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Sonntag, 5. Januar 2020

Klischees entstehen nicht grundlos

Noch ist das Jahr jung. Für die meisten Redaktionen gäbe es die Chance, 2020 zumindest die albernsten Textbausteine auszusortieren – und zwar in eigenem Interesse. Andererseits, wenn ein Ratschlag aus der falschen Ecke kommt, wird das eher nicht passieren. Beides hätte seine Reize. Entweder verschwindet tatsächlich die eine oder andere Sprachschabracke, was der Auflage der Qualitätsorgane nur nützen würde. Oder der „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (J. Habermas) kommt weiter voran. Wie auch immer: Die Liste der 25 dümmsten Mediendeutsch-Wendungen von A bis Z führt zwingend zu einer Win-Win-Situation.

Achtung, Spoiler
Schreibt, glaube ich, mittlerweile nicht mal mehr Sascha Lobo, sondern nur noch die Kompetenzebene darunter.

„Alle/wir alle/wir“
Beispielsatz: „Alle müssen Verzicht über/ihr Verhalten ändern/schmerzhafte Kompromisse machen.“ Wer so schreibt und sendet, entlarvt sich schon von ganz allein als ausgepichter Heuchler.
Wichtig ist festzuhalten: nicht alle Journalisten sind so.

„Er ist/war ein Menschenfänger“
Leitet sich bekanntlich von dem berühmten Fängerring ab, den der Papst trägt. Wer nicht bibelfest ist, sollte seine Metaphern woanders suchen. Gilt auch für Hiobsbotschaften und Fingerindiewundelegen. Darauf ruht kein Segen.
Auf den meisten weltlichen Metaphern der Presse allerdings auch nicht.

„Er/sie fand klare Worte“
„X. fand klare Worte“, aber auch schon mal: „Klare Worte fand X“ – das ist der Fanfarenstoß, mit dem ein Medienmitarbeiter darauf hinweisen will, dass jetzt etwas Bedeutsames von jemand anderem kommt. Bei vielen Politikeräußerungen ist das nötig; ohne das Tätärätä bliebe die sog. Kernaussage – vor allem die – von Laien unbemerkt.
Wer diese Wendung gebraucht, macht sich als Ausrufer, Mitglied im Troß beziehungsweise Nomenklator nützlich, also als subalterner Begleiter der Macht.

„Experte“
Eine Rangstufe unter ‚Journalist’.

„Hass und Hetze“
Medienschaffende, die eine Publikumsansprache als Nazisau oder den Vorschlag, Chemnitz mit Napalm zu bombardieren, für ein wohlerwogenes Urteil, eine Satire oder irgendetwas anderes Gutgemeintes halten, sollten die H & H-Wendung schon im eigenen Interesse nicht mehr benutzen.
Andererseits wüssten viele Journalisten gar nicht, was sie stattdessen schreiben sollten. In manchen Redaktionen gibt es auf der Tastatur schon eine eigene H & H-Taste.

„Habecks Wuschelkopf“
Auch Habecks Gesichtsbehaarung, Habecks Kleidung inkl. Socken: Augen und Finger weg. Es wird zwar nicht passieren, aber: Wem die Auflage des eigenen Mediums ein kleines bisschen am Herzen liegt, der sollte Habeckporträts grundsätzlich von alten heterosexuellen
AuftragskillernMännern erledigen lassen. Noch besser: die nächsten zwölf bis zwanzig Runden aussetzen. „Was macht eigentlich Robert Habeck?“ darf 2034 wieder von Jana Hensel gefühlt, gesungen und auf einen Sack Reis geschrieben werden.

„Hallo?“
Aufmerksamkeitsfördernde Interjektion, die vor allem darauf aufmerksam machen soll, dass hier jemand Junggebliebenes schreibt oder sendet. Sehr gern gemischt mit Proseminarprosa. Anwendungsbeispiel: „Da sitzen sieben weiße Cis-Personen in der Talkshow. Ich meine: hallo? Wir haben 2020.“
Oft handelt es sich bei der Hallo-Ruferin (mehrheitlich sind es Frauen) um eine Redakteurin, die ihre Uli-Stein-Kaffeetasse bei Redaktionssitzungen grundsätzlich mit beiden Händen umfasst.
Hallo? Klischees entstehen nicht grundlos.

„Jetzt wird es eng“
„Neunundneunzig Prozent aller Journalisten würden ihr Kind am liebsten Impeachment nennen“ (Wolfram Ackner). Für das Verhältnis zwischen Donald Trump (Orban, Kurz, Johnson) und den allermeisten Journalisten gilt: Tausendmal enggeführt/tausendmal ist nichts passiert. Mal sehen, welche Medien bzw. Medienschaffende Ende 2024 noch da sind, um zu melden, dass Trumps Tage jetzt wirklich gezählt sind.

