen eines Problems.“

Schneider schafft es, gleich zwei Fehlschlüsse miteinander zu verbinden. Erstens gibt es auf einem politisch debattierten Gebiet wie der „Notwendigkeit gesellschaftlicher und individueller Einschränkungen“ wegen eines Virus, der Temperaturentwicklung oder etwas anderem keine „Experten und Nichtexperten“, die einander in einem Hierarchieverhältnis gegenüberstünden. In der allgemeinen gesellschaftlichen Debatte streiten verschiedene Teilnehmer mit Interessen und Argumenten, die besser oder schlechter begründet sind, zunehmend auch Meinungsinhaber, die ganz ohne Argumente auskommen wollen.

Geht es um Einschränkung individueller Rechte, existieren zum Glück auch noch Gesetze und Verfassungsrechte. Aber in dem Punkt etwa, ob in Deutschland weiter Eigenheime gebaut werden sollten oder nicht, um dieses konkrete Thema einmal herauszugreifen, gibt es keinen Experten, der dem Rest der Gesellschaft sagen könnte, wo es langgeht. Die Entscheidung fällt politisch, jeder darf mitreden, sogar Anton Hofreiter. Für den Einwand, dass Eigenheimbauten in Deutschland wahrscheinlich keinen messbaren Einfluss auf die Globaltemperatur des Jahres 2100 ausüben, muss sich niemand auf einen Expertenstatus berufen.

Zweitens gibt es kein Kollektiv namens Wissenschaftlerinnen (Schneider meint die Wissenschaftler, wie er geistreich schreibt, mit), das mit einer festen Erkenntnis an die Öffentlichkeit tritt, um mit ihr dieses oder jenes auszuhandeln. Die Strohpuppe mit dem Etikett die Wissenschaft ziehen nicht nur Schneider und andere Journalisten in Corona- und Klimafragen immer wieder auf die Bühne, sondern auch Politiker, etwa Angela Merkel, die sich Ende 2020 mit der Formel: „die Wissenschaft sagt uns“ auf ein kurzes Papier der Leopoldina zum Lockdown berief. In ihrem Tonfall schwingt die gleiche Forderung wie bei der Zeit, bestimmte Aussagen bestimmter Wissenschaftler müssten von der gesamten Gesellschaft gefälligst als höhere Wahrheit akzeptiert werden.
Gerade das Leopoldina-Papier Merkels erwies sich als nicht nur außerordentlich dünn im Umfang (viereinhalb Seiten Text) und in seiner Substanz (im Wesentlichen das Lob eines harten Lockdowns in Irland, der das Virus austrocknen sollte). Seine apodiktisch vorgetragene Empfehlung zerfiel auch schnell in der Praxis. Nach der Aufhebung des Lockdowns in Irland schossen die Infektionszahlen noch über das deutsche Niveau, die Maßnahme verursachte also gravierende Kollateralschäden, verfehlte aber das selbstgesetzte Ziel deutlich.

Grade im Streit um den richtigen Umgang mit Covid zeigt sich, dass ein Kollektiv mit der Bezeichnung die Wissenschaft nicht existiert. Sie tritt nicht als griechischer Tragödienchor mit Einheitstext vor die Öffentlichkeit, um ihr etwas mitzuteilen. Stattdessen sprechen sehr viele Wissenschaftler mit sehr unterschiedlichen Ansichten. Es gibt in dem Streit um Corona und die sinnvollen Gegenmaßnahmen die von Schneider wohlwollend zitierte Virologin Melanie Brinkmann, die in ihren Talkshowauftritten immer wieder einen langen harten Lockdown fordert, vor allem mit dem Blick auf Mutationen.

