Stationen

Dienstag, 29. November 2016

Die Monstranz vor Teufels Küche

Letzte Woche wurde einer meiner Lieblingsgastronomen im medialen Dorf gefeiert, weil seit neuestem ein Aufkleber an der Eingangstür zu seinem Berliner Speiselokal prangt, das der „AfD“ den Eintritt verwehren soll.

Es geht um einen runden Aufkleber mit rotem Rand und rot durchstrichenem AfD-Schriftzug. So etwas wird in Zeiten, in denen es nur noch darum geht, irgendwelche „Zeichen zu setzen“, von den Medien natürlich dankbar aufgegriffen.
Auf Facebook hatte das Nobelhart&Schmutzig, dessen Miteigentümer der wunderbar sympathische und feinfühlige Billy Wagner ist, mitgeteilt, nun seine Pforten für „das Pack“ nicht mehr öffnen zu wollen. Etliche Printmedien berichteten darüber und die einen klopften sich auf die Schenkel über so viel „Mut“ und „Zivilcourage“, während andere sich über das merkwürdige Demokratieverständnis der Betreiber mokierten.

Wie genau der Hinweis, die AfD sei nun in einem der angesagtesten Sternerestaurants Berlins unerwünscht, umgesetzt werde, blieb natürlich im Unklaren. Soll es in Zukunft Gewissensprüfungen für jeden Gast geben, die in früherer Manier der Gewissensprüfung bei Wehrdienstverweigerern von zwei Parteienvertretern - natürlich der „guten“ Parteien - und einem Abgesandten eines Sozialverbands durchgeführt werden?
Oder wird jedem Gast bei Eintritt ein Fragebogen ausgehändigt und das Essen erst serviert, wenn dieser zur allgemeinen Befriedigung korrekt ausgefüllt wurde? Man weiß es nicht.
Was man aber weiß: der Aufkleber ist eine Provokation und Provozieren gehört zum Geschäft. Das ist so wie Titten bei Autowerbung. Funktioniert zwar, aber jeder halbwegs intelligente Mensch wendet sich bei so viel intellektueller und ästhetischer Unterforderung ab. Das Wecken niederer Instinkte gilt in einer aufgeklärten Gesellschaft als verpönt. Der Aufkleber des Nobelhart&Schmutzig ist so ein Code der niederen Instinkte, eine Art Geheimzeichen, um die ganz offensichtlich Guten von den noch offensichtlicher Bösen zu trennen. Man fühlt sich einfach wohler, wenn man unter sich bleibt. Unfreiwillig komisch wird es nur, wenn das Restaurant für die Ankündigung, jetzt endlich diesen Anti-AfD-Aufkleber auf der Eingangstür prangen zu haben, die Worte „Vielfalt, Diversität und Aufgeschlossenheit…" als Überschrift wählt.
Vielfalt, Diversität und Aufgeschlossenheit sind also die Gründe, wegen derer man Einfalt, Gleichheit und Abschottung betreibt. Das nach dem ehemaligen Richter am Bundesverfassungsgericht benannte Böckenförde-Dilemma, nach dem Demokratie ihre eigenen Voraussetzungen nur mit undemokratischchen Mitteln, vor denen sie sich tunlichst hüten möge, sicherstellen könne, wurde nie schöner und anschaulicher aufgezeigt. Böckenförde schrieb dazu: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben.“

Der entscheidende Begriff in der Beschreibung Böckenfördes ist der des Wagnisses: Freiheit ist ein Wagnis. Im Umkehrschluss bedeutet es aber auch, dass für die Zaghaften und die Spießer, die nach Sicherheit und Bequemlichkeit gieren, Freiheit immer wie eine Bedrohung wirken muss. Und während die einen nach Kopftuch-Verboten rufen, um das Wagnis, das die freiheitliche Gesellschaft ist, auf ein für sie erträgliches Maß zu reduzieren, pappen die anderen irgendwelche AfD-Verbots-Aufkleber auf ihre Türen, um sich ebenfalls den Zumutungen der Freiheit nicht stellen zu müssen. Was am meisten ärgert: dass gerade die Aufgeklärten und Fortschrittlichen, die nicht müde werden, ständig die Schwarmmoralbegriffe von Vielfalt und Offenheit im Mund zu tragen, diejenigen sind, die als erste Vielfalt und Offenheit über den Jordan jagen. Offenheit ist scheinbar immer nur die Offenheit den Gleichdenkenden gegenüber.

