Stationen

Donnerstag, 21. Dezember 2017

Migräne

Meine Kindheit verlebte ich für sieben Jahre im schönen oberbayerischen Isartal. Ein häufiges Wetterphänomen ist dort der Föhn, der auch im Winter bei Südwinden für plötzliche Erwärmung, einen strahlend blauen Himmel und wunderbare Fernsicht sorgen kann.

Für eine Art politischen Föhn sorgen die Verhältnisse in unserem Nachbarland Österreich. Die Alpenrepublik ist zwar kleiner, aber ganz offensichtlich wendiger als der größere deutschsprachige Bruder im Norden – und sie ist uns voraus. Die Arroganz, mit der verallgemeinernd die Preußen gelegentlich dem süddeutsch-österreichischen Süden begegnen, erweist sich immer wieder als unangebracht. Die schnelle Regierungsbildung unter dem ÖVP-Jungstar Sebastian Kurz und dem FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache mit einem ambitionierten Programm belegt dies.
Wien hat sich Domestizierungsversuchen aus Berlin standhaft widersetzt. Während sich die bayerische Staatspartei CSU der Umklammerung durch die Schwester CDU zuletzt kaum zu entwinden vermochte, opponierte die österreichische Politik von Anbeginn an gegen die unter Kanzlerin Merkel völlig aus dem Ruder laufende Migrationspolitik. Schlitzohrig schleuste Wien Hunderttausende Asylsuchende nach Deutschland weiter, um gleichzeitig gemeinsam mit den südöstlichen Nachbarstaaten die rigorose Schließung der Balkanroute zu organisieren.

Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt ein anderes kollektives Unterbewußtes. In Österreich ist das Wissen um die historische Bedrohung durch das Osmanische Reich und die mehrfache Abwendung der Belagerung Wiens durch die Türken präsent. Man war immer näher an Risiken und Nebenwirkungen, die multiethnische, multireligiöse Staatengebilde beherbergen.
Die Regierung Kurz/Strache sendet ein für Kanzlerin Merkel doppelt gefährliches Signal nach Deutschland: Erstens zeigt Kurz der in ihrer Pseudomodernität rückständigen und langweiligen CDU, daß eine konservative Erneuerung einer christdemokratischen Partei machbar ist – zudem verkörpert durch einen sympathisch-jungen Macher gegenüber einer seit zwölf Jahren dauerregierenden Kanzlerin. Zweitens präsentiert sich ein politisches Bündnis „Schwarz-Blau“, das im von schwarz-grünen Regenbogenbündnissen träumenden Adenauerhaus Schockzustände auslösen dürfte.
Der Personalwechsel an der Spitze der bayerischen Regierung, Söder statt Seehofer, wurde durch den frischen konservativen Wind aus dem Süden begünstigt. Zurück zum Föhn. Er kann Migräne auslösen – ich habe das selbst oft leidvoll erlebt. Der politische Föhn wird nun manchem in Berlin in der Tat Kopfschmerzen bereiten. Alle anderen werden den blauen Himmel und die gewonnene Weitsicht genießen.   Dieter Stein

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