 

Brinkmann zählt zu den prominentesten Verfechtern der No-Covid-Strategie, die darin besteht, mit möglichst rigiden Einschränkungen das Virus aus der Gesellschaft zu vertreiben. Der Epidemiologe Arnold Monto beispielsweise von der Universität Michigan hält die No-Covid-Strategie für falsch:

„Ich denke, das ist unrealistisch. Wir müssen lernen, das Virus im Alltag zu beherrschen. Angenommen, Deutschland bringt die Inzidenz tatsächlich auf null, was ich für unmöglich halte: Wie lange will man dann den Frankfurter Flughafen geschlossen halten, um zu verhindern, dass das Virus erneut ins Land gelangt? Von den Grenzen zu den Nachbarländern einmal abgesehen? […] Der entscheidende Strategiekern zielt deshalb auf die Alten und die Krankenhäuser. Ich halte es auch praktisch für ausgeschlossen, eine Inzidenz von null zu erreichen.“

Es gibt Verfechter der Lockdowns, nicht selten in enger Kooperation mit befreundeten Medienmitarbeitern:

Und auf der anderen Seiten Wissenschaftler wie den Epidemiologen John P. A. Ioannidis, der zusammen mit Kollegen die Auswirkungen von Lockdowns verschiedener Härte in 14 europäischen Ländern und den USA untersucht hatte, und je nach Modellierung zu dem Ergebnis kam, dass die Maßnahmen sich nur gering bis gar nicht auf auf den Infektionsverlauf auswirkten.

In der Debatte finden sich Wissenschaftler, die Virenmutationen für eine sehr große Gefahr halten, andere, die das Risiko für nicht unkalkulierbar groß halten:

Der Streit um Deutungen findet also in der Hauptsache nicht zwischen einer Entität namens Wissenschaft und der sonstigen Gesellschaft statt, sondern wie eh und je vor allem in der Wissenschaft selbst. Auch auf dem Gebiet Covid-19 werden Thesen die Falsifikation überleben – oder auch nicht. Ordentlicher Wissenschaftsjournalismus bräuchte also nichts anderes zu tun, als den Meinungsstreit abzubilden, herauszufinden, was auf dem Thesenfriedhof landet, und welche Theorie sich als robust erweist. Vor allem bei Prognosen ist es nach einiger Zeit durchaus möglich, halbwegs objektiv zu überprüfen, ob sie eingetreten sind oder nicht.

Bei Schneider spielt die Dialektik von These und Widerlegungsversuch offenbar gar keine Rolle, sondern etwas anderes: das Eigentliche und Richtige, und die Abweichung davon. Das macht er in seinem kleinen Exkurs zur Klimadebatte deutlich, der großen Schwester des Corona-Wissenschaftsstreits.
In seinem Zeit-Text heißt es:

„Die Wissenschaftlerin wird dann zum Beispiel mit abweichenden Forschungsbefunden konfrontiert (der berüchtigte eine Klimaforscher unter hundert, der die Existenz des Klimawandels bestreitet) und muss immer wieder erklären, warum sie diese nicht für valide hält; oder ihre Rückschlüsse aus allgemein anerkannten Befunden werden in Zweifel gezogen, denn es gibt selbstverständlich auch immer andere Rückschlüsse, wozu die Expertin aber nur wiederholen kann, warum sie eben zu ihren gekommen ist. Oder sie bekommt gönnerhaft erklärt, dass die Menschen etwas aber nicht mitmachen werden. Woraufhin sie dann, mutmaßlich erschöpft bis patzig, erklärt, dass die Menschen dann aber noch ganz andere Dinge werden mitmachen müssen.“

An dieser Stelle schleift Schneider eine zweite Strohpuppe hinter sich her, um sie auf offener Bühne anzuzünden. Welcher berüchtigte Klimaforscher unter hundert oder einer Million erklärt eigentlich, es hätte vom Präkambrium bis heute ein immerwährend gleiches Klima gegeben? Weit und breit niemand. Folglich nennt Schneider auch keinen. Die Debatte über die Klimaentwicklung verläuft ähnlich kontrovers wie die über Covid-19. Aber genau so, wie sich die Covid-Debatte nicht darum dreht, was ein Virus und eine Lungenerkrankung ist, streitet in der Klimakontroverse niemand über die Tatsache, dass das Erdklima sich wandelt, solange es existiert.