„Kann Kanzler/Partei“ etc.
„Sie können singen. Sie können frech“ (Der WDR über seinen Kinderchor). Bzw: „Kann Habeck Kanzler?“ Journalisten können. Können Müntefering. Können Grönemeyer. Können sich demnächst in ganz andere Sachverhalte einarbeiten, wenn die Auflagenentwicklung so weiter geht.

„Kurzsichtig“
Kurzsichtig ist die Draußenwelt, übel und dumm. Kurzsichtig ist der Ami seit 1776, kurzsichtig ist seit mehr als sechzig Jahren jeder israelische Premierminister. Kurzsichtig sind die Manager der Energie- und der Autoindustrie, die anders als deutsche Leitartikelschreiber und demonstrierende Freitagskinder nicht wissen, wie die Zukunft aussieht. Ein wohlmeinender deutscher Journalist weiß schon, wie der Frieden im Nahen Osten herzustellen wäre, wie die Stromversorgung in zwanzig Jahren klappt und wie das Auto der Zukunft aussieht, das gehört praktisch zur Grundausbildung, Näheres wird in den Teeküchen der Redaktionen täglich neu ausgehandelt.
Weniger kloßbrühenklar ist, warum die weitsichtigen Journalisten nicht einfach selbst blühende Unternehmen gründen oder wenigsten Medien mit einer wachsenden Zahl von Lesern.
Gerade auch mit Blick auf die nächste Sparrunde ihrer Verlagsleitung.

„Die Stimme ihrer Generation“
Kinder und junge Jugendliche – bis auf ganz rare Ausnahmen, um die es hier nicht geht – geben wieder, was ihnen Erwachsene vorher gesagt haben. Das ist ersteren nicht vorzuwerfen. Etwas anderes ist es, wenn Erwachsene mit politischen Anliegen den Kindern, von denen wir die Erde bekanntlich nur geborgt haben, ihrerseits die eigenen Parolen verleasen, um dann zu behaupten, sie kämen direkt aus dem Prophetenmund. In „Die Linke und der Kitsch“ schrieb Gerhard Henschel schon vor Jahr und Tag das Passende dazu:
„Diese Kitschform verdanken sich dem haltlosen Gedanken, dass Kinder die besseren Menschen seien und von Natur aus, bevor sie von der Gesellschaft verdorben und vergiftet würden, aus dem Stegreif Politikern Ratschläge erteilen und mit Singsang, Malerei und Faxenmachen die heile Welt rekonstruieren könnten.
Die Breitenwirkung dieser Wahnvorstellung beweist der Erfolg des Grönemeyer-Songs ‚Kinder an die Macht’. Den Politikverdrossenen und Billigprotestliebhabern wäre die Verwirklichung dieser Trotzköpfchen-Vision durchaus zu gönnen.
Je nachdem, was ihnen die von verschwommenen linken Idealen beseelten Kitschiers eingeflüstert haben, quaken die Kurzen; klassenbewusst im Kinderladen der frühen 70er Jahre, kleistrig friedvoll zwanzig Jahre später.“
Über die Jungen lässt sich egal zu welcher Epoche immer sagen, dass sich aus ihnen schlecht eine amorphe Generation basteln lässt. Und wenn irgendjemand auch noch behauptet, eine Figur sei die Stimme ihrer Generation, gar die authentische, dann ist das samt und sonders gelogen.

„Hinterherhinken“
Sachsen hinkt bei der Schaffung von Gesamtschulen so hinterher wie Bayern bei der Windkraft und China bei der Dekarbonisierung. Wer genau weiß, wer wohin voranschreiten muss, für den gehört der Tadel für die „Nachtrabpolitik“ (Jos. Stalin a.a.O.) zum Leitartikelhandwerk.
Gab es eigentlich je das Gegenteil? Ja, aber singulär:
Talleyrand hinkte seiner Zeit weit voraus.

„Linksalternative“
Sprachfossil aus Zeiten, als es tatsächlich noch Rechte beziehungsweise Konservative gab, die in hohen Ämtern, in Kirchengremien und in den Redaktionen großer Zeitungen saßen. Leute, die sich über bunte Haare ärgerten wie der Nachbarshund über Passanten, die am Zaun rütteln, Leute, die sich bekreuzigten wie Bischof Dyba, wenn das Wort ‚schwul’ im nichtpejorativen Sinn fiel, und für die es schon eine spätbundesdeutsche Dekadenz darstellte, als Guido Westerwelle weiland im Pullover zum Bundestag redete. Für die Jüngeren: Das war, als sich die Unionsabgeordnete Wilma Glücklich vor ungefähr einem halben Jahrhundert die Haare auf Punk kämmte. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer für die Berliner CDU.
Zu welcher Macht will heute jemand alternativ sein, wenn er links ist? Es geht vielmehr, gerade in den sog. linksalternativen Vierteln, um Machtausübung. Deshalb hält sich die leergefressene Begriffshülle auch so eisern.

„Realitätscheck“
Sollte der Medienschaffende genauso wie den Faktencheck besser vorher im Stillen erledigen, aber nicht eigens betonen.

