Stationen

Donnerstag, 25. August 2016

Jene Kraft, die stets das Gute will und so das Schlechte schafft

Die ab den späten Neunzehnhundertsechzigern reihenweise am Kiosk aufpoppenden Sexblätter bekamen schnell juristischen Ärger. Es hagelte Strafanzeigen wegen „Anstiftung zum unzüchtigen Verkehr“. Polizisten durchsuchten Redaktionen, Staatsanwaltschaften konfiszierten Karteien. Die Bonner Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften unter ihrem langjährigen Vorsitzenden Rudolf Stefen beäugte die Darbietungen von Geschlechtsmerkmalen penibel, zählte jedes Schamhaar und indizierte so manches Presswerk, das sie für Oberschweinkram hielt.
Nicht bloß Pornobildchen und Erotikstücke, auch Leserkontaktanzeigen waren im Visier der „BuPrü". Die Sex-Annoncen standen unter dem allerdings nur zu berechtigten Verdacht, „unzüchtigen Verkehr herbeizuführen“. Für Publikationen wie die legendären „St. Pauli Nachrichten“ (ein Weilchen auch Spielplatz von Stefan Aust, Henryk M. Broder und andere vielversprechenden Talenten), ging es somit ans Eingemachte. Denn einen Großteil ihrer Erlöse erzielte das Genre mit eben diesen Kontaktanzeigen. Mehr noch: Die Leser kauften Gazetten wie die SPN (zeitweise über eine Million Auflage) hauptsächlich wegen des opulenten Kleinannoncenteils.

Der lief unter dem Rubrum „Seit nett aufeinander“, eine Verballhornung des Mottos „Seid nett zueinander“ der trutschigen Springer-Zeitung „Hamburger Abendblatt“.
Damit die Kontaktspalten nicht gar so aufgeilend anmuteten, bürgerten sich dort bezüglich gesuchter Sexualpraktiken rasch ein paar Codes ein, die jeder in der Inseratenszene drauf hatte. Hallo, wir haben verstanden! Also, „griechisch“ stand für Analverkehr (historisch halbwegs nachvollziehbar), französisch für (oh, là là!) Mundverkehr. Englisch bezeichnete was mit Hauen. Doch was, Madre mia, war denn nun spanisch? Irgendwann klärte mich ein Kumpel auf: dabei rubbele man sich zwischen den hoffentlich üppigen Brüsten der Partnerin einen runter.
Ich hätte geschworen, dergleichen liefe unter italienisch, denn busenwundermäßig war ich sozialisiert durch Gina, Sofia und Silvana. Auf die italienische Tour mache man es aber anders, nämlich in der Achselhöhle, klärte mich mein Freund auf. Großes Staunen! Auch auf die Bedeutung von „Natursekt“ kam ich Simpel aus der Kleinstadt Stade nicht von selbst.



Die spannende Zeit des Sexanzeigenentschlüsselns ist längst passé. Doch gibt es neue Codes, die geknackt werden wollen. Was zum Beispiel ist eine „Mobile ethnische Minderheit“? Der Begriff bezeichnet Menschen, die man früher – zugegeben etwas unscharf – Zigeuner nannte. MEM wird allerdings wegen seiner homerischen Lachhaftigkeit selten in Presseberichten, dafür aber weiterhin tapfer im Beamtendeutsch verwendet.

Ein anderer Schlüsselbegriff, der aus dem Fundus der Polizeipressestellen stammt, schafft es dagegen häufig in die Blaulicht-Spalten der Tagespresse. Wenn eine „Hochzeitsfeier“ mit ungefähr 300 Gästen in Hamburg, Berlin, Mainburg oder sonst wo plötzlich „eskaliert“, wenn Messer blitzen, Knochen knacken und die Polizei mit mindestens 20 Streifenwagen anrücken muss, weil die Beamten anderenfalls vom feierfrohen Mob vermöbelt würden, dann ahnt der geübte Medienkonsument, aus welcher Ecke von Bunteuropa die Hochzeitsgäste stammen könnten.

Ebenso, wenn „wegen eines verstopften Klos“ in einem Heidenheimer Lokal eine Massenschlägerei losbricht, welche dank flugs herbeitelefonierter Unterstützertrupps eines Prügelduos stattfinden kann. Wenn „junge Raser“ sich nachts um vier in Köln „Wettrennen“ mit unschönem, zuweilen auch für Unbeteiligte letalem Ergebnis liefern, dann braucht man nicht erst den Prozess abzuwarten, um auszuschließen, dass die Gladiatoren der Sause Maik oder Torsten heißen.

Und wenn über die „siebenköpfige Personengruppe“, die nächtens in Hamburgs Innocentiapark einen Mann „anspricht“, um ihn sodann niederzuschlagen, auf den zu Boden Gegangenen einzutreten und hernach an benachbarten Plätzen noch weitere Passanten zu klatschen - selbst wenn also polizeiseitig über die Täter aus „Jugendschutzgründen“ nicht mehr verraten werden darf als ihr Alter („15, 16, 16, 17, 18, 19 und 19“), so darf der gewiefte Leser dieser Nachricht doch einigermaßen sicher sein: um beschwipste Nachwuchskräfte eines hanseatischen Ruderclubs handelt es sich wohl nicht. Genaueres leakt dann meistens rasch durchs Internet.

Was war los, als sich mal wieder „Männer“ vor einem „Kulturverein“ blutig kloppten? Haben sich da die Gäste des lokalen Literaturhauses über eine Juli Zeh-Lesung in die Haare gekriegt?

