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Mittwoch, 31. Oktober 2018

Allee der politisch Korrekten

Nun hat man also zu Münster den Hindenburg-Platz abgeschafft, weil Paul von Hindenburg, wie es in ermüdendem Metaphern-Einerlei heißt, ein „Steigbügelhalter Hitlers“ gewesen sei. An dergleichen Meldungen ist Homo bundesrepublikanensis inzwischen gewöhnt. So verschwand der Name der ostpreußischen Heimatdichterin Agnes Miegel – Marcel Reich-Ranicki nahm drei ihrer Balladen in seinen Gedicht-Kanon auf – in mehreren Städten von den Straßenschildern, weil sie im Dritten Reich auch Hymnen auf Hitler geschrieben hatte.

Wer jetzt innehalten mag, um durchzurechnen, wie viel es kosten würde, um all die Autoren von Straßenschildern zu tilgen, die Lobpreisungen Stalins geschrieben haben, von Feuchtwanger bis Brecht, von Ernst Bloch bis Heinrich Mann: bitte schön! Von den zahlreichen ostdeutschen Wilhelm-Pieck- oder Ernst-Thälmann-Straßen zu schweigen. Vor diesem Hintergrund wirkt es etwas degoutant, dass ausgerechnet die Links-Fraktion im Ruhrstädtchen Velbert durchgesetzt hat, dass dort dieser Tage drei Straßen umgetauft werden, die nach Schriftstellern benannt waren, die „dem Nationalsozialismus unkritisch gegenüberstanden“. In Köln musste die Sporthochschule ihre Adresse ändern, weil ihr Gründer Carl Diem auch im Dritten Reich Sportfunktionär war. In Berlin trägt das einstige Gröbenufer jetzt den Namen der afrodeutschen Aktivistin May Ayim, die, wie uns Wikipedia belehrt, „als eine der Pionierinnen der kritischen Weißseinsforschung gilt“ (eine „kritische Schwarzseinsforschung“ gibt es übrigens nicht). Otto Friedrich von der Groeben hatte 1683 im Auftrag des Großen Kurfürsten die brandenburgische Kolonie Groß Friedrichsburg im heutigen Ghana gegründet. Den gegen ihn erhobenen Vorwurf, er sei in den transatlantischen Sklavenhandel verstrickt gewesen, nannte ein Kolonialhistoriker „gröblichen Rufmord“.


Was nun Hindenburg angeht, so hat er sich im Januar 1933 als Reichspräsident gut demokratisch verhalten, indem er den Chef der stärksten Partei zum Kanzler ernannte und mit der Regierungsbildung beauftragte, und man sieht auch im Nachhinein nicht recht, welche Alternative ihm zu Gebote stand. Hätte der greise Aristokrat nach seinem Herzen gehandelt, das Parlament aufgelöst und den Kaiser wieder eingesetzt, wäre Deutschland viel erspart geblieben, aber man würde ihn heute erst recht als Antidemokraten schmähen. Angesichts des so mainstreamigen wie risikolosen Eifers seiner nachträglichen Verurteiler stellt sich indes die bange Frage, auf welche Seite sie selber sich wohl anno 1933 geschlagen hätten . . .

Im Übrigen wurde Hindenburg 1927 Namenspatron des Platzes, weil er im August 1914 bei Tannenberg den russischen Vormarsch in Ostpreußen gestoppt hatte, und seit dem Siebenjährigen Krieg wusste speziell die Zivilbevölkerung, was ein russischer Vormarsch bedeuten kann.

Vermutlich werden noch viele symbolischpolitische Gerichtstage folgen, bis ein Teil der Vergangenheit dieses Landes komplett gelöscht ist. Oder man akzeptiert einfach das historische Gewachsensein von Kommunen mitsamt ihrer Straßennamen. Für die Benennung mit linksgrünen Helden stehen doch hinreichend viele Windparks, Gesamtschulen und Krötentunnel zur Verfügung.   MK am 1. 10. 2012

Auch Neruda hat von Stalin geschwärmt!
n Ostpreußen gestoppt hatte, und seit dem Siebenjährigen Krieg wusste speziell die Zivilbevölkerung, was ein russischer Vormarsch bedeuten kann.

Vermutlich werden noch viele symbolischpolitische Gerichtstage folgen, bis ein Teil der Vergangenheit dieses Landes komplett gelöscht ist. Oder man akzeptiert einfach das historische Gewachsensein von Kommunen mitsamt ihrer Straßennamen. Für die Benennung mit linksgrünen Helden stehen doch hinreichend viele Windparks, Gesamtschulen und Krötentunnel zur Verfügung.