Heftige Auseinandersetzungen gibt es unter anderem um den menschlichen Anteil an diesem Wandel. Über die Wirkungen und Nebenwirkungen von Gegenmaßnahmen. Und um die Frage, wie zuverlässig Computermodelle die Klimazukunft vorhersagen. Hier liegen die Ansichten ähnlich weit auseinander wie beim Nutzen der Lockdowns:
Die amerikanische Klimaforscherin Judith Curry etwa betont immer wieder die Unsicherheit der Computersimulationen, während etwa der Ozeanograph Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut darauf besteht, mit Hilfe von Modellen „Kipppunkte“ des Klimas exakt vorhersagen zu können. Vor mehr als zehn Jahren stritten die Klimaforscher Michael Mann und Hans von Storch über den wissenschaftlichen Wert von Manns Hockeyschläger-Kurve, die einen immer stärkeren Temperaturanstieg vorhersagte (allerdings auf einem Mix aus Messmethoden und einer angreifbaren Modellierung beruhte). Die Zeit, das als kleiner Einschub, widmete Mann 2012 ein einfühlsames Porträt („Die Klimakrieger“), in dem zwei Autoren Angriffe von Politikern und Lobbyisten auf ihn nachzeichneten, die es tatsächlich gab, in dem sie aber die wissenschaftliche kontroverse um seine Kurve einfach wegließen. Außerdem verrieten sie, ohne es zu merken, dass sie Manns Arbeiten nie richtig gelesen hatten: In ihrem Text schrieben sie mehrfach, der Klimatologe hätte Baumrinden benutzt, um Temperaturen vergangener Zeiten zu rekonstruieren. Richtig wäre gewesen: Baumringe. Für ihren Artikel erhielten beide den Reporterpreis.

Es gibt in zentralen Fragen unter Wissenschaftlern nicht den ganz überwiegenden Konsens und die marginale Abweichung, sondern eine ausgeprägte Vielstimmigkeit, ob unter Klimaforschern oder Medizinern. Außerdem setzen sich in der Wissenschaft Thesen nicht per Abstimmung durch. In der Wissenschaftsgeschichte finden sich viele Forscher, die ihre Theorien als krasse und heftig abgelehnte Außenseiter ihres Fachs entwickelten. Alfred Wegeners These der Kontinentalverschiebung wurde zu seinen Lebzeiten verlacht, Ignaz Semmelweis, Pionier der evidenzbasierten Medizin, starb als fast einhellig von Ärzten abgelehnter Sonderling in der Psychiatrie. Der Biochemiker Günter Blobel vertrat mit seiner Theorie vom Eiweißtransfer zu den Körperzellen lange eine Außenseiterposition, bis seine experimentellen Beweise schließlich anerkannt wurden. Im Jahr 1999 bekam er den Nobelpreis für Medizin.

Bei Wissenschaftsjournalisten, die sich vor allem an Mehrheiten halten und für ausgewählte Theorien die Diskussion einschränken möchten, hätte es ein Wegener und ein Semmelweis heute keinen Deut leichter als im 19. Jahrhundert.

 

Ein blinder Fleck wird zum blinden Feld

Die Wissenschafts-Berichterstattung in der Covid- und der Klimadebatte ähneln einander auffallend – und zwar in schlechter Weise. Erstens bilden etliche Journalisten – nicht nur Schneider in der Zeit – nicht die Vielfalt der Stimmen ab und wägen die Argumente, sondern schneiden sich immer wieder das Bild von der überwältigenden Wissenschaftlermehrheit und den Außenseitern zurecht. Außerdem übersehen sie auch noch, dass Einzelne richtig und viele falsch liegen können. Und wie in der Klimadebatte zahlen sie aufmerksamkeitsökonomische Prämien für diejenigen, die sich möglichst dramatisch und apokalyptisch äußern – am besten noch verbunden mit gesellschaftlichen Forderungen, die der Journalist sowieso schon gut findet.