Vor wenigen Wochen erst wurde der Fall eines Stuttgarter Zahnarztes bekannt, der die Bewerbung einer Muslima ablehnte mit dem Hinweis, er würde niemals eine Kopftuchträgerin einstellen. Wüsteste Beschimpfungen waren die Folge, die Presse berichtete, natürlich entschuldigte sich der Zahnarzt umgehend. Man kann trotzdem davon ausgehen, dass der Zahnarzt noch Post eines deutschen Gerichts erhält, das bei ihm das Antidiskriminierungsgesetz in Anschlag bringen wird.
Wer aber von Fremdenfeindlichkeit reden will, sollte auch von Benachteiligungen wegen politischer Anschauungen nicht schweigen. Nicht nur ist es ein Verfassungsgrundsatz der Bundesrepublik („niemand darf wegen (…) seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“), spätestens seit dem Antidiskriminierungsgesetz hat dieser Grundsatz auch Eingang in den Privatrechtsverkehr gefunden.

Dass nun gerade diejenigen, die sich voller Stolz im Lichte dieses Antidismkriminierungsgesetzes sonnen, die ersten sind, die es bei den Rechten und Dunkeldeutschen über Bord zu werfen bereit sind, überrascht nicht.

Seit sich die politische Debatte in Deutschland extrem polarisiert hat, sind es gerade die „Offenen“, die nicht müde werden, ihr Scherflein dazu beizutragen, immer mehr zu polarisieren. Natürlich mit dem Krokodilstränen-Hinweis, man sei über die Polarisierung der politischen Debatte so erschüttert.
Demokratie ist eine Struktur, eine Metaebene, sie ist, auch wenn man das bedauern mag, kein festgefügter Inhalt. Wer sich als Demokrat versteht, hat das Wagnis einzugehen, auch die Meinungen des politischen Gegners zu respektieren. In einer funktionierenden Demokratie - und Demokratie funktioniert nur, wenn sie das Wagnis eingeht, sich selbst zu vertrauen -, ist es dem Rechtsstaat und Verfassungsschutz überlassen, die Feinde der Demokratie zu benennen und auszuschalten.

Alles andere grenzt an Selbstjustiz von Gutmeinenden, die in Wahrheit das Fundament der Demokratie unterhöhlen. Ihre Verwunderung, dass die Feinde der Demokratie immer mehr werden, ist dann die Blindheit für den Balken im eigenen Auge.
Was am Ende bleibt: die Trauer darüber, dass selbst bei gutem Essen und Trinken auf einmal die politischen Anschauungen wie eine Monstranz vor sich hergetragen werden müssen. Diese Religiösierung des Politischen ist das sicherste Zeichen für einen Fundamentalismus, der jede Gesellschaft zu spalten bereit ist. Die Religiösierung des Politischen stößt die Pforten zur Hölle auf. Statt dem Vornehmen der Sinnlichkeit und ihrer ganz eigenen Moral zu vertrauen, erweist sich auch der Genuss irgendeiner hergelaufenen Ideologie des Guten untergeordnet.
Vor allem weil ich Billy Wagner als sehr feinen Menschen und herausragenden Sommelier kennengelernt habe, der mir einige der schönsten Weinerlebnisse meines Lebens bereitet hat, bin ich erschüttert.
Mit der AfD hat das nichts zu tun.    Markus Vahlefeld

Politikversagen

Würtz-Wein

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