„Beziehungstaten“, die in der Presse häufig vermutet werden, wenn Frauen in Blutlachen aufgefunden werden, was hat man sich darunter konkret vorzustellen? Wenn drei junge Fußballer einen Linienrichter totschlagen, weil sie mit einer Entscheidung des Mannes nicht einverstanden waren, sind das einfach diese typisch holländischen Hitzköpfe?

Und warum eigentlich gibt es neuerdings wieder so viele „Rocker“ in Deutschland? Darunter ganze Gangs, die – etwas rockeruntypisch - weder Maschinen noch Motorradführerscheine besitzen, laut Presseberichten aber „Rockerkriege“ ausfechten? Fragen über Fragen. Antworten sind von den meisten Feder-Haltern (Ausnahme hier) nicht zu erwarten.



Eine Journalistin namens Canan Topçu legte vor einigen Jahren in der „Zeit“ dankenswerterweise offen, warum sie in dem Fall des erschlagenen holländischen Linienrichters darauf verzichtet hätte, den ethnischen - marokkanischen - Hintergrund der Täter zu benennen, anders als es der Dortmunder Journalistik-Professor Horst Pöttker gefordert hatte. Topçu: „Pöttker geht von einem ‚mündigen Publikum‘ aus, an das sich Journalisten zu richten hätten. Ich nicht. Ich habe lediglich Bürger vor Augen, die ich nach bestem Wissen und Gewissen informieren möchte.“ Ehrlicher kann man nicht ausstellen, worum es im Nanny-Journalismus geht.
Das Dumme ist nur, dass Leute wie Topçu – unter anderem 12 Jahre Redakteurin beim Presseerzeugnis „Frankfurter Rundschau“ – in einer Medienwelt leben, die verdunstet ist. Der Journalist als Nachrichtentreuhänder? Der Schreiber in seinem Stübchen entscheidet, was aufs Tapet kommt und was nicht? Himmel, wie vorgestrig ist das denn?
Sicher, viele Medienschaffende hätten es lieber gesehen, wenn die Kölner Silvesternachtparty nie ein großes Thema geworden wäre. Aber das klappte bekanntlich nicht. Die Vertuschungshoheit, das Verschweigeprivileg, die Bemäntelungsbefugnis, die Lizenz zum Retouchieren, Zensieren, Relativieren - alles dahin. Verfluchtes Internet!

Noch dümmer: Die als „Achtsamkeit“ (Topçu) sich gerierende, zivilgesellschaftlich selbstveredelte Omertà vieler Medien hat dazu geführt, dass ein Klima profunden Misstrauens entstanden ist, geht es um grassierende Formen von Kriminalität. Jeder Straßenraub, jeder Tankstellenüberfall, jedes Menschenzusammenschlagen, jede Vergewaltigung, jede sexuelle Belästigung, you name it, wird von einem größer werdenden Teil der Öffentlichkeit, welcher medialen Verlautbarungen schlicht nicht mehr traut, automatisch auf einschlägige Konten gebucht.
Das haftet im Kopf. Auch wenn sich später herausstellt, dass die Täter in diesem oder jenem Fall Deutsche ohne Mihigru waren. Das, und nichts anderes, ist die Frucht von jener Kraft, die stets das Gute will und meist das Ungute schafft.

Fairerweise muss man anmerken, dass das Problem nicht immer bei Behörden liegt, noch nicht. Das Hamburger Polizeipresseportal  zum Beispiel spiegelt recht freimütig, wer in der Hansestadt am kriminellen Tagesgeschehen beteiligt war oder unter dringendem Tatverdacht steht. Nutzt leider nix, wenn die Medien die ihnen von der Polizei kostenfrei überlassenen Meldungen um entscheidende Details verkürzen. Da kommt es schon mal zu Glanzleistungen der Manipulation, die an Strafvereitelung aufgrund toleranzbesoffener Hirnerweichung grenzen.
Der jüngste Fall: Am 19. August veröffentlichte die Polizei Hamburg einen Zeugenaufruf, wie üblich in der Hoffnung auf dessen korrekte Weiterverbreitung durch die Lokalmedien. Es ging um einen Raubüberfall auf einen Supermarkt im Stadtteil Eimsbüttel. Drei Täter, bewaffnet mit einem Messer und einer Schusswaffe, hatten die Angestellten gefesselt und 1.000 Euro geraubt. Nach Auslösung des Alarms und Befreiung der Opfer wurde eine Fahndung eingeleitet, welche ergebnislos blieb. Die Polizeipressestelle veröffentlichte detaillierte Täterbeschreibungen und vermerkte ausdrücklich, jeder der drei Räuber habe ein „südländisches bzw. nordafrikanisches Aussehen“.
Die „Hamburger Morgenpost“ druckte die Polizeimeldung nur zum Teil ab. Nicht ein Sterbenswörtchen verlor sie über das Wichtigste des Zeugenaufrufs, nämlich die Angaben über die Bekleidung und das Aussehen der Täter. Stattdessen vermeldete sie, die Polizei fahnde „jetzt mit Hochdruck nach den Tätern“; gerade so, als verteile die Polizei an der Elbe üblicherweise nur Knöllchen an Parksünder.
Zum Ausweis ihrer Kooperation mit den Ermittlern druckte die Zeitung eine Telefonnummer der Polizei ab, unter der sich mögliche Zeugen melden sollten. Zeugen, denen die Mopo zuvor alles unterschlagen hatte, was deren Gedächtnis vielleicht auf die Sprünge hätte helfen können.
Den letzten Lesern des mit Fug und Recht untergehenden Blödblattes  kann es wurscht sein. Selbst diese armseligen Idioten haben, denke ich, instinktiv ganz gut verstanden, wer sich da im Supermarkt bediente.  Wolfgang Röhl

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