Ein blinder Fleck weitet sich schnell zum blinden Feld, wenn Wissenschaftler nicht um die Kontinental- oder der althochdeutschen Lautverschiebung streiten, sondern über Themen mit ideologischem Unterbau. Also auf den Gebieten Covid-19, Klima, Rassismus, die Schneider nennt. Die Aktivisten von „ZeroCovid“ etwa verbinden die Bekämpfung eines Virus mit großräumigen gesellschaftlichen Steuerungs- und Umbaufantasien. Interessanterweise ähneln sie bis in Details großen Transformationsplänen, die der Klimaerwärmung Einhalt gebieten sollen. Kaum etwas wirkt in einer säkularisierten Gesellschaft so gut wie die Berufung auf „die Wissenschaft“, die passende Stichworte für politische Entwürfe liefert.

Der nächste Schritt besteht in der Rückkopplung: der politischen Forderung, die dafür passenden wissenschaftlichen Thesen der Debatte zu entziehen, zumindest die Debatte deutlich einzuschränken. Die Öffentlichkeit und seine Kollegen, belehrt Schneider, dürften natürlich noch ein bisschen mitdiskutieren, sie müssten allerdings darauf achten, sich „mit den eigenen politischen Aussagen und journalistischen Nachfragen im wissenschaftlichen Referenzrahmen zu bewegen.“

Das ist aus zweierlei Gründen Unfug: Erstens, weil sich eine Maja Göpel, eine Melanie Brinkmann oder ein Stefan Rahmstorf mit ihren weitreichenden Forderungen für die Gesellschaft selbst nicht mehr im „wissenschaftlichen Referenzrahmen“ bewegen, sondern im allgemein politischen. Und zweitens, weil der Referenzrahmen auch innerhalb des wissenschaftlichen Betriebs fast immer viel größer ist, als ihn Leute wie Schneider ziehen möchten. In der Covid-Lockdown-Debatte liegt ein riesiges Feld zwischen Ioannides und Brinkmann, in der Klimaprognostik eine gewaltige Strecke zwischen Rahmstorf und Curry. In dem Streit um Rassismus und Gesellschaft gibt es nicht nur die lauten Identitätspolitiker an den US-Universitäten, sondern beispielsweise auch den (heftig angegriffenen) Ökonomen Thomas Sowell. Mit anderen Worten: Das Debattenfeld ist in Wirklichkeit so weit, dass der Begriff „Rahmen“ wenig Sinn ergibt – es sei denn, jemand möchte in Wirklichkeit einen Korridor seiner Wahl darin abstecken.

„Wissenschaftliche Befunde sind keine Meinungen“, schreibt Schneider. Ja, tatsächlich, wissenschaftliche Befunde sind keine Meinungen. Beide unterscheiden sich kategorial. Zum Bereich der Meinungen gehören auch viele nicht widerlegbare und deshalb nicht sinnvoll diskutierbare Aussagen, etwa der oben erwähnte Satz „Gott ist groß“. Wissenschaftliche Befunde zeichnen sich eben dadurch aus, dass sie diskutierbar und widerlegbar sind, und oft genug auch widerlegt werden. Aussagen von Wissenschaftlern sind in der Geschichte fast nie durch eine Aushandlung mit der restlichen Gesellschaft beiseite geräumt worden, sondern praktisch durchweg durch andere Wissenschaftler. Alle soliden Bestandteile der Wissenschaftsgebäude haben das Feuer der Widerlegungsversuche hinter sich. Kein Wissenschaftler, der seine Tassen im Schrank hat, wird seine Befunde deshalb zu undiskutierbaren Aussagen erklären.

Schneider folgert aus dem richtigen Satz „wissenschaftliche Befunde sind keine Meinungen“ aber das genaue Gegenteil: wissenschaftliche Befunde sollen seiner Meinung nach besonders geschützt werden. Wovor eigentlich? Die von ihm genannten und favorisierten Wissenschaftler, meint Schneider, reagierten „völlig zu Recht genervt“ auf Widerspruch. Übrigens auch, was er interessanterweise nicht erwähnt, auf Wissenschaftskollegen mit gegenteiligen Ansichten.

