Stationen

Montag, 13. Januar 2020

Nur wer kapiert, kann auch kopieren

„Die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln“ ist kein Sprichwort, das vor Veralterung geschützt ist. Seine moderne Fortschreibung in dem Sinne, dass schwer Beschulbare die klügsten Beiträge zur Künstlichen Intelligenz liefern, würde nicht einmal Heiterkeit hervorrufen.
Auch in der Landwirtschaft selbst kann sich niemand mehr auf bloßes Glück verlassen. In der dörflichen Schulzeit des 1943 geborenen Autors wurden die Bauernsöhne noch beneidet, weil ihnen die Väter das Schulschwänzen nachsahen oder gar ermöglichten, solange sie auf dem Feld mit anpackten. Heute errechnen Computer „per Algorithmus Regenwahrscheinlichkeiten und Bodensensoren ideale Erntetermine. Drohnen überwachen Felder. Smartphones informieren die Bauern über die ‚Vitaldaten‘ ihrer Tiere im Stall. [...] Mehr als jeder zweite Landwirt (53 Prozent) nutzt digitale Lösungen.“
Auch unterhalb der Algorithmen Künstlicher Intelligenz können – etwa im Kamera- oder Telefonbau – nur solche Nationen noch mithalten, deren Menschen über exquisite kognitive Fähigkeiten verfügen. Als Deutschland bei diesen Industrien im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts seine Weltführerschaft verliert, ist man nicht gescheit genug, die Gründe dieses Verlusts zu verstehen. Japaner – so hieß es stattdessen lange – seien nicht innovativ genug, um eigenständig solche Produkte zu entwickeln. Aus einer Verbindung von Industriespionage und geringen Löhnen sei es dann ein Leichtes gewesen, die Weltmärkte zu erobern.

Doch Südasien oder Lateinamerika, Afrika oder Nahost werben mit noch geringeren Löhnen. Warum haben diese Territorien vor einem halben Jahrhundert nicht ebenso nach den deutschen Spezialitäten gegriffen? Warum tun sie es auch heute nicht, obwohl ihre Lohnvorteile noch gewachsen sind? Warum nehmen Spanien oder Griechenland ihre Chance nicht wahr, obwohl ihre Löhne weit unter den japanischen liegen? Die 350 Milliarden Euro etwa, die seit 2010 als Geschenk und Vorzugskredite in die Griechenlandrettung fließen, sollen ausdrücklich die Rückkehr der Hellenen auf die Weltmärkte sicherstellen. Ungeachtet der knapp 100.000 Euro Fremdhilfe pro Arbeitskraft fallen die – ohnehin niedrigen – Hightech-Exporte allein zwischen 2016 und 2017 noch einmal um 15 Prozent.

Nur wer kapiert, kann auch kopieren und das Stibitzte dabei gleich so verbessern, dass der Bestohlene so deutlich übertroffen wird, dass er die Aufholjagd nicht mehr bewältigt. Wirklich schlecht steht es um all die Wettbewerber, die bei der Industriespionage nicht mithalten können, weil ihnen die geistigen Fähigkeiten zum Stehlen hochkarätigen geistigen Eigentums nicht zu Gebote stehen.
Im März 1970 bringt Time Magazine eine Titelgeschichte mit der Schlagzeile „Toward the Japanese Century“. Osaka veranstaltet die erste Weltausstellung im Land der aufgehenden Sonne. Man registriert, wie der Inselstaat ein Vierteljahrhundert nach den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki seinen Angriff auf die Weltmärkte vorantreibt, aber man versteht ihn nicht.

