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Dienstag, 31. August 2021

Opportunitätskosten

 

Die erste Lehre der Ökonomie, und die erste Lehre der Politik: Der amerikanische Ökonom Thomas Sowell analysiert in seinen Büchern zwei grundverschiedene Arten des Denkens und demontiert dabei etliche Mythen.
 
Da man nicht gleichzeitig auf zwei Hochzeiten tanzen kann, kommt es darauf an, eine gut überlegte Wahl zu treffen. Sonst riskiert man, einen Abend mit miserabler Musik, saurem Wein und einem schlecht gelaunten Brautpaar zu vergeuden. Die ökonomische Wissenschaft behandelt dieses Problem unter dem Titel Opportunitätskosten.
Ursprünglich stammt der Begriff vom österreichischen Nationalökonomen Friedrich von Wieser (1851-1926). Er wurde von seinem amerikanischen Kollegen David Green übernommen und machte unter dem Namen „opportunity costs“ weltweit Karriere. Bei jeder Entscheidung für eine von mehreren Alternativen drohen Opportunitätskosten, denen man nur entgeht, wenn man für sich die – subjektiv betrachtet – einzig richtige Wahl trifft. Gewinn und Verlust kann es natürlich nur in der irdischen Welt der Knappheit geben. In einer utopischen Welt der unbeschränkten Verfügbarkeit aller Waren, Dienstleistungen und immateriellen Güter hätten sie keinen Sinn.
Der 91 Jahre alte amerikanische Ökonom Thomas Sowell (Hoover Institution, Stanford) gehört zu den raren Vertretern seines Faches, die gut schreiben und geistreich unterhalten können. Früher einmal, sagte er, seien die Professoren stolz darauf gewesen, die Studenten nicht zu lehren, was, sondern wie sie zu denken hätten. Das habe sich geändert. Jetzt hielten sie es für ihre Pflicht, ihnen die richtige Haltung zu allen möglichen Problemen beizubringen, „von der Immigration über die globale Erwärmung bis hin zu der neuen Heiligen Dreifaltigkeit von ‚Rasse, Klasse und Geschlecht‘“.
Weil es Mode geworden ist, Menschen und Ideen nach dieser „Heiligen Dreifaltigkeit“ zu beurteilen, sei hier erwähnt, dass Sowell kein alter weißer Mann, sondern ein alter schwarzer Mann ist. In mehreren Büchern über die Rassenfrage hat er nachgewiesen, dass sich die Lage der Schwarzen in den USA nicht wegen, sondern trotz der Minderheitenprogramme der Regierungen verbessert hat. Ihr sozialer Aufstieg sei jenen zu verdanken, die sich aus der Abhängigkeit vom Staat befreiten und ihr Schicksal in die eigene Hand nahmen. Sowell bestreitet, dass es in den USA „systemischen“ Rassismus gebe. Diese Unterstellung, sagte er in einem TV-Interview, erinnere ihn an die Propagandataktik der Nazis, Lügen so laut und so lange zu wiederholen, bis sie geglaubt würden. Das eigentliche Ziel der linken Aktivisten sei nicht die Beseitigung der Rassen- und Klassenunterschiede, sondern die Etablierung ihrer eigenen Vorherrschaft. Am meisten störe es sie, wenn andere Leute das Recht in Anspruch nehmen, für sich selbst zu entscheiden. 
 
In einem seiner bekanntesten Bonmots beschreibt Sowell den grundlegenden Unterschied zwischen Ökonomie und Politik: „Die erste Lektion der Ökonomie ist Knappheit: Es gibt von keinem Gut genug, um alle zufriedenzustellen, die es haben wollen. Die erste Lektion der Politik besteht darin, die erste Lektion der Ökonomie außer Acht zu lassen.“ Seit Mario Draghis Ankündigung von 2012, die EZB werde alles tun, um den Euro zu retten („whatever it takes“) bekommt man dieses „koste es, was es wolle“ immer wieder zu hören, ob es um Corona geht, um die Rettung des Planeten vor einer imaginierten Klimakatastrophe oder um irgendein anderes Thema. Politiker, schreibt Sowell, schaffen es, fast jedes Problem zu lösen, indem sie ein noch größeres Problem erzeugen.* „Politische Lösungen“ sind allerdings nur so lange auch politische Erfolge, bis die Wähler begreifen, welcher Preis ihnen dafür abverlangt wird.
Leider erhoffen sie sich angemessene Lösungen ausgerechnet von denen, die nicht für ihre Fehlentscheidungen haften müssen. Die eigentliche Frage ist nicht die, was das Beste ist, sondern wer darüber befindet. Es wäre schon viel gewonnen, wenn sich die Politiker nicht in Dinge einmischten, von denen sie nichts verstehen.    Karl-Peter Schwarz

*Für keinen Politiker trifft diese Beschreibung mehr zu als für Angela Merkel

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