„Rechtsruck“
Als die AfD 2013 gegründet wurde, war sie die neue NSDAP und Bernd Lucke der Rudolf Höß im Karstadtpulli. Seitdem folgte Rechtsruck auf Rechtsruck, nicht nur in der AfD, sondern in der Gesellschaft allgemein.
Welche großen Teile der Gesellschaft mittlerweile nach Rechts geruckt sind, sieht man schon daran, dass der rechte Rand heute bei Boris Palmer und Sahra Wagenknecht anfängt.

„So geht“ (Bürgernähe/Wahlkampf/Energiewende etc.)
So geht der Journo/der Journo der geht so. Und zwar demnächst in den Mediamarkt. Als dienstjüngster Angestellter. Dann jedenfalls, wenn endlich genügend Leser finden, dass sie für Werbeprospektjargon nicht auch noch Geld zahlen sollten.

„So tickt“ (der Ossi, der Trump-Wähler, der Dieselfahrer)
Liebe Wohlschreiber, Achtung, aber niemals so: „so tickt der Schwarze/der Muslim/die alte weiße Frau.“ Anderenfalls geht’s noch schneller in den Mediamarkt.

„Unerträglich“
Unerträglich waren früher beispielsweise erfrorene Füße bei 40 Grad minus, das Sterben und insbesondere der Tod. An dem Wort ‚unerträglich’ ist eine gewisse Bedeutungsverschiebung zu beobachten. Unerträglich ist heute schon die Äußerung eines politischen Konkurrenten, mitunter auch nur das, was im eigenen Kopf vorgeht („die Vorstellung ist unerträglich“).
Anders als die früheren Unerträglichkeiten richtet das bei den Unerträglichkeitsfindern keine feststellbaren Schäden an (s. auch Lebensmittelunverträglichkeiten). Claudia Roth musste schon sehr sehr vieles in ihrem Leben unerträglich finden, fidel wie eine Möpsin im Paletot ist sie trotzdem.
Ansonsten gilt der Satz von Friedrich Nietzsche: „Wenn man von einem unerträglichen Druck loskommen will, so hat man Haschisch nötig.“
Die Presse dagegen weniger.

„Vielfalt“
Idealzustand der Gesellschaft, der von Redaktionen, deren Mitglieder meist Anna-Sophie und Markus heißen, und die im Vielfaltsstadtbezirk der tausend Möhrensorten leben, unverdrossen angemahnt wird.

„Was macht das mit uns/dem Land?“
Wer Hautnähe statt Distanz im Journalismus für eine gute Idee hält, der legt seinem Lesern auch die feuchte Hand ungefragt aufs Bein und drängt ihm ein Therapiegespräch auf, oft eingeleitet mit dem Höllensatz: „Wir müssen reden.“ Macht mal 99 Cent und mal 17,50 im Monat, je nach Anbieter. Die richtige Antwort auf diese redaktionelle Belästigung lautet übrigens: „Was heißt ‚wir’?“

„Wir brauchen/müssen“
Nein. Übrigens müssen Sie nicht zwingend das Abo oder die Gebührenüberweisung für Medien kündigen, die Ihnen sagen, was Sie – meist zur Abwendung der Apokalypse à jour – zu tun beziehungsweise zu unterlassen haben. Aber Sie können.

„X. mahnt/mahnen“
Ganz dick im Mahngeschäft: der Bundespräsident. Frank-Walter Steinmeier gießt Öl auf die Mahnmühlen und spielt damit den Richtigen in die Hände, die damit ein Süppchen kochen, das sie wiederum an ihre Leser weiterverkaufen.
An der Mitteilung, der Bundespräsident, der EKD-Präses oder irgendjemand anderes m/w/d habe wieder einmal gemahnt, lassen sich gleich zwei ökonomische Prinzipien erklären: abnehmender Grenznutzen und Inflation. Weil das Zielpublikum den Tagesmahnungen irgendwann so lauscht wie bahnhofsnahe Anwohner den Güterzügen, muss der Mahntakt gesteigert werden. Wirkung s. oben.

„X ist das neue Y“
Sitzen ist das neue Rauchen/Musthave ist das neue Brauchen/Gehen ist das neue Fliegen/Stehen ist das neue Liegen/Fühlen ist das neue Denken/Steuerzahl’n das neue Schenken/Und entspanntes Nichtmehrlesen/ziemt sich für ein kluges Wesen.

„Zeiten, in denen“
Gerade in Zeiten, in denen/Populisten wie/immer unverhohlener/selbsternannte/Hass & Hetze/müssen wir/soziale Medien/gesellschaftlichen Zusammenhalt/Klima/stärken/mehr Europa – liebe Leser, aus diesen Bausteinen lässt sich schon fast ein ganzer Leitartikel zusammensetzen. Sie müssen nur noch die Zwischenräume ausfüllen. Keine Scheu, es ist ganz einfach.
Sie brauchen ein bisschen Übung und Füllstoff, dann schreiben Sie die Zeitung selbst und müssen nie mehr eine kaufen.   Wendt

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