Unter den 3,7 Milliarden Erdbewohnern von 1970 gibt es nur 104 Millionen Japaner. Gleichwohl sagt Thomas Zengage noch 1989 in „The Japanese Century“ voraus, dass die ökonomische Führung des 21. Jahrhunderts in Nippons Hand liegen werde. Noch im selben Jahre 1989, am 29. Dezember, erreicht der Nikkei 225 mit fast 39.000 Punkten seinen welthistorisch höchsten Stand. 1991 ist er auf 23.000 abgestürzt. Die Japan-Besessenheit erlischt.
Die Wissenschaftler sind blamiert. Die zentralistische Industriepolitik durch das MITI-Ministerium, mit der westliche Wissenschaftler das „Wunder“ gerne erklärt hatten, verliert ihren Einfluss. Japans Anteil am Weltsozialprodukt fällt von 17,9 (1994 mit 2,3 Prozent der Weltbevölkerung) auf 6,6 Prozent (2016 mit 1,7 Prozent der Weltbevölkerung). „Verlorene Jahrzehnte“ werden zum negativ besetzten Dauerschlagwort für das Inselreich und alle, die seinem Schicksal nachfolgen könnten.
Groß ist damals die Schadenfreude über den Crash der Tokioter Börse. Die Asiaten erweisen sich als fehlbar, glaubte man. Entsprechend erhofft man sich auch heute insgeheim viel von anstehenden Finanzkrisen in China zugunsten der eigenen Konkurrenzfähigkeit. Die werden kommen und sich auch wiederholen, weil Krisen zur Eigentumsökonomie gehören wie Zins und Geld.

Doch bei genauerem Hinschauen liegt Japans Effektivität in der industriellen Produktion – auf die weltweit rund zwei Drittel des Forschungsaufwands entfällt. 2016 immer noch auf dem zweiten Platz hinter Deutschland, das allerdings beim Einfluss seiner Innovationen auf die globale Industrieproduktion um 50 Prozent übertroffen wird. Das verweist darauf, dass die japanische Forschung und Entwicklung disruptiver und damit zukunftsorientierter ist.

Da Krisen alle treffen, ist es aufschlussreicher, sich auf die Potenzen zu konzentrieren, mit denen es nach einer Krise wieder aufwärts gehen kann. Erfindungsgeist, der zuvor da ist, sollte – solange ein demografischer Kollaps ausbleibt – auch anschließend noch zur Verfügung stehen. Dasselbe gilt für Zähigkeit und Fleiß. Wo diese Komponenten zuvor stärker sind als bei der Konkurrenz, werden sie es auch danach sein. Hiroshima und Nagasaki waren schneller wiederaufgebaut als viele flächenbombardierte Städte in Deutschland.
So kann nicht überraschen, dass die besten Kameras auch 2019 immer noch von japanischen Unternehmen entworfen werden, obwohl man sie überwiegend in China bauen lässt. Kein Konkurrent – mit der Ausnahme anderer Ostasiaten – hat sich diesbezüglich Japans langjährige Finanzkrise zunutze machen können.

Auch nach ökonomischen Krisen bleibt die Cognitive Ability intakt. Im Gegenzug machen hingegen Zölle auf asiatische Waren die westlichen Hersteller nicht klüger. Dasselbe gilt für das Verbot des Aufkaufens westlicher Firmen durch ostasiatische. Das empfehlen schon damals gegenüber Japan nicht nur Politiker, sondern auch begabte Gelehrte. Gegen China wiederholt sich das etwa mit Jonathan Holslags Werk The Silkroad Trap. How China’s Trade Ambitions Challenge Europe. Der aktuelle Versuch, Chinas Patente-Weltsieger Huawei von amerikanischen und europäischen Lieferanten abzuschneiden, mag beim Publikum gut ankommen. Westliche Firmen wie Google aber fürchten, heute einen guten Kunden zu verlieren, der morgen die bisher bei ihnen gekauften Produkte in höherer Qualität und zu besseren Preisen der gesamten Menschheit anbieten wird. Sie verstehen, dass harte Bandagen zum Einhalten der Spielregeln das große Überholmanöver Chinas bestenfalls verlangsamen, nicht aber beenden kann.
Aufkaufabsichten mögen Eigentümer und Belegschaften beunruhigen. Wirkliche Probleme aber haben Firmen, die fürs Aufkaufen oder Ausspionieren nicht mehr interessant genug sind. Ihnen fehlt offensichtlich das Talent zum „Gegendiebstahl“ oder zum Ausweichen in voranweisende Technologien in anderen Gebieten. Wären sie dazu imstande, würden sie ja das durch Ostasiaten Gestohlene und für den Konkurrenzsieg umgehend Verbesserte ihrerseits stehlen, weiter verbessern und sich damit für eine neue Runde im ökonomischen Rennen attraktiver machen. Wo man das nicht kann, wird die Übernahme durch kognitiv Überlegene keineswegs zu einer Drohung, sondern zur letzten Hoffnung, weil sie Talentpools fürs Überleben eröffnet, die bei nationalistischer Blockade nicht zur Verfügung stünden.
Ein hohes Durchschnittsalter der Übernehmenden ist in sich genauso wenig ein Problem, wie Jugendlichkeit als solche einen Vorteil darstellt. Auch das lässt sich an Japan belegen. Seine Beständigkeit auf dem dritten Rang der Wirtschaftsmächte (nach USA und China) wirkt noch bemerkenswerter, wenn man sich bewusst macht, dass seit 1970 die Weltbevölkerung und damit die potenzielle Konkurrenz um fast vier Milliarden Menschen zugelegt hat. Damals europäische Spitzenindustrien mit nur einem von fünfunddreißig Weltbürgern zu übernehmen, bleibt sensationell genug. Sie heute mit nur einem von siebzig souverän verteidigen zu können, sollte deshalb noch neugieriger auf die Gründe solcher Erfolge machen. Die sich darin ausdrückende Kompetenz aber wird kaum thematisiert.