Es sollten deshalb, so der Zeit-Autor, bestimmte Urteile nicht in Frage gestellt und Widerlegungsversuchen von vorn herein Grenzen gezogen werden. „Das gebietet die intellektuelle Lauterkeit: nicht daran zu zweifeln, dass zum Beispiel klimatische Veränderungen stattfinden, die erhebliche gesellschaftliche Probleme mit sich bringen werden“, schreibt Schneider. Nun handelt es sich um einen schwammigen, sehr allgemein formulierten Satz. Was sind beispielsweise „erhebliche gesellschaftliche Probleme“? Weiter oben hieß es bei ihm schon etwas deutlicher: Eine „Katastrophe“, bei der das Überleben der Menschheit „unter halbwegs vergleichbaren zivilisatorischen Bedingungen“ in Frage steht.

Aber egal, wie jemand diese Probleme definiert: Wem schadet eigentlich der Zweifel, den der Zeit-Autor unterdrückt sehen möchte? Wissenschaftler wie Maja Göpel und Hans-Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung argumentieren, nur ein radikaler gesellschaftlicher Umbau mit weniger Konsum und mehr Lenkung und Kontrolle könnte eine globale Klimakatastrophe noch aufhalten. Es gibt andere, etwa Hans von Storch und Judith Curry, die grundsätzlich meinen, dass sich die Menschheit auch an eine um seit 1860 um 1,5 Grad erhöhte Durchschnittstemperatur anpassen kann.

Die kommenden gesellschaftlichen Probleme durch eine Klimaerwärmung sehen sie jedenfalls nicht als so gravierend an, dass sie eine ganz neue Gesellschaftsordnung mit tiefen Eingriffen in individuelle Rechte für nötig halten. Auch der Umbau einer Gesellschaft kann in eine Katastrophe münden. Warum soll also „die intellektuelle Lauterkeit“ den Zweifel an einer bestimmten politischen Wortmeldung verbieten? „Gesellschaftliche Probleme“ – da befinden wir uns nicht mehr im Labor oder Hörsaal, sondern auf offenem Feld.

In ihrem toten Winkel fällt Kommentatoren wie Schneider merkwürdigerweise nie auf, dass sie ja selbst zweifeln: beispielsweise an der Sicht aller Wissenschaftler, die keine Klimaapokalypse zeichnen. Denn heimlich halten sie diese Apokalypse schon für bewiesen, auch wenn augenblicklich noch der Beweis fehlt. Ihr Schutz vor Zweifel und ihre Warnung vor zu grundlegenden Nachfragen bezieht sich nie auf alle Wissenschaftler (an dieser Stelle verschwindet die Strohpuppe namens die Wissenschaft plötzlich wieder von der Bühne), sondern immer nur auf ausgewählte.

Bei Schneider besitzt die Virologin Melanie Brinkmann das Vorrecht, genervt auf Zweifel und Nachfragen zu reagieren, aber kein Hendrik Streeck oder John Ioannidis. So, wie die Zeit seinerzeit, siehe oben, den Angriffen auf Michael Mann einen langen und einseitigen Artikel widmete – während ganz ähnliche Attacken auf Judith Curry, die sich wegen feindseliger Reaktionen auf ihre Veröffentlichungen 2017 aus dem Universitätsbetrieb zurückzog, in den wenigsten Medien behandelt wurden.

