Stationen

Dienstag, 23. Oktober 2018

Vor 100 Jahren verlor die Macht den Adel

Was vom Adel bleibt, dafür findet Jens Jessen ganz am Ende des Buchs ein in schöner Ambivalenz schillerndes Wort: eine Leerstelle. Das Buch resümiert genau 100 Jahre nach dem Machtverzicht des deutschen Adels, was die ehemals gesellschaftsprägende Klasse der Gegenwart noch zu bieten hat. Zum einen: es bleibt eine Leerstelle, niemand konnte in die Rolle derjenigen schlüpfen, die durch Herkunft oben standen, kaum einer – von ein paar bürgerlichen Mäzenen abgesehen – die fürstlichen Verschwender und Kunstförderer ersetzen.
Zum anderen, und das gehört zur Vielzahl der intelligenten Betrachtungen Jessens, hat sich der Adel auch nach seiner Abdankung als ziemlich fest umrissenes Milieu trotzdem fast besser gehalten als das Bürgertum.
Der ZEIT-Autor nennt sein Buch „eine bürgerliche Betrachtung“: er kennt sein Objekt, erzählt oft sehr unterhaltsam von seinen Begegnungen mit Adligen, hält aber Distanz. Dadurch stattet er sein Buch mit einer Doppelperspektive aus: Es ist auch ein Essay über den, wie gesagt, mittlerweile ebenfalls verblichenen klassischen Bürger. Der schaute nämlich lange Zeit auf die Adligen herab und gleichzeitig zu ihnen hinauf. Hinab auf den „Stolz ohne Leistung“ (Jessen), hinauf, wenn er sich den Umgang mit schwerem Silberbesteck und den Aufbau von Kunstsammlungen abschaute, und vor allem, wenn er zur Behelfsnobilitierung in Adelsfamilien einheiratete (und sie meist mit seinem Geld wieder flottmachte).
Warum hält sich nun der Adel wie ein Trockenblumenstrauß? Weil er wie keine andere Klasse die Kunst der Formwahrung auch im Abstieg beherrscht. Machtverlust, Landverlust, das zählte für einzelne Adelsgeschlechter seit jeher zum Betriebsrisiko. Wahrscheinlich deshalb sind ihre Vertreter oft Meister darin, sich einigermaßen klaglos mit den Verhältnissen zu arrangieren und trotzdem nach Kräften zu konservieren, was zum Erbe gehört. Verschleiß und Verfall gelten ihnen weder in ihren Schlössern noch beim Mobiliar als peinlich. „Gebrauchsspuren, selbst gänzliche Zerschlissenheit“ stellen keinen Makel dar, wie Jessen schreibt: „Das Hinfällig und Kaputte bezeugt Alter und Würde der Familie und ist insofern kein Zeichen der Verwahrlosung, sondern von liebevoller Verbundenheit mit der Tradition.“
An einer Stelle erzählt er, wie er einmal in einem Palácio aus dem 17. Jahrhundert in Mexiko-Stadt ahnungslos über ein Loch im Fußboden lief, durch das er in das darunterliegende Geschoss hätte fallen können, wenn ihm nicht mehrere kaschierende Teppichlagen darüber hinweggeholfen hätten: „Der Fuß kam gewissermaßen vorübergehend ins Schwimmen.“
So ungefähr gelangte der Adel auch über den Epochenbruch von 1918.   Wendt