Dabei stehen die Erfolge bei Kameras oder Tonträgern nicht isoliert. Die drei besten Hybrid-Automodelle der Welt kommen 2019 aus Japan. Konkurrenz hat man vor allem von Korea zu fürchten, nicht jedoch aus Deutschland oder irgendeinem anderen westlichen Land. Sechs japanische Anbieter stehen 2016 für gut drei Viertel der global installierten Industrieroboter. Das erklärt Japans Vorsprung beim internationalen industriellen Einfluss gegenüber Deutschland, das mit KUKA (Augsburg) 2016 seine einzige Roboterfirma von Rang an einen chinesischen Käufer abtritt. Nicht zuletzt, um so an kompetentes Personal für weiteres Wachstum zu gelangen.
Bei den besonders streng gesiebten Patentanmeldungen nach dem Patent Cooperation Treaty (PCT) kommen 2018 fast 50.000 Erfindungen aus Japan, aber nur knapp 20.000 aus Deutschland. Bei zwei Dritteln der japanischen Bevölkerung (82 zu 126 Millionen) hätten die Deutschen für einen Gleichstand aber 33.000 Anmeldungen benötigt. Was die Patentmenge signalisiert, bestätigen auch die Unternehmen. Zu den fünfzig patentstärksten Einzelfirmen des Jahres 2018 gehören sechzehn japanische, aber nur fünf deutsche, die fürs Gleichziehen mit Japan jedoch zwei Drittel davon beziehungsweise zehn bis elf benötigen würden.
Dabei ächzt Japan unter einem höheren Durchschnittsalter als selbst die Bundesrepublik. Beim Altenquotient (Verhältnis der Personenmenge im Ruhestandsalter zur Personenmenge im Erwerbsalter) liegt Japan 2016 mit 45 Prozent sogar dramatisch vor Deutschland mit 33 Prozent. Warum können die Deutschen mit dem so schnell vergreisenden Inselvolk dennoch nicht mithalten? Warum endet das Volk der Dichter und Denker 2017 unter den bestgebildeten Erwachsenen der Welt nur auf Platz sieben, während Japan die Nummer eins darstellt?
Dabei ist es doch Deutschland, das erstmals in der Geschichte die damalige industrielle Führungsnation, Großbritannien also, in einem hundertjährigen Rennen aus Nachahmungen und innovativen Kühnheiten vom Sockel stößt. In den strategisch zentralen chemischen und metallurgischen Industrien wird von der preußischen Eigentums-Installierung (Stein-Hardenberg 1807–1811) bis 1907 ein Vorsprung von 25 bis 50 Prozent herausgearbeitet. Daten über die kognitive Kompetenz der Deutschen aus jener Zeit liegen nicht vor. Aber für das Jahr 1909 stammen 45 Prozent der in den Chemical Abstracts (1907 in den USA gegründet) referierten Studien aus deutschsprachigen Zeitschriften.
Die Deutschen überholen den britischen Rivalen trotz geringerer politischer Freiheit. Doch die Gesetze des Eigentums, das nur durch Innovationen, nicht aber durch Gewalteinsatz gegen Bankrott und Vollstreckung verteidigt werden kann, verinnerlichen sie umgehend. Womöglich liegen sie damals bei der Kompetenz auf der aktuellen Höhe der Schweizer und Liechtensteiner, die als einzige Europäer die Ostasiaten bei den Schulleistungen zwar nicht übertreffen, bei PISA 2015 in Mathematik aber direkt hinter ihnen und vor dem Rest der übrigen Welt rangieren.
Es sind unterschiedliche Einwanderungspolitiken, die seit den 1960er Jahren die Schere zwischen den Deutschsprachigen in Berlin und Wien hier sowie Bern und Vaduz dort immer weiter öffnen. Entsprechend bleiben auch die Muslime der Schweiz (fünf Prozent der Bevölkerung) so unauffällig wie die übrigen Eidgenossen. Unter allen Religionsgruppen findet man sie sogar am seltensten beim Gottesdienst, dem 46 Prozent gänzlich fernbleiben und nur 12 Prozent einmal pro Woche nachkommen. 