Eine Pointe liegt darin, dass Curry trotzdem nie verlangte, nicht oder nur noch in einem bestimmten Referenzrahmen befragt und attackiert zu werden.
Für die von ihm aufgezählten Wissenschaftlerinnen fordert Schneider eine Art safe space, die man sich als kritikreduzierte Zone mit Warnschild und Aufpassern vorzustellen hat: „Die Frage ist daher nicht, wie genervte Expertinnen ‚besser’ kommunizieren könnten, damit sie nicht als arrogant, verstockt oder gar autoritär missverstanden werden. Die Frage ist vielmehr, wie sich dafür sorgen ließe, dass sie gar nicht erst genervt sein müssten.“

Dafür gibt es nur ein Mittel: sich gar nicht erst in die Öffentlichkeit begeben. Wer das tut, egal ob als Wissenschaftler, Autor oder Politiker, macht sich zum Gegenstand der Kritik. So lautet die Spielregel, zumindest in einer offenen Gesellschaft, in der eben nicht einige gleicher sein können als andere. Wissenschaftler riskieren es zusätzlich, dass ein Kollege seine Theorie vom Sockel stößt. Manchmal erledigt schon die Zeit diese Arbeit, beispielsweise, wenn es um Prognosen geht.

 

Wissenschaft mit Weihrauchduft

Schneiders Text in der Zeit ist ein Symptom, genau so wie der Redaktions-Tweet von der Nichtdiskutierbarkeit bestimmter Forschungsergebnisse. Zurzeit arbeitet eine breite Allianz von Journalisten über Aktivisten bis zu Politikern wie Merkel daran, ein hybrides Monstrum zu schaffen: Es soll im wissenschaftlichen Duktus sprechen, aber die Unantastbarkeit eines religiösen Führers besitzen. Und passenderweise politische Programme verkünden, die andere ihm schon einmal vorsorglich auf den Sprechzettel notiert haben. Auf seiner Stirn trägt der Homunkulus einen Zettel mit der Aufschrift: Die Wissenschaft. Wer immer behauptet, die Wissenschaft sage dieses und jenes, und dazu Weihrauch aufsteigen lässt, der betrügt.

Ihre besondere Stellung besitzen Wissenschaftler in der Gesellschaft gerade deshalb, weil der Wissenschaftsbetrieb im Normalfall alles durch das Säurebad der Kritik schickt. Und weil er normalerweise ihren inneren Regeln folgt, statt politische Aufträge auszuführen. In der letzten Zeit tauchte in Texten besorgter Medienschaffender und einiger Wissenschaftler der Begriff „Wissenschaftsfeinde“ auf; gemeint ist: Der Leugner, der Populist, selbstredend bis eben noch auch der nach Schwefel riechende Donald Trump. Keiner aus dieser Trias könnte den Wissenschaftsbetrieb ernsthaft antasten. Das schaffen nur einige im Inneren – und toxische Wissenschaftsfreunde wie Schneider von außen. Die einen, in dem sie Auftragsarbeiten verrichten wie jene Wissenschaftler, die nach Vorgaben des Bundesinnenministeriums 2020 ein Panik-Papier zu Covid-19 verfassten und mit einer Million Toten in Deutschland drohten. Es gibt auch andere, die ihre Reputation als Wissenschaftler gegen ein Linsengericht von Fördergeldern tauschen (was sich bekanntlich nicht rückgängig machen lässt).

Die anderen, wohlmeinende Begleiter in der Zeit und anderswo, wollen zum vorgeblichen Schutz von Wissenschaftlern gerade das abwracken, was Wissenschaft ausmacht. Wissenschaft und Religion lässt sich nicht aus einer Hand haben. Bekanntlich versuchten die Herrscher des Ostblocks das Hybridwesen Wissenschaftlicher Sozialismus zu züchten. Ihm ging es wie vielen Kreuzungsversuchen: Es pflanzte sich nicht fort, und siechte dahin. Trotzdem bemüht sich Greta Thunberg, das gleiche etwas anders noch einmal zu probieren: mit dem Ruf: join unite behind the science, kombiniert mit dem Prophetendonner how dare you?

Ehrlicherweise hätte die Zeit-Redaktion den Tweet vom Nichtdiskutierbaren stehen lassen sollen. Denn er fasst zusammen, was zurzeit viele gern hätten. Bei Albert Einstein lässt sich nachlesen, wie man es nennt, wenn jemand immer wieder das gleiche tut, und jedes Mal andere Ergebnisse erwartet.  Wendt

 

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