Japans Weg nach ganz oben scheitert in den 1990er Jahren nicht an mangelndem Erfindungsgeist. Der imponiert ungebrochen. 2017 startet Hitachi das globale Projekt Society 5.0: „Das Durchdringen jeder ökonomischen Branche und jeder öffentlichen Institution und Infrastruktur mit den Innovationen der vierten industriellen Revolution (zum Beispiel Internet of Things, Big Data, Künstliche Intelligenz [KI], Roboter) erzeugt die Gesellschaft der Zukunft, in der permanent nicht nur neue Dienstleistungen, sondern auch neue Werte entstehen. [...] Das ist Society 5.0, eine super-smarte Gesellschaft. Japan wird dabei vor der übrigen Welt die Führung übernehmen.“
Das klingt vollmundig. Doch wer diese Zielsetzung als bloße Propaganda abtut, mag etwa nach Kopenhagen schauen. Dort entsteht – über die Daten-Verzahnung von Stadtverwaltung, Verkehrsanlagen und Zulieferindustrie – ein roboterisiertes Metro-System. Es gehört in die höchste Kategorie der Grade-of-Automation 4/GoA4. Es kommt verständlicherweise nicht aus Dänemark selbst, das mit weniger als sechs Millionen Einwohnern dafür keine ausreichende industrielle Basis aufweist. Es kommt aber auch nicht aus dem direkt benachbarten Deutschland mit einschlägigen Firmen à la Siemens oder Bombardier, sondern – einschließlich der fahrerlosen Triebwagen – von Hitachi, das mit der Universität von Tokio das Laboratory Society 5.0 betreibt.
Gleichwohl kommen Kopenhagen beziehungsweise Europa mit einer derart integrierten Technologie zu spät. Bei einem der größten Minenkonzerne der Erde läuft in Australien ein ausgedehntes Schienensystem mit 170 Lokomotiven schon seit Juli 2018 fahrerlos unter Rio Tinto AutoHaul Train Control. Doch auch dieses System stammt keineswegs aus einem australischen Laboratorium. Es ist wiederum Hitachi, das Rio Tinto zum Weltführer bei automatisierten Industriebahnen macht. Dabei haben sich die Japaner fürs engere Europageschäft Italiens bestes Fachunternehmen, Ansaldo Energia aus Genua, hinzugekauft. Für die Firma ist das ein Glücksfall, weil ihre Zukunft allein aus italienischem Nachwuchs nicht mehr gesichert werden kann. Mit nur noch 42 mathematisch Begabten unter 1.000 Kindern (322 in Japan), ist man hinter die Türkei (47) zurückgefallen (TIMSS 2015).

Es stimmt schon, dass Japan beim Bau großer Passagierflugzeuge den Europäern und Nordamerikanern nicht gewachsen ist, obwohl die Mitsubishi MR J70 das Blatt wenden könnte. Immerhin aber behauptet man bei zweistrahligen Businessjets mit der „Honda HA 420“ momentan die Weltspitze.
Selbst bei einer so trivialen, aber milliardenfach eingesetzten Technologie wie dem Reißverschluss kommen die einzig relevanten Innovationen von Japans YKK und nicht aus dem Ursprungsland USA, obwohl seine Herstellung ganz überwiegend in der chinesischen Sechsmillionen-Stadt Qiaotou erfolgt, die auch als Knopf-Metropole die Körper der Welt erobern konnte.
Auch Gründerpersönlichkeiten fehlen im vergreisenden Japan keineswegs. Sollte man die global imponierendsten Perspektiv-Unternehmer benennen, käme man an Masayoshi Son (*1957) wohl kaum vorbei. Der Japaner koreanischer Abstammung hat mit seinen Gewinnen aus der chinesischen Firma „Alibaba“ das Unternehmen „SoftBank“ aufgebaut, die unter anderem mit ARM aus dem englischen Cambridge die wichtigste Firma für Chipdesign seit 2016 im Portefeuille hat. Mit Tadashi Yanai steht hinter Fast Retailing mit Uniqlo, der größten Bekleidungsfirma Asiens und der aktuellen Nummer drei weltweit, ebenfalls ein Japaner.

Es ist vor allem Japans geringer Anteil von nur noch 1,6 Prozent an der Weltbevölkerung (2019), der es daran hindert, dem 21. Jahrhundert seinen Stempel noch stärker aufzudrücken als mit Robotern und automatischen Untergrundbahnen.

Dieser demografische Befund bleibt in den Prognosen der 1980er Jahre unterbelichtet. Auch deshalb wird momentan nicht zureichend erfasst, was ein demografisch elfmal stärkeres Japan ein China also einmal erreichen könnte. Auch für dieses Land werden ja ununterbrochen Parallelen zum vermeintlichen japanischen Scheitern gezogen.
Die Gründe für den Erfindergeist, der das alternde Japan in der technologischen Weltspitze hält, werden von den Analytikern bis heute übergangen. Man hat im 20. Jahrhundert die Demografie des Landes überschätzt, seine kognitiven Stärken dafür unterschätzt. Und doch gibt es einen kleinen, aber folgenreichen Befund mitten aus der Zeit einstiger Japan-Besessenheit. Am 20. Mai 1982 erscheint in Nature, der angesehensten naturwissenschaftlichen Zeitschrift, ein Aufsatz von Richard Lynn mit dem Titel: „IQ in Japan and the United States shows a growing disparity“.
Ein Dreivierteljahrhundert nach Tsushima erfährt die Welt, dass Japaner einen Durchschnitts-IQ von rund 105 aufweisen, Briten (und ihre Übersee-Verwandten) sich aber weiterhin mit ihrem Greenwich-IQ von 100 begnügen müssen. Eine aufregende Erkenntnis und kühne Forschertat wird da mitgeteilt. Heiner Rindermann bestätigt 2018 diesen Befund mit einer japanischen Cognitive Ability (ein breiteres und neutraleres Maß als der IQ) von CA104. Die 2018er Ergebnisse der inneramerikanischen Tests für den Zugang zur Universität (SAT) haben im Fach Mathematik „Asians“ mit 635 Punkten vor „Whites“ mit 557 und „Hispanics“ (die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe) mit 489 Punkten.
Pierre Bourdieu, Star-Soziologe aus Frankreich, hatte noch 1978 die gesamte Intelligenzforschung als rassistisch verdammt, weil die „herrschende Klasse“ das IQ-Konzept lediglich für die Rechtfertigung ihrer Privilegien benutze (siehe seine Schrift „Racisme de l’intelligence“ von 1978).
Vier Jahre später bescheinigt Lynn, also ein Mitglied des bis ins 20. Jahrhundert global dominanten britischen Empire, den in der Tat rassistisch als Gooks oder Yellows diskriminierten Ostasiaten kognitive Überlegenheit. Und doch hört die westliche Überheblichkeit nicht auf. Denn nur aufgrund tiefsitzender Geringschätzung kann man anschließend vom Aufstieg der Koreaner und Chinesen überrascht werden.
Richard Lynn erteilt den weißen Rassisten eine kostbare, wenn auch kaum gehörte Lehre: Nationen, die im Rennen bleiben wollen, sind nicht nur moralisch im Unrecht, sondern begehen zugleich eine Torheit, wenn sie Hochqualifizierte aufgrund von Pigmentierung, Augenstellung oder Nasenform außer Landes jagen, ermorden oder an der Grenze zurückweisen. Niemals zuvor war die Nachfrage nach Talenten größer als heute, und sie wird morgen noch weit höher liegen, was die bereits für 2020 fehlenden 40 Millionen Hochqualifizierten unmissverständlich deutlich machen. Wer in diesem Umfeld Leistungssenker bevorzugt, weil an ihnen „Haarstruktur und Götterwelt“ bevorzugt werden, stiftet Schaden, weil seine Helferkapazitäten schwinden, während die Hilfsbedürftigen im eigenen Land ihren Bevölkerungsanteil erhöhen.
Zumutungen an Migranten, vor Grenzübertritt erst einmal das religiöse Bekenntnis oder gar ihr Äußeres zu modifizieren, landen mit Lynn im historischen Abseits. Wer sich durch die Examina gebüffelt hat, überwindet Grenzen. Das Paradebeispiel liefert Singapur. Mit aktuell nur 0,83 Kindern pro Frauenleben wäre der Stadtstaat ohne Einwanderung zum Aussterben verurteilt. Realiter aber steigt die Bevölkerung zwischen 1968 und 2019 von gut 2 auf knapp 6 Millionen. 44 Prozent der Einwohner sind Einwanderer oder ausländische Beschäftigte. Ihre Kompetenz von CA106 ist für Migranten die höchste weltweit. Selbst die Einheimischen Singapurs schaffen nur CA105, was für sie allerdings ebenfalls die Weltspitze markiert.
Natürlich werden Bewerber auch abgelehnt. Das geschieht aber nicht, weil sie „braun“, „schwarz“ oder „weiß“ sind, sondern weil sie nicht zum Qualifikationsprofil passen. Gegen Rassismusvorwürfe verteidigt man sich deshalb vehement. Einen ausgeprägten Kompetenzismus, der für eine zu drei Vierteln aus Chinesen bestehende Bevölkerung sorgt, kann man dennoch nicht in Abrede stellen. Gleichwohl, ein Viertel der Bevölkerung ist nicht chinesisch. Das entspricht in etwa dem Bevölkerungsanteil von knapp 24 Prozent in der Bundesrepublik, der nicht in Deutschland geboren ist.
Bekanntlich verfolgt Berlin – wie zuvor bereits Bonn und durchgehend etwa auch Paris – eine ganz andere Einwanderungspolitik. Man denkt nicht an die Zukunft der tendenziell „ewigen“ Nation, sondern an aktuell verwendbare Arbeitskräfte für ausgesuchte, aber keineswegs unsterbliche Firmen. Die Unternehmen werden nach Ausreizung ihrer Profitabilität abgewickelt, müssen aber nicht für die zurückbleibenden Arbeitskräfte und ihre menschenwürdige Versorgung aufkommen. Deren Kosten belasten die gesamte Nation. Der aber fallen die Zahlungen zunehmend schwerer. Denn sie hat beispielsweise bei den Altdeutschen ja keinen Singapur-CA von 105, sondern von 100 und bei den Migranten nicht 106, sondern lediglich 92.
Nun ist nicht leicht zu beweisen, dass die immer stärkere Öffnung der Kompetenzschere zwischen Ostasien und der europäiden Welt auch die unterschiedliche Entwicklungsdynamik bestimmt. Doch zwischen 1980 und 2019 springt Singapurs Pro-Kopf- Einkommen von seinerzeit ärmlichen 5.000 auf 63.000 US-Dollar, in Deutschland aber geht es lediglich von damals sehr passablen 11.000 auf 50.000 und beim Berliner Zukunftspartner Frankreich (CA 98/9269) sogar von seinerzeit üppigen 13.000 auf nur 43.000. Natürlich ist der Vergleich mit einer Stadt wie Singapur, die zugleich Bankenzentrum ist, mit Flächenstaaten nur begrenzt aussagefähig. Doch 1980 liegt diese Stadt noch tief auch unter den nicht-urbanen Regionen des EU-Führungsduos, während sie heute weit über ihnen rangiert.
Dass die Qualifikation der Bürger den wichtigsten Rohstoff der meisten Nationen bildet, ist eine Binsenweisheit und gern deklamierte Politparole. Aber wohl niemand hat besser verstanden als Lee Kuan Yew (1923–2015), Singapurs hoch kontroverser Langzeit-Premier (1959–1990), dass dann auch die Steigerung der nationalen Kompetenz das höchste Staatsziel sein muss. „Seine Vision, schrieb Henry Kissinger‘ „zielte auf einen Staat, der nicht einfach überleben, sondern sich durch Exzellenz durchsetzen würde. Überlegene Intelligenz, Disziplin und Einfallsreichtum würden Ressourcen ersetzen.“ Mir ist kein deutscher oder europäischer Politiker bekannt, der bereit gewesen wäre, sich mit solchen Prioritäten Ärger einzuhandeln. Steigerung des Sozialprodukts mag noch angehen, seine kognitiven Voraussetzungen aber bleiben tabu.
Da spielt die Angst vor der Beschäftigung mit Intelligenz eine Rolle. Ein kanadischer Einwanderungspolitiker hat mich in meinen 1980er Toronto-Jahren damit gefrotzelt, dass die Deutschen dauernd Grundsatzdebatten darüber anzetteln, ob Intelligenz angeboren oder erworben sei. Wer dann das Ungefällige vertrete, werde sozial vernichtet, auch wenn er ein gescheiter Mensch sei. Wer das allgemein Geglaubte von sich gebe, werde Minister, auch wenn er meschugge sei.
Ihm hingegen sei die Frage völlig gleichgültig, solange Intelligenz mitbringe, wer über Kanadas Grenze wolle. Niemand müsse dabei Dokumente mit lückenlosen Nachweisen vorlegen, dass seine Intelligenz von staatlichen Kindergärtnerinnen, keinesfalls aber von den Eltern stamme. Man nehme jeden, der oder die aus welchen Gründen auch immer gescheit sei. Man wisse schließlich aus Erfahrung, dass Könner und Kluge ihre Kompetenz im Normalfall weiterreichen, und es sei einem schnurz, wie sie das bewerkstelligen.

Das ist angelsächsischer Pragmatismus. Deutschland aber hat eine genozidale Diktatur hinter sich, in der „Intellektualismus“ und „theoretische Intelligenz“ als jüdisch verfolgt und ausgelöscht wurden. Man musste damals mit Dokumenten nachweisen, solche Qualitäten nicht im Ahnenverzeichnis zu haben. Germanen sollten zäh wie Leder oder hart wie Kruppstahl agieren und sich ansonsten auf eine „praktische Intelligenz“ beschränken. Entsprechend zäh verläuft nach wie vor die Befreiung von dieser intellektuellen Zwangsjacke – in einer bizarren, wiewohl ungewollten Treue zu jener furchtbaren Tradition – nicht nur in Deutschland, sondern in großen Teilen der europäischen Welt.
Das zusammen mit Deutschland 1945 niedergeworfene Japan denkt anders. Obwohl es demografisch schrumpft, werden 2017 nur 20 (zwanzig!) Asylanten akzeptiert. Man will nur Leute aufnehmen, die das eigene Leistungsniveau nicht absenken. Gerade die jedoch werden überall knapper. Kleinstaaten wie die Schweiz oder Singapur mögen den Immigrationsweg gehen. Aber für eine 125-Millionen-Nation wird das schwierig. Man weiß aber sehr gut, dass unqualifizierte Jugendliche aus der Dritten Welt die in Rente gehenden eigenen Könner nicht zu ersetzen vermögen.
Ich bin von japanischen Zeitungen und Wirtschaftsmagazinen befragt worden, ob Deutschland mit dem massiven Einlassen ebensolcher Neubürger eine neue „Wunderwaffe“ ausbrüte, mit der es die ökonomische Konkurrenz in die Knie zwingen wolle. Man hatte tatsächlich zunächst ein hinterhältiges Manöver vermutet und sich erst durch Nachweise über Deutschlands irreversibles Bildungsfiasko beruhigen lassen. Dass 2018 zu den 1.000 Umsatz-Topfirmen weltweit 146 japanische, aber nur 44 deutsche – etwa gleich viel wie in Südkorea, Frankreich oder Großbritannien – gehören, brauchte sie dann nicht mehr überraschen.

Weil Europäer ihre kognitive Kompetenz verringern, während dieJapaner die ihrige verteidigen, wird Japans Vorsprung automatisch größer. Das erleichtert und verstetigt die Weltführerschaft bei Robotern nebst zugehöriger Künstlicher Intelligenz. Unter den 20 Privatfirmen mit den meisten AI-Patenten kommen 2018 eine aus Korea, je zwei aus Deutschland und China, drei aus den USA, aber zwölf aus Japan. Sich ganz auf die eigenen klugen Köpfe zu verlassen, erweist sich als ungemein smarter Schachzug. Hingegen verringern die meisten westlichen Konkurrenten die für diese Zukunftsbranche unverzichtbare Kompetenz und werden deshalb wohl niemals wieder eine ernsthafte Konkurrenz.
Der eigene Kognitionsverlust wird im Westen bis heute kaum zum Thema. So beschreibt eine Untersuchung von „BNP Parisbas“ aus dem Frühjahr 2019 eine „Japanisation“ der EU ausdrücklich als Schreckgespenst. Man nimmt die vergangenen dreißig Jahre Japans (1989–2019) als Folie für die eigene Zukunft, betrachtet aber nur finanzielle und quantitativ-demografische Faktoren. Warum die EU heute schon technologisch hinter dem Inselstaat rangiert, wird nicht einmal gefragt. Kognitive Differenzen bleiben vollkommen ausgeblendet. Man ahnt nichts von der speziellen Überlegenheit derer, mit denen man sich ganz unbekümmert vergleicht.
Bei der eigenen Zukunftsorientierung operiert Tokio ähnlich wie Singapur. Der Stadtstaat wirbt Chinesen an. Japan tut das auch und beherbergt mit einer Dreiviertelmillion mehr als dreimal so viele Chinesen wie Deutschland. Zentral aber zielt man auf die Stärkung Ostasiens als geopolitischem Raum. Man hat sehr genau registriert, dass man 2017 bei PCT-Patenten den bis dahin globalen zweiten Rang (nach den USA) mit der Differenz von rund 700 Patenten an China verloren hat. 2018 weitet sich der Rückstand auf schon 3.700 Patente. Noch im Oktober 2018 unterschreibt Premierminister Shinzo Abe in Peking rund fünfzig Verträge zu wirtschaftlichen Kooperationen.
Toyota als modernste Autoschmiede der Welt ergänzt bei Batterien die Partnerschaft mit der heimischen Panasonic (Weltführer bis 2017 und Versorger von Tesla) mit der neuen Nummer eins CATL aus China. Man ist kompetent genug, um sich – bei 6,6 Prozent des Weltprodukts – mit der elfmal stärkeren, im Durchschnittsalter zehn Jahre jüngeren und bei der Kompetenz ähnlich hohen Gruppe ökonomisch zu verflechten. Unterhalb der Kulisse von Anschuldigungen, halbgaren Entschuldigungen und sonstigem Theaterdonner wird – superb dargestellt in Ezra Vogels China and Japan – immer effektiver kooperiert. Gemeinsam kann das japanisch-chinesische Duo für das 21. Jahrhundert erfolgreich in Angriff nehmen, was Japan allein im 20. Jahrhundert misslingen musste.
Bei der gegenseitigen investiven Verflechtung bilden China und Japan heute schon die größte finanzielle Partnerschaft der Menschheit. Es kann ihrem Fortkommen nur nützen, dass im Westen unverstanden bleibt, wie sehr Japans Alleinaufstieg an mangelnder Menschenzahl, nicht aber an mangelnder Kompetenz gescheitert ist. „Keine Angst vor Chinas Stärke“, posaunt im Frühjahr 2019 eine führende deutsche Tageszeitung. Es werde dem Giganten nicht besser ergehen als Japan, das doch auch zu unrecht gefürchtet worden sei. Dabei wird wiederum nicht gefragt, was denn in Japan der Faktor dafür war, für den man es überhaupt als Bedrohung empfinden konnte. Zu China unterbleibt solches Fragen ebenfalls. Dasselbe gilt für zwei kleinere Mitglieder – Korea und Taiwan – der ostasiatischen High-Tech-Allianz. Was haben sie gemeinsam mit Japan und China?    Dies ist ein Auszug aus „Wettkampf um die Klugen“ von Gunnar Heinsohn, 2019, Zürich: Orell Füssli Verlag, hier